Wenn erst Gras wächst: Erzählungen
Von Walter Landin
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Über dieses E-Book
1985 erschien Walter Landins erstes Buch in der Pfälzischen Verlagsanstalt Landau. 14 Erzählungen, in denen die Zeit des Nationalsozialismus, das Aufwachsen in einem Pfälzischen Dorf, das Zusammenleben mit Migranten thematisiert wurden. Viele Jahre war "Wenn erst Gras wächst" vergriffen und nur antiquarisch erhältlich. Jetzt ist Landins Erzählband als eBook wieder zugänglich. Die Texte wurden an die neue Rechtschreibung angepasst und sprachlich bearbeitet.
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Buchvorschau
Wenn erst Gras wächst - Walter Landin
Zum Buch
„In meinem Kopf sind viele Mosaiksteine. Aber ich weiß nicht, wie das Bild aussieht, weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Seit Tagen denke ich über den Anfang nach ... Damals, als die Christbäume am Himmel standen. Das hört sich abgegriffen an. Damals, als Großmutter sagte: damals, als die Bombe einschlug. Damals, als Anton Kocher Feldschütz im Dorf war und Ortsgruppenleiter. Damals, als der junge englische Flieger abgeschossen wurde ... Damals, als die Bahnhofstraße noch nicht geteert war ... Das ist mein Anfang."
1985 erschien Walter Landins erstes Buch in der Pfälzischen Verlagsanstalt Landau. 14 Erzählungen, in denen die Zeit des Nationalsozialismus, das Aufwachsen in einem Pfälzischen Dorf, das Zusammenleben mit Migranten thematisiert wurden. Viele Jahre war „Wenn erst Gras wächst" vergriffen und nur antiquarisch erhältlich. Jetzt ist Landins Erzählband als eBook wieder zugänglich. Die Texte wurden an die neue Rechtschreibung angepasst und sprachlich bearbeitet.
Zum Autor
Walter Landin
52-iger Jahrgang, Pfälzer, Dirmsteiner, Mannheimer (seit 1974), lebt in Mannheim und in Hertlingshausen. Lehrer im Ruhestand. Schreibt Prosa und Lyrik sowie Texte im „Pälzer Saund".
1984 - erster Preis beim Mannheimer Kurzgeschichten-Wettbewerb, 1985 - „Wenn erst Gras wächst", Erzählungen,, 1988 - „Dorfluft", Erzählung, 1990 - Förderpreis Literatur des Bezirksverbandes Pfalz, 1993 - „Kennscht du detscht du", Pälzer Saund, 1999 - „das Gras die Stille der Mohn", Gedichte, 2005 – „Wu bitte is die Speisekart?", Pälzer Saund, 2007 – „Mord im Quadrat" – Erzählungen, (2012 in 6. Auflage), 2008 – „Mannheimer Karussell", Kriminalroman, 2009 – „Bluthitze" Kommissar Lauer ermittelt, Kriminalroman, 2011 – „Eiswut", zweiter Krimi mit Kommissar Lauer, Wellhöfer Verlag Mannheim, 2013 - „Mordsherbst", Kommissar Lauers dritter Fall, 2015 - „Gefährlicher Treffpunkt", Kommissar Lauers vierter Fall, 2016 - Mehr Morde im Quadrat", neue Kriminalgeschichten. 2017 wird der 5. Lauerkrimi erscheinen.
www.landin.de
www.facebook.com/Kommissar.Lauer
info@landin.de
Titel
Walter Landin
Wenn erst Gras wächst
Erzählungen
Imprint
Copyright: © 2017 Walter Landin
Höhenstr. 22
68259 Mannheim
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7418-8084-1
Umschlagillustration: Heiko Prodlik-Olbrich
Umschlaggestaltung: Walter Landin
Lektorat: Irene Landin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Irene
Willem
Am Samstagmorgen muss Willem kehren. Dabei kann er kaum noch gehen. Er wackelt hin und her, humpelt den Hof auf und ab, hält sich am Besen fest. Leo, der Student, der im Erdgeschoss wohnt, kann den Willem so wunderbar nachäffen. Der Hof ist groß, und Willem hat viel Arbeit. Willem macht gern eine Pause. Er verdrückt sich in einen stillen Winkel, fingert einen Zigarettenstummel aus seiner Tasche, steckt ihn an, zieht gierig und schnell.
Am Samstagmorgen im Hinterhof. Die dicke, rote Katze, die sich auf dem Schuppendach in der Oktobersonne wälzt. Leo, der auf seinen Auftritt wartet, hinter der Gardine. Willem mit dem Zigarettenstummel, der darauf spannt, dass Pauline, seine Frau, ihn antreibt.
„Willem, du fauler Bock, schaff weiter!"
Willem winkt ab.
„Ich mach dir Beine!"
Willem brummelt was vor sich hin.
„Muss ich runterkommen, du fauler Bock?"
Willem kehrt weiter. Die Katze gähnt. Leo hinter der Gardine ruft: „Paulina, Paulina."
Pauline knallt wütend das Fenster zu. Und Willem zwinkert Leo verstohlen zu. Leo winkt dem Alten.
Eingefallene Wangen, stoppliges Kinn, zahnloser Mund, strähnige, grau-gelbe Haare, ängstliche, kleine Augen in viel zu großen Augenhöhlen, ein schäbiges, verwaschenes Hemd, lange, an den Knien ausgebeulte Unterhosen, die vorne am Pissschlitz einen braunen Fleck hatten, der an Intensität abnahm, je weiter die Entfernung vom Zentrum war. So stand Willem vor einigen Monaten an der Haustür, als Leo einzog und der Makler die Schlüssel für die Wohnung im Erdgeschoss verlangte. Der Alte schlurfte nach oben. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er zurückkam.
„Beim alten Willem funktioniert der Schließmuskel nicht mehr. Dauerpisser."
Der Makler zuckte mit der Schulter.
Willem humpelt aufgeregt zum Fenster. Leo hält ihm ein Glas Schnaps hin. Willem schaut Leo dankbar an und trinkt in einem Zug aus.
„Noch einen?"
Willem nickt eifrig.
„Auch eine Zigarette?"
Willems Augen leuchten. Eine Zigarette, eine ganze Zigarette. Willem verschwindet mit der Zigarette ins hintere Treppenhaus.
„Willem, du fauler Bock, schaff weiter!"
Willem steckt die Zigarette an.
„Elendiger, fauler Bock!"
Willem zieht vorsichtig an der Zigarette.
„Na warte!"
Willem zieht genüsslich an der Zigarette.
„Ja, ja, die hält ihn kurz, den armen Willem. Nur wenn sie ihren Besuch erwartet, kriegt der Willem eine Flasche Bier mit zwei, drei Schlaftabletten drin, damit er nicht stört. Vor zwei Jahren hätte sie ihn beinahe losgekriegt. Da wurde der Willem nach Wiesloch ins Irrenhaus eingeliefert. Aber nach vier Wochen war er wieder da."
Herr Schmidt kennt sich hier aus. Herr Schmidt ist Rentner. Seit 43 Jahren wohnt er mit seiner Frau im Hinterhaus, im ersten Stock.
„Ich mach dir Beine!"
Das Fenster knallt mit einem Scheppern zu. Pauline stürzt aus dem Haus. Die weißen Haare zu Löckchen aufgedreht. Die Wangen zartrosa gepudert. Die Lippen dick und knallrot angemalt. Pauline reißt Willem die Zigarette aus dem Mund, zerdrückt sie, wirft sie auf den Boden, trampelt darauf herum. Mit dem Besenstiel prügelt sie auf Willem ein.
Letzte Woche das Foto in der Zeitung auf der Lokalseite. Paulines Blick steng und unnahbar. Willem, gründlich rasiert, an seine Frau gelehnt, das Gesicht zu einem Lächeln verzogen.
„Jubiläumstag für Pauline und Wilhelm K. ... Goldene Hochzeit in der Schröderstraße ... leben seit 50 Jahren glücklich zusammen ... Freude und Leid auch in schwerer Zeit gemeinsam getragen."
„Da, da und noch eine. Ist das genug, du alter Bock?"
Willem hält seine Arme schützend vor den Kopf und stößt unverständliche Laute aus.
„Ja, ja, der hat es nicht leicht, der arme Willem. Den hätten sie früher mal erleben sollen. Wie der damals im Hof rumstolziert ist. Spiegelblanke Stiefel, schwarze Uniform, das Koppelschloss mit dem Totenkopf am Gürtel, im Mund eine Zigarre. So marschierte der im Hof auf und ab. Auf und ab. Jeden Tag. Und das ganze Haus zitterte vor ihm."
Herr Schmidt wohnt schon lange hier.
Leo steht immer noch hinter der Gardine.
„Paulina. Paulina."
Pauline lässt den Besen fallen. Wie eine Furie stürzt sie aus dem Treppenhaus. Vor Leos Fenster bleibt sie stehen. Sie droht mit der Faust, die Lippen zu einem Strich zusammengekniffen. Hinter Pauline fällt die Tür krachend ins Schloss. Die Katze streckt sich auf dem Schuppendach, schärft ihre Krallen an der Dachpappe, macht einen Riesenbuckel, sträubt die Haare und rollt sich zusammen. Willem hebt vorsichtig den Kopf. Auf den Knien sucht er die Reste der wertvollen Zigarette zusammen und verstaut sie in der Jackentasche. Mühsam rappelt er sich hoch, hebt den Besen auf und murmelt: „Paulina, Paulina, lacht und kehrt, auf und ab. Pauline öffnet das Fenster, sieht Willem kehren und zischt: „Na also!
Wenn erst Gras wächst
In meinem Kopf sind viele Mosaiksteine. Aber ich weiß nicht, wie das Bild aussieht, weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Seit Tagen denke ich über den Anfang nach, schreibe Notizzettel voll, lege sie sorgfältig in die Ablage. Damals, als die Christbäume am Himmel standen. Das hört sich abgegriffen an. Damals, als Großmutter sagte: damals, als die Bombe einschlug. Damals, als Anton Kocher Feldschütz im Dorf war und Ortsgruppenleiter. Damals, als der junge englische Flieger abgeschossen wurde. Ich schreibe jung. Das ist eine Behauptung. Alle, die ihn in dieser Nacht gesehen haben, sind tot. Die Frau des Polizisten, dann die Getsche, Franziskas Patentante, und Anton Kocher, der ihn mit vorgehaltener Pistole abholte. Niemand, den ich fragen könnte. Der junge Flieger, ich bleibe dabei. Jung passt in mein Konzept, vor allem für das, was später kommt. Damals, als die Bahnhofstraße noch nicht geteert war. Ich habe die Straße so nie gesehen, aber vorstellen kann ich es mir. Ein einziges Schlammfeld im Herbst, erzählte Urgroßmutter. Und wenn der Winter zu Ende ging. Damals, als die Bahnhofstraße noch nicht geteert war. Das ist mein Anfang.
Damals im Winter 1944. Es ist Anfang Dezember und ein Sonntag. Sicher ist es kalt. Der Morast, durch den vor wenigen Wochen abgemagerte Pferde die Fuhrwerke, mit Rüben beladen, zur Dorfwaage zogen, dieser Morast ist festgefroren. Wenn Franziska morgens zum Bus geht, stampft sie mit ihren Stiefelabsätzen auf die kleinen Eisseen. Das knistert. Es ist Abend. Franziska steht im Hof. Es ist klar, die Sterne funkeln. Franziskas Gesicht ist rot. Die gute Stube drinnen ist reichlich geheizt. Ihr Vater hat gestern einen Handwagen voll mit Holzresten von der Arbeit gebracht. Jetzt wird dem Winter eingeheizt. Die Kälte draußen tut Franziska gut. Am Sonntagabend gibt es immer warmes Essen. Ihr Vater war nicht dabei. Er hat Nachtschicht, Schrankenwärter.
„Hoffentlich kommen sie heute nicht, meinte Franziskas Mutter, „so kurz vor Weihnachten
, als der Vater aufs Fahrrad stieg.
„Eisenbahner fahren mit dem Rad zum Dienst", sagte Franziskas Vater immer und fuhr die 15 Kilometer nach Oggersheim mit dem Rad. Bei jedem Wetter. Die Großeltern, Franziska und ihre Mutter, die zwei kleinen Brüder, Onkel Karl, Vaters Bruder, jeder bekam ein Stück Fleisch. Fleisch gibt es nicht oft in diesem Winter 1944. Franziska legt den Kopf zurück und betrachtet die Sterne.
Vor vier Wochen haben sie geschlachtet. Franziska schaut immer zu. Ich durfte nicht zusehen.
„Bringt den Jungen weg. Das ist nichts für ihn."
Ich wurde in die Küche geschoben und hätte doch zu gern gesehen, warum das Schwein so entsetzlich quiekte. Ein einziges Mal war ich Augenzeuge, versteckt hinter Urgroßmutters weitem schwarzem Rock. Urgroßmutter saß in der Tür zum Hof auf ihrem Korbstuhl. Warum schrie
