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Der Duft von Milch und Honig
Der Duft von Milch und Honig
Der Duft von Milch und Honig
eBook315 Seiten3 StundenJulian Thalbach ermittel

Der Duft von Milch und Honig

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Über dieses E-Book

Sie wollten nicht so enden wie ihr Vater. Doch wenn sie hierblieben, würde sie das gleiche Schicksal erreichen wie ihn. "Seht zu, dass Ihr es nach Europa schafft", hatte Mutter Miriam ihren Söhnen, Ahmed und Bashir zugeflüstert, als sie sie zum Abschied in die Arme nahm. "Wenn Ihr bleibt, werden sie euch töten."
"Wir werden es nach Europa schaffen", riefen sie zum Abschied ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern zu. "Wir gehen nach Alemannia! Dort gibt es eine Frau, die sie Mama nennen! Dort wird es uns an nichts fehlen!"
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum26. Nov. 2020
ISBN9783752923612
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    Buchvorschau

    Der Duft von Milch und Honig - Hans J Muth

    Impressum

    Hans J. Muth

    DER DUFT VON MILCH UND HONIG

    Roman

    Texte: Copyright by Hans Muth

    Umschlaggestaltung & Satz: Hans Muth

    Umschlagsfotos: Pixabay

    Verlag: Rosalibre

    54316 Lampaden

    hans.muth@icloud.com

    Druck: ein Service der neopubli GmbH Berlin

    Printed in Germany

    *

    Es gibt zu viele Flüchtlinge, sagen die Menschen.

    Es gibt zu wenig Menschen,

    sagen die Flüchtlinge.

    Ernst Ferstl,

    österreichischer Lehrer und Schriftsteller

    *

    Sie haben Angst vor Rückführung und Abschiebung und leben deshalb anonym und im Untergrund.

    Doch, nicht registrierte Flüchtlinge sind Freiwild und fallen oft, von der Justiz und der Öffentlichkeit unbemerkt, Verbrechen zum Opfer.

    Denn da ist niemand, der sie vermisst.

    *

    Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.

    Johann Wolfgang von Goethe"

    Personen

    Zwei Brüder auf der Flucht aus Somalien:

    Bashir Timcade

    Ahmed Timcade

    Korrupter Schlepper:

    Muhammad Said

    Freund und Fluchtbegleiter auf dem Schlepperboot:

    Yussuf Idris Abdullah, 

    Familienangehörige von Bashir und Ahmed:

    Mutter Miriam

    Vater Hassan

    Schwester Talibe

    Schwester Samira

    Mitbewohner im Auffanglager:

    Karim

    Gang-Boss 1

    Abdul

    Nichtregistrierter Bruder von Abdul wird vermisst:

    Raoul

    Gang-Boss 2

    Mohib

    Zwielichtige Verräter im Auffangheim:

    Ali Salao

    Hanad al Sabir

    Ein Zeuge:

    Mohammad Agir

    Mitarbeiter der Ausländerbehörde-Auffangheim:

    Hermann Berger, Abteilungsleiter

    Fred Garber, Sachbearbeiter 

    Karl Wolters, Registratur im Auffangheim

    Schwester von Wolters:

    Mariele Wolters

    Nachfolge von Wolters:

    Katharina Keller

    Bekannte mit Bashir in Zweier-WG

    Fatima

    Deutschlehrerin:

    Helina Markwart, Lehrerin

    Security im Auffangwohnheim:

    Yilmaz Izdemir, Deutscher, türkischer Abstammung

    Olaf Steinle, stammt aus Leipzig

    Die Ermittler:

    Julian Thalbach, Kriminalhauptkommissar 

    Alexander Laufenberg, Kriminaloberkommissar

    Simone Esslinger, Kriminalhauptkommissarin

    Klaus Peters, Erkennungsdienst

    Staatsanwalt Philipp Rodermund

    Obduzent Theodor Habermann

    Inhalt

    Sie wollten nicht so enden wie ihr Vater. Doch wenn sie hierblieben, würde sie das gleiche Schicksal erreichen wie ihn. „Seht zu, dass Ihr es nach Europa schafft, hatte Mutter Miriam ihren Söhnen, Ahmed und Bashir zugeflüstert, als sie sie zum Abschied in die Arme nahm. „Wenn Ihr bleibt, werden sie euch töten.

    Wir werden es nach Europa schaffen, riefen sie zum Abschied ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern zu. „Wir gehen nach Alemannia! Dort gibt es eine Frau, die sie Mama nennen! Dort wird es uns an nichts fehlen!

    Prolog

    Die Jagd

    Brennender Atem entwich seiner keuchenden Kehle, während er barfuß auf dem Gehweg der menschenleeren Seitenstraße der Innenstadt entlang hastete. Er hörte ihre hämmernden Schritte in einiger Entfernung hinter sich und irgendwie spürte er, dass er es nicht schaffen würde.

    Die Straße war menschenleer. Niemand, der ihm hätte helfen können. Er war auf sich allein gestellt. Er musste laufen, um ihnen zu entkommen.

    Er rannte um sein Leben!

    Es machte ihm normalerweise nichts aus, barfuß zu laufen, er war es gewohnt und hatte es sein ganzes Leben getan. In seiner Heimat, in staubigem Sand und lehmigem Boden auf afrikanischer Erde. Das hier war etwas anderes. Das hier war Asphalt und er spürte, wie der Schmerz begann, sich über seine Fußsohlen auszubreiten und sich stechend und brennend auf Fersen und Fußballen festzusetzen.

    Seine einzige Tarnung in diesen späten Stunden der lauen September-Nacht war seine Hautfarbe. Sie war so dunkel wie die hereingebrochene Nacht und wenn er sich an eine Hauswand presste, um sich vor seinen Verfolgern zu verstecken, verschmolz seine schlanke jugendliche Figur förmlich mit ihr.

    Den Gegensatz zu seiner Hautfarbe bildete seine Kleidung. Er trug immer noch das, was er seit dem Tage seiner Flucht vor der Terrormiliz IS aus seinem Dorf in Eritrea und später in einem überfüllten nussschalenförmigen Boot auf dem Mittelmeer am Leib hatte: eine zerschlissene Jeans der billigsten Ware, ein blau-kariertes Hemd und darüber eine Steppjacke, die ihm einer seiner Stammesbrüder vor der Abfahrt zugeworfen hatte.

    „Verlier‘ sie nicht, Bruder!, hatte der schwarze Mann, den er unter dem Namen Ali flüchtig kennengelernt hatte, gerufen. „Das Meer ist kalt und es stirbt sich leichter in einer warmen Jacke! Überleg es dir! Bleib hier! Deine Chancen stehen nicht gut!

    Er meint es gut, hatte er gedacht und dem Mann dankend zugewunken. „Ich werde es schaffen, du wirst sehen!, hatte er zurückgeschrien. „Ich schaffe es nach Alemannia! Viele sind schon dort gelandet! Sie schreiben uns! Über Smartphone! Sie sagen, wir sollen kommen! Dort gibt es Frieden und Freiheit! Ein gutes Leben!

    Ali hatte mit beiden Händen vom Ufer aus winkend die Luft geteilt, während er selbst auf das Wasser zugelaufen war, das Boot, dem auch zahlreiche andere zustrebten, im Auge. Er hatte die Stimme Alis in der Ferne in Fetzen wahrgenommen. „Frieden und Freiheit gibt es nur, wenn du das Meer mit dieser verdammten Nussschale überlebst! Ist dir dein Leben nicht mehr wert?"

    Er hatte abgewunken. „Wir sind zu dritt!, hatte er geschrien. „Wir werden es gemeinsam schaffen!

    Ali hatte weiter gewunken und er hatte den Eindruck gemacht, dass dessen Lippen Sätze formten. Doch er war bereits zu weit weg gewesen, und das Schlagen der Wellen hatte alle menschlichen Stimmen aus dieser Entfernung übertönt. Er hatte noch einmal in Richtung des Mannes, den er gerne zum Freund gehabt hätte, gewunken. Doch er würde ihn nie wiedersehen, das wusste er. Entweder er kam in Alemannia an oder das Meer würde ihn in seine unendlichen Tiefen ziehen wie Tausende vor ihm. Er hatte sich entschieden. Wie sagte man doch in den sogenannten kultivierten Ländern? Hopp oder Topp. So sollte es sein. Hopp oder Topp. Tod oder Leben. Freiheit oder Unendlichkeit.

    Er hatte noch einmal zurückgesehen und mit den Armen in der Luft gerudert. Dann hatte er sich auf das Boot geschwungen, wobei ihm die kräftigen Arme seiner beiden Freunde geholfen hatten, bis er sich auf den nassen Holzplanken des Bootes, das sein Schicksal bestimmen sollte, wiederfand.

    *

    Seine Fußsohlen brannten und der Gedanke, dass ihn seine Kleidung verraten würde, irgendwann in den nächsten Minuten, ließ sein Herz bis zum Hals schlagen. Er überlegte schon, ob er sich ihrer nicht einfach entledigen und nackt weiterlaufen sollte.

    Er entschied sich dagegen.

    Nun lief er durch die Dunkelheit einer Stadt, deren Namen er vor kurzem erst zum ersten Mal gehört hatte, durch eine Dunkelheit, die seine letzte Hoffnung war, in deren Mantel er hoffte, sich irgendwo, wenn es sich bot, vor seinen Verfolgern zu verstecken.

    Plötzlich wandte sich diese Dunkelheit gegen ihn und die dichten Wolken machten einem runden, kräftigen und hellen Mond Platz. Mit einem Schlag schien ihm alles taghell und er erwog schon, zu resignieren, einfach stehen zu bleiben und seinem Tod voller Stolz und Stärke entgegen zu sehen.

    Nein! Er musste leben! Sie brauchten seine Hilfe!

    Er lief weiter. Auf die vierspurige Kreuzung zu. Auf der anderen Straßenseite gab es eine Gasse. Sie war nur spärlich beleuchtet. Dort aber glaubte er seine Chancen größer, seine Verfolger abzuschütteln zu können.

    Er machte den letzten großen Fehler in seinem Leben.

    Er spurtete los, wollte über die Straße, wollte in diese Gasse hinein. Mit Gassen kannte er sich aus. Seine Heimatstadt war voll davon. Zahlreiche Verfolgungsjagden hatte er dort überstanden. In den Gassen konnte er seine Verfolger an der Nase herumführen, ja, vielleicht sogar sie zu Verfolgten machen.

    Er hatte die andere Fahrbahnseite erreicht.

    Die Gasse!

    Nur noch wenige Meter!

    Der Schlag traf ihn im Rücken, warf ihn nach vorne. Dann noch einer und ein weiterer. Er spürte keinen Schmerz. Sein Blick richtete sich gegen den Himmel, wo sich der Mond anschickte, hinter einer dunklen Wolke zu verschwinden. Dann fiel er auf beide Knie und Dunkelheit umgab seine Sinne.

    „Freiheit, war sein letzter Gedanke. „Ich bin frei.

    Sein Körper war nur noch ein lebloser Fleischklumpen, als ihn starke Männerhände in eine dunkle Nische zogen, um ihn dort auf die Ladefläche eines kleinen Pickups zu werfen, der seine Ladung kurz darauf zu dem Fluss brachte, den die Menschen, deren Vorfahren hier die erste Römerstadt erbaut hatten, an Karneval liebevoll Mosella nannten.

    Kapitel eins

    Der Beginn der Flucht

    Vier Wochen zuvor

    Als sie die Schüsse und das Geschrei der wilden Horden wahrnahmen, wussten sie, dass es an der Zeit war, zu handeln. In der Weite ihrer somalischen Heimat erschienen die fanatischen Rufe so nah, als hätten die mörderischen Banden ihr Dorf bereits erreicht. Doch der Schall wurde über die trockene Fläche getragen und erreichte ihre Ohren, obwohl die Herannahenden noch mehrere Kilometer von ihnen entfernt waren.

    „Es wird Zeit, meine Söhne!"

    Mutter Myriam hatte Tränen in ihren dunkelbraunen Augen, als sie auf Ahmed und Bashir zuging. Sie hatte das lange Tuch des buntes Thobes, einem Schal ähnlichen Textil, doch um vieles länger, um ihren Körper gelegt und mit dem Ende einen Teil ihres schwarzen Haars bedeckt. In ihren Händen hielt sie zwei zerschlissene Rucksäcke, die sie vor den beiden abstellte.

    „Nun ist es so weit. ihr müsst uns verlassen. Habt keine Angst um mich und eure Schwestern. Ich bin zu alt und die beiden sind zu jung. Sie werden uns in Ruhe lassen. Mit der Rekrutierung der jungen Männer im Dorf haben sie ausreichend zu tun. Euch wird man nicht rekrutieren, denn ihr werdet nicht mehr hier sein, wenn sie das Dorf erreicht haben."

    Sie blickte von einem zum anderen, als denke sie nach. Dann sagte sie: „Wartet noch einen Moment!"

    Myriam eilte mit kurzen Schritten in das kleine Haus zurück, einer der primitiven Bauten in ihrem kleinen Dorf, in dem es rund weitere zwanzig davon gab. Als sie zurückkam, hielt sie ein kleines Päckchen in der Hand und reichte es Ahmed.

    „Du bist mit deinen zwanzig Jahren der Ältere. Du kümmerst dich um alles. Hier ist das Geld. Es reicht gerade aus, um es diesen Aasgeiern in den Rachen zu werfen. Aber es ist eure einzige Chance. Ihr müsst Europa erreichen. Dort seid ihr in Freiheit. Dort werdet ihr euer Leben gestalten. Es muss ein gutes Leben werden. Tut es für euch und die Familie. Denkt immer an uns und an euren Vater. Er darf nicht umsonst gestorben sein. Diese Verbrecher!"

    Die Tränen schossen ihr erneut in die Augen, als ihre Gedanken kurz zurück schweiften und die grausamen Bilder sich wieder in ihrem Hirn manifestierten.

    Vater Hassan war von den verbrecherischen Milizen der IS gegen seinen Willen rekrutiert worden. Rund 60 bewaffnete Kämpfer der Terrormiliz IS, erwachsen aus der Miliz al-Shahab, eine der Al-Kaida nahestehende Gruppierung, hatten den Ort eingenommen und die Männer zum Kämpfen aufgefordert. Hassan hatte sich mit Worten und Gesten gegen seine Verschleppung gewehrt. Zwei Tage später fanden ihn seine Söhne Ahmed und Bashir etwa fünfhundert Meter hinter dem Dorf, aufgedunsen von der Sonne, ein Opfer der Maden und Vögel. Man hatte ihm den Kopf abgeschlagen und ihn in der Sonne liegen gelassen, so, wie er vor ihre Füße gefallen war.

    Als ihre Söhne an diesem Tag nach Hause kamen, den alten hölzernen Handkarren hinter sich herziehend, wusste sie gleich, was sie erwarten würde.

    „Sie wollen, dass wir gegen Christen kämpfen, hatte Ahmed gesagt und ihr dabei in die Augen gesehen. „Doch das werden wir nicht tun.

    Bashir hatte genickt, trotzig, mit zu Boden geneigtem Kopf. „Wir werden gegen niemanden kämpfen mit diesen Barbaren. Lasst uns alle von hier fortgehen, fort in ein anderes Leben, in ein Land, wo wir überleben werden. Hier wird das nicht möglich sein. Hier werden wir sterben, so oder so, wie unser Vater. Auch du musst mit uns kommen, Mutter. Auch unsere Schwestern. Wir können Euch doch nicht hier zurücklassen."

    Talibe und Samira waren im Haus. Sie hatten sich bereits unter Tränen von ihren Brüdern verabschiedet und lagen sich nun weinend in den Armen. Sie hätten es nicht verkraftet, die Silhouetten ihrer Brüder in der Ferne verschwinden zu sehen. Sie wollten ihre lieben Gesichter aus der Nähe in ihren Gedanken eingeprägt wissen.

    „Doch, meine Söhne, ihr könnt und ihr müsst. Vielleicht will Allah ja, dass wir irgendwann nachkommen können. Glaubt mir, wir werden uns wiedersehen, meine Söhne. Ganz bestimmt werden wir das. Und jetzt geht! Es wird Zeit!"

    Myriam zeigte in die Ferne, über das flache, steinige Land zum Horizont. „Wenn Ihr diese Berge dort erreicht habt, gelangt ihr zu einem Dorf namens Bade. Fragt nach Muhammad Said. Er wird euch weiterhelfen. Ihm müsst ihr das Geld geben. Dann werdet ihr in Europa eure Zukunft finden. Allah sei mit euch!"

    Ahmed zögerte. Er sah auf den Umschlag in seiner Hand und öffnete ihn. „Mutter, wo hast du das viele Geld her?, stammelte er, als er den für ihre Verhältnisse riesigen Betrag sah. „Das geht doch nicht …!

    „Du kannst es unbesorgt nehmen. Ich habe einen Teil unserer Ziegenherde verkauft. Jetzt, wo wir alleine hierbleiben, brauchen wir nicht mehr so viele. Und wer weiß, vielleicht werden sie uns den Rest auch noch wegnehmen. Verstehst du nun, dass das Geld bei euch besser angelegt ist? Lasst niemanden einen Blick darauf werfen. Versteckt das Geld an euren Körpern. Sagt ihnen, dass ihr nicht mehr Geld habt, als jenes, das ihr ihnen zeigt, denn sie werden versuchen, euch alles wegzunehmen.

    Kapitel zwei

    Der Schleuser

    Einen Tag und eine Nacht marschierten Ahmed und Bashir Timcade ohne einen Zwischenfall, dann hatten sie das Dorf Bade erreicht. Sie fragten nach Muhammad Said und ernteten mitleidvolle Blicke. Doch die Gefragten zeigten wortlos auf ein Haus, vor dem ein mit einer Plane versehenes Lastauto stand. Ein Mann von gedrungener Statur, mit dichtem dunklen Bart und einem speckigen Turban hantierte unter der Motorhaube. Sein bodenlanger Kaftan war irgendwann einmal weiß gewesen, doch offensichtlich war er der einzige, den der Mann besaß. Unter dem Saum lugte ein Teil des linken Fußes hervor, der offensichtlich in einer Sandale steckte, die man jedoch nicht sehen konnte. Der Fuß hatte vermutlich lange kein Wasser gesehen, die Fußnägel begannen sich bereits nach unten zu krümmen.

    „Muhammad Said?", fragte Ahmed zögernd.

    Der Mann sah nur kurz auf und musterte die beiden, die er, wie es den Anschein hatte, bereits erwartete. „Habt ihr das Geld dabei?" Seine Augen hatten etwas Lauerndes, seine Worte waren fordernd.

    Ahmed nickte.

    Said grinste über das ganze Gesicht und hielt die offene Handfläche in ihre Richtung.

    Ahmed schreckte zurück und schüttelte den Kopf. „Wir zahlen, wenn wir losfahren. Wir können doch nicht ..."

    „Geht! Verschwindet!, unterbrach ihn Said und machte Bewegungen mit beiden Armen, als wollte er Hühner davon scheuchen. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Die Brüder hörten seine Stimme. „Es gibt genügend Leute, die eure Plätze einnehmen wollen.

    „Aber es war doch abgemacht ...", unternahm Ahmed den Versuch, zu vermeiden, dass er jetzt schon sein Geld loswürde und unter Umständen letztendlich mit seinem Bruder zurückbleiben würde.

    Doch Said unterbrach ihn erneut. „Habt ihr denn kein Vertrauen?", fragte er langsam und mit schräg angewinkeltem Kopf.

    „Wir vertrauen niemandem mehr in diesem Land, würgte Bashir hervor. Und dann fügte er hinzu: „Wir werden erst bezahlen, wenn wir wissen, dass wir Teil des Transports sind. Und wenn Ihnen das nicht passt … es gibt auch andere, die uns gegen Geld dahin bringen, wohin wir wollen. Komm Ahmed, lass uns weitergehen.

    Ahmed hatte es ob der Courage seines Bruders den Atem verschlagen und er überlegte, ob er nicht klein beigeben sollte. Dann entschied er sich dagegen. Sein jüngerer Bruder stellte sich diesem Widerling mit allem Stolz entgegen. Dann wollte auch er diese Haltung einnehmen.

    „Du hast recht, Bruder. Komm!"

    In der Fortbewegung hörten sie die krächzende Stimme des Schleppers, die ihre Schritte stoppte und sie zum Umdrehen veranlasste. Sein gestreckter Arm zeigte zum Ende des Gebäudes, in dem er offensichtlich wohnte.

    „Seid heute Abend bei Einbruch der Dunkelheit hier, sagte er in ruhigem Tonfall, als habe es den kleinen Disput nie gegeben. Es schien, als imponierte ihm die Haltung der beiden Brüder. „Haltet euch dort in dem Schuppen auf und rührt euch nicht, bis ich euch ein Zeichen gebe. Ihr werdet nicht alleine sein.

    Die beiden folgten mit ihren Blicken seinem Arm und erkannten den Vorsprung eines kleinen Geräteschuppens, der hinter dem Wohnhaus hervorlugte. Sie sahen sich an und nickten. Er würde sie mitnehmen, auch wenn die Bezahlung erst am Abend erfolgen würde.

    Nachdem Said die Worte gesprochen hatte, humpelte er davon, seinem bescheidenen Haus entgegen. Den Kaftan hatte er bis zu den Kniekehlen hochgezogen, als er die Treppe zum Hauseingang hinaufstieg. Dabei sahen Ahmed und Bashir den Grund für die schleppende Fortbewegungsweise des Mannes. Das rechte Bein wies grob verheilte, großflächige Wunden auf, die Muskel des rechten Unterschenkels fehlten zu einem großen Teil.

    Die beiden Brüder sahen sich an. „Eine Mine", flüsterte Bashir mit dem Verständnis eines jungen Mannes, für den eine solche Erkenntnis keine Seltenheit oder Neuigkeit darstellte und lenkte seinen Blick wieder zu Said, der gerade humpelnd in seinem Haus verschwand.

    Ahmed nickte ernst. „Ich glaube dennoch, dass wir ihm nicht vertrauen können."

    Kapitel drei

    Durch die Wüste

    Die Fahrt in dem klapprigen Lastwagen dauerte nun schon sechs Tage, und es kam Ahmed und Bashir wie eine Ewigkeit vor. Am Abend vor der Abfahrt hatte Ahmed Said das Geld gegeben. Nicht alles, einen Betrag hatte er abgezweigt und am Körper versteckt. Er und sein Bruder würden es noch brauchen können, davon war er überzeugt. Ahmed beobachtete immer wieder die restlichen Menschen, die sich der Gefahr einer Meeresüberquerung aussetzen wollten. Er sah den Kummer und den Gram in ihren teils faltigen, teils ungewaschenen Gesichtern. Er sah die Angst in den Mienen der Frauen, die ihre Kinder fest umklammerten und mit lauernden Blicken ihre männlichen Mitfahrer fixierten. Aber er sah auch die lauernden Blicke einiger Männer und er hatte das Gefühl, dass ihre Blicke immer wieder zu seinem Gepäck und dem seines Bruders wanderten. Unbewusst zog er seinen Rucksack zu sich, zwischen seine angewinkelten Beine, dicht an seinen Körper. Er glaubte, ein höhnisches Grinsen bei einem der Männer festzustellen.

    Ahmeds Blick glitt zu seinem Bruder Bashir, der ihm schräg gegenüber auf dem Boden des Gefährts kauerte, neben zwei anderen jungen Burschen, deren Hautfarbe etwas heller war als ihre eigene. Er tippte auf Äthiopien, verwarf seine These jedoch wieder. Obwohl, die Gesichtszüge waren etwas härter, kantiger als die seiner Landsleute. Somali waren sie nicht. Vielleicht …

    Immer wieder hatte sich

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