Mizelina: Kinderbuch zum Thema Nachhaltigkeit
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Über dieses E-Book
Weibliche Vorbilder durch die Superheldin erschaffen.
Lina lebt zusammen mit ihrer Mutter und dem Hund Dana in der Großstadt. Für das Mädchen gibt es nichts Schöneres als mitten in der Natur zu sein und die bunten Käfer beim Krabbeln zu beobachten. In den Sommerferien fährt die kleine Familie in die Berge. Plötzlich ist Dana verschwunden. Lina macht sich im geheimnisvollen Zauberwald auf die Suche. Dort taucht sie in die Welt der Pflanzen, Tiere und Pilze ein, die alle miteinander verbunden sind. Ein großes Abenteuer beginnt, als Lina zur Botschafterin des Waldes auserkoren wird. Um die heimische Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bekommt das Mädchen vom Zauberwald Superkräfte verliehen.
Olga-Maria von Liebieg
Olga-Maria von Liebieg wuchs hinter dem Polarkreis, im äußersten Norden Russlands auf. Die schimmernden Polarlichter und die Kraft der unberührten Natur haben sie stark geprägt. Auch im Dschungel der Großstädte konnte sie sich die Verbindung zur wilden Natur bewahren. Die langjährigen Erfahrungen aus ihrem Engagement für Umwelt und Menschenrechte verdichten sich nun zu einem Kinderbuch. Die Autorin ist im Aufsichtsrat des klimaneutralen Quartiers ecovillage hannover eG für die lokale Gemeinschaft tätig. Sie hat zudem eine pop-up ecolibrary (mobile Umweltbücherein für Kinder) in einem Schäferwagen initiiert und den Independent-Kinderbuchverlag @heart2herz gegründet.
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Buchvorschau
Mizelina - Olga-Maria von Liebieg
Kapitel 1
Lina im Zauberwald
Im allerletzten Haus der Straße, das die Nummer 111 trug, an der Endstation der Buslinie 11 und der U-Bahn M1, dort, wo die Großstadt Nümmel endete und der Wald begann, lebte ein Mädchen namens Lina. Ein ungewöhnliches Mädchen war das. Nur ihr Haar war ganz gewöhnlich, pink, und sie trug es auch ganz schlicht – für außergewöhnliche Haarschnitte hatte sie nichts übrig. Linas Augen schimmerten in allen möglichen Grüntönen wie Frühlingsgras in der Sonne. Ihr Kopf war voller Gedanken an den Wald, wo sie jede freie Minute verbrachte.
Geht man in die alte Bibliothek des Rathauses von Nümmel und klappt dort den größten Stadtplan auf, sieht man eine rote Linie, die groß und deutlich die Stadt vom Wald abschneidet. Wer in Nümmel wohnt, ist hier im Betonring eingesperrt, scheint die Linie zu sagen.
Lina wohnte im Erdgeschoss des Hauses Nummer 111. Machte man die Wohnzimmertür auf, stand man schon auf einer Wiese, an deren anderem Ende – dort, wo im Stadtplan die dicke rote Linie ist – sich die Bäume drängten und einander etwas zuflüsterten. Sie raschelten mit den Blättern und zeigten mit den Zweigen auf die Häuser. Es war, als wollten sie die Menschen besuchen, nur dass sie die verzauberte rote Linie nicht überschreiten konnten.
Lina war sich sicher, dass die Bäume in einer unbekannten Sprache mit ihr redeten und so bloggte sie über ihre Erlebnisse in der Natur. Während ihre Klassenkameraden auf dem Nachhauseweg auf ihre Handys starrten, hatte Lina beide Augen auf die Welt um sie herum gerichtet. Sie sah, wie Bienen in den Blumen badeten und wie, scheinbar so zarte, Löwenzahnpflänzchen die harte Schale des Asphalts durchbrachen. Ihr Großvater hatte ihr früher ein Baumhaus gebaut. Von da aus beobachtete sie Rehe und Wildschweine. Sie war aber nicht immer still und unauffällig: Im Wald ließ sich rennen, schreien, klettern. Man konnte hier Verstecken spielen und Schätze vergraben. Kurz gesagt, alles tun, was die große Betonstadt nicht tolerierte. In einer Wohnung kann man ja nicht so richtig toben – zumindest nicht, wenn Erwachsene dabei sind. „Vorsicht! Nicht rennen! Nicht schreien! Lass das!" Nein, darauf hatte Lina keine Lust.
Die Stadtbewohner hatten wenig Interesse daran, was im Wald vor sich ging. Ihre Köpfe waren voller Aufgabenlisten und Berechnungen: Wie viel sie verdient hatten, was sie wann gegessen hatten und wann der Kalender sie endlich ein bisschen das Leben genießen lassen würde.
Das Haus, in dem Lina wohnte, war so groß und lang, dass die Menschen darin wie Insekten wirkten. Sie fuhr mit dem Finger an der Fensterscheibe die Autobahn entlang, verfolgte die Autos und dachte an Käfer, die Müll aus ihrem Bau wegbrachten und Proviant hineintrugen. Seltsam – auf der einen Seite der Wald, und auf der anderen war die Autobahn so nah, dass das Fensterglas immerzu staubig war. Durch das graue Glas sah sie eine Gestalt, die Tüten voller Lebensmittel trug, wie eine Ameise ihre Beute. Eine andere lud Bretter ab und schleppte sie zu ihrem grauen Betonhaufen. Nur gelegentlich lugten die eintönigen Bewohner aus ihren tristen Häuserkisten hervor, um nach dem Wetter zu sehen.
Die Wohnungen in den Häusern waren sich zum Verwechseln ähnlich. Rechtwinklige Räume, perfekte quadratische Fenster und viele Türen, um sich vor den Mitmenschen zu verstecken. Asphalt, Beton, Metall, Glas und Plastik regelten das Leben der Stadtbewohner. Aber im Wald, jenseits der roten Linie, gab es nichts, was gerade war – dafür eine Fülle an Formen und Farben. Im Wald veränderte sich ständig alles. Alles lebte das geheimnisvolle, spannende Leben, das Lina magisch anzog.
Auch ihr Zimmer war ein bisschen wie der Wald, bunt und voller Pflanzen. Ihre Mutter und sie hatten die Wände blau gestrichen, ein orangefarbener Lampenschirm baumelte von der Decke und ein Fransenteppich leuchtete in verschiedenen Farbtönen.
Was in ihrem Zimmer wuchs, hatte Lina selbst gepflanzt. Sie sammelte alle möglichen Samen: Zitronen-, Kirsch- und Pfirsichkerne zu Hause, Kastanien und Eicheln im Wald. Nicht nur auf ihrer Fensterbank, sondern auch auf der Terrasse standen viele Töpfe aus buntem Filz. Sie bettete die Samen sorgfältig in die Erde wie in eine Wiege und summte ihnen sogar Lieder vor, damit sie groß und stark werden würden. Wenn die Setzlinge heranwuchsen, pflanzte Lina sie in den Wald.
Auf der Wiese vor dem Haus wuchs eine Platane, Linas Lieblingsbaum. Sie hatten eine besondere Verbindung: Der Baumstamm war mit grünen und grauen Schuppen bedeckt und auch das Mädchen hatte weiße Flecken auf der Haut – als wäre sie mit Milch bespritzt worden. Die Leute fragten sie oft, warum sie so aussah und manche starrten sie mit großen Augen an. Lina schien es, dass die Menschen sie durch eine rote Linie von sich selbst trennten. Die Flecken der Platane hingegen kümmerten niemanden – dabei war keine von ihnen schuld daran, dass sie fleckig zur Welt gekommen waren.
An einem Morgen im Sommer öffnete Lina ihre grasgrünen Augen und wunderte sich kurz, warum der Wecker nicht geklingelt hatte. Ach ja, heute war der erste Tag der Sommerferien! Sie konnte den schweren Rucksack, den starren Stundenplan und das ermüdende Auswendiglernen für eine Weile vergessen.
In der Zwischenzeit hatte ihre Mutter bereits die Rucksäcke für die Reise gepackt: feste Wanderschuhe, Thermoskannen und alle möglichen Urlaubsutensilien. Auf dem Gang in der Ecke wartete Linas heißgeliebtes SUP-Board.
Die Mutter plante immer alles im Voraus und befolgte jedes Wort im Reiseführer.
„Ich wette, jeder Urlaubstag ist schon stundenweise verplant", seufzte Lina und fragte gar nicht erst, wohin sie fuhren.
Sie war kein bisschen wie ihre Mutter. Am liebsten würde sie immer spontan entscheiden, wozu sie Lust und Laune hätte.
Dana flitzte um ihre Beine herum, sprang in den Koffer und wieder heraus.
„Keine Angst, du kommst mit!" Lina streichelte Dana über den Rücken und bekam als Dank einen sabbernden Kuss.
„Nimm Dana unter den Arm und trage die Sachen zum Auto!", kommandierte die Mutter.
Da saßen sie nun im Auto, überquerten die dicke rote Stadtgrenze und rasten auf die weißen Gipfel der Berge zu. Die grauen Häuser, die geraden Straßen mitsamt der Stadtbewohner blieben zurück. Lina öffnete das Fenster und lehnte sich zur Seite, um sich den
