Psychologie der Massen (Grundlagenwerk der Sozialpsychologie): Bereicherte Ausgabe. Die Psychologie von Gruppenverhalten und Masse: Ein bahnbrechendes Werk über Sozialpsychologie
Von Gustave Le Bon, Rudolf Eisler und Nolan Shepherd
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Über dieses E-Book
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen:
- Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes.
- Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten.
- Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben.
- Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text.
- Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen.
- Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen.
- Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
- Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Gustave Le Bon
Gustave Le Bon est un médecin, anthropologue, psychologue social et sociologue français. Polygraphe, intervenant dans des domaines variés, il est l'auteur de 43 ouvrages en 60 ans, traduits en une dizaine de langues de son vivant et plusieurs fois réédités entre 1890 et 1920, dans lesquels il aborde, parmi d'autres sujets, le désordre comportemental et la psychologie des foules. Le Bon participe par la suite activement à la vie intellectuelle française. En 1902, il crée la Bibliothèque de philosophie scientifique chez Flammarion, qui est un vrai succès d'édition, avec plus de 220 titres publiés et plus de deux millions de livres vendus à la mort de Le Bon en 1931. À partir de 1902 il organise une série de « déjeuners du mercredi » auxquels sont conviées des personnalités telles que Henri et Raymond Poincaré, Paul Valéry, Émile Picard, Camille Saint-Saëns, Marie Bonaparte, Aristide Briand, Henri Bergson, etc. Il convie également à ces déjeuners la comtesse Greffulhe, icône de la Belle-Époque et inspiratrice de Proust pour À la recherche du temps perdu, avec qui il entretient une correspondance aussi abondante que familière.
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Psychologie der Massen (Grundlagenwerk der Sozialpsychologie) - Gustave Le Bon
Gustave Le Bon
Psychologie der Massen (Grundlagenwerk der Sozialpsychologie)
Bereicherte Ausgabe. Die Psychologie von Gruppenverhalten und Masse: Ein bahnbrechendes Werk über Sozialpsychologie
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Nolan Shepherd
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
goodpress@okpublishing.info
EAN 8596547807278
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Psychologie der Massen (Grundlagenwerk der Sozialpsychologie)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen
Einführung
Inhaltsverzeichnis
Ein Flüstern schwillt zur Woge, und ehe der Einzelne es merkt, trägt ihn die Bewegung dahin, die er mit ausgelöst hat. In dieser Dynamik zwischen Person und Menge liegt der Nerv eines Buches, das die Faszination des Kollektiven ebenso beschreibt wie seine Irrtümer. Psychologie der Massen verfolgt die Frage, warum Menschen in der Gruppe anders fühlen, urteilen und handeln als allein. Es tastet nach den Mechanismen, die Zustimmung beschleunigen, Zweifel dämpfen und Bilder stärker wirken lassen als Argumente. Der Blick gilt nicht dem Ausnahmezustand, sondern dem Alltäglichen: der Suggestion, der Ansteckung, der autorisierenden Stimme.
Dieses Buch gilt als Klassiker, weil es seiner Zeit ein Vokabular gab, das bis heute Diskussionen prägt. Es bündelte ein diffuses Unbehagen an der Moderne zu klaren Leitbegriffen und verdichtete Beobachtungen über öffentliche Stimmung zu einer Theorie des Kollektivverhaltens. Seine Fragen altern langsamer als seine Antworten: Wie entsteht Autorität? Was macht Ideen massenfähig? Warum verflacht Komplexität in der Gruppe? So wurde es zu einem Fixpunkt, an dem sich spätere Autorinnen und Autoren, Forschungen und Debatten reiben. Klassikerstatus bedeutet hier nicht Unfehlbarkeit, sondern dauernde Produktivität im Denken anderer.
Verfasst wurde Psychologie der Massen von Gustave Le Bon, einem französischen Sozialpsychologen und öffentlichen Intellektuellen. Er veröffentlichte das Werk 1895 unter dem Originaltitel Psychologie des foules. Das Buch gehört zu den Grundtexten der Sozialpsychologie und der frühen Massen- und Öffentlichkeitstheorie. Le Bon skizziert darin, in essayistischer Form, seine Auffassung von den psychologischen Gesetzen, die Gruppen, Versammlungen und anonyme Kollektive leiten. Ihn interessiert weniger das Individuum als solches als vielmehr dessen mentale Umformung, sobald es Teil einer Menge wird. Ziel ist eine allgemeine, verständliche Darstellung, die Orientierung in einer beschleunigten Öffentlichkeit verspricht.
Inhaltlich entfaltet das Buch eine Abfolge von Kernideen: der Verlust individueller Hemmungen im Schutz der Menge, die erhöhte Suggestibilität, die schnelle Übertragung von Affekten und die Rolle eingängiger Bilder. Le Bon beschreibt, wie einfache Formeln und starke Symbole zu Katalysatoren kollektiver Zustimmung werden, während Nuancen verschwinden. Er fragt, welche Eigenschaften Führungspersonen auszeichnen, die Resonanz erzeugen, und wie Prestige, Rituale und Wiederholung Meinungen verfestigen. Ohne in Fallgeschichten zu verweilen, zielt der Text auf ein allgemeines Schema – auf Gesetze, die, so Le Bon, unabhängig von Milieu und Epoche in Gruppensituationen wirksam werden.
Formal ist das Werk ein essayistischer Entwurf, der Beobachtungen, historische Beispiele und zeitgenössische Erfahrungen synthetisiert. Es verzichtet auf experimentelle Belege und statistische Verfahren, wie sie später die Sozialwissenschaften prägten, und setzt stattdessen auf diagnostische Klarheit, prägnante Begriffe und heuristische Bilder. Diese Vorgehensweise erklärt sowohl die einprägsame Wirkung des Buches als auch die Kritik, die es auf sich zog: Die Stärke der Zuspitzung bringt Vereinfachungen mit sich. Als Diagnose einer Epoche, die von Massendemokratie, Urbanisierung und Massenpresse geprägt war, zeigt der Text exemplarisch, wie Theorie und Zeitgeist ineinandergreifen.
Der Einfluss des Buches reicht weit über sein Entstehungsjahr hinaus. Sigmund Freud setzte sich mit Le Bons Überlegungen in seiner eigenen Massenpsychologie auseinander und knüpfte daran psychoanalytische Konzepte. In der politischen Theorie und Kommunikationsforschung dienten Le Bons Begriffe als Folie, an der sich spätere Analysen von Propaganda, öffentlicher Meinung und Public Relations schärften; auch Praktiker wie Edward Bernays griffen Ideen über Gruppenbeeinflussung auf. Essays über die Moderne – etwa von José Ortega y Gasset – sowie spätere Großentwürfe zur Masse, wie jene von Elias Canetti, setzten sich kritisch und weiterführend mit dem Thema auseinander.
Als literarisches Ereignis hat das Buch die Sprache des Denkens über Kollektive geprägt und eine Form des argumentierenden Essays populär gemacht, die Beobachtung in Bildkraft übersetzt. Schriftstellerinnen und Schriftsteller fanden in seinen Motiven – der Sog der Menge, der charismatische Redner, das Machtwort – ein Reservoir für Figuren und Szenen moderner Öffentlichkeit. Journalismus, Reportage und Feuilleton übernahmen Vokabeln und Metaphern, um Kundgebungen, Kampagnen oder Moden zu beschreiben. So wirkte das Werk nicht als Vorlage für Erzählungen, sondern als Ton- und Begriffgeber, der die Darstellung sozialer Stimmungen literarisch anschlussfähig machte.
Historisch entstand das Buch im fin de siècle, einer Zeit tiefgreifender politischer und technologischer Umbrüche. Wahlrechtserweiterungen, Massenorganisationen, neue Kommunikationsmedien und eine wachsende urbane Öffentlichkeit veränderten den Modus politischer Teilhabe. Le Bon liefert vor diesem Hintergrund einen Versuch, Ordnung in das vermeintlich chaotische Verhalten großer Gruppen zu bringen. Seine Kategorien spiegeln die Ängste und Hoffnungen einer Epoche, die an die Kraft der Vernunft glaubte und zugleich deren Grenzen in der Straße, im Saal und in der Presse erlebte. Darin liegt seine historische Signatur und seine analytische Herausforderung.
Gleichzeitig verlangt die Lektüre Distanz und kritisches Bewusstsein. Le Bons Beschreibungen tragen Spuren ihres Jahrhunderts: pauschale Zuschreibungen, normative Hierarchien, generalisierende Urteile. Moderne Forschung hat vieles differenziert, empirisch korrigiert und methodisch vertieft. Doch gerade im Widerspruch bleibt das Buch produktiv: Es bietet starke Hypothesen, die zur Prüfung herausfordern, und eine Begriffsarchitektur, die zum Um- und Weiterbauen einlädt. Wer es liest, sollte es als Ausgangspunkt verstehen – als Anstoß, nicht als Abschluss von Erkenntnis. Die Spannung zwischen heuristischem Nutzen und historischen Begrenzungen macht seine intellektuelle Haltbarkeit aus.
Seine Aktualität zeigt sich heute in digitalen Öffentlichkeiten, in denen Aufmerksamkeit, Affekt und Ansteckung beschleunigt zirkulieren. Bilder, Slogans und performative Autorität prägen Diskurse, während Komplexität unter dem Druck der Synchronität leidet. Psychologie der Massen sensibilisiert für die Mechanismen, die virale Dynamiken antreiben, für die Rolle von Resonanzräumen und für die Kraft einfacher Erzählungen. Es liefert keine Antworten auf Plattformlogiken, doch es stellt Fragen, die sich nahtlos übertragen: Wie wird Zustimmung erzeugt? Was stabilisiert Überzeugungen? Wodurch kippen Stimmungen? In diesen Fragen liegt der fortdauernde Ertrag der Lektüre.
Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von Klarheit und Provokation. Le Bon schreibt mit didaktischer Strenge und bildhafter Verdichtung, die das Abstrakte greifbar macht. Lesende begegnen einer Denkbewegung, die allgemeine Muster sucht und gerade darum zur Selbstprüfung anstiftet: Wie unabhängig ist mein Urteil? Welche Rolle spielen Sprache, Rituale, Vorbilder in meinem Alltag? Das Buch fordert Widerspruch und Zustimmung zugleich heraus und öffnet einen Denkraum, in dem psychologische, soziologische und politische Perspektiven miteinander ins Gespräch treten. So entsteht eine Lektüreerfahrung, die über ihre Zeit hinausweist.
Zusammenfassend bietet Psychologie der Massen eine prägnante Theorie des Kollektivverhaltens, deren Grundfragen unvermindert tragen: die Entstehung von Autorität, die Kraft der Suggestion, die Logik der Ansteckung und die Bedeutung symbolischer Verdichtung. Es ist ein Klassiker, weil es die Moderne mit Begriffen versah, die Denken und Schreiben bis heute strukturieren, und weil es Widerspruch so fruchtbar macht wie Zustimmung. Wer das Buch liest, gewinnt weniger Rezepte als Maßstäbe: Sensibilität für Gruppenprozesse, Skepsis gegenüber einfachen Wahrheiten, Aufmerksamkeit für Formen der Einflussnahme. Darin liegt seine dauerhafte Anziehungskraft und seine Relevanz für Gegenwart und Zukunft.
Synopsis
Inhaltsverzeichnis
Gustave Le Bons Psychologie der Massen, erstmals 1895 erschienen, klärt die spezifischen Gesetze kollektiven Verhaltens. Er unterscheidet temporäre Menschenmengen von dauerhafteren sozialen Gebilden und fragt, warum Individuen in der Gruppe anders empfinden, urteilen und handeln als allein. Methodisch stützt er sich auf vergleichende Betrachtung historischer Ereignisse, politischer Bewegungen und Versammlungen. Daraus leitet er allgemeine Muster ab, die er als Grundlage einer Sozialpsychologie versteht. Das Buch entfaltet seine Argumentation schrittweise: Es bestimmt das Wesen der Masse, beschreibt typische Gefühls- und Denkformen, analysiert Entstehung von Überzeugungen sowie die Rolle von Führung, Symbolen und Institutionen. Ziel ist eine knappe, prognosefähige Theorie kollektiver Dynamik.
Zu Beginn formuliert Le Bon das psychologische Gesetz der mentalen Einheit: In der Masse verschmelzen Einzelne zu einem neuen Ganzen, dessen Eigenschaften sich nicht auf individuelle Merkmale zurückführen lassen. Anonymität und Gleichrichtung schwächen Selbstkontrolle und Verantwortungsgefühl. Suggestion, Nachahmung und emotionale Ansteckung verstärken sich gegenseitig und erzeugen rasche, oft sprunghafte Stimmungswechsel. Das so entstehende Kollektivbewusstsein wirkt überwiegend unbewusst und intuitiv. Es bevorzugt einfache, klare Impulse und reagiert stark auf äußere Reize. Aus dieser Struktur erklärt Le Bon, warum Massen zu entschiedenen, aber inhaltlich wechselnden Handlungen neigen und warum intellektuelle Nuancen zugunsten von Einheitsformeln verschwinden.
Anschließend beschreibt er die vorherrschenden Gefühle und die Moral der Massen. Sie seien zugleich leicht erregbar und fähig zu großen Opfern, zu Intensität und Ausschlägen ins Extreme. Ausgleichende Überlegung trete zurück; Mitreißendes werde rasch bejaht oder verworfen. Moralische Urteile bewegen sich oft zwischen Idealismus und Härte, abhängig von Stimmung, Suggestion und Ziel. Massen fordern klare Freund Feind Unterscheidungen und zeigen geringe Toleranz für Ambivalenzen. Tapferkeit, Begeisterung und Selbstaufopferung können ebenso auftreten wie Grausamkeit oder Vandalismus. Entscheidend ist die Vereinfachung: Komplexe Motive werden zu wenigen, emotional stark gefärbten Gegensätzen verdichtet, die Handlungen unmittelbar antreiben.
Im nächsten Schritt analysiert Le Bon Ideen, Denkweise und Einbildungskraft der Massen. Logisches Schließen habe wenig Gewicht; maßgeblich seien Bilder, Assoziationen und suggestive Gleichsetzungen. Wirksam sind kurze, absolute Ideen, die in Slogans, Parolen oder Mythen verdichtet auftreten. Widersprüche können nebeneinander bestehen, solange sie unterschiedliche Affekte bedienen. Die Vorstellungskraft reagiert besonders auf das Außergewöhnliche, Prachtvolle und Dramatische. Rhetorik, Rituale, Fahnen und eindrucksvolle Szenen schaffen starke Eindrücke, die Handlungen initiieren. Er unterstreicht, dass nüchterne Argumente selten überzeugen, solange sie nicht in anschauliche Formen übersetzt werden, die kollektive Wünsche und Befürchtungen unmittelbar ansprechen.
Le Bon betont, dass Überzeugungen der Massen häufig eine religiöse Form annehmen, unabhängig von ihrem Inhalt. Glaube, Verehrung und Intoleranz kennzeichnen solche Haltungen: Sie erheben Ideen zu Wahrheiten, die sich dem Zweifel entziehen. Heilige Symbole, Leitfiguren und Erzählungen stiften Bindung, erzeugen Gehorsam und motivieren zu Disziplin oder Opfer. Wunder, Legenden und heroische Taten spielen dabei die Rolle anschaulicher Beweise. Diese religiöse Form verleiht Beständigkeit, solange die kollektive Einbildungskraft genährt wird. Gleichzeitig können Überzeugungen rasch verfliegen, wenn Prestige schwindet oder konkurrierende Bilder dominant werden. Stabilität entsteht, wenn Rituale, Institutionen und wiederholte Bestätigungen sich wechselseitig stützen.
Im zweiten Buch analysiert er die entfernten Faktoren, die Meinungen und Glauben formen. Dazu zählen in seiner Terminologie Rasse, Tradition, Zeit, Institutionen und Bildung. Diese Kräfte wirken langsam, legen aber die Grenzen des Wandelbaren fest. Traditionen bündeln Erfahrungen und Gewohnheiten; sie geben Verhaltenssicherheit und prägen Erwartungen. Zeit wirkt als Selektionsmechanismus, der nur dauerhaft Wirksames fortbestehen lässt. Institutionen strukturieren kollektives Leben und lenken Aufmerksamkeit. Bildung erweitert Repertoires, verändert jedoch ohne passende Traditionen und Institutionen wenig. Diese Rahmenbedingungen bestimmen, welche Ideen Resonanz finden und welche Führer, Symbole und Parolen auf fruchtbaren Boden treffen.
Als unmittelbare Faktoren nennt Le Bon vor allem Bilder, Worte und Formeln, dazu Illusionen, Erfahrung und Vernunft. Schlagworte verdichten komplexe Sachverhalte zu handlungsleitenden Signalen; ihre emotionale Klangfarbe zählt mehr als präziser Inhalt. Illusionen wirken kurzfristig sehr stark, besonders wenn sie Hoffnungen oder Ängste bündeln. Erfahrung kann sie abschleifen, jedoch langsam und oft erst nach wiederholter Enttäuschung. Vernunft entfaltet Wirkung, wenn sie an anschauliche Beweise und praktische Erfolge gebunden ist. Repetition verankert Eindrücke, und soziale Ansteckung verbreitet sie über Netzwerke. So entstehen Meinungswellen, deren Stärke von symbolischer Einfachheit, Wiederholung und passender Gelegenheit abhängt.
Zentral ist die Rolle von Führern und Prestige. Le Bon unterscheidet charismatische Anführer, die durch Willenskraft und Überzeugungskraft dominieren, und solche, die aus Institutionen, Titeln oder Erfolgen Prestige beziehen. Überzeugung entsteht durch drei Hauptmittel: feste Behauptung, ständige Wiederholung und Ansteckung. Theatralische Mittel, klare Feindbilder und sichtbare Erfolge erhöhen Glaubwürdigkeit. Prestige schützt Ideen vor Kritik, bis Misserfolge oder konkurrierendes Prestige es schwächen. Zugleich begrenzt der Autor die Wandlungsfähigkeit von Massen: Tiefe Veränderungen setzen neue Bilder, neue Rituale und eine allmähliche Umlenkung der Gefühle voraus, die nur dann gelingt, wenn entfernte und unmittelbare Faktoren miteinander harmonieren.
Im dritten Buch ordnet Le Bon Massenformen. Er unterscheidet heterogene, anonyme Menschenmengen etwa auf Straßen, und nicht anonyme wie Geschworene, Wahlversammlungen oder Parlamente, in denen ähnliche Dynamiken auftreten. Daneben beschreibt er homogene Kollektive wie Sekten, Kasten und Klassen, die durch gemeinsame Überzeugungen oder Lebenslagen verbunden sind. An Beispielen skizziert er, wie Regeln, Rituale und Führungsstile unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen. Die Gesamtaussage lautet: Kollektives Handeln folgt spezifischen psychologischen Gesetzen, die sich aus Struktur, Symbolen, Führung und Kontext ergeben. Wer soziale Bewegungen verstehen oder steuern will, muss diese Mechanismen und ihre Grenzen kennen, statt Einzelmotive isoliert zu betrachten.
Historischer Kontext
Inhaltsverzeichnis
Gustave Le Bon verfasste Psychologie der Massen in der Dritten Französischen Republik, veröffentlicht 1895 in Paris, dem politischen und medialen Zentrum Frankreichs. Das Paris der 1890er Jahre war eine Metropole des fin de siècle, geprägt von rascher Urbanisierung, technischem Fortschritt, wachsender Presseöffentlichkeit und wiederkehrenden politischen Krisen. Der Kontext umfasst die Nachwirkungen des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, die Traumata der Pariser Kommune 1871 und die anhaltenden Debatten über Nation, Souveränität und Staatsordnung. In dieser Atmosphäre verdichteter Öffentlichkeit und massenhafter Mobilisierung beobachtete Le Bon Versammlungen, Demonstrationen und Wahlkämpfe und leitete daraus allgemeine Thesen über Affekte, Suggestion und Führung in Massen ab.
Le Bons Untersuchungen sind an den Ort Paris gebunden, mit seinen breiten Boulevards, Cafés, Clubs, Zeitungsredaktionen und Universitäten, die politische Meinungen formten und verbreiteten. Die Stadt bot durch Ausstellungen wie 1889 und durch die Dichte an Vereinen und Ligen ein Laboratorium moderner Massen. Frankreich erlebte zugleich eine Ausweitung des Wahlrechts und die Verfestigung parlamentarischer Institutionen, begleitet von Skandalen und populistischen Bewegungen. Die gesellschaftliche Spannung zwischen republikanischem Universalismus und sozialer Spaltung war sichtbar in Arbeiterstreiks, nationalistischen Kundgebungen und antiklerikalen Kampagnen. Diese Konstellation aus Ort, Zeit und Medien prägte die Beobachtungslage Le Bons und verlieh seinem Werk unmittelbare Zeitgenossenschaft.
Die Französische Revolution von 1789 markiert den Beginn moderner Massenpolitik. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände in Versailles zusammen, am 20. Juni folgte der Ballhausschwur, und am 14. Juli der Sturm auf die Bastille. Zwischen Juli und August 1789 erfasste die Große Furcht das Land. Diese Episoden demonstrierten die Fähigkeit plötzlich mobilisierter Gruppen, Institutionen zu erschüttern und Symbole der Macht zu stürzen. Le Bon nutzt die Revolution als historisches Exempel, um zu zeigen, wie Mythen, Symbole und gemeinsame Vorstellungen Kollektive steuern und individuelle Urteile im Moment der Erregung in den Hintergrund treten lassen.
Die Radikalisierung 1792–1793 vertiefte das Muster revolutionärer Massendynamik. Am 10. August 1792 wurde die Monarchie faktisch gestürzt, im September 1792 kam es zu den Septembermassakern in Paris, und die Republik wurde proklamiert. Die Sansculotten prägten mit Sektionen und Straßendemonstrationen die Politik. Le Bon verweist auf solche Ereignisse, um zu illustrieren, wie emotionale Ansteckung, Führergestalten und ritualisierte Praktiken die Agenda dominieren. Die Verbindung von nationaler Bedrohung, urbaner Verdichtung und einer neuen politischen Kultur formte das Arsenal der Parolen und Bilder, das in späteren Krisenzeiten erneut abrufbar blieb.
Die jakobinische Terrorherrschaft 1793–1794, mit dem Wohlfahrtsausschuss und der systematischen Anwendung von Ausnahmegesetzen, kulminierte in einer Politik der Angst. Der Erlass des Gesetzes über die Verdächtigen im September 1793 und die Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 (9. Thermidor) markieren Wendepunkte. Für Le Bon ist die Schreckensherrschaft ein paradigmatischer Fall, in dem ideologische Gewissheit, starkes Führungsnarrativ und ein homogenisiertes Feindbild die Masse formieren. Er deutet daraus die Neigung kollektiver Gebilde, unter Druck autoritäre Simplifikationen zu bevorzugen, ein Motiv, das er auf spätere Bewegungen überträgt.
Die Pariser Kommune 1871 entstand im Kontext der Kapitulation gegenüber Preußen und des Pariser Belagerungstraumas. Am 18. März 1871 verweigerten Nationalgardisten die Räumung von Kanonen; der Kommunerat etablierte Reformen wie die Abschaffung des stehenden Heeres und arbeiterfreundliche Maßnahmen. Die Kommune war zugleich ein urbanes Phänomen, getragen von Nachbarschaftsnetzwerken und Clubs. Für Le Bon ist sie ein Beispiel, wie in Ausnahmesituationen lokale Identitäten, symbolische Besetzungen und improvisierte Autorität Massen handeln lassen. Sie bestätigt ihm die Rolle der Stadt als Resonanzraum kollektiver Affektlagen.
Die Semaine sanglante, die Blutwoche vom 21. bis 28. Mai 1871, endete mit der militärischen Niederschlagung der Kommune und Tausenden Toten. Die Erinnerung daran prägte in der Dritten Republik ein bürgerliches Misstrauen gegenüber der Straße und eine republikanische Ordnungspolitik, die zugleich Versammlungsrechte regulierte und nutzte. Le Bons Analysen lesen sich vor diesem Hintergrund als Warnung vor abrupten Übergängen von politischer Mobilisierung zu kollektiver Gewalt. Er interpretiert die Kommune weniger über Programme als über die Dynamik der Menge, die unter Druck einfache Handlungsparolen akzeptiert und gegen institutionelle Stabilität prallt.
Der Boulangismus 1886–1889, getragen von General Georges Boulanger als Kriegsminister (1886) und Symbol des Revanchismus, formierte eine plebiszitäre Bewegung. Massenkundgebungen in Paris und Provinzen, getragen von der Ligue des Patriotes (gegründet 1882 von Paul Déroulède), verbanden Nationalismus, Antiparlamentarismus und soziale Unzufriedenheit. Le Bon beobachtete, wie charismatische Figuren Emotionen bündeln, Zeichen setzen und vereinfachte Lösungen präsentieren. Der Boulangismus demonstrierte medienwirksam die Macht synchronisierter Rituale – Marsch, Lied, Emblem –, die nach Le Bon Suggestibilität und Imitation in großen Gruppen aktivieren.
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