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Krieg und Frieden: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles
Krieg und Frieden: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles
Krieg und Frieden: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles
eBook216 Seiten2 Stunden

Krieg und Frieden: Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles

Von John Maynard Keynes, Joachim Kalka und Dorothea Hauser

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Über dieses E-Book

Mit seinem Buch über die Folgen des Ersten Weltkriegs für Europa wurde John Maynard Keynes über Nacht ein berühm­ter Mann. Niemand hat prophetischer analysiert, warum der Ver­trag von Versailles einen neuen Krieg und bis heute schwelende ­politische Konflikte aus­lösen konnte. Keynes' glänzend geschriebene Polemik, von Joachim Kalka neu übersetzt, enthält die Darstellung der nie wieder erlangten Höhe von Europas Reichtum vor 1914 und den Ausblick auf die wenig hoffnungsvolle ­Nachkriegszeit. Kein anderer hat so anschaulich und mit analytischem Spott beschrieben, wie 1919 der Frieden verspielt und Europa unabsehbarer Schaden zugefügt wurde.

»Die sprichwörtliche Rede, wonach es leicht sei, einen Krieg zu beginnen, aber schwierig, einen ­gerechten Frieden zu stiften, bewahrheitet sich an wenigen Friedensschlüssen so wie am Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919. Seit fast hundert Jahren ist Keynes' Kommentar dazu von ungebrochener Aktualität.«
Rudolf Walther, Süddeutsche Zeitung

»Keynes ist nicht nur ein grandioser Ökonom und ein spannender Zeitzeuge gewesen, sondern auch ein großartiger Schriftsteller.«
Caspar Dohmen, Deutschlandfunk
SpracheDeutsch
HerausgeberBerenberg Verlag GmbH
Erscheinungsdatum9. Feb. 2024
ISBN9783949203886
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    Buchvorschau

    Krieg und Frieden - John Maynard Keynes

    Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919. G. Clemenceau (Frankreich), Woodrow Wilson (USA) und D. Lloyd George (GB) verlassen das Schloss von Versailles nach der Vertragsunterzeichnung.

    JOHN MAYNARD KEYNES

    KRIEG UND FRIEDEN

    Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles

    Aus dem Englischen von Joachim Kalka

    Herausgegeben und mit einer Einleitung von Dorothea Hauser

    BERENBERG

    Dorothea Hauser

    GELD UND MORAL

    EDITORISCHE NOTIZ

    VORBEMERKUNG DES ÜBERSETZERS

    John Maynard Keynes

    I. EINLEITENDES

    II. EUROPA VOR DEM KRIEG

    III. DIE KONFERENZ

    IV. DER VERTRAG

    V. DIE WIEDERGUTMACHUNG

    VI. EUROPA NACH DEM VERTRAG

    VII. HEILMITTEL

    ANMERKUNGEN

    ÜBER DEN AUTOR

    Dorothea Hauser

    GELD UND MORAL

    Noch jeder Friedensschluss hat den Charakter des Krieges, der ihm vorausging, in sich getragen. Man kann daher den Friedensvertrag von Versailles, der auf die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, folgte, auch als die Katastrophe nach der Katastrophe bezeichnen. Zu tief waren die Gräben, die der jahrelange Stellungskrieg auch in den Köpfen der Menschen hinterlassen hatte, zu groß auch die Versprechen, die alle Kriegsparteien für den Fall des Sieges vier Jahre lang ihren Bevölkerungen eingetrichtert hatten, als dass über den Gräbern von 10 Millionen Toten der 1914 begonnenen blutigen Selbstzerstörung Europas mit einem bloßen Federstrich hätte Einhalt geboten werden können. Vieles von dem, was die politische Instabilität jener beiden Jahrzehnte ausmachen sollte, die schon den Zeitgenossen oft düster als Zwischenkriegszeit erschienen, nicht zuletzt die finanzielle und wirtschaftliche Zerrüttung Europas, war weniger Folge des Friedensdebakels als vielmehr des Krieges selber.¹ Wenn auch der Mythos vom »Schandvertrag« sich bis heute hält: Versailles allein lässt sich kein deutsches Fatum andichten.

    Dass die Aufgabe, die sie sich vorgenommen hatten –nichts weniger als eine Neuordnung der Welt –, ihnen über den Kopf wachsen könnte, daran mochten die Staatsmänner, die 1919 in Paris ein halbes Jahr zusammensaßen, zunächst nicht denken. Und nicht nur sie: Als am 11. November 1918 endlich die Waffen schwiegen, hatte allenthalben große Zuversicht, ja sogar Begeisterung in der Luft gelegen. Denn von jenseits des Atlantiks erklang eine Heilsbotschaft, die dem traumatisierten alten Kontinent verhieß, dass das Massenopfer nicht umsonst gewesen sei: Man habe Krieg geführt, um in der Zukunft den Krieg zu verhindern und zugleich die Welt »safe for democracy«² zu machen. Sie wurde ausgegeben von dem Staatsoberhaupt jenes Landes, ohne dessen erst finanzielle, ab 1917 dann auch militärische Unterstützung die Entente den Krieg wohl kaum gewonnen hätte. 1918 schlug die Stunde Amerikas, dessen Aufstieg zur Weltmacht das einzige bleibende Ergebnis des Ersten Weltkriegs sein sollte.

    Die Vierzehn Punkte, die US-Präsident Wilson Anfang 1918 in Reaktion auf den bolschewistischen Umsturz in Russland verkündet hatte, waren seinerzeit nicht weniger revolutionär als die Parolen Lenins. Und die Bereitschaft der Menschen, an den Beginn einer neuen Ära der Weltgeschichte mit Frieden, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Völker zu glauben, war so umfassend wie die faktische Sinnlosigkeit des großen Schlachtens vorher. Nicht nur die Deutschen, die – durch den Schachzug ihrer Militärs, die unvermeidliche Niederlage in einem Moment anzuerkennen, in dem noch kein alliierter Soldat auf deutschem Boden stand – für Illusionen besonders empfänglich waren, wollten den Amerikaner beim Wort nehmen. Man kann die emotionale Verheißung, die die Menschen damals mit den Parolen des amerikanischen Präsidenten verbanden, gar nicht genug betonen: Als Wilson, der sich selber freilich eher als Missionar und moralischer Schiedsrichter verstand, im Dezember 1918 in Paris eintraf, war es, als ob der Messias käme. Der Jubel auf den Straßen wollte kein Ende nehmen und fand sein Echo in der weihevollen Hochgestimmtheit zahlreicher Friedensunterhändler.

    »Wir wollten nicht nur den Frieden vorbereiten, sondern den ewigen Frieden. Uns umgab der Glorienschein eines göttlichen Auftrags«,³ fasste der Diplomat Harold Nicolson im Rückblick die anfängliche Gefühlslage vieler in der britischen Delegation zusammen. John Maynard Keynes, der ihr als Vertreter des britischen Schatzamts in prominenter Stellung angehörte, teilte derlei Zuversicht nicht. Nicht zuletzt geprägt durch seine Zugehörigkeit zum avantgardistischen Londoner Künstlerkreis von Bloomsbury, ließ ihn seine schon den ganzen Krieg über skeptische Haltung, was staatsmännische Vernunft und Kompromissbereitschaft angeht, von vornherein auch für danach wenig Gutes erwarten. Zwar entlarvte auch Keynes, wie er Mitte April 1919 an einen Bloomsbury-Freund schrieb, Wilson umstandslos als »den größten Betrüger auf Erden«.⁴ Doch im Vergleich zu dem Ton enttäuschter Hoffnung, den der gar nicht kleine Chor angloamerikanischer Versailles-Kritiker bald anstimmte, war Keynes’ bereits im Dezember 1919 veröffentlichte Philippika Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages in weit geringerem Maße ein Produkt überzogener Erwartungen an die Friedensmacher. Im Gegenteil: Seine Polemik war von der Überzeugung getragen, dass auf den Trümmern des Weltkriegs die Zukunft nicht im Treibsand politischer Ideen und Leidenschaften, sondern zuallererst in der grenzüberschreitenden Rationalität der ökonomischen Sphäre liege. Eben dieses letzte Residuum der Vernunft aber, so sah es Keynes, drohte mit den in Versailles festgelegten wirtschaftlichen Friedensbedingungen dem Irrsinn einer politischen Zivilisation in extremis anheimzufallen, die nach Deutschlands kalkulierter Aggression gegen das neutrale Belgien vom August 1914 einen Weltenbrand entfesselt und ein Goldenes Zeitalter des Wohlstands beendet hatte.

    Hiermit formulierte Keynes, der seit seinen Cambridger Studientagen als Allroundgenie galt, nicht nur einen beispiellosen Überlegenheitsanspruch des Ökonomischen über die Politik. In seinen Augen drohten die finanziellen Klauseln des Versailler Vertrags durch eine wirtschaftliche Schwächung Deutschlands nicht allein die Verlierernation, sondern den ganzen Kontinent auch politisch zu ruinieren. Seine beißenden, nicht immer fairen Porträts der alliierten Friedenshäuptlinge gaben den Hintergrund für einen finsteren Ausblick: Keynes prophezeite nichts weniger als »einen langen Bürgerkrieg zwischen den Kräften der Reaktion und den verzweifelten Zuckungen der Revolution, vor dem die Schrecken des vergangenen Deutschen Krieges verblassen werden und der, gleichgültig wer Sieger ist, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation zerstören wird«.⁵ Freilich beließ es der Ökonom nicht bei diesem abgründigen Szenario. Vielmehr lieferte er seine Rettungsvorschläge, die er 1922 in einem Folgeband unter dem Titel Revision des Friedensvertrages noch weiter ausarbeiten sollte, gleich mit. Obwohl, wie das ganze Traktat, brillant und mit Herzblut geschrieben, waren sie angesichts des Völkerhasses und der politischen Evangelien, die nach dem Ersten Weltkrieg im Schwange waren, mit ihrem Beharren auf einem Frieden der ökonomischen Vernunft von großer Nüchternheit. Tatsächlich waren sie zu nüchtern. Denn für die Qualen und die Ängste des Hauptleidtragenden des Krieges, nämlich Frankreich, dessen Nordteil die Deutschen systematisch verwüstet und demontiert hatten, zeigte Keynes bemerkenswert wenig Empathie. Mehr noch: Das von ihm geforderte und für Europas Erholung unentbehrliche finanzielle Engagement der USA, die als Wirtschafts- und Handelsmacht fortan weltweit unangefochten blieben, ließ sich vorerst kaum erzwingen. Schließlich hatten die Amerikaner, obgleich durch den Krieg reich geworden und durch den späten Kriegseintritt relativ unverschlissen, selbst ihren ausgezehrten Koalitionären jeglichen Schuldenerlass verweigert. Gleichwohl lag Keynes’ Entwurf zu Recht die Erkenntnis zugrunde, dass allein Europas wirtschaftliche Verschränkung, notwendig angetrieben von der Wirtschaftslokomotive Deutschland, der Schlüssel für den Wiederaufbau wie auch die politische Aussöhnung des kriegsversehrten Kontinents sei. Sein furioses Pamphlet ist, was allzu oft übersehen wird, gleichermaßen eine Kampfansage gegen Versailles wie eine frühe Werbeschrift für das Programm einer europäischen Integration. Man kann es mit Blick auf den weiteren Fortgang des 20. Jahrhunderts nicht ohne Erschütterung lesen.

    So entwickelte Keynes mit seinem Vorschlag einer amerikanischen Anleihe für den europäischen Wiederaufbau nicht nur den blueprint für einen Marshallplan, wie er dann unter seinem wesentlichen Einfluss nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest dem westlichen Teil Europas zugutekommen sollte. Im Vorgriff auf das, was 1955 eine grundlegende Doktrin der Nato wurde, formulierte er zugleich das Postulat, dass Sicherheit vor Deutschland nur Sicherheit mit Deutschland sein könne. Vor allem aber plädierte er für die Gründung einer europäischen Freihandelsregion, der neben Deutschland und den anderen Staaten Zentral- und Osteuropas auch die Türkei angehören sollte. Tatsächlich erschien Keynes dieses Projekt derart dringlich, dass er in einer Passage, die den Artikel 23 des EWG-Vertrags von 1957 gleichsam vorwegnahm, für Deutschland sowie die 1919 neu geschaffenen Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reichs eigens eine zehnjährige Mitgliedspflicht unter Aufsicht des Völkerbunds vorsah. Für alle anderen Länder hingegen, Frankreich und Italien zumal, sollte der Beitritt zur europäischen Wirtschaftsunion freiwillig sein. Dabei hielt Keynes die Beteiligung Großbritanniens von Anfang an zwar für sinnvoll und wünschenswert. Doch er ging gleichzeitig davon aus, dass England, dessen Zwischenkriegsjahre heute als »Zeitalter der Illusionen«⁶ gelten, sich in einem »Übergangzustand«⁷ befinde und deshalb »immer noch außerhalb Europas«⁸ stehe. Keynes’ Lehre aus Versailles – »jedenfalls mußte ich als Engländer, der an der Pariser Konferenz […] teilnahm, […] zum Europäer werden«⁹ – blieb allerdings nicht nur in seinem Heimatland weitgehend ungehört. Stattdessen sollte mit der Verwirklichung seiner Ideen erst rund vierzig Jahre später, nach einem weiteren Weltkrieg, durch die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft begonnen werden. Und bis zur Teilhabe der 1919 neu entstandenen Staaten Osteuropas an einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, von der Keynes in seinem Entwurf ganz selbstverständlich ausgegangen war, mussten gar noch einmal fast fünfzig Jahre vergehen. Das Drama Europas mag seit den Tagen Keynes’ nicht zuletzt darin bestehen, dass sein Zusammenhalt eben nicht am lodernden Feuer verheißungsvoller Utopien erdacht und beschlossen, sondern im Gegenteil gegen sie erkämpft werden musste, weil er – ganz ohne Fanfaren – schlicht eine zwingende Tatsache darstellt. Vernunft allein wärmt damals wie heute nicht jeden. Gerade Europas unentrinnbare Zweckmäßigkeit, mithin die Gefahr seiner Verunglimpfung als bloßer Zweckverband, wird seine Schwäche bleiben.

    Was 1919 in Paris geschah, war ein Schauspiel, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, und ein vergleichbares diplomatisches Massenspektakel hat es auch nie wieder gegeben. Paris, wo nicht nur die leeren Fensterhöhlen von Notre Dame, die schwarz gekleideten Frauen in den Straßen und die vielen Lazarette an den eben erst beendeten Krieg erinnerten, war damals sechs Monate lang nichts weniger als die Hauptstadt der Welt. In einer Zeit, in der der größte Teil des Globus keine eigene Staatlichkeit, sondern Kolonialstatus besaß, war außer dem revolutionären Russland quasi die gesamte Menschheit vertreten. Während die Kriegsverlierer – Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei – mehr oder minder nur am Katzentisch saßen, waren dreißig Länder aus allen fünf Kontinenten von den Siegermächten offiziell geladen. Und mit den Regierungschefs und ihren Ministern kamen nicht nur die Journalisten und Lobbyisten, sondern mehrere Tausend Staatsbeamte und Unterhändler, Sachverständige und Berater, die sich tagaus, tagein in Gremien und Stäben, Kommissionen und Unterkommissionen zusammenfanden. Im Gefolge des amerikanischen Präsidenten sollen sich allein 1300 Bürokräfte befunden haben, die eigens aus den USA herübergeschifft worden waren. Hinzu gesellten sich zahllose politische Bittsteller jeglicher Couleur sowie ernannte und selbst ernannte Fürsprecher all jener, die den Ruf Wilsons nach Freiheit und Selbstbestimmung für alle Völker persönlich nahmen. Die Kunde von den Vierzehn Punkten setzte noch in der entferntesten Erdengegend die Leute in Bewegung. Nicht alle kamen rechtzeitig: Die Vertreter der koreanischen Minderheit in Sibirien, die den weiten Weg nach Paris zu Fuß antraten, hatten zum Schluss der Hauptkonferenz Ende Juni 1919 nach monatelangen Märschen erst den Eismeerhafen Archangelsk erreicht. Andere wurden bitter enttäuscht. Ho Chi Minh etwa, der spätere Vietcong-Führer, der während der Konferenz als Küchengehilfe im Hotel Ritz arbeitete, stieß mit seinem Appell für das vietnamesische Volk auf ebenso taube Ohren wie der Schwarzenführer DuBois mit seiner Forderung nach der Unabhängigkeit Afrikas. Kein Gehör zu finden sollte 1919 nicht nur das Schicksal der Deutschen sein.

    Versailles und die anderen Pariser Vorortverträge – Trianon, Saint-Germain, Sèvres und Neuilly – sind in vielerlei Hinsicht Dokumente des Übergangs. Denn mit dem Ersten Weltkrieg, dem Untergang des Zaren-, des Habsburger- und des Osmanischen Reiches sowie dem Eintritt der USA in die Weltpolitik war es nicht nur um das sogenannte Konzert der fünf europäischen Großmächte geschehen. Vorbei war es auch mit der aristokratischen Überschaubarkeit der diplomatischen Sphäre und somit der Institution des feierlichen Friedenskongresses, mit dem in Zeiten der klassischen »Großen Politik« die europäischen Kabinette das Mächtegleichgewicht nach jedem Waffengang neu austariert hatten. Für den völligen Strukturwandel der internationalen Beziehungen nach 1918 haben Historiker denn auch den Begriff der »Diplomatischen Revolution« geprägt. Gemeint ist die rapide Zunahme der auf der internationalen Bühne handelnden Staaten, das explosionsartige Anwachsen der Zahl außenpolitischer Akteure, die Konferenzdiplomatie und das Sondermissionswesen, die Völkerbundsidee und der Schiedsgerichtsgedanke, die Deklarationsdiplomatie und die Anerkennung der öffentlichen Meinung durch das Bemühen um demokratisch legitimierte public diplomacy statt der zuvor gepflegten Geheimpolitik. Der Pariser Konferenz mag eine dauerhafte Friedensordnung nicht gelungen sein; eine Epochengrenze der Völkerrechtsgeschichte und der internationalen Beziehungen bleibt sie allemal.

    Indessen geriet 1919 der Konferenzmarathon schon seines schieren Ausmaßes und seiner Dauer wegen zur Karikatur der alten Kongressidee. Nachdem in den ersten zwei Monaten mehr

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