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Arthur Eichengrün: Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst
Arthur Eichengrün: Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst
Arthur Eichengrün: Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst
eBook484 Seiten5 Stunden

Arthur Eichengrün: Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst

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Über dieses E-Book

Bei der Recherche über das Dorf Obersalzberg, den Wohnort und zweiten Regierungssitz Hitlers in der Nähe von Berchtesgaden, stößt Ulrich Chaussy auf Arthur Eichengrün. Wer war dieser völlig vergessene jüdische Nachbar Hitlers? In drei Jahrzehnten Arbeit rekonstruiert Chaussy Eichengrüns Biografie und entdeckt einen der bedeutendsten Chemiker und Erfinder der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wieder: Eichengrün ist Forscher, Erfinder und Unternehmer in Personalunion. Er synthetisiert Kokain und wir verdanken ihm das Aspirin. Er erfindet den unbrennbaren Kinofilm und revolutioniert mit seinem Cellon-Spannlack den Bau der stoffbespannten Flugzeuge und Zeppeline.
Ab 1933 gelten all seine Verdienste nichts mehr.  Er verliert allen Besitz. Plötzlich ist der assimilierte Patriot nur noch eines: Jude. Deportiert ins KZ Theresienstadt muss der große Chemiker erkennen, dass er eines nicht umformen und synthetisieren konnte: Eine Identität, die ihn vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten hätte schützen können.
Ulrich Chaussy schreibt Arthur Eichengrün, diesen großen Erfinder und Wissenschaftler, fulminant zurück ins kollektive Gedächtnis.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Herder
Erscheinungsdatum9. Okt. 2023
ISBN9783451831560
Arthur Eichengrün: Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst
Autor

Ulrich Chaussy

Ulrich Chaussy, geb. 1952, war jahrzehntelang vor allem im Bayerischen Rundfunk als Autor und Moderator tätig. Seine Bücher über das Oktoberfestattentat oder den Obersalzberg basieren auf wegweisenden Recherchen und erleben zahlreiche Auflagen. Er wurde für seine Arbeit als investigativer Journalist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Publizistikpreis der Landeshauptstadt München, dem Leuchtturm-Preis, der Bayerischen Verfassungsmedaille in Silber und dem Bundesverdienstkreuz.

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    Buchvorschau

    Arthur Eichengrün - Ulrich Chaussy

    Ulrich Chaussy

    Arthur Eichengrün

    Der Mann, der alles erfinden konnte,

    nur nicht sich selbst

    © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2023

    Alle Rechte vorbehalten

    www.herder.de

    Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf

    Umschlagmotiv: © Bayer AG, Bayer Archives Leverkusen

    Mit einem Stammbaum von Peter Palm, Berlin

    E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

    ISBN Print: 978-3-451-39216-0

    ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-83156-0

    Inhalt

    Der verschwundene Nachbar aus dem getilgten Dorf

    Eichengrün – auf der Suche nach einem Unbekannten

    Eine Kindheit in der Kaiserzeit – im KZ erinnert

    C. H. E. M. I. E. – eine Emanzipationsformel

    Ausflug nach Berlin – Eichengrüns Lehrjahre

    Abschied von Aachen – und der Religion

    BAYER – der Aufstieg als Pharmazeut

    ASPIRIN – ein Sieg, bitterer als jede Niederlage

    Amour fou – in den Alpen

    Obersalzberg I – ein Bergdorf verwandelt sich

    »Blitzlicht Bayer« – der Gipfel- und der Bilderstürmer

    Fotos, Bilder, Filme – der lange Abschied von Bayer

    Berlin – Cellon kommt von Lonne

    Obersalzberg II – mehr als eine Sommerfrische

    Im Krieg 1914–1918 – die Konjunktur der Chemiker

    Neustart nach dem Krieg – Cellon für den Frieden

    »Diese Schlange im Gras« – Aufstieg und Fall des Ed Edwards-Eichengrün

    Die Rochade – Patchworkfamilie Eichengrün

    Obersalzberg III – Fluchtpunkt Berchtesgaden

    »Dem Ingenör ist nichts zu schwör« – Eichengrüns Kunststoffuniversum

    Cellon-Werke und »Celloner« – eine verschwundene Fabrikwelt und ihre Menschen

    Das Haberfeldtreiben – Abschied vom Obersalzberg

    Roaring Twenties – Eichengrün und seine Kinder

    Cellon überall – Höhenflug vor dem Absturz

    Kaiserdamm 34 – Nachbar Göring

    Arisierung – vom Dableiben und Fortgehen

    Göring, oder: die Kunst des Plünderns

    Vergesst Eichengrün – Flucht nach München

    Berlin – Rückkehr ohne Ankunft

    Globke, Klauer und die arische Erfinderehre – Denunziation und Deportation ins KZ

    Der Schmerz bleibt – Rückkehr und Rehabilitierung

    Das Ende in Bayern – und ein Vermächtnis

    Der Kreis schließt sich – welche Wege Erinnerung geht

    Über den Autor

    Stammbaum Arthur Eichengrün

    Abbildungsverzeichnis

    Der verschwundene Nachbar aus dem getilgten Dorf

    Doktor Eichengrün. Als ich diesen Namen im Januar 1987 das erste Mal hörte und ein Foto von ihm sah, dachte ich mir nichts dabei, ihn nicht zu kennen. Ich war im Berchtesgadener Land auf der Suche nach Erinnerungen an Häuser und Menschen des verschwundenen bayerischen Alpendorfes Obersalzberg. Begonnen hatte alles mit dem Auftrag, über den Bau des sogenannten Führersperrbezirks¹ zu berichten.

    Die Redaktion der historischen Radiosendereihe »ZeitZeichen« des WDR hatte mir einen Artikel aus dem Völkischen Beobachter vom Januar 1937 geschickt. Darin wurde über eine Rede Adolf Hitlers vor den Bauarbeitern beim Richtfest der Außenstelle der Reichskanzlei in Bischofswiesen berichtet. Ich sollte schildern, wie der Rückzugsort des »Führers« in den Bergen entstand und allmählich zu einem zweiten Regierungssitz ausgebaut wurde – und berichten, was davon 50 Jahre später übrig war. Bei meinen ersten Auffahrten vom Berchtesgadener Tal vier Kilometer steil die B 425 bergan fand ich damals hinter dem Ortsschild Obersalzberg beiderseits der steilen Bergstraße nur wucherndes Unterholz, bis rechter Hand das noch heute existierende Hotel Türken auftauchte und nach einer weiteren Rechtskurve auf einem Plateau die Haltestelle der Spezialbusse, die die Besucher eine noch steilere Bergstraße 800 Meter höher hinauf zum Kehlsteinhaus verfrachteten, das die Amerikaner 1945 in »Eagle’s Nest« umgetauft haben. Vom Berghof Hitlers keine Spur, keine weithin sichtbare Ruine, keine Wegweiser ins Unterholz.

    NS-Sightseeing am Obersalzberg in den 1980er Jahren.

    Nur am Kiosk mit den Obersalzbergsouvenirs, neben den Luis-Trenker-Hüten, den Edelweißaufnähern, den Wanderstöcken mit den passenden Stocknägeln, da strahlten im Hochglanz Hitlers einst bescheidenes Haus Wachenfeld, später zum klobigen Berghof erweitert, das Landhaus Göring, die Villa Bormann und das Karree der SS-Kaserne; sie prangten von den Titelseiten zahlreicher Broschüren mit bunten Bildern, in denen die repräsentative Architektur der 1930er Jahre angepriesen und von der Zerstörung der Führersperrgebiet-Pracht durch alliierte Bomber am 25. April 1945 mit einem unhörbaren Wimmern berichtet wurde. Sic transit gloria tertii Imperii.

    Vor dem Andenkenkiosk entdeckte ich in einer verglasten Vitrine ein topografisches Modell des Obersalzbergs. Darin waren wie auf einem plastischen Monopoly-Spielplan kleine Modelle der NS-Bauten an ihrem einstigen Standort eingesetzt, so wie sie auch in den Broschüren auf Karten eingezeichnet waren, die ich notgedrungen zur Orientierung erworben hatte. Es gab nur diese zwischen Nostalgie und Kitsch oszillierende Publizistik.

    Postkarte vom Obersalzberg, ca. 1935. Mitte rechts außen das frisch errichtete Landhaus Göring, im Zentrum halb links unten Mitterwurf- und Oberwurflehen.

    Aber was war eigentlich mit all den pittoresken Häusern und ihren Bewohnern geschehen, die ich auf einer Reihe alter Postkarten aus den 1920er und 1930er Jahren vom Obersalzberg entdeckt hatte? Auch diese Häuser hatten einst hier gestanden, einige sogar genau am selben Ort wie die NS-Bauten, etwa die SS-Kaserne. Im topografischen Modell des Berges vor dem Souvenirkiosk fehlten sie. In den Übersichtsplänen der Broschüren mit so klangvollen Namen wie »Obersalzberg. Biographie des III. Reiches« ebenso. Ihre Umrisse und Standorte waren nicht eingezeichnet, als hätten sie nie existiert.

    So stieß ich unversehens bei der Recherche über den Bau von Hitlers Führersperrbezirk auf eine verdrängte Geschichte hinter der Geschichte. Im Kern beinhaltet sie, dass die eigentliche Zerstörung Obersalzbergs nicht, wie allgemein angenommen, im Bombenhagel der Alliierten am Ende des Krieges geschah. Sie handelt davon, dass der Bau des Führersperrbezirks selbst die Zerstörung des organisch gewachsenen Bergbauerndorfes Obersalzberg bedeutete. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden zum Verkauf genötigt und vertrieben, ihre Häuser abgerissen.

    Die Mehrheit der Umgesiedelten bestand aus bäuerlichen Familien, die sich nahe ihrer Heimat im Berchtesgadener Land eine Bleibe suchen und eine neue Existenz aufbauen mussten. In den meist von Berchtesgadener Verlagen gestalteten Broschüren wurde das Schicksal der Obersalzberger in stumpfer Empathielosigkeit ignoriert. Am Nichtwissen lag es nicht. Was am Obersalzberg geschehen war, dass Familien Haus und Hof verloren hatten und vertrieben worden waren, war im Berchtesgadener Tal und der Marktgemeinde kein Geheimnis. Als ich die Zimmerwirtin auf meiner ersten Recherchereise fragte, was aus den Häusern und ihren Bewohnern auf den alten Obersalzbergpostkarten geworden sei, benannte mir Frau Rasp gleich einen Anlaufpunkt. Sie instruierte mich auf die Weise, die man im Berchtesgadener Land kennen muss, um Menschen und Orte zuordnen und finden zu können: In Obersalzberg, da habe es einen Bauern gegeben, den alle bei seinem Hausnamen den »Emerer« nannten. Mit Familiennamen habe er Josef Hölzl geheißen. Sein Hof, das Oberwurflehen, befand sich mitten im Geschehen, und Hölzl wurde mit seiner Familie von dort vertrieben. Ich solle nach Oberau fahren, zum Gasthof Priesterstein. Dort lebe jetzt Johanna Stangassinger, die jüngste Tochter des Emerer, die am Obersalzberg geboren und aufgewachsen sei. Sie habe diese Heimatvertreibung miterlebt.

    Ich fuhr nach Oberau. Das Dorf und der Gasthof Priesterstein liegen fünf Kilometer nördlich vom ehemaligen Ortskern Obersalzbergs entfernt. Von den Fensterplätzen im Gastraum des Gasthofs Priesterstein sieht man direkt dorthin. Schaut man bei wolkenlosem Wetter nach links oben, blinkt Hitlers Kehlsteinhaus in der Sonne. Mit dieser Landmarke und Perspektive hatte Johanna Stangassinger immerzu ein optisches Memento vor Augen. Ich fragte die Kellnerin nach Frau Stangassinger. Die sei in der Küche, sie werde ihr Bescheid sagen. Nach einer Weile erschien sie, die Schürze um- und in ihren Auskünften kurz angebunden: Ja, sie sei die Tochter des Emerer. Aber Obersalzberg und ihre alte Heimat gebe es nicht mehr und damit nichts mehr zu erzählen. Sie zeigte sich bei meinen ersten Besuchen widerstrebend, über ihre Kindheit und Jugend, über die Erlebnisse ihrer Familie in Obersalzberg und den erzwungenen Abschied von dort zu erzählen. Als sei ihr mein Interesse suspekt und müsse auf Ernsthaftigkeit geprüft werden, vertröstete sie mich – sie habe zu tun –, verschwand in der Küche und ließ mich warten. Die Ausdauerprobe war kein reiner Vorwand, denn mit ihren mehr als 70 Jahren arbeitete sie noch voll in der Küche des von Sohn und Schwiegertochter geführten Gasthofes mit. Die Wartezeit versüßte ich mir mit ihrer Spezialität, einem karamellisierten, speckigen Kaiserschmarrn, den sie versiert in einer alten schwarzen Eisenpfanne briet. Das Warten und das Wiederkommen belohnte Johanna Stangassinger mit zunehmender Auskunftsbereitschaft.

    Johanna Stangassinger, geb. Hölzl, aus dem Oberwurflehen in Obersalzberg.

    Ein resolutes Wesen funkelte aus ihren Augen, und mit ihrer rauen, dunklen Stimme ließ sie die Erinnerungen an die Zeit in Obersalzberg in einprägsamen Bildern lebendig werden, auch jenen Tag im Januar 1937, der den endgültigen Abschied der Familie Hölzl vom Obersalzberg bedeutete.

    »Meinen Vater und meine Mutter wollten sie ins KZ bringen. Der Bormann, der war bei uns im Haus, und dann hat er gesagt: ›Herr Hölzl, Sie brauchen das Haus nicht zu verkaufen, aber dann kriegen Sie gar nichts, und Sie kommen ins KZ.‹ – Das hab’ ich wortwörtlich in der Stube drinnen gehört, wie das der Bormann gesagt hat.«²

    So lakonisch und genau, wie Johanna Stangassinger das Schicksal der eigenen Familie berichtete, schilderte sie mir auch, was in der Nachbarschaft geschah. Sie erlebte den Auftakt der Vertreibungswelle im August 1933. Von der anderen Straßenseite aus wurde sie zur Augenzeugin der Verhaftung des Türkenwirts Karl Schuster durch die Gestapo.

    »Es war gerade ein Uhr Mittag. Ich war vorm Haus, und da seh ich, wie ein großer Panzerwagen, ein gepanzerter Mercedes, vorfährt. Da stiegen vier bis sechs Kripobeamte aus – ich kannt’ sie alle beim Namen, weil sie ja zum Teil in unserem Haus gewohnt haben, haben die Türen aufgerissen und den Karl Schuster rausgezerrt, rein ins Auto, und dann schrie seine Frau: ›Karle, was ist denn los!‹ – Ich hör das heut noch in meinen Ohren! – Und dann hat sie sich vor das Auto hingeschmissen, und sie lag da, und dann hat’s einer einfach brutal weggezerrt, und dann sind sie weggefahren.«³

    Johann Stangassinger begriff damals, was der zynische NS-Euphemismus Schutzhaft bedeutete. Schuster gab nur Wochen nach dem Gefängnisaufenthalt auf und verkaufte. Ebenso hautnah erlebte sie vier Jahre später, wie die in Eigenleistung der Obersalzberger errichtete Kapelle Maria Hilf abgerissen wurde, die neben dem Oberwurflehen auf dem Grund der Hölzls stand. Sie sah, wie den zum Zwangsverkauf genötigten Obersalzberger Familien die Dächer ihrer Häuser abgerissen wurden, während sie noch darin wohnten. Die Ohnmacht und die Wut, die sie damals empfand, vibrierten hörbar in ihrer Stimme, wenn sie erzählte.

    Johanna Stangassinger war nie dazu zu bewegen, mit mir an den Ort zu fahren, an dem einst das Oberwurflehen gestanden hatte, nicht ein Mal im Laufe der über Jahre ausgedehnten Recherche, die mich immer wieder zu ihr geführt hat. Keine Zeit, sagte sie jedes Mal, die Arbeit in der Gastronomie geht nie aus, und verschwand im Haus. Kam dann wieder, setzte sich doch zu mir, beugte sich über alte Bilder, strapazierte ihr Gedächtnis, nahm sich Zeit. Sie redete mit einer Energie und Bitterkeit von der verlorenen Heimat, davon, was geschehen ist und was sie gesehen hat, als sei all das gestern gewesen und nicht vor über 50 Jahren, als sie eine zwanzigjährige Bauerntochter war. Diese Bitterkeit, die sie meist mit einem trockenen Lachen wieder beiseitewischte, war der wahre Grund, warum Johanna Stangassinger bei einem Lokaltermin in der alten Heimat nicht mitmachte.

    »Nein, nein«, wehrte sie ab, »ich schau nimmer hin. Wenn ich grad einmal vorbeifahr an der Straße vielleicht, aber aussteigen tu ich nicht. Da sind mir die Wildnis und der ganze Saustall zu groß, und die ganze Atmosphäre ist weg. Man weiß gar nicht mehr, wo’s Haus gestanden hat. Da haben sie den Bormann-Stollen reingegraben auf unserem Grund, und das schaut aus wie ein Gräuel der Verwüstung. Nein, da geht nix mehr«,⁴ sagte sie, und ihre Augen verrieten, dass sie in diesem Fall die Arbeit nur vorschob.

    Und wie sahen das Leben, der Alltag, die Nachbarschaft aus, bevor Hitler nach Obersalzberg kam? – Darüber gab Johanna Stangassinger nüchtern Auskunft. Über das harte und ärmliche Leben auf dem Bergbauernhof mit seinen mageren Weiden, über den Zuverdienst ihrer Mutter durch den Pensionsbetrieb für die Gäste aus der Stadt, über den zweistündigen Weg hin und zurück zur Schule in Berchtesgaden. Sprach sie über die abenteuerliche Kinderfreiheit in der Natur, geriet sie in schwelgerische Begeisterung. Sie holte ein Fotoalbum herbei und zeigte mir die vielen Kinder in Obersalzberg, allein in der unmittelbaren Nachbarschaft eine stattliche Schar, fünf bei den Hölzls und fünf bei der Familie des Türkenwirts Schuster, dann die Cousins und Cousinen der Hölzl-Kinder aus dem Alpengasthof Steiner, ein Stück die Dorfstraße hinab. »Dann war eine Judenfamilie oben, die waren unsere Nachbarn, die Eichengrüns, die sind dann weggezogen. Die hatten zwei Kinder, die Hille und den Hans.«⁵ Eine ganze Reihe von Fotos in Johanna Stangassingers Album, aufgenommen im benachbarten Mitterwurflehen, zeigt, dass die beiden zu den Dorfkindern dazugehörten. Das Haus der Eichengrüns sei ein offenes Haus gewesen, in dem sich die Obersalzberger Kinderschar immer wieder traf.

    Hille und Hans vor dem Brunnen in Haus Mitterwurf mit Hund Kras.

    Auf einem Bild posieren vor dem Brunnen am Haus nur die Geschwister. Hildegard, die in der Familie und unter den Kindern Hille gerufen wurde, und ihr Bruder Hans, sie im Dirndl, er in Trachtenjanker und Lederhose, auf einem anderen Foto drängelt sich vor und auf dem Brunnen eine Traube von 14 Kindern, Hans und Hille mittendrin. Eine ähnlich große Kinderschar sitzt an einer Kindergeburtstagstafel auf einer überdachten Terrasse im Freien.

    »Da ist jedes Obersalzberger Kind eingeladen worden, da hat’s Kakao gegeben, Wurstbrote und dann Süßigkeiten, Schokolade und Kuchen, und a jeder hat ein Paket gekriegt, jedes Kind; und das war unser schönstes Fest, wenn wir bei den Eichengrüns eingeladen waren. Da hat kein Mensch gesagt: Öha! Juden!? – Na ja: Juden. Das war auch a Mensch wie wir auch.«

    Kindergeburtstag in Mitterwurf, im Hintergrund Arthur Eichengrün.

    Im Hintergrund, am Kopfende des Tisches, hat ein Mann im Janker mit weißem Hemd und Krawatte Platz genommen und schaut dem Treiben beim Kindergeburtstag lächelnd zu. Das ist der Doktor Arthur Eichengrün. Den »Doktor« betont Johanna Stangassinger.

    Von ihm, dem Doktor, gibt es noch ein weiteres Bild, das sowohl in das Familienalbum der Hölzls als auch das der Familie Steiner eingeklebt wurde, ganz offenbar ein mitgebrachtes Geschenk, denn dieses Porträtfoto ist nicht am Obersalzberg entstanden.

    Es zeigt ihn nicht im Mitterwurflehen, sondern in einem städtischen Salon, diesmal im eleganten Anzug, vor einem offenen Kamin mit kunstvoll verziertem Sims. Eichengrün posiert aufrecht in einem Sessel sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem dunklen Leder seiner Schuhe spiegeln sich Lichtreflexe. In der linken Hand, auf die Lehne gestützt, hält er eine brennende Zigarette. Eichengrün ist auf diesem Bild etwa 40 Jahre alt. Er hat eine hohe Stirn, geschwungene Brauen und einen sorgfältig gespitzten Oberlippenbart. Er schaut prüfend in die Kamera, als frage er sich, ob der Fotograf das Material wohl richtig belichte.

    Seit ich dieses Bild in den Fotoalben der vom Obersalzberg vertriebenen Familien Hölzl und Steiner entdeckt hatte, wollte ich herausfinden, wer der elegante Herr Eichengrün gewesen ist, wie es ihn ins Berchtesgadener Land verschlagen hatte und was aus ihm und seiner jüdischen Familie nach ihrem Weggang vom Obersalzberg wurde.

    Die einheimischen ehemaligen Nachbarn wussten nur wenig: Ein Geldmann sei er gewesen. Ein Doktor. Ein Erfinder und Fabrikant aus Berlin. Er habe irgendetwas mit Aspirin und mit dem Zeppelin zu tun gehabt, davon habe die Familie gelegentlich gesprochen. Eines Tages sei erst er verschwunden gewesen und dann auch seine Familie. Das Haus hätten sie verloren wie die anderen Obersalzberger auch, nur etwas früher.

    Wohin waren sie verschwunden? Hatten sie Nazizeit und Krieg überlebt? Johanna Stangassinger, die die Jahre der Nachbarschaft so genau beobachtet und in der Erinnerung bewahrt hatte, hat sie mit der Auslöschung ihres Heimatortes aus den Augen verloren und konnte mir nicht weiterhelfen.


    1 Begriffe, geografische Bezeichnungen und Organisationsnamen und Redewendungen, die im Nationalsozialismus geprägt wurden, habe ich im gesamten Buchtext mit kursiver Schrift kenntlich gemacht. Aus dem schon 1916 erbauten und damals »Haus Wachenfeld« benannten Gebäude, das Hitler 1928 bezieht und 1937 umbaut und erweitert, wird dann der Berghof.

    2 Johanna Stangassinger im Interview mit dem Autor, Januar 1987.

    3 Ebenda.

    4 Ebenda.

    5 Ebenda.

    6 Johanna Stangassinger im Interview mit dem Autor, Juli 1999.

    Eichengrün – auf der Suche nach einem Unbekannten

    Eichengrün und Aspirin. Nur diese beiden Namen brachte ich von der ersten Recherche Ende der 1980er Jahre aus Berchtesgaden mit, um den einstigen jüdischen Nachbarn der alteingesessenen und dann aus Obersalzberg vertriebenen Bauernfamilien auf die Spur zu kommen. Der Große Brockhaus verzeichnete bis zur 20. Auflage 1996 nichts zu Eichengrün, wohl aber zu Aspirin, wenn auch nur einen kurzen Verweis: »Aspirin®[...], Warenzeichen für Arzneimittel mit dem Wirkstoff ➝Acetylsalicylsäure«.¹ Dieser Eintrag erwies sich, was Arthur Eichengrün anging, als tote Spur: »Acetylsalicylsäure, Acidum acetyl(o)salicylicum, Abkömmling der Salicylsäure; 1859 erstmals synthetisierter und 1899 von H. Dreser eingeführter schmerzstillender, fiebersenkender und entzündungshemmender Arzneistoff«.² Wohl aber listet das Lexikon im Telegrammstil die medizinische Potenz eines Jahrhundertmedikaments auf: »A. hemmt auch die Zusammenballung von Blutplättchen (Thrombozytenaggregation) und ist z. Z. der bedeutendste Thrombozytenaggregationshemmer. A. wird deshalb außer als Schmerzmittel v. a. auch als Prophylaxe von Thrombosen und Embolien, aber auch zur Prophylaxe gegen das Wiederauftreten eines Herzinfarktes verwendet […].«³

    Wie Eichengrün finden? Glücklicherweise bot mir 1990 das rauschende und piepende Telefonmodem an meinem ersten internetfähigen Computer einen hilfreichen Vorgeschmack auf die heutigen Möglichkeiten der Onlinerecherche. Ich gab »Eichengrün« in die Maske der neu eingerichteten bundesweiten Telefonnummernsuche der Deutschen Bundespost ein, und das BTX-System spuckte auf dem Monitor in grüner Schrift auf schwarzem Grund fünf Treffer aus. Mit Glück landete ich gleich mit den ersten zwei Eichengrüns unter selber Adresse in Königswinter am rechten Platz.

    Ja, sagte mir Waltraud Eichengrün, ihr Ehemann Ernst sei ein Enkel von Doktor Arthur Eichengrün. Und ich sei mittlerweile der zweite Interessent, der sich bei ihr nach dem Großvater ihres Mannes erkundige und damit an kaum angeschaute Episoden der Familiengeschichte rühre. Ernst habe um sie bislang einen Bogen gemacht. Geschichte sei, beruflich gesehen, sein Thema – er war zu dieser Zeit Pressesprecher des Bundesarchivs in Koblenz –, aber der privaten, familiären Geschichtserforschung gehe er noch aus dem Wege, in einer Mischung aus beruflicher Belastung und der Ahnung, dass für ihn mit dieser Recherche bedrückende Erinnerungen und Einblicke verbunden sein würden.

    Waltraud Eichengrün hörte sich an, was ich zur Familie Eichengrün über die einstigen Nachbarn in Obersalzberg in Erfahrung gebracht hatte. Was ich darüber berichte, sei ihr gänzlich unbekannt. Sie und ihr Mann könnten zu diesem spannenden Lebensabschnitt von Arthur Eichengrün allerdings nichts beitragen. So ähnlich sei es ihr und ihrem Mann kürzlich auch mit dem anderen Interessenten ergangen, mit dem Mediziner Michael de Ridder aus Berlin. Er habe nach Dokumenten über den Großvater aus der Familie gefragt und sie erbeten. Er habe ihnen im Gegenzug Informationen aus einem Bereich mitgebracht, in den sie bislang kaum Einblick gehabt hatten, über Arthur Eichengrüns frühe Berufsjahre als pharmazeutischer Chemiker bei den Farbenfabriken, vormals Friedrich Bayer Co. Elberfeld, heute schlicht Bayer. Sie kenne nur wenige Dokumente. Es gebe aber einen gedruckten Lebenslauf, der in vielen fotokopierten Exemplaren im Nachlass des Großvaters aufbewahrt und immer wieder hervorgeholt werde, wenn es im familiären Gespräch um Arthur Eichengrün gehe. Sie werde mir eine Kopie zuschicken.

    Ein paar Tage nach unserem Gespräch kam sie mit der Post. Ich zog sie samt einem ermutigenden Begleitschreiben von Waltraud Eichengrün aus dem Umschlag und faltete das Blatt mit der Biografie auf, die aus einem Buch kopiert worden war, ein eng gesetzter Lexikonartikel mit einem in den zweispaltigen Text eingefügten Fotoporträt. An der hohen Stirn und dem prüfenden Blick in die Kamera erkannte ich sofort den Mann aus den Familienfotoalben der Obersalzberger Nachbarn wieder. Hier aber posiert nicht ein entspannt lächelnder Privatmann auf der Terrasse des Obersalzberger Hauses oder vor dem Kamin einer Stadtvilla, sondern eine Zelebrität. Eichengrün trägt zum weißen Hemd mit hohem Kragen eine schmale Krawatte. Der Schnauzbart ist jetzt nicht mehr dandyhaft gezwirbelt, sondern akkurat gestutzt, und der über die Jahre lichter gewordene Haaransatz lässt die hohe Stirn noch höher erscheinen.

    Die Überraschung aber bietet der Text, ein dichter, mit Informationen vollgepackter Lexikoneintrag. In äußerst knapper Form werden Eichengrüns Familiendaten, seine Lern- und Lebensstationen, seine Fähigkeiten und eine Fülle von Erfindungen, Ehrungen und Verdienste aufgezählt, eine Lebenssumme an Leistungen, die es höchst plausibel machte, dass man sich dieses Mannes bestimmt auch in Zukunft erinnern solle und werde. Mit genau dieser Absicht war Eichengrüns Biografie verfasst worden – wie auch die Lebensläufe der anderen etwa 8500 Personen, die im Jahr 1930 im Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft aufgenommen wurden.

    Kein Geringerer als Ferdinand Tönnies, der Begründer der modernen Soziologie in Deutschland, schrieb das programmatische Vorwort dieses Who’s who der Weimarer Republik. Er begründet darin das Konzept und die Kriterien für das 1930 herausgebrachte völlig neuartige Nachschlagewerk. Im Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft wurden die darin aufgenommenen Persönlichkeiten gänzlich anders ausgewählt als in vergleichbaren Vorgängerwerken wie etwa dem »Gotha«, für den allein die adelige Geburt als Aufnahmekriterium galt.⁶ Aber die monarchistische Ständegesellschaft mit ihrer starren Struktur ist nach 1918 Geschichte. In der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie, so Tönnies in seinem Vorwort, sollten nicht Herkunft, Standes- oder Religionszugehörigkeit, sondern allein die Bedeutung und die Leistungen einer Persönlichkeit im gegenwärtigen geistigen, wirtschaftlichen und politischen Gefüge der Gesellschaft zählen, weshalb Zeitgenossen wie Arthur Eichengrün im Fokus standen. Das Reichshandbuch müsse daher als eine Ergänzung zur Allgemeinen Deutschen Biographie willkommen sein, denn, so Tönnies: »Ein Inventar der l e b e n d e n H ä u p t e r deutscher Nation, deutschen Geistes ist es, was das Reichshandbuch bieten kann und soll.«⁷

    Arthur Eichengrün im »Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft«.

    Man braucht zwei Hände für dieses Handbuch; die beiden in blaues Leder gebundenen Folianten wiegen zwölf Kilo. Die eingeprägten goldenen Titellettern, die aufwendige Ausstattung, der Druck auf schwerem Hochglanzpapier mit den gestochen scharfen Fotoporträts fordern demonstrativ Respekt ein für die Persönlichkeiten, die darin Aufnahme gefunden haben.

    »Eichengrün, Arthur. Dr. phil., Dr. Ing. E. h. der Technischen Hochschule Hannover, Gründer und Inhaber der Cellon-Werke. Geb. 13.8.1867 in Aachen – Vater: Tuchfabrikant. Mutter: Emma, geb. Meyer. – Ver. mit Lucie, geb. Bartsch. – Kinder: Edgar, Dipl.-Ing.; Hans-Günther; Alice; Lottie; Hildegard, Dipl.-Ing.«

    Wie exakt passende Puzzlestücke fand ich die von Johanna Stangassinger genannten Namen ihrer kindlichen Spielgefährten Hille und Hans in den ersten Zeilen der Biografie des Arthur Eichengrün im Reichshandbuch wieder. Zusammen mit den Bildern aus den Familienfotoalben der ehemaligen Obersalzberger bewiesen sie, dass ich tatsächlich den Nachbarn des Emerer-Bauern vom Oberwurflehen gefunden hatte, der lange Jahre im Mitterwurflehen gelebt hatte – und dessen Familie schräg über die Straße auch noch den Nachbarn Hitler bekam.

    Zur Genugtuung über diesen Fund gesellte sich Verwunderung. Ich war zufällig und beiläufig am Obersalzberg auf einen Unbekannten aufmerksam geworden. Arthur Eichengrün war wie in einem kleinen ewigen Licht in der privaten Erinnerung einer alten Dame an ihre Kindheit lebendig geblieben. Aber im gegenwärtigen, kollektiven und öffentlichen Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland, Stand 1986, existierte Arthur Eichengrün nicht mehr. Als hätte dieser Mann nie gelebt. Dabei war er in Deutschland vom Kaiserreich bis an das Ende der Weimarer Republik als eine herausragende wissenschaftliche und wirtschaftlich kreative Persönlichkeit anerkannt gewesen, was das Reichshandbuch eindrucksvoll belegt.

    So ausgelöscht die öffentliche Erinnerung war, blieb nur der Weg über die Familie, zu der ich mit Waltraud und Ernst Eichengrün einen ersten Zugang gefunden hatte.

    Ernst Eichengrün lernte ich zunächst nur als knorrige, mit Berliner Dialekt gefärbte Telefonstimme kennen, knapp, aber präzise in seinen Auskünften. Anfangs hielt ich seine Lakonie für Skepsis mir gegenüber. Allmählich begriff ich, dass er es liebt, subtile ironische Pointen zu setzen.

    »Ihre Frau erzählte mir, Sie könnten mir über Familie Eichengrün am Obersalzberg nichts berichten – warum?«

    »Weil Dr. E.« – Enkel Ernst machte mich gleich mit dem familieninternen Kürzel für Arthur Eichengrün vertraut – »mit drei Frauen drei Familien Eichengrün nacheinander begründet hat. Und er ließ die jeweils vorangegangenen dann hinter sich. Er sprach nicht über diese Zäsuren. Ich bin ein Enkel aus Ehe Nummer eins mit Lizzy Fechheimer. Die wohnte in Potsdam, und ich nannte sie Granny, weil sie Amerikanerin war. Am Obersalzberg, das war Ehe Nummer zwei. Und als ich 1935 geboren wurde, da war er längst schon bei Ehe Nummer drei angelangt, das war die mit Lucie Bartsch, die zur Zeit des Reichshandbuchs aktuell war. Die traf ich, wenn ich Opi in Funkturmnähe am Kaiserdamm besuchte. Lucie Bartsch war für mich Oma Lutz. Das war so, und warum es so war, darüber wurde nicht gesprochen, erst recht nicht Kindern wie mir gegenüber.«

    Ähnlich diskret wie in Ehe- und Familienangelegenheiten sind die Lexikoneinträge im Reichshandbuch in Fragen der Konfession und Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie werden generell ausgespart. Nur drei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten behandeln die Autoren der Lexikonartikel des Reichshandbuches Religion als Privatsache, die den Rang und die Stellung einer Persönlichkeit in der Gesellschaft nicht berührt, da aus dem religiösen Bekenntnis oder der ethnischen Abstammung eines Menschen weder eine Exzellenz noch eine Abwertung abgeleitet wird. Arthur Eichengrüns Herkunft aus einer jüdischen Familie wird in dem ausführlichen eineinhalbspaltigen Eintrag über ihn nicht erwähnt, genauso wenig wie beispielsweise die katholische Taufe des »Führers der NSDAP Adolf Hitler«, dem ebenfalls im Reichshandbuch ein Artikel gewidmet ist, wenn auch ein sehr kurzer mit einem nur briefmarkengroßen Foto.

    Ein paar Zeilen weiter in Eichengrüns Eintrag fand ich das zweite passende Puzzleteil, das mir die Obersalzbergerin Johanna Stangassinger über ihren Nachbarn an die Hand gegeben hatte, es fügte sich in Eichengrüns Lebenslauf im Reichshandbuch nahtlos ein:

    »[…] 1895 wurde er von Carl Duisberg als Leiter der neu gegründeten pharmazeutischen-wissenschaftlichen Abteilung der Farbenfabriken, vorm. Friedrich Bayer & Co., Elberfeld (der jetzigen I.G. Farben) berufen und wurde 1900 Prokurist dieser Firma und Leiter auch der photographischen und technischen Abteilungen. Aus jener Zeit stammen zahlreiche Erfindungen auf diesen Arbeitsgebieten, von welchen die ›neuen Arzneimittel‹ Protargol, Helmitol, Citarin, Asprin, Mesotan besonders genannt seien. […]«¹⁰

    Aspirin. Damit fällt das zweite Codewort, das ich von Johanna Stangassinger gehört und das sich bei mir wie ein Ohrwurm eingenistet hatte. Das Reichshandbuch ordnete es in einer Aufzählung tatsächlich als eine seiner pharmazeutischen Erfindungen dem Obersalzberger Nachbarn Dr. Eichengrün zu und legte die Spur zu seiner beruflichen Laufbahn bei seinem wichtigsten Arbeitgeber, der Farbenfabriken, vormals Friedrich Bayer Co. Elberfeld – und zu dem Mann, der Bayer groß gemacht hat: Carl Duisberg. Ihm, der den jungen Chemiker für Bayer entdeckte und der den damals weltweit größten Chemiekonzern I.G. Farben organisierte und leitete, ist im Reichshandbuch ein noch etwas umfangreicherer Artikel¹¹ gewidmet als Arthur Eichengrün.

    Wenn mich die Aspirin-Spur interessiere, riet mir Waltraud Eichengrün, dann solle ich Michael de Ridder fragen. Der habe sich schon vor einiger Zeit damit befasst. De Ridder war jener Interessent, der sich schon vor mir bei ihr auf der Suche nach Auskünften und Unterlagen über Arthur Eichengrün in Königswinter gemeldet hatte. Er war damals aus Berlin angereist. Für ihn habe Ernst eine Pappschublade mit Dokumenten aus dem Nachlass seines Großvaters gefüllt und mitgegeben. Dieses Material könne ich doch von de Ridder übernehmen.

    Michael de Ridder war nicht am Obersalzberg auf Arthur Eichengrün gestoßen, sondern an einem ganz anderen Schauplatz. Er recherchierte und verfasste in den 1980er Jahren seine medizinische Dissertation zum Thema »Heroin – die Geschichte einer pharmazeutischen Spezialität«.¹² Heroin, das mag erstaunen, war der Marken- und Handelsname für die chemische Substanz Diacetylmorphin, die von den Farbenfabriken synthetisiert und 1898 auf den Arzneimarkt gebracht wurde: als Hustenmittel. In seiner medizingeschichtlichen Untersuchung widmete sich de Ridder der bizarren Karriere des Heroins: Wie hatte sich eine nach systematischer pharmazeutischer Forschung industriell erzeugte Arznei, die von Ärzten als Heilmittel angesehen und verordnet wurde, zu einer gefährlichen Suchtdroge entwickelt?

    Bei seinen Recherchen im Firmenarchiv der Bayer AG war Michael de Ridder dabei wiederholt auf vier Namen gestoßen: auf Bayer-Direktor Carl Duisberg, den Laborchemiker Felix Hoffmann, den Pharmakologen Heinrich Dreser – und auf den Chemiker und Pharmazeuten Arthur Eichengrün. Sie alle arbeiteten bei Bayer an der Entwicklung neuer Heilmittel, an ihrer Prüfung und Markteinführung.

    De Ridder las im Bayer-Archiv alle noch erhaltenen Akten zum Thema und entdeckte, dass der Chemiker Felix Hoffmann am 10. August des Jahres 1897 die Acetylsalicylsäure synthetisiert hatte. Nur elf Tage später, am 21. August, verzeichnete Hoffmann in seinem Laborjournal in der gleichen Versuchsreihe die Synthese des Diacetylmorphins. Was ihren Ursprung anbelangt, kamen das schädliche Suchtgift Heroin und das medizinisch vielseitige Heilmittel Aspirin fast gleichzeitig aus derselben Küche.

    Auf skurrilem Weg und gänzlich unerwartet war ich mit Arthur Eichengrün auf einen Zeitgenossen gestoßen, den ich kennenlernen wollte. Immer weiter angetrieben hat mich der merkwürdige Mahlstrom des Vergessens, der so viele Erinnerungen und Zeugnisse verschlungen und in die Tiefe gezogen hatte, bis an der Oberfläche der deutschen Nachkriegsgesellschaft nichts und niemand mehr an Dr. Dr. h. c. Dr.  h. c. Arthur Eichengrün erinnerte. Wäre da nicht die alte Dame gewesen, die von ihrer Obersalzberger Kindheit im bäuerlichen Oberwurflehen schwärmte und von den Kindergeburtstagen im Haus Mitterwurf bei der Judenfamilie nebenan. Sie gab mir mit dem Namen Eichengrün den Schlüssel für meine Recherchen und setzte mich so auf seine Spur: Die führte zu den Nachkommen der verschiedenen Familienzweige in Deutschland, Spanien, Namibia, Holland und Israel. Sie vertrauten mir ihre Erinnerungen an, Erinnerungssplitter aus dem Blickwinkel der sechs- bis zwölfjährigen Kinder, die sie in den 1930er und 1940er Jahren gewesen waren, ehe sie ihren Großvater aus den Augen verloren, die einen im Krieg, die anderen durch die Emigration. Anfangs zurückhaltend, bald bereitwillig gaben sie mir Einblick in das, was ihnen in ihren Familien vom Großvater und Urgroßvater Arthur Eichengrün geblieben war.

    Was ich vorfand, waren keine vollständigen und systematisch geordneten Nachlässe, sondern Fragmente. Die großen Lücken, die in den privaten, familiären Beständen klaffen, sind den Umständen der Verfolgung geschuldet, der Eichengrün und seine Familie ausgesetzt waren. Sein berufliches Lebenswerk – nach den ebenfalls bedeutenden und prägenden Jahren bei Bayer – waren die 1908 in Berlin gegründeten Cellon-Werke. Sie wurden ihm zwischen 1933 und 1938 durch die Arisierung

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