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Achterbahn der Gefühle
Achterbahn der Gefühle
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eBook322 Seiten3 Stunden

Achterbahn der Gefühle

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Über dieses E-Book

Jessica will heiraten und hält sich für glücklich, als sie von ihren Freundinnen eine Junggesellinnenreise geschenkt bekommt. Auf einem Reiterhof soll sie ihrem Hobby frönen und die letzten Tage Freiheit genießen. Doch mit der Entspannung ist es bald vorbei, denn sie trifft Kim, die ihren Gefühlshaushalt gehörig durcheinanderbringt. Sie gerät in einen Strudel leidenschaftlicher Gefühle, erfährt eine Zärtlichkeit, die sie nicht kannte. Sie verliebt sich in Kim, aber was wird bleiben, wenn sie wieder zu Hause im alten Trott versinkt?
SpracheDeutsch
Herausgeberédition eles
Erscheinungsdatum29. Apr. 2013
ISBN9783941598539
Achterbahn der Gefühle

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    Buchvorschau

    Achterbahn der Gefühle - Catherine Fox

    Coverbild

    Catherine Fox

    ACHTERBAHN DER GEFÜHLE

    Catherine Fox gewann mit diesem Roman den

    Lesbischen LiteraturPreis 2008

    von el!es

    Originalausgabe:

    © 2009

    ePUB-Edition:

    © 2013

    édition el!es

    www.elles.de

    info@elles.de

    Alle Rechte vorbehalten.

    ISBN 978-3-941598-53-9

    Coverfoto:

    © Katrin Lischka

    1.

    »Prost!«

    Der Prosecco perlte in den Gläsern, als sie miteinander anstießen. Jessica trank einen kleinen Schluck, dann konnte sie ihre Neugier nicht mehr im Zaum halten. »Nun mal heraus mit der Sprache. Welches Attentat habt ihr auf mich vor?« wandte sie sich fragend an ihre drei Freundinnen, die belustigt schmunzelten.

    »Nun denn. Da du ja bald unter der Haube sein wirst und dann die erste unserer Clique bist, die nicht mehr zu vergeben ist, haben wir uns gedacht, wir gönnen dir einen letzten Junggesellinnenurlaub«, schloss Anke feierlich ihre Rede. Silke und Manuela grinsten breit und überreichten Jessica einen Briefumschlag.

    Sie starrte mit offenem Mund in die Runde und konnte es nicht fassen. »Was habt ihr euch denn dabei gedacht? Ich kann doch Bernd nicht einfach allein zu Hause sitzen lassen!«

    »Keine Sorge, der ist schon verplant.« Mit einem Blick auf die Uhr fuhr Silke fort: »Er wird in den nächsten Minuten von seinen Kumpels zu einer Angeltour eingeladen.«

    »Woher weißt du –«

    »Oh, Hendrik hat sich neulich verplappert. Es ist eine Überraschung für Bernd. Und wir haben uns gedacht: Was die Jungs können, das können wir schon lange.«

    »Nur eben mit dem Unterschied, dass du zusammen mit uns in den Urlaub fährst, um nochmal in Ruhe über dein Schicksal nachzudenken.«

    Schicksal? Nachdenken? Was soll das denn nun? Jessica war für einen Moment sprachlos. Sie öffnete den Umschlag und fand darin einen Gutschein für einen Urlaub auf einem Reiterhof.

    »Ihr erwartet doch wohl nicht wirklich, dass ich mit euch dahin fahre? Und dann gleich für ganze drei Wochen?«

    »Aber klar doch«, versicherte Silke.

    Jessica starrte in drei entschlossene Gesichter.

    »Es ist alles schon arrangiert – der Termin ist gebucht, dein Urlaub ist genehmigt . . .«, fuhr Manuela ungeniert fort. »Du musst nur noch deine Koffer packen.«

    Jessica sah wieder auf den Gutschein. Der Termin war bereits in zwei Wochen. »Aber das ist doch schon fast übermorgen!«

    »Es ging leider nicht später, weil danach schon alles ausgebucht war. Aber dein Chef hat seine Zustimmung gegeben, und du brauchst dich um nichts anderes zu kümmern, als deine Koffer zu packen und mit uns dorthin zu düsen.«

    Jessica wusste nicht, was sie sagen sollte. Auf diesen Schreck musste sie erst einmal etwas trinken. Sie setzte das Glas an und trank den Prosecco in einem Zug aus.

    »Und? Freust du dich wenigstens ein bisschen darüber?« wagte Anke vorsichtig nachzufragen.

    »Das ist ja lieb gemeint von euch, aber –«

    »Nichts aber«, fiel ihr Silke ins Wort. »Wenn du erst verheiratet bist, ist es mit dem Lodderleben vorbei. Also genieß die paar Tage mit uns.«

    »Außerdem bist du dort in den besten Händen und phantastisch aufgehoben. Wir kennen den Hof wie unsere Westentasche. Wir drei waren doch in den vergangenen sechs Jahren mindestens einmal im Jahr für ein paar Tage dort. Du kannst uns vertrauen: Es werden dich dort keine bösen Überraschungen erwarten.« Manuela hatte Jessicas heimliche Bedenken erraten und bemühte sich sehr, sie zu zerstreuen.

    Alle Einwände schienen zwecklos, Jessica kam gegen diese geballte Freundinnenmacht nicht an. In drei Monaten würde sie heiraten. Sie war mit ihren Vorbereitungen schon fast komplett fertig: Sie hatte ihre Verwandten und Freunde eingeladen, das Essen bestellt, die Räumlichkeiten gebucht, die Dekoration und die Blumen ausgesucht. Zwei Tage zuvor hatte die Schneiderin angerufen und ihr mitgeteilt, dass ihr Kleid zum Abholen bereit war. Es gab für eine Weile nichts, worum sie sich kümmern musste, und eigentlich käme ihr eine Pause gerade wirklich gelegen. Ihre Freundinnen hatten doch gar nicht so unrecht, warum sollte sie sich nicht eine Auszeit gönnen. »Also gut, ihr habt mich überredet!« beschloss sie lächelnd, und gemeinsam stießen sie darauf an.

    Abends im Bett schaute sie sich die Broschüre an, die mit dem Gutschein im Umschlag gesteckt hatte.

    »Abenteuerurlaub mit und auf Araberpferden in schöner Landschaft. Erlebnisritte, Erholung pur, Lagerfeuerromantik«, las sie laut. Na das ist doch eigentlich ganz nach meinem Geschmack! So was wollte ich doch schon immer mal machen. Schöne Pferde, ein bisschen Abenteuer und Ruhe – eine bessere Kombination gibt es doch gar nicht, dachte sie.

    Kurz vor dem Einschlafen beschloss sie noch, am nächsten Morgen bei dem Pferdehof anzurufen und nachzufragen, ob auch alles mit der Reservierung in Ordnung war. Wer weiß, ob die anderen auch an alles gedacht haben.

    2.

    Das Handy klingelte zum ungünstigsten Zeitpunkt.

    »Ja bitte?« meldete Kim sich unwirsch.

    »Hier ist Barth. Hallo. Ich habe einen Gutschein für einen Reiturlaub geschenkt bekommen und möchte gern wissen, ob das auch alles seine Richtigkeit hat. Außerdem habe ich dann noch ein paar andere Fragen an Sie.«

    »Das ist momentan ungünstig. Ich bin kurz vorm Zeugungsakt und habe eigentlich alle Hände voll. Rufen Sie doch in einer Viertelstunde noch mal an, dann müsste ich fertig sein.« Kim bemerkte die Stille am anderen Ende der Leitung. Sie musste grinsen, als ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. Wahrscheinlich war die gute Frau hochrot angelaufen, auf jeden Fall schien es ihr die Stimme verschlagen zu haben. Da hatte sie wohl wieder mal geredet, ohne vorher nachgedacht zu haben. »Ähm, ich meinte damit, dass ich gerade eine Stute decken lasse«, korrigierte sie sich fachlich. Wie zur Bestätigung wieherte der Hengst im Hintergrund.

    »Ach so, gut. Dann melde ich mich nachher nochmal.«

    Kim schmunzelte. Immerhin wusste die Dame, wo sie angerufen hatte, da hätte sie sich das auch selbst zusammenreimen können.

    Der Hengst wurde inzwischen ungeduldig und zappelte herum, weil ewig nichts losging. Die Stute stand hinter dem Probierstand und ließ sich geduldig von ihm beknabbern. Ein Glück, dass die gute Frau noch angerufen hatte, während Stute und Hengst bei ihrer ersten Kontaktaufnahme vor der eigentlichen Paarung noch durch die Bretterwand voneinander getrennt gewesen waren, sonst wäre Kim während des Deckaktes wahrscheinlich das Handy durch die Luft gewirbelt.

    Kim gab ihr Okay und Frank brachte die Stute in Position. Kurz darauf ließ sie den Hengst aufspringen, der rasch sein Erbgut in der Stute hinterließ und sich verschleierten Blickes noch eine Weile auf ihrem Rücken ausruhte.

    »Komm, Knabbermäulchen, runter von dem Fräulein, du kannst dich auf der Koppel ausruhen«, wandte sie sich beruhigend an den Hengst und zog ihn herunter.

    Die Stute stiefelte breitbeinig mit Frank von dannen, während Kim den Hengst auf die Koppel brachte. Danach beschloss sie, sich ihrem Mittagessen zu widmen.

    Sie piekste mit ihrer Gabel in eine Kartoffel und fand, dass sie bald gar sein müssten. Sie fand es immer so schwierig mit Kartoffeln: entweder hatte sie nicht genug Wasser im Topf – dann brannten sie an – oder zuviel Wasser – das kochte dann über. Die Kartoffeln an sich waren ja schon eine eigene Wissenschaft: einige zerkochten innerhalb weniger Minuten zu Brei und andere waren auch nach einer halben Stunde noch fast so hart wie Tennisbälle.

    Das Telefon klingelte und schreckte Kim aus ihren Gedanken. Dieses blöde Ding läutete immer zum falschen Zeitpunkt. Musste das ausgerechnet jetzt sein, wo ihr Essen fast fertig war? »Winter«, meldete sie sich knapp.

    »Barth. Ich habe vorhin schon einmal angerufen«, ertönte eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ich wollte mal nachfragen, ob mit meiner Buchung auch alles in Ordnung ist und ob Sie für den Reiturlaub spezielle reiterliche Kenntnisse voraussetzen. Ich bin nämlich keine sehr versierte Reiterin und hab schon lange nicht mehr auf einem Pferd gesessen.«

    »Kein Problem. Das Reitangebot wird speziell auf jeden einzelnen Gast zugeschnitten, und Sie erhalten das zu Ihnen passende Pferd. Für wann haben Sie denn gebucht?«

    »Der Termin ist in zwei Wochen.«

    Kim blätterte im Kalender, bis sie den Namen Barth fand.

    »Ach, Sie kommen mit den Vegetarierinnen?«

    »Bitte was?«

    »Ich meine die Damen Korn, Schmiedel und Frommhold. Die haben jedenfalls für Sie gebucht. Die waren ja schon mehrmals hier.«

    »Ach so, ja, das stimmt. Muss ich irgendwelche speziellen Sachen mitbringen? Reitausrüstung oder dergleichen?«

    »Bequeme Kleidung und festes Schuhwerk. Wenn Sie eine Reitkappe haben, können Sie diese gern mitbringen, aber ich habe auch welche zum Ausleihen da.«

    »Also gut, dann vielen Dank und auf Wiedersehen bis in zwei Wochen.«

    Kim verabschiedete sich ebenfalls. Das war schon wieder mal eines dieser überflüssigen Telefonate gewesen. Alle notwendigen Informationen standen in den Unterlagen, die sie mit der Buchungsbestätigung rausgeschickt hatte. Aber es war immer das gleiche; wahrscheinlich schauten sich die meisten Leute nur die bunten Bilderchen in der Broschüre an. Allerdings lebte Kim von den Kunden und da musste sie schon ein klein wenig Höflichkeit an den Tag legen und auch überflüssige Fragen beantworten.

    Meine Kartoffeln! fiel es ihr siedend heiß ein und sie hoffte, dass die Kartoffeln in der Zwischenzeit nicht zu Brei zerkocht waren. Sie goss das Wasser ab, angelte sich drei Erdäpfel aus dem Topf und gesellte sie zu den marinierten Heringen auf ihrem Teller. Genüsslich zermatschte sie die Kartoffeln in der Soße und schob sich das Ganze in den Mund, während ihre Gedanken zu dem Trubel wanderten, der schon bald wieder einziehen würde. In ein paar Wochen würden die Sommerferien beginnen und die Kinder wieder das Geschehen auf dem Hof beherrschen. Es war Anfang Juni, aber das Wetter hatte schon sehr sommerliche Züge. Bald würde es Zeit für die erste Heuernte des Jahres, und Frank und sie hatten dann wieder alle Hände voll zu tun. Der Hof lief gut; er war bereits zum Insidertipp geworden und viele Gäste kamen jedes Jahr wieder und empfahlen sie weiter, so dass fast das ganze Jahr über die beiden Urlauberbungalows belegt waren.

    3.

    Claudia lief der Schweiß unter ihrer Reitkappe. Reiten lernen war wirklich nicht einfach, aber so langsam wurde sie besser. Sie hatte es nach den vielen Longenstunden zu ihren ersten Lenkübungen gebracht, und darauf war sie stolz. Vor dem Lohn kam der Schweiß, da war wirklich etwas Wahres dran.

    Pferde waren schon immer Claudias Traum gewesen, nur hatten sich ihre Eltern keine Reitstunden leisten können, weil es da außer Claudia noch fünf andere Geschwister gab. Inzwischen war sie verheiratet und hatte selbst zwei Kinder. Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft, und ihr Mann Mike war ebenfalls im Verkauf – er schwatzte den Leuten Autos auf. Da fielen dann endlich einige Euros für ihr Hobby ab. Sie gönnte sich ja sonst nichts.

    Das Reiten machte ihr Spaß, zumal sie sich auch mit Kim sehr gut verstand. Sie waren derselbe Jahrgang, aber Claudia war neun Monate älter. Sie scherzten gern miteinander, und irgendwie stimmte einfach die Chemie zwischen ihnen.

    »Hast du eigentlich schon immer auf diesem Hof gewohnt?« fragte Claudia und riss Kim damit aus ihren Gedanken.

    »Nein. Aber es war ein Jugendtraum von mir gewesen: ein kleiner Hof und ein paar Pferde. Als ich anfing zu arbeiten, hab ich so viel Geld wie möglich gespart, und nach ein paar Jahren bin ich dann durch Zufall auf dieses kleine Anwesen hier gestoßen.«

    »Da steckt eine Menge Arbeit drin.«

    »Ja, ich kann nicht über Langeweile klagen.«

    Claudia träumte auf ihrem Pferd vor sich hin und fragte nach einer Weile: »Und wie bist du ausgerechnet auf Araber gekommen?«

    »Das war Liebe auf den ersten Blick: gesehen, verliebt, gekauft.«

    »Ich hätte auch gern ein Pferd.« Claudia seufzte. »Nur leider reichen meine Mittel dafür nicht aus, und ich hab’ auch nicht die geringste Ahnung von Pferden.«

    »Du bist doch auf dem besten Weg dahin. Deine Reitkünste werden immer besser. Heute warst du mal wieder sehr gut. So, das wär’s, deine Stunde ist um.«

    Claudia freute sich über das Kompliment und strahlte Kim dankbar an. Sie brachte das Pferd auf den Putzplatz, um sich um die Nachpflege zu kümmern. Kim sah ihr gedankenverloren nach. Sie fand Claudia sympathisch, sie war ein so offener und natürlicher Typ, so freundlich und zuvorkommend. Sie machte jeden Spaß mit und hatte die meiste Zeit über ganz einfach einen fröhlichen Gesichtsausdruck. Und doch schien es manchmal so, als würde sie ihre wahren Gefühle verbergen, als gäbe es da Abgründe, in die sie niemanden blicken lassen wollte.

    Kim hatte oft den Eindruck, dass Claudia niemanden wirklich an sich heranließ und gleichzeitig nie so richtig aus sich selbst herausging. Das Besondere an ihr war, dass sie sich nie aufdrängelte, sondern sich eher schüchtern zurückhielt. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass etwas anderes hinter dieser Zurückhaltung steckte als nur Schüchternheit. Sie hatte bereits mehrere Male vorsichtig versucht mehr aus Claudia herauszubekommen, war aber nicht weit damit gekommen. Claudia ließ sich nicht darauf ein, allzuviel Persönliches preiszugeben. Vielleicht war es ja verständlich, schließlich kannten sie sich noch nicht so gut. Aber was nicht war, konnte ja noch werden.

    Sie hatte bislang nicht viel von Claudia erfahren, nur ihre Familienverhältnisse, was sie beruflich machte und wie sie überhaupt aufs Pferd gekommen war. Claudia war zwar kein Sport-As, aber es machte ihr Spaß, mit den Pferden umzugehen. Und jetzt hatte sie ihr gerade anvertraut, dass sie mehr über Pferde lernen wollte. Kim folgte ihr auf den Putzplatz. Sie wollte die Gelegenheit nicht verpassen, Claudias Geheimnis näher auf den Grund zu gehen und fragte: »Aber Interesse und Zeit hättest du schon, um mehr über Pferde zu lernen?«

    »Ja, schon«, antwortete Claudia und strich sich eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. Ihr blondes Haar klebte am Kopf und schrie nach einer Dusche.

    »Wenn du möchtest, kann ich dir einiges mehr über den Umgang mit Pferden beibringen«, bot Kim ihr an.

    »Das wäre toll«, gab Claudia begeistert zurück und versuchte ihre Überraschung zu verbergen. Sie hatte sich sehr über Kims Lob nach der Stunde gefreut. Während der Nachpflege waren ihre Gedanken dann nur um die Frage gekreist, wie sie sie näher kennenlernen konnte, ohne aufdringlich zu wirken. Und jetzt machte sie ihr so ein Angebot! Wenn doch sonst auch alles so einfach wäre. Aber die Hälfte aller Probleme löste sich eben meistens doch von allein, obwohl – ihr Wunschdenken konnte ja nicht wirklich als Problem bezeichnet werden. Und dennoch: Sie freute sich über Kims Vorschlag.

    »Du machst dafür einfach ab und zu mal einen Arbeitseinsatz mit, und damit ist uns dann beiden geholfen. Bist du damit einverstanden?«

    »Ja, sofort.« Claudias Herz klopfte schneller. Konnte Kim ihre Gedanken lesen? Sie hatte schon oft das Gefühl gehabt, dass Kim sie durchschaute. Dankbar nahm sie das Angebot an.

    4.

    In der folgenden Woche ergab sich dann schon die erste Gelegenheit für Claudia, Kims private Seite außerhalb des Reitunterrichts kennenzulernen. Kim hatte in den Wochen zuvor die Sattelkammer renoviert. Es war fast alles fertig, bis auf einen neuen Schrank, der noch zusammengebaut werden musste. Dafür war jedoch eine zweite Person notwendig, und Kim hatte Claudia dazu eingeteilt, weil sie handwerklich recht fähig zu sein schien. Claudia hatte zugesagt und nun werkelten sie gutgelaunt an dem Schrank herum.

    »Ich halte das Teil hier, und du steckst dann dein Teil hier in mein Loch rein«, sagte Kim.

    »Ich hab’ aber nicht so viel Übung darin, mein Teil irgendwo reinzustecken«, antwortete Claudia zweideutig und feixte.

    »Stell dich nicht so blöd an. Steck jetzt das Ding da rein.« Kim reichte ihr mit breitem Grinsen die Schraube.

    Claudia verschraubte die Seitenwand mit der Bodenplatte.

    »So. Ich hab’s drin.«

    »Sieht wirklich aus wie neu. Das haben wir aber toll gemacht«, lobte Kim und begutachtete ihr gemeinsames Werk.

    »Du machst die zweite Seitenwand. Damit du auch ein bisschen Übung darin bekommst, Teile ineinander zu stecken«, sagte Claudia.

    »Eigentlich ist das hier Männersache. Die sind im allgemeinen recht geübt darin, Teile in andere Teile zu stecken. Naja, so sind sie wenigstens zu etwas nütze und verbringen ihr Leben nicht nur damit, im Lendenschurz und mit der Keule in der Hand vor der Höhle rumzurennen. Und meistens wenn sie ihre Teile irgendwo reinstecken, kommt dann ein paar Monate später ein Schreihals dabei raus. Kennst du eigentlich den schon? Der kleine Fritz erzählt seinen Freunden: ›Ich weiß das jetzt ganz genau. Die kleinen Kinder, die bringt nämlich gar nicht der Klapperstorch, die werden geboren! Aber ich sag euch: den Bohrer find’ ich auch noch!‹«

    Claudia fiel vor Lachen fast der Schraubenzieher aus der Hand. »So kann man das natürlich auch sehen.«

    Völlig unverblümt fragte Kim plötzlich: »Wie ist das eigentlich bei euch? Hat dein Mann viel zu bohren?«

    Claudia sah sie für einen Moment mit großen Augen an, dann brachen beide in schallendes Gelächter aus. Sie hütete sich jedoch davor, Kims scherzhafte zweideutige Fragen zu tiefgreifend zu beantworten. Aber sie machte die Wortspielerei mit und beide hatten ihren Spaß daran, ohne tiefer in die Intimsphäre der anderen vorzudringen. Der Schrank war schneller zusammengebaut als gedacht und die Zeit in rasendem Tempo vorbeigegangen.

    Claudia freute sich schon auf ihren nächsten Arbeitseinsatz und den dazugehörigen Privatunterricht von Kim. Es war schön, mit ihr zusammenzusein. Besonders schön war es, mit ihr allein zu sein. Es waren sehr seltene Momente, denn meistens waren sie nicht allein, und ständig rannten irgendwelche Leute um sie herum. Kim präsentierte in Gegenwart anderer immer ihr Geschäftsgesicht, musste dabei auch oft gute Miene zum bösen Spiel machen und sich nichts anmerken lassen. Durch die viele Übung war sie eine gute Schauspielerin geworden und sehr gut darin, ihre wahren Gefühle zu verbergen.

    Claudia genoss die Momente des Alleinseins mit Kim, weil es schien, als würde sie dann ihre Maske abnehmen und ihr so einen Blick auf ihr wahres Wesen erlauben. Sie hegte die Hoffnung auf eine Entwicklung in ihrem Verhältnis, die Kim mehr und mehr Vertrauen in sie fassen lassen würde. Mit der Zeit würde Kim sicher sehen, dass sie mehr als nur eine Kundin war; sie selbst konnte sich Kim jedenfalls gut als Freundin vorstellen. Sie war sich darüber im Klaren, dass es lange Zeit dauern könnte, bis Kim etwas anderes in ihr sehen würde, denn sie selbst war viel zu schüchtern, um den Prozess voranzutreiben. Aber es drängte ja nichts und sie war zufrieden damit, dass sich überhaupt etwas entwickelte. Bei dem Gedanken an eine engere Vertrautheit mit Kim lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter.

    5.

    Der silberne Renault rollte zügig durch den Autobahnverkehr. Jessica war kurz vor acht Uhr losgefahren und rechnete mit etwa zweieinhalb Stunden Fahrt. Dabei hatte sie sich offensichtlich gründlich verschätzt, denn die Strecke zog sich länger hin, als es der erste Eindruck auf der Straßenkarte vermittelt hatte. Sie hatte sich allein auf den Weg machen müssen, weil sie erst zwei Tage später als geplant losfahren konnte. Es war im Büro kurzfristig etwas dazwischengekommen und ihre Freundinnen waren bereits vorausgefahren.

    Das Wetter war schön, der Himmel strahlendblau. Ein herrlich sonniger Sommertag. Hoffentlich ist in zwei Monaten auch so ein tolles Wetter, dachte Jessica und verlor sich in Gedanken an ihre bevorstehende Hochzeit. Plötzlich erschreckte sie ein lautes Hupen hinter ihr und holte sie in die Wirklichkeit zurück. Irritiert blickte sie suchend in den Rückspiegel – sie fühlte sich keiner Schuld bewusst – und sah, wie ein großer Brummi rechts an ihr vorbeizog und der Fahrer lachend grüßend die Abfahrt nahm. Sie konnte sich nicht erinnern, wie lange er schon hinter ihr gefahren war, aber scheinbar schon eine ganze Weile. Sie musste sich wirklich mehr auf den Verkehr konzentrieren.

    Am Armaturenbrett klebte ein Zettel, auf dem sie detailliert alle Orte und Abzweigungen notiert und kleine Zeichnungen für die Richtungsänderungen angefertigt hatte; die wichtigsten Stellen hatte sie mit einem Textmarker rot hervorgehoben. Sie wollte sicherstellen, dass sie ohne größere Schwierigkeiten ihren Weg fand. Ihre Ortskenntnisse beschränkten sich auf die wenigen Strecken, die sie in einer normalen Woche zurücklegen musste: zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Freunden und natürlich zu Bernd. Abgesehen davon kannte sie die wichtigsten Straßen in ihrer Stadt, aber das war dann auch schon alles. Für alle weiteren Erkundungen musste sie immer Straßenkarten zu Rate ziehen, die sich auf dem Rücksitz ihres Autos stapelten.

    Sie hasste es, sich zu verfahren, noch mehr aber hasste sie es, falsche Auskünfte von Tankwarten und Fußgängern zu erhalten – die meisten von denen fuhren bestimmt nie mit dem Auto! –, und deshalb investierte sie lieber in eine neue Karte, wenn sie sich in unbekannte Gefilde vorwagte. Und am besten war es natürlich, den Weg vor Abfahrt

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