Bevor das Vergessen beginnt: Nachermittlungen über das KZ-Außenlager Cochem Erweiterte Neuausgabe
Von Ernst Heimes
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Über dieses E-Book
Im Kapitel »Bruttiger Begegnungen« erzählen Ortskundige und Zeitzeugen von bisher völlig unbekannten Vorgängen im und um das KZ-Außenlager und fordern mit ihrem Wissen und ihrer Erinnerung zur Neubewertung mancher historisch belegten Vorgänge auf. Zum Beispiel der Hinrichtung von Häftlingen am 20. Juni 1944.
Mehr als 70 historische sowie zeitgenössische Abbildungen und Fotografien illustrieren die im Buch beschriebenen Ereignisse und Vorgänge des Jahres 1944 und danach. Auch wird die lange Zeit des Schweigens und Verschweigens, die bis heute immer noch nicht wirklich durchbrochen zu sein scheint, ins Licht gerückt. Denn mit Maßnahmen öffentlicher Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer tun sich viele immer noch schwer.
Die erweiterte Ausgabe enthält neue Rechercheergebnisse.
Ernst Heimes
Ernst Heimes wurde 1956 in Cochem-Cond an der Mosel geboren und ist dort aufgewachsen. Er lebt heute als freier Schriftsteller in Löf an der Mosel und betreibt seit 1983 die Buchhandlung Heimes in der Koblenzer Altstadt. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit trat er in den Jahren 1988 bis 2001 mit wechselnden Kabarettprogrammen auf. Heimes ist Autor zahlreicher Bücher. Vortrags- und Lesereisen führten ihn unter anderem ins europäische Ausland sowie nach Israel und Palästina. Für sein vielfältiges Schaffen wurde er mit verschiedenen Förderungen und Preisen ausgezeichnet. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
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Buchvorschau
Bevor das Vergessen beginnt - Ernst Heimes
Vorwort
Sehr geehrte Leser und Leserinnen,
seit vielen Jahren setzt sich Ernst Heimes für die Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz ein. Sein neuestes Werk Bevor das Vergessen beginnt – Nachermittlungen über das KZ-Außenlager Cochem knüpft an eine Reihe von Publikationen an, in denen sich der Autor der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte im Landkreis Cochem widmet. Zwischen den Orten Cochem, Bruttig und Treis existierte im Jahr 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, in dem eine unterirdische Rüstungsfabrik zur Herstellung von Zündkerzen für Flugzeugmotoren betrieben wurde. Ein besonderer Schwerpunkt von Bevor das Vergessen beginnt sind Zeitzeugenberichte, die aus persönlichen Begegnungen des Autors mit Überlebenden des KZ-Außenlagers Bruttig-Treis entstanden sind, sowie eigene Aufarbeitungen staatsanwaltlicher Ermittlungsakten. Heimes’ Arbeit steht im größeren Kontext der Forschungs- und Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz. Bereits im Jahr 2016 wurde ein runder Tisch ins Leben gerufen, der sich mit Fragen zur Gedenkarbeit für das ehemalige KZ-Außenlager beschäftigte. Der daraus entstandene Arbeitskreis, koordiniert durch die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz mit wissenschaftlicher Unterstützung der Universität Trier, entwickelte ein Konzept für die Erinnerungsarbeit. Diese Aufarbeitung von Regionalgeschichte hat eine wichtige Bedeutung in und für Rheinland-Pfalz. Mit großem Engagement hat es sich Ernst Heimes zur Aufgabe gemacht, Geschichten weiterzuerzählen und denjenigen Menschen eine Stimme zu geben, die Opfer des Schreckensregimes der Nationalsozialisten geworden sind. Ich danke Ernst Heimes für sein Engagement, denn durch seine persönlichen Begegnungen mit Opfern und seinen starken regionalen Bezug wird lokale und nationale Geschichte konkret erlebbar.
Eine lebendige Erinnerungskultur gehört zu unserer Zivilgesellschaft. Sie verfolgt das Streben nach einer humaneren Zukunft. Eine lebendige Erinnerungskultur ist auch deshalb wichtig, weil die Erinnerung an den Holocaust bald ausschließlich mediatisiert sein wird. Es wird keine Zeitzeugen mehr geben, die aus erster Hand erzählen können. Deswegen müssen die Geschichten derer, die dies erlebt haben, weitererzählt werden. Auch deshalb ist Ernst Heimes’ Werk so wichtig. Mit Erinnerung ist auch das Versprechen gemeint, sich jederzeit entschieden gegen jede Form der Ausgrenzung, Hetze und Gewalt zu stellen. Aus unserer Vergangenheit erwächst der immerwährende Imperativ für die Gegenwart und die Zukunft: Nie wieder! Nie wieder dürfen Hass, Verfolgung und Ausgrenzung das politische und gesellschaftliche Denken und Handeln bestimmen. Wir können Vergangenes nicht ungeschehen machen, aber wir können und müssen uns dafür einsetzen, dass derlei Gräuel nie wieder passieren!
Ich wünsche allen Lesern und Leserinnen wertvolle Erkenntnisse und Denkanstöße.
Malu Dreyer
Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
Prolog
Deckname Zeisig –
Ein Tunnel für die Flugzeugindustrie
Im Eisenbahntunnel zwischen den Ortschaften Bruttig und Treis bei Cochem an der Mosel begann in den ersten Märztagen des Jahres 1944 das NS-Bauvorhaben A7 mit dem Decknamen Zeisig. Der 2,8 Kilometer lange, ungenutzte Eisenbahntunnel mit einer errechneten Nutzfläche von insgesamt 21.000 Quadratmeter, war Teil der damals im Bau befindlichen, jedoch durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags stillgelegten rechtsseitigen Moselstrecke. Er sollte in kürzester Zeit zu einer bombensicheren, unterirdischen Fabrikhalle für die Verlagerung der Fertigung von Zubehör für Flugzeugmotoren ausgebaut werden.
Das Bauvorhaben fiel in die Kompetenz von SS-Brigadeführer Hans Kammler, der für den Ausbau gigantische Mengen von Baustoffen veranschlagte: 550 Tonnen Baueisen, 275 Tonnen Maschineneisen, 145 Festmeter Rundholz, 610 Kubikmeter Schnittholz, 1500 Tonnen (!) Zement und 200.000 Ziegelsteine. Das Gesamtbauvolumen betrug dreieinhalb Millionen Reichsmark. Die Durchführung der Bauplanung, sowie die Bauleitung wurden dem Architekturbüro Heese in Berlin und dort federführend dem Dipl. Ing. Remagen übertragen. Die ausführende Baufirma war die Firma Fix¹ aus Dernau. Der Reichsbahntunnel wurde der Firma Bosch in Stuttgart zur Fertigung von Zubehör für Flugzeugmotoren zur Verfügung gestellt. Bereits im April 1944 zogen die ersten Bosch-Arbeiter in den Tunnel ein und begannen mit den Vorbereitungen für die Aufnahme der Produktion von Zündkerzen.
Das Bruttiger Tunnelportal, aufgenommen in den 1930er Jahren²
Die Gesamtleitung des Projektes A7 oblag dem SS-Führungsstab, dessen Büro sich in einem Hotel der Stadt Cochem befand. Chef war der SS-Hauptsturmführer Gerrit Oldeboershuis, genannt Oldenburg, sein Stellvertreter SS-Untersturmführer Karl-Heinz Burckhardt. Insgesamt gehörten dem Führungsstab 18 Personen an: Zivilangestellte, Luftwaffeningenieure sowie technische Offiziere und Mannschaften der Waffen-SS. Ein Problem stellte zunächst die mangelhafte Zahl an Arbeitskräften dar, die dieses umfangreiche Großprojekt realisieren sollte. Doch die SS bot sich bereitwillig an, zu Genüge Arbeitskräfte zu liefern. Die Konzentrationslager boten hier eine scheinbar unerschöpfliche Quelle für Menschenmaterial.³
Menschen aus fast ganz Europa wurden als KZ-Häftlinge an die Mosel verschleppt und zur Zwangsarbeit herangezogen: Belgier, Luxemburger, Holländer, Norweger, Griechen, Italiener, Spanier und einige Reichsdeutsche, vor allem aber Franzosen, Polen und Russen. Die meisten waren politische Häftlinge oder Kriegsgefangene. Viele trugen die Bezeichnung AZA, was verharmlosend für Ausländische Zivilarbeiter stand. Einige, besonders Deutsche, waren häufig als Kriminelle oder Asoziale eingestuft. Viele Franzosen, die dem ersten Transport im März 1944 angehörten, waren sogenannte N.N. Häftlinge. Andere waren politische Häftlinge oder Kriegsgefangene. Tatsächlich wurden die meisten nur zu einem Zweck an die Mosel gebracht, zur Vernichtung durch Arbeit.
Zur Häftlingsbewachung wurde ein Kommando von Angehörigen der Luftwaffe nach Cochem beordert, deren Soldaten formal der SS eingegliedert wurden, ohne jedoch SS-Uniformen zu tragen.
Die Errichtung des KZ-Außenlagers Cochem
Am 10. März 1944 trat der SS-Obersturmführer Rudolf Beer mit 300 überwiegend französischen KZ-Häftlingen im elsässischen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof eine Zugreise an, die für viele Häftlinge die letzte werden sollte. Der belgische Gefangene Bert Aerts gehörte dem Transport an. Er überlebte das KZ Natzweiler und dessen Außenlager Cochem. Nach dem Krieg berichtete er über seine Deportation. Er erinnerte sich an die Abfahrt der Häftlinge von Natzweiler nach Cochem:
Wir wurden zu ein paar Hundert in Zellenwagen geladen. Man warf uns aufeinander, wie schmutzige Leinentücher. Als der Wagen schon übervoll war, wurden immer noch mehr hinzugeladen. Das ging so: ein Häftling wurde rückwärts gegen das nach Luft schnappende, röchelnde Menschenknäuel hineingedrückt. Ein SS-Mann setzte seinen Stiefel dem Kerl auf den Bauch und in kürzester Zeit war der auch drinnen. Die Fahrt war schrecklich. Die Leute hingen mitten im Wagen. Am Bahnhof von Rothau wurden wir in Viehwaggons geladen. Glücklicherweise lag darin ein wenig schmutziges Stroh.⁴
Der SS-Obersturmführer Rudolf Beer gab lange Zeit später, im Jahr 1968, vor der Staatsanwaltschaft Koblenz über den Transport lapidar zu Protokoll: Die Häftlinge und auch die Wachmannschaften waren diszipliniert.⁵
Über Straßburg und Koblenz erreichte der Zug in den frühen Morgenstunden den Bahnhof des Moselstädtchens Cochem. Ein damals 16-jähriger Junge aus Cochem-Cond beobachtete die Ankunft der Häftlinge: Die wurden am Cochemer Bahnhof ausgeladen und dann über die Brücke durch Cond die Mosel hinauf nach Bruttig getrieben. Das habe ich gesehen. Das hat jeder gesehen. Endlose Kolonnen waren das.⁶
Transport russischer Kriegsgefangener, September 1941⁷
Auch Bert Aerts erinnerte sich an seine Ankunft und die seiner Kameraden: Cochem, ein malerisches Moseldorf. Die Aussicht war prachtvoll. Hoch oben auf dem Berg eine Burg. Am anderen Ufer der Mosel standen deutsche Menschen und gafften, einfach aus Neugierde.«⁸
Nach eigenen Aussagen war dem SS-Obersturmführer Rudolf Beer, der als Lagerführer mit den ersten Häftlingen in Cochem eintraf, bei einer Besprechung mit dem Kommandanten des KZ Natzweiler-Struthof, SS-Hauptsturmführer Josef Kramer, zugesichert worden, dass in den Ortschaften Bruttig und Treis die Vorbereitungen zur Eröffnung der KZ-Außenlager bereits getroffen seien. Rudolf Beer aber gab später zu Protokoll: Entgegen der Zusicherung des Lagerkommandanten in Natzweiler war nichts vorbereitet gewesen. Die Zustände möchte ich als katastrophal bezeichnen.⁹
Immerhin war der Bruttiger Bürgermeister und NSDAP Ortsgruppenleiter, Alois Mentenich, über die Errichtung eines Konzentrationslagers in seiner Gemeinde informiert worden. Er begrüßte den ankommenden SS-Führer und bot Beer an, er könne in seinem Privathaus wohnen. Beer zog es jedoch vor, sich im Bruttiger Gasthof Hess einzuquartieren, in dessen Gasträumen er auch sein Büro einrichtete. Zur Unterbringung der Häftlinge ließ er das Gasthaus Schneiders, das heute Zum guten Onkel heißt, requirieren, einen Stacheldrahtzaun um den Gebäudekomplex ziehen und die Hälfte der Gefangenen in den Tanzsaal und die Kegelbahn der Gastwirtschaft sperren. Die übrigen 150 Häftlinge mussten an einem der nächsten Tage über den Bergrücken nach Treis marschieren, wo sie in gleicher Weise im Saalbau des Hotels Wildburg einquartiert wurden. Damit war das KZ-Außenlager Cochem, wie die amtliche Bezeichnung lautete, eröffnet.
Der Kommandant von Natzweiler, SS-Hauptsturmführer Josef Kramer, war gleichzeitig oberster Chef der Außenlager des KZ Natzweiler, so auch von Bruttig und Treis.
In Natzweiler hatte er zunächst von April 1941 an als Schutzhaftlagerführer fungiert, ab Februar 1942 als kommissarischer Kommandant, bevor er im Mai 1942 Lagerkommandant wurde. In seinem Lager ließ er jüdische Gefangene vergasen, um die berüchtigte Schädel- und Skelettsammlung des Anatomieprofessors August Hirt an der Reichsuniversität Straßburg zu vervollständigen.
Kramer wurde bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen von den Briten als dortiger Lagerkommandant festgenommen und vom britischen Militärgericht wegen seiner entsetzlichen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt. Im Dezember 1945 wurde er in Hameln gehängt.
Auf Josef Kramer folgte der SS-Obersturmbannführer Fritz Hartjenstein. Er fungierte von Mai 1944 bis Januar 1945 als Lagerkommandant des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof.
Josef Kramer, Kommandant des KZ Natzweiler bis Mai 1944.
Nach seiner Festnahme wird er in Fußfesseln am 17. April 1945 durch das KZ Bergen-Belsen geführt.¹⁰
Alltag im KZ-Außenlager Cochem –
Knochenarbeit und Hunger
Bereits am Tag nach ihrer Ankunft mussten die Häftlinge zum ersten Mal in den Tunnel einrücken. Sie fanden ein völlig verwahrlostes, gigantisches Erdloch vor, das sie von Mist und Schlamm räumen mussten, den Überresten einer Champignonzucht, die bis 1943 im Tunnel betrieben worden war. Nach den Aufräumarbeiten wurden sie den Baukolonnen zugeteilt, die mit dem Ausbau des Tunnels begannen.
Bert Aerts berichtete: Wir standen bis zum Bauch in einem klebrigen, stinkenden Brei, um kleine Loren zu füllen.¹¹
Eine Bruttiger Zeitzeugin erinnerte sich: Die Gefangenen kamen manchmal pudelnass aus dem Tunnel zurück. Sie hatten nichts, um sich umzuziehen und mussten sich mit den nassen Kleidern zum Schlafen hinlegen.¹²
Ein Teil der Häftlinge wurde beim Aufbau der KZ-Lagerbaracken in Bruttig und Treis eingesetzt. Die Lager entstanden auf den Bahndämmen, im Volksmund Auf der Kipp genannt, weil hier beim Bau der Dämme der Tunnelaushub aufgekippt worden war. Andere Häftlinge verrichteten Verladearbeiten auf den Güterbahnhöfen Cochem und Karden oder wurden beim Ausbau von Wegen eingesetzt, um die Zufahrten zu den Tunnelportalen sicherzustellen.
Auch für die Verpflegung der Häftlinge waren in Bruttig und Treis keinerlei Vorbereitungen getroffen worden. In provisorisch aufgestellten Gulaschkanonen wurden magere Suppen zubereitet. Eine Zeitzeugin: Vom Bahndamm aus konnte ich in den Hof schauen. Die Gefangenen mussten rund gehen und jeder hat einen Schlapp Essen in sein Schüsselchen bekommen. Davon konnten sie nicht satt werden. Wer sich ein zweites Mal vordrängte, wurde verprügelt.¹³
Die Häftlinge waren gezwungen, sich von Kräutern und Gras zu ernähren, obwohl dies unter Androhung von Strafe verboten war. Ebenso verzehrten sie Schnecken, die sie am Wegrand fanden. Sie stichelten die Schnecken aus ihren Häusern und schlürften sie roh herunter.
Eine Schnecke, und du bleibst wieder einen Tag auf den Beinen, empfahl der französische Häftling und Arzt Dr. Chazette seinem Lagerkameraden Bert Aerts.¹⁴ Aufgrund der schlechten Ernährung brach im Lager die Ruhr aus, eine Durchfallerkrankung, von der fast alle Häftlinge betroffen waren. Zur Verrichtung ihrer Notdurft stand den 150 Häftlingen in Bruttig nachts zeitweise nur ein einziger Eimer zur Verfügung, der aus Schikane nur einmal am Tag, morgens, ausgegossen werden durfte.
Geschichtsinteressierte Besucherinnen vor einer ehemaligen KZ-Baracke in Bruttig (Speisesaal), die sich hier noch weitgehend im Originalzustand befindet. Aufnahme von ca. 1996¹⁵
Vom Tode gekennzeichnet –
Rückkehr der N.N. Häftlinge nach Natzweiler
Anfang April kam aus Natzweiler der Befehl: Die Häftlinge in den Lagern Bruttig und Treis müssen in das KZ Natzweiler zurückgebracht werden! Der Lagerkommandantur in Natzweiler war erst jetzt klar geworden, dass sie versehentlich sogenannte N.N. Häftlinge in das Außenlager Cochem geschickt hatte.
N.N. stand für Nacht und Nebel. Mit N.N. wurden jene Häftlinge bezeichnet, die wegen ihrer Einlieferungsgründe in das KZ fast keinen Schutz mehr für Leib und Leben genossen. Meist handelte es sich um Widerstandskämpfer, die im Zuge der berüchtigten Nacht-und-Nebel-Aktionen der Deutschen in das KZ Natzweiler verschleppt worden waren. Viele von ihnen wurden dort ohne Hinterlassung von Spuren, oft noch in der Nacht ihrer Ankunft getötet. Jene aber, die diesem Schicksal entgehen konnten, waren furchtbaren Schikanen und Folterungen ausgesetzt. Sie durften wegen ihrer angeblichen Gefährlichkeit nicht in den Außenlagern eingesetzt werden, sondern mussten in einem eigens für sie eingerichteten Sonderkommando in Natzweiler arbeiten.¹⁶
Viele Cochemer N.N. Häftlinge hatten nach den vier Wochen in den Mosellagern den Tod gefunden. Ihre Leichname wurden auf dem Bruttiger Friedhof verscharrt oder zur Verbrennung ins Mainzer Krematorium gebracht. Einige Häftlinge überlebten die Strapazen der Zugfahrt zurück nach Natzweiler nicht. Sie fielen bei der Ankunft tot aus den Bahnwaggons oder starben wenige Tage später im KZ Natzweiler an den Folgen von Unterernährung, Krankheiten und der Willkür ihrer Bewacher.
Ein Natzweiler-Häftling, der die Ankunft der Cochemer Häftlinge miterlebte, erzählte nach seiner Befreiung: Am Ostersonntag erlebten wir die Rückkehr der Franzosen, die wenige Wochen zuvor nach Cochem abgefahren waren. Ich habe viele schreckliche Sachen gesehen, aber das war meine erste alptraumhafte Erscheinung. Die weniger Kranken stützten oder trugen richtige Skelette, nackt, bedeckt mit grünlichen Exkrementen, Skelette, die nichts menschliches mehr an sich hatten.¹⁷
Sadistische Quälereien und Hinrichtungen von Häftlingen
Einen Tag bevor die französischen N.N. Häftlinge am 8. April Cochem wieder verließen, mussten sie dem schrecklichen Ende drei ihrer Kameraden beiwohnen. Diese hatten es gewagt, einen Fluchtversuch zu unternehmen, durch einen Schacht, der unter der Mosel hindurchführte. Am Nachmittag des Karfreitags 1944 wurden im KZ-Außenlager Cochem Arthur Portier, Henri Douat und der erst 18-jährige Schüler André Chinier durch die SS ermordet.
Albert Aerts: Am Karfreitag wohnten wir einer Kreuzigung bei. Zwei Häftlinge wurden mit den Armen am Ast eines Lindenbaumes aufgehängt. Wir standen stundenlang, ihrem Todeskampf zuzuschauen. An den Armen aufgehängt zu werden ist schrecklich. Ich verstand meinen Gottesdienst jetzt besser denn je. Es drang mir wie ein glühender Pfriem quer durchs Herz. Hier wurde Christus ein weiteres Mal gekreuzigt. Sie hingen dort stundenlang in schrecklichen Schmerzen. Als sie steif geworden waren und sich kaum noch bewegen konnten, zuckte einer der beiden wild auf und aus seiner Kehle kam das halberstickte Geröchel: »Ich habe Durst«. Vor meinen Augen vollzog sich das ganze gewaltige Drama, das der Evangelist Markus kurz und markig so beschreibt: »Und dann brachte man ihn auf eine Anhöhe und dann wurde er gekreuzigt und dann rief er: ›Ich dürste‹ und dann kam jemand herbeigelaufen mit einem Schwamm und etwas Essig drauf, um ihn zu laben und dann stieß er einen Schrei aus, und dann war er tot.« So spielte sich das ab, rudimentär, ohne Umstände. Ein Soldat zog seinen Revolver und schoss beide tot. Das sind die Dinge, die stets wieder bei mir zum Vorschein kommen, wenn ich die Deutschen so romantisch vom Lindenbaum singen höre.¹⁸
Am 6. April 1944 traf in Cochem ein Transport mit 700 polnischen und russischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Maidanek bei Lublin ein. Sie ersetzten die überwiegend französischen Häftlinge. Viele von ihnen waren während des vierwöchigen Arbeitseinsatzes in Bruttig und Treis zu Tode gekommen. Die anderen litten dermaßen an Erschöpfung und Auszehrung, dass sie für die SS als Arbeitskräfte wertlos geworden waren. Da die Polen und Russen teils ohne Schuhwerk eintrafen, ließ Beer den Franzosen vor ihrem Abtransport die Schuhe abnehmen und sie an die neuen Häftlinge austeilen.
Obwohl diese bald in die Lagerbaracken Auf der Kipp umziehen konnten, wo die Lebensbedingungen nicht ganz so katastrophal waren, wie in den umfunktionierten Hotels, organisierten die Russen in Bruttig gegen Ende April einen Massenausbruch. Während Rudolf Beer bei seiner Vernehmung am 26.7.68 angab, es seien insgesamt 60 Häftlinge an der Flucht beteiligt gewesen, lassen sich anhand der Lagerakten nur 21 Flüchtige nachweisen. Von diesen konnten acht Häftlinge womöglich entkommen. Dreizehn geflohene Häftlinge wurden in den folgenden Wochen in den nahen Wäldern der Moselberge und in den Ortschaften Valwigerberg und Lütz entdeckt. Bei der Gefangennahme durch die SS spielten sich furchtbare Szenen ab. Auf dem Valwigerberg wurde ein 17-jähriger Russe mit einem Spaten vor den Augen der Bevölkerung niedergeschlagen. Den Spaten hatte ein Ortsbewohner bereitwillig aus seinem Schuppen geholt und einem SS-Mann übergeben. In Lütz antwortete ein Bürger des Dorfes einem Häftling, der um einen Schluck Wasser gebeten hatte: Wenn du Durst hast, kannst du die Mistepuddel saufen.¹⁹ (Mistepuddel = Jauche)
Eine Bruttiger Zeitzeugin: Die SS waren hinter den Gefangenen mit Hunden her, dass bloß keiner ausreißen konnte. Aber es sind trotzdem immer wieder welche ausgerissen. Die haben sie dann gesucht, und wenn sie sie gefunden hatten, wurden sie im Galopp hier vorbei gebracht. Ich habe damals gesagt, das ist genau, wie man den Herrgott zum Kreuz geführt hat. Zwei SS gingen hinter den Gefangenen mit aufgepflanztem Seitengewehr und schweren Hunden. Die Gefangenen bluteten, die waren schon tüchtig geschlagen worden. Das ganze Gesicht war voll Blut gewesen. Da kann ich mich heute noch entsetzen drüber.²⁰
Der Massenausbruch wurde zum Anlass genommen, den Lagerführer Rudolf Beer, dem auch mangelnde Härte gegenüber den Häftlingen vorgeworfen wurde, durch den bereits in anderen KZs erprobten SS-Untersturmführer Walter Scheffe zu ersetzen. Unter dessen Kommando, sowie der Beteiligung der Koblenzer Gestapobeamten Kriminalsekretär Friedrich Schulze, Kriminalkommissar Jakob Wörsdörfer sowie ihres Chefs Dr. Kurt Christmann, wurden die 13 gefassten Häftlinge exekutiert. Am Morgen des 20. Juni 1944 wurden gegen 9:00 Uhr sechs der Häftlinge am Deckenbalken einer Halle des Treiser Lagers, eine Stunde später die sieben übrigen im KZ Bruttig an einem Balken, dessen Enden auf zwei Barackendächern aufgelegt waren, durch die Hand ihrer Kameraden erhängt. Die Bruttiger Bevölkerung war durch ihren Ortsgruppenleiter dazu aufgerufen worden, sich am Lagerzaun einzufinden, um der Tötung der Häftlinge beizuwohnen. Die Zeitzeugin: Es sind aber nur wenige dort hingegangen.
Der Lagerführer, SS-Obersturmführer Walter Scheffe, der laut Urteil des Rastatt-Tribunals Erhängungen in seinem Lager als Lagerkommandant zugelassen hatte, wurde im Jahre 1947 zum Tode verurteilt. Unmittelbar vor dem Exekutionstermin wurde er begnadigt.
Die hier abgebildete, im Zuge des Nazi-Projektes A7 erbaute Baracke stand außerhalb des Gefangenenlagers in Treis. Sie gehörte zum Gesamtkomplex, der sich dem Lagerbereich anschloss und von der SS genutzt wurde. Die Aufnahme stammt aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Kurze Zeit später musste sie, wie alle damals noch existierenden Gebäude des ehemaligen Lagerkomplexes Treis, einem Baumarkt weichen.²¹
Historische Aufnahme der Bruttiger Lagerbaracken (Blickrichtung Fankel). Die abgebildeten Gebäude gehörten nicht zum direkten Bereich des Häftlingslagers, sondern standen davor. Das Foto wurde aus dem Bereich des Häftlingslagers heraus aufgenommen. Die abgebildeten Baracken waren von gleicher Bauweise, wie auch die meisten Häftlingsbaracken. Sie dienten als Funktionsgebäude und waren zur Unterkunft von Zivilarbeitern der Firma Bosch vorgesehen. Das Foto könnte auf die Zeit des Barackenaufbaus oder nach der Evakuierung des Lagers datiert werden. Der hohe Pfosten im Vordergrund dürfte Teil des Lagerzauns, wahrscheinlich sogar des Lagertors gewesen sein.²²
Folter und brutaler Mord – Alltagsrealität in Cochem
Neben Häftlingstötungen waren Folterungen und Quälereien an der Tagesordnung. Nicht genug, dass die Häftlinge durch Faust- und Stockschläge zur Arbeit angetrieben wurden und auch unter dem Kommando von Walter Scheffe an Hunger litten; schon für leichte Vergehen wie Gras essen wurden die Häftlinge auf den Prügelbock geschnallt und erhielten Stockschläge. Dabei mussten sie die Anzahl der Schläge, die sie zu erwarten hatten, selbst zählen. Verzählten sie sich, wurde wieder bei eins begonnen. Die sadistischen SS-Männer und ihre Helfer in Bruttig und Treis quälten und töteten sogar zum Spaß, zu ihrer persönlichen Unterhaltung. Eine Belustigung bestand darin, Weinflaschen auf dem Boden zu zertrümmern und Häftlinge barfuss durch den Scherbenhaufen laufen zu lassen. An Sonntagnachmittagen, wenn nicht gearbeitet wurde, konnten Dorfbewohner, deren Haus nahe am Lagerzaun in Treis stand, beobachten, dass die Häftlinge stundenlang nackt im Kreis über den Appellplatz laufen mussten. Eine Treiser Zeitzeugin, damals 16 Jahre alt: Im Hotel Wildburg feierte die SS regelrechte Orgien. Verschiedene Frauen aus Treis gingen abends dahin. Das Hotel war deshalb berühmt und berüchtigt. Bei diesen Orgien wurden Häftlinge zum Spaß erhängt. Es wurde sich über das Verhalten der Sterbenden lustig gemacht.²³
In der ehemaligen Folter-Baracke des Bruttiger Lagers stempelte nach Kriegsende die Post.²⁴ Viele Jahre diente das Gebäude als Postfiliale. Häftlinge sollen laut eines Zeitzeugen in diese Baracke mit einem Strick hinein geschickt worden sein, um sich selbst zu erhängen.
Nur wenige haben Mitleid
Einige Dorfbewohner von Bruttig und Treis hatten Mitleid mit den geschundenen Kreaturen, die sie täglich vor ihrer Haustür vorbeiziehen sahen. Sie legten Obst oder Gemüse an den Straßenrand oder auf die Fensterbänke ihrer Häuser. Daran zu gelangen war für die Häftlinge jedoch lebensgefährlich. Die Wachleute hatten Befehl, auf jeden sofort zu schießen, der aus der Reihe trat. Unter den Häftlingen kam es zu Prügeleien um einen Apfel, den jemand an den Lagerzaun gelegt hatte. Ein Wachsoldat wurde selbst zum Häftling, weil er einem Russen eine Zigarette geschenkt hatte.
Ein anderer Wachsoldat, der Luftwaffen-Gefreite Rudolf Zseby, notierte am 10. September in sein Tagebuch: Trotzdem es verboten ist, ist es mir eine Freude, den Häftlingen bei Gelegenheit Obst zukommen zu lassen.²⁵
Die luxemburgischen Zivilarbeiter Johann Peter Wilwert und Wilhelm Braun, beide Arbeiter der Dernauer Baufirma Fix, wagten es, einigen in Luxemburg beheimateten italienischen Häftlingen Lebensmittel und Kleidungsstücke zu organisieren und ihnen diese auf der Baustelle im Tunnel zu übergeben. Sie wurden dabei entdeckt und der SS gemeldet, die für die sofortige Bestrafung der beiden Männer sorgte. Der Lagerleiter, SS-Obersturmführer Walter Scheffe, übergab Wilwert und Braun persönlich dem Gendarmerieposten Treis und der Gestapo.²⁶
In der Chronik der Pfarrei Tetingen in Luxemburg, dem Heimatort Wilwerts, ist nachzulesen: Johann Peter Wilwert, 41 Jahre, hatte einem hungrigen Russen ein Stück Brot gegeben, kam dafür ins Konzentrationslager, wo er nach vielen Entbehrungen starb.²⁷ Wilhelm Braun starb Mitte der fünfziger Jahre an den Folgen seiner Deportation.
Kommandowechsel und Evakuierung des Lagers
Im Juli 1944 wurde der Lagerführer Walter Scheffe, weil wichtigere Aufgaben²⁸ auf ihn warteten, durch den SS-Untersturmführer Heinrich Wicker abgelöst. Unter seinem Kommando hatten nicht nur die Häftlinge, sondern auch das Wachpersonal zu leiden. Seiner disziplinarischen Maßnahmen und sinnlosen Strenge wegen, war er bei seinen Untergebenen gefürchtet. Der erst 23-jährige Wicker führte das Lager bis zur Evakuierung Mitte September 1944.
Der Luftwaffen-Gefreite Rudolf Zseby, Mitglied der Lagerwache in Bruttig schrieb in seinem Tagebuch über die Evakuierung des KZ-Außenlagers Cochem: 14. September 1944. Bedingt durch die Kriegslage und die Anwesenheit der ca. 600 Häftlinge in Bruttig, scheint
