Über dieses E-Book
Das Buch enthält fünf humorvolle, heitere und beflügelnde Theatertexte zum Thema Fremdsein. Die Akteure sind Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Begegnung mit den Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben: ihre Auseinandersetzung in der gegenseitigen Beziehung, ihre Beschäftigung mit dem Erfolg, mit kulturellen Ansichten, mit gesellschaftlichem Status, mit familiären Themen. Durch die Zusammenkunft werden die Charaktere auch mit sich selbst konfrontiert – mit ihren Ängsten und ihren Schwächen, aber auch mit ihrer Großzügigkeit und ihrer Aufgeschlossenheit.
Stücke:
- Integrationswettbewerb (eine Komödie)
- Im Prater (eine dramatische Episode)
- Auf der Suche (ein Schauspiel)
- Glück auf, Ausländer! (ein Monolog)
- Šemso (ein Monolog für zwei Personen)
Ana Bilic
ANA BILIC - I am a literary and theater writer, filmmaker and theater director, linguist. Born in Zagreb, Croatia, since 1995 I live and work in Vienna, Austria. My literary work includes novels, short stories and poems and my texts are also represented in numerous literary anthologies. I started writing literature in Croatian in the 1990s, but for more than twenty years I have been writing only in German. My books have been published by such publishing houses as Hoffmann und Campe Verlag Hamburg, Konzor Verlag Zagreb and Hollitzer Verlag Vienna. As a linguist, I am the author of works for learning Croatian as a foreign language: CROATIAN MADE EASY - https://www.kroatisch-leicht.com/croatian/ - as well as KROATISCH LEICHT - https://www.kroatisch-leicht.com. On these websites you can learn more about my published textbooks and reading books, mini-novels, e-books, audiobooks, interactive e-books and other media. More information about all my work - not only about literature and linguistics, but also about film and theater - can be found on https://www.ana-bilic.at
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Buchvorschau
Fremd nicht fremd - Ana Bilic
INHALT
Integrationswettbewerb, eine Komödie
Im Prater, eine dramatische Episode
Auf der Suche, ein Schauspiel
Glück auf, Ausländer!, ein Monolog
Šemso, ein Monolog für zwei Personen
Integrationswettbewerb
eine Komödie
Personen:
Wettbewerbsleiter
Aziz – ein Österreicher türkischer Herkunft
Aziz´ Frau – eine Kurdin
Danny – ein Deutscher
Peter – Dannys Schwager, ein Homosexueller
Maya – eine Österreicherin philippinischer Herkunft
Jan – ein Österreicher polnischer Herkunft
Bojana – eine Österreicherin mit Balkan-Herkunft
Zoki – ein Roma
Ein Kind
Bühne:
ein Tisch mit dem Stuhl für den Wettbewerbsleiter, Stühle für Teilnehmer, ein Klavier seitlich
Der Wettbewerbsleiter sitzt am Tisch, blättert in Papieren.
Jemand klopft.
Wettbewerbsleiter: - Ja … Herein….
Aziz kommt. Er trägt eine große Trommeltasche.
Aziz: - Guten Tag!... Integrationswettbewerb?
Wettbewerbsleiter: - Ja, bitte schön, kommen Sie herein… Setzen Sie sich… Sie können frei wählen, Sie sind der Erste…
Aziz: - Und wir können anfangen, es ist Punkt 10.
Wettbewerbsleiter: - Ja, es ist 10, aber noch ist keiner da.
Aziz (korrigiert): - Außer mir bitte schön. Dass die anderen nicht da sind, daran bin ich nicht schuld.
Wettbewerbsleiter: - Natürlich nicht.
Aziz: - Fangen wir dann an?
Wettbewerbsleiter: - Nein. Sie haben keine Gegner und Sie würden gleich den Wettbewerb gewinnen. Und das wäre zu blöd. Oder?
Aziz will antworten aber Danny kommt.
Danny: - Guten Tag!... Bin ich hier richtig?... Der Wettbewerb für die Integration?
Wettbewerbsleiter (korrigiert): - Integrationswettbewerb.
Danny: - Das habe ich auch gedacht. Ich bin Danny.
Wettbewerbsleiter: - Schön für Sie. Setzen Sie sich… wo Sie wollen…
Danny sucht einen Stuhl, wählt einen aus, will sich setzen.
Wettbewerbsleiter (schikanierend): - Nein, nicht da… (beobachtet Danny, wie er einen anderen Stuhl wählt) Nein, auch nicht da…
Danny: - Aber Sie haben gesagt, wo ich will.
Wettbewerbsleiter: - Ja, natürlich.
Danny (entschlossen): - Ich nehme mir diesen Stuhl.
Wettbewerbsleiter: - Wie Sie wollen.
Aziz (streckt die Hand zu Danny): - Ich bin Aziz.
Danny (da der Händedruck von Aziz sehr stark ist, verzerrt Danny sein Gesicht vor Schmerzen): - Und ich bin Pianist…
Peter kommt hinein, er ist außer Atem.
Er geht gleich zu Danny.
Peter (zum Wettbewerbsleiter im Vorbeigehen): Tschüssi!... (er küsst Danny freundschaftlich) Bin ich zu spät? Ich bin die ganze Zeit gelaufen, ich habe mit meiner Frisur wieder Probleme gehabt, mein Haar ist wie ein Fluch, so eigensinnig, Lola hat es kaum geschafft, es zu zähmen, weißt du, sie hat sich für mich extra Zeit genommen, aber es hat einfach gedauert, und dann bin ich wie verrückt gelaufen, und weißt du, wem ich begegnet bin, eben als ich gedacht habe, wo hat sich der Kerl versteckt... (weiter unverständlich)
Als Aziz begreift, dass Peter ein Homosexueller ist, rückt er missbilligend einen Stuhl weiter.
Maya kommt, sie schaut sich ängstlich um.
Wettbewerbsleiter (zu Maya): - Na, kommen Sie, keine Angst, keiner beißt hier…
Maya: - Integrationswettbewerb?...
Wettbewerbsleiter: - Ja, mein Kind… Setzen Sie sich, bitte…
Dann hört man hinter der Bühne Geigenmusik.
Zoki kommt hinein, spielt Geige im Gehen. Ein Virtuose.
Seinem virtuosen Spiel hören alle mit Bewunderung zu.
Ein Applaus zum Schluss.
Wettbewerbsleiter (nach dem Applaus): - Bitte, setzen Sie sich.
Bojana kommt, eine attraktive Frau.
Alle Männer wollen ihre Aufmerksamkeit erregen.
Bojana: - Guten Tag… Integrationswettbewerb?
Wettbewerbsleiter (auch von Bojana entzückt): - Ja… Wettbewerbsintegration... Ich bin der Leiter… der Integration… Ich meine des Integrationswettbewerbs… Bitte, setzten Sie sich… nicht so weit weg, da gibt es auch einen freien Stuhl…
Jan kommt, geht gleich auf den Wettbewerbsleiter zu.
Jan: - Guten Tag… Erlauben Sie … (gibt dem Wettbewerbsleiter seine Visitenkarte) Bitte schön, da steht alles, was Sie zu wissen brauchen.
Wettbewerbsleiter: - Ach so?… Setzen Sie sich… Gut… Sind wir alle da?... Mal sehen (liest vom Papier) ...Aziz Achi... Akik... Atschi...
Aziz (Aziz korrigiert): - Asis Açikös ...
Wettbewerbsleiter: - Ja, Asis Atschikosch... (liest weiter) Hans Jürgen Detlev...
Danny: - Ja, hier.
Wettbewerbsleiter: - Hans Jürgen Detlev?... Und nicht Danny?
Danny: - Doch, Danny. Das ist eine Abkürzung von Hans Jürgen.
Wettbewerbsleiter: - Ja, logisch... (liest weiter) ... Bojána Hadi... Hajib... Hadibegi... ovitsch.
Bojana: - Bojana Hadžibeganović. Anwesend.
Wettbewerbsleiter (liest weiter): - Zoran Bandit ... (korrigiert sich) Bándics.
Zoki bejaht die Anwesenheit durch ein kurzes Spielen.
Wettbewerbsleiter: - Wunderschön... Also alle da.
Jan (steht auf, gibt dem Wettbewerbsleiter wieder seine Visitenkarte): - Und Jan Wójcik. Einfach zu merken, Wójcik bedeutet Krieger, ein alter stolzer Familienname, in der Geschichte auch manchmal von Adeligen getragen, intelligent, höflich und verlässlich.
Wettbewerbsleiter (schaut in die Papiere): - Ganz genau, Jan Woitschik... Dann können wir anfangen. Ich möchte alle Anwesenden herzlich willkommen heißen und …
Aziz´ Frau kommt.
Sie wendet sich gleich an Aziz in einer Mischung aus Kurdisch und Türkisch.
Aziz´ Frau: - Aziz, du hast vergessen mir Geld fürs Hasans Schulausflug zu geben.
Aziz: - Nicht jetzt, Weib! Siehst du nicht, dass ich zu tun habe?
Aziz´ Frau: - Ich muss jetzt zahlen, die Lehrerin wartet auf mich in der Schule. Du hast dem Hasan den Ausflug versprochen.
Aziz: - Warum belästigst du mich immer, wenn ich beschäftigt bin?!
Aziz´ Frau: - Ich brauche 20 Euro.
Aziz: - 20 Euro?! Ich habe gedacht 200 Euro! Wegen 20 Euro blamierst du mich?!
Aziz´ Frau (erklärt den Anwesenden): - Sein Vater hat es ihm versprochen und jetzt hat er kein Geld!
Aziz durchwühlt seine Hosentaschen.
Aziz: - (zum Wettbewerbsleiter auf Deutsch) Haben Sie 20 Euro?
Der Wettbewerbsleiter sucht automatisch nach seinem Geldbeutel, aber dann hält er inne.
Wettbewerbsleiter (zu Aziz´ Frau): - So geht es nicht! Setzen Sie sich! Wir hätten schon längst anfangen sollen.
Aziz (zum Wettbewerbsleiter): - Aber sie ist nicht eingeladen!
Wettbewerbsleiter (zu Aziz´ Frau): - Setzen Sie sich...
Peter überlässt der Frau seinen Stuhl, da es nicht genug Stühle gibt.
Wettbewerbsleiter: - So… Gut… (zu Aziz) Ich bitte Sie…
Aziz (zu Frau, auf Türkisch): - Wenn ich den Wettbewerb nicht gewinne, dann zahlst du mir dafür, Weib!
Wettbewerbsleiter: - Setzen Sie sich…. Es ist mir eine besondere Ehre, dass Sie alle… (zu Peter) Wieso stehen Sie? ... Wie heißen Sie noch einmal? (blättert in den Papieren)
Peter (mit weiblichen Zügen): - Ist okay, Schätzchen, ich begleite nur meinen Schwager Danny. Er hat mich eingeladen, da er mit mir viel mehr machen kann als alleine. So ist sein Slogan – Freunde machen alles zusammen.
Danny: - Wir singen im Duett. Peter ist auch mein Freund … ich meine, nicht so ein Freund, er ist… ich meine, ich bin straight… sexuell …
Peter: - Ach Danny Boy, keiner fragt dich nach deiner sexuellen Orientierung, die Herrschaften da sind offen, in jeder sexuellen Hinsicht, das ist ein Integrationsding.
Wettbewerbsleiter: - Ein „Integrationsding? … Mein Lieber, das „Ding
ist kein irgendein „Ding". Integration ist (steht auf und macht Schritte) an und für sich die unentbehrliche gesellschaftliche Substanz in Blutgefäßen jeder großen kulturellen Metropole. Sie ist die Schlagader aller Völker in einem urbanen, modernen, weltorientierten, der Zukunft gerichteten, zeitgemäß organisierten und leistungsfähigen Schnittpunkt. Mit anderen Worten – jede Metropole soll die Wiege der Integration ihrer Bürger sein. Und nicht nur die Wiege: ebenso auch ihr Kindergarten, ihre Schule, ihre Akademie und ihre Arbeitsplätze – eine Errungenschaft mit dem Völkerwillen vorbestimmt und in ihren höchsten Gesetzen niedergelegt ist. Und – wie Sie es auch selbst schon bemerkt haben – Wien ist ein Beispiel einer solchen Metropole. Man hat in Wien immer einen exorbitanten Wert an Integration gelegt, was die gesellschaftliche Historie unzählige Male bewiesen hat. Dass jeder Mensch hier willkommen ist, unabhängig von Nation, Rasse, Geschlecht oder Religion, ist bei uns keine leere Worthülse, keine Floskel und keine Parole, sondern eine voll genutzte Praxis, wegen der Wien zum Führenden auf dem Gebiet Integration gebracht hat. Wenn es um die Integration geht, ist ein Fremder in Wien immer am richtigen Platz, da diese Stadt über Rat und Tat zur Integration verfügt. Diese Stadt hat Sie ausgewählt, denn Sie sind alle außergewöhnlichen Menschen, die nach einem besonderen Eliminationsverfahren gewählt wurden, um den Bestintegrierten/die Bestintegrierte unter Ihnen zu preisen. Das ist für uns eine große und verantwortliche Aufgabe und andererseits möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie da, bei uns in Wien leben. Danke!
Alle: - Bitte!
Wettbewerbsleiter: - Wer will sich zuerst vorstellen?
Alle springen auf, aber Aziz ist der Lauteste.
Aziz: - Ich will… (kommt nach vorne) Mein Name ist Aziz… (schaut in die Papiere vom Wettbewerbsleiter) Ja, da haben Sie meinen Namen… nein, nicht Asis… Aziz…. Ich komme aus der Türkei und ich bin seit …
Jan (unterbricht): - Ich habe eine Frage.
Wettbewerbsleiter: - Was wollen Sie?
Jan: - Ich will wissen, was kriegt man, wenn man diesen Integrationswettbewerb gewinnt.
Wettbewerbsleiter: - Für alle, die es noch nicht wissen – der Preis des Integrationswettbewerbs für einen besonderen Beitrag zur Integration und zum interkulturellen Dialog ist die gesellschaftliche Anerkennung und die Ehrung durch Mitbürger und den Staat. Als Dankeschön für diese Leistung wird (holt die Plastikkrone aus der Tischschublade) diese Krone den Siegerkopf krönen.
Jan (nimmt die Krone und dreht sie in den Händen um, prüft aus welchem Material die Krone ist): - Hm, Plastik …Wenn Sie mich gefragt hätten, hätte ich Ihnen eine Krone aus Gold bringen können. Günstig. In Polen ist alles günstig, und ich habe gute Kontakte und…
Wettbewerbsleiter: - Das ist ein Ehrenpreis.
Jan: - Ja, ja, Sie hätten sie auch um einen Ehrenpreis bekommen.
Wettbewerbsleiter (wendet sich an Aziz): - Bitte, fahren Sie fort…
Aziz: - Ich bin seit 23 Jahren in Österreich und …
Bojana (unterbricht): - Und wer ist die Jury?
Wettbewerbsleiter (zeigt mit dem Finger zum Publikum): - Die Jury ist anonym. Damit die Teilnehmer sie nicht beeinflussen können.
Bojana: - Ein Mann oder eine Frau?
Wettbewerbsleiter: - Spielt das eine Rolle?
Bojana: - Eine Frau also.
Wettbewerbsleiter: - Nein.
Bojana: - Habe mir auch gedacht: ein Mann.
Wettbewerbsleiter: - Das habe ich nicht gesagt.
Bojana: - Ein Schwuler?
Peter:
