Das Schicksal ist ein Schläger: Was, wenn's dich trifft?
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Über dieses E-Book
Christina Rammler
Jahrgang 1981, hat Spanisch und Englisch auf Lehramt und "Ethik der Textkulturen" (M.A.) studiert. "Denken, Reden und Schreiben" bezeichnet sie als ihre "drei Kernkompetenzen". Neben ihrer Tätigkeit als Coach und Rednerin lebt sie ihre Leidenschaft, Kirche für kirchendistanzierte Menschen zu bauen, derzeit im ICF Augsburg. (www.christina-rammler.de)
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Buchvorschau
Das Schicksal ist ein Schläger - Christina Rammler
Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
Alle Namen der Interviewten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
ISBN 978-3-7751-7356-8 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5731-5 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book:
CPI books GmbH, Leck
© der deutschen Ausgabe 2016
SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71 088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-verlag.de; E-Mail: info@scm-verlag.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch
Titelbild: shutterstock.com
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
INHALT
Über die Autorin
Wenn das Schicksal Staub aufwirbelt
Eliza oder wenn die Welt in Flammen aufgeht
David oder wenn »Es war einmal …« zu Ende geht
Jonathan oder wenn der Tod ein Mörder ist
Gabriel oder wenn der Körper eine Folterkammer ist
Eliana oder wenn der Himmel zur Hölle wird
Was bleibt, wenn der Staub sich legt
Literaturhinweise
Anmerkungen
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ÜBER DIE AUTORIN
Christina Rammler hat Spanisch, Englisch und Ethik studiert. Ihre »drei Kernkompetenzen Denken, Reden und Schreiben« nutzt sie heute dafür, Menschen in unterschiedlichsten Lebensphasen zu ermutigen und pastoral zu begleiten. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin, Rednerin und Trainerin lebt sie ihre Leidenschaft für Gott, Mensch und Kirche derzeit im ICF München. Als Autorin wurde sie mit »Egosex. Was Porno mit uns macht« bekannt. www.christina-rammler.de
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WENN DAS SCHICKSAL STAUB AUFWIRBELT
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich weiß nicht, aus welchem Grund Sie zu diesem Buch gegriffen haben. Vielleicht haben die Grafikdesigner mal wieder gute Arbeit geleistet und das Cover hat Ihre Aufmerksamkeit so auf sich gezogen, dass Ihr Gehirn in diesem Bruchteil einer Sekunde das Kommando gegeben hat: »Zugreifen, reinblättern!« Vielleicht hat der Titel etwas in Ihnen zum Klingen gebracht und Sie können einfach nur innerlich zustimmend nicken: »Ja, in der Tat, das Schicksal ist ein Schläger! Die unzähligen blauen Flecken auf meiner Seele können ein Lied davon singen!« Vielleicht gehören Sie aber auch zu den wenigen Menschen auf diesem Planeten, die dem Schicksal frech den Stinkefinger zeigen und ihm lauthals lachend entgegenschmettern: »Ha! Ha! Daneben!« Denn obwohl das Leben zwar um sich schlägt und austeilt, hat es Sie bisher nicht wirklich erwischt – zumindest noch nicht!
Erwischt hat es bisher immer nur die anderen. Menschen um Sie herum. Menschen, die Sie kennen, manche besser, manche schlechter. Und spätestens dann, wenn Sie Menschen besser kennen, ja vielleicht sogar lieben, lassen Sie die blauen Flecken, die ihnen das Leben mitgegeben hat, nicht mehr kalt. Denn irgendwie bringt ihr Schicksalsschlag den Boden unter Ihren Füßen ins Wanken. Auf einmal ist auch Ihre heile Welt erschüttert. Und ganz schnell versteckt sich der freche Stinkefinger auch wieder, das Lachen vergeht Ihnen und Sie haben keine schlauen Antworten mehr. Auf einmal stehen Sie da, fühlen sich überfordert, verunsichert und hilflos zugleich und wissen einfach nicht, was Sie sagen sollen. Denn das Einzige, was das Schicksal hinterlässt, wenn es einmal zugeschlagen hat, ist eine dicke Staubwolke Fragezeichen: ??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????
Eine Staubwolke, die so undurchsichtig ist, dass sie den Blick auf all das versperrt, was dahinterliegt. Fragen, die so unbeantwortbar sind, dass wir einfach keine Antworten finden, keinen Sinn erkennen und manchmal fast an ihnen verzweifeln.
Ich bin verzweifelt – ganz oft schon. An den blauen Flecken, die das Leben austeilt, und an all den Fragen, die seine Schläge aufwerfen. Als Kind lag ich manchmal abends im Bett, zutiefst traurig über den Zustand der Welt, unserer Welt im Allgemeinen und meiner Welt im Speziellen. Andere Kinder zu sehen, denen der Hunger den Bauch dick gemacht hat, hat mich traurig gemacht und hat Fragen aufgeworfen. Die Kriegsverletzung am Arm meines Opas zu sehen und darüber nachzudenken, was er wohl im Krieg alles erlebt haben muss, hat mich traurig gemacht und hat Fragen aufgeworfen. Meine Mama zu sehen, die in regelmäßigen Abständen hinter den zwei dicken Türen der geschlossenen Psychiatrie zurückblieb, während mein Papa und ich allein nach Hause fahren mussten, hat mich traurig gemacht und hat Fragen aufgeworfen.
Eine dicke Staubwolke an Fragezeichen, allen voran die Königin der Fragen: Das grausame »Warum?«. Warum bekommen Kinder dicke Bäuche, wenn sie doch nichts essen? Ich weiß es nicht! Das ist unlogisch! Das macht keinen Sinn! Warum macht der Mensch immer noch Krieg, wo doch jedes Kind inzwischen weiß, dass Krieg Verletzungen am Arm und noch viel Schlimmeres macht? Ich weiß es nicht! Das ist unlogisch! Das macht keinen Sinn! Warum macht der Gott, von dem Menschen wie meine Mama behaupten, dass er lieb ist und alles kann, meine Mama nicht einfach gesund, obwohl sie doch glaubt, dass er das kann, und ich sogar dafür bete? Ich weiß es nicht! Das ist unlogisch! Das macht keinen Sinn! Und wie soll ich denn bitte schön als Kind in dieser Welt leben, wo mein Herz so oft so schwer und meine Seele so oft so traurig ist? Wie soll ich denn bitte schön leben, wo das Leben offensichtlich so oft so gemein ist und alles einfach nur wehtut? Ich weiß es nicht! Das macht keinen Sinn! Das ist unmöglich!
Ich bin verzweifelt am Leben – ganz oft, schon als Kind. Und ich verzweifle immer einmal wieder am Leben bis heute. Immer dann, wenn ich erlebe, wie das Schicksal wild um sich schlägt und mich selbst oder Menschen trifft, die ich liebe. Dann stehe ich wieder da, genau wie damals als Kind, inmitten dieser Staubwolke, blicke einfach nicht mehr durch und finde keine Antworten auf die Unlogik der menschlichen Erfahrung. Und dann spüre ich ihn wieder, genau wie damals als Kind, den Schmerz dieser Welt, wie er mir den Hals zuschnürt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Und dann verzweifle ich – ganz oft – für eine gewisse Weile. So lange, bis sich der Staub, den das Schicksal aufgewirbelt hat, wieder legt, und ich wieder durchatmen kann. So lange, bis die Fragzeichen fürs Erste zu Boden fallen und ich wieder klarer sehen kann.
Dieses Buch ist für all diejenigen, die so wie ich manchmal am Leben im Allgemeinen und an der Unlogik der menschlichen Erfahrung im Speziellen verzweifeln. Es ist für all diejenigen, die so wie ich auf die Königin aller Fragen keine Antwort haben. Ich habe keine Antwort auf die Frage nach dem »Warum« – bis heute nicht. »Warum hat das Schicksal bei all den Menschen, die ich in den letzten Monaten interviewt habe, so hart zugeschlagen?« Ich weiß es nicht. Es ist unlogisch. Es macht keinen Sinn. »Warum ist das Leben so unverschämt einfallsreich, wenn es darum geht, uns Menschen den Boden unter den Füßen wegzuziehen?« Ich weiß es nicht. Es ist unlogisch. Es macht keinen Sinn. Ich habe keine angemessenen Antworten auf das Warum des Leidens. Zumindest keine, die den Wunden, die das Schicksal manchen Menschen zufügt, auch nur annähernd gerecht werden könnten.
Was ich hingegen habe, sind unzählige Fragen – nicht so sehr nach dem Warum, aber dafür nach dem Was und dem Wie: Was macht das Schicksal mit uns, wenn es zuschlägt? Und was machen wir aus unserem Leben, wenn es uns hart erwischt hat? Wie können wir den Schmerz unserer blauen Flecken ertragen und unsere offenen Wunden lindern? Wie können wir wieder Sinn finden, wenn auf einmal nichts mehr Sinn macht? Und wie können wir in dieser unlogischen Welt leben, ohne an ihr zu verzweifeln oder gar zugrunde zu gehen?
All diese und noch viel mehr Fragen habe ich Menschen gestellt, die den Mut hatten, mich die blauen Flecken, offenen Wunden und Narben ihrer Seele sehen zu lassen. Was sie mir gezeigt haben, hat mich getroffen, meine Welt erschüttert und mich manchmal zu Tränen gerührt. Doch hat es mir auch Hoffnung gemacht: Die Hoffnung, dass Menschen wieder Sinn finden können, auch wenn er ihnen für gewisse Zeit abhandengekommen ist. Die Hoffnung, dass die blauen Flecken mit der Zeit verblassen und Wunden irgendwann verheilen können. Die Hoffnung, dass sich der Staub, den das Schicksal aufwirbelt, irgendwann wieder legt und wir wieder frei atmen können. Und mit all dem haben diese Menschen in mir den Glauben geweckt, dass Leben Sinn machen kann, aller Unlogik der menschlichen Erfahrung zum Trotz. Und damit ist dieses Buch in all seiner Verzweiflung dennoch auch ein Buch über Hoffen und Glauben. Über das, was sich hinter der Staubwolke abzeichnet. Über das, was Sinn machen kann mitten in der Sinnlosigkeit des Lebens.
»Warum halten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Buch in der Hand und überlegen, Ihre kostbare Lebenszeit zu investieren, um darin zu lesen?« Ich weiß es nicht! Es ist unlogisch. Doch habe ich eine Hoffnung: Dass es Sinn macht – für Sie. Dass es Sinn macht, weil der Schmerz Ihrer Welt dadurch ein wenig gelindert wird. Dass es Sinn macht, weil sich Ihre Staubwolke dadurch legt und Sie wieder erkennen können, was dahinter auf Sie wartet. Dass es Sinn macht, weil Sie wieder durchatmen können und neue Hoffnung finden. Das wünsche ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, von Herzen!
Ihre
Christina Rammler
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ELIZA ODER WENN DIE WELT IN FLAMMEN AUFGEHT
»Wenn meine Welt in Flammen steht, sich mein Leben nicht auf 45 und nicht auf 33 dreht, dann kommt sie zurück die Zeit, in der das Kind in mir schreit und bitterlich weint …«¹
Wieder und wieder tönen die düsteren Zeilen des sanft schaukelnden Sprechgesangs aus den Lautsprechern ihrer Stereoanlage, laufen in Dauerschleife wie ein Gefangener, der im Innenhof einer Justizvollzugsanstalt die immer gleiche Runde dreht. Eliza liegt in ihrem Bett, gefangen in der Dauerschleife des monotonen Beats. Gerade eben, mit dem Klingeln des Telefons, ist ihre Welt in Flammen aufgegangen. Als es läutet, sitzt sie im Flur und spielt mit ihrer kleinen Schwester. Ihre große Schwester ist es, die ins Wohnzimmer geht und den Hörer abnimmt: »Ja?« Ein erschrockenes Luftholen begleitet von einer Hand, die an den Mund klatscht, und einem panischen Blick, der sagt: »Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht sein!« Atem, Hand, Augen – genügend Zündstoff, um Elizas Welt in Brand zu setzen. Denn die Zwölfjährige weiß ganz genau, was sie bedeuten: Von nun an wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. »Und dann kommt er – der Freifall gratis. Der Flug ist umsonst, weil der Aufprall zu hart ist. Du spürst den Flug, den Wind und dann kommt die Angst, und auf einmal wird dir klar, dass du nicht mehr stoppen kannst.« – so geht das Lied weiter.¹ Atem, Hand, Augen – und Elizas Welt brennt lichterloh. Sie holt tief Luft, nimmt ihre jüngere Schwester an die Hand, rennt in ihr Zimmer, setzt die Kleine dort zum Spielen auf den Boden und verkriecht sich in ihr Bett. Augen zu, Lichter aus. Augen zu – so wie er! Lichter aus – so wie für ihn. Und die Flammen schlagen höher und höher, verschlingen alles, was einmal war. Atem, Hand, Augen – »Der Papa ist gestorben!« und Elizas Welt brennt lichterloh.
Ich hab meinen Papa natürlich geliebt ohne Ende. Und ich war auch von ihm fasziniert, denn mein Papa war der schlauste und witzigste Mann, den es gab. Er wusste alles! Jede Frage hat er mir beantworten können und ich konnte auch alles mit ihm teilen. Ich hatte zum Beispiel immer schon eine Vorliebe für Bücher, fürs Lesen. Die hat er mir mit auf den Weg gegeben. Er hat ganz viele Weichen in mir gestellt an Dingen, die mich interessieren, und einfach diesen Wissensdrang in mir geweckt.
Meinen Papa, den schlausten und witzigsten Mann, den es gibt, gibt es nicht mehr? Mein Papa, mit dem ich alles teilen konnte, geht ohne mich? Mein Papa, der mir jede Frage hat beantworten können, lässt mich zurück mit unzähligen Fragen und niemandem, der mir Antwort geben kann? Und die dicken schwarzen Rauchwolken schlagen höher und höher und in Eliza wird alles ganz schwarz. Inmitten der tosenden Feuersbrunst droht Eliza zu verbrennen, doch an Entkommen ist nicht zu denken, denn sie ist wie gelähmt. Also macht sie das Einzige, was sie tun kann, um sich vor den Flammen zu retten: Sie springt hinein in das dunkle Loch, das sich in ihr auftut. Hauptsache weg. »Du fällst und du fällst immer schneller in ein tiefes schwarzes Loch. Es wird nur dunkler und nicht heller.«¹ Auf den wiegenden Klängen der monotonen Beats taucht Eliza ab – tiefer und tiefer und tiefer an einen Ort in ihrer Seele, zu dem kein Licht, kein Leben mehr durchdringt. Und so liegt sie da, in Dunkelheit gehüllt, von Dumpfheit erfüllt. »Dann liegst du am Boden und es wird still und du weinst wie ein Kind, das zu seiner Mami will. Nie mehr Kind, nie mehr klein, nie mehr unschuldig sein!«¹ Atem, Hand, Augen – »Der Papa ist gestorben!« – dabei haben sie ihnen Hoffnung gemacht, haben gesagt: Es wird alles wieder gut. Sicher, ihr Vater musste operiert werden, er hatte einen Motorradunfall, es war nicht seine Schuld, er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde von dem Lkw übersehen. Doch sie haben gesagt: Es wird alles wieder gut. Also glauben Eliza, ihre fünf Geschwister und ihre Mutter den Ärzten. Die Familie atmet auf, fängt wieder an zu hoffen. Bis zu dem Moment, da Elizas Schwester den Telefonhörer abnimmt und einatmet – so tief wie man nur einatmet, wenn einem der Schock in die Knochen fährt: »Alles« hat es sich anders überlegt und nichts wird »wieder gut« werden! Ihre ältere Schwester atmet ein, weil ihr Vater ausgeatmet hat – für immer. Das Leben ihres Vaters erloschen – für immer. Atem, Hand, Augen – »Der Papa ist gestorben!« Und mit ihm stirbt ein Teil von Eliza. Und das Einzige, was bleibt, ist Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die Wellen schlägt, »die manchmal zu Tsunamis werden und auch nicht mehr weggehen«. Eine Dunkelheit, die sich ausbreitet wie eine Wolke aus giftigem Rauch, der Atmen unmöglich macht und jegliches Leben zu ersticken droht.
Am unmittelbarsten von der Rauchwolke betroffen ist Elizas Beziehung zu ihrer Familie. Das wird in den Wochen und Monaten nach der Beerdigung für alle sehr deutlich spürbar. Denn sehr schnell wird Eliza klar, dass Trauer nicht gleich Trauer ist. Dass Trauer individuell ist. Dass Trauer egoistisch ist. Ganz einfach, weil es sich nicht so einfach trauert, schon gar nicht miteinander. In ihrer Familie sind nach dem Tod ihres Vaters erst einmal alle sehr beschäftigt: Mit sich selbst, ihrem Schmerz und ihrer Traurigkeit. Jeder ist in »Egotrauer«. So sehr von Dunkelheit umhüllt, von seinem Schmerz beansprucht, von der Situation überfordert, dass die anderen aus
