An das Glück muss man glauben: Die Klinik am See 20 – Arztroman
Von Britta Winckler
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Über dieses E-Book
Britta Winckler ist eine erfahrene Romanschriftstellerin, die in verschiedenen Genres aktiv ist und über hundert Romane veröffentlichte. Die Serie "Die Klinik am See" ist ihr Meisterwerk. Es gelingt der Autorin, mit dieser großen Arztserie die Idee umzusetzen, die ihr gesamtes Schriftstellerleben begleitete.
Das Fenster zum See hin war weit geöffnet, und Bettina von Bosrum schaute vom Bett aus über die glänzende Wasserfläche, welche im milden Licht des Spätnachmittags still und unberührt und in friedlicher Schönheit sich dem Auge darbot. Aber die junge Frau nahm weder den Zauber des Ausblicks wahr noch die Besänftigung, die von ihm ausging.
»Frau von Bosrum, wünschen Sie, dass ich das Fenster jetzt wieder schließe?« Schwester Karin war mit leisen schnellen Schritten ins Zimmer getreten und blieb nun am Fußende des Bettes stehen, um der Patientin mit jenem Blick zu begegnen, der um die Sonderstellung wusste, welche einem Mitglied des alten angesehenen Geschlechtes zukam.
»Nein, bitte – lassen Sie es noch ein wenig offen«, bat Bettina von Bosrum mit einer Stimme, deren leise Zurückhaltung keinerlei Privilegien für sich beanspruchte, »ich fühle mich dann nicht so eingesperrt.«
»Aber, gnädige Frau, was sind das für Gedanken?« Dr. Lindau fing die letzten Worte an der Tür auf, und während er jetzt nach der Schwester das Zimmer betrat, lag auf seinem Gesicht der Ausdruck jener positiven Ausstrahlung, welche zum Hilfsmittel eines jeden guten Arztes gehörte.
Schwester Karin verließ bei seinem Eintritt das Zimmer, da sie ahnte, dass ein Gespräch zwischen Arzt und Patientin stattfinden würde.
»Was das für Gedanken sind, Doktor?« Bettina von Bosrum lächelte bitter. »Es sind die Gedanken einer Verzweifelten, die in Zwänge und Aussichtslosigkeit geraten ist. Der immerwährende Reigen von Anspruch, Erwartung und Hoffnung dreht sich wie ein Kreis Verbündeter von Mal zu Mal schneller um mich, bis er wieder mit einer neuen Enttäuschung
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An das Glück muss man glauben - Britta Winckler
Die Klinik am See
– 20 –
An das Glück muss man glauben
Es tut gut, nicht allein zu sein
Britta Winckler
Das Fenster zum See hin war weit geöffnet, und Bettina von Bosrum schaute vom Bett aus über die glänzende Wasserfläche, welche im milden Licht des Spätnachmittags still und unberührt und in friedlicher Schönheit sich dem Auge darbot. Aber die junge Frau nahm weder den Zauber des Ausblicks wahr noch die Besänftigung, die von ihm ausging.
»Frau von Bosrum, wünschen Sie, dass ich das Fenster jetzt wieder schließe?« Schwester Karin war mit leisen schnellen Schritten ins Zimmer getreten und blieb nun am Fußende des Bettes stehen, um der Patientin mit jenem Blick zu begegnen, der um die Sonderstellung wusste, welche einem Mitglied des alten angesehenen Geschlechtes zukam.
»Nein, bitte – lassen Sie es noch ein wenig offen«, bat Bettina von Bosrum mit einer Stimme, deren leise Zurückhaltung keinerlei Privilegien für sich beanspruchte, »ich fühle mich dann nicht so eingesperrt.«
»Aber, gnädige Frau, was sind das für Gedanken?« Dr. Lindau fing die letzten Worte an der Tür auf, und während er jetzt nach der Schwester das Zimmer betrat, lag auf seinem Gesicht der Ausdruck jener positiven Ausstrahlung, welche zum Hilfsmittel eines jeden guten Arztes gehörte.
Schwester Karin verließ bei seinem Eintritt das Zimmer, da sie ahnte, dass ein Gespräch zwischen Arzt und Patientin stattfinden würde.
»Was das für Gedanken sind, Doktor?« Bettina von Bosrum lächelte bitter. »Es sind die Gedanken einer Verzweifelten, die in Zwänge und Aussichtslosigkeit geraten ist. Der immerwährende Reigen von Anspruch, Erwartung und Hoffnung dreht sich wie ein Kreis Verbündeter von Mal zu Mal schneller um mich, bis er wieder mit einer neuen Enttäuschung auseinanderfällt.«
Die junge Frau mit dem tiefschwarzen Haar blickte den Chefarzt der Frauenklinik am See mit jener tiefen Mutlosigkeit an, die zeigte, dass sie nahe daran war, an ihrer Situation zu zerbrechen.
»Die wievielte Fehlgeburt haben Sie heute erlitten?«, fragte Dr. Lindau ruhig und blickte der verzweifelten Frau in die dunklen ausdrucksstarken Augen. Diese Augen spiegelten ihr ganzes Unglück wider, während das ebenmäßige Gesicht, das von einer seltenen Schönheit war, beherrscht blieb.
»Spielt das noch eine Rolle, Doktor? Ich weiß nur, dass ich seit Jahren von einem Spezialisten zum anderen gereicht werde – und ich weiß auch, dass mir nahezu jeder gesagt hat, dass meine körperliche Konstitution eine Schwangerschaft nicht zulässt.«
Dr. Lindau versagte sich, diese allgemeine Ansicht der Kollegen zu bestätigen, als er sich einen Besucherstuhl nahe an das Bett heranholte. Es galt, ein längeres Gespräch zu führen, aber dieses Gespräch würde keine Wiederholung von physischen Tatsachen sein, welche der Patientin offensichtlich zur Genüge bekannt waren – es musste vielmehr die seelische Anspannung aufgefangen werden, bevor die Frau in Tiefen abstürzte, die kaum zu reparieren sein würden.
»Ihre Familie erwartet von Ihnen einen Erben?«, fragte er und wiederholte damit das Wort, welches während der Narkose immer wieder wie eine sich einzuprägende Formel über ihre blassen Lippen gekommen war.
Bettina von Bosrum nickte, und einen Augenblick sah es aus, als würde sie es dabei belassen, dann sagte sie: »Ja, einen Erben!«
»Sollten wir nicht besser von einem Kind statt von einem Erben sprechen, Frau von Bosrum? Ein Erbe wird mir zu funktionsbezogen gesehen und wertet das Wunder, welches so ein kleines Geschöpf doch immer wieder darstellt, entschieden ab.«
Bettina von Bosrum sah den Arzt einen Moment lang irritiert an, bevor sie nachdenklich nickte.
»Sie sehen, Herr Dr. Lindau, wie auch ich bereits in das Denken der Familie eingetaucht bin, in die ich eingeheiratet habe.«
»Es ist ja jetzt auch Ihre Familie.«
Bettina von Bosrum schüttelte den Kopf. »Solange ich nicht den Erben geboren habe, um das Wort doch noch einmal zu verwenden, gehöre ich nicht dazu.«
»Das müssen Sie mir erklären!«
»Muss ich das wirklich, Doktor? Sehen Sie, ich habe in ein bedeutendes Haus eingeheiratet, in ein jahrhundertealtes Geschlecht, das es verstanden hat, den großen Namen durch alle Zeiten weiterzutragen. Jedes Mitglied dieser Familie hat wie durch ein unsichtbares Gesetz seine Pflichten gekannt und auch erfüllt, mit Disziplin und Stärke. Und diese Tugenden sind durch alle Zeiten genauso weitervererbt worden wie die großen irdischen Besitztümer.«
»Vergessen Sie nicht etwas Wesentliches, Frau von Bosrum? Ich denke, es gehörte stets auch ein gewisses Glück dazu.«
»Sie sprechen von jenem Glück, welches mir nun am vorläufigen Ende einer langen Ahnenkette versagt bleibt, Doktor?«
»Aber, gnädige Frau, wer gibt denn so schnell auf! Sie sind jung und gesund – und Sie werden schwanger! Wie viele Frauen haben nicht einmal diesen Ansatz.«
»Wissen Sie, was es heißt, diesen Anfang aber immer wieder zu verlieren?«, rief Bettina von Bosrum verzweifelt, und einen Moment lang zeigte ihr beherrschtes Gesicht ihre innere Zerrissenheit.
Der Arzt griff nach der unruhigen Hand der Patientin. Er konnte sich nur zu gut den ungeheuren Druck vorstellen, unter dem diese Frau stand. Und allein dieser Druck genügte unter Umständen bereits, dass der Körper sich von der Frucht trennte. Aber es galt auch, die täglichen Anforderungen, welche das Leben an diese Frau stellte, zu berücksichtigen. All diese äußeren Faktoren waren für ihn als Arzt wichtig, wollte er die Erklärung für die Fehlgeburten bekommen.
»Schildern Sie mir Ihren heutigen Tag, Frau von Bosrum! Wann sind Sie aufgestanden? Was haben Sie gefrühstückt? Gab es Aufregungen? Wobei ich auch Aufregungen durch Freude in meine Frage einschließen möchte.«
Bettina von Bosrum schüttelte nachdenklich den Kopf. »Eine bewusste Aufregung habe ich nicht erlebt, Herr Dr. Lindau, es war vielmehr die glückliche Freude, das Wochenende wieder einmal allein mit meinem Mann auf unserem Gut hier in Auefelden verbringen zu können.«
»Wann sind Sie angekommen?«
»Wir sind gestern Abend von München aus hierhergefahren. Und während mein Mann heute mit dem Verwalter auf Inspektionsfahrt ist, habe ich lange geschlafen, zu Mittag gegessen – bevor es dann passierte.«
Bettina von Bosrum starrte auf die Bettdecke. Sollte sie dem Arzt sagen, dass es zuvor eine kleine Differenz mit ihrer Schwiegermama gegeben hatte? Aber hatte sie das Telefongespräch so aufgeregt, dass es das Ende der Schwangerschaft eingeleitet hatte? Sie wollte es nicht glauben und schüttelte kaum merklich den Kopf. Außerdem waren das zu persönliche Dinge, um sie dem Arzt mitzuteilen.
»Gehen wir etwas weiter zurück, Frau von Bosrum«, hörte sie Dr. Lindau sagen. »Schildern Sie mir einmal einen Ihrer ganz normalen Tagesabläufe, den Rhythmus, den sie Ihrem Organismus aufgeben.«
»Ich muss Sie enttäuschen, Doktor, aber bei uns läuft kein Tag im Gleichmaß des vorangegangenen ab. Wir führen große Häuser in München, Wien und Zürich. Die Geschäfte und gesellschaftlichen Verpflichtungen wollen es so.«
»Ich verstehe.« Dr. Lindau dachte, dass er eigentlich gar nicht weiterzufragen brauchte. Wer sich diesem Stress aussetzte und dazu in dieser Situation, hatte für sich und andere bereits die mögliche Antwort.
»Was haben meine Berufskollegen, die Sie bisher konsultiert haben, dazu gesagt?«, fragte er dann doch, weil er nur zu gern an den gesunden Menschenverstand glauben wollte.
»Ich weiß, was Sie denken, Herr Dr. Lindau«, sagte Bettina von Bosrum, »und kann Sie diesbezüglich beruhigen. Die kritische Phase jeder erneuten Schwangerschaft habe ich bewusst ruhig gelebt, eingeschlossen auch wochenlange Aufenthalte in verschiedenen Privatkliniken – aber natürlich kann ich mich nicht total meinen Pflichten entziehen.«
»Vielleicht bleibt das aber als letzte denkbare Möglichkeit, Frau von Bosrum«, gab er ernst zu bedenken.
»Ach, Doktor, Sie glauben doch auch nicht daran, dass ich jemals ein Kind austragen werde …«
Der Arzt sah sie erstaunt an. »Habe ich so etwas geäußert?«
»Nein – aber Sie haben auch nicht widersprochen, als ich von meiner schwierigen körperlichen Konstitution gesprochen habe.«
»Ich werde Sie in den nächsten Tagen noch einmal gründlich untersuchen, Frau von Bosrum, und Ihnen dann meine Ansicht mitteilen. Dazu brauche ich dann aber auch einige Auskünfte von Ihnen über Ihre bisherigen Schwangerschaften.«
Dr. Lindau erhob sich.
»Und Sie werden ehrlich sein, Doktor?«
Der hochgewachsene schlanke Arzt nickte. Er würde unbedingt ehrlich sein, denn die Häufung von Fehlgeburten konnte auch für die Gesundheit dieser Frau langsam gefährlich werden.
»Ich habe, bevor ich zu Ihnen kam, versucht Ihren Mann zu erreichen, Frau von Bosrum, wollen Sie es jetzt vielleicht selbst versuchen?«
Eine augenblickliche Starre überfiel das schöne Gesicht der jungen Frau, bevor sie kaum merklich den Kopf schüttelte.
»Der Fahrer hat mich hierhergebracht – man weiß auf dem Gut Bescheid, Herr Dr. Lindau, also belassen wir es dabei.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Ich mag nach dieser erneuten Enttäuschung meinem Mann heute nicht in die Augen sehen.«
»Aber, Frau von Bosrum, handelt es sich hier nicht um Ihr gemeinsames Schicksal?«
Bettina von Bosrum kamen die Tränen.
»Ich hoffe, Doktor, dass ich bald die
