Dunkle Seiten einer Stadt: Lengsfelder Geschichten XI
Von Rolf Schlegel
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Über dieses E-Book
Fünfhundert Jahre Geschichte eines kleinen Städtchens in der Rhön bieten genügend Stoff für Anekdoten, kuriose Begebenheiten und Intrigen. Die souveräne Auswahl der Themen, Sortierung und ihre prägnante Abhandlung lassen Sachverstand und nötiges Einfühlungsvermögen des Autors erkennen.
Dieses Buch befasst sich vor allem mit menschlichen Verfehlungen, Missetaten und dem Tod. Zugleich werden Einblicke vermittelt, wie man Recht sprach und wie man Menschen bestrafte. Vom Henker, über die Folter bis zum Pranger - alles wurde in einem kleinen Städtchen der Rhön praktiziert.
Rolf Schlegel
Prof. Rolf Schlegel ist Emeritus für Zytogenetik, Genetik und Pflanzenzüchtung nach über 50 Jahren Erfahrung in Forschung und Lehre. Er ist Autor von mehr als 200 wissenschaftlichen Publikationen und anderen Abhandlungen, Koordinator interna-tionaler Forschungsprojekte und Mitglied mehrerer internationa-ler Organisationen. Er veröffentlichte bereits erfolgreich fünf Fachbücher in englischer Sprache, herausgegeben von drei amerikanischen Verlagen. Rolf Schlegel diplomierte 1970 auf dem Gebiet der Genetik und Pflanzenzüchtung und promovierte 1973. Die Habilitation (Dr. sc.) folgte 1982. Er war langjährig an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dem Institut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wis-senschaften in Gatersleben, dem Institut für Getreide und Son-nenblumen-Forschung, Dobrich/Varna, sowie dem Institut für Biotechnologie der Bulgarischen Akademie der Landwirt-schaftswissenschaften tätig; darüber hinaus an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen der USA, Brasilien, England, Japan, Russland und anderen Ländern. Seit geraumer Zeit hat er die Ahnenforschung seines Heimatortes Stadtlengsfeld zur Freizeitbeschäftigung gemacht. Dabei entstand eine Datei von mehr als 60.000 Personen-Einträgen aus der mehr als tausendjährigen Historie des Ortes. Die Schicksale der Menschen und deren Leben bieten Stoff für eine Vielzahl von Geschichten und historischen Darstellungen. Diese einem breiten Publikum kundzutun, ist eine neue Passion des Autors.
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Buchvorschau
Dunkle Seiten einer Stadt - Rolf Schlegel
Geschichte von Untaten in Lengsfeld
Eigentumsdelikte und Aufruhr
1525 Der mittelalterliche Bauernkrieg war ein epochales Ereignis auch für die Rhön. In Völkershausen formierte sich am 19. April 1525 der fast 7.000 Mann starke Werrahaufen. Zu ihm drängten auch Bauern aus dem Amt Lengsfeld. Am 21. April zogen Bewaffnete auch nach Dietlas und Lengsfeld. Nach der Zerstörung der Kraynburg, der Belagerung von Salzungen und Einnahme von Breitungen zogen Bauern in Richtung Schmalkalden.
Der Haufen wurde von dem Vachaer Hauptmann Sippel angeführt. Nach weiteren Raubzügen wurde Sippel unter dem Vorwand von Verhandlungen Eisenach gelockt und dort festgesetzt sowie darauf peinlich verhört (vgl. Abb. 3). Aus einer Rechnung des Amtes Eisenach vom Mai 1525 geht hervor, dass man „2 gr für 2 Pfund liechte verbraucht als man Hansen Sippeln und seine gesellen peinlich befragt hat". Ein Schock 35 g wurden „einem Scharfrichter zu Eysennach zu lohn gegeben, hat Hansen Sippeln, obristen hauptmann der pauerschaft und seine Gesellen … mit dem schwerte gerichtet, dornstags nach Jubilate" (21. Mai 1525).
1526 Der Herr Philipp, Landgraf zu Hessen, beschwert sich über Ludwig von Boineburg-Lengsfeld, dass er „bei seiner fürstlichen Gnaden Vaters Leben, nicht des Hauses Hessen Frommen, wie es einem getreuen Diener zusteht, sondern Schaden gesucht, sind darüber in Irrung geraten und hat der Landgraf deswegen des von Boyneburg Güter konfiszieren und einnehmen lassen". Er hatte offensichtlich herrschaftliche Güter veruntreut. [24]
Abbildung 3: Gedenktafel für den Bauernkriegsführer Hans Sippel an der Burg Wendelstein von Vacha. Quelle: Wikipedia, 2019
1558 Ein früher Bericht datiert aus dem Jahr 1558. Kunz Stocking aus Hünfeld und Lorenz Franck aus Fulda bekunden:
Als sie ihrem Handwerk nachgehen wollten, sind ihnen bei Stadtlengsfeld die beiden Gesellen Christoph Hoffman und Martin Arnoldt begegnet, die im Kirchhof zu Sundheim (Kaltensundheim, d. Autor) einen nächtlichen Diebstahl begangen hatten.
Mit Hilfe von Kunz sowie Lorenz sind sie verhaftet worden, nach Maßfeld (heute: Untermaßfeld, d. Autor) ins Gefängnis des Grafen Wilhelm und Herrn zu Henneberg gebracht worden. Doch wegen erwiesener Unschuld ließ man sie wieder frei. Sie mussten dennoch schwören, sich wegen des Gefängnisses am Grafen, seinen Dienern, Schutzverwandten und Untertanen sowie den Beteiligten nicht zu rächen und bitten den Hennebergischen Rat Johann Steitz das zu besiegeln. [2]
1563 Eine Akte aus den Jahren 1556 bis 1566 weist mehrere Missetaten in der Umgebung von Stadtlengsfeld auf: Totschlag des Klaus Oder aus Hendungen (bei Mellrichstadt in Bayern) an Martin Heinrich aus Mendhausen (bei Römhild in Thüringen), 1556-1557; Totschlag des Balthasar Pfanstiel, Wirtes zu Roßdorf, am Gast Klaus Gleichner aus Vacha, 1556, inkl. Gutachten der Schöppen zu Leipzig, 1566; Ermordung des Christoph von Amsdorf in Altenbreitungen, 1557; Totschlag durch Hans Oder in Marisfeld (bei Meiningen) an Peter Teuschler aus Henfstädt (bei Themar in Thüringen), inkl. Gutachten der Schöppen zu Leipzig, 1557; Ermordung des Futtermarschalls des Herzogs Johann Friedrich von Sachsen zwischen Saalfeld und Gräfenthal, 1557; Bericht über die Ermordung zweier Knechte zwischen Gotha und Erfurt, 1557; Tod eines Mannes in Römhild infolge Verletzung durch ein Pferd, 1559; Totschlag des Wolf Bader am Wirt zu Steinbach (bei Liebenstein in Thüringen), 1560; Totschlag des Friedrich von Metzdorf an Dietrich von Göre im Duell, 1561; Totschlag eines Kindes an einem alten Mann in Friedelshausen (bei Kaltenlengsfeld). Schließlich wird ein Totschlag des Hans Metz aus Stadtlengsfeld an Hermann Schenk aus Herrenbreitungen im Jahr 1563 angezeigt, der im Jahr 1564 gerichtlich verhandelt wurde. [3]
1671 Im Kirchenbuch von Stadtlengsfeld wird berichtet, dass Ludwig Schneider am 21. Juli 1671 in Lengsfeld mit dem Schwert hingerichtet und auf einem Acker begraben wurde. Er wohnte in Weilar und stammte aus Dorndorf. Er hatte nachweislich Michael Rohn ermordet:
Am 21. July Ludowig Schneider Einwohner in Weylar aber auß Dorndorf bürtig wegen verübten Morthes so er an Michail Rohn Schelmeister in Weylar begangen mit dem Schwerdt gerichtet und auf dem chollers Acker alhier begraben worden
[4]
1673 Ungesühnt blieb der Tod des Johannes Nennstiel aus Öchsen. Er war Gerichtschöffe und wurde am Gehauser Weg von Lengsfeld tot aufgefunden. Man begrub ihn darauf am 24. Dezember 1673. [5]
1702 Schon im Jahr 1685 wurde bemerkt, dass ein Grundstück außerhalb des Boineburger Hehls (Grenze) zu finden ist, welches von dem Fischberger Amt (Fuldaer Bistum) beansprucht wird. Es ist der sog. Dörnicht, ein Wiesenstück zwischen Urnshausen und Weilar. Die Boineburger-Lengsfelder Herrschaft prozessiert wegen dieser Grenzungerechtigkeit. Er beschuldigt die Gemeinden der unerlaubten Nutzung seiner Ländereien. [25] Man erzielt schließlich einen Vergleich.
Abbildung 4: Fahndungsauszug aus der Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung: 1800 (1) S. 109. Quelle: [44]
1800 Dass früher ein Arbeitsverhältnis etwas Wichtiges war lässt sich aus der folgenden Ausschreibung erkennen: Johannes Klotzbach, aus dem bayrischen Buchenau, geb. 1779, war Diener bei der Familie Freiherr Friedrich von Müller (1760-1831) in Lengsfeld. Eines Tages ist er offensichtlich nicht mehr zum Dienst erschienen. Darauf hat sein Dienstherr folgende steckbriefliche Warnung verbreiten lassen: Johannes Klotzbach, geb. in Buchenau, schlank, mehr als 5 Fuß groß, blondes Gesicht, hellbraune Haare, hellblaue Augen ist mit Hilfe seines lahmen Bruders (ein Schusterlehrling) vom 5. zum 6. Januar 1800 aus dem herrschaftlichen Dienst entflohen, nachdem er 5 Gulden Lohn empfing. Zudem entwendete er verschiedene Kleidungsstücke (vgl. Abb. 4). Er schlägt sich mit Handel und Täuschung durch! [44]
1804 Eine Bande Auswärtiger, darunter Nicolaus Joseph sowie Georg Harting, wurde wegen Diebstahls in Stadtlengsfeld vom 14. zum 15. November 1804 polizeilich ermittelt und rechtskräftig verurteilt. Wer und woher die Delinquenten stammten, lässt sich nicht mehr ergründen. [40]
1836 Die ledige Dorothea Hoßfeld (geb. 1803) aus Stadtlengsfeld wurde in einem Strafprozess am 27. Juni 1836 in Meinigen wegen Diebstahls verurteilt. [39] Sie war die Tochter des Landwirts Johann Christian Hoßfeld und dessen Frau Anna Maria Hüttich, die ihren Hof in der Finkelsgasse (heute: Gartenstraße) hatten.
Raub, Betrug, Schmuggel, Vagabundieren und Falschmünzerei
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erreichte die Verelendung der städtischen und dörflichen Unterschichten und der durch Kriegsfolgen Entwurzelten, ihrer bürgerlichen oder adligen Einkünfte Beraubten einen Höhepunkt. Diebesbanden, Landstreicher, Scharen von Bettlern, Kriegsversehrten, Taschenspielern, Betrügern aller Arten suchten die Rhön heim. Manche Schultheiße zahlten den Bettlern noch einen sog. Zehrpfennig, d. h. einen kleinen Geldbetrag. Tiefer Gesunkene griffen selbst zu. Dementsprechend musste die Obrigkeit mit Verordnungen und drastischen Strafmaßnahmen reagieren.
