Stadtwildnis
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Über dieses E-Book
Simones Urlaub wird zur Story.
Eine Story wie keine zuvor –
die ihr eigenes Leben bedroht.
Schlafen, lesen, flanieren – so stellt sich die Investigativ-Journalistin Simone Roux ihren Camping-Urlaub in einer Kleinstadt der Auvergne vor.
Und sie teilt das Leben anderer Gäste auf dem Campingplatz. Da ist der Drahtbürsten-Hund mit seinem Frauchen. Die glückliche Familie mit ihren drei Kindern, die regelmäßig die üppige Natur am Fluss gegen die Enge ihrer Stadtwohunng tauschen. Das wetterfühlige Geschwisterpaar, das versucht, Simone zu adoptieren.
Dann wird eines der Kinder umgebracht – und zum ersten Mal in ihrem Berufsleben ist Simone nicht nur Reporterin, sondern auch »Hinterbliebene«; wie die Eltern, wie die Geschwister des Kindes. Doch ihr eigener Kummer macht sie stur: Sie kann zur Aufklärung beitragen, denn als Journalistin hat sie gelernt, andere Fragen zu stellen als die Detektive.
Und dann ist da der Polizist André Carpentier. Bald zeigt er mehr als bloße Anerkennung für Simone und ihre Arbeit. Aber will sie das überhaupt?
»Stadtwildnis« ist ein Kriminalroman, der eine leise Geschichte von Trauer und Kraft erzählt. Begleitet Simone durch diese »Stadtwildnis«.
Annemarie Nikolaus
German free-lance journalist and author. Gebürtige Hessin, hat zwanzig Jahre in Norditalien gelebt. Seit 2010 wohnt sie mit ihrer Tochter in Frankreich. Sie schreibt Fiction und Non-Fiction, in der Regel in deutscher Sprache. Mittlerweile sind einige ihrer Werke in mehrere Sprachen übersetzt worden. Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem Newsletter: http://eepurl.com/TWEoT Sie hat Psychologie, Publizistik, Politik und Geschichte studiert und war u.a. als Psychotherapeutin, Politikberaterin, Journalistin, Lektorin und Übersetzerin tätig. Ende 2000 hat sie mit dem literarischen Schreiben begonnen. Seit der Veröffentlichung der ersten Kurzgeschichten schreibt sie Romane, mit besonderer Vorliebe Fantasy und historische Romane. .
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Buchvorschau
Stadtwildnis - Annemarie Nikolaus
Annemarie Nikolaus
Stadtwildnis
Die Reporterin
Copyright © 2025 Annemarie Nikolaus
Annemarie Nikolaus
Stadtwildnis
Die Reporterin
Copyright © 2025 Annemarie Nikolaus
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Inhalt
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Über die Autorin
1
Simone Roux verließ die Nationalstraße und gleich darauf tauchten am Horizont die Doppeltürme der zwei großen Kirchen von Moulins auf; das eine Turmpaar hell, das andere dunkel. Sie waren noch immer die höchsten Gebäude dieser Kleinstadt in der Auvergne. Kleinstadt – und einer der größten Orte im Departement Allier: In einer Gegend, in der es mehr Vierbeiner als Zweibeiner gab, konnte man keine wirklichen Städte erwarten.
Nach einem aufreibenden Jahr in der Redaktion des »Midi Libre« in Montpellier war es der perfekte Ort für einen perfekten Urlaub: lesen, schlafen und flanieren.
Eine Viertelstunde später folgte Simone den Schildern zu einem Campingplatz am Ufer des Allier. Er lag in Sichtweite der Brücke, die ins Zentrum von Moulins führte, und war doch ein abgelegenes Idyll unter hohen Bäumen. Mehrere gut ausgestattete Grillplätze luden zu Geselligkeit. Allerdings gab es so früh im Jahr nur wenige mutige Camper. Lediglich zwei Wohnwagen und ein großes Hauszelt standen auf dem Platz.
Simone registrierte sich am Eingang und rollte dann nahezu lautlos den Kiesweg entlang. Der erste Wohnwagen wirkte mit seinen geschlossenen Fensterläden, als sei noch Winterpause. Vor dem zweiten Wohnwagen kläffte sie ein angeleinter Hund an, der wie eine Kreuzung aus einer Drahtbürste und einem Mops aussah. Neben dem Hauszelt hing Kinderkleidung auf einer Wäscheleine. Mindestens zwei Mädchen gab es in der Familie, denn die Röckchen, die zwischen Jeans, T-Shirts und Schlafanzügen hingen, waren unterschiedlich groß.
Sie war doch nicht verrückt, dass sie Ende April zum Zelten fuhr: Sogar Leute mit kleinen Kindern taten das.
Das Zelt schwankte und beulte sich an einer Seite aus. Dann rollte sich ein Junge unter dem Rand des Zelts ins Freie und rannte quer über den Rasen. Er hinterließ eine flatternde Zeltbahn, weil er bei seiner Aktion die Heringe herausgerissen hatte.
»Jonathan!« Eine blonde Frau riss den Reißverschluss der Tür auf. »Jonathan, ich krieg dich!«
Der Junge stoppte abrupt am Kiesweg, direkt neben Simones langsam rollenden Auto. Seine Augen weiteten sich vor Schreck.
Sie hielt an und sprang heraus. »Hast du dir etwas getan?«
Er steckte zwei Finger in den Mund und schüttelte den Kopf. »Nein, alles okay«, nuschelte er zwischen den Fingern hervor.
Der Junge ging zwei Schritte bis in die Deckung des Sanitärhäuschens.. »Sie verraten mich nicht, Mademoiselle, nein?«
Simone zögerte. Aber was sollte sie sich einmischen? Passieren konnte ihm hier auf dem Zeltplatz nichts. Sofern er nicht jemandem vors Auto lief. Doch diese Gefahr bestand nun auch nicht mehr.
»Jonathan!« In der Stimme der Frau schwang ein Lachen. »Wo bist du jetzt?«
Ihr Ruf tönte über den Platz und der Drahtbürsten-Hund begann wieder zu kläffen. Hoffentlich tat er das nur, wenn er allein war.
Simone grinste den Jungen an. »Du bist mir was schuldig.« Sie stieg wieder ins Auto.
Jonathan kreuzte die beiden Finger, die er eben im Mund gehabt hatte, und hielt sie hoch. So etwas wie »Pfadfinder-Ehrenwort« hieß das vermutlich.
Simone fuhr wieder an, im Rückspiegel den Jungen im Auge. Er drückte sich an die Wand und schlich bis zur Ecke des Häuschen. Dort blieb er stehen. Als die Frau wieder nach ihm rief, sprang er mit Indianergeheul aus seiner Deckung und warf sich hysterisch lachend ins Gras.
Amüsiert parkte Simone ihr Auto am entlegensten Ende des Platzes. Als Erstes holte sie ihren Klappstuhl aus dem Kofferraum und stellte ihn auf die Wiese. Sie öffnete die Kühlbox, nahm eine angefangene Flasche Bordeaux heraus und holte das Wasserglas, das sie auf der Mittelkonsole des Wagens stehen hatte.
Mit dem gefüllten Glas in der Hand setzte sie sich und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Im April wurde man angeblich schon braun: Die Kollegen sollten ihr den Urlaub ansehen, wenn sie in die Redaktion zurückkam. Zwar trieben ein paar Wolken am Himmel, deren Ambossform ihr mit einem Gewitter drohte. Aber dafür war es noch nicht windig genug.
Als sie halb ausgetrunken hatte, holte sie ihre Strickjacke aus dem Auto. Vier Uhr – sie sollte bald anfangen, ihr Zelt aufzubauen.
Sobald das Glas leer war.
Sie rückte den Klappstuhl ein Stück weiter, damit er wieder in der Sonne stand. Dreihundert Tage im Jahr hatte sie es eilig; jetzt war Urlaub. Mit geschlossenen Augen nippte sie weiter an ihrem Wein.
»Brauchen Sie Hilfe, Mademoiselle?«
Sie riss die Augen auf. »Was?«
Vor ihr stand ein dunkelblonder Mann in Shorts und ärmellosem T-Shirt, auf dem Arm ein Mädchen mit blonden Zöpfen. Er deutete zu ihrem Kofferraum. »Brauchen Sie Hilfe beim Zelt-aufbauen?« Das Mädchen wand sich in seinem Arm und er setzte es ab. »Ihre Tasche da sieht nicht so aus, als ob es nur ein Iglu wäre.«
»Ja, also ...« Es war ja nett gemeint, aber ein Zelt aufzubauen war wirklich keine Kunst. Mussten Männer immer denken, sie käme nicht allein zurecht?
Bevor sie sich für eine Antwort entschieden hatte, streckte er ihr seine Hand entgegen. »Ich bin Mathieu Prevôt. Und das ist Christine, unsere Jüngste.« Er langte nach dem Mädchen, das gerade davonstolpern wollte. »Bleib hier, Schatz. Maman wird sauer, wenn sie schon wieder waschen muss.« Waschen musste Maman allerdings auf jeden Fall. Auf dem T-Shirt prangte neben dem Kopf von Winnie Pooh unübersehbar ein großer brauner Fleck – Schokoladeneis vermutlich.
Simone nannte Mathieu ihren Namen. »Gehören Sie zu dem Hauszelt dort?«
Er nickte mit leuchtenden Augen und nahm Christine Huckepack. Offensichtlich ein glücklicher Mensch. Dann fragte er noch einmal, ob sie Hilfe zum Zelt-aufbauen bräuchte.
Simone winkte ab. Das Mädchen auf seinen Schultern war als Vorwand gerade recht; so brauchte er sich nicht abgewiesen zu fühlen. Ein beleidigter, muffliger Nachbar wäre lästig. Auch wenn der Platz groß war, man lief sich unweigerlich doch über den Weg.
»Oh, Christine ist kein Problem. Ich bin in zwei Minuten wieder hier.« Mathieu packte sie an den Beinchen und lief mit ihr Huckepack zurück zu seinem Zelt.
Simone trank hastig ihr Glas leer und stellte es wieder ins Auto. Dann packte sie in aller Eile die Zelttasche aus. Als sie das Außenzelt ausbreitete, hielt sie inne. Sie hatte doch Zeit! Was fiel ihr ein, dass sie das Zelt stehen haben wollte, bevor Mathieu zurückkam? Sie hatte hier niemandem etwas zu beweisen. Und wenn er den Hammer schwingen und Heringe einschlagen wollte, dann sollte er das nur tun.
Sie füllte ihr Glas wieder und trank es halb aus. Dann spannte sie mit vier Heringen den hinteren Teil des Zelts, bevor sie begann, die Glasfiberstangen einzufädeln.
Zwei Minuten? Sie grinste – es war mindestens schon eine Viertelstunde vergangen.
Sie hatte die drei Zeltstangen durch die Schlaufen gezogen, das Zelt aufgerichtet und schlug gerade den letzten Hering für das Außenzelt ein, als Mathieu wieder auftauchte.
»Sie sind ja schon fertig.« Er lächelte ein wenig verlegen. »Es tut mir leid. Kinder – na, Sie wissen schon, wie das ist.«
Nein, wusste sie nicht. Und ihre Zukunft sah auch nicht vor, es jemals herauszufinden.
Simone lächelte zurück. »Noch nicht ganz fertig. Aber diese neumodischen Zelte sind wirklich völlig simpel aufzubauen.« Sie zog die beiden Reißverschlüsse auf und rollte die Türbahn nach oben.
»Unseres ist bald zwanzig Jahre alt. Aber es übersteht jeden Sturm. Ich muss nur manchmal die Stangen wieder zurechtbiegen. Die sind aus Metall, wissen Sie. Eine Stange ist inzwischen sogar geschweißt; geht auch.« So stolz wie er klang, hatte er die vermutlich selber geschweißt. Er griff nach der zusammengefalteten braunen Folie. »Ich helfe Ihnen. Wie wird das befestigt?«
Mit seinem Eifer brachte er sie in die peinliche Lage, dass es ungezogen wäre, ihn zurückzuweisen. Und da er nicht einmal wusste, wie er mit dem Innenboden umgehen sollte, hielt er sie nun auf.
Simone unterdrückte einen Seufzer. »Der Boden ist nur für den vorderen Bereich. Breiten Sie ihn hier aus.« Sie zeigte ihm die Ösen, an denen die Folie befestigt wurde. »Ich bringe das Innenzelt.«
Sein überraschter Blick sagte ihr, dass er den Packen nicht einmal als Boden erkannt hatte. Er faltete ihn auseinander und kniete sich darauf, um ihn am Außenzelt zu befestigen. Das immerhin machte er richtig.
»Vielleicht sollten wir uns doch mal ein neues kaufen. Mit den Kindern ist es ein Drama, wenn es regnet. Die Mädchen haben noch jedes Mal eine ihrer Puppen auf der Erde liegen lassen, bevor sie schlafen gingen. Eine neue kaufen hilft nicht viel über den Kummer.« Er setzte sich auf den Zeltboden und zog die Knie an. »›Kinder tauscht man auch nicht aus‹, hat sich Maëva empört. Und dann das Hin und Her vom Schlafsack zum Frühstückstisch und zurück. Pfützen im Zelt und die Füße voller Schlamm.«
Das allerdings konnte sie sich gut vorstellen. Noch zwei Jahre zuvor hatte sie auch so ein Zelt gehabt. In einem Sturm an der Atlantikküste war es zusammengebrochen und dann war da nichts mehr zu retten gewesen. Sie hatte das schwere Ding guten Gewissens entsorgt.
Simone begann, das Innenzelt einzuhängen; Mathieu stand auf und half ihr. Dabei erzählte er, dass sie in Clermont-Ferrand in einem viel zu kleinen Appartement wohnten und deshalb von Frühling bis Spätsommer in den Ferien hier am Allier zum Zelten kamen, damit die Kinder mehr Freiheit hatten. »Unter uns wohnt ein Ehepaar, das viel Verständnis hat. Aber eine Zumutung ist es für die alten Leute doch.« Er seufzte.
Gleich würde er ihr erzählen, dass sie für ein eigenes Haus sparten und wie lange es noch dauerte, bis sie sich das leisten konnten. Was sollte sie dazu sagen?
»Mathieu?« Jonathans Mutter stand vor dem Zelt. »Sie sind also die Verschwörerin.«
Sie lachte über den ratlosen Blick ihres Mannes. Jonathan hatte ihr von seiner Begegnung mit Simone erzählt. Und offensichtlich munter ausgeschmückt.
»Ich bin Mireille. Aber so gut wie die singe ich nicht.« Sie streckte Simone die Hand entgegen.
So gut sang sie nicht? Ach so!
Simone grinste. »Kein Wunder, wenn Ihr Mann den anderen Teil des Namens für sich hat.« Witze über die Namen hatten die beiden bestimmt schon hunderttausend Mal gehört, aber sie lachten trotzdem.
Entgegen ihrer Erwartung holte Mireille ihren Mann keineswegs zum Essen. Stattdessen halfen sie ihr beide, die Luftmatratze aufzupumpen und das Zelt fertig einzurichten. Schließlich lud Mireille sie noch zum Abendessen ein.
Die beiden waren nett und sie hatte selber nur noch ein paar Reste von der Fahrt. Eltern, die ihren Kindern Freiheit zugestanden, maßregelten sie bestimmt nicht wegen ihrer Tischsitten. So gab es keinen Grund abzulehnen.
Nach einem Blick zum Himmel, der sich inzwischen bezogen hatte, nahm Simone ihre Regenjacke und folgte den beiden. Der Drahtbürsten-Hund kläffte wieder, als sie sich dem Wohnwagen näherten.
»Morgen hat er sich an Sie gewöhnt; dann bellt er nicht mehr.« Mireille drückte ihr ein Glas Weißwein in die Hand. »Das ist Maëva«, stellte sie ihr das zweite Mädchen vor, das wohl fünf oder sechs Jahre alt war.
Simone hockte sich vor sie hin. »Gehst du schon in die Schule?«
Maëva reckte sich. »Ich kann lesen und rechnen.« Also keine Schule; sie lernte zu Hause. Das passte zu dem Bild, das sie von den Eltern hatte.
Bevor sie weiterreden konnte, fasste Jonathan nach ihrem Arm. »Morgen zeige ich Ihnen mein bestes Geheimversteck. Wenn Sie wollen.«
Sie schmunzelte über seinen Eifer. »Dann ist es aber nicht mehr geheim.«
»Doch. Ich weiß, dass Sie es niemandem verraten werden. So wie heute Mittag.« Der Junge himmelte sie an; daran gab es keinen Zweifel.
»Oha!« Mathieu schob Jonathan auf einen Stuhl. »Sie haben eine Eroberung gemacht. Dieses Geheimnis teilt er nicht einmal mit Mireille.«
Sie knickste vor Jonathan. »Ihr adelt mich, edler Herr; und so werde ich Euer Geheimnis mit meinem Leben hüten.«
Jonathan krauste die Stirn und sah zu Mathieu hoch. »Was ist ›adeln‹, Papa?« Vermutlich war Jonathan mehr bei den Indianern zu Hause als im Mittelalter.
Der Tisch unter der großen Esche war mit Porzellan und Glas gedeckt. Angesichts von Mireilles Menü war schnell klar, warum sie Wert auf Stil legte: Das einzig Simple waren die Würstchen für die Kinder und das gegrillte Fleisch. Aber schon die drei Saucen hatte Mireille mit viel Aufwand selbst gemacht: Zum Entzücken der Kinder kamen sie in drei verschiedenen Farben: hellgrün, orangerot und cremeweiß. Es gab Krabbencocktail als Vorspeise und für die Kinder stattdessen Spaghetti mit Sauce Bolognaise. Zum Fleisch und den Würstchen servierte Mireille einen großen Topf Ratatouille aus allen Gemüsen, die dazugehörten, sowie gebackene Kartoffeln vom Grill. Für den Nachtisch hatte sie Törtchen mit frischen Erdbeeren und Bananenscheiben belegt und geschmolzene Schokolade darüber gegossen. Unter den Bedingungen des Campingplatzes musste sie den halben Tag mit der Zubereitung verbracht haben. Es war köstlich.
Jonathan half Christine beim Essen: Zuerst, indem er ihr das Würstchen klein schnitt; dann, indem er die Hälfte selber aß. Als Mathieu die Augenbrauen hochzog, zuckte er die Achseln. »Ich habe Christine gesagt, dass es nachher Schokoladentörtchen gibt. Die mag sie sowieso lieber als Wurst.«
Mireille verdrehte die Augen und brachte Christine ein zweites Würstchen. Christine stach die Gabel ins Würstchen, faltete die Hände vor der Brust und blickte zum Baum hoch. »Amen.«
Die Prevôts hatten erst nach Jonathans Geburt geheiratet. Bis dahin hatten sie eine Wochenend-Beziehung geführt, weil Mireille in Paris als Dozentin an der ENA – École nationale d’administration – arbeitete und Mathieu bei Airbus in Toulouse als Entwicklungsingenieur. Mathieu versuchte dann vergeblich, eine Stelle in Paris zu bekommen – die Arbeit für die Luftwaffe in Clermont-Ferrand war das Beste, was er fand, um näher bei seiner Familie zu sein. Und Clermont-Ferrand war es geblieben, nachdem Mireille ihre Stelle an der École nationale aufgegeben hatte.
Mireille bekam einen sehnsüchtigen Blick in ihre Augen, als Simone von ihrer Arbeit als Redakteurin im Politik-Ressort des »Midi Libre« erzählte. Sie vermisste ihre Lehrtätigkeit; Clermont-Ferrand konnte ihr nichts bieten. Ersatzweise hatte sie sich auf das kulturelle Leben der Stadt gestürzt und schrieb für mehrere Zeitungen darüber.
Nach dem Essen begleitete Mathieu die Kinder zum Sanitärhäuschen und sorgte dann dafür, dass sie in ihre Schlafsäcke krochen.
Mireille zündete währenddessen zwei Gaslampen an und öffnete eine weitere Flasche Rotwein.
»Unter den Sternen sitzen und Wein trinken stand auch auf der Liste meiner Urlaubsbeschäftigungen.« Simone hob ihre Hand zum Himmel. »Allerdings fehlen heute die Sterne.«
»Mir ist es recht, wenn es heute Nacht regnet.« Mireille zog sich einen warmen Pullover über, bevor sie sich wieder setzte. »Dann können wir darauf hoffen, dass morgen die Sonne scheint.«
»Was unternehmen Sie mit den Kindern, wenn es tagsüber regnet?«
»Moulins bietet einiges, wo die Kinder den Tag verbringen können. Und mit den Einkäufen verbrauchen wir auch eine Menge Zeit.« Mireille grinste. »Bis wir alles Spielzeug und alle Kleider in den Supermärkten durchgestöbert haben, ist der halbe Tag vorbei. Manchmal teilen wir uns, Mathieu und ich: Christine kann man nicht lange in ein Museum mitnehmen. Obwohl gerade Moulins auch ihr etwas zu bieten hat.«
»Das Museum für Film- und Theater-Kostüme.« Welches kleine Mädchen war nicht dafür zu begeistern, sich Prinzessinnen-Kleider anzuschauen?
Aus dem Zelt kam Mathieus Lachen. Eins der Mädchen kicherte; Jonathan schien zu protestieren. Gleich darauf erklang Mathieus Stimme wieder, nun im Tonfall eines Lesenden. Was für ein netter Mann: Er kümmerte sich um die Kinder, damit seine Frau ein wenig Mädchen-Zeit hatte. Mit drei Kindern und ihren abendlichen Kultur-Terminen hatte Mireille bestimmt nicht viel Zeit für sich selber.
Mireille fragte und Simone erzählte von ihrer Arbeit. Sie hatte einige Jahre aus dem Ausland berichtet, bevor sie die feste Stelle im Politik-Ressort des »Midi Libre« annahm. Dort, wo es um Macht ging, war Zeitung immer noch eine Männerwelt.
Mireille kannte die Mächtigen gewissermaßen von der anderen Seite, aus ihrer Zeit an der ENA. Zwei Männer – potentielle Kandidaten für die nächste Wahl –, die Simone vor kurzem interviewt hatte, waren vor Jahren Mireilles Studenten gewesen und sie hatte einiges über sie zu erzählen.
»Das hätte ich vorher wissen sollen.« Das Interview mit dem ambitionierten Mann vom PCF, über den Mireille eine derbe Anekdote erzählte, wäre für den zum Fegefeuer geworden.
Dieser Urlaub ließ sich ausgesprochen unterhaltsam an. Inzwischen war sie auch ein wenig betrunken. An diesem Abend konnte sie es sich erlauben; bis zu ihrem Bett waren es nur zehn Schritte.
Mathieus Stimme verklang. Gleich darauf kam er zu ihnen. »Habt ihr mir noch etwas übrig gelassen?« Er hielt die Flasche gegen das Licht einer Gaslampe. »Mireille, du hast unsere Nachbarin betrunken gemacht!«
»Nein, das meiste habe ich selber getrunken. Simone wird noch nach Hause finden.«
Mathieu schenkte den Rest in sein Glas. »Schlaftrunk!«
»Untersteh dich, mir jetzt schon einzuschlafen!« Mireille gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Das war das Signal, die beiden allein zu lassen. »Ich will nicht nur zurückfinden; ich will auch trocken ankommen.« In den letzten zehn Minuten war es deutlich windiger geworden.
»Oh ja, das wird heftig. Kommen Sie, wir helfen ihnen schnell, eine Regenrinne zu graben.« Mathieu sprang auf und holte einen Spaten aus dem Van. So wie er sich plötzlich benahm, schien tatsächlich Eile geboten.
Eine Regenrinne im Gras? Das konnte doch nicht erlaubt sein; deswegen hatte sie weder Schippe noch Spaten mitgenommen. Aber die Prevôts hatten tatsächlich eine Rinne hinter ihrem Zelt.
Mireille holte zwei Regenjacken. »Wir nehmen die Windlichter mit.« Sie reichte Simone eines.
Mathieu lief einmal um Simones Zelt herum, dann begann er, an der höher gelegenen Seite zu graben. »Haben Sie eine Schippe? Sie könnten den Zeltrand zuschaufeln.«
Weil Simone verneinte, holte Mireille ein Kinderschippchen. Und sie ließ nicht zu, dass Simone ihr die Schippe abnahm.
Während die beiden gruben, stand sie da: Sie hatte nichts, womit sie helfen konnte. Ratlos und von Minute zu Minute nervöser knetete sie ihre Hände.
Mathieu sah auf, nachdem er eine Seite abgegraben hatte. »Haben Sie noch mehr Heringe? Dann sichern Sie das Zelt mit den Schnüren.«
Sie hatte keine der Schnüre benutzt: Es gab nichts Nervigeres als in der Dunkelheit über einen unsichtbaren Hering oder eine Zeltschnur zu stolpern.
Aber Mathieu hatte recht. In einem Sturm brauchte sie die. Das Zelt bewegte sich schon jetzt unter den heftiger werdenden Böen. Sie holte ihren Gummihammer und die restlichen Heringe aus dem Auto und begann abzuspannen.
Zehn Minuten später platschte der erste fette Tropfen auf die Hand, mit der sie den Hammer schwang. Die Hälfte der Schnüre hatte sie gespannt.
Sie richtete sich auf und blickte ganz überflüssigerweise zum Himmel. Der nächste Regentropfen traf ihre Nase; sie wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. »Das war’s dann wohl. Danke für die Hilfe. Jetzt müssen Sie schleunigst zurück, damit Sie nicht Wasser in Ihr Zelt tragen.«
Mathieu zog seine Kapuze hoch. »Kein Problem, Simone. Schlafen Sie trotz des Gepladders gut.« Er griff nach Mireilles Hand.
Simone zog einen Reißverschluss auf. »Ich liebe es, wenn der Regen aufs Zelt trommelt.« Sie nutzte den Moment, den die beiden noch mit ihren Lampen in Sichtweite waren, um ihre eigene Gaslampe anzuzünden. Dann zog sie schnell den Reißverschluss zu und ließ sich neben der Kühlbox auf den Stuhl fallen.
Urlaub! Sie holte eine verknautschte halbe Tafel Schokolade aus der Box; im Urlaub konnte sie ununterbrochen essen.
Gleich darauf veranstaltete der Regen einen Trommelwirbel auf dem Zeltdach. Simone schloss die Augen, knabberte an der Schokolade und lauschte dieser Musik.
Später schlüpfte sie in ihren Schlafsack und las im Schein der elektrischen Zeltlampe, bis die Batterie zu schwach wurde.
2
Als Simone erwachte, war es noch nicht richtig hell, aber die Vögel zwitscherten schon. Wenn es für die Spatzen trocken genug war, um den Tag zu beginnen, konnte sie auch aus ihrem Nest kriechen.
Sie zog den Reißverschluss des Schlafsacks auf – und schloss ihn sofort wieder. Es war entschieden zu kalt zum Aufstehen; sie griff nach ihrem Lesegerät. Wenn sie diesen Krimi fertig gelesen hatte, war es immer noch früh genug für den Tag.
Drei Kapitel später wachte der Drahtbürsten-Hund auf und kläffte wie ein Irrsinniger. Laut Mireille hieß das, es war ein weiterer Gast auf dem Campingplatz angekommen. Oder mehrere. Aber dass niemand den Hund zum Schweigen brachte, hieß wohl, er war ganz allein. Armes Kerlchen.
Bald darauf ging es am Sanitärhäuschen geschäftig zu. Der Hund hatte sicherlich jeden auf dem Platz geweckt. Mathieus Stimme war unverkennbar und auch der helle Klang von Maëvas Lachen.
Simone machte den nächsten Temperaturtest: Immer noch nicht viel wärmer. Nach dem Unwetter war es auch kein Wunder. Aber wenn sie nicht bis mittags warten wollte, konnte sie geradeso gut sofort aufstehen.
Noch im Schlafsack schlüpfte sie mit einigen Verrenkungen in die Socken und die Jeans. Dann zog sie schnell ihren warmen Pullover über und verließ das Innenzelt. In der Thermoskanne gab es noch einen Rest kalten Kaffee, den sie schaudernd trank. Danach suchte sie ihre Sachen für die Dusche zusammen.
Es waren tatsächlich neue Gäste angekommen. Gleich hinter dem Eingang parkte ein Campingwagen in einem Design des letzten Jahrhunderts und auf der Wiese gegenüber davon bauten zwei junge Männer ein Zelt auf. Zu schade, dass der Weg zur Dusche sie nicht in deren Nähe brachte, um diese Leute kennenzulernen.
An einem der Waschbecken stand Jonathan und half Christine beim Zähneputzen. Und das als Junge – beeindruckend.
»Nach dem Frühstück zeige ich Ihnen mein Versteck.« Auf die Idee, dass sie vielleicht keine Zeit hatte, schien er nicht zu kommen.
Eigentlich wollte sie als Erstes einkaufen fahren. Aber angesichts seiner enthusiastisch blitzenden Augen sagte sie zu.
Christine schob Jonathans Hand mit der Zahnbürste beiseite. »Ich komme mit!«
Er verdrehte die Augen. »Es ist geheim.«
»Aber ich verrate es doch niemandem.« Sie verzog ihr Gesicht, als plane sie einen Tränensturm.
»Das glaube ich dir.« Mit gerunzelter Stirn biss Jonathan sich auf einen Knöchel. »Aber wenn ich dich heute mitnehme, will Maëva auch mit. Wenn wir beide zusammen mit Simone weggehen, weiß sie, was wir vorhaben.«
Christines Gesicht verkrumpelte sich für einen Augenblick noch mehr, aber dann nickte sie. »Ich bin fertig.« Sie nahm die Zahnpastatube und rannte zum Zelt zurück.
»Das war knapp.« Jonathan blickte ein wenig ratlos auf die Zahnbürste in seiner Hand. »Wie lange brauchen Sie zum Frühstück?«
»Ich habe noch nicht einmal geduscht.« Nun begann Jonathans Gesicht zu krumpeln. »Ich komme zu euch, sobald ich fertig bin.« Sie hob zwei Finger und überkreuzte sie, wie sie es von ihm gesehen hatte.
»Okay.« Er schoss davon wie der Blitz.
Außer einem Stück Baguette mit Schinken hatte Simone gar nichts mehr, was sie frühstücken konnte. So begnügte sie sich damit, die Gummi-Baguette mit neuem Kaffee aufzubessern. Während sie das nächste Kapitel las, trank sie die Thermoskanne halb aus. Dann riss sie sich von dem Buch los und ging zu den Prevôts.
Jonathan lief vor dem Zelt auf und ab, während Christine darum bettelte, dass er ihre Puppe in einem Lastwagen durch die Gegend fuhr. Als Simone kam, leuchtete sein Gesicht auf. Dann griff er nach der Schnur am Lastwagen. Nun, da Simone gekommen war, hatte er offensichtlich Nerven genug, um mit seiner kleinen Schwester zu spielen.
Mathieu begrüßte Simone mit einem Augenzwinkern. »Jonathan hat noch keine Ahnung, was er sich damit eingebrockt hat, dass er mit Ihnen alleine weg will.«
Jonathan schien ihn nicht gehört zu haben, aber Maëva. »Er nimmt uns morgen mit. Hat Christine gesagt.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und blickte sie herausfordernd an, als erwarte sie Widerspruch.
Offensichtlich hatte Christine ihren Mund nicht halten können. Schöne Aussichten für Jonathans großes Geheimnis.
Mireille kam aus dem Zelt, ein Geschirrhandtuch über der Schulter und eine Waschschüssel voll schmutzigem Geschirr in den Händen. »Sie kommen genau richtig, Simone. Jetzt komme ich gegen Jonathans Ausreden nicht mehr an.«
Simone öffnete den Mund, um zu sagen, dass sie warten konnte, bis sie fertig waren. Da sah sie das Grinsen in Mathieus Gesicht: Mireille hatte gar nicht die Absicht gehabt, Jonathan zum Abwaschen zu kommandieren.
Sie griff nach Jonathans Arm. »Machen wir uns auf den Weg?«
»Oh ja.« Für einen Augenblick wirkte er verwirrt; er schien völlig im Spiel mit Christine aufgegangen zu sein. So ein großer Bruder war der Traum jeden Kindes.
»Dort entlang.« Ans hintere Ende des Campingplatzes, an ihrem Zelt vorbei. Wohin auch sonst? Ein paar hundert Meter in die andere Richtung lag schon die Brücke, die in die Innenstadt von Moulins führte. Dahinter musste man vermutlich länger laufen, um unberührte Uferzonen zu finden.
Es gab keinen richtigen Pfad, um hinter ihrem Zelt den Platz zu verlassen, aber in der Hecke waren die Büsche an einer Stelle halb verkümmert. Dort zwängten sie sich durch. Sie hätten auch den offiziellen, gepflasterten Pfad zum Ufer nehmen können, aber das war für einen zehnjährigen Jungen natürlich viel zu bieder.
Hinter der Hecke kam ein schmaler, dürftig bewachsener Streifen Erde. Eine dünne Spur zeigte an, dass er regelmäßig als Trampelpfad benutzt wurde. Wahrscheinlich stammte er von Katzen, die hier auf die Jagd gingen.
Jonathan lotste Simone nur ein paar Schritte Richtung Ufer, dann blieb er stehen und legte einen Finger auf seinen Mund. Als sie nickte, zeigte er auf einen Baum. Dort saßen zwei Vögel an einem Nest, der eine bunt gefiedert. Erstaunlich, dass sie ganz still waren. Gab es Vögel, die auf diese Weise vermeiden wollten, dass ihr Nest entdeckt wurde? Sie wusste nicht einmal, was für Vögel das waren.
Jonathan winkte sie weiter.
Nach ein paar Schritten flüsterte sie ihm ihre Frage zu.
»Papa sagt, es seien Dompfaffen.« Er zuckte die Achseln, als sei er nicht sicher, ob Mathieu sich wirklich auskannte.
Kurz darauf zeigte er ihr am Rand eines Schilffelds das Nest eines Bodenbrüters, in dem drei gesprenkelte Eier lagen. »Wenn ich groß bin, werde ich Orni... Vogelkundler.«
Er machte drei Vogelstimmen nach und lachte erst über ihre ratlose Miene; dann verriet er ihr, welche Vögel er imitiert hatte. »Musiker ginge auch, wenn es mit der Vogelkunde nicht klappt. Maman spielt Querflöte. Die hört sich auch manchmal an wie singende Vögel.«
»Wenn du ein Instrument spielen willst, musst du wohl bald anfangen zu lernen.«
»Ich weiß.« Er zuckte wieder die Achseln; es war ihm wohl doch nicht so wichtig. Ein Berufsziel reichte in seinem Alter auch.
Dann standen sie direkt am Ufer und Jonathan zeigte auf die Enten, die er in den Tagen zuvor stundenlang beobachtet hatte. »Es ist so spannend! Haben Sie gesehen, wie der sich gerade was vom Grund geholt hat?« Er deutete auf einen großen Erpel mit geradezu majestätischem Gehabe. »Wie lange er den Kopf unter Wasser halten konnte? Manchmal habe ich gar keine Zeit, bis zu meinem Versteck zu kommen. Dann sitze ich hier und schaue, bis ich von drüben die Glocken höre und weiß, dass Maman mit dem Essen fertig ist. Aber nicht heute.« Er nahm sie an der Hand und führte sie weiter.
Jonathan war ein unglaublich aufgeweckter Junge und er zeigte ihr auf diesem Spaziergang Unzähliges, an dem sie alleine gedankenlos vorbeigegangen wäre. Nein, schlimmer – sie hätte es überhaupt nicht gesehen. Wenn sie diese Erkundung mit ihm ausgeschlagen hätte, hätte sie wirklich etwas versäumt.
Dann wurde der begehbare Pfad zwischen Allier und Gesträuch ganz schmal. Wenn der Fluss Hochwasser führte, war hier gewiss alles überschwemmt. Der Sand war weich und nachdem Simone zum zweiten Mal mit einem Fuß tief eingesackt war, zog sie ihre Schuhe aus. Der feuchte Sand war bitterkalt, aber da die Füße nun eh nass waren, machte es keinen Unterschied mehr. Sie würde sich eben noch einmal unter die heiße Dusche stellen.
Jonathan störte es nicht; er trug Gummistiefel. Jetzt wusste sie warum. Weil der Campingplatz Wiese war und nicht verschlammte, hatte sie keine eingepackt. Wahrscheinlich besaß sie ihre alten Gummistiefel nicht einmal mehr; sie hatte sie seit Ewigkeiten nicht gesehen.
Der Weg zu seinem Versteck war sehr viel weiter als sie erwartet hatte. Kein Wunder, dass er es geheim halten konnte. Nach einer Dreiviertelstunde führte er sie in eine Art Hain: Direkt am Allier gelegen, wurde er von riesigen Weiden gesäumt; mit ihren ins Wasser reichenden Ästen bildeten sie einen dichten Überhang.
Aber dies war nicht Jonathans »geheimstes« Versteck: Das wäre viel zu einfach für den gewitzten Jungen.
Danach wurde es immer abenteuerlicher. Zwischen Gestrüpp hindurch ging es hinunter in einen Graben, der wie ein trocken gefallenes Bachbett wirkte. Oder es war ein ehemaliger Abwassergraben, der inzwischen zugewachsen war.
Den ersten Teil des Grabens gingen sie durch scharfkantiges Schilf und Simone presste ihre Arme vor die Brust, um sich nicht zu schneiden. Jonathan war mit seiner Jeans-Jacke passender gekleidet als sie in ihrem empfindlichen Seidenhemd.
Er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen und beobachtete sie mit geneigtem Kopf und zusammengezogenen Augenbrauen.
»Du hast vergessen, mir die Kleiderordnung für unseren Ausflug zu diktieren.« Sie brach einen Schilfkolben ab. »Christine kannst du hier nicht herbringen. Unmöglich.«
Er feixte. »Ich habe nicht die Absicht. Es gibt genug, was ich ihr stattdessen als mein Versteck andrehen kann.« Er wies zurück zum Hain.
Als sie ihn erreichte, nahm er ihr den Schilfkolben aus der Hand. »Den können Sie nicht zum Campingplatz mitnehmen. Es wäre verräterisch.«
»Wieso verräterisch? Sind wir so nahe an deinem Versteck?« Jonathan blickte zur Seite. »Es gibt doch noch mehr Schilfinseln hier.«
Er zog die Schultern hoch und gab ihr den Kolben zurück. »Vielleicht ist es doch egal.«
»Wie weit ist es noch?«
»Nicht mehr weit.« Seine Stimmung hatte sich verändert; er klang plötzlich muffelig. Neben einem Baumstamm, der mitten im Graben lag, kletterte er die Böschung hoch.
Sie folgte ihm, legte die Hand auf seine Schulter und stoppte ihn. »Ich habe dich geärgert, nicht wahr?«
Er grunzte, aber wenigstens schüttelte er ihre Hand nicht ab.
»Da! Du weißt besser als ich, was es braucht, um dein Geheimnis zu wahren.« Sie hielt ihm den Schilfkolben hin. »Es tut mir leid. Aber du brauchst dich nicht gleich wie ein Macho zu benehmen.«
Und sie verhielt sich gerade wie eine Frau, die den Mann besänftigen will, weil sie sich für seine schlechte Laune verantwortlich fühlt. Wie blöd war das denn?
Jonathan griff nach ihrer Hand, nicht nach der Pflanze. »Hier herauf.« Er dirigierte sie zu einem Dickicht, das auf den ersten Blick aussah, als seien die Sträucher an die drei Meter hoch. In Wirklichkeit wuchsen sie auf einem kleinen Hügel und verbargen ihn.
Mit der freien Hand bog er Äste für sie beiseite und hielt sie fest, bis sie vorbei war, damit keiner zurückschnappte und ihr ins Gesicht schlug.
Mitten in diesem Dickicht gab es plötzlich eine freie Stelle, auf der nur ein paar Moose wuchsen. Zwei Schmetterlinge tanzten in den Sonnenstrahlen, die ihren Weg hierher fanden.
Jonathan ließ sich ins Moos fallen. War das hier sein Versteck? »Was
