Und hinterher Helden: Von Männern, die ihrer Zeit voraus waren
Von Andreas Malessa
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Über dieses E-Book
Er zeigt, dass auch Genies durch Durststrecken mussten und in Sackgassen gerieten, Rück- und Fehlschläge und Sinnkrisen zu überstehen hatten, ja scheinbar scheiterten, bevor ihre Bedeutung schließlich doch erkannt wurde.
Es sind viele, deren Straße zum Erfolg einen Umweg über den Frust macht. Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende.
Andreas Malessa
Andreas Malessa, Jahrgang 1955, seit über vier Jahrzehnten verheiratet, Theologe und Hörfunkjournalist, hat sich in jährlich rund 90 Vortragsveranstaltungen und rund 20 Büchern den Ruf als scharfsinnig humorvoller Beobachter des Menschlich-Allzumenschlichen erworben.
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Buchvorschau
Und hinterher Helden - Andreas Malessa
Andreas Malessa
UND HINTERHER HELDEN!
Von Männern, die ihrer Zeit voraus waren
Patmos Verlag
Inhalt
Vorwort
Der fünfmal vom Himmel fiel
Antoine de Saint-Exupéry,
der »Kleine Prinz«
Augenzeuge des Völkermords
Bartolomé de Las Casas,
Apostel der Indios
Zum Trocknen an die frische Luft
Thomas Cook, Reiseveranstalter
Der sein Überleben verwarf
Janusz Korczak, Pädagoge
Verarmt die anderen reich beschenkt
Matthias Claudius, Journalist
Der die Massen mit Stille begeisterte
Roger Schutz, Beter aus Burgund
Nervig visionär mit den »Wilden«
William Penn, Politiker
Der »Irre und Elende« versorgte
Vinzenz von Paul, barmherziger Abenteurer
Den Vater in sich überwinden
Søren Kierkegaard,
Theologe und Philosoph
Infizierte umarmen!
Wolfgang Uhle,
Mörder und Pestpfarrer
Alter Schwede!
Dag Hammarskjöld, UNO-Generalsekretär
Weltmeister der Niederlagen
David Livingstone, Entdecker
Der die Patientenakten fälschte
Fritz von Bodelschwingh, Pflegeheimleiter
Der fromm und doof zum Segen wurde
Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars
Der militant gewaltlos blieb
Martin Luther King, Bürgerrechtsaktivist
Der tausende Kinder versteckte
André Trocmé, Widerstandspfarrer
Lachnummer mit Langzeitwirkung
Albrecht Ludwig Berblinger, Schneider
Dem der Kragen platzte auf der Kanzel
Julius von Jan.
Predigt für einen Freund
Der als Querkopf richtig lag
Roger Williams, Pilgervater
Der sich für Gott zum Affen machte
William Booth, Straßenprediger
Tödlich verheiratet
Jochen Klepper, Dichter
Der an die Kraft der Bilder glaubte
Klaus Mayer,
Vater der Chagall-Fenster von Mainz
»Liebesflammen lodern« lassen
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Songwriter
Der mitleidsvoll wütend wurde
Thomas Müntzer, Revolutionär
Der 50 Jahre geschwiegen hatte
Nicholas Winton, Kinderretter
O der Fröhliche
Johannes D. Falk,
Satiriker und Sozialreformer
Osterpredigt, durchs Gitter geschrien
Paul Schneider, Dickschädel
Der den »halben Kräften« Jobs verschaffte
Gustav Werner, Sozialvisionär
ÜBER DEN AUTOR
ÜBER DAS BUCH
IMPRESSUM
HINWEISE DES VERLAGS
Viele, die ihrer Zeit vorausgeeilt waren,
mussten auf sie in sehr unbequemen Unterkünften warten.
Stanisław Jerzy Lec (1909–1966)
In diesem Buch finden Sie keine Gendersternchen, Doppelpunkte in der Wortmitte, Unterstriche, Binnen-Versalien oder Endungs-X. Das ist keine Ablehnung der dringend notwendigen Bemühungen, Chancengleichheit für alle herzustellen, im Gegenteil: Diesem Ziel fühle ich mich verpflichtet, auch als Autor.
Allerdings glaube ich nicht, dass Verkomplizierung der Sprache und erschwerte Lesbarkeit die Ungerechtigkeiten beseitigen. Nur aktives Handeln schafft Veränderungen. Deshalb nutze ich an vielen Stellen die weibliche und die männliche Form, an manchen die geschlechtsneutrale Verlaufsform, an anderen nur die weibliche oder nur die männliche Schreibweise.
Meinem Inspirator und geschätzten Redakteur Rüdiger Jope: Danke!
Andreas Malessa
Vorwort
Bewundernswerte Frauen begegnen uns in Zeitschriften, auf dem Buchmarkt und im Feuilleton seit Jahren zuhauf. Gut so. Wurde ja auch Zeit. Erst recht, wenn sie historisch unentdeckt geblieben waren.
Aber gab und gibt es nicht auch unentdeckte männliche »Helden«? Und unentdeckte Seiten an den Prominenten, die man zu kennen glaubt? Ja, gibt es.
Erst recht, wenn diese Männer zu Lebzeiten alles andere als erfolgreich, beliebt oder bereits berühmt waren. Ihr »Ruhm posthum« verdeckt nämlich, mit welchen Widerständen und Widrigkeiten sie zu kämpfen hatten – bevor die Geschichte, also wir heute, ihnen Recht gaben.
Dies kurz und kurzweilig zu erzählen, hat mich gereizt: eine Art literarisches Anabolikum für die Mutmuskeln des modernen Mannes. Dessen soziokulturelle Identität ist momentan eine Dauerbaustelle, scheint mir, Umleitungshinweise Richtung Frust nicht ausgeschlossen.
Aber – und daran glaube ich – Gott schrieb schon immer auf krummen Linien gerade. Wie man an jenen Männern sehen kann, die wir hier getrost bestaunen dürfen.
Viel Lesevergnügen wünscht
Andreas Malessa
Der fünfmal vom Himmel fiel
Antoine de Saint-Exupéry, der »Kleine Prinz«
»Man sieht nur mit dem Herzen gut.« »Lieben heißt nicht zuerst, einander anzusehen, sondern in die gleiche Richtung zu schauen.« »Du bist lebenslang verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast« – diese Sätze von romantischen Grußkarten und Kalenderblättern werden in manchen Kirchen häufiger zitiert als Psalm 23. Geschrieben hat sie der französische Pilot Antoine de Saint-Exupéry, Autor des Weltbestsellers »Der Kleine Prinz«.
Am 31. Juli 1944 ist er nördlich von Korsika zum fünften und letzten Mal abgestürzt.
Abstürze, Abbrüche, Fortschritte
Antoine, geboren 1900, wächst vaterlos in zwei Schlössern seiner adligen Mutter auf, wird von einer Gouvernante überbehütet, an einem Jesuitenkolleg allgemeingebildet und darf mit Zwölf an einem Rundflug in einem hölzernen Doppeldecker teilnehmen. »Die schlummernde Seele wiegte des Motors Gesang, erblassend strich die Sonne an uns entlang«, reimt er daraufhin. Er bewirbt sich bei der Militärakademie, fällt aber durch die Aufnahmeprüfung wegen »mangelnder Sprachbegabung und Literaturkenntnisse«!
Er nimmt private Flugstunden, startet heimlich das Schulflugzeug – und stürzt ab. 1921 kommt die Einberufung zum Fliegergeschwader in Straßburg, aber der Dichter aus dem Doppeldecker wird nur dem Ersatzteillager zugeteilt. Endlich zum Leutnant der Luftwaffe aufgestiegen, überlebt er eine zweite Bruchlandung und heißt bei seinen Kollegen jetzt nicht mehr »Tonio«, sondern nur noch »Saint-Ex«. Mit 24 geht auch seine Verlobung in die Brüche. Entnervt holt ihn Familie Exupéry in die Buchhaltung einer Ziegelei. Später wird er Lastwagenverkäufer.
Fliehen durch Fliegen
»Was für ein dunkles Versprechen hat man mir gegeben, das ein dunkler Gott nicht einlöst?«, schreibt er in sein erstes Buchmanuskript.
Seine glückliche Kindheit sei der Planet, von dem er herunterfiel, empfindet Antoine, das bürgerlich vorgezeichnete Leben eine enge Insel, die möglichen Berufswege ein Labyrinth. Und wie der Ikarus aus der griechischen Mythologie träumt Antoine vom Fliehen durch Fliegen.
Es ist der Rektor des Jesuitenkollegs, der ihn Didier Daurat empfiehlt, dem Flugpionier und Chef der späteren Air France. Antoine wird Frachtflieger auf der Strecke von Toulouse über Casablanca nach Dakar. 1927 wird er Postenchef in Kap Juby, mitten im Kriegsgebiet aufständischer Sahara-Völker. 18 einsame Monate in einer Bretterbude in der Wüste. Aber: Exupéry kann 14 notgelandete Piloten bergen. Erfolgreich verhandelt er mit den Mauretaniern und kann gefangene Franzosen freikaufen. Hier entsteht sein Loblied auf Gottes Schöpfung und die Menschlichkeit: »Terre des Hommes« nennt er das Buch, »Erde der Menschen« – inzwischen der Name eines humanitären Hilfswerks. Der deutsche Titel des Buches: »Wind, Sand und Sterne«.
Mondgucker, Träumer
1929 wird Saint-Exupéry Direktor der Fluggesellschaft Aeroposta Argentina und richtet die Nachtflug-Strecke von Rio de Janeiro über Buenos Aires nach Punta Arenas an der Südspitze Chiles ein. Im Juni 1930 kurvt er acht Tage lang in wütenden Winterstürmen über den Anden, bis er – wider Erwarten – seinen verunglückten Kollegen Henri Guillaumet lebend findet und bergen kann. Der verwegene Draufgänger, der »verrückte Mondgucker«, wie ihn seine Freunde nennen.
1935 stürzen Saint-Exupéry und Bordtechniker Prevot in der ägyptischen Sahara ab, bleiben fünf Tage und Nächte verschollen. Halb wahnsinnig vor Durst beobachten sie einen Wüstenfuchs, der sie zu feuchtigkeitshaltigen Beerensträuchern führt. Das Gespräch zwischen Fuchs und Kleinem Prinzen beginnt … Exupéry deliriert und träumt von Tante Sophie im Schloss daheim: »Tantchens Glaube war so unerschütterlich wie der einer frommen Seele. Solch eine Beheimatung speichert einen Vorrat an Beglückung auf! Weil sie tief im Herzen die dunkle Masse sammelt, aus der die Träume entspringen.«
»Saint-Ex« macht seinem Namen ein viertes Mal Ehre, als er im Februar 1938 in Guatemala abstürzt, aber schwerverletzt rechtzeitig gefunden wird.
Seine 1931 geschlossene Ehe mit der salvadorianischen Journalistin Consuelo Sandoval ist kompliziert, was sein Lebensthema nur zu bestärken scheint: Angewiesenheit, verlässliche Freunde. Miteinander schweigen können, zusammenrücken und füreinander einstehen.
Schweigend beten
»Die Größe des Gebets beruht darauf, dass ihm nicht geantwortet wird und dieser Austausch nichts mit einem schäbigen Handel zu tun hat. Ich ahnte, dass man Gebet im Schweigen erlernt und erst dort die Liebe beginnt, wo kein Geschenk mehr erwartet werden muss. Die Liebe aber ist Übung des Gebets.«
Antoine de Saint-Exupéry stand zeitlebens »zögernd an der Schwelle zur Kirche, mit vielen anderen, die
