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Der Andere - Träumereien eines Schizophrenen
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eBook66 Seiten52 Minuten

Der Andere - Träumereien eines Schizophrenen

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Über dieses E-Book

Lothar Streblow befasste sich ausgiebig mit Studien über Verhaltensforschung und Psychologie. Von diesen Erkenntnissen inspiriert, entstanden zahlreiche Radiosendungen, Hörspiele und Essays, außerdem Umwelt- und Tiererzählungen. Er versuchte dabei stets dem sachkundlichen Anspruch gerecht zu werden. Gleichzeitig überzeugt er durch eine sehr bildhafte und lebendige Sprache und es gelingt ihm in die Gefühlswelt der Individuen einzudringen und diese darzustellen. Die Erzählung "Der Andere – Träumereien eines Schizophrenen" sind ein sehr schönes Beispiel dafür.
SpracheDeutsch
HerausgeberSAGA Egmont
Erscheinungsdatum5. Okt. 2018
ISBN9788711763650
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    Buchvorschau

    Der Andere - Träumereien eines Schizophrenen - Lothar Streblow

    Der Zug fraß seine Straße in die Zeit, und die Gesichter der Lande versanken wie Bilder in einer schwarzen Truhe. Stationen saugten den Dampf der Lokomotive ein und spien Menschen aus, die Besitz nahmen vom Zug, gleichgültig, erwartungsvoll, aber immer ohne Ehrfurcht. Er ist ein Instrument des Daseins, dachten sie.

    Ein Mann saß im Zug. Irgendwo hatte auch er seinen Besitz angetreten. Nun saß er in seinem Abteil. Nüchtern war es, wie die anderen, ein Zugabteil. Und es war leer. Nur der Mann gab seiner Bestimmung den Sinn.

    Der Mann hatte die Augen geschlossen. Lange saß er so. Der Rhythmus der schlagenden Räder auf den Geleisen drang gleichsam in ihn ein, verschmolz sich mit dem sanften Ticken seines Blutes und bildete so das Schlagwerk eines Orchesters, dessen Melodie sich trumhaft über die Gepäcknetze spann. Und mählich erwuchsen aus dem Schatten der Resonanz wuchtige Bäume empor; sie wiegten sich leise im Takt und erzählten flüsternd den Weg jener Bank, auf der er saß. Es war ein raunendes Geschwätz gleich dem Summen großer Wälder. Und er schritt hindurch, schabte die Haut seiner Wange an der rissigen Borke, spürte das kalte Brennen der rauhen Berührung und legte ermüdet den Kopf in die knorrigen Wurzeln. Das Orchester tremolierte zwischen Harmonie und Dissonanz, die Pauken dröhnten, und ein schwarzer Ton setzte sich matt in den schillernden Regenbogen des letzten Akkords.

    Dieser Augenblick war es, der ihm befahl, die bleichen Lider zu heben. Scharf hing der milchige Schein der Lampe im Abteil, drängte sich aus dem Vakuum seines gläsernen Hauses, aufdringlich und kalt. Harte Schatten lagen unter den Sitzen – wie träge Tiere in der Mittagssonne, dachte er, und ein schaler Geruch verwesten Tabakrauches strömte aus den Fugen der Holzverkleidung. Es war das Abteil in seiner faden Sachlichkeit, nichts weiter.

    Langsam hob er den Blick. Das Gegenständliehe zog sich gemessen in seine Grenzen zurück, und er bemerkte, wie der Platz gegenüber in seinen Gesichtskreis trat. Es war wie ein schmales Verwundern, das sich sekundenlang gleich einem Netz auf seine sonst so befriedeten Züge legte; dann senkte sich wieder das milde Verstehen über sein Gesicht: Er hatte sein Gegenüber erkannt.

    Der Andere neigte grüßend die Stirn und lächelte, und er tat ein gleiches.

    Die Räder klopften eintönig, nur hin und wieder tanzte ein Signal über die Fensterscheiben. So fuhren sie eine zeitlang. Und die Minuten traten geruhsam in das Schweigen und gingen wieder, wie Spaziergänger an einem Sonntagnachmittag. Sie sammelten sich auf dem Platz vor dem alten grauen Rathaus und tränkten das klobige Pflaster mit dem Gewäsch vergangener Tage, klagten über die Zuchtlosigkeit der jungen Leute und das Steigen der Preise, feilschten um die Moral einer ledigen Nachbarin, die ein Kind bekommen hatte, und sonnten sich in dem fragwürdigen Glanz ihrer ausgefransten Tugend. Die Müßigkeit des Seins sammelte sich auf dem Boden der Vergänglichkeit zu fetten Stunden, und diese faßten die folgenden bei der Hand und zogen sie gleich einer langen Kette hinter sich her.

    Das Lächeln seines Gegenüber vertiefte sich. Er mochte wohl noch an das Treiben vor dem Rathaus denken, und er schwieg. Die Geräusche des Zuges verkrochen sich in die Winkel des Abteils, und eine Stille hing sich darüber, gleich einem samtenen Vorhang – es schien ihm, als wollte sie das Kommende vor der Trivialität des Alltags bewahren, sie strömte eine kalte Feierlichkeit aus und wartete anscheinend auf etwas, das kommen mußte, unabänderlich wie ein Naturgesetz. Eine geringe Zeit schlich sich so durch den Raum, dann schlug es metallisch in die schwebende Leere: zwölfmal. Es war die Glocke einer fernen Dorfkirche. Und der Andere sprach:

    „Es läutet den Tod des Gestern."

    Diese Stimme hatte einen weichen Klang, denselben weichen Klang, den der Mann so gut kannte; und es verlangte ihn, seine eigene Stimme zu hören. Die Glocke war verstummt, nur ein sacht verklingendes Schwingen erinnerte noch an sie. Und die Geräusche kamen wieder aus den Ecken hervor und produzierten sich, breit und behäbig.

    „Die Geburt des Heute ist vollbracht."

    Es hat sonderbar geklungen, als ich das eben sagte, dachte der Mann, aber es war meine Stimme – und eigentlich wollte ich etwas anderes sagen.

    Der Andere nickte bestätigend.

    „Das Neue beginnt immer im Dunkel des Alten", sagte er streng.

    Der Mann sah sein Gegenüber lange an. Warum mußte dieser gerade diese Worte wählen? Warum? Er kannte ihn schon lange, viel länger als diesen einen Augenblick, und länger noch als jenes Mysterium, das man

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