Alle meine Namen
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Alle meine Namen - Andreas Jungwirth
ANA
Der Himmel ist ein blaues Viereck. Gerahmt von den grauen Hausmauern der Anstalt. Oben schwebt eine weiße Wolke. Unten im Hof ist es windstill. Über den Dächern muss ein Sturm brausen. Warum sonst sollte sich die Form der Wolke so rasch verändern? Gerade noch war da ein Schiff. Das Schiff wird zu einem Wal. Der Wal zu einem Vogel mit riesigen Schwingen. Aber noch bevor er einen ersten Flügelschlag tut, zerzaust sein Gefieder schon wieder.
»Wo schaust du denn hin?«, will Marie wissen.
Ana senkt den Kopf und schaut wieder zu dem Mann, der mit einem Hammer in der Rechten auf dem festgestampften Erdboden kniet und mit Geduld einen rostigen Nagel geradeklopft. Schweiß tropft ihm von der Stirn. Erstaunlich dünne Arme hat der und spitze Ellenbogen, eine Glatze und buschige Augenbrauen. Das muss einer von denen sein, die nicht an ein Bett gefesselt liegen, nicht in einem der Zimmer hinter den vergitterten Fenstern bleiben müssen, die nach unten in die Höfe dürfen, die zwar einen Dachschaden haben, aber trotzdem einer nützlichen Beschäftigung nachgehen. Seine kleinen, tief im Schädel liegenden Augen fixieren den Nagel, der auf einem Hackstock liegt. Zeigefinger und Daumen halten ihn fest. Mit jedem Schlag scheint der Nagel sich ein wenig mehr zu strecken, ein wenig länger zu werden.
Kinn und Nase des Mannes sind blutverkrustet.
»Als wäre er gegen eine Mauer gerannt«, überlegt Ana.
»Als hätte ihm jemand eine Faust ins Gesicht geschlagen«, sagt Marie.
Beide wissen, dass sie im letzten der drei Höfe nichts verloren haben. Die Erwachsenen haben es ihnen oft genug gesagt: Dorthin nicht! Dorthin geht ihr nicht! Nicht dorthin! Die beiden scheren sich aber nicht darum. Warum auch? Niemand hat ihnen einen Grund genannt.
»Ist das alles?«, fragt Ana nach einer Weile enttäuscht. »Ein Mann, der Nägel geradeklopft?«
»Siehst du das nicht?« Marie übertreibt ihre Empörung. »Der Nagel ist schon längst gerade und der Mann klopft immer noch.«
Tatsächlich. Warum tut er das?
»Genau, warum tut er das?« Marie klingt, als wüsste sie die Antwort, sagt aber stattdessen: »Jetzt pass auf!« Sie streckt ihren Nacken, bläht ihre Lungen auf und ruft: »Du kannst aufhören, du Depp!«
Augenblicklich lässt der Mann den Hammer sinken, wirft den Nagel in einen Eimer, nimmt den nächsten verbogenen Nagel vom Boden und fängt wieder mit dem Geradeklopfen an.
»Und jetzt du!«
Ana zögert.
»Probier es!«, verlangt Marie »Oder traust du dich etwa nicht?«
Also gut. Anas Herz klopft schneller, schließlich holt sie tief Luft, dann schreit auch sie: »Aufhören!«
»Du Depp«, flüstert Marie ihr zu. »Mach schon!«
Und Ana echot mit Inbrunst: »Du Depp!«
Und der Mann hält tatsächlich inne, lässt den Hammer sinken und der rostige Nagel fällt mit einem leisen Pling zu den anderen in den Eimer.
Aber was tut der Mann, wenn er alleine ist? Drischt er dann den ganzen Tag und die ganze Nacht mit dem Hammer auf immer denselben Nagel ein?
»Wäre dem Deppen zuzutrauen«, ist Marie überzeugt.
Vielleicht. Ana zuckt mit den Schultern. Sie kann es sich bloß nicht vorstellen, warum jemand etwas so Nutzloses tun sollte.
Vor dem Trakt mit den Dienstwohnungen lehnen große, schlanke Soldaten mit kantigen Gesichtern, in grauen Uniformen, eine Hand in der Hüfte, wie verbogene Nägel. In ihren Mundwinkeln hängen Zigaretten, die stinken und fressen sich selbst auf. Seit ein paar Wochen sind die Männer nun schon in der Anstalt einquartiert. Am Anfang haben die Bewohner wissen wollen, was das soll, warum hier bei ihnen, warum nicht woanders? Aber immer mehr Patienten waren über Nacht sang- und klanglos verschwunden, immer mehr Angestellte in den Krieg gezogen. Zimmer, ganze Wohnungen standen leer. Aber werden wir so nicht zum Ziel des Feindes? Wird der Feind nicht wegen der Soldaten Bomben auf uns werfen? Als dann aber wochenlang nichts dergleichen geschehen ist, haben sich die Leute an die Anwesenheit der jungen Männer gewöhnt. Und die meiste Zeit lungern die Soldaten ohnehin nur schweigend herum, als würden sie nichts anderes zu tun haben, als drauf zu warten, dass die Zeit vergeht, dass der Krieg vergeht.
»Die Soldaten werden uns den Kopf abreißen, weil wir im verbotenen Hof gewesen sind.«
»Pff!«, faucht Marie. »Mir reißt niemand den Kopf ab.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust.
»Wartet doch mal!« Sie haben den Dünnsten zu ihnen herübergeschickt, dessen Uniform um seinen knochigen Körper flattert. »Ich will mit euch …!« Der Soldat schiebt die Lippen hin und her, als wöge er die Worte ab, als gäbe es da noch andere, bessere als die, die ihm als Erstes eingefallen sind. »Wie heißt ihr …?«
Und während Ana noch überlegt, ob sie die Frage eines Soldaten nach ihrem Namen mit Johanna beantworten muss, ihrem Taufnamen, oder mit Ana, wie sie von allen genannt wird, weil ihr Bruder Otto, als er ein Jahr gewesen ist, Johanna nicht hat aussprechen können, platzt Marie heraus: »Ich bin ich!«
Die Blicke des Soldaten hüpfen ein paarmal zwischen Marie und Ana hin und her.
»Und deine Mutter …?« Der Soldat unterbricht sich abermals, setzt kurz darauf erneut an: »Wo ist er, dein Vater?«
Wessen Mutter? Wessen Vater? Ana schließt die Augen und überlässt ihm die Entscheidung.
»Du bist gemeint!«
Natürlich! Maries Mutter! Maries Vater. Wie hat sie nur einen Augenblick lang glauben können, dass der Soldat sich für ihre Eltern interessieren würde. Dabei sind es doch nur die Kleider, die Frisur, die Hüte mit den Fasanenfedern, die Maries Mutter zu dem machen, was sie darstellt. Wenn man ihr das alles wegnehmen würde, bliebe von der Frau Primar nicht viel mehr übrig als mit Stroh gefüllte Gliedmaßen, ist der Vater überzeugt.
»Deine Mutter«, unterbricht der Soldat Anas Überlegungen. »Wie heißt sie?«
Ana öffnet die Augen. Er zeigt auf sie. Ihr bleibt der Mund offen stehen. Marie verdreht die Augen, als wäre es Anas Schuld, dass der Soldat sich nach ihrer und nicht nach Maries Mutter erkundigt hat.
»Marianne«, sagt Ana leise.
»Bist du wahnsinnig?«, flüstert Marie, »ich würde ihm niemals einen Namen verraten, weder meinen eigenen noch den meiner Mutter!«
Aber warum denn nicht? Was soll falsch daran sein?
An diesem Tag im April findet Ana den Vater ausgestreckt auf dem Sofa. Obwohl ihm die Mutter schon oftmals gesagt hat, dass er sich nicht so aufreiben, nicht so aufopfern soll für seine Patienten, kommt der Vater mittags sonst nie von der Station herüber, um sich für eine Stunde aufs Ohr zu legen. Auf Zehenspitzen geht Ana zu ihm, hockt sich auf den Holzboden, dorthin, wo sein Kopf auf einem Kissen ruht. Sie spreizt die Finger zu einem Kamm und frisiert seine schönen, schwarzen, festen Haare. Wie alles am Vater riechen auch seine Haare nach der guten Seife, sie riechen nach Minze und Sandelholz. Der Vater öffnet und schließt die Augen gleich wieder, als hätte er nur sichergehen wollen, welches der beiden Kinder ihn kämmt – Ana oder Otto.
Als die Mutter zum Essen ruft, zerrt Ana am Vater, bis er sich endlich aufsetzt.
Über dem Esstisch hängt das Bild des Führers, im Winkel der Eckbank ein Kreuz. Die Mutter faltet ihre Hände, Ana tut es ihr gleich. Otto muss zweimal und auch noch ein drittes Mal von der Mutter zum Händefalten aufgefordert werden. Schließlich verknotet er die Finger zu einem wilden Durcheinander. Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. Zwei Kinderstimmen und die Stimme der Mutter sprechen das Gebet. Der Vater spricht nicht mit. Kaum haben die Mutter und die Kinder zu Ende gesprochen, gibt er zum Besten: »Ich glaube weder an den einen noch an den anderen. Weder an Gott noch an den Führer.«
Otto lacht.
»Seid still«, ermahnt die Mutter die beiden.
»Ich lasse mir den Mund nicht verbieten«, widerspricht der Vater, »nicht in meinen eigenen vier Wänden.«
»Ich auch nicht!«, krakeelt Otto.
»Jetzt ist aber wirklich Schluss!«, befiehlt die Mutter und fixiert Ana: »Und dass du bloß nicht mit der Marie darüber redest! Über nichts, was innerhalb dieser vier Wände gesprochen wird.«
»Mit der rede ich sowieso nie wieder!«, sagt Ana.
»Wieso das denn?« Die Mutter wundert sich.
»Weil sie eine blöde Kuh ist.«
»Umso besser. Und jetzt wird gegessen!«
Es ist ein Donnerstag. An Donnerstagen gibt es Spinat und Spiegeleier. Heute hat die Mutter nur ein Ei bekommen. Das kriegt der Vater. Aber ehe er es essen kann, heulen die Sirenen auf.
Ist der Vater bei Fliegeralarm zu Hause, muss er in den Dienst. Ist er auf der Station, bleibt er dort. In der Wohnung liegt ein Tischtuch bereit, in das die Mutter rasch das Wichtigste verpackt, ein Stück Brot, eine Flasche mit Wasser, Anas Puppe, Ottos Spielzeugauto. Anschließend hebt sie den schreienden Otto in den Wagen, legt ein Brett quer, setzt Ana drauf. Und los geht es. Die anderen Bewohner der Stiege überholen sie, drängen an ihnen vorbei. Alle wissen, die Schnellsten überleben am ehesten. Aber die Mutter kann mit den Kindern und dem Wagen nicht schneller. Jedes Mal kommen sie als Letzte im Keller an. Dort hocken sie dann alle zusammen auf dem Boden, zittern, schwitzen, riechen nach Angst. Früher oder später fangen immer welche zu beten an. Da wird die Angst nicht weniger, sondern noch mehr. Am schlimmsten aber ist es, wenn welche zu singen anfangen, wenn die hohen Stimmen der Frauen durch die Räume wabern.
Im Hof unten hupt es. Einmal, zweimal, dreimal.
»Die Soldaten spinnen wieder einmal«, stöhnt die Mutter, die gerade Kartoffeln schält.
Ana läuft zum Fenster. Den Lärm machen aber gar nicht die Soldaten.
»Es ist der Papa!« Er steht neben dem Mercedes-Benz vom Primar, die rechte Hand an der Hupe, mit der Linken winkt er zu ihr herauf.
»Wir sollen hinunterkommen!«
»Sag ihm, ich bin gerade beim Kochen.«
Der Vater lässt das nicht gelten. »Sag deiner Mutter, sie soll den Herd abstellen, wir essen auswärts. Und zieht euch an, als wär heut ein Feiertag!«, ruft er hinauf.
Eine halbe Stunde später fahren sie am Fluss entlang.
Ana und die Mutter tragen Kleider mit Spitzenkragen, Otto einen dunkelblauen Blazer mit einem aufgestickten Wappen. Er plappert die ganze Zeit. »Ich weiß mehr über Autos als ihr anderen zusammen!«
»Ist dir der Primar etwas schuldig?« Die Mutter wundert sich, dass er ihm den funkelnagelneuen Mercedes-Benz überlassen hat.
Der Vater gibt keine Antwort. Die Mutter hakt nicht nach.
Ana legt die Stirn gegen die kühle Scheibe. Sie fahren auf schmalen, schnurgeraden Straßen zwischen frühlingshaften Mais- und Getreidefeldern hindurch. Und es gibt noch so vieles anderes zu sehen, das Ana sich merken will – die Linien der Landschaft, wie sie sanft auf- und abschwingen, der Wechsel zwischen Wäldern, Wiesen und Feldern.
Als sie nach zwei Stunden Fahrt auf einem Dorfplatz halten, ist der Wagen binnen Kurzem von so vielen Männern, Frauen und Kindern umringt, dass die Türen blockieren und sie nicht aussteigen können. An den Scheiben erscheinen Gesichter, nah und groß. Otto beginnt zu heulen. Keines der Gesichter hat Ana schon einmal gesehen, nur eines kommt ihr bekannt vor. Der Mann hat zwar einen zauseligen Bart, aber die Lippen, die Augen, die Nase: alles genauso wie beim Vater.
»Sagt Guten Tag!«, verlangt der Vater, nachdem sie es doch aus dem Auto geschafft haben.
Das Guten-Tag-Sagen geht ja noch, aber wenn die fremden Menschen am Tisch, um den sie sitzen und Suppe essen, den Mund aufmachen, klingen die Worte so seltsam, als wären sie verdreckt. Manches ist überhaupt gänzlich unverständlich, als hätte der Dreck die Münder der Leute hier vollständig verstopft. Aber die meiste Zeit redet ohnehin der Vater. Er erzählt von der Wohnung, in der sie leben, und von der Arbeit, die er macht. Er erzählt von etwas, das so anders ist als das, was Ana kennt, obwohl sie ja auch in dieser Wohnung lebt und ihren Vater schon öfter auf die Station begleitet hat. Aber so wie der Vater das beschreibt, so ist das alles doch gar nicht. Die Wohnung hat nicht fünf Zimmer, sondern nur zweieinhalb. Den Patienten kann es nicht rundum gut gehen. Würde man sie sonst wie Tiere in vergitterten Betten halten und bis auf den Hof schreien hören? Als Ana ihren Vater auch noch sagen hört, dass er das Auto erst seit einer Woche besitzt, dass es deshalb wie nagelneu aussieht, schießt Lava durch ihre Adern. Die Mutter sitzt mit versteinerter Miene zwischen Ana und Otto und nickt, wenn der Vater sie ansieht. Sagen tut sie zu all dem nichts. Zu Ana hätte sie gesagt: Du sollst nicht lügen! Als Otto meint, er könne diese Suppe unmöglich essen, ohne kotzen zu müssen, streicht sie ihm über die Haare. Er muss sie nicht essen. Zu Hause hätte sie gesagt: Du isst, was auf den Tisch kommt. Ana kennt sich vorne und hinten nicht mehr aus. Als sie am späten Nachmittag das Dorf wieder verlassen, verlautbart Otto, dass er dort nie wieder hinwill. Ana will wissen, wer die Leute gewesen sind.
»Der mit dem Bart, das ist der Josef, mein jüngerer Bruder«, erklärt der Vater.
»Warum hast du nie von ihm erzählt?«, fragt Ana.
Der Vater tut, als hätte er die Frage nicht gehört.
Nach einer Weile fängt der Motor zu stottern und zu husten an. Dann bleibt der Wagen mitten auf der Straße liegen. Drei Stunden lang hocken die Mutter, Ana und Otto im Straßengraben und schauen dem Vater beim Reparieren zu. Als der Motor wieder anspringt, hat er schwarze Hände, ein schwarzes Gesicht, sein weißes Hemd ist hinüber. Dem Primar sagt er als Entschuldigung fürs Zuspätkommen, es war Sand im Getriebe.
Während der nächsten Wochen kommt der Vater jeden Tag zur Mittagszeit nach Hause, um sich auszuruhen. Die Kinder haben still zu sein oder in den Hof hinunterzugehen. Nach einer Stunde kehrt der Vater zur Arbeit zurück. Jeden Tag das Gleiche. Bis es an einem Donnerstag im Mai an der Tür klopft. Ana wird von der Mutter zum Aufmachen geschickt. Drei Männer in Uniform stoßen sie zur Seite. Keinen von denen hat sie bisher unter den Soldaten im Hof gesehen. Außerdem tragen sie andere Uniformen, schwarze.
»Kommt her, kommt her!«, ruft die Mutter und zieht Otto und Ana aufs Sofa, umklammert mit der Rechten Anas Hände, mit der Linken Ottos. Sie presst die Knie so fest zusammen, dass dort, wo sie sich berühren, die Haut ganz weiß wird.
Drei Paar Stiefel treten hart auf den Holzdielen auf. Die Männer reißen alle Schränke auf, Schubladen, alles heraus, egal, wo es landet, drehen alles um, sogar die Matratzen. Die Mutter redet auf die Kinder ein, sagt ihnen, dass die Soldaten nur etwas suchen, dass das Ganze ein Spiel sei.
»Ein Versteckspiel?«, fragt Otto.
»Genau«, bestätigt die Mutter und scheint froh, dass Otto ein Wort dafür hat.
Ana hat die ganze Zeit die schwarzen Stiefel im Visier, hohe, anliegende, glänzende Stiefel.
Die Mutter redet immer weiter, ohne Punkt und Komma, irgendwann reiht sie nur noch sinnlos Worte aneinander. Als einer der Männer das Kreuz von der Wand reißt und über dem Knie in Stücke zerbricht, schreit die Mutter auf. Als die Männer wieder abmarschiert sind, will Otto wissen, ob das Spiel jetzt vorbei sei, ob die Soldaten etwas gefunden hätten – wer hat gewonnen und wer verloren? Die Mutter zuckt lediglich mit den Schultern. Sie sieht fertig aus, fertig mit den Nerven, fertig mit der Welt.
»Die waren wegen dem Papa da«, die Worte fallen Ana aus dem Mund, als könnte es gar nicht anders sein, »weil er seinen Bruder angelogen hat, was die Wohnung und die Patienten und das Auto angeht.«
Die Mutter widerspricht auch jetzt nicht.
»Haben die Soldaten Papas Lügen gesucht?«, will Otto wissen.
Die Mutter nickt. »Sie haben aber keine gefunden.«
»Weil er sie so gut versteckt hat?«
»Weil es hier keine Lügen gibt. Weil euer Vater weder den Onkel noch euch noch eure Mutter jemals belogen hat«, sagt sie.
Jetzt hat auch die Mutter gelogen.
Dann schickt sie die Kinder in den Hof hinunter und putzt die Wohnung, wie sie es sonst samstags tut, nur heute putzt sie noch gründlicher, sie schrubbt und bohnert und schleppt immer wieder die Kübel mit dem schmutzigen Wasser in den Hof, schüttet dort das blasenschlagende Wasser aus.
Mitten in der Nacht wacht Ana von Schluchzern in der Küche auf. Sie schaut, ob Otto auch wach ist. Nein, ist er nicht. Ana klettert aus dem Bett, schleicht aus dem Zimmer. Die Mutter sitzt am Tisch und heult Bäche. Sie bemerkt Ana erst, als sie bei ihr steht, schickt sie nicht zurück ins Bett. Ana fasst sich ein Herz, sagt, was sie die ganze Zeit im Hinterkopf gehabt hat: »Die Männer waren nicht hier, weil der Papa den Onkel Josef angelogen hat, oder?«
Die Mutter nickt abwesend. »Sie wissen, dass er weder an den einen noch an den anderen glaubt, weder an Gott noch an den Führer.«
Entgegen ihrem Versprechen hat Ana Marie davon erzählt, und die hat sie daraufhin angesehen, als wäre das unmöglich.
»Und wo ist der Papa jetzt?«
»Sie haben ihn abgeholt«, erklärt die Mutter leise.
»Diese schwarzen Soldaten?«, fragt Ana.
»Die oder andere.«
»Wo haben sie ihn
