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Der Filmfälscher
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eBook294 Seiten3 Stunden

Der Filmfälscher

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Über dieses E-Book

Die Bundeskanzlerin Lise Kranz in Wahrheit eine Stasi-Agentin? Dies jedenfalls behauptet ein gewisser Ronny Rogalla. Ein Wichtigtuer oder jemand, der mehr weiß? Oder sitzt er nur einem Hirngespinst seines Bekannten Gerd Halberegg auf, dieses Sonderlings, der gefälschte Videos in das Internet stellt?
Ein Roman über Freundschaft, Verrat und Verschwörung, der mit der Realität spielt und am Ende eine überraschende Wendung nimmt.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum9. Juni 2021
ISBN9783753444079
Der Filmfälscher
Autor

Wolfgang Sanden

Wolfgang Sanden, 1946 in Hildesheim geboren, übte nach Abitur und Mathematikstudium dreißig Jahre lang verschiedene Berufe in der IT-Branche aus. Unter anderem war er als Programmierer, Systemanalytiker, Berater, Qualitätsmanager und Ausbilder tätig. In jener Zeit konnte er sich dem Schreiben nur sporadisch widmen. Heute arbeitet Wolfgang Sanden als freier Schriftsteller.

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    Buchvorschau

    Der Filmfälscher - Wolfgang Sanden

    1.

    IM ZWIESPALT

    Ausgerechnet über Gerd Halberegg wollen Sie mit mir sprechen?– Ach, Sie sind ein Freund von ihm. – Aha, ein alter Schulfreund, der sich um ihn Sorgen macht? Dann haben Sie sicherlich auch einen Namen. Obwohl das mit dem Namen so eine Sache ist. Damit kenne ich mich aus ...

    Muß aber lange her sein, daß Sie mit ihm Kontakt gehabt haben. Sonst würde ich Ihren Namen kennen. – Weshalb? Na, hören Sie mal, ich kümmere mich schließlich um den Gerd. Und seinetwegen stecke ich im Moment in einem so richtig schönen inneren Zwiespalt, was bei mir etwas heißen will. Denn so einen echten inneren Zwiespalt, das können Sie mir glauben, kenne ich sonst eigentlich gar nicht. Höchstens als Kind, wenn ich nicht wußte, ob ich zwei Kugeln Schokoladeneis und eine Kugel Erdbeereis nehmen sollte oder umgekehrt oder doch lieber einmal Vanille, einmal Schoko und einmal Erdbeer. Ein verdammt blödes Gefühl, das mich auf die Dauer nervös macht und tatsächlich schlecht schlafen läßt. Wenn Sie mich und meine unerschütterliche Loyalität kennen würden – politisch-weltanschauliche Treue ist gemeint, bei Frauen beispielsweise sehe ich das für gewöhnlich etwas anders –, könnten Sie das Ausmaß meiner Verwirrung erst so richtig einschätzen. Seit neuestem nennt man meinen Zustand übrigens kognitive Dissonanz. Klingt vielleicht ein bißchen abgehoben, trifft es aber. Man hört, finde ich, dieses unruhige Hin und Her zwischen verschiedenen, nicht miteinander vereinbaren Gefühlslagen sehr gut heraus. Allerdings – für einen Betroffenen bleibt der Begriff doch eine Spur zu glatt und wissenschaftlich distanziert, denn dieses mentale Gezerre macht einen ganz kribbelig, man möchte sich am liebsten inwendig kratzen. Aber was rede ich? Sie kennen ihn doch garantiert, diesen Aufruhr der Gefühle, wenn Kopf und Herz miteinander in unauflöslichem Widerstreit liegen? Oder sind Sie auch von der sehr viel selteneren Sorte, die sich nicht beirren läßt? Die an dem festhält, was sie einmal als richtig erkannt hat, und deshalb konsequenterweise auch unangenehme Maßnahmen zur Bewahrung des Status quo nicht scheut, mögen sie auf andere noch so hart wirken? Als halsstarrig und unbelehrbar werden wir, die wir so denken und handeln, häufig beschimpft. Und in Sonntagsreden dann wieder als unentbehrliche, weil dem großen Ganzen verpflichtete Stützen der Gesellschaft hervorgehoben. Ja, unbestechlich und absolut verläßlich, so habe ich das immer gesehen, und es gab eine bessere Zeit, in der ich nicht nur sonntags für meine Staatstreue höchste Anerkennung erfahren habe.

    Daß ich einem Fremden gegenüber mein Inneres derart nach außen kehre, ist sonst nicht meine Art. Ich kann es mir auch gar nicht leisten. Viel zu gefährlich. Linie halten, den Anweisungen folgen und ansonsten schweigen, eben loyal sein, das sind unerläßliche Voraussetzungen für die erfolgreiche Erledigung der mir gestellten Aufgaben. So bin ich erzogen worden. Glücklicherweise habe ich immer aus Überzeugung gehandelt. Beruf und Berufung sind bei mir identisch. – Nein, nein, es geht hier nicht um meine Arbeit als Versicherungsvertreter. Das steht nur so in der Steuererklärung. Können Sie aber schließlich nicht wissen – andernfalls wäre es auch ein Alarmzeichen. Mein wirklicher Beruf ... Sie behalten das für sich, ja? Schon in Ihrem eigenen Interesse. Also ... Warum verrate ich es Ihnen eigentlich? Wo ich Sie doch überhaupt nicht kenne ... Vielleicht gerade deshalb, denn wir werden uns kaum wiederbegegnen ... Kurz und gut: Ich bin mit Herz und Verstand Stasi-Offizier. Wenn ich auch, ehrlich gesagt, das Wort „Stasi" überhaupt nicht mag. Hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit – das ist korrekt und seriös ...

    Ein bißchen sperrig? Na gut, Sie haben recht. Aber auf seriös bestehe ich!

    Stasi, werden Sie jetzt gleich fragen – ich sehe es Ihnen direkt an –, die Stasi, ja, gibt’s die denn noch? Ist die DDR denn nicht schon längst untergegangen? – Nun, leider, leider als geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft, immerhin von weit über hundert Staaten anerkannt und in die UNO aufgenommen, zudem eine Macht im Sport. Allerhöchstes Weltniveau! Und dann einfach so von der offiziellen Landkarte getilgt. Ausgelöscht! Ich könnte alles kurz und klein schlagen vor Wut und Trauer.

    Andererseits: Glauben Sie wirklich, ein Staat wie die DDR löst sich so einfach in nichts auf? Eine verschworene Gemeinschaft wie die Staatssicherheit, Schutz und Schild der Partei, von einem Tag auf den anderen – verfluchter 3. Oktober! – spurlos vom Erdboden verschwunden? Ha, dazu hättet ihr uns alle an die Wand stellen müssen! Zumindest hätte das Bundesverfassungsgericht uns Führungsoffizieren keine Straffreiheit garantieren dürfen. Was, nebenbei bemerkt, nicht mehr als recht und billig ist. Immerhin haben wir von der Staatssicherheit uns nach den Gesetzen der DDR gerichtet – wir waren gesetzestreu, euer Grundgesetz konnte uns schnuppe sein ...

    Wie bitte? Ach, hören Sie doch auf mit dem Quatsch, die Stasi hätte auch DDR-Gesetze gebrochen! Wenn Sie so weitermachen, ist unser Gespräch sofort beendet. Ich lasse mir meine Ehre nicht von Ihnen beschmutzen ...

    Schon gut, ich habe ja schon verstanden: Sie wollen bloß etwas über Gerd und meinen Loyalitätskonflikt erfahren. Ich mache Sie aber gleich darauf aufmerksam, daß das eine nicht von dem anderen zu trennen ist. Immerhin habe ich Gerd Halberegg im Zuge meiner Tätigkeit für die Staatssicherheit kennengelernt. Nein, natürlich nicht vor der Wende – schließlich ist Gerd nie und nimmer ein Verräter, wobei er in diesem Fall für mich selbstverständlichein Kämpfer für Frieden und Gerechtigkeit gewesen wäre ... Also, um nicht gleich wieder in einen Disput über Existenz und Nichtexistenz zu geraten, und zur besseren Unterscheidung wähle ich ab sofort die Bezeichnung „Staatssicherheit im Untergrund, kurz „Stasiu... Nee, warten Sie, „Stasu hört sich besser an. „Stasu für heute und morgen, „Stasi" für gestern und hoffentlich wieder für übermorgen. Alles klar?

    Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich andeute, daß die Stasu Ziele verfolgt, die von der hier herrschenden Klasse nicht unbedingt begrüßt werden, um es einmal freundlich auszudrücken. Das muß Ihnen reichen! Übrigens kann ich Sie nur davor warnen, mit dem, was ich Ihnen erzähle, zur Polizei oder sonstwohin zu rennen. Es gibt für unser Gespräch keine Zeugen, und ich werde im Notfall jeden Eid schwören, daß Sie mir völlig unbekannt sind. Man würde dafür sorgen, daß Ihre Wahrnehmungen als zwanghafte Fiktion erscheinen. Sie stünden als verbohrter Verschwörungstheoretiker da und würden deshalb nicht mehr ernstgenommen werden. Tja, das ist der Preis für Ihre ungebetene Annäherung: Ab jetzt gehen Sie keinen Schritt mehr allein.

    Ich drohe Ihnen? Nennen wir es doch lieber ein Festlegen der Modalitäten. Sie erfahren weit mehr, als Sie ursprünglich überhaupt wissen wollten, und im Gegenzug behalten Sie bestimmte Informationen einfach für sich. Sie werden bald merken: Ihr Schweigen dient einer guten Sache. Oder sind Sie wirklich mit den politischen Verhältnissen in der BRD rundum zufrieden? Ehrlich gesagt, dazu sehen Sie mir viel zu intelligent aus ...

    Eben. Aber wir werden diese Verhältnisse nur ändern, wenn wir die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems entlarven. Um den Leuten die Machenschaften der herrschenden Klasse klar und deutlich vor Augen zu führen, müssen wir leider immer wieder zu konspirativen Methoden greifen. Wenn zum Beispiel offensichtliche Beweise nicht erbracht werden können, weil sich das Objekt geschickt der Observation entzieht, dann muß man eben nachhelfen ...

    Manipulation? Oberflächlich mögen Sie recht haben, aber wenn Sie einmal für einen Augenblick Ihre kleinlichen Vorurteile vergessen und nüchtern nachdenken, werden Sie zugeben müssen, daß ein gefälschtes Foto dann eigentlich gar keine echte Fälschung ist, wenn es eine Situation zeigt, die Sie zwar so nicht beobachten konnten, von der Sie aber wissen, daß sie genauso oder sehr ähnlich stattgefunden hat oder demnächst stattfinden wird. Solch ein Bild ist sozusagen einer höheren Wahrheit verpflichtet ...

    Sie nennen das schlichtweg einen kriminellen Akt? Ich nenne das konstruktive Voraussicht! Denn Handlungsweisen muß man immer im Kontext sehen, der Zweck heiligt in unserem Fall doch die Mittel. – Wie dem auch sei, die Stasu suchte jedenfalls jemanden, der Fotos wunschgemäß bearbeiten kann, und stieß dabei – wir kommen zum Thema – auf Gerd Halberegg.

    Ja, da staunen Sie! Ihr Schulfreund ist ein absoluter Könner auf dem Gebiet der Fotobearbeitung, und das schon lange vor Erfindung von Photoshop und vergleichbarer Software. Umso ärgerlicher, daß er solche Sachen nicht mehr macht. „Sie sind bei mir an der falschen Adresse, unterbrach er mich seinerzeit schroff, kaum daß ich aus dem Nebel behutsam vorfühlender Kontaktaufnahme mein wahres Anliegen deutlicher hervortreten ließ. „Ich weiß nicht, wie Sie an meinen Namen gekommen sind, aber ich übernehme schon lange nicht mehr derartige Fotoarbeiten. Eine andere Adresse konnte oder wollte er mir nicht nennen. Nun, früher hätte die Firma das natürlich selbst erledigt. Aber die Stasu ist leider umständehalber nicht so perfekt ausgestattet, uns fehlen manchmal doch die passenden Fachleute und die alles durchwebende Infrastruktur. Es wird aber garantiert besser werden. Immerhin bringen wir die Erfahrung von über vierzig Jahren mit und haben schon mehr als einen Fuß in der Tür ...

    Gescheitert? Nein, gescheitert ist das damalige Vorhaben nicht. Wir haben unser Ziel schließlich mit anderen Mitteln erreicht, soviel sei gesagt. Mißverständliche Äußerungen entfahren schließlich jedem einmal, und es gibt bei Ihnen Wörter und Begriffe, deren Erwähnung selbst auf die wohlgesinntesten Gemüter alarmierend wirkt. Jedenfalls sitzt der Mensch nicht mehr im Landtag; politisch erledigt. – Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich Ihnen irgendwelche Namen nennen werde? Wir beschränken uns schön brav auf Gerd Halberegg, über den wollten Sie doch etwas wissen, oder? Im Rahmen des Zulässigen sollen Sie auch Auskunft erhalten, Sie alter Schulfreund. Der Rest ist Schweigen. – Eine Frage meinerseits: Wie war denn der Gerd früher so?

    Na, das klingt ja sehr positiv. Ein guter ... meinetwegen sehr guter Schüler mit starkem Interesse für alles Technische also. – Ah, ein typischer Bastler? – Verstehe, mit dem selbstgebauten Drachen fing es an, mit dem Aufpeppen der elektrischen Eisenbahn ging’s weiter, und später hat er an Radios, Fernsehgeräten und Cassettenrekordern rumgeschraubt. – Und im Bad Filme entwickelt? Das erklärt einiges. – Ja, er wohnt noch immer in diesem alten Haus mit den gelblichen, inzwischen dunkel angelaufenen Klinkern. – Nee, vermietet ist da nichts mehr, Ihr Freund lebt ganz allein in dem Kasten. Die Eltern sind verstorben. Und Geschwister hat er ja nicht, wie Sie sich hoffentlich noch erinnern werden. – Was Frauen betrifft: Fehlanzeige. Doch muß es da mal eine Beziehung gegeben haben, sogar mit Kind. Bloß redet der Gerd nicht darüber. Alle Anspielungen meinerseits überhört er geflissentlich. Aber aus bestimmten Gründen kann ich ihm schlecht sagen, daß ich Bescheid weiß.

    Warum ich trotz der unmißverständlichen Absage mit Gerd Halberegg in Kontakt geblieben bin, sich sogar eine Art Freundschaft daraus entwickelt hat? Eine gefährliche Nähe, die mich in den bereits beschriebenen Konflikt gestürzt hat! Nicht ohne Grund wurde jedem Mitarbeiter der Staatssicherheit eingeimpft, keine persönlichen Beziehungen mit unter Beobachtung stehenden Personen einzugehen. Ich meine echte freundschaftliche Beziehungen, nicht die nur vorgespielten, um die Leute auszuhorchen. Es besteht allzu leicht die Gefahr, daß man Verständnis für unsichere Kantonisten oder gar den Klassenfeind entwickelt. Das führt im Endergebnis zu einer Schwächung der Wachsamkeit, die der Gegner sofort für seine politische Untergrundtätigkeit auszunutzen versteht. Mir ist das mal in meiner Anfangszeit bei einer Frau passiert, und es hätte mich beinahe meinen Beruf gekostet. Zum Glück blieb es bei einer strengen Ermahnung, die meinem Einsatz den notwendigen Schub verpaßte. Danach habe ich nur noch Belobigungen und Auszeichnungen erhalten. Die Frau war übrigens nicht irgendeine Frau, sondern hat später, das ist die bittere Ironie an der Sache ...

    Abschweifen nennen Sie das? Vorsicht, mein Lieber! Damit Sie meine Bekanntschaft mit Gerd wirklich verstehen können, muß ich schon ein bißchen ausholen. Es wird Ihnen auch gar nichts schaden, über meine Welt endlich einmal nicht die üblichen Verdrehungen, sondern die schlichte Wahrheit zu hören.

    Wenn Sie jetzt mit mir darüber streiten wollen, was Wahrheit überhaupt ist, dann kann ich Sie nur warnen. Gerd Halberegg ist bislang der einzige Wessi, der mir dialektisch das Wasser reichen kann. Wir sollten uns endlich entscheiden: Grundsatzdiskussion oder Schulfreund? – Na, sehen Sie! Aus Ihrer Sicht haben Sie natürlich recht. Nach Gerds brüsker Reaktion wäre der Käse eigentlich gegessen gewesen. Aber aus alter und guter Gewohnheit begann ich, Material über ihn zu sammeln. Dabei bin ich übrigens auch auf Bilder und einen Schmalfilm gestoßen, die eindeutig belegen, daß er irgendwann einmal eine Familie gehabt hat. Jetzt verstehen Sie sicherlich auch, warum ich den Gerd nicht zu einem Geständnis zwingen kann ...

    Ausspionieren ist ein häßliches Wort. Es handelte sich in Wirklichkeit um ein nahezu reflexhaftes Handeln, wie es von jedem Profi erwartet werden darf, eigentlich erwartet werden muß. Das geht einem im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über, das macht am Ende den Erfolg aus. Ich glaube, ich sollte Ihnen zu Ihrem besseren Verständnis einen kurzen Blick auf meinen Werdegang gewähren ...

    2.

    KEIN ZWANG UND KEIN DRILL

    Ronny Rogalla wird am 4. November 1956 in Quedlinburg geboren. Zur selben Stunde übrigens, nämlich im Morgengrauen, greifen sowjetische Truppen Budapest an; sie werden im Verlauf der nächsten Tage den ungarischen Freiheitskampf brutal niederwalzen.

    Da die Mutter bei der Geburt stirbt und der Vater im Gefängnis sitzt – ein Krimineller, wie man Ronny später sagen wird, der in zersetzender Absicht die führende Rolle der Arbeiterklasse in Zweifel gezogen hat –, kommt das Kind sofort nach der Geburt in staatliche Obhut. Den Nachnamen bestimmt die MfS-Kreisdienststelle, den Vornamen darf eine junge Säuglingsschwester, die sich um das Neugeborene liebevoll kümmert, aussuchen. Ihr Vorschlag „Ronald wird allerdings abgeändert, weil er zu amerikanisch klinge. Aus Ahnungslosigkeit oder aus Weitsicht der staatlichen Organe: „Ronny wird zum Vorreiter einer unbefangene Weltläufigkeit simulierenden Modewelle, die der DDR zwanzig Jahre später so schöne Namen wie Maik, Henry, Sandro, Mario, Cindy, Sandy, Mandy, Doreen oder Kathleen beschert. Als die Säuglingsschwester beharrlich versucht, auch nach Ende des Krankenhausaufenthaltes mit dem Kleinkind in Kontakt zu bleiben, wird sie mehrfach verwarnt und bald darauf nach Eisenhüttenstadt versetzt. Kurz vor dem Mauerbau verläßt sie die DDR, heiratet im Rheinland einen Arzt und bekommt drei Kinder. Den ältesten Sohn nennt sie übrigens Ronald ...

    Der Junge wächst in verschiedenen Kinderheimen auf. Eines davon befindet sich auf Rügen. Hier verbringt Ronny Rogalla prägende Jahre, hier wird er eingeschult, hier entwickelt sich seine Liebe zu Küste und Meer, und hier erwirbt er insbesondere eine nahezu dialektfreie Aussprache. Der leicht norddeutsche Beiklang wird sich später zusammen mit einer angenehmen Erwachsenenstimme bei operativen Einsätzen im nichtsozialistischen Ausland, sprich: BRD, als äußerst hilfreich erweisen.

    Der niedliche Blondschopf – im Laufe der Jahre dunkelt das Haar allerdings stark nach – weckt bei nicht wenigen Erzieherinnen mütterliche Gefühle, was seinen Heimalltag durchaus erleichtert. Ronny Rogalla ist von einer schnellen Auffassungsgabe und fügt sich problemlos in den stark reglementierten Tagesablauf ein, wobei er sich mit zunehmendem Alter auf findige Weise Freiräume zu verschaffen versteht. Wie er überhaupt eine Liebe zu Ordnung und festen, haltgebenden Strukturen mit der Neigung zum Ausnutzen unklarer Regeln und menschlicher Schwächen ziemlich geschmeidig in Einklang bringt. Disziplin und eigennützige Großzügigkeit, Gedankenschärfe und weiches Empfinden kommen bei ihm glücklich zusammen. Ronny singt im Kinderchor, macht, kaum daß er einigermaßen lesen und schreiben kann, bei der Gestaltung der Wandzeitung mit, führt bald die Gruppenchronik – hierbei zeigt sich schnell eine Schreibbegabung – und ist mit Eifer beim Forschungsauftrag des Jahres dabei. Später nimmt er an Veranstaltungen des Kulturbundes teil, spielt Theater und vernachlässigt selbstverständlich auch seine körperliche Ertüchtigung nicht – im Rückenschwimmen bringt er es bis zur Bezirksmeisterschaft, so daß er in Expertenkreisen bereits als legitimer Nachfolger von Roland Matthes gehandelt wird, entzieht sich aber mit 15 Jahren geschickt und deshalb ohne ernsthafte persönliche Nachteile der dopinggestützten Trainingsfron. Ein Kind also, das allein schon seiner vielfältigen Interessen wegen Erziehern und Lehrern eine einzige Freude sein muß. Zudem findet man in seiner Heimakte immer wieder Zuverlässigkeit, Organisationstalent und Optimismus im wahrsten Sinne des Wortes unterstrichen.

    Das „Sahnehäubchen jedoch bedeutet die äußerst positive Entwicklung, die Ronnys weltanschauliche Haltung und moralisch-ethische Reife nehmen. „Er ist aktives Mitglied der Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘ und wird im nächsten Jahr die Jugendweihe erhalten. In Diskussionen zu aktuellen politischen Fragen nimmt er offensiv und eindeutig Stellung zu den Grundpositionen unserer Gesellschaft. Sein für dieses Alter sehr umfangreiches Wissen paart sich mit der Überzeugung von den Vorzügen des Sozialismus. Dabei ist er nicht bloß ein mehr oder weniger aktives Mitglied der Pioniere, sondern wird rasch Vorsitzender des Gruppenrates und dann, als er die Polytechnische Oberschule besucht, Vorsitzender des Freundschaftsrates. Kaum verwunderlich, daß Ronny Rogalla nach der Jugendweihe in seinem Lernkollektiv die Position des FDJ-Gruppensekretärs einnimmt. Bei einem als Auszeichnung gedachten Treffen mit hochrangigen SED-Funktionären äußert der Heranwachsende: „Ich interessiere mich vor allem für moderne Technik. Entscheidend für alle unsere Wünsche ist und bleibt: Der Frieden muß erhalten werden. Ich will mein Land zuverlässig schützen. Deshalb mein Entschluß, später einen militärischen Beruf zu ergreifen. Folgerichtig wird er Mitglied der vormilitärischen „Gesellschaft für Sport und Technik. Herausragend seine Leistungen im Schießen.

    Als gefühlter Vollwaise und als Proletarierkind – die Mutter war Näherin, der Vater gilt einerseits als nicht existent, andererseits wird die nach der Strafverbüßung zugewiesene Arbeit in einem Werkzeugkombinat dem Sohn vorteilsbringend angerechnet – erfüllt Ronny Rogalla Kriterien, die ebenso wichtig sind wie Intelligenz und Linientreue. Er darf deshalb die Erweiterte Oberschule in Bergen besuchen. Seine Lieblingsfächer sind Deutsche Sprache und Literatur, Russisch, Mathematik, Physik und Staatsbürgerkunde. Einmal ruft der strebsame junge Kommunist bei den Verantwortlichen eine gewisse Irritation hervor: als er nämlich anfängt, eigenverfaßte Schriftststücke mit „Roro" zu unterzeichnen. Will Rogalla mit dieser Abkürzung, die dem Namen der Taschenbuchserie eines BRD-Verlages so gefährlich nahekommt, möglicherweise ein bißchen provozieren, oder steckt dahinter, viel schlimmer, sogar ein verstecktes Abweichlertum – der Apfel fällt offenbar doch nicht weit vom Stamm? Ein einfühlsames pädagogisches Gespräch bringt bald Entwarnung: Es handelt sich lediglich um eine gedankenlose Spielerei, die auf Bitten des Schuldirektors abgestellt wird. Allerdings ist nicht mehr zu verhindern, daß das Kürzel Klassenkameraden und Freunden weiterhin als

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