Die Schweizer Aussenpolitik nach Ende des Kalten Kriegs
Von René Schwok
()
Über dieses E-Book
Ähnlich wie Die Schweizer Aussenpolitik nach Ende des Kalten Kriegs
Ähnliche E-Books
Die Schweiz hat Zukunft: Von der positiven Kraft der Eigenart Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStandort Schweiz im Umbruch: Etappen der Wirtschaftspolitik im Zeichen der Wettbewerbsfähigkeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Schweizer EU-Komplott Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Banken und ihre Schweiz: Perspektiven einer Krise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Rettung des Euro: Was wir aus der Krise lernen können Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVom Kredit zur Schuld: Wenn Verschuldung die Freiheit bedroht Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen2005 - 2018: Deutschlands verlorene 13 Jahre: Teil 4: Deutsche Wirtschaft Quo vadis? Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIm Würgegriff der Staatsverschuldung: Teil 2: Staatsverschuldung in Deutschland und der Welt - Ursachen und Verantwortung - Finanz- und Wirtschaftskrisen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Zukunft der Banken: Ethik, Stabilität und Kontrolle in Europa Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Europäische Währungsunion: Geschichte, Krise und Reform Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWelche Schweiz für morgen?: Die Schweiz im Spannungsfeld der Globalisierung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Neutralität: Zwischen Mythos und Vorbild Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Fall Griechenland: Fünf Jahre Krise und Krisenkonkurrenz. Europa rettet sein Geld – die deutsche Führungsmacht ihr imperialistisches Europa-Projekt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchweizer Wirtschaftseliten 1910-2010 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchweiz und Europa: Eine politische Analyse Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDiplomatische Gratwanderung: Die Schweiz und ihre Beziehungen zu Vichy-Frankreich Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Schweiz ist anders – oder sie ist keine Schweiz mehr Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Länder unter dem EU-Rettungsschirm -Eine Bestandsaufnahme für Portugal und Griechenland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAnsätze zu einer Antifragilitätsökonomie Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTatort Euro: Bürger, schützt die Demokratie, das Recht und euer Vermögen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGenossenschaften: Bausteine einer fairen Zukunft Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAußenwirtschaft Europäische und internationale Wirtschaftsbeziehungen: Ein Lehrbrief für Betriebswirte/innen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAnalysen zur sozialen Ungleichheit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKlartext Deutschland: Was wirklich läuft in Wirtschaft & Politik Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenJenseits des Neoliberalismus: Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Zukunft der Eurozone: Wie wir den Euro retten und Europa zusammenhalten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Weltkapital: Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFeindliche Übernahme – Das Ende der Demokratie: Wie die Ökonomisierung der Politik die Ökonomie entpolitisiert. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAfrika, Religion und Befreiung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Politik für Sie
Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLexikon der Symbole und Archetypen für die Traumdeutung Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Der Krieg im Dunkeln: Die wahre Macht der Geheimdienste. Wie CIA, Mossad, MI6, BND und andere Nachrichtendienste die Welt regieren. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenThe Four: Die geheime DNA von Amazon, Apple, Facebook und Google Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung: Ein Plädoyer für zukunftsorientierte Geisteswissenschaften Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Narrativ vom »großen Austausch«: Rassismus, Sexismus und Antifeminismus im neurechten Untergangsmythos Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWiderworte: Gedanken über Deutschland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDiplomatie oder Desaster: Zeitenwende in den USA - ist Frieden möglich? Mit einem Gespräch zur politischen Lage mit Oskar Lafontaine Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEinbürgerungstest für Deutschland - Ausgabe 2023: Handbuch zur Integration Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSchleichend an die Macht: Wie die Neue Rechte Geschichte instrumentalisiert, um Deutungshoheit über unsere Zukunft zu erlangen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles, was Sie wissen sollten, Ihnen aber nie jemand erzählt hat Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Der Überfall - Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion: Ein SPIEGEL E-Book Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSloterdijk – Aristokratisches Mittelmaß & zynische Dekadenz: gestalten der faschisierung 1 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Diktatur der Demokraten: Warum ohne Recht kein Staat zu machen ist Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDurchs irre Germanistan: Notizen aus der Ampel-Republik Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAngst und Macht: Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGroßerzählungen des Extremen: Neue Rechte, Populismus, Islamismus, War on Terror Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Kurden: Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPilnacek: Der Tod des Sektionschefs Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Tugend des Egoismus: Eine neue Sicht auf den Eigennutz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUlrike Guérot über Halford J. Mackinders Heartland-Theorie: Der geografische Drehpunkt der Geschichte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBrennpunkte der »neuen« Rechten: Globale Entwicklungen und die Lage in Sachsen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDemokratie fehlt Begegnung: Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer nächste große Krieg: Hintergründe und Analysen zur medial-politischen Hetze gegen Russland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPostkoloniale Mythen: Auf den Spuren eines modischen Narrativs. Eine Reise nach Hamburg und Berlin, Leipzig, Wien und Venedig Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenComputergeschichte(n): Die ersten Jahre des PC Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPropaganda-Presse: Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFeindkontakt: Gefechtsberichte aus Afghanistan Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKognitive Kriegsführung: Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Die Schweizer Aussenpolitik nach Ende des Kalten Kriegs
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Die Schweizer Aussenpolitik nach Ende des Kalten Kriegs - René Schwok
[DIE NEUE POLIS]
Herausgegeben von Astrid Epiney, Dieter Freiburghaus, Kurt Imhof und Georg Kreis
DIE NEUE POLIS ist Plattform für wichtige staatsrechtliche, politische, ökonomische und zeitgeschichtliche Fragen der Schweiz. Eine profilierte Herausgeberschaft versammelt namhafte Autoren aus verschiedenen Disziplinen, die das Für und Wider von Standpunkten zu aktuellen Fragen analysieren, kontrovers diskutieren und in einen grösseren Zusammenhang stellen. Damit leisten sie einen spannenden Beitrag zum gesellschaftspolitischen Diskurs. Vorgesehen sind jährlich zwei bis drei Bände im handlichen Format und mit wiedererkennbarem Auftritt für ein breites, am aktuellen Zeitgeschehen interessiertes Publikum.
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Die Schweizer Aussenpolitik nach Ende des Kalten Kriegs
René Schwok
Aus dem Französischen von Sara Iglesias
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Politique extérieure de la Suisse als Band 86 in der Reihe «Le savoir suisse»
© 2012 Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne. Tous droits réservés.www.ppur.org
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2014 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2014 (ISBN 978-3-03823-867-6)
Titelgestaltung: unfolded, Zürich
Lektorat: Corinne Hügli
Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN 978-3-03823-995-6
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung
Vorwort
René Schwok analysiert den helvetischen «Sonderfall», also das, was die Schweiz von ihren Nachbarn unterscheidet. Er leitet von der Dimension des Inneren – den Wirkungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kräfte – die Besonderheiten der schweizerischen Aussenpolitik ab. Dies ist insofern ein gewagtes Vorhaben, als es durch das Fehlen zugänglicher Archive, durch die zeitliche Nähe und die Qualität der öffentlich gemachten Informationen erschwert wird.
René Schwok schliesst seine Analyse mit zwei hochinteressanten Feststellungen: zum einen, dass die Schweiz sich seit Ende des Kalten Kriegs der internationalen Gemeinschaft angenähert hat, und zum anderen, dass sie dennoch ihre Eigenheiten zu bewahren, ja zuweilen noch zu verstärken wusste.
Wir sind Zeugen eines tiefgreifenden globalen Wandels. Dieser Wandel der zeitgenössischen Gesellschaft bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Stellung der Schweiz in der Welt. Ganz im Gegenteil – und ob uns dies nun gefällt oder nicht – haben Faktoren oder Ereignisse, die ausserhalb unseres Einflussbereichs liegen, immer öfter einen entscheidenden Einfluss auf unsere Wirtschaft oder unsere politischen Handlungsspielräume. Wir haben eine starke Demokratie aufgebaut. Wir haben unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern kommuniziert, dass sie mitzureden haben bei den Gesetzen und Regelungen, die sie in ihrem Alltag betreffen. Doch die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass dies nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, da zahlreiche Entscheidungen ausserhalb der nationalen Grenzen getroffen werden und die Bürgerinnen und Bürger somit keinen direkten Einfluss auf sie nehmen können. Die Grenzen zwischen nationaler Politik und Aussenpolitik verschwimmen. In der Folge liegt die Aufgabe der Regierungschefs und der Minister darin, einer lokalen Wählerschaft die international getroffenen Entscheidungen und die Positionen, die sie durch die Teilnahme an internationalen Begegnungen gutgeheissen haben, näherzubringen.
Die Schweiz, das Land der Ausgewogenheit schlechthin, ist nolens volens von den aktuellen Machtverhältnissen, den europäischen und internationalen Gleichgewichtsstrukturen sowie den Entwicklungen des Völkerrechts abhängig. Zur Verteidigung ihrer Interessen verfügt sie über verschiedene Vorteile, die sie erhalten und stärken muss. Doch leidet sie auch unter gewissen Schwierigkeiten, von denen mir die Libyen-Krise am bezeichnendsten erscheint.
Beim internationalen Kräftemessen sind wir stets bereit, uns selbst zu kasteien, wenn die Dinge nicht nach unseren Vorstellungen laufen, und uns den anderen zu beugen. Es fällt uns schwer, ein vorteilhaftes Kräfteverhältnis aufzubauen: Wir sind weder Mitglied der Europäischen Union noch der Atlantikpakt-Organisation und können daher auf wenig Erfahrung mit der Nutzung multilateraler Beziehungen zurückgreifen. Es ist frappierend, dass die Lösung der Krise mit Libyen durch eine restriktive Visumspolitik und die Beteiligung der Schweiz am Schengen-System nicht mehr Aufmerksamkeit fand und nicht mehr kommentiert wurde. Die Lehre, die wir aus der Libyen-Krise ziehen können, ist die Nützlichkeit eines Bündnisses, diejenige unserer Beteiligung am Schengen-System, um die bestehenden Machtverhältnisse zu unseren Gunsten zu wenden.
Doch das Verständnis selbst von Macht ist heute im Wandel begriffen. Grösse und militärische Schlagkraft sind nicht alles. Die Macht und damit der Einfluss und die Souveränität eines Landes messen sich nicht mehr nur an der Grösse einer Armee und der Stärke einer Wirtschaft. Macht wird heute durch Überzeugungskraft gewonnen, durch die Entfaltung der eigenen Bedeutung auf internationalem Parkett, durch die Fähigkeit und Kapazität, Netzwerke zu bilden und die öffentliche Meinung zu überzeugen. Sie stabilisiert sich in internationalen Organisationen durch Initiativen und Vorschläge, aber auch durch eine ganz besondere Aufmerksamkeit für das Funktionieren und die Effizienz der Funktionsweise dieser Organisationen.
Ja, die Schweiz hat sich also der internationalen Gemeinschaft angenähert. Sie hat eine beeindruckende Architektur an bilateralen Verträgen mit der Europäischen Union, die Bilateralen I und II, errichtet und versucht, ihren institutionellen Beziehungen eine neue Dynamik zu verleihen. Sie hat sich auf internationalem Niveau als respektierte Vermittlerin durchgesetzt, und durch ihre Erfolge konnten auch nationale Interessen verteidigt und die gemeinsamen Normen des Völkerrechts gestärkt werden. Doch diese Haltung hat ihr auch Misstrauen eingebracht, insbesondere dann, wenn ihre Auffassung von Dialog nicht mit der quasi-religiösen Doktrin von Grossmächten oder Staatenbünden übereinstimmte. Diese Position hat in der Schweiz auch zu bisweilen heftigen und emotional aufgeladenen internen Debatten geführt, die aber in einer direkten Demokratie wie der unsrigen nur natürlich sind.
René Schwok weist mit Recht darauf hin, dass die direkte Demokratie den isolationistischen Tendenzen in die Tasche spielen kann, was den mässigen Enthusiasmus der Schweizerinnen und Schweizer für die Aussenpolitik erklären könnte.
Die Schweiz ist ein Land, das seinen Einwohnern und Bürgern die Möglichkeit der direkten Beteiligung an der politischen Entscheidungsfindung gibt. Und in diesem Punkt wäre ich weniger pessimistisch als René Schwok.
Die Formen der direkten Demokratie in der Schweiz zeigen, dass das Volk keine Last ist, kein Hindernis bei der Umsetzung einer Politik: Die schweizerische Europapolitik hat sich nicht gegen das Volk definiert, sondern ganz im Gegenteil für das Volk und mit dem Volk. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass eine solche Organisation der Entscheidungsprozesse Teil einer allgemeinen Entwicklungstendenz ist. Sehen wir uns einmal das Beispiel der Europäischen Union an.
Das Modell der Europäischen Union geht von der Idee «Je grösser, desto stärker» aus. Es ist entstanden aus einer Top-down-Bewegung und hat den Anspruch, auf jedes Mitgliedsland gleichermassen angewendet zu werden.
Heute wird jedoch immer klarer, dass die Regierenden der Mitgliedstaaten die zentralen europäischen Dossiers nicht mehr von der innenpolitischen Agenda fernhalten können. Das von Sparprogrammen belastete Volk geht auf die Strasse und wehrt sich gegen das Diktat der Finanzmärkte.
Es müssen also die Voraussetzungen für einen politischen und sozialen Zusammenhalt wiederhergestellt werden, und hierfür sind eine breitere demokratische Verankerung und eine stärkere Ethik vonnöten. Der Vertrag von Lissabon sieht ein europäisches Initiativrecht vor. Doch auch wenn die Union kürzlich ein Instrument der direkten Demokratie eingeführt hat – die Europäische Bürgerinitiative –, bleibt die Entwicklung der Demokratie ungenügend, betrachtet man sie im Lichte der integrativen Wirkung einer direkten Beteiligung: Vertrauen in die Behörden, Legitimität der Entscheide, Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft. Diese Wirkung wird verstärkt durch eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Aktivitäten, Debatten und Projekte. Eine regionale Demokratie würde auf europäischer Ebene also notwendigerweise zu einem transkulturellen Dialog zwischen Partnern führen, deren historische und politische Erfahrungen sehr unterschiedlich sind. Und dies würde natürlich die Möglichkeit der Einflussnahme «von unten» bedeuten.
[1]
Der «Sonderfall» – veraltetes Auslauf- oder hartnäckiges Zukunftsmodell?
Diese Studie beschäftigt sich mit der schweizerischen Aussenpolitik nach dem Ende des Kalten Kriegs. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf einer Neubewertung des helvetischen Sonderfalls: Ist dieser obsolet oder hartnäckiger denn je (Hoffmann, 1966)?
Der Begriff des «Schweizer Sonderfalls» gründet auf der Beobachtung, dass der Eidgenossenschaft «eine einzigartige Stellung […] innerhalb der Staatenwelt zukommt» (Kreis, 2012). In der vergleichenden Aussenpolitik soll dieser – wenn auch oft ungenaue – Begriff die Fähigkeit der Schweiz unterstreichen, sich den grossen europäischen Ereignissen zu entziehen: Kriegen, Revolutionen, regionaler Integration, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen. Ebenso verweist er auf die Alleinstellungsmerkmale der Schweiz wie ihre Neutralität, ihre direkte Demokratie, ihren Föderalismus und ihre wirtschaftlichen Besonderheiten (insbesondere im Bankenwesen).
Ziel dieser Untersuchung ist nicht, alle Aspekte der schweizerischen Aussenpolitik komplett abzudecken. Zum einen, weil dies den Rahmen dieses schmalen Bands sprengen würde, zum anderen, weil zahlreiche Themen bereits in anderen Studien, insbesondere der Reihe «Le savoir suisse» (Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne), behandelt worden sind: etwa die Beziehungen der Schweiz mit der EU (Schwok, 2010), ihr Verhältnis zu Deutschland (Altwegg / De Weck, 2006), die Immigration (Piguet, 2009), die Menschenrechtspolitik (Reber, 2009), das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (Mercier, 2004), der Finanzstandort (Besson, 2009) sowie die internationale Solidarität (Schümperli, 2007).
Eine Untersuchung, deren roter Faden das Konzept des Sonderfalls ist, muss sich mit den anderen europäischen Staaten im Vergleich auseinandersetzen. In dieser vergleichenden Herangehensweise liegt das Interesse also eher darauf, was die Schweiz von ihren Nachbarn unterscheidet, als auf ihren Gemeinsamkeiten. Anders gesagt, weist die Aussenpolitik der Schweiz zwar viele Analogien mit jener der anderen europäischen Staaten auf; diese sollen hier jedoch bewusst nicht in aller Tiefe behandelt werden. Konkret vertritt die Schweiz im Grossen und Ganzen dieselben juristischen, wirtschaftlichen, ökologischen und menschenrechtlichen Werte wie ihre Nachbarn. Schweizerische Stellungnahmen in den wichtigen internationalen Instanzen setzen sich nur wenig von denen der EU-Länder ab, und die Arbeit der helvetischen Diplomaten unterscheidet sich kaum von den Tätigkeiten der Vertreter ähnlich grosser EU-Staaten, abgesehen von den regelmässigen Koordinierungstreffen der EU-Länder.
Doch diese Aspekte stehen nicht im Mittelpunkt dieses Bandes: Hier sollen nicht nur die wichtigsten Partikularismen untersucht werden, die die Schweiz auf internationaler Ebene von den anderen Staaten unterscheiden, sondern auch, wie die Schweiz auf ihre ganz eigene Art und Weise mit diesen Unterschieden umgeht. Die Eidgenossenschaft ist beispielsweise nicht der einzige neutrale Staat, doch begreift sie ihre Neutralität auf durchaus individuelle Art und Weise.
Den Beginn dieser Untersuchung setze ich bewusst auf das Jahr 1989 an: Erstens brachte das Ende des Kalten Kriegs zahlreiche Umbrüche der internationalen Ordnung mit sich, und die Auswirkungen dieses historischen Wendepunkts auf die Schweiz, insbesondere auf ihre Wahrnehmung von Sicherheit, Neutralität und ihrer regionalen Integration, sind von grundlegender Bedeutung.
