Wir bauen den Tempel der Humanität: Ausgewählte Aufsätze und Gedichte zur Freimaurerei
Von Alfried Lehner
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Über dieses E-Book
Sein Interesse galt vor allem der Philosophie, den Religionswissenschaften, der Mythologie, der Ornithologie, der klassischen Musik sowie der Kunstgeschichte. Als (freimaurerischer) Schriftsteller und Lyriker publizierte er zahlreiche Bücher.
Die in diesem Band gesammelten Aufsätze und Vorträge sind, bis auf wenige Ausnahmen, bisher unveröffentlicht. Ihnen zugeordnet ist jeweils eines seiner Gedichte, die zeigen, wie sehr auf Alfried Lehner das Wort Hölderlins zutraf: «... dichterisch wohnet der Mensch».
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Buchvorschau
Wir bauen den Tempel der Humanität - Alfried Lehner
Wir bauen den Tempel der Humanität
Vorträge und Gedichte
Alfried Lehner
ausgewählt und herausgegeben von
Thomas Seng
Salier VerlagPrint: ISBN 978-3-943539-87-5
eBook EPUB: ISBN 978-3-96285-150-7
1. Auflage 2019
Copyright © 2019 by Salier Verlag, Leipzig
und Alfried Lehner
Alle Rechte vorbehalten.
Idee und Konzeption: Dr. Thomas Seng
Einbandgestaltung: Christine Friedrich-Leye
Satz und Herstellung: Salier Verlag, Bosestr. 5, 04109 Leipzig
www.salierverlag.de
Inhalt
Zum Geleit
Was ist Freimaurerei?
Das Wesentliche unseres Bundes
Wir bauen den Tempel der Humanität
Die Mitte des Tempels
Bauplan des Lebens
Der Zirkel bin ich
Das Pentagramma macht dir Pein?
Winkelwaage und rechter Winkel
«Das Licht!»
Licht
Ich weiß, dass ich unsterblich bin
Die Frage nach dem Sinn
ALL-HARMONIE oder SINN UND SEIN
Die «Religion» der Freimaurer
Sokratische Meditation über die Zeit
Sokrates-Platon
Pythagoras
Pythagoras
Das wort «Samen» und der Mythos
Die Kastanie
Von der Allgegenwart der Musen
Dichterseele
Über den Autor
Nachwort
Anmerkungen
Zum Geleit
Alfried Lehner wird am 27. Oktober 1936 in Dresden geboren. Nach Absolvierung des humanistischen Gymnasiums in Eichstätt (Bayern) geht er als Berufsoffizier zur Bundeswehr und bleibt dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1986. Nach der Generalstabsausbildung arbeitet er vor allem als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr.
Alfried Lehner ist seit 1977 bekennender Freimaurer. Seine Aufnahme erfolgte in der Loge Roland i. Or. Hamburg, deren Meister vom Stuhl er in den Jahren 1983 bis 1986 ist.
Noch während seiner Zeit bei der Bundeswehr veröffentlicht er seine ersten drei Gedichtbände («Ach, Frieden!», 1981; «Erfülltes Leben», 1982, und «Wir bauen den Tempel der Humanität», 1984), die starke Beachtung fanden, nicht zuletzt, weil der Dichter ein Oberstleutnant war. Dabei hat Alfried Lehner seine ersten Verse schon im Alter von zehn Jahren geschrieben.
Mit dem Ausscheiden aus der Bundeswehr und dem Wohnungswechsel in den Stuttgarter Raum – gemeinsam mit seiner Frau Ulla – baut Alfried Lehner eine überaus reiche Vortrags- und Publikationstätigkeit auf. In Stuttgart wird er 1987 in die Loge «Sarastro» aufgenommen und ist deren Stuhlmeister von 1994 bis 1996. Darüber hinaus leitet er das Ritualkollegium der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland.
Seine Interessen gelten vor allem der Philosophie, den Religionswissenschaften, der Mythologie, der Ornithologie, der Naturbeobachtung sowie der klassischen Musik und der Kunstgeschichte: Alfried Lehner ist ein (freimaurerischer) Schriftsteller und Lyriker oder, wie schon Rolf Appel 1984 treffend im Vorwort zu Alfried Lehners Gedichtband «Wir bauen den Tempel der Humanität» dessen Anliegen formulierte:
«Die Freimaurer bedienen sich in ihren Ritualen einer gehobenen, schönen Sprache. Deren Pflege erzieht zur Belebung eines guten Miteinander. Gepflegte Sprachform erzieht den Sprechenden und beschwört gleichsam den Hörenden. Darum waren auch zu allen Zeiten die großen dichterischen Persönlichkeiten unseres Volkes Freimaurer, die aus dem rituellen Erleben heraus ihrerseits bleibendes Gedichtgut schufen.»
In seinen Werken (die wichtigsten sind im Anhang dieses Buches aufgeführt) wendet sich Alfried Lehner den geistigen Kräften der Schöpfung dieser Welt zu: Den Kräften der Schönheit und Harmonie, die symbolhaft in der Natur, in der menschlichen Seele, in Kulten und Religionen zum Ausdruck kommen. Immer geht es um das Suchen nach dem Ganzen einer Schöpfung, von der unsere Sinne nur einen Bruchteil wahrnehmen. In seinem Buch «Ich weiß, daß ich unsterblich bin» spricht er sein zentrales Anliegen, seine (kontemplative) Weltsicht des «Eines zu sein mit allem» aus:
«Über den Bereich des Unsichtbaren und nicht Meßbaren vermag die Wissenschaft keine Auskunft zu geben. Die alten Weisheitslehren und Mythen haben die Schöpfung jedoch schon immer als Manifestationen eines geistigen, sprich göttlichen Wirkens angesehen; und wer die Welt der Erscheinungen in ihren Abläufen des ‹Stirb und Werde› und in ihrer Evolution zum Geist auch mit dem ‹inneren Auge› aufmerksam beobachtet, der ahnt etwas von der tiefen Wahrheit jener alten Ausdrucksformen, Bilder und Symbole, die der Rationalist gern als primitive Märchen unwissender Generationen abtut. In der meditativen Versenkung schließlich können diese Zusammenhänge zur festen Gewißheit werden. Sie können gesehen werden, und unsre Erdenwanderung wird zu einer Zwischenzeit, die keineswegs unser Leben – unser Sein – als Ganzes ausmacht. Sie dient sicher unserer Fortentwicklung zum Geistigen, also der Evolution. Hieraus – nicht aus starren Dogmen! – ergeben sich ethische Forderungen an den Menschen.»
Alfried Lehners Denkform ist die Form der Analogie, wie er sie in «Tabula smaragdina» des Hermes Trismegistos findet: «Quod est inferius, es sicut quod est superius, et quod est superius, es sicut quod est inferius.» (Das Untere ist wie das Obere, und das Obere ist wie das Untere.)
Der analoge Denker sucht in den Gesetzmäßigkeiten jener Analogien und erkennt in ihnen die Bauprinzipien des Großen Baumeisters aller Welten, und er erkennt sich selbst als einen analogen Teil dieser Schöpfung.Die hier versammelten Aufsätze sind bis auf wenige Ausnahmen unveröffentlicht. Sie wurden im gesamten deutschprachigen Raum als Vorträge gehalten, auf öffentlichen Veranstaltungen, in Logen.
Den Aufsätzen sind jeweils (veröffentlichte) Gedichte zugeordnet, die zeigen, wie sehr auf Alfried Lehner nicht nur das von Rolf Appel Gesagte zutrifft, sondern auch das von Hölderlin Gedichtete: «Dichterisch wohnet der Mensch.»
Dr. Thomas Seng
im Dezember 2018
Was ist Freimaurerei?
Sicher erwarten Sie nicht, dass diese so global gestellte Frage in einem Vortrag von fünfzehn bis zwanzig Minuten erschöpfend beantwortet wird. Ich will vielmehr in diesem einführenden Referat – und nun lassen Sie mich gleich ein freimaurerisches Gleichnis wählen – gleichsam wie ein Steinmetz nur die Konturen des Bildes der Freimaurerei aus dem rohen Block herausarbeiten, um Ihnen dann den Spitzhammer in die Hand zu drücken, damit Sie sich selbst – durch Ihre Fragen – ein klares Bild schaffen können.
Lassen Sie mich daher versuchen, Ihre möglichen Fragen zu diesem Thema einmal in einigen Hauptgruppen selbst aufzuwerfen, um diese dann zum Teil grob zu beantworten, zum Teil auf die folgenden Vorträge im Rahmen dieses Informationszyklus zu verweisen, in denen auf Einzelheiten zum Thema Freimaurerei weiter eingegangen werden wird, um aber zum größten Teil auf die anschließende Diskussion sowie auf die nachfolgenden Einzelgespräche mit unseren Brüdern an Ihren Tischen zu verweisen; denn dabei können bekanntlich weit mehr und intensivere Informationen vermittelt werden, als dies in einer einseitigen Rede möglich ist.
Hämmern Sie also anschließend fröhlich drauflos!
Mit welchen Fragen mögen Sie also heute abend hierher gekommen sein?
Nun, Sie werden sich zunächst einmal gefragt haben: Was ist das eigentlich für ein Club, für ein Verein, diese Freimaurer? Welche Ziele verfolgen sie?
Desweiteren wird Sie interessieren, welche Menschen in der Loge zusammenkommen; welche Berufe, welche sozialen Schichten. Oder sind Freimaurer «sonderbare Heilige», wie man so schön sagt?
Schließlich werden Sie wissen wollen: Was geschieht bei den Versammlungen der Freimaurer?
Bei manchen von Ihnen mögen vielleicht auch Fragen hochkommen, wie folgende:
Ist die Freimaurerei ein Geheimbund?
Hängt sie mit Okkultismus, Spiritismus oder ähnlichen Bereichen zusammen, bei denen übersinnliche Wahrnehmungen eine Rolle spielen?
Ist die Freimaurerei vielleicht eine internationale Seilschaft, die ihren Mitgliedern einflussreiche und einträgliche Posten verschafft?
Inwieweit sind überhaupt mit der Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge materielle Vorteile verbunden?
Oder handelt es sich hier gar um eine Religion, eine Ersatzreligion oder eine Sekte?
Ja, was verbirgt sich nun hinter diesem Wort Freimaurerei? Nun – über die Herkunft des Begriffes und seine historische Entwicklung will ich heute nichts sagen. Hierüber werden Sie im Verlauf der Vortragsreihe noch ausführlicher informiert werden. Beginnen wir mit der Freimaurerloge der Gegenwart hier in unserem Staate: Eine Freimaurerloge ist vereinsrechtlich ein eingetragener Verein, dessen Vorstand den zustehenden Behörden namentlich bekannt ist. Die Logen bestimmter regionaler Bereiche – sie sind übrigens nach demokratischem Prinzip völlig autark – sind zu Distriktlogen zusammengefasst, und das oberste Organ der Freimaurer in der Bundesrepublik Deutschland wird durch die Vereinigten Großlogen von Deutschland repräsentiert.
Viel wesentlicher als die äußere Organisationsform scheint mir die Frage nach den Zielen der Freimaurerei zu sein. Was verbindet diese Gemeinschaft? Was zieht Menschen zu diesem Bund hin? Um es gleich vorweg zu sagen: Die Ziele der Freimaurerei sind rein ethischer Natur. In der Vergangenheit, der Zeit der Gründung der ersten Freimaurerlogen vor etwa 300 Jahren war es der Wunsch vieler Menschen, sich endlich von der damals noch herrschenden geistigen Bevormundung zu befreien und das Trennende zu überwinden, das vielfach durch Kirche, Aberglauben, Staat und ständische Zwänge hervorgerufen wurde. So ist denn die Freimaurerei auch ein legitimes Kind der Aufklärung, und unzählige berühmte Persönlichkeiten aus Politik und Geistesleben gehörten in jener Zeit diesem Bunde an.
Heute sind diese historischen Ziele in der demokratischen Welt weitgehend erfüllt und gesetzlich garantiert. Alle Menschen sind hier vor dem Gesetz gleich. Grundgesetze und Verfassungen garantieren Unverletzlichkeit und freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie Freiheit von Glauben und Lehre und vieles andere mehr. Nun aber hat sich, wie Sie wissen, diese freiheitliche Wohlstandsgesellschaft in einer Form entwickelt, in der Vorurteile und Intoleranz gegenüber dem Andersdenkenden an der Tagesordnung sind, ja als besonders pfiffig und geschäftstüchtig gelten. Menschen gleicher Interessen schließen sich mehr und mehr zu Interessensverbänden zusammen, die nur noch ihre eigene Meinung gelten lassen und Außenstehende als uneinsichtig, ja töricht betrachten. Gefühlskälte und Lieblosigkeit und damit Vereinsamung vieler Menschen sind die Früchte eines erschreckend anwachsenden Wohlstandsegoismus.
In dieser so gearteten Gesellschaft hat sich der Freimaurerbund zum Ziel gesetzt, echte Humanität im täglichen Leben in einer weltweiten Bruderkette zu praktizieren. Dies kann aber nur – so glauben wir Freimaurer – auf der Basis konsequenter und gelebter Toleranz gegenüber Andersdenkenden verwirklicht werden. Zur freimaurerischen Grundhaltung gehört gleichsam die Erkenntnis, dass kein Mensch auf dieser Welt, keine Partei, keine Glaubensgemeinschaft oder sonstige Gruppierung von Menschen die Wahrheit für sich gepachtet hat. Diese Grundhaltung ist übrigens die Ursache für die gnadenlose Verfolgung der Freimaurer in totalitären Staaten; denn dort bestimmt ja die Staatspartei, was wahr zu sein hat.
Nun werden Sie sagen: Das mit der Humanität und Toleranz ist ja recht und schön. Das will ich ja auch und mit mir unzählige Menschen auf dieser Welt. Aber dazu brauche ich doch nicht Freimaurer zu werden. Damit haben Sie natürlich recht. Eine bestimmte ethische Grundhaltung und die daraus resultierende Handlungsweise erfordert nicht zwingend den Zusammenschluss mit Menschen gleicher Gesinnung (wohlgemerkt: nicht gleicher Meinung!) Und dennoch lehrt die Erfahrung, dass Kontaktpflege und Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten eine wertvolle Grundlage zum Durchhalten, zur Bestätigung oder aber zur Korrektur eigener Vorstellungen sein kann. In der Tat ist die Freimaurerei für denjenigen, der die persönliche Antenne für ihre spezifische Methode hat, eine Quelle der Kraft und Freude, die uns Freimaurer immer wieder geradezu verblüfft.
Damit wären wir auch schon bei der Frage angelangt: Was geschieht bei den Zusammenkünften der Freimaurer?
Die Loge ist der geistige Übungsplatz für die eben aufgezeigten angestrebten Verhaltensweisen. Daher ist es auch freimaurerisches Prinzip, dass es in der Loge keine Diskussion geben darf, die zum Ziele hätte, den Bruder parteipolitisch oder religiös bzw. konfessionell zu beeinflussen. Für mich persönlich ist es immer wieder ein neues Erlebnis, in der Loge an Diskussionen teilzunehmen, bei denen jeder einzelne bemüht ist, sich jeglicher Polemik zu enthalten, dem Anderen mit (mehr oder weniger) Geduld zuzuhören und Sachlichkeit als oberstes Gebot anzuerkennen (auch wenn es manchmal schwerfällt). Dies bedeutet nicht, dass nicht etwa auch brisante Themen temperamentvoll ausgetragen werden. Wir wären ja sonst eine langweilige Gesellschaft. Stets aber ist bei den Diskussionen ein Prozess freiwilliger Selbsterziehung erkennbar, der das Ergebnis freimaurerischer Arbeit ist.
Der Höhepunkt dieser Arbeit in der Loge ist die sogenannte Tempelarbeit. Über diesen Bereich werden Sie in einem späteren Vortrag informiert werden; lassen Sie mich daher heute nur soviel sagen: Die feierlichen Arbeiten im Freimaurertempel beruhen auf der Erkenntnis, dass die Bedeutung von Worten häufig relativ ist. Worte lassen sich leider nach vielen Richtungen hin manipulieren. So bedeutet das Wort Freiheit bei uns im politischen und sozialen Leben geradezu das Gegenteil von dem, was die Machthaber totalitärer Staatssysteme darunter verstehen wollen. Völker wurden zu aller Zeit von ihren Angreifern und Eroberern immer nur «befreit»! Aus diesem Grund hat der Freimaurerbund von alten, bis ins früheste Altertum zurückreichenden geistig verwandten Bünden (häufig als Mysterienbünde bezeichnet) seine spezifische Arbeitsmethode abgeleitet und weiterentwickelt; eine Methode, die auf der Basis von Symbolik und Ritual Bereiche der menschlichen Seele anspricht, an die Worte nicht mehr heranreichen; eine Methode, bei der der Einzelne selbst aufgerufen ist, sein eigenes Wesen auszuloten und damit erst richtig zu erkennen. Symbole lassen sich nicht manipulieren. Sie sprechen für sich.
Diese wenigen Andeutungen mögen heute genügen. Abschließend und zusammenfassend möchte ich hier feststellen: Die Eigentümlichkeit der freimaurerischen Arbeit und des Logenlebens, der spezifische Geist dieses Bundes haben es seit seinem Bestehen fertiggebracht, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich sonst niemals angesprochen hätten.
Wir sind keine Gemeinschaft von Menschen gleicher Interessen und Meinungen. Im Gegenteil! Wir Freimaurer nennen uns gerne eine Gemeinschaft der Ungleichen; gehört es doch zu den schönsten Erlebnissen freimaurerischer Kontaktpflege, dass Menschen unterschiedlichster religiöser Bekenntnisse, konfessioneller Zugehörigkeit, parteipolitischer Auffassung, Berufsgruppierung und anderer (gewöhnlich) trennender Faktoren in der Loge an einem Tisch sitzen und zu einem festen Bund, ja zu Freunden zusammenwachsen.
Der Freimaurerbund ist auch heute noch in der Lage – dies kann ich aus eigenem Erleben bestätigen –, Menschen dieser unterschiedlichen Schattierungen den Freiraum zu verschaffen, in dem sie Mensch sein dürfen; Mensch, ohne die Maske und Rolle, die das tägliche Leben häufig von uns fordert.
Einfach wohlfühlen – auch das gehört zur Freimaurerei –, wohlfühlen in einer so bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft, in der jeder bereit ist, den anderen, gleich welcher Herkunft, als Bruder anzuerkennen und an seiner Freude und seinen Sorgen mit Rat und Tat teilzunehmen; einer Gemeinschaft, die von fröhlicher Geselligkeit bis zur ernsten Arbeit an sich selbst geprägt ist, deren Mitglieder hier in diesem Raum bestätigen können, dass sie in ihr eine Erfüllung gefunden haben, die sie immer wieder mit Freude und Befriedigung, mit Kraft für den Alltag erfüllt.
Das ist Freimaurerei.
Das Wesentliche unseres Bundes
Warum wirkt sich die Freimaurerei so wenig aus? Welchen Sinn haben die Versammlungen hinter verschlossenen Türen sowie die hehren Worte von Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit, wenn sich draußen doch nichts verändert? Sind die Freimaurer nicht hoffnungslose Optimisten oder richtiger: Illusionisten? Wie oft haben wir solche Fragen schon auf Gästeabenden gehört. Und zu allem Unglück stimmen dann noch Scharen von Brüdern in diesen Trauerchor ein. Unsere Zeichnungen und Zeitschriften sind voll von Aufrufen zur Tat, verurteilen die großen Worte, und ganze Freimaurerorganisationen schwenken auf diesen Weg ein, drängen ihre sozialpolitischen Forderungen, die von wenigen Oberen formuliert sind, den Behörden ihres Staates auf und werden dadurch letztlich zu politischen Organisationen. Das Komische im Zusammenhang mit solchen Aufrufen zur Tat ist, dass jene Rufer ja auch reden, also die Worte, die sie verurteilen, selbst ergreifen. Oft sind diese Aufrufe nur Ausdruck der Ratlosigkeit. Und diese ist in unserem Bunde ganz natürlich, wenn wir die Freimaurerei als Ganzes und das Handeln zur Verbesserung der Gesellschaft im Auge haben. Wir sind keine Fachorganisation und sollten uns nicht einbilden, z. B. als Großloge zu den Problemen der Zeit die geeignete Lösung parat zu haben. Was also ist zu tun? Was kann die Aufgabe der Freimaurerei überhaupt sein? Welche Möglichkeiten haben wir? Formulieren wir diese Frage in der Symbolsprache unseres Bundes, dann lautet sie: Welche Werkzeuge haben wir Freimaurer? Und sofort schnellt die Antwort aus dem Brudermunde: Wir haben den Spitzhammer für die Arbeit am Rauen Stein, mit dem wir unsere Ecken und Kanten abschlagen sollen. Ein schönes Bild, eine interessante Methode, die doch bedeutet, dass die Selbsterziehung zu unseren Zielen gehört. Selbsterziehung verhindert Manipulation durch Erzieher. Hier sind Selbsterkenntnis und Gewissensbildung gefragt. In dieser Methode liegen Chancen zur Verbesserung der Gesellschaft durch Selbstveredelung des Einzelnen. Der Pferdefuß dabei ist nur, dass diese edlen Ziele an Verstand und Vernunft des Einzelnen appellieren müssen, den Erziehungsprozess bei sich auch in Gang setzen zu wollen. Der Geist ist aber bekanntlich willig, während das Fleisch schwach ist. Und der Starke wird auch in anderen Organisationen und ohne solche ein edler Mensch werden. Was haben wir Freimaurer da noch zu bieten? Was unterscheidet uns eigentlich von anderen Organisationen mit ethischen Zielsetzungen? Das sind unsere Rituale. Dass hier gewisse Gemeinsamkeiten mit Religionen vorhanden sind, ist unstrittig; der entscheidende Unterschied zu diesen ist jedoch, dass unser Bund sich nicht durch einen spezifischen Gottesbegriff und entsprechende Dogmen von anderen Glaubensgemeinschaften abkapseln und somit nicht jene Trennungen verursachen kann, die oft schwerer zu überwinden sind als jede andere Meinungsverschiedenheit.
Fragen wir also, was in unseren Ritualen geschieht. Um dies herauszuarbeiten, müssen wir auf ihre Ursprünge zurückgehen: Versetzen wir uns in graue Vorzeiten des Menschengeschlechts zurück, vielleicht bis in die Zeit des Übergangs vom hochentwickelten Primaten zum Homo sapiens, so dürfen wir sicher sein, dass jenes «neue» Geschöpf die Drangsal der höheren Kreatur vor Dunkelheit und Tod mit hinübergenommen hat in das neue Reich. ¹ So war in den Anfängen des Sich-selbst-Bewusstwerdens jeder Sonnenaufgang ein Erlebnis göttlicher Liebe, der Erlösung von Dunkelheit und Kälte der Nacht. Ein Gleiches gilt im Jahreszusammenhang für den Frühlingsanfang, wenn die Länge der Tage erstmalig jene der Nächte überdauert. Dass dies keine bloße Spekulation ist, beweisen unzählige Bilder aus frühester Zeit, zumeist Höhlenmalereien, die als Symbole im echten Wortsinn gelten dürfen. Unter den grafischen Zeugnissen jener Epoche dominieren diejenigen, die sich auf die Sonne beziehen. ² Ihr Schwerpunkt befasst sich mit der Wanderung der Sonne durch die Nacht, vor allem aber durch die Unterwelt des Herbst-Winter-Halbjahres. Immer wieder begegnen uns bei seefahrenden Völkern Darstellungen
