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Frau Schebesta räumt die Welt auf: Roman
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Frau Schebesta räumt die Welt auf: Roman
eBook164 Seiten1 Stunde

Frau Schebesta räumt die Welt auf: Roman

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Über dieses E-Book

Wenn Artjom mit den anderen Jungs ,tolle Bienen' zündet, dann schaut Lou, dass sie nach Hause kommt; zu ihrem Vater, der für ein Bestattungsinstitut arbeitet, und Oma Gitte, die meistens am Fenster ihrer Wohnung sitzt. Eines Tages kommt Frau Schebesta in die Schule und erzählt von ihrem Job. Sie ist Bombenentschärferin. In Kiel und den umliegenden Dörfern, einst wichtige Einflugschneise der Bomber im Zweiten Weltkrieg, hat sie immer noch reichlich Arbeit, die sie just Lou und Artjom zeigen will. Oma Gitte findet ein Praktikum beim Kampfmittelräumdienst gefährlich, ist sie doch von ihren Kriegserlebnissen noch traumatisiert. Doch die Neugierde der Jugendlichen ist, wen wundert's, entfacht, und schon sitzen sie im Panzerfahrzeug neben Frau Schebesta. Tatsächlich muss bald eine Weltkriegsbombe entschärft werden, und am Ende ist nichts mehr so, wie es war ...

Den Schauplatz im Norden Deutschlands und die jugendliche Erzählstimme teilt sich Malte Borsdorfs viel gelobtes Debüt" Flutgebiet" mit seinem neuen Roman, der sich vermeintlich leichtfüßig mit Schwerwiegendem befasst: den Altlasten des Krieges. Ein bewegendes und gerade wieder sehr aktuelles Buch!
SpracheDeutsch
HerausgeberMüry Salzmann
Erscheinungsdatum5. Mai 2025
ISBN9783990142820
Frau Schebesta räumt die Welt auf: Roman

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    Buchvorschau

    Frau Schebesta räumt die Welt auf - Malte Borsdorf

    1.

    Das Licht beschreibt Pirouetten. Auf dem Boden tanzt es, wechselt die Farbe vom Gelb ins Rot, vom Blau ins Grün. Die Jungs springen zur Seite, wenn es sich auf sie zu bewegt.

    Dann erlischt es.

    „Lou, ruft mir Artjom hinterher. „Ich will dich was fragen.

    Er hält mich an der Schulter zurück und zeigt mir ein Paket.

    „Auch eine tolle Biene?", fragt er.

    Ich schüttle den Kopf.

    „Aber die hier, das sind nicht nur einfache Böller. Die tanzen über den Boden und wechseln die Farbe", sagt Artjom.

    Er reißt die Verpackung auf. Die anderen Jungs kommen näher. Sie haben die Kapuzen ihrer Hoodies über den Kopf gezogen. Wie Gangsterrapper. Dass sie hier sind, ist mir unangenehm. Am liebsten wäre ich mit Artjom allein. Wie früher.

    Wir haben immer miteinander gespielt. Hier im Hof. In der Sandkiste, auf der Rutsche, der Schaukel. Diese Zeit ist weit weg, wie aus einem anderen Leben.

    Wenn ich mir Artjom so anschaue, erkenne ich in ihm kaum noch Tjomka, den Freund, den ich mal hatte. Er tut genauso cool wie die anderen Jungs.

    Vorsichtig holt Artjom eine der tollen Bienen hervor. Er legt sie auf die Erde, geht in die Knie und schaut mich an. Bei dieser Windstärke ist es nicht leicht, eine ­Flamme zu erzeugen. Doch dann tanzt sie dünn auf dem Feuerzeug. Langsam führt sie Artjom zur Lunte. Als sie Feuer fängt, springt er zurück. Die Jungs tun es ihm gleich. Dann wirbelt die tolle Biene über den Boden, die Jungs rennen auf sie zu und gleich wieder weg.

    Nur ich bleibe stehen, schaue mir ihre Bewegungen an und die wechselnden Farben.

    „Lou ist total krass", sagt ein Junge namens Janko.

    Er kramt etwas hervor. Chinaböller. Ich erkenne sie sofort.

    „Das sind die richtig dicken Dinger, sagt Janko. „Was sagst du dazu?

    Die Jungs lachen. Er hält den Chinaböller zwischen seine Beine. „Na, willst du deine Flamme mal an meine Zündschnur halten?" Artjom schiebt sich zwischen uns.

    „Lass mal", sagt er.

    Und ich mache, dass ich hier wegkomme.

    Ich hänge den Mantel auf, hinten an der Garderobe, und stelle die Schuhe darunter. Sie haben einen festen Platz. Wie die Sachen in meinem Zimmer, die Kulturtasche im Bad und das Geschirr, von dem ich esse, in der Küche.

    „Inseln im Chaos", nennt Gitte das. Meine Oma, bei der wir wohnen. Eigentlich ist sie meine Uroma. Nur, dass das kaum jemand weiß. Seit Mutter weg ist, sind wir bei ihr. Dass ich ohne Mama bin, darüber bin ich nicht traurig. Na gut, manchmal schon. Aber nur ein bisschen. Nur, weil Trotzki trübsinnig ist.

    Trotzki ist mein Vater. So nenne ich ihn. Er ist oft still und brütet vor sich hin. Es gibt verschiedene Hin­weise auf seine jeweilige Laune. Auf seiner riesigen Stirn zeichnen sie sich ab wie auf einem Whiteboard. Wütender Trotz, wenn er sie runzelt. Müder Trotz, wenn er den Kopf hängen lässt, und trauriger Trotz, wenn er den Kopf hängen lässt und vor sich hinmurmelt.

    Er arbeitet fast immer. In dunkelgrauem Anzug und weißem Hemd schlürft er bereits frühmorgens seinen Kaffee am Küchentisch. Die hellen Handschuhe und die Ansteckkrawatte liegen in einer grauen Mütze neben ihm. Bevor er losgeht, bleibt er noch kurz beim Garderobenspiegel stehen und kämmt sein zottiges Haar.

    „Lou?, sagt er. Und sieht mich durch den Spiegel an. „Ich muss schon los. Er lächelt leicht.

    Mein Lächeln drücke ich weg.

    „Ich versuche heute früher zu kommen", sagt er, zieht seine Handschuhe an und setzt die Mütze auf.

    Ich winke. Er winkt zurück.

    Wenn er abends nach Hause kommt, legt er Handschuhe und Krawatte ab, und ich lege sie sorgfältig zusammen. Hänge das Jackett auf den Bügel. Er belächelt das, aber es hilft ihm klarzukommen. Denke ich. Hoffe ich.

    2.

    Meistens sitzt Gitte am Fenster und schaut hinaus. Auf den Hof, die Mülltonnen. Sie flüstert vor sich hin, ein Singsang, den ich nicht verstehe.

    „Artjom treibt sich mit komischen Jungs rum", sagt sie, als ich ins Wohnzimmer komme.

    Aufmerksam und etwas abschätzend sieht sie mich an.

    „Du hast ausgesehen wie eine Prinzessin, sagt Gitte. „Wie du zwischen diesem Leuchtfeuer standst.

    „Ich bin keine Prinzessin."

    „Das habe ich auch nicht gesagt", erwidert Gitte. Auf ihrer Stirn zeichnen sich Schweißperlen ab. Jedes Jahr ist das so. Wenn es Herbst wird, sitzt sie an der zu warmen Heizung am Fenster und schwitzt.

    Manchmal gehe ich mit ihr raus. Wir spazieren durch unser Dorf, das wie ein Anbau an Kiel klebt und das doch immer ein Dorf sein wird.

    Gitte geht langsam und erzählt von früher. Dass hier ­alles aus Feldern bestand, wo jetzt Häuser sind und Straßen, und dass sie hier mit dem Fahrrad fuhr.

    Seit sie denken kann, wohnt Gitte hier. Und soweit sie sich zurückerinnern kann, sitzt sie am Fenster und schaut in die Welt. Sagt sie. Gut, zwischendurch ist sie erwachsen geworden, hat gearbeitet, einen Mann gehabt, ein Kind bekommen. Also kann das nicht ganz stimmen.

    Sie macht alles Mögliche, das zum Leben dazugehört. Sie kocht, räumt auf, putzt, schläft. Sie kauft ein. Aber so oft es geht, ist sie am Fenster. Und ich sitze bei ihr. Sie sagt, ich sei ihr Ein und Alles. Manchmal denke ich, dass das sogar stimmt.

    Früher kannte sie hier alle Nachbarn. Sie haben ihr zugewunken, wenn sie vorbeikamen. Mit manchen hat sie sich unterhalten. Laut rufend am offenen Fenster. Für Gitte muss es gewesen sein wie Fernsehen. Mit den Jahren sind viele gestorben. Auf die Begräbnisse nahm sie mich mit. Am Anfang zog sie mich hinter sich her. Dann ging sie an meiner Hand. Später ging sie am Stock, ­hakte sich bei mir unter, und seit ein paar Monaten hat sie den Rollator vor sich.

    Für mich waren die Beerdigungen etwas Besonderes, weil Gitte mir von den Verstorbenen erzählte und weil ich Trotzki sehen konnte. Wie er den Kopf hängen ließ und mit seinen Kollegen den Sarg zum Grab trug oder die Urne.

    Mit der Zeit sind die Begräbnisse seltener geworden, waren fast alle um sie herum tot. Manchmal denke ich, dass sie die nächste ist.

    Ich sehe sie vor dem Fenster sitzen. Ihr faltiges Gesicht hat etwas Zeitloses. Wie Origami. Japaner nennen es so, wenn sie Papier zu ästhetischen Gebilden falten. So sieht das Gesicht meiner Oma aus. Fein gefaltet vom Leben.

    Ich hoffe, dass sie noch ein paar Jahre schafft. Wenigstens bis ich mit der Schule fertig bin und mir etwas Eigenes suchen kann.

    Das wären vier Jahre. Mindestens eins, zwei, drei oder was weiß ich wie viele. Falls ich früher von der Schule gehe oder einmal sitzen bleibe. In ihrem Leben ist das nicht lang, denke ich mir. Sie war ja schon alt, als ich geboren wurde. Andererseits sagt Trotzki, dass man jeden Moment seinen Abschied haben kann. Er muss es wissen. Er holt die Menschen dann aus ihren Wohnungen oder von sonst wo.

    Eine Zeitlang dachte ich, das könnte mir auch jederzeit passieren. Aber Gitte sagt, dass es jungen Leuten nicht passiert.

    Im Grunde kann es sie bald erwischen. Sie setzt sich ans Fenster und steht nicht mehr auf. Obwohl sie jahrzehntelang lang immer wieder aufgestanden ist, bleibt sie dieses eine Mal einfach sitzen. Oder sie legt sich schlafen und bleibt liegen. Oder muss ins Krankenhaus. Die meisten erwischt es dort. Deswegen gehen alte Leute nicht gern da hin. Hat mir Gitte gesagt. Mindestens fünf ihrer Freundinnen sind dort gestorben.

    Dann sagt sie, dass sie froh ist, dass sie uns hat. Wir machen zwar Arbeit, Torsten und ich, aber immerhin ist sie dann nicht so allein. Torsten ist mein Vater. So nennt sie ihn. Ich nenne ihn Trotzki.

    Vom Fenster aus sieht sie die Leute zur Arbeit, die Kinder zur Schule hetzen. Sie sieht mich und winkt mir zu wie eine Winkekatze in einem Asialaden. Stellt Vermutungen an, wer bei Lidl, Penny, Aldi, bei Tedi oder Fressnapf arbeitet? Wer bei den Kieler Stadtwerken, in der Kita oder in der Schule? Sie rätselt, wer bei der Telekom ist oder zur Großbäckerei radelt.

    Über das Leben der Leute weiß sie fast nichts mehr, nicht mehr, wer mit wem verwandt ist oder Kinder hat. Wie viele Kinder und wie alt sie sind. Sie weiß kaum noch was über die Krankheiten der Leute. Und, was sie sich wünschen oder erhoffen, weiß sie schon gar nicht.

    Manchmal winkt sie ihnen dennoch zu. Manchmal winkt jemand zurück. Ich winke. Frau Schebesta winkt, wenn sie Oma sieht. Und Paul wedelt. Er folgt Frau Schebesta auf Schritt und Tritt. Dann und wann durfte ich den Hund streicheln. Sein dichtes, schwarzes, glattes Fell. Er hat seinen Kopf an meine Brust gelegt und einen Popel an mir abgeschmiert. Ich fand das eklig, aber ich mochte seinen Geruch nach altem Teppich.

    „Frau Schebesta ist gut, sagt Oma Gitte. „Sie macht die Welt etwas besser.

    Meine Oma weiß nicht genau wie, aber Frau Schebesta räumt die Welt auf. Sagt sie. Sie sucht nach Bomben. Überall. Nach Bomben und Patronen. Aus den Kriegen. Sie liegen in der Erde, sagt sie.

    Hier in Flint hat sie nie Bomben gefunden. Keine ­Patronen und auch sonst nichts. Aber in Kleinflint hat sie viel gefunden. Kleinflint liegt näher an Kiel, und weil sie nach Kiel wollten, haben die

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