Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Buchenheim
Buchenheim
Buchenheim
eBook237 Seiten2 Stunden

Buchenheim

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Jörg Dreistett, Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik, der in wenigen Tagen 60 Jahre alt wird, befindet sich auf dem Weg nach Hamburg zu seinem 10 Jahre älteren Bruder Hans. Der hatte sein Elternhaus wegen seiner Jugendfreundin im Streit verlassen und den größten Teil seines Lebens als Provinzschauspieler verbracht. Vor ein paar Jahren reüssierte er mit dem Roman "Nur die Liebe zählt", in dem er den Konflikt mit dem Elternhaus verzerrt darstellt, überraschend zum Bestsellerautor. Die Beziehung zwischen den Brüdern, seit Jahrzehnten schon durch Hans' Zwist mit den Eltern überschattet, wird durch dieses Buch noch weiter belastet.
Zudem neidet Jörg seinem Bruder den schriftstellerischen Erfolg aus zwei Gründen: Das "Machwerk" ist für ihn lediglich gehobene Trivialliteratur, und - viel wesentlicher - er schreibt selbst, wenn auch bisher nur für die Schublade, hält sich aber für den besseren Autor.

Auf der Fahrt kommt Dreistett in der Nähe des Städtchens Buchenheim vorbei, in dem er seine frühe Kindheit verbracht hat. Dies löst in ihm eine Flut an Erinnerungen aus. Bald darauf gerät er in einen Stau und wird wenig später in einen schlimmen Unfall verwickelt. Im Auto eingeklemmt, gehen ihm die Erinnerungsfetzen immer wilder durcheinander, es kommt zusehends zur Vermengung von Realität und Fiktion.

Der Roman handelt einmal von den Erinnerungen an Kindheit (in den späten 40er- und den 50er-Jahren), Jugend (in den 60er Jahren) und Erwachsenenzeit, dann von einem Bruderkonflikt, der nicht vergehen will.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum13. Juni 2023
ISBN9783757870904
Buchenheim
Autor

Wolfgang Sanden

Wolfgang Sanden, 1946 in Hildesheim geboren, übte nach Abitur und Mathematikstudium dreißig Jahre lang verschiedene Berufe in der IT-Branche aus. Unter anderem war er als Programmierer, Systemanalytiker, Berater, Qualitätsmanager und Ausbilder tätig. In jener Zeit konnte er sich dem Schreiben nur sporadisch widmen. Heute arbeitet Wolfgang Sanden als freier Schriftsteller.

Mehr von Wolfgang Sanden lesen

Ähnliche Autoren

Ähnlich wie Buchenheim

Ähnliche E-Books

Fiktion für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Buchenheim

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Buchenheim - Wolfgang Sanden

    1

    Er warf einen letzten Blick über die hügelige Landschaft, die sich da westlich der Autobahn unter wattigem Septemberhimmel ausstreckte. Genau geradeaus lugte in einiger Entfernung der vertraute Burgturm aus dem Wald hervor. Südlich davon und im Dunst nicht einmal zu erahnen, lag Buchenheim – sein Buchenheim.

    Mit einem leichten Seufzer riß er sich los und ging zu seinem Auto auf dem fast leeren Rastplatz zurück. Wie angenehm mild es doch noch war. Es ging nur ein sanfter Fächelwind.

    Zwingend war die Pause nicht gewesen, denn bereits in der Autobahnraststätte bei Göttingen hatte er die Toilette aufgesucht, und etwas zu essen führte er nicht mit sich. Wahrscheinlich würde er hinter Hannover noch einmal an einer Raststätte Halt machen, um eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Wenn sich bis dahin überhaupt ein Hungergefühl einstellen würde. Denn mit jedem Kilometer, um den Hamburg näher rückte, wurde ihm flauer zumute – das Wiedersehen mit Hans nach Jahren unerbittlichen Schweigens lag ihm im Magen.

    Er startete den Motor, setzte zurück und fuhr mit wachsender Geschwindigkeit über die leicht abschüssige Zubringerstraße zur Autobahn vor. Rasch konnte er von der Einfädelspur auf die rechte Fahrbahn wechseln. Gleich darauf überholte er eine Reihe von Lastwagen.

    Der Verkehrsfunk meldete sich. Eine heitere Frauenstimme las eine ellenlange Liste von Staus vor, fast alle durch Baustellen verursacht. Auf den Autobahnabschnitten rund um Hamburg zähflüssiger Verkehr – hoffentlich würde der sich bis zum Nachmittag aufgelöst haben. Immerhin hatte er sich bei seinem Bruder zwischen drei und vier angesagt. Wer weiß, was ihn als Ortsfremden ganz zum Schluß beim Durchwursteln nach Eppendorf noch alles erwartete. Auf das Haus war er gespannt. Und auf Hans’ neue Ehefrau. Natürlich viel jünger als Eva. Irgendwie zynisch: Im „großen Roman, der Zeugnis gibt von einer herzergreifenden Liebe in den beengten und prüden 50er Jahren" – so stand es auf der Rückseite des Einbands und so plapperten es die bunten Blätter nach – spielte Eva, notdürftig hinter dem Namen Konstanze versteckt, die zu Tränen rührende weibliche Hauptrolle. Und dann hatte sie sein Bruder nach bald fünfzig Jahren Zusammenseins abserviert. Auch wenn Eva ihm selbst nie sonderlich ans Herz gewachsen war – die unschöne Trennung in aller Öffentlichkeit hatte sie doch nicht verdient.

    Das Autoradio schwieg wieder.

    Links schossen Raser an ihm vorüber. Er blieb in der mittleren Spur, denn rechts fuhren die dicken Brummer inzwischen in Kolonne.

    Er hatte gut reden. Seine Ehe stand doch auch nur noch auf dem Papier. Warum nicht endlich den letzten Schritt tun? Auf die Kinder mußte man keine Rücksicht mehr nehmen, die waren schon erwachsen. Mal wollte Birgit nicht, mal zögerte er. Nun, finanziell wäre die Pro-forma-Ehe natürlich günstiger. Davon einmal abgesehen bedeutete sie allerdings ein mittleres Desaster. Im wesentlichen Birgits Schuld, das sagten auch seine Freunde. Andererseits ...

    Nee, früher war alles viel besser gewesen. Ganz viel früher – als Kind, ohne diese Erwachsenenprobleme, unbeschwert in Buchenheim.

    Wann war er das letzte Mal dort gewesen? Mußte schon über zehn Jahre her sein. Na klar, da hatte Nenntante Olla – eigentlich Olga, doch das war dem Kindermund zu schwer gewesen – noch gelebt. Ganz allein in dem großen Haus. Auf dem Weg nach Föhr hatten sie die Reise unterbrochen, wie immer, wenn sie Urlaub im Norden machten. Die alte Frau, bald neunzig, sehschwach nun und auf unsicheren Beinen, hatte trotz heftiger Gegenrede darauf bestanden, ihnen ein Mittagessen aufzutischen. Zum Glück hatten auch die Kinder die angebrannten Gulaschstücke und das geleeartig eingedickte Mirabellenkompott aus einem jahrzehntelang gehüteten Einweckglas klaglos hinuntergeschluckt. Nur der besorgt-liebevollen Aufforderung, doch ordentlich zuzugreifen, hatte keiner folgen mögen. Sandra und Thomas waren danach noch kurz im Garten seiner Kindheit herumgelaufen, was bei ihm wieder die etwas mystische Vorstellung hervorgerufen hatte, auf diese Weise würden sie mit seiner glücklichen Kleinkinderzeit besonders eng verbunden, werde etwas von seinem erinnerungsgesättigten Empfinden auf sie übergehen.

    „Hast du was von deinem Bruder gehört, Jörg? Auch wenn sie sich damals noch nicht endgültig entzweit hatten – zu Geburtstagen und Weihnachten wurde telefoniert –, von einer brüderlichen Herzlichkeit war man bereits meilenweit entfernt gewesen. „Er und seine Frau leben hauptsächlich von seinen Auftritten in Werbefilmchen und gelegentlichen Theater-Engagements in der Provinz. Für Eva sieht es noch schlechter aus, in ihrem Alter sind Rollen ziemlich dünn gesät. Wer hätte ahnen können, daß Hans kurz darauf mit einem Herz- und Schmerzroman, der in weiten Teilen eine getarnte Abrechnung mit seiner Familie war, die Bestsellerlisten stürmen und auf einen Schlag aus den roten Zahlen kommen würde?

    „Schade, hatte Tante Olla gemeint, „er war ein so guter Junge. Wenn er sich nur nicht in diese Eva verguckt hätte. Mußte er denn ausgerechnet Schauspieler werden? Gräßlich.

    Vielleicht, nur ganz vielleicht würde er auf der Rückfahrt einen Abstecher nach Buchenheim machen. Denn ein wenig fürchtete er sich vor der Konfrontation mit dem Jetzt. Wie würde er es antreffen? Möglicherweise hatte Olgas Verwandtschaft, das Ehepaar Benecke war kinderlos geblieben, das Anwesen längst verkauft. Auf jeden Fall mußte er damit rechnen, daß Haus und Garten nun ganz anders aussahen als in seinen Erinnerungen. Wollte er sich die wirklich kaputt machen lassen? Dabei hatte schon Tante Olla selbst, gezwungen durch den gnadenlosen Zahn der Zeit, Veränderungen vorgenommen. So hatten die beiden schönen, hoch und gerade gewachsenen Blautannen links und rechts des aus Natursteinen gesetzten Brunnens niedrigen, in die Breite wuchernden Koniferen weichen müssen. Und die Hainbuchenhecke zur Straße hin war durch Liguster ersetzt worden. Aber von außen hatte das Haus bis auf einen frischen Anstrich wie immer ausgesehen.

    Die Kurzauftritte seines Bruders in der Werbung, den Eltern ein immerwährendes Ärgernis („Dieser Hungerleider verplempert seine sämtlichen Begabungen", so der wütende Vater), wie hatten sie denn ausgesehen? Hans als dummer Einbrecher in einer VW-Käfer-Reklame oder eleganter Zigarettenraucher (das weltmännische Auftreten ihres Sohnes hatte Mutti trotz des Zerwürfnisses insgeheim stolz gemacht), als Maggi-Koch, seriöser Persil-Berater, aufgekratzter Bausparkassen-Kunde, in wenigen glücklichen Fällen sogar mit Eva, zum Beispiel als Camping-Freunde oder Ehepaar in einer Werbung für Kuchenmischungen von Dr. Oetker. Er selbst war, wenn er die Filmchen im Fernsehen oder ganz groß auf der Kinoleinwand gesehen hatte, zwischen freudiger Bewunderung in jüngeren Jahren und leicht abfälliger Belustigung später hin- und hergerissen worden.

    Die Jahre in der Ernst-Deger-Straße waren für ihn einfach herrlich gewesen. Der große Garten vor und hinter dem Haus, ideal für kleine Kinder, die gleichaltrige Marlies, Spielkameradin und erste Liebe, die mit ihrer Mutter zwei Zimmer im Obergeschoß bewohnte, Tante Olla und Onkel Oskar, die die „süßen" Kleinen verwöhnten, soweit man in den Nachkriegsjahren – an den heutigen Maßstäben gemessen – überhaupt von Verwöhnen sprechen konnte. Und dann der große Bruder, zehn Jahre älter, den man anhimmelte, weil er so wagemutig war und schon so viel konnte. Da hatte noch alles gestimmt, auch wenn der Vater nur alle zwei, drei Wochen oder noch seltener zu Besuch hatte kommen können, weil er weit weg bei der Oberpostdirektion in Hamburg arbeitete. Von dort dauerte die Eisenbahnfahrt wegen zerstörter Strekkenabschnitte, die zu mehrfachem Umsteigen mit elend langen Wartezeiten zwangen, anfänglich fast einen Tag. Aber Mutti hatte alles im Griff gehabt und den abwesenden Ehemann bestens vertreten. Wegen der in Buchenheim bestehenden Wohnungsnot – die Einwohnerzahl des Städtchens war durch die vielen kriegsbedingt Gestrandeten über ein erträgliches Maß angeschwollen – hatte man den Hausbesitzern unerwünschte Mieter in den Pelz gesetzt. So auch Beneckes, die plötzlich selbst nur noch über zwei Zimmer verfügten. Bis unters Dach war ihr stolzes Haus mit Fremden belegt. Noch die Abstellkammer diente als Schlafplatz, und in der großen Küche kochten nun fünf Familien. Was einen als Kind natürlich in keiner Weise gestört hatte.

    Apropos Abstellkammer unter dem Dach. Dort hatte damals ein Mann namens Holetschek gewohnt. Den Namen wußte er, Jörg, noch heute, war der doch mit einer Geschichte verbunden, die seine Mutter des öfteren zum besten gegeben hatte: Beneckes wunderten sich eines Sommers, daß im Hochbeet, welches, von einem Mäuerchen umgeben, den Sockel des Hochparterres an zwei Seiten verdeckte, an einer bestimmten Stelle die Dahlien nach und nach eingingen. Wühlmäuse oder sonstiges Ungeziefer? Aber warum dann nur in einem kleinen Umkreis? Alles Nachdenken blieb ohne Ergebnis. Bis seine Mutter eines Nachts – das Schlafzimmerfenster stand wegen der Wärme offen – etwas platschen hörte. Sie grübelte und grübelte, was das Geräusch bedeuten könnte. Schließlich kam ihr ein Verdacht. Gleich am Morgen eilte sie in den Garten. Und richtig, die betroffenen Dahlien waren naß, obwohl es nicht geregnet hatte. Und die Flüssigkeit sah etwas merkwürdig aus. Aha, Holetschek hatte die ganze Zeit über den Inhalt seines Nachttopfs durch das Dachfensterchen entleert. Leugnen nutzlos. Zum Glück war der Mann bald ausgezogen.

    Daß Birgit ihn nicht begleitete, ärgerte ihn. Immerhin hatte Hans sie ausdrücklich mit eingeladen. Sie wolle dem Schauspieler kein Theater vormachen, hatte sie ihm kurzerhand beschieden (für ihren Wortwitz mußte man sie wohl oder übel loben). Dabei beherrschte sie dieses Fach durchaus. Hinter ihr Verhältnis mit dem Sportlehrer war er erst ziemlich spät gekommen – auf einen nicht mehr zu überhörenden Tip seiner Tochter hin. Groß empört durfte er darüber allerdings nicht sein, denn makellos konnte man seine eheliche Treuebilanz auch nicht gerade nennen. Auf Klassenfahrten war er schon das eine oder andere Mal der mitgereisten Kollegin aufs Zimmer gefolgt – ganz dezent, ohne daß es die Schüler bemerkt hätten –, aber mit dem Verlassen des Reisebusses bei der Rückkehr war es dann auch so gut wie immer vorbei gewesen. Several-Nights-Stands sozusagen ... Die Sache mit Geli Hasenbach allerdings hatte die Fahrt ins Kleinwalsertal überdauert und beinahe das Aus für die noch junge Ehe bedeutet. Doch da war Birgit, entgegen der Familienplanung etwas verfrüht, schwanger geworden, wogegen selbst Gelis knackige Brüste nichts hatten ausrichten können.

    Ja, Birgit verstand es, Druck auszuüben, je nach Lage versteckt oder offen – auch in kleinen Dingen. Ein hübsches Beispiel war das Gerangel im Eiscafé. Hatte er lediglich Lust auf einen Cappuccino oder einen Bitterino, nannte sie ihn einen Spielverderber, der ihr den Eisbecher vermiese, und weigerte sich, einen für sich allein zu bestellen. Meistens ließ er sich dann breitschlagen und nahm in Gottes Namen drei Kugeln mit Sahne. Eigentlich verdankte sich schon der Beginn ihrer Beziehung einer subtilen Erpressung, von ihm damals allerdings nur allzu gerne hingenommen. Ganz gegenwärtig war ihm jetzt jener Vorfall im Klassenzimmer, so entscheidend für sein Leben.

    Er ist Studienassessor für Mathematik und Physik. Lehrer hat er schon immer werden wollen. Trotz den im Gefolge von 68 aufmüpfiger gewordenen Schülern hat er der verschiedentlich an ihn herangetragenen Verlockung widerstanden, statt des Staatsexamens einen Diplomabschluß zu machen und sein Glück in der freien Wirtschaft zu suchen. Nun unterrichtet er an seinem alten Gymnasium – ein paar der damaligen Lehrer sind noch da und zu Kollegen geworden – und wird sogar schon in der Oberstufe eingesetzt. Er ist jung und durchaus beliebt, obwohl ihn seine Schüler nicht mit Vornamen anreden dürfen und er Wohlverhalten nicht mit Notengeschenken erkauft. Auch dem Charme mancher Schülerin, unbewußt bei den Kleineren, gezielt eingesetzt von den Älteren, ist er immer mit freundlichem Desinteresse begegnet. Bei Michaela Mahlmann allerdings kann man(n) schon auf andere Gedanken kommen, verschwimmt manchmal die Grenze zwischen pädagogischem und sehr irdischem Eros. Hübsches Gesicht, Mannequin-Figur (Model ist noch nicht en vogue), gefährlicher Augenaufschlag, ein Gang wie auf dem Laufsteg, aber eine schlechte Schülerin – teils wegen begrenzter Intelligenz, teils wegen schulferner Interessen mit hohem Ablenkungsgrad. Sie wiederholt die zehnte Klasse und muß mit erneutem Sitzenbleiben rechnen, was das vorzeitige Ende ihrer gymnasialen Karriere bedeuten würde. In Mathematik schwankt Michaela zwischen fünf und sechs. Und nun, im Mai, steht wieder eine Klassenarbeit an. Dieses äußerst attraktive Mädchen, zweifellos schon ziemlich erfahren, hat ein Gespür für männliche Schwächen.

    So bleibt sie nach der Mathestunde so lange im Klassenraum, bis sie mit ihm allein ist (was er zunächst gar nicht bemerkt). Welche Themen denn in der nächsten Arbeit so dran kämen, fängt sie ganz harmlos an. Sie wolle dafür diesmal ganz intensiv lernen. Ein nochmaliges Sitzenbleiben müsse sie unbedingt verhindern, ihre Eltern würden sonst ziemlich sauer werden. Während Michaela so daherredet, kommt sie auf ihren ellenlangen Beinen, die ein sehr kurzer Rock zusätzlich betont, langsam zu ihm, der wie festgenagelt am Lehrerpult steht, herüber und lächelt dabei hintergründig. Dann steht sie vor ihm, nicht einmal eine halbe Armlänge entfernt. Ein sensationeller Augenaufschlag. „Wenn Sie mir die Aufgaben für die Klassenarbeit verraten, können Sie – alles von mir haben", haucht sie. Die prickelndste Verlokkung, drängt sich Michaela an ihn (er spürt die Wärme des jungen Körpers), legt ihren Arm um seinen Nacken, zieht den Willenlosen zu sich heran und beginnt ihn zu küssen. Ihre Lippen öffnen sich ...

    „Oh, störe ich? Birgit Heyse, Deutsch und Geschichte, steht in der Tür, die, welcher Leichtsinn, nur angelehnt war. Er selbst erstarrt zur Salzsäule, Michaela Mahlmann aber läßt nur ganz langsam von ihm ab, sagt halblaut „Schade und verläßt mit wiegendem Gang den Raum. Dabei würdigt sie Birgit keines Blickes.

    Die frischgebackene Referendarin, drei Jahre jünger als er, zeigt sich zunächst eher amüsiert, führt ihm dann aber in besorgtem Ton vor Augen, welche Konsequenzen die verfängliche Situation für ihn haben könnte. „Erste Regel: als Lehrer niemals mit einer Schülerin allein in einem Raum. Und dann war die Tür noch nicht einmal geschlossen. Mensch, Jörg, du bist Assessor und damit sozusagen auf Bewährung! Was hätte alles passieren können, wenn jemand anderes euch so gesehen hätte. – Keine Angst, ich verrate nichts. Diese kleinen Biester sind aber auch brandgefährlich."

    Birgit ist mittelblond, sportlich und sieht nicht schlecht aus. Doch übermäßig interessiert an ihr ist er bisher nicht gewesen. Seine Retterin freilich sieht man in vorteilhafterem Licht. So willigt er in einen gemeinsamen Sonntagsausflug ein. Während des Spazierganges bei schönstem Sonnenschein spricht Birgit noch einmal den Vorfall an und erzählt von einer ähnlichen Sache, die sich zu ihrer Schulzeit zugetragen habe. „Der Lehrer wurde strafversetzt. Erneut versichert sie ihm, daß sie dicht halten und notfalls zu seinen Gunsten aussagen werde, allein schon, um dieser eingebildeten Mahlmann den Triumph nicht zu gönnen. Außerdem habe er ja gar nichts gemacht, sei doch nur Opfer gewesen. „Es bleibt unser Geheimnis. Birgits Lächeln ist in diesem Moment kaum weniger hintergründig als das der Schülerin vor ein paar Tagen. Dann wechseln sie das Thema. Der Tag endet in ihrem Bett. Als sie endlich, nach ausgiebigstem Liebesspiel, erschöpft – er mehr, sie weniger – nebeneinander liegen, flüstert Birgit ihm ins Ohr: „Das hätte dir die Kleine sicherlich nicht bieten können."

    Diese Einschätzung war in den nächsten

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1