Über dieses E-Book
KELLERS FEDORA
In dieser neuen Novelle ist Keller, unser aller Lieblingsauftragskiller, in dem Amtrak-Nachtzug City of New Orleans nach Chicago unterwegs, um zu tun, was er am besten kann.
Die Sache hat nur einen Haken. Normalerweise zeigt ihm immer jemand, wer die Zielperson ist, oder er bekommt ein Foto von ihr oder, zuallermindest, einen Namen und eine Adresse.
Diesmal allerdings nicht. Als er in Baker´s Bluff, Illionois, ankommt, muss er erst Privatdetektiv spielen, bevor er sich an die Arbeit machen kann.
Aber alles halb so wild. Keller weiß, wie das geht. Bevor er in den Zug steigt, sogar bevor er seinen Koffer packt, kauft er sich einen Fedora.
Als treuer Ehemann, liebevoller Vater und begeisterter Briefmarkensammler ist Keller für eine wachsende Zahl von Lesern ein geheimes Laster geworden. Sie finden eigentlich nicht, dass sie diesen Kerl mögen sollten - aber sie können einfach nicht anders …
Lawrence Block
Lawrence Block is one of the most widely recognized names in the mystery genre. He has been named a Grand Master of the Mystery Writers of America and is a four-time winner of the prestigious Edgar and Shamus Awards, as well as a recipient of prizes in France, Germany, and Japan. He received the Diamond Dagger from the British Crime Writers' Association—only the third American to be given this award. He is a prolific author, having written more than fifty books and numerous short stories, and is a devoted New Yorker and an enthusiastic global traveler.
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Kellers Fedora - Lawrence Block
KELLERS FEDORA
In dieser neuen Novelle ist Keller, unser aller Lieblingsauftragskiller, im Amtrak-Nachtzug City of New Orleans nach Chicago unterwegs, um zu tun, was er am besten kann.
Die Sache hat nur einen Haken. Normalerweise zeigt ihm immer jemand, wer die Zielperson ist, oder er bekommt ein Foto von ihr oder, zuallermindest, einen Namen und eine Adresse.
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Aber alles halb so wild. Keller weiß, wie das geht. Bevor er in den Zug steigt, sogar bevor er seinen Koffer packt, kauft er sich einen Fedora.
Als treuer Ehemann, liebevoller Vater und begeisterter Briefmarkensammler ist Keller für eine wachsende Zahl von Lesern ein geheimes Laster geworden. Sie finden eigentlich nicht, dass sie diesen Kerl mögen sollten – aber sie können einfach nicht anders …
Inhalt
Kellers Fedora
Buchauszug: Die Autobiographie von Matthew Scudder
Über den Autor
Über den Übersetzer
Auf Deutsch verfügbare Bücher von Lawrence Block
KELLER #6
Kellers Fedora
LAWRENCE BLOCK
Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb
Originaltitel:
KELLER’S FEDORA
Copyright © 2016 by Lawrence Block
Copyright © 2024 der deutschen Übersetzung bei Lawrence Block
Alle Rechte vorbehalten.
Übersetzung: Sepp Leeb
Design: JW Manus
Lawrence Block LogoA LAWRENCE BLOCK PRODUCTION
Kellers Fedora
Als ihn der Verkäufer nach seiner Hutnummer fragte, musste Keller erst überlegen. Als er vor einigen Jahren mit einer Homer-Simpson-Baseballkappe nach New Orleans gekommen war, hatte er sie bald gegen eine Saints-Kappe getauscht. Bei genauerer Betrachtung kam es ihm eigenartig vor, dass ein Football-Team sein Logo auf Baseballkappen sticken ließ, aber war das etwas, worüber er sich den Kopf zerbrechen musste?
Seine Hutnummer? Abgesehen von diesen zwei Baseballkappen, von denen er übrigens keine selbst ausgesucht oder gekauft hatte, konnte er sich nicht erinnern jemals eine Kopfbedeckung besessen zu haben. Wenn er sich nicht täuschte, gab es Baseballkappen außerdem gar nicht in unterschiedlichen Größen. Waren sie nicht alle gleich groß und hatten nur ein kurzes Band mit mehreren Löchern, damit man sie enger oder weiter stellen konnte?
»Keine Ahnung«, sagte er.
Der Verkäufer, ein rundlicher Kerl mit einem an Unsichtbarkeit grenzend schmalen Schnurrbart, legte den Kopf auf die Seite und kniff die Augen zusammen. »Neunundfünfzig, schätze ich mal«, sagte er. »Sollen wir mal sehen, wie nah ich damit liege?«
Er nahm einen schokoladenbraunen Fedora von einem Bord und reichte ihn Keller, der ihn aufsetzte. Der Verkäufer fasste an die Krempe des Huts, neigte ihn in diese Richtung, dann in die andere und trat mit einem strahlenden Lächeln zurück.
»Was sage ich denn? Neunundfünfzig«, verkündete er stolz. »Zur Not ginge auch achtundfünfzig oder sechzig, aber wozu, wenn Sie auch einen haben können, der perfekt passt? Überzeugen Sie sich selbst.«
Keller betrachtete sich im Spiegel, und da war er, Keller, wie er leibte und lebte, außer dass er einen Hut trug.
»Ein typischer Fedora«, sagte der Verkäufer. »Ein echter Klassiker mit einem noblen Stammbaum. Der Name kommt vom Titel eines Theaterstücks, das Victorien Sardou 1882 für Sarah Bernhardt geschrieben hat. Die göttliche Sarah hat die Prinzessin Fedora gespielt und dabei einen Hut wie Ihren getragen. Und wenn sie damit auch bestimmt umwerfend ausgesehen hat, müssen Sie sich nicht vor ihr verstecken. Es ist nämlich keineswegs so, dass jeder einen Fedora tragen kann.«
»Tatsächlich?«
»Dafür muss man ein gewisses Etwas haben«, sagte der Mann. »Einen Hauch von joie de vivre. Man muss sich mit einem Fedora wohlfühlen, wie Sie das mit Ihrem eindeutig tun.«
O Mann, dachte Keller. Und sagte: »Ich hatte eigentlich an einen grauen gedacht.«
»Der braune steht Ihnen zwar hervorragend, aber schauen wir einfach mal. Hell- oder dunkelgrau? Aber am besten probieren Sie beide mal an.«
Der Laden, ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Canal Street, das sich Peller and Smythe nannte, hatte beide Schattierungen in Kellers Größe, und er probierte beide an. »In Schwarz haben wir das Modell auch«, sagte der Verkäufer, »aber wenn Sie mir die Bemerkung gestatten …«
»Keinen schwarzen«, sagte Keller.
»Ganz meine Rede. Sie sind nicht wirklich der Typ für schwarze Hüte. Und nicht zu Ihrem Nachteil, muss ich sagen.«
»Ich tendiere zum dunkelgrauen«, sagte Keller.
»Und ich würde sagen, das ist eine hervorragende Wahl.«
∗ ∗ ∗
»Meine Güte«, sagte Julia.
»Wie findest du ihn?«
»Der Mann, der einen Laib Brot kaufen ging«, sagte sie, »und mit einem Hut zurückkam.«
»Sollte ich ein Brot kaufen?«
»Nein, ist mir nur gerade eingefallen. Jedenfalls, du bist immer für eine Überraschung gut. Ich glaube nicht, dass ich dich mal mit einem Hut gesehen habe.«
»Nein, wahrscheinlich nicht. Wenn wir auf einer Baustelle Abbrucharbeiten machen, setzen Donny und ich immer zwei weiße Malerkappen auf. Oder auch, wenn wir was streichen. Aber nicht so ein Ding. Das ist ein Fedora.«
»Also, das weiß ich.« Sie machte ein wenig an der Krempe herum. »Du siehst aus wie jemand in einem Schwarzweißfilm auf TCM.«
»Wie ein Privatdetektiv?«
»Oder ein Gangster. Bloß könntest du nicht wie ein Gangster aussehen.«
»Nicht?«
»Nein«, sagte sie. »Du müsstest der Gute sein.«
∗ ∗ ∗
Am Morgen frühstückte er mit Jenny und brachte sie zu Fuß zur Schule. »Ich werde eine Weile weg sein«, sagte er Julia.
»Um Briefmarken zu kaufen«, sagte sie.
Wenn er verreiste, dann meistens, um Briefmarken zu kaufen, entweder für sich selbst oder, immer häufiger, um sie weiterzuverkaufen. Diesmal hatte er nicht einmal eine Pinzette einstecken, geschweige denn den Scott-Katalog, der ihm als Bestandsliste diente.
»Eher, um mir ein paar Briefmarken anzusehen«, sagte er. »Ob ich tatsächlich welche kaufen werde, weiß ich noch nicht.«
Auf dem Weg nach Hause merkte er zwar, dass es ihm zuwiderlief, seine Tochter zu belügen, aber manchmal ließ es sich einfach nicht umgehen. Es war das erste Mal seit langem, dass er nicht aus philatelistischen Gründen verreiste, sondern um nach mehreren Jahren Unterbrechung wieder einer Tätigkeit nachzugehen, die er geheim halten musste. Julia wusste natürlich schon seit langem Bescheid, und einmal hatte sie sogar bei einem solchen Auftrag mitgewirkt.
Jenny dagegen wusste nur, dass er Briefmarken kaufte und verkaufte und manchmal Onkel Donny half, ein Haus zu renovieren und einen Käufer dafür zu finden. Das war alles, was sie wusste. Hätte sie mehr gewusst, wäre das unangebracht, um nicht zu sagen unverantwortlich und gefährlich gewesen.
Trotzdem belastete es ihn.
∗ ∗ ∗
Er hatte schon am Abend zuvor gepackt, und als er nach Hause kam, hatte Julia seine Reisetasche bereits auf dem Rücksitz ihres Audi verstaut. Jenny hatte er noch ohne Kopfbedeckung in die Schule gebracht, aber als er sich jetzt auf den Beifahrersitz setzte und anschnallte, hatte er den Fedora auf.
»Ah«, sagte Julia. »Hast du dir den für die Reise gekauft?«
»Ich weiß nicht, warum ich ihn gekauft habe. Eigentlich wollte ich ihn zu Hause lassen.«
»Dann hast du es dir anscheinend anders überlegt.«
»Ich kann ihn immer noch im Wagen lassen«, sagte er.
Tat er aber nicht. Sie setzte ihn vor der Amtrak-Station in der Loyola Avenue ab, und als er sie zum Abschied küsste, nahm er den Hut ab, setzte ihn dann aber wieder auf.
Im Bahnhof – das Ticket hatte er sich schon vorher besorgt, und sein Zug ging erst in zwei Stunden – kaufte er sich eine Times-Picayune und eine Tasse Kaffee und überflog erstere, während er letztere trank. Der Kaffee war okay – in New Orleans konnte man sich sogar in einem Bahnhof darauf verlassen, einen genießbaren zu bekommen –, wohingegen sein Interesse für die Zeitung von begrenzter Dauer war, weshalb er schließlich zum Zeitungskiosk zurückkehrte und in den Gestellen mit Taschenbüchern stöberte.
Bestimmt die Hälfte der angebotenen Titel schienen von denselben zwei Autoren zu sein, von denen jeder mit einem ganzen Stall von Koautoren zusammenarbeitete. Was würde wohl passieren, fragte sich Keller, wenn die zwei Obermacker, zum Beispiel durch einen Aktientausch, fusionierten? Sie hätten gute Chancen, jeden Flughafen- und Bahnhofszeitungsstand dichtzumachen. Aber kämen sie auch damit durch? Würden sie damit nicht gegen das Kartellrecht verstoßen?
Weil er den Bruchteil einer Sekunde lang den Eindruck hatte, es hätte sein Konterfei auf dem Cover, stach ihm ein Buch ins Auge, das von keinem der beiden war. Natürlich war es nicht sein Bild – der Typ auf dem Titel sah ihm nicht einmal annähernd ähnlich –, aber er trug einen Hut wie er, einen dunkelgrauen Fedora, der genauso aussah wie der, den er aufhatte.
Na ja, fast. Der Hut auf dem Buchtitel hatte ein Durchschussloch in der Krone, und der davon aufsteigende Pulverdampf suggerierte, dass es ihm eben erst verpasst worden war. Ob der knappe Fehlschuss dem Träger des Huts etwas
