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Rachsüchtig: Kriminalroman
Rachsüchtig: Kriminalroman
Rachsüchtig: Kriminalroman
eBook352 Seiten3 StundenSimone Jaan

Rachsüchtig: Kriminalroman

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Über dieses E-Book

In der weltberühmten Klosterbibliothek des Stiftes Admont in der Steiermark wird ein Mann ermordet aufgefunden.
Was hat eine antike Marienstatue aus der Sammlung Mayer mit dem Mord zu tun?
Die Wiener Neustädter Hobbydetektivin Simone Jaan stolpert zufällig über den Toten und somit in ihren dritten spannenden Kriminalfall.
SpracheDeutsch
HerausgeberMedimont
Erscheinungsdatum15. Mai 2024
ISBN9783911172585
Rachsüchtig: Kriminalroman
Autor

Katharina Durrani

Katharina Durrani, geboren 1971, absolvierte nach der Matura die Buchhandelslehre, danach den Lehrgang Grafikdesign an der Wiener Kunstschule. Seit ihrer Jugend schreibt sie leidenschaftlich gerne, verfasst Gedichte und Geschichten. Sie liebt es, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, neue virtuelle Welten zu erschaffen. Auch in ihrer Kunst – sie malt in verschiedenen Techniken – wird das Fantastische hervorgehoben, spielen die kräftigen Farben eine große Rolle. Katharina Durrani ist glücklich verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Niederösterreich.

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    Buchvorschau

    Rachsüchtig - Katharina Durrani

    Städtischer Friedhof

    Wiener Neustadt

    Anfang April

    Allmählich legt sich Dunkelheit über den Friedhof. Die alten Bäume gleichen finsteren, bedrohlichen Gestalten. Der alte gebückte Mann umklammert den Gehstock fester. Rasch geht er weiter. Der Kies knirscht unter seinen Schuhen. Einzelne Schneeflocken tanzen vom wolkenverhangenen Himmel.

    Die Gräberfelder scheinen unendlich. Welche Reihe? Wo ist die Grabstätte? Er hält inne, versucht, sich zu erinnern. Verdammt! Er hat keine Zeit. Er lauscht, aber alles bleibt still. Trotzdem ist er etwas nervös. Ist ihm jemand gefolgt? Er umklammert seinen Stock fester und geht einen schmalen Kiespfad entlang. Da muss es irgendwo sein!

    Plötzlich bleibt er stehen und sieht auf eine hohe symmetrische Tanne, die sich hinter einem schönen gepflegten Grab gen Himmel reckt. »Urban« ist in goldenen Lettern in den Grabstein gemeißelt. Ja, da ist er richtig. Er atmet durch. Hier hat er es versteckt, ganz vorne beim Grabstein, wo niemand jemals die Erde aufgräbt. Unter einem naturbelassenen flachen Stein. Seit Jahren liegt sein Schatz hier vergraben. Er holt tief Luft, bückt sich ächzend, kramt eine kleine Schaufel aus seiner Umhängetasche und fängt kraftvoll und verbissen an zu graben.

    Simone Jaan ist eine junge Frau Ende zwanzig, von zierlicher Gestalt, hat karottenrote Haare und Sommersprossen mit blassem Teint. Wenn man ihre Neugierde und Naivität bemerkt, ihre Fröhlichkeit, ihr offenes Wesen und die Unbeschwertheit, sollte man meinen, sie ist um zehn Jahre jünger. Simone hat schon oft ihren Ausweis zeigen müssen, weil ihr niemand ihre Volljährigkeit geglaubt hat.

    Die junge Frau ist stets von Neugierde getrieben und steckt mit Vorliebe ihre Nase in fremde Angelegenheiten. Begonnen hat alles vor fast zwei Jahren mit dem Verschwinden des Wahrzeichens ihrer Heimatstadt Wiener Neustadt, dem Corvinusbecher. Ein kostbarer Prunkbecher, der sich mittlerweile wieder im Stadtmuseum befindet. Gott sei Dank, oder besser: Simone sei Dank. Sie hat damals einiges zum Auffinden des Bechers beigetragen. Oder die Sache mit dem Gemälde von Egon Schiele und dem Mord an einer jungen Frau? Ja, Simone hat bereits einiges erlebt und ein Gespür entwickelt, genauso wie eine unbändige Neugier, die jedoch ihr Freund Markus Heindl versucht, etwas auszubremsen.

    Ihre ältere Schwester Melanie schätzt Simones Eigenschaft gar nicht. Schon mehrmals hat sich Simone in Unannehmlichkeiten, auch in Lebensgefahr begeben und ihre ganze Familie mit hineingezogen. Ihrer Meinung nach ist Simone unglaublich leichtsinnig im Gegensatz zu ihr selbst. Melanie ist Mutter von zwei halbwüchsigen Buben, Moritz und Lorenz, Ehefrau von Martin Urban und Schriftsachverständige. Sie hat viel Verantwortung und stets eine Menge zu tun. Ja, unterschiedlicher könnten die beiden Schwestern nicht sein. Melanie ist groß, etwas korpulent, hat brünette, kinnlange Haare und steht, im Gegensatz zu ihrer Schwester, voll im Leben. Denn Simone träumt gerne vor sich hin, ergeht sich sogar ab und zu in Fantasiegeschichten. Das ist eigentlich kein Wunder, denn Simone arbeitet in einer Buchhandlung und liest gezwungenermaßen viel. In ihrem Fall Jugendliteratur. Wann Simone endlich erwachsen wird? Vielleicht hilft ja die Verlobung mit Markus etwas? Markus Heindl hat Simone im letzten Frühjahr die Frage aller Fragen gestellt und sie hat eingewilligt. Wann sie heiraten, wissen die beiden nicht so recht, denn leider ist das hochansteckende Coronavirus dazwischen gekommen.

    Seit dem Beginn der weltweiten Pandemie hangelt sich die Welt von einem Lockdown zum nächsten. Traurig aber wahr. Geschäfte und Schulen geschlossen, Gastronomie und Hotellerie ebenso. Über die Menschen ist eine schwierige Zeit hereingebrochen, aber alles geht vorbei. Irgendwann. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Simone nützt ihre freie Zeit mit Malen, ausgedehnten Spaziergängen, Kochen und Handarbeiten. Sie entdeckt tatsächlich neue Facetten an sich und das überrascht sie selbst.

    Markus hingegen arbeitet im Krankenhaus und hat kaum Zeit. Umso mehr freut sich Simone auf ein paar freie Tage, ein Wochenende mit Markus. Sie fahren in die schöne Steiermark, denn dort ist die Coronasituation besser als in Niederösterreich und alles ist geöffnet. Tatsächlich. Aber das momentane Wetter lässt Simone kaum auf ein paar sonnige frühlingshafte Tage in Admont hoffen …

    Ob es eine gute Idee ist, den Friedhof zu überqueren? Mit Sicherheit nicht. Simone bleibt unschlüssig stehen und wirft einen kurzen Blick auf ihre kleine schwarze Hündin zu ihren Füßen. Rala erwidert ihren Blick mit Schwanzwedeln. Danach sieht Simone wieder auf. Das Tor zum städtischen Friedhof steht offen, so wie immer um diese Zeit. Soll sie die Abkürzung nehmen? Simone schaut auf die Uhr. Es ist kurz nach 19 Uhr 30. Die Sonne ist im Untergehen. Simone sieht kurz in den schiefergrauen Himmel. Es fängt leicht zu Schneien an. Dieses Wetter ist für die Jahreszeit vollkommen normal. Ja der April, der macht was er will! Wie immer! Simone seufzt. Ein mulmiges Gefühl beschleicht sie. Keine Ahnung wieso. Sie hebt ihre Bolonkahündin Rala hoch und schleicht durch das schmiedeeiserne Tor des Städtischen Friedhofs. Die Leuchtreklame vom Burger King erhebt sich strahlend links von ihr. Wenn sie ihren Hund nicht dabei hätte, würde sie sich wahrscheinlich eine Packung Cheese Nuggets holen. Ein letzter sehnsüchtiger Blick auf die Leuchtreklame. Ihr Magen knurrt. Simone schüttelt den Kopf. Ungesundes Zeug, macht nur dick!

    Eine zwei Meter hohe Steinmauer, teils von Efeu überwuchert, gibt dem Friedhof seinen typischen Charakter. Grabsteine, Alleen, hohe einzelne Nadelbäume und Stille. Jeder von Simones Schritten knirscht laut, sodass sie versucht ist, auf Zehenspitzen zu gehen. Hie und da kann sie ein Auto in der Ferne hören, aber es ist Sonntag und nicht viel auf den Straßen los. Niemand möchte bei diesem Sauwetter spazierenfahren oder gehen.

    Simone kennt sich auf dem Städtischen Friedhof aus. Sie wendet sich dem breiten Kiesweg zu und folgt ihm bis zur Kapelle.

    Der Schneefall wird dichter, die Flocken tanzen vom mittlerweile dunklen Himmel. Mancherorts brennt eine Kerze auf einem Grab und gibt dem Friedhof etwas Mystisches. Zum Glück ist es nicht winterlich kalt, obwohl der lange Spaziergang durch die Stadt in Simone eine Sehnsucht nach Wärme und Frühling entfacht hat. Schnee? Wer braucht ihn schon knapp vor Ostern? Zu Weihnachten passt er ja, aber nein, er kam immer zu spät …

    Simone erreicht nach wenigen Minuten die Kapelle. Gut, jetzt muss sie sich nach links wenden, wenn sie zu dem Tor in der Nähe der Pottendorfer Straße kommen will. Simone sieht sich um. Keine Menschenseele treibt sich um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter auf dem Friedhof herum. Vorsichtig setzt die junge Frau ihre zappelnde zottelige Hündin auf den Kiesweg und streicht sich mit einer Handbewegung die karottenroten Haare aus dem Gesicht. Die Kapuze ihrer Jacke verrutscht und sie zieht sie wieder hoch. Rala knurrt just in dem Moment, als Simone ein seltsames Geräusch hört. War es ein tiefes Seufzen? Eine Katze, eine Krähe? Simone läuft Gänsehaut auf. »Was war das?«, flüstert Simone ihrer kleinen Hündin zu. Ist sie nicht alleine hier? Sie sieht sich in der Dunkelheit um. Wo ist das Geseufze hergekommen? Von vorne, von rechts? Simone lauscht in die Stille hinein. Vielleicht braucht ja jemand Hilfe. Rala zerrt an der Leine. Simone folgt ihr, ohne viel nachzudenken. Sie überqueren schmale Wege, steigen über Gräber hinweg, zwängen sich zwischen Bäumen hindurch bis zu einer hohen Tanne. Moment. Simone kennt diesen Platz. Das Grab dort vorne ist das von Melanies Schwiegermutter, Christine Urban. Die Mutter ihres Schwagers Martin wurde vor einigen Jahren hier beerdigt. Martin erzählt manchmal von seiner Kindheit, von Christine. Aber wenn seine Gedanken seinen Vater Franz Urban streifen, dann versteinert seine Miene und er verstummt. Simone weiß, dass er manchmal auf den Friedhof zum Grab seiner Mutter geht und Blumen bringt. Melanie begleitet ihn. Auch Lorenz und Moritz. Die Grabpflege macht Melanie, sie tut das gerne für ihren Mann. Ein paar Mal ist Simone ihrer Schwester zur Hand gegangen, deshalb kennt sie dieses Grab gut.

    Aber irgendetwas stimmt da nicht. Simone presst die Lippen aufeinander und hält die Luft an, als sie einen dunklen Schatten zu erkennen glaubt. Kniet jemand auf dem Grab? Simone holt ihr Handy hervor und betätigt mutig die TaschenlampenApp. Niemand darf sich an fremden Gräbern zu schaffen machen und Martin wird es ja wohl nicht sein. Simone leuchtet zu dem Grab. Rala knurrt ihr tiefstes Knurren, dann beginnt sie wie verrückt zu bellen.

    Ein alter Mann sieht erschrocken hoch. Er hält sich die Hand vor die Augen, denn der Lichtstrahl des Smartphones blendet ihn.

    »Was machen Sie hier?«, fragt Simone geradewegs heraus.

    »Verschwinden Sie und schalten Sie gefälligst das Licht aus, sonst …« Der alte Mann sieht sich um. »Machen Sie schon, was ich sage. Rasch!« Er packt einen glänzenden schweren Gegenstand in eine Umhängetasche.

    Simone ist verwirrt. Sie versucht, sich zusammenzureimen, was es war, aber sie hat es nur einen flüchtigen Augenblick gesehen. Woher kommt dieses Artefakt? Doch nicht etwa aus dem Grab? Simone sieht einen Erdhaufen. Was um alles in der Welt macht der Alte da?

    »Stopfen Sie ihrem Köter endlich das Maul«, keucht der Alte. Er nimmt seinen Gehstock und richtet sich auf. »Los jetzt, stehen Sie nicht dumm herum. Verschwinden Sie!« Er macht eine Handbewegung.

    »Wieso?« Simone fühlt sich verunsichert. Der alte Mann hat eindeutig Angst.

    »Keine Fragen«, flüstert der Mann, nachdem Rala endlich zu keifen aufgehört hat. »Tun Sie, was ich Ihnen sage, wenn Sie nicht hierbleiben wollen. Sehen Sie zu, dass sie von hier fortkommen!«

    »Ich verstehe nicht«, stammelt Simone. Die Hündin in ihren Armen zittert. Der jungen Frau wird plötzlich eiskalt.

    Der alte Mann dreht sich wortlos von Simone weg und stapft rasch davon. Simone leuchtet ihm nach. Seltsam, überlegt sie. Der Alte ist fein gekleidet, eher wie für eine Beerdigung, als für einen nächtlichen Diebeszug. Er verschwindet aus dem Lichtkegel. Simone schwenkt ihr Smartphone und leuchtet das Grab aus. Eine Schaufel liegt hinten auf der Steinkante. Simone legt sie gedankenverloren unter eine Tanne. Es ist wieder mucksmäuschenstill auf dem Friedhof. Der Schnee schluckt alle Geräusche. Sie wendet sich abermals der Grabstätte zu. Was hat der Fremde hier ausgegraben und warum? Eine Blumenzwiebel oder eine Pflanze war es jedenfalls nicht, sondern etwas Goldenes. Simone betrachtet den Erdhaufen, leuchtet ihn an. Ein Loch am Kopfende des Grabes. Das wird Martin nicht gefallen. Simone setzt ihren Hund ab und kniet sich am Grabstein nieder, fast so, als würde sie beten. Mit ihrem Handy leuchtet sie in das frische Loch. Nicht tiefer als einen halben Meter, trotzdem hat der Alte seine ganze Kraft aufwenden müssen, in der festen Erde zu graben.

    Ein Geräusch durchbricht die abendliche Ruhe. Simone rappelt sich fröstelnd auf. Was war das jetzt? Ruhig bleiben! Sicher nur eine Eule! Simone atmet durch. Sie lauscht, aber es bleibt still. Die Frau hat keine Lust noch länger auf dem Friedhof zu bleiben. Nach einigen Umwegen findet sie endlich das Friedhofstor, das in die Stadt führt. Die Abkürzung, die im Grunde keine war, wie Simone enttäuscht feststellen muss …

    Simone geht langsam nach Hause. Vor einigen Minuten hat sie Stimmen in der Ferne gehört, aber nichts verstanden. Nein, heute ist es ihr egal. Sie fühlt sich nur noch erfroren. Wie kann es im April nur so kalt sein? Gerne würde sie sich von ihrem Verlobten Markus abholen lassen, aber die TaschenlampenApp hat den Akku ihres Handys komplett verbraucht. Wann merkt sie sich endlich, ihr Smartphone stets vor dem Weggehen aufzuladen? Simone seufzt. Die Gassen und Straßen sind menschenleer, der Schneefall dicht und nass. Ihre Sneakers sind durch und durch feucht und machen bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch. Auch ihre Winterjacke ist nass. Ihre Hündin sieht mittlerweile aus wie eine Ratte. Das schwarze Fell klebt an ihr. Eine Viertelstunde später erreicht Simone ihre Wohnung.

    »Wie siehst du denn aus, Liebling?«, fragt Markus Simone, als diese endlich die Eingangstüre aufsperrt.

    »Es schneit«, erwidert Simone. »Übernimmst du bitte Rala?«

    »Klar. Föhnen oder?«

    »Bitte.«

    Markus holt ein Handtuch und hebt die zitternde Hündin hoch. »Schon gut«, flüstert er ihr zu, während er ihr das Fell abtrocknet. »Eines interessiert mich jetzt aber schon«, meint er zu Simone. »Wo warst du und wieso hast du dein Handy ausgeschaltet?«

    »Ich war spazieren, Markus.« Simone entledigt sich der Jacke, der Schuhe, der Hose, der Socken und verschwindet ins Bad.

    Markus folgt ihr, denn er benötigt für die Zottelhündin auf seinem Arm den Föhn. »Wo denn?«

    »Was meinst du?«, fragt Simone verwirrt. Sie hat sich komplett ausgezogen und lässt sich die Badewanne ein.

    »Na, wo du warst«, Markus setzt sich auf einen Hocker und föhnt Rala.

    »Ich war auf dem Friedhof«, seufzt Simone.

    »Wie bitte? Mit dem Hund?«

    Simone prüft das Badewasser mit der Zehenspitze und zuckt zurück. Es ist viel zu heiß. Sie lässt etwas kaltes Wasser ein. Dann sieht sie Markus in die Augen. »Ich wollte meinen Spaziergang abkürzen, okay, und bin unerlaubterweise mit Rala über den Friedhof gegangen. Uns hat keiner gesehen.« Sie presst die Lippen aufeinander und wendet sich der Badewanne zu.

    »Du warst aber lange weg.« Markus setzt Rala auf dem Badezimmerboden ab und legt den Föhn auf den Hocker. Danach wäscht er sich die Hände.

    Simone zögert kurz, ob sie Markus die Geschichte erzählen soll. Egal, denkt sie und seufzt: »Ja, ich habe mich verspätet, weil ich einen alten Mann beim Grab von Martins Mutter gesehen habe.«

    »Wie bitte?« Markus schaut sie ungläubig an.

    Simone steigt in die Badewanne und schließt die Augen. Die Wärme kribbelt auf der Haut. Sie atmet durch und meint: »Er hat etwas ausgegraben und ist, als er mich gesehen hat, weggegangen.«

    »Ein Grabräuber? Was du nicht sagst.« Markus setzt sich auf den Rand der Badewanne und hält seine Hand ins Wasser. »Verstehe nicht, wie du in diesem heißen Wasser baden kannst.«

    »Ich liebe es.«

    »Also, der Mann hat tatsächlich gegraben«, überlegt Markus. »Bist du ganz sicher?«

    »Ja, ich habe die TaschenlampenApp eingeschaltet und ihn deutlich gesehen. Er hatte eine Schaufel dabei und eine Umhängetasche, in die er schnell etwas gestopft hat.«

    »Einen Knochen«, murmelt Markus tonlos.

    »Nein, du Dummkopf«, zischt Simone. »Ich konnte es nicht erkennen, aber es war schwer und glänzend. Wie Gold.«

    »He, wieso glaubst du, dass es schwer war?« Markus streicht ihr über die Brüste.

    »Na, weil er Schwierigkeiten hatte, die Tasche hochzuheben.«

    »Ein Schatz im Grab der Urbans?« Markus Ton klingt spöttisch.

    »Womöglich.«

    Markus grinst Simone an. Die Sache klingt für ihn einfach zu komisch.

    »Ziehe die Sache nicht ins Lächerliche«, seufzt Simone.

    »Mache ich doch gar nicht. Meinst du, dass Martin da etwas versteckt hat? Oder seiner Mutter Grabbeigaben dazugegeben hat?« Markus lächelt vor sich hin.

    »Nein, kann ich mir nicht vorstellen. Jetzt versuche doch einmal, die Sache etwas ernster zu nehmen.«, ärgert sich Simone. Als Markus versucht, Simone zwischen die Beine zu greifen, bekommt er einen Schwall Wasser ab. Rala bellt.

    »Lass das«, faucht ihn Simone an.

    »Ich höre ja schon auf damit. Aber du musst zugeben, es klingt wirklich seltsam, nein, verrückt.« Markus steht auf, trocknet sich ab und verlässt gemeinsam mit der Hündin das Badezimmer.

    Simone schließt wieder die Augen und lässt ihren Gedanken rund um den alten Mann freien Lauf. Wer ist er? Wieso hat er im Grab der Urbans gegraben? Was lag dort versteckt? War er es gewesen, der geschrien hat oder doch nur ein Käuzchen? Lebt der Alte noch oder liegt er inzwischen tot auf dem Friedhof?

    Morgen wird Simone zu ihrer Schwester fahren und mit ihrem Schwager sprechen. Martin muss davon erfahren, auch wenn sie sich etwas vor dem Gespräch mit ihm fürchtet. Martin ist auf sie nicht so gut zu sprechen, weil sie seine Familie schon mehrmals in haarsträubende Situationen gebracht hat. Die Entführung von Melanie und Moritz, zum Beispiel. Aber sie ist stets unschuldig an den Entwicklungen. Das ist aber Martin nicht klar. Für ihn ist sie die Verursacherin allen Unglücks.

    Einfamilienhaus Familie Urban

    Katzelsdorf

    nächster Tag, abends

    »Nicht schon wieder«, seufzt Martin, Simones Schwager, nachdem er sich Simones Geschichte angehört hat. Seine Frau Melanie und seine beiden Söhne Moritz und Lorenz haben sich um Simone im Wohnzimmer versammelt und hören ihr zu.

    »Du bist dir wirklich sicher?«, möchte Melanie von ihrer Schwester wissen. »Urban gibt es ja viele, es hat geschneit und war finster.«

    »Ich kenne Christines Grab«, erklärt Simone felsenfest. Sie sieht kurz zu Rumo, dem Welsh CorgiRüden. Er hat sich zu ihren Füßen gesetzt und wärmt sie mit seinem dichten Fell. Rala jedoch hat sich auf ihren Schoß gekuschelt, so wie sie es immer macht …

    »Aber ich verstehe das nicht. Wer soll denn in Mutters Grab herumbuddeln?« Martin Urban verschränkt die Arme vor seinem Körper und wirft Simone einen langen ungläubigen Blick zu. »Da gibt es keine Schätze.«

    »Außer Oma«, meint Moritz leise. »Vielleicht hat irgendjemand dort einmal etwas versteckt und Omas Grab ist markant, ich meine, leicht zu merken und auch wiederzufinden. Muss ja nichts mit Oma zu tun haben.«

    »Da gibt es genügend andere Gräber. Das kann es nicht sein«, erklärt Lorenz, Moritz‘ älterer Bruder.

    »Oder der Grabräuber hat sich getäuscht und das Grab verwechselt, als er etwas versteckt hat.«

    »Nein, das glaube ich nicht«, mischt sich abermals Lorenz ein. »Simone hat sich einfach geirrt. Ist doch egal.«

    »Nein, ganz so ist es nicht«, überlegt nun Martin. »Ich möchte eigentlich schon gerne wissen, warum sich jemand am Grab meiner Mutter zu schaffen gemacht hat. Wo hat er nochmals gegraben, Simone?«

    »Ganz hinten beim Grabstein. Genau unter dem großen flachen Stein, neben dem links und rechts die Rosenstöcke stehen. Das Loch war keinen halben Meter tief.«

    Martin kann sich einfach keinen Reim darauf machen.

    »Hatte Oma Freunde, Bekannte?«, fragt Moritz. »Oder war es gar Opa?«

    »Den hätte ich erkannt«, meint Simone.

    »Ja, zu ihm würde so eine Aktion passen«, seufzt Martin. Franz Urban, sein ungeliebter Vater, der es geschafft hat, seine Frau, Martins Mutter Christine, durch seine anstrengende Art krank zu machen.

    »Bist du dir sicher, Simone?« Melanie sieht zu ihrer Schwester. Sie ist müde und dieses Gespräch kostet ihr Zeit. Zeit, die sie anders nützen könnte. Oh, was hat sie doch alles zu tun! Den Haushalt, eine Expertise für das Gericht, ein Anruf bei ihren Eltern.

    »Ja, bin ich. Ich habe dem alten Mann direkt ins Gesicht geleuchtet. Ich hätte Franz erkannt.«

    »Aber wie oft hast du ihn denn gesehen?« Melanie wünscht sich, dass der mysteriöse Fremde einfach nur ihr Schwiegervater war und die Sache sich damit erledigt.

    »Zuletzt vor einigen Monaten mit dir. Erinnerst du dich nicht? Wir waren mit Lorenz und Moritz bei ihm in der Wohnung und haben ihn besucht.«

    »Ach ja, stimmt. Danke, dass du mit warst.« Melanie seufzt.

    »Könntest du ihn beschreiben?«, möchte Martin von seiner Schwägerin wissen.

    »Opa?«, fragt Moritz mit einem Grinsen im Gesicht.

    Martin wirft seinem Sohn einen verärgerten Blick zu.

    »Sehr witzig!«, faucht Lorenz seinen Bruder an und schüttelt den Kopf. Was für ein Baby!

    »Simone?«, fragt Martin seine Schwägerin, »hast du dir den Fremden gemerkt?«

    »Womöglich. Ich habe mir sein Gesicht, seine Gestalt eingeprägt. Er war wirklich ein stattlicher Herr. Gut angezogen, mit einem außergewöhnlichen Gehstock.«

    »Nein, das kann nicht

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