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Tötungsgerät: Kriminalroman aus Frankfurt
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eBook402 Seiten4 Stunden

Tötungsgerät: Kriminalroman aus Frankfurt

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Über dieses E-Book

Im Roman Tötungsgerät wird die Geschichte eines jungen Bosniers dargestellt, der während des Krieges in Bosnien das Töten und die Grausamkeit kennen- und anzuwenden lernt, um dies für den Rest seines Lebens nicht mehr zu vergessen.

Mirsad wird wie viele andere seiner Altersgenossen unversehens in den schmutzigen Gräuelkrieg hineingezogen. Beim Kampf gegen die feindlichen Kroaten wird er von Serben gefangen genommen. Durch eine List und seine Beteuerungen proserbisch eingestellt zu sein, lassen ihn die serbischen Soldaten am Leben. Sie machen aus ihm einen Überläufer.

Fortan muss Mirsad gemeinsam mit den Serben gegen seine eigenen Leute kämpfen. Und er akzeptiert diese grauenhafte Bedingung als eine unabänderliche Regel des Kriegshandwerks. Er wird zum eiskalten Killer, der selbst als er drei gefangene Kameraden, darunter einen früheren Freund, eigenhändig erschießen muss, keine Gefühlsregung zeigt.







SpracheDeutsch
HerausgeberXinXii
Erscheinungsdatum22. Feb. 2022
ISBN9783986465766
Tötungsgerät: Kriminalroman aus Frankfurt

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    Buchvorschau

    Tötungsgerät - Robert Fumić

    Tötungsgerät

    Kriminalroman aus Frankfurt

    Robert Fumić

    Copyright © 2021 Robert Fumić

    Alle Rechte vorbehalten.

    Dieser Roman ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung ist nur mit schriftlicher Zustimmung  des Autors zulässig.

    ROMAN

    Im Roman Tötungsgerät wird die Geschichte eines jungen Bosniers dargestellt, der während des Krieges in Bosnien das Töten und die Grausamkeit kennen- und anzuwenden lernt, um dies für den Rest seines Lebens nicht mehr zu vergessen.

    Mirsad wird wie viele andere seiner Altersgenossen unversehens in den schmutzigen Gräuelkrieg hineingezogen. Beim Kampf gegen die feindlichen Kroaten wird er von Serben gefangen genommen. Durch eine List und seine Beteuerungen proserbisch eingestellt zu sein, lassen ihn die serbischen Soldaten am Leben. Sie machen aus ihm einen Überläufer.

    Fortan muss Mirsad gemeinsam mit den Serben gegen seine eigenen Leute kämpfen. Und er akzeptiert diese grauenhafte Bedingung als eine unabänderliche Regel des Kriegshandwerks. Er wird zum eiskalten Killer, der selbst als er drei gefangene Kameraden, darunter einen früheren Freund, eigenhändig erschießen muss, keine Gefühlsregung zeigt.

    Inhalt

    1 PROLOG

    2 DIE ZEIT DES KRIEGES

    3 STIPO

    4 DIE FLUCHT

    5 IN GEFANGENSCHAFT

    6 SLIWOWITZ

    7 FRANKFURT

    8 DIE ZEIT DER GEISTER

    9 STREIT

    10 KONKURRENZ

    11 MIRA

    12 KUNDSCHAFT

    13 STUTTGART

    14 ZAGREB

    15 DAS GESCHÄFT

    16 SANDRA

    17 DER GROßE BANKRAUB

    18 IM WALD

    19 Das Tötungsgerät

    20 GEBURTSTAG

    21 GONZALES

    22 SCHALLDÄMPFER

    23 KANDIDAT

    24 BESUCH

    25 IM AUTO

    26 ANZEIGE

    27 JETZT ODER NIE

    28 ABSCHIED

    29 BIG BOSS

    30 Die Zeit der Träume

    31 WIRKLICHKEIT

    32 IMPRESSUM

    Anmerkungen

    AUTOR

    Robert Fumić war selbst Soldat in der ehemaligen jugoslawischen Armee. In insgesamt elf verschiedenen Berufen hat er seine Lebenserfahrung gesammelt und er behauptet, elf verschiedene Brote gekostet zu haben.

    In Frankfurt am Main hatte er Kontakte mit diversen realen Kriminellen, als Dolmetscher oder Rezeptionist.

    Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach zehn Jahren in Deutschland ging er noch einmal zurück in den Schuldienst.

    Ich danke allen, die mich inspiriert haben und mir geholfen haben, durch ihre Worte oder Taten. Ein großes Dankeschön an Evie&Elli für beides.

    Gewidmet meiner Frau Sanja. Sie hielt immer zu mir. In guten und in schlechten Zeiten.

    Dieser Roman ist Fiktion und beruht nicht auf wahren Begebenheiten.  Die in diesem Roman dargestellten Figuren und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen realen Personen wäre zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

    1 PROLOG

    Es gibt viele Möglichkeiten sich das Leben zu nehmen. Eine der brutalsten Art dürfte die mit einer Axt sein, so wie ein Mann aus Kroatien sich selbst hinrichtete, nachdem sein Haus angezündet und seine ganze Familie ermordet worden war. Er traf sich mit der Schneide mitten in den Kopf und beendete somit sein qualvolles Martyrium. Der Anblick seines auf einem Lattenzaun versteiften Leichnams verfolgte die Mörder seiner Frau und seiner Söhne. In jedem ihrer Träume verfluchte der blutige, zerspaltene Kopf des alten Mannes ihre Nachkommen und deren Samen und sie erahnten darin eine makabre vorzeitige Bestrafung des Allmächtigen für ihre Gräueltaten.

    Doch es gibt auch andere Selbstmorde. Die sieht man nicht und es wird kein Blut vergossen. Und der Betroffene merkt selbst nicht, was mit ihm passiert, ist sich nicht bewusst, was er sich eigenhändig antut. Es geschieht aber Folgendes: Die menschliche Seele verlässt den Körper, wenn sie das Leiden des materiellen Leibes nicht mehr ertragen kann. Sie, die Trägerin der Gefühle, verschwindet. Und nur noch die im Gehirn gespeicherten Daten bleiben, welche dann den Körper orientierungslos durchs Lebensgeschehen weiter dirigieren. Wenn es die Augen nicht gäbe, wäre es nicht möglich, so eine menschliche Ruine zu erkennen.

    Aber die Augen verraten es, und jeder kann es erkennen - hinter den Augen eines seelenlosen Körpers ist nichts ... nur eine gähnende Leere.

    2 DIE ZEIT DES KRIEGES

    Mirsad grinste, als die Staatsanwaltschaft in Frankfurt die Anklage vorlas. Er wurde beschuldigt, im Herbst vorigen Jahres in einem Waldstück nahe Frankfurt eine junge Frau auf bestialische Weise ermordet zu haben. Ihm wurde vorgehalten, den Mord kaltblütig geplant und abgewickelt zu haben. Ihr langsamer, sich hinziehender Tod sollte eine Warnung für die restlichen rebellischen Prostituierten sein, die zu seinem Clan gehörten. Die Tatsache, dass der Mord absichtlich und qualvoll war, schockierte alle. Denn der Täter war erst 24 Jahre alt. Die meisten Anwesenden im Sitzungssaal waren sichtbar betroffen. Keiner mochte nach dieser detaillierten Schilderung des leidvollen Sterbens einer jungen Frau aus Bosnien das Wort ergreifen. Und es herrschte Stille. Die Schöffen schauten resigniert vor sich hin, einige beschäftigten sich lieber mit dem alten kupfernen Kruzifix an der Wand, welches an die nicht vorhandene Macht Gottes erinnerte, beteten vielleicht doch noch, wer weiß, oder versuchten durch andere Ablenkungsmanöver den Schock zu verarbeiten.

    Doch der Angeklagte lächelte weiter selbstgefällig, als ob ihn das Ganze nichts angehen würde, sah über die Handschellen direkt dem Staatsanwalt in die Augen und verkündete: »Ich war es nicht.« Irgendwie war er stolz auf sich selbst und stolz darauf, wie gut er lügen konnte.

    Das Lügen war in seiner Heimat stets erwünscht, zuerst bei der ehemaligen jugoslawischen Armee, danach bei jeder anderen Armee und Gruppierung auf dem bergigen Balkan. Es war so überlebenswichtig wie das Stehlen. Ein guter Soldat musste beides beherrschen, denn oft bekam er den Befehl von seinen Offizieren: »Finde dich zurecht!« Dies hieß so viel wie: »Stiehl von deinen Kameraden die Ausrüstung, die dir fehlt.«

    Mirsad verbrachte fast vier Jahre als Soldat im Krieg und seine Moral und seine Lebensansichten waren die eines Soldaten.     

    1992 herrschte Krieg in Bosnien und Mirsad war damals 18. In seinem Dorf in der Nähe von Novi Travnik lebten meist Muslime und Kroaten und nur wenige Serben. Aber es bestand die Gefahr, dass auch seine Ortschaft von Einheiten der jugoslawischen Volksarmee, die eigentlich nur noch die großserbischen Ziele vertrat, angegriffen werden konnte. Muslime und Kroaten wurden in kleine Verteidigungseinheiten auf territorialer Basis organisiert. Solche territorialen Einheiten gab es schon zu Titos Zeiten, und ihre Aufgabe war es, die jugoslawische Volksarmee im Kriegsfall zu unterstützen. Da diese sogenannte jugoslawische Volksarmee nun selbst der Feind war, entstand aus diesen kleinen Einheiten später die Armee von Bosnien-Herzegowina.

    Die Kämpfe zwischen Serben auf der einen und Muslimen und Kroaten auf der anderen Seite fanden weit entfernt von Mirsads Dorf statt und da die Männer weiterhin zur Arbeit gingen, schickte man am Anfang noch die Jugendlichen und die Rentner zur Dorfbewachung. Dementsprechend war der achtzehnjährige Mirsad mit Stipo unterwegs zum Posten. Stipo war Kroate und ein Jahr jünger als Mirsad. Sie waren Nachbarn und schon ihr Leben lang befreundet.

    »Hör mal, was tun wir, wenn die Četniks¹ tatsächlich erscheinen? «, fragte er wissensdurstig.

    Doch es klang so, als würde er selbst nicht ernsthaft daran glauben.

    Stipo hatte braune, lockige Haare, wegen derer er bei den Mädchen im Dorf ziemlich beliebt war. Da er aber etwas kleiner als Mirsad war, musste er zu ihm hochschauen. Um seine gespielte Ernsthaftigkeit und seine Besorgnis zum Ausdruck zu bringen, öffnete er seine dunkelblauen Augen, soweit er nur konnte.

    »Fliehen, was sonst ...«, sagte Mirsad nüchtern und

    deutete mit der Hand aufs Dorf.

    »Wie ... fliehen ...? Sollten wir nicht doch zuerst schießen?!«, fragte Stipo entrüstet.

    »Womit willst du denn schießen, du hast ja kein Gewehr?«

    »Na mit deinem!«

    »Du meinst, wenn ich tot bin, oder was?!«, schüttelte Mirsad mit gespielt vorwurfsvollem Blick den Kopf. »Hör mal, glaubst du wirklich, sie haben mir Patronen gegeben? Das ist nur, um mir Respekt zu verschaffen. Niemand weiß, dass die Flinte nicht geladen ist. Also der Plan ist so: Wenn du siehst, wie ich panisch in Richtung Dorf renne, dann rennst du mir nach und schreist Čeeetniiiks!!! Alles klar?!«

    »Guter Plan«, sagte Stipo bedeutsam.

    »Hast du jetzt Angst, wo du weißt, dass wir unbewaffnet sind?«, fragte Mirsad, kaute selbstgefällig auf einem Grashalm in seinem Mund und lachte entscheidend zu laut dabei.

    »Sicher habe ich Angst, du etwa nicht?! Ich bin zu jung, um zu sterben, ich will noch Auto fahren und ... Sex haben.«

    »Tja, das kannst du den Četniks sagen, bestimmt haben sie Verständnis für deine Probleme.«

    »Du bist so dumm, hey, du bist so dumm, das ist überhaupt nicht witzig. Wieso habe ich bloß dich bekommen und nicht einen Erwachsenen wie Luka? Luka ist mit Onkel Mijo auf dem Posten, weißt du das überhaupt?!«

      »Mit Onkel Mijo«, wurde Mirsad nachdenklich, »mit ihm hätte ich auch keine Angst, aber mit dir, deine Angst ist ansteckend.«

    »Wieso habe ich bloß dich bekommen?!«, wunderte sich Stipo weiter.

    »Ganz einfach - ich habe es mir so gewünscht, was sonst?«, erwiderte Mirsad und lachte.

    »Trottel«, schimpfte Stipo.

    »Angsthase«, lachte Mirsad weiter.

    »Nun mal ehrlich ... wenn die kommen, rennen wir ins Dorf und schlagen Alarm, richtig?!«

    »Nun … du kannst auch bleiben und kämpfen, während ich die Nachricht überbringe«, überlegte Mirsad.

      Die bedrängten Muslime begaben sich in immer mehr Ortschaften auf die Flucht vor den mit jeglicher militärischen Ausrüstung bewaffneten Serben und sie begannen nun selbst damit, die Kroaten aus ihren Dörfern zu vertreiben, um Platz für sich zu schaffen. Immer öfter kämpften Muslime gegen Kroaten und die im Mirsads Dorf ansässigen Kroaten fühlten sich bedroht. Eines Nachts flüchteten sie aus ihrem in ein naheliegendes und mehrheitlich von Kroaten bewohntes Städtchen.

    Manch einer fragte sich, weshalb sie geflohen waren und konnte nicht verstehen, dass seine Nachbarn über Nacht in ihm, aus welchem Grund auch immer, einen Feind gesehen hatten. Schließlich lebten sie jahrzehntelang zusammen, wurden geboren, heirateten und starben nebeneinander, unter derselben Sonne. Und manch anderer freute sich wiederum, dass sie als Muslime jetzt unter sich leben konnten.

    Nur, das Leben und Überleben wurde immer schwieriger. Es fehlte an Nahrungsmitteln, Arzneimitteln, an Strom und Wasser und die Muslime unter sich beneideten einander um Essen oder Zigaretten.

    Denn ihr Dorf war oft vom restlichen muslimischen Territorium abgeschnitten. Aber auch in anderen Ortschaften, in denen es nicht so war, lief dasselbe ab.

    Mirsad wurde mittlerweile in zahlreiche Kriegsaktivitäten verwickelt. Immer öfter musste er »aufs Gelände«, um auf die andere Seite zu schießen, muslimisches Gebiet zu verteidigen. Für ein paar Stunden würde er dort mit der Angst kämpfen und dann durfte er wieder nach Hause zurückkehren und sein »normales Leben« führen.

    Seine Vernisa wartete manchmal am Rande des Dorfes auf ihn, winkte ihm fröhlich, als sie ihn sah und küsste ihn schnellstens. Damit sorgte sie für regelmäßige Belustigung unter den Kriegern und wurde nur noch »die Braut« genannt. Und jeder Einzelne fühlte sich persönlich dafür verantwortlich, dass »der Bräutigam« heil vom »Gelände« nach Hause gebracht wurde. Denn schließlich wollten sie bald wieder eine Hochzeit feiern.

    3 STIPO

    Kroaten hätten sich im Wald postiert, bekam Mirsad an einem trüben Morgen im Spätsommer 1993 zu hören und er wusste, was das für ihn bedeutete.

    Mit einigen weiteren, schnell zu Soldaten umfunktionierten Dorfbewohnern, begab er sich schwerbewaffnet dorthin, wo der Feind sich aufhielt, um das Gebiet zu »säubern«. Die Kroaten waren auf einem Hügel im Wald postiert, oberhalb der Hauptversorgungsstraße zur Gemeinde, und schossen von dort auf eine muslimische Patrouille. Sie hielten die Straße im Visier, sowie den Zugang vom Dorf zum naheliegenden Waldstück.

    Einige Umstände waren vorteilhaft für den Angreifer. Mirsad und seine Mitkämpfer sahen kaum etwas im Innern des Waldes. Mit nur kurzen Unterbrechungen regnete es seit Tagen und zu jeder Uhrzeit war es düster und wolkig. Mirsad hatte schon den ganzen Tag eine bedrückende Vorahnung. Er spürte, dass an diesem Tag sein Schicksal umschlagen würde. Was es sein würde, konnte er nicht sagen, aber es brannte in seinem Bauch und seine verschwitzten Hände zitterten. Er trug eine Jeanshose, die im Gelände so unvorteilhaft sichtbar war und eine zu kurze Tarnjacke für seine 1,85. »Was ist nur aus uns geworden?«, grübelte Mirsad. »Wir lebten doch schon immer friedlich miteinander und jetzt schießen wir aufeinander, töten uns gegenseitig. Wir sind alle Idioten, wir alle. Ich schimpfte früher mit den Jungs, die mit Luftgewehren auf Spatzen geschossen hatten ... und jetzt töte ich Menschen und werde sogar dafür gelobt.« Er presste seine kalte metallische Braut an seinen Bauch und rannte so gebückt immer weiter durch ein Maisfeld. Seine Einheit teilte sich in zwei Gruppen und so näherten sie sich dem kroatischen Posten von zwei Seiten gleichzeitig. Ein etwas älterer, ausgehungert wirkender Mitkämpfer hielt sich schnell einen Finger vor den Mund, um anschließend mit demselben Finger auf den Feind zu zeigen. Mehrere Soldaten in dunkelblauen Tarnanzügen lagen auf dem Bauch und beobachteten die Straße. Ein leichtes Ziel. Der ältere Mann winkte jetzt auch die anderen zu sich und zeigte wiederholt mit dem Finger auf den Feind. Dann zeigte er sechs Finger. Mirsad zitterte am ganzen Körper und starrte auf die Erde. Sie war matschig, wie fast immer im Krieg. Sein Herz pochte auf einmal so stark und er musste an seine Mutter denken. Sie würde nicht wollen, dass sein Blut auf diese schlammige Erde fließt. Doch die Soldaten in blauen Tarnanzügen hatten auch Mütter ...

    Auf einmal eröffnete die erste bosnische Einheit das Feuer. Die Kroaten schossen zurück und töteten zwei Angreifer. Sie hatten von oben den besten Überblick auch über das Gelände, auf welchem sich die Muslime zu dem Zeitpunkt befanden. Dieser Landstrich, obwohl durch viele Schützengraben zerwühlt, leistete einen zu dürftigen Schutz. Man hörte die kroatischen Kommandos, aber auch wie sie zu den Angreifern riefen, es wäre besser für sie, wenn sie sich sofort zurückzögen, sonst würde man den Rest von ihnen erschießen. Eine der Besonderheiten dieses Krieges lag darin, dass alle drei verfeindeten Parteien Landsleute waren und ein und dieselbe Sprache benutzten.

    Währenddessen nutzte Mirsads Gruppe eine Böschung, um sich hinter den, durch die einseitige Beschießung abgelenkten, Kroaten durchzuschleichen und so den kroatischen Posten von hinten anzugreifen. Mirsad, jetzt plötzlich hellwach, zündete selbst zwei Handgranaten und warf sie, eine nach der anderen, dorthin, wo er den Feind vermutete. Zwei kräftige Explosionen ließen alle sich erschrecken und übertönten das Rattern der Maschinengewehre. Mirsad lag nach dem Werfen auf dem Bauch und jetzt prasselten Dreck und Steine auf seinen Rücken.

    Und auf einmal, wie immer im Anschluss an das Schießen und Töten, trat eine unnatürliche, nahezu gespenstische Stille ein. Das Terrain war »gesäubert« und Mirsad lief zu dem kroatischen Schützengraben, um als Erstes noch brauchbare Waffen zu sammeln. Unter den verstümmelten, toten Kroaten lag der Leichnam eines jungen Mannes mit lockigen Haaren.

    »Nur einer Sache bin ich mir sicher«, flüsterte Mirsad, »du bist nicht freiwillig hierhergezogen, um in diesem dreckigen Loch zu sterben. Möge die Erde dir leicht sein, Stipo, mein bester Freund! Du wirst nie ein Auto fahren und nie Sex mit einer schönen Frau haben.«

    Mirsad fühlte, wie die Seele des toten Stipo in der Luft schwebte und ihn beobachtete. Die Seele war nicht wütend, nicht traurig, nicht mehr an der Welt der Sterblichen interessiert. Ihr war das da unten alles gleichgültig. Mirsad war noch am Leben, doch seine Augen waren gestorben. Sie schauten leer in die Ferne, sahen den hellen Himmel oberhalb der Bäume, bewegten sich eigenwillig nach unten, über die grüne hügelige Landschaft, bis zu den blutigen Leichen im matschigen Graben. Eine von ihnen war sein Freund.  Mirsad richtete sein Gewehr auf seine Kehle und zögerte.

      Das Kriegsglück wandte sich und bald waren die Kroaten wieder auf dem Vormarsch. Mirsads Dorf war von den durch die Kroaten beherrschten Ortschaften umgeben und der einzige Zugang zu dem nächsten, weit entfernten muslimischen Städtchen wurde gesperrt. Die Schwächsten verhungerten.

    Täglich fielen Schüsse und die Gefahr, bald von den Kroaten eingenommen zu werden, wurde für ihr eigenes Dorf immer realer. Es verging kaum ein Tag, an dem keiner getötet wurde, und die Kroaten kamen immer näher. In nur wenigen Tagen erreichten sie gewaltige Geländegewinne.

    Mirsad hielt damals noch seine Vernisa in seinen Armen und sie schworen sich, zusammen die kroatischen Linien zu durchbrechen oder zu sterben. Einige Tage danach wurde Vernisas Vater von einer Handgranate tödlich getroffen und Mirsad schwor, ihn zu rächen. Vernisa trauerte nur noch und sie empfand, wie ein Stück von ihr selbst zusammen mit ihrem Vater für immer verschwunden war. Mirsad konnte ihr nicht helfen, er konnte nur zuschauen, wie sie litt.

    Es wurde entschieden, das Dorf über Nacht zu verlassen. Man organisierte sich in kleinere Gruppen und es wurde beabsichtigt, sich durch die feindlichen Posten durchzuschlagen. Einen Weg gab es noch, nur führte dieser durch serbisches Territorium. Da sie bislang in keine Kämpfe mit den Serben involviert wurden, entschlossen sich die meisten von ihnen für diese Variante. Nur die Ältesten blieben im Dorf, beteten und warteten auf ihr Schicksal.

    Die Kämpfer hatten keine andere Wahl als sich von den Frauen und Kindern zu trennen. Denn ihre Aufgabe war, die Flucht der Bevölkerung mit Waffengewalt zu sichern. Mirsad küsste zum letzten Mal seine Vernisa und seine Eltern und sie wünschten sich gegenseitig Glück. Vernisa hatte keine Tränen mehr in ihren Augen und sie blieb als eine ausgehungerte, kraftlose Frau in seiner Erinnerung. Mirsad glaubte nicht daran, sie jemals wieder zu sehen.

    Vor wenigen Tagen hatte er seinen 19. Geburtstag zusammen mit ihr gefeiert und nun schwor er sich, keinen weiteren Geburtstag in seinem Leben mit jemand anderem zu feiern. Im Vergleich zu dem, was sie gemeinsam durchlitten hatten, würde jede andere Lebenssituation, jede Träne, jedes Lächeln, jedes andere Gefühl des Menschlichen, als nichts weiter als eine bedeutungslose Geste erscheinen. Keine andere Frau würde ihn jemals so verstehen und für keine andere Frau würde er so viel Mitleid empfinden. Es war schwer, zwischen Mitleid und Liebe zu unterscheiden. Er fühlte, wie das Mitleid die Liebe veredelte, und dachte kaum noch im sexuellen Sinne an Vernisa. Vielmehr fühlte er als wäre sie eine Ergänzung seines eigenen Wesens geworden. Ein Teil von ihm selbst, von welchem er sich nun verabschieden musste. Er küsste ihre Stirn und sie entfernte sich von ihm, in einem halbbewussten Zustand. Sie zeigte keine Regung.

    Als er sich von seinen Eltern verabschiedete, erkannte er in ihren Augen etwas wie eine Entschuldigung. Vielleicht fühlten sie sich dafür verantwortlich, dass das Land und alles wofür sie gelebt, gelitten und gearbeitet hatten, worauf sie einst so stolz waren, jetzt zu Grunde ging. Und vielleicht hatten diese Entschuldigung und diese Reue in ihren Augen eine nicht regionale, sondern eher eine kosmische Begründung. Sie fühlten sich wahrscheinlich dafür schuldig, Leben in diese verdorbene Welt gesetzt zu haben und befürchteten, ihr Sohn würde sie dafür in seiner Verzweiflung verfluchen.

    »Schau mich nicht so an«, sagte Mirsad leise zu seiner Mutter. »Ich verfluche nicht den Tag, an dem ich geboren wurde.« Doch seine Mutter wusste, dass er log.

    Sie fing an, bitterlich zu weinen und er erkannte, dass er die Fähigkeit verloren hatte, seine Gefühle zu verstecken.

    »Wir werden es schaffen ... ich weiß das«, sagte sein Vater, aber es klang nicht so, als würde er selbst daran glauben.

      Mirsad beobachtete, wie die Menschen in der Gruppe immer kleiner wurden, je weiter sie sich von ihm entfernten. Noch konnte er seine Eltern erkennen. Da sie wussten, dass es bald nicht mehr möglich sein würde, gaben sie ihm ein letztes Erkennungszeichen, indem sie beide heftig winkten. Sie waren weit entfernt und es war nicht zu erkennen, ob sie ihm aus Optimismus zuwinkten oder aus Verzweiflung. Er wollte an das Erste glauben und erinnerte sich an bessere Zeiten und fröhlichere Abschiede.

    4 DIE FLUCHT

    »Wir werden nun wie folgt vorgehen« unterrichtete Onkel Mijo die Gruppe von sechsundzwanzig bewaffneten Dorfbewohnern.

    »Wir teilen uns in vier kleine Einheiten auf und kämpfen wie die Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Das heißt: Wir greifen den Aggressor an und dann ziehen wir uns schnell wieder zurück.«

    Onkel Mijo war ein kräftiger fünfundfünfzig Jahre alter Mann mit grauen Haaren und er wurde als Anführer gewählt, weil er den höchsten militärischen Rang bei der jugoslawischen Armee hatte. Eigentlich war er Kroate, aber er wollte sein Hab und Gut nicht verlassen, blieb im Dorf und teilte das Schicksal der Muslime. Als er vom Feind sprach, benutzte er stets das Wort Aggressor, um nicht Kroaten sagen zu müssen.

    »Unser Ziel ist es, den Aggressor zu verlangsamen, mehr nicht. Schießt auf die Fahrzeuge, haltet sie auf. Die Routen kennt ihr, schaut, dass ihr beim Rückzug immer die Gegebenheiten des Terrains ausnutzt. Wir sind hier zu Hause, wir wissen am besten, wo man sich gut verstecken kann ...«

      Also brach Mirsad mit sechs weiteren Kämpfern zu dem gemeinsam festgelegten Posten auf. Ihr erstes Objekt war eine kleine katholische Kirche am südlichen Rande des Dorfes. Die Kapelle war auf einem Hügel und von dort hatte man einen vorteilhaften Überblick über fast zwei Quadratkilometer Gelände. Außerdem hofften sie, dass die Kroaten nicht so gerne auf ihr eigenes Gotteshaus schießen würden. Mirsads kleine Kolonne hatte keine andere Wahl, als zum Dorf zurückkehren, um den gewünschten Posten einzunehmen. Mirsad lief als Erster, immer auf der Hut, hinter jedem Haus hätte sich jetzt schon der Feind postiert haben können. Es war frisch, die Luft kühl und es roch so, wie es auf einem Bauernhof immer riecht. Die Gerüche des Krieges, des Blutes des Schießpulvers und der Leichen waren noch nicht vorhanden.

    Die Häuser waren verlassen, nur noch Tiere waren zu sehen und zu hören. Hier hörte man einen Hahn krähen, da lief ein Hund über die Straße, die Kühe wollten gemolken werden ...

    Nur keine Menschen, weit und breit, niemand zu sehen. »Und wenn sich irgendjemand zeigen würde, dann müsste man jetzt schon in ihm den Feind vermuten und schießen«, überlegte Mirsad.

    Sie kamen zu dem schwierigsten Teil, es war fast ein freies Gelände, denn da gab es nur vereinzelt Häuser, weit verstreut in der Gegend. »Halt, halt Mirsad lauf nicht weiter«, schrie Senad. Der junge Mann war im selben Alter wie Mirsad, ging mit ihm in dieselbe Klasse in der Schule und war einer seiner besten Freunde. »Ich habe fast meine Seele unterwegs verloren, bei diesem Tempo. Machen wir mal eine Pause und rauchen eine Zigarette. Wer weiß, vielleicht wird es unsere Letzte sein. Und warum müssen ausgerechnet wir so weit vordringen? Wir sind ein Himmelfahrtskommando, wenn du mich fragst.«

    »Male nicht den Teufel an die Wand und lauf weiter«, befahl ein etwas älterer Kämpfer von hinten.

    »Wir rauchen, wenn wir den Posten eingenommen haben, wir haben jetzt keine Zeit«, sagte Mirsad. »Und wir sind jung.

    Nachdem wir geschossen haben, heißt es, lauf soweit deine schnellen Beine dich tragen. Die Älteren könnten das nicht. Ich werde auf jeden Fall so schnell laufen, dass du nur eine Staubwolke unter meinen Füßen sehen wirst.«

    Also liefen sie ohne Pause weiter. Sie waren verschwitzt, da sie Waffen und Munition in schweren hölzernen Kisten mit sich trugen, und sie hatten fast alle diesen seltsamen Blick in den Augen. Eine Mischung aus Anspannung, Angst, aber auch Entschlossenheit und Wut. Sie dachten an ihre Liebsten, die sie zurückgelassen hatten, und sie waren entschlossen, ihren Rückzug um jeden Preis und mit allen Mitteln zu ermöglichen.

    Ein schwarzer Hund mit einem Fell wie ein Schaf lief ihnen nach. »Guck, der Hund kommt mit uns. Jetzt haben wir einen Kämpfer mehr«, freute sich jemand von hinten.

    Nur noch wenige hundert Meter hätten sie zu bewältigen und dann wären sie auf dem Hügel mit der Kapelle. Doch als Mirsad zu der Kirche hochschaute, erblickte er dort einen Mann, welcher sich hektisch auf den Boden stürzte. Fast in

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