Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte-Meo-Methode
Von Christian Hawellek und Ursula Becker
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Über dieses E-Book
Christian Hawellek
Dr. phil. Christian Hawellek (1951-2024), Diplom-Pädagoge, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Erziehungs-, Ehe- und Familienberater, war Leiter des Norddeutschen MarteMeo-Instituts. tuts und Lehrbeauftragter der Universität Osnabrück.
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Buchvorschau
Menschen mit Demenz erreichen und unterstützen – die Marte-Meo-Methode - Christian Hawellek
Der Kontext
1Vorbemerkung
Ein Text, der sich die Aufgabe stellt, die Möglichkeiten systemischer Hilfen für die Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen¹ zum Thema zu machen, passt ausgezeichnet zu einer Buchreihe mit den Überschriften »Leben. Lieben. Arbeiten«.
Unter allen drei Schlagworten lassen sich besondere Herausforderungen der Situation von Menschen mit Demenz ausmachen.
Leben: In ihrer Lebensgestaltung und -bewältigung sind sie in unterschiedlichem Maße auf die Sorge und Fürsorge ihrer Umgebung angewiesen. Damit gehen für alle Beteiligten viele Fragen, erhebliche Herausforderungen und Konflikte einher; z. B. die Frage, wie viel Autonomie den Betreffenden in konkreten Situationen zugestanden wird und werden muss. Wie wird Verantwortung übernommen, abgenommen, zugesprochen bei kleineren oder auch größeren Entscheidungen? Wer entscheidet etwa über größere finanzielle Ausgaben, über Umzug oder Verbleib in der Wohnung oder über das Steuern eines KFZ? Welche Entscheidungen müssen einvernehmlich getroffen werden und welche gegebenenfalls gegen den Willen der Betroffenen? Wie kann den Wünschen der Betroffenen entsprochen werden und wie können gleichzeitig die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder im Blick behalten werden?
Hinter all diesen Fragen in ihren individuellen und spezifischen Ausformungen steht die allgemeinere Frage danach, wie ein Leben zu seinem Ende hin mit Achtung, Würde und Respekt für alle Beteiligten so gestaltet werden kann, dass Wohlbefinden und Lebensfreude darin noch einen angemessenen Platz finden können.
Lieben: Lebensgeschichten sind über weite Strecken hinweg Liebesgeschichten. Schon Sigmund Freud hat Lieben und Arbeiten als die zentralen menschlichen Lebensaufgaben herausgestellt – wenn diese gelingen, gelingt das Leben.
Die Schicksale und Verläufe der Liebe prägen wesentlich den Gestaltungswillen und die Antriebskräfte der Menschen. Die Liebe hat sehr unterschiedliche Prägungen. Sie beginnt mit der Eltern-Kind-Liebe, die sich im frühen Bindungsgeschehen ausdrückt und ein Leben lang in unterschiedlichen Beziehungen sowohl einen Widerhall wie auch eine eigene Prägung erhält. Das, was Liebe ausmacht, dehnt sich auch aus auf die Liebe zum Beruf, zur Musik und zu allem, was eine nachhaltige innere Berührung und ein Berührt-Werden erlaubt.
Menschen mit Demenz verlieren ihre kognitiven Fähigkeiten, ihren Orientierungssinn und Teile ihres Erinnerungsvermögens, nicht aber ihre Fähigkeit zu fühlen und damit die Befähigung, liebevolle Gefühle zu hegen. Gleichzeitig sind sie in ganz besonderem Maße darauf angewiesen, sich als geliebt, berührt, gesehen und wahrgenommen zu erleben – trotz ihrer und mit ihren Einschränkungen und in dem, was sie ausmacht und was unauslöschlich ist.
Arbeiten: Für die meisten Menschen ist die Arbeit ein wesentlicher Teil ihrer Identität. Neben dem Broterwerb vermittelt sie Lebenssinn, nämlich die Idee, einen nützlichen Beitrag geleistet zu haben, für die Familie, die Gesellschaft oder auch für bestimmte Projekte. Bei demenziellen Entwicklungen kann sich auch die Erinnerung an die Arbeit, an den Beruf auflösen. Das Bedürfnis nach einer Bestätigung, ein sinnerfülltes Leben gelebt zu haben, bleibt erhalten. In der Biografiearbeit mit demenziell veränderten Personen wird die Erinnerung an das Vergessene wieder aktiviert, wenn die Betroffenen hören, dass Menschen, die sie betreuen, wissen, wer sie sind oder waren. Auf diesem Weg werden Möglichkeiten geschaffen, verschlossene Erinnerungsfenster sozusagen von außen wieder zu öffnen. Die betreuenden Personen werden zu Gewährsleuten für ein Leben, das einmal bestanden hat und immer noch der Person zugesprochen wird. Auch in ihrem aktuellen Leben möchten Menschen mit Demenz am alltäglichen gemeinschaftlichen Leben teilhaben. Gelingt dies, fühlen sie sich gesehen und wertgeschätzt. Neben der privaten Seite der menschlichen Identität gibt es immer auch eine öffentliche Seite. Wenn das eigene Bild von sich als ein gesellschaftlicher Jemand verloren geht, kann der Zuspruch von außen dieses Bild wieder lebendig werden
