Alltagsglücksgeschichten: beinah biblisch
Von Andreas Malessa
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Über dieses E-Book
- Zum Vorlesen in Gemeindegruppen ebenso geeignet wie für gemütliche Schmökerstunden allein
- Andreas Malessa - bekannt als Autor der literarischen Kurzgeschichten im alljährlichen "Fastenlesebuch" der EKD-Fastenaktion "7 Wochen ohne"
Du und ich in der Bibel? Wie soll das denn gehen? Ganz einfach: Um alles, was uns heute beschäftigt - Schönes, Trauriges, Aufregendes, Besorgniserregendes - geht es schon in der Bibel. Die beinah biblischen Alltagsglücksgeschichten von Andreas Malessa erzählen genau davon. 28 Erzählungen der Bibel - vom 1. Buch Mose bis zum Johannesevangelium - überträgt Andreas Malessa in unsere Lebenswelt im Hier und Jetzt. Bekannt aus dem Fastenlesebuch der edition chrismon, für dieses Buch ausgewählt, aktualisiert und überarbeitet. Mit Humor und erfrischendem Ton erzählen die Kurzgeschichten von den Alltagsabenteuern verschiedener Protagonisten - von jung bis Best Agers. Da geht's um Klatsch und Tratsch im Büro, um Eifersucht, um Stress mit den Nachbarn, um Omas gegen Rechts, um eine völlig verunglückte WhatsApp-Kommunikation, ein überraschendes After-Work-Treffen in der Stammkneipe, um den ganz normalen Wahnsinn. Und um das Alltagsglück, welches wir alle immer wieder suchen - und mit Gottes Hilfe finden.
Andreas Malessa
Andreas Malessa, Jahrgang 1955, seit über vier Jahrzehnten verheiratet, Theologe und Hörfunkjournalist, hat sich in jährlich rund 90 Vortragsveranstaltungen und rund 20 Büchern den Ruf als scharfsinnig humorvoller Beobachter des Menschlich-Allzumenschlichen erworben.
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Buchvorschau
Alltagsglücksgeschichten - Andreas Malessa
Er sprach aber zu seinen Jüngern: Darum sage
ich euch: Sorgt euch nicht um das Leben,
was ihr essen sollt, auch nicht um den Leib,
was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr
als die Nahrung und der Leib mehr als
die Kleidung. Seht die Raben: Sie säen nicht,
sie ernten nicht, sie haben keinen Keller und
keine Scheune, und Gott ernährt sie doch.
Wie viel mehr seid ihr als die Vögel!
Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch
darum sorgt, seiner Länge eine Elle zusetzen
könnte? Wenn ihr nun auch das Geringste nicht
vermögt, warum sorgt ihr euch um das Übrige?
Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten
nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch
aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit
nicht gekleidet gewesen ist wie eine
von ihnen. Wenn nun Gott das Gras, das heute
auf dem Feld steht und morgen in den Ofen
geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird
er euch kleiden, ihr Kleingläubigen!
LUKAS 12,22–28
Nicht egal, nur unbekümmert
Jannik gehört nicht zu jenen sorglosen Männern, die irgendwann allein in die Stadt gehen und in Rekordzeit zurückkehren mit Hemden, Hosen und Jacketts, die ihnen passen, die ihnen stehen und die keine Privatinsolvenz verursachen. Moni wiederum gehört zu jenen sorgenvollen Frauen, die das selbst erworbene Outfit ihrer Männer fürchten. Wegen des Aussehens.
„Wollen wir am Wochenende mal bummeln gehen?", fragte sie.
„Gern. Aber warum? Und wohin?", fragte er.
Männer brauchen einen Zweck und ein Ziel. Sonst machen sie sich Sorgen. Allzu leicht gerät das Bummeln zur vorsorglichen Vorratshaltung und er, der Flaneur, wird zum Objekt fürsorglicher Entmündigung. So kam es. Genauso.
Brav folgte er ihr in die hellgrelle Unübersichtlichkeit des größten Kaufhauses der Stadt. Betäubt von der Musikdusche uralter Discohits, verwirrt von der seifigen Freundlichkeit der Verkäufer und Verkäuferinnen, verschwitzt von der feuchtwarmen Luft sackte er in eine Art schafsblöde Apathie. Hunderte folienverpackte Hemden voll versteckter Nadeln, Tausende säuberlich gefaltete T-Shirts und Hunderttausende winzige Zettel mit Markennamen, Nummern, Maßen und Preisen verschwammen zu einem Wimmelbild und ließen ihn darüber hinwegsehen, dass die Verkäuferin über ihn hinwegsah. Sie sprach nur mit Moni. Über ihn, wohlgemerkt, und seine Halsweite. So einen Hals bekam er nicht mal dann, als er noch halbnackt in der Umkleidekabine stand, Moni aber schon mit einem lauten „Und?" den Vorhang zur Seite riss. Der Stoff der Hose verursachte Juckreiz. An einer empfindlichen Stelle übrigens. Der Hosenbund schnitt tief ein in die Ernährungsfolgen, denn bisher hatte ihm nichts ausgemacht, was die Natur aus ihm gemacht hatte.
„Ist dir dein Äußeres denn egal?", fragte Moni auf der Rolltreppe.
„Nein, ich will gut aussehen, aber unbekümmert bummeln dürfen. Also nicht einkaufen müssen. Deine Kollegin Anika zum Beispiel …"
Weiter kam Jannik nicht. Diese Bekannte nämlich brachte ihrem Mann Kleidungsstücke aus den Kaufhäusern mit, wartete zu Hause geduldig, bis er sie mal anprobierte und tauschte sie dann wieder um. Manche mehrmals.
„Ich glaub’s ja nicht!, prustete Moni los. „Wie oft, glaubst du, laufe ich für dich in die Stadt? Glaubst du vielleicht, Herrenausstatter verleihen ihre Ware?
Es waren so viele Glaubensfragen auf einmal, dass ihm erst im Café auffiel: Monis Glaube war kleiner als seiner. Sie glaubte nicht daran, dass er das Mitgebrachte je tragen würde. Er glaubte aber, diese Sorge sei unbegründet.
Der Stadtbummel endete trotzdem versöhnlich.
„Gefällt es dir?, fragte Moni und zog ein lilienblaues Top aus der Einkaufstasche. „Hab ich gekauft, während du in der Umkleide warst.
„Das ist wunderschön, Schatz. Wo du so was bloß immer findest!"
Maria aber behielt alle diese Worte
und bewegte sie in ihrem Herzen.
LUKAS 2,19
Herzworte gesucht
Hunde machen das jeden Tag. Sie führen ihr Herrchen oder Frauchen, wie man früher sagte (genderneutral muss es natürlich „ihr Persönchen heißen), an einer Leine um den Block oder ins Grüne. Wer da wen führt, ist offensichtlich: Der Hund immer voraus. Umgangssprachlich sagt man, sie „gehen Gassi
.
Was aber machen die Menschen, während ihre Hunde machen?
Viele telefonieren. Manche reden ihrem Tier gut zu. Einige denken. Sie denken nach. Oder sich was Neues aus. Dass sie tief in Gedanken versunken, ja, geradezu in Gedanken verloren sind, ist auch offensichtlich: Niedrige Fahrradständer, Hecken, Treppen, Mülleimer, rote Fußgängerampeln, sogar Litfaßsäulen – lauter Überraschungen wecken sie wie aus einer Trance.
Moni macht das alle paar Wochen, allein spazieren gehen. Hundelos, kinderlos, herrenlos. Einfach so, erst um den Block und dann in den Grüngürtel der Stadt. Überrascht wird sie dabei nur von der rasant sich verändernden Natur, so selten wie sie hier rauskommt: Krokusse und Weidenkätzchen im März, Wiesenblumen im Mai, herbstbraune Blätter im August. Klimabeschleunigung eben. Sie staunt und kann dabei tief eindenken und ruhig ausdenken.
Moni denkt nach über das, was ihre Coachin gesagt hat. Das ist eine Frau, die ihr alle vierzehn Tage 45 Minuten zuhört und Tipps gibt, Lebenstipps. Gegen Geld, ja, aber wahrscheinlich weniger als eine „richtige Therapeutin genommen hätte. Moni ist ja nicht seelisch krank, nur halt oft gestresst und manchmal ratlos. Außerdem haben alle Führungskräfte heutzutage einen „Personal Trainer
für irgendwas, vermutet Moni. Sie bekommt Ratschläge für Konflikte im Job, für die Optimierung ihrer Ehe mit Jannik, für die Kindererziehung, das Körpergefühl, für die Ernährung, für mehr Achtsamkeit, für eigentlich alles. Und einer dieser Ratschläge lautete: „Gehen Sie spazieren und denken Sie an prägende Worte, die Ihr Herz bewegt haben."
Moni fielen zunächst keine ein. „Leitsätze. Kernaussagen, Lebensweisheiten. Was war Ihr Familienmotto, gab es ein ehernes Gesetz? Was hat Sie geprägt, verstehen Sie?"
Hm.
Opa hatte gern Wilhelm Busch zitiert („Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe"), Papa vergaß nie zu erwähnen, das Leben sei eine Pralinenschachtel und man wisse nie, was
