Der Mystiker aus Nazaret: Jesus neu begegnen - Jesuanische Spiritualität
Von Monika Renz
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Über dieses E-Book
"Jesus war in allen seinen Worten und Taten immer in Verbindung mit dem Vater. Wenn er zu den Menschen spricht, wenn er sie berührt und heilt, dann geschieht das immer aus der tiefen mystischen Erfahrung Gottes heraus. Monika Renz beschreibt im Dialog mit der Tiefenpsychologie diese Tiefenerfahrung Jesu als den Grund seiner Person. So eröffnet sie dem Leser, der Leserin einen neuen Zugang zu Jesus. Die Beschäftigung mit Jesus will auch uns zu einer mystischen Erfahrung von Einssein mit uns selbst und mit dem göttlichen Urgrund führen, einen Zugang, der für unsere Erfahrung von Brüchigkeit heilsam ist." (P. Anselm Grün OSB)
Monika Renz
Monika Renz, Dr. phil. Dr. theol., Musik- und Psychotherapeutin, Psychoonkologin am Kantonsspital St. Gallen. Aufgrund ihrer praktischen Erfahrung und ihrer Forschungstätigkeit in den Bereichen Sterben, Spiritualität und tiefenpsychologische Exegese gilt sie als Pionierin der Spiritual-Care-Bewegung. Ihre Veröffentlichungen finden international Beachtung.
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Buchvorschau
Der Mystiker aus Nazaret - Monika Renz
Monika Renz
Der Mystiker
aus Nazaret
Jesus neu begegnen
Jesuanische Spiritualität
Impressum
© KREUZ VERLAG
in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013
Alle Rechte vorbehalten
www.kreuz-verlag.de
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Monika Renz
ISBN (E-Book) 978-3-451-34589-0
ISBN (Buch) 978-3-451-61195
Inhalt
Einleitung
Jesu Geheimnis
Überblick
Mein Umgang mit der Bibel
1 Religion – tiefste menschliche Sehnsucht
1.1 Das Christentum in der Krise – eine Analyse
1.2 Wahrnehmen, was fehlt
1.3 Spiritualität als Erfahrungsdimension von Religion
1.4 Hintergründe spiritueller Sehnsucht: Bewusstseinsentwicklung, erster Teil
1.5 Zwischen zwei Welten – vier Nahtoderfahrungen
1.6 Deutungshorizont ›Gott‹ – eine Entscheidung
1.7 Jesuanische Spiritualität: eine Anthropologie des Empfangens
2 Historische Annäherung: Jesus, der Mystiker
2.1 Das Leben Jesu
2.2 Nach dem Tod das Mysterium
2.3 Worte Jesu
2.4 Wirken Jesu
2.5 Jesuanische Spiritualität: Jesus als Mystiker
3 Vaterbeziehung: Teilhabe am Vater
3.1 Johannesevangelium – Mystik des ›Bleibens‹
3.2 Gott wie ein Vater – Antwort gegen die Angst
3.3 Himmelreich: Gerechtigkeit, Lohn, Fülle
3.4 Selig – weil angeschlossen an Gott
3.5 Jesuanische Spiritualität: angenommen und bezogen
4 Bruch und ›Kategorienwechsel‹:
Jesus und die Sünde
4.1 Urangst und Sonderung als Begleiterscheinung von Subjektwerdung: Bewusstseinsentwicklung, zweiter Teil
4.2 Topographie des Unbewussten
4.3 Ein Mensch ohne Sonderung
4.4 Jesuanische Spiritualität: Exodus im Zeichen des Segens
5 Jesus und das Böse
5.1 Das Böse als Summe abgespaltener Energien
5.2 Dämonen verhindern Bewusstwerdung – Jesus steht für Bewusstwerdung
5.3 Das Böse ist abgeschnitten vom Fluss des Lebens
5.4 Jesus heilt Besessene
5.5 Jesuanische Spiritualität: Wachsamkeit, Persönlichkeitsstärke, Kreativität
6 Die Not der Gottferne:
In der Welt habt Ihr Angst
6.1 Jesus nahm den Menschen als Subjekt
6.2 Jesus sah den Menschen als ›herrenlos‹ und darum anfällig
6.3 ›Gott ist stärker‹ – Jesus selbst wird zur Antwort wider die Angst
6.4 Eine ›Urheilung‹ hinter den Heilungen
6.5 Heilung ereignet sich über Beziehung – ein anderes Sehen, Hören, Reden
6.6 Jesuanische Spiritualität: Glauben, Umkehr, Heimkehr – der therapeutische Jesus
7 ER kommt mir entgegen –
Jesus als Weg und Zielvorgabe
7.1 Gott ist unterwegs zu den Menschen
7.2 Im Anfang war Logos – und nicht Zufall oder Verloren-Sein
7.3 Die Finsternis hat das Licht nicht erfasst – eine im Ganzen angelegte Spannung
7.4 »Und das Wort ist Fleisch geworden« – Erlösung als Anbahnung
7.5 Der Mittler geht uns voraus
7.6 Finalität – Endzeitbilder – Zeugnisse Sterbender
7.7 Jesuanische Spiritualität: Hoffnung und Gnade
8 Jesu Verständnis von Liebe gründet
in der Vaterbeziehung
8.1 Eine Liebe, die freilässt – Religion und Freiheit
8.2 Das Liebesgebot, psychologisch gelesen
8.3 Personaler Gott – eine Liebe von Ich zu Du
8.4 Eine Liebe, die verbindlicher nicht sein könnte – Mahl und Fußwaschung
8.5 Passion: Liebe in äußerster Konsequenz
8.6 Das Lamm Gottes als Symbol der Hingabe
8.7 Das Geheimnis der Auferweckung Jesu
8.8 Der Mensch in neuer Identität
8.9 Neuer Friede, neue Liebesfähigkeit
8.10 Jesuanische Spiritualität: begreifen, was Liebe ist
9 Wie leben in religiöser Identität inmitten der säkularen Welt?
Literaturverzeichnis
Einleitung
Jesu Geheimnis
»Ich und der Vater sind eins« (Joh 10,30). So spricht Jesus im Johannesevangelium. Dieses geheimnisvolle Wort bewegt mich seit Jahren. Es scheint den zeitlichen Abstand zwischen uns und Jesus aufzulösen und die üblichen Fragen und Antworten über ihn in ein anderes Licht zu rücken. War Jesus Genie, Wundertäter, Menschenfreund oder aber Phantast und Versager? Ohne ein tieferes Verstehen des johanneischen Wortes fehlt uns gleichsam der Schlüssel, um Jesus zu begreifen. Was befähigte Jesus, sich jenseits des Neurotischen so zu verschenken, wie er es tat? Woher wusste er so treffend, um Richtig und Falsch? Woher nahm er das Sensorium, Menschen bis ins Innerste zu durchschauen, sogar so, dass er wusste, was sie heilte? Zweifellos: Jesu Botschaft war genial. Doch wie kam er zu ihr?
Die Art, wie Jesus lebte und sprach, wie er mit Menschen umging, heilte und sich wieder zurückzog, wie er Gebote achtete und sie doch nicht um ihrer selbst willen befolgte, wie er fühlen und verzeihen konnte, spricht von einer unvergleichbaren Souveränität. Von Jesus ging ein schier unglaubliches Wirken aus, eine Ausstrahlung von Vollmacht, die keiner irdischen Absicherung, keiner Bestätigung, keiner Rechtfertigung bedurfte. Jesus war eine radikal charismatische Persönlichkeit und trotzdem gerade kein Guru, kein von sich selbst eingenommener Querdenker, sondern zutiefst menschlich und liebend. Sein ganzes Leben stand im Dienst für andere, im Dienst an der Sache, seiner Botschaft und des Vaters. Die Theologie spricht von Pro-Existenz (Dasein für).
Aus sich selbst heraus wäre selbst Jesus all das wohl kaum gelungen. Vielmehr schien ihn ein Geheimnis zu umgeben, das ich als absolute Gottnähe bezeichnen möchte. Dieses Buch kreist um eine These, wonach Jesus ganz und gar an Gott, den er Vater nannte, ›angeschlossen‹ war: Er war innig mit dem Vater verbunden. Der englische Begriff to be connected besagt besser als der deutsche, worum es geht: um ein Verbunden-Sein, das mehr beinhaltet als eine Verbindung haben zu etwas; um ein Sein im Unterschied zur Existenzweise des Habens (Fromm 1979); um Beziehung als Wesensaussage im Unterschied zu einem mehr oder weniger autark entworfenen und auf sich selbst zurückgeworfenen Ich. Jesus ließ sein Angewiesen-Sein vom Vater ganz und gar zu, er war im Vater verankert. Wir würden vielleicht sagen: Er war ›geerdet‹, voll ›bei sich‹. Doch dieses Bei-sich-Sein ist nicht Selbstaussage, sondern Beziehungsaussage: Jesus war ganz auf den Vater bezogen. Weil er durch keinerlei Blockaden, Ängste und Narzissmen von der Energie Gottes abgeschnitten war, konnte Gott selbst ihm Kraftquelle sein. Aus solchem Verbunden-Sein heraus gelang Jesus immer neue Regeneration.
Jesus selbst sprach von einem eigentlichen Eins-Sein. »Ich und der Vater sind eins« (Joh 10,30) ist Grundaussage des Johannesevangeliums. Eins-Sein meint nicht symbiotische Undifferenziertheit oder narzisstische Vereinnahmung, sondern dialogisch mystische Wirklichkeit. Ich möchte den ganzen Jesus, den Heiler, den Liebenden und den Rebellen, aus seiner besonderen spirituellen Erfahrung heraus begreifen: Jesus war in hohem Ausmaß Mystiker. Sein Geführt-Sein, seine Reden, sein Wirken in Vollmacht werden hier als Ausdruck seiner intensiven Gotteserfahrung interpretiert.
Jesu Nähe zum Vater war trotz dieser Intimität und Intensität nicht ›inflationär‹, d.h. nicht so, dass man ihn als spirituell Überfluteten bezeichnen müsste. Jesus war eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit, die nicht nur Versuchungen standhielt, sondern auch mit diesem Angeschlossen-Sein an Gott und der daraus resultierenden Nähe zum Numinosen umgehen konnte: etwas, das uns ›gewöhnlichen‹ Menschen immer nur annäherungsweise möglich ist.
Ausgehend von der grundlegenden Annahme von Jesu Angeschlossen-Sein, lassen sich weitere Aussagen zu seinem Wesen und Wirken nahtlos ableiten: Vom Vater her ist Jesu Höchstmaß an Hingabe und Liebe sowie seine Botschaft vom Himmelreich zu verstehen. Jesus war so sehr erfüllt und aus einer andern Quelle gespeist, dass es ihn geradezu drängte, sich zu verschenken. Biblische Begriffe wie Himmelreich, Seligkeit, Speise bringen das in Sprache. Liebesfähigkeit, wie Jesus sie meinte, entsteht nicht einfach, indem altruistische Nächstenliebe als moralisches Gebot eingefordert wird, wie 2000 Jahre Christentum in leider unzähligen Beispielen veranschaulichen. Jesu Liebeskraft ist vielmehr gegründet in einem inneren Erfüllt-Sein, ist Ausdruck von existenziellem Mit-Sein (Begriff vgl. Benedetti 1992).
In diesem Buch wird das Liebesgebot nicht einfach als ethische Ermahnung gelesen, sondern, wie einer meiner theologischen Gesprächspartner, R.Siebenrock aus Innsbruck, feststellte: »soteriologisch« (= rettend), konkret als Ausfluss von Jesu mystischer Gottnähe (vgl. Kap.8.2). In Anlehnung an den Evangelisten Markus (12,29–31) formuliere ich: Wenn immer der Mensch »mit ganzem Herzen und ganzer Seele, in all seinen Gedanken und seiner Kraft« ankommt im Vertrauen auf das Göttliche, in den Schöpfer und seine Schöpfung, wenn immer er sich als Gottes geliebten Sohn, geliebte Tochter und entsprechend angeschlossen erfährt, dann fließt es aus ihm heraus: er liebt sich selbst in seinem Wesentlichen und ebenso die Nächsten. Dann wird auch Hingabe, Verzeihung sich und andern gegenüber, und – in äußerster Konsequenz – sogar Feindesliebe denkbar. Begründet zu sein in einer größeren Liebe – nenne man diese Gott oder anderswie –, ist Quelle menschlicher Liebeskraft und Herzstück einer jesuanischen Spiritualität (vgl. Kap. 8).
Zahlreiche weitere Bibelaussagen erschließen sich neu aus Jesu mystischer Bezogenheit auf den Vater. Für mich persönlich war die Lektüre des Neuen Testamentes auf dem Hintergrund dieser Sichtweise eines der größten Aha-Erlebnisse in meinem Leben. Im Rückblick war mein Zweitstudium der Theologie, insbesondere der Entstehungsprozess des Buches »Erlösung aus Prägung« (2008) mit genau dieser These im Hinterkopf, eine meiner glücklichsten Zeiten. Hochmotiviert stand ich früh morgens auf, las, übersetzte, schrieb, bevor ich irgendwann bemerkte, dass die Glocken sechs Uhr schlugen. Mir blieb dann immer noch Zeit für die stille Arbeit in meiner theologischen Werkstatt, bis ich rechtzeitig ins Krankenhaus fuhr und meiner täglichen Arbeit nachging. Und was mich selbst erstaunte: Ich war erfüllt.
Jesu Angeschlossen-Sein an den Vater ist auch Basis für seinen Ruf zur Umkehr und für seine Heilungstätigkeit (vgl. Kap. 5, Kap. 6). Jesus erkannte, was dem Menschen fehlte. Er litt zutiefst an der Diskrepanz zwischen seinem eigenen Eins-Sein mit dem Vater und dem mangelnden Angeschlossen-Sein der Menschen, die nicht begriffen, wovon er redete. Jesus sah ihre Wankelmütigkeit, nahm wahr, wie karg, ja brüchig ihr seelischer Boden war. Er erkannte das Ausmaß menschlicher Erlösungsbedürftigkeit und wusste intuitiv, wie sich Rettung und Heilung ereigne.
Ich frage in diesem Buch bewusst nach dem Menschenbild Jesu. Dieses kann nicht nur sozialisationsbedingt verstanden werden (vom jüdischen Glauben her, in dem Jesus aufwuchs, über frühjüdische Dämonenvorstellungen oder das damalige Verständnis der jüdischen Weisung, über hellenistische Einflüsse und apokalyptische Ängste der damaligen Zeit). Vielmehr gab es über all das hinaus etwas, das ›originär Jesus‹ war. Dieses hat mit Jesus, dem Mystiker zu tun. Es erklärt, warum Jesus der Unverstandene blieb, ein Stück weit der Ferne, Fremde, Beneidete, dessen Gegenwart und Wirken man eigentlich nicht aushielt. Aber auch, warum Jesus seinerseits der tief Verstehende war: Jesus verstand kraft seiner Rückbindung. Er durchschaute die menschliche Seele in ihren individuellen Krankheiten, aber auch die Conditia Humana: das tiefe Abgespalten-Sein des Menschen von seinem Urgrund und in der Folge sein Dasein in Angst und Kompensation. Und Jesus lädt »dazu ein, dem Urgrund … als dem ›guten Vater‹ zu vertrauen und von daher selbst mehr Güte zu leben« (Kessler 2006, S.35).
Umkehr, neu gewagte Rückbindung, hat so verstanden zutiefst mit Mystik zu tun, mit dem Offen-Werden für jene Wirklichkeit, an die Jesus angeschlossen war. Der griechische Begriff Umkehr (μετάνοια/metanoia) heißt Hinwendung, Hineinwendung. Jesu Heilungen gingen einher mit Heimführung und Vertrauensfindung. Umkehr und Heilung sind nicht ein einmaliges Ereignis, sondern seelische Prozesse, vergleichbar einer Reise. Erkenntnisse bilden darin zwar entscheidende Momente, machen aber nicht das Ganze des Weges aus. Damit die Früchte des Prozesses geerntet werden können, darf selbst das Leiden nicht ausgespart bleiben, wie schon der Begriff sagt (Leiden, ahd. lidan kommt etymologisch von Fahren, Reisen, Erfahren). Leiden ist ein Prozessbegriff und beschreibt einen höchst schöpferischen Vorgang. Man steht nachher an anderem Ort. Hinter zahlreichen biblischen Heilungen, die für unsere Ohren unrealistisch anmuten, steckt mehr. Wenn Jesus die Geheilten mit einem gewichtigen Wort entließ, so will dies als Zusammenfassung ganzer Prozesse gelesen werden und ist ohne Umkehr (das Weg-Ganze) nicht zu denken. Die Kürze dieser durch die Evangelisten geschilderten Geschichten ändert nichts an deren Prozesscharakter, sondern erlaubt den Rückschluss, dass Jesus wichtige Faktoren solcher Prozesse bereits in sich – also in seiner Person – vereinigte.
Jesus ist für mich Inbegriff von Bewusstwerdung (vgl. Kap. 5 und 7), von durchlebtem und durchlittenem Prozess. Er nimmt durch seine Bewusstwerdung jene, die ihm folgen, in diesen Prozess mit hinein, und er nimmt ihnen auch etwas ab. Das ist vergleichbar damit, dass Bewusstwerdungsprozesse schneller vor sich gehen, wo einer sie bereits durchlaufen hat. Am Schluss steht dann, ähnlich einer mathematischen Formel, die kurz gefasste Quintessenz eines jahrelangen Prozesses da.¹ Es ist charakteristisch für Jesus, dass er die Dinge hinter den Dingen verstand. Man erkennt das daran, wie er mit Krankheiten umging oder deren Heilung ›auf den Punkt‹ brachte. Doch wer hat Jesu ›Formel‹ verstanden? Was genau hat er für uns getan und weshalb?
Im vorliegenden Buch wird die Einheit mit Gott als Kern von Jesu Geheimnis betrachtet. Sie ist aber ebenso Zentrum aller christlichen Spiritualität, dem auch wir uns annähern können. Augustinus spricht in seinen Bekenntnissen (3. Buch VI, 10-11) von einer zugleich äußersten und innersten Wirklichkeit: »… du warst innerlicher als mein Innerstes und überragtest meine höchste Höhe« (1950, S. 78). In der großen Bedeutung, die hier Jesu Beziehung zum Vater zugemessen wird, finde ich mich mit dem Grundanliegen des Jesuswerkes von J. Ratzinger (2007, 2011), Papst Benedikt XVI. Doch wird im Folgenden die Vaterbeziehung nicht dogmatisch und auch nicht gynäkologisch (Begriff vgl. Steindl-Rast 2010) verstanden. Sie ist vielmehr seelisch spirituelle Realität, ist ein Bezogen-Sein auf ein Innerstes (und zugleich Äußerstes). Jesu Rückbindung hätte größer nicht sein können, seine Einsamkeit war immer auch Zweisamkeit. Theologisch gesprochen geht es um die Frage: War Jesus Mensch oder Sohn Gottes? Was das Konzil von Chalcedon (451) mit seiner genialen These der doppelten Natur in der einen Person Christi (wahrer Mensch und wahrer Gott) hervorbrachte, wird hier als tiefe psychische, mystische Realität verstanden. Hinter dem Dogma mit seinem Lehrcharakter sollte sichtbar werden, dass es um ein letztes Geheimnis geht, das immer auch den Gesetzmäßigkeiten eines Tabus unterworfen ist.
Tabu, ein polynesischer Begriff, meint das unter schwerer Drohung Verbotene. In früheren Kulturen führte es zum psychogenen Tod, wenn ein Tabu gebrochen wurde; man starb aus Entsetzen und Angst, auch wenn von außen nichts Bedrohliches da war (vgl. Riedel 1994). Ein Tabu ist mit Schweigen umhüllt. In vielen Tabu-Märchen muss über das im verbotenen Gemach Geschaute und über den Tabubruch geschwiegen werden.
Übertragen auf Jesu Gottesbeziehung heißt das: wir haben es nicht nur mit etwas Großartigem, sondern – wie bei der Sonne, die wärmt aber auch versengt – ebenso mit einer aufs Äußerste überfordernden seelischen Wirklichkeit zu tun. Das Göttliche selbst und seine Wirkmächtigkeit bedeuten für den Menschen ein Zuviel. Darum, so lautet meine Annahme, war Jesu Heilungstätigkeit oft mit Schweigen umhüllt und darum gebot Jesus vielen Geheilten zu schweigen. Die Geheilten waren ähnlich den Mystikern Grenzgänger, die die Wirkmächtigkeit des Göttlichen erfahren hatten und dies zwar durch ihr neues Leben bezeugen, aber nicht in Worte fassen konnten oder durften. In Jesu Heilungen kamen offenbar tief verborgene seelische Wirklichkeiten zutage, für welche die Sprache und Bewusstheit (noch) fehlte. Entsprechend schwierig war der Umgang mit dem neuen Wissen in alter Umgebung. In der Folge wurde der Geheilte – ähnlich dem Mystiker – aufgrund seiner neuen Erkenntnis ein Stück weit mit-tabuisiert.
Ein Mit-Tabuisiert-Sein traf den Mystiker Jesus in besonderem Ausmaß. Wenn das Eins-Sein mit Gott, so wie er es lebte, als geradezu äußerstes Tabu betrachtet wird, so leuchtet der seltsam ambivalente Umgang der Menschheitsgeschichte mit der Person Jesu und ihrem Geheimnis ein. Schon die Jünger verstanden (ihn) zunächst nicht. Und wenige Jahrzehnte später rangen Paulus und die Evangelisten um Worte und Bilder (vgl. Kindheitsgeschichten, die Motive ›Jungfrauengeburt, vom Hl. Geist gezeugt‹). Jesu Einheit mit dem Vater faszinierte und löste zugleich äußerste Angst und Abwehr aus. Warum? Der Mensch hält die Numinosität Gottes und folglich auch Jesu ungebrochenes Eins-Sein mit Gott allein schon aufgrund seiner seelischen Konstitution nicht aus. Ein Tabu – im Unterschied zum Dogma – drängt aber trotz aller Gefährlichkeit nach ehrfurchtsvoller Bewusstwerdung. Das heißt, in der Sprache Jesu formuliert, dass wir zur Nachfolge gerufen sind. Nachfolge ist zwar schwierig; damals musste man Beruf, Besitz und Familie verlassen (vgl. Mk 1,16–18, Mt 8,18–22), was hier gedeutet wird als Loslassen der Beheimatung im Ich. Trotzdem steht dieser Weg auch
