DER DICHTUNG ZAUBERISCHE HÜLLE: DIE FREIE TOCHTER DER NATUR
Von Mäander Visby
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Mäander Visby
*1985 Thüringen.
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Buchvorschau
DER DICHTUNG ZAUBERISCHE HÜLLE - Mäander Visby
I.
An einem Tag wie diesem, nach langwierigen und kräfteraubenden Arbeitsstunden, wollte ich, an einem für heutige Klimaverhältnisse nicht ungewöhnlich warmen Frühlingsnachmittag, eine Weile der hiesigen Welt entsagen und erstmals in dieser Saison mich dem kühlen Nass eines Sees hingeben, um, wie ich es schon seit Jahren eine willkommene Abwechslung zu meiner tristen Tätigkeit nenne, schwimmen zu gehen.
Die Krumme Lanke, ein beschauliches Fleckchen im Südwesten Berlins, dort, wo die meisten Menschen das sehenswerte Panorama betrachten würden, das, wie ich später erfahren sollte, von Gott geschaffen und wie ein Gemälde von ihm farbenfroh bemalt wurde, war mir für meine Zwecke stets ein treuer Diener geistiger und körperlicher Erfrischung.
Die scheinbar belastbarste Wurzel, eines in den See ragenden Baums, war mir unbedenklich und hoch genug, um mich fallen zu lassen, und so sprang ich, um nicht augenblicklich wieder zu sinken, in den sterbenden Sonnenhimmel hinauf, um den einen berauschenden Moment zu erhaschen, der wie eine Schwerelosigkeit wirken kann, und fiel sofort in die stille und menschenleere Tiefe, die für mich zugleich als eine Waschstraße fungierte, in der ich meine Sorgen und Ängste von der Haut abzuspülen wusste, sodass ich mich, aufgrund der reinigenden Wirkung des Wassers, nimmermüde und frohen Mutes auf die künftig anliegenden Aufgaben in ungezwungener Aufbruchstimmung einlassen konnte.
Es war für ein verhärmtes Herz ein pathetisches Gefühl in Umgebung wilder Natur eine Art privates Freibad zu besitzen, dessen Bezeichnung, wie ich mir vorstellte, nicht durch den freien Himmel herrührte, sondern ausschließlich das freiheitliche Sein eines jeden Lebewesens umschrieb, das, losgelöst von jeglicher Last, das uneingeschränkte Leben zu genießen verstand. Trotz der Freiheit, die ich empfand, durfte ich, wie gewiss in anderen Situationen auch, nicht unvernünftig sein, und nicht weitaus länger im Wasser verweilen, als mir gut tun würde, letztlich war die Wassertemperatur zu dieser Jahreszeit noch allzu unbeständig, sprich zu kalt für einen ausgedehnten Aufenthalt, und durch die Tatsache, dass weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, sollte mir das Risiko zu gewagt erscheinen, falls ich Hilfe nötig hätte, aber sie augenscheinlich nicht bekommen könnte. Trotz aller Bedenken wollte ich dennoch die Gelegenheit nutzen, die kleine Insel in der Mitte des Sees zu begutachten, die geschätzt nicht größer als drei Meter Durchmesser umfasste und der Sage nach einem Kranichpaar als Behausung diente, da, von Menschenhand errichtet, auf ihr ein nahezu eineinhalb Meter hohes Holzhaus platziert wurde, das aber, nach Angaben vieler älterer Zeitzeugen, seit mindestens drei Jahrzehnten kein Kranich mehr bewohnt hatte und wahrscheinlich, durch die anhaltende Geräuschkulisse – gerade in den Sommermonaten von den zahlreichen Besuchern hervorgerufen – auch bis in alle Ewigkeit verwaist bleiben sollte.
Um mich derweil im gefühlt eiskalten Wasser etwas zu erwärmen, schwamm ich mit einem wetteifernden Hintergedanken der Insel entgegen, die aus zwei Richtungen vom Ufer lediglich einen illusorischen Steinwurf entfernt schien, was insofern wichtig zu erwähnen ist, da rabiate Halbstarke durchaus schon einmal beiläufig versucht haben vom Festland aus die Insel und das Holzhaus mit allerhand Wurfgeschoss als Zielscheibe in Beschlag zu nehmen, was jedoch bisher zu keinem Erfolg führte, denn als ich an dem winzigen Eiland ankam, war von einer vollzogenen Steinigung kein rückwirkender Schaden zu erkennen. Auch das Holzhaus war noch gut in Schuss. Kranichliebhaber oder Sympathisanten einer naturumwobenen Idylle reparierten hin und wieder das durch äußere Einflüsse in Mitleidenschaft gezogene Häuschen und schauten öfters vorbei, ob nicht irgendwelche Pachulken Schindluder getrieben hatten, wie zum Beispiel unerlaubt am Ufer ein Barbecue zu veranstalten und, nach dem barbarischen Festmahl, den verkohlten Grill mit einem Schlauchboot zur Insel zu befördern, um ihn dann – in einem Anfall weltfremder Komik – auf das Dach der Behausung abzustellen und – als Zeichen des zeitgenössischen Wahnsinns – wohlweislich der Nachwelt dort zu hinterlassen. Genau dieses Szenarium geschah nämlich letzten Sommer, was nicht nur mich sehr wütend und jähzornig gemacht hatte.
Nun war aber alles in Ordnung, sauber und ohne einen Makel der privilegierten Natur überlassen, sodass ein nie endender Hoffnungsschimmer aufkommen wollte, auf dass eines Tages die rechtmäßigen Mieter ihre heiligen vier Wände wieder beziehen würden.
Es hatte schon etwas königliches die Insel zu betreten und die Aussicht wahrzunehmen, die sich in alle Himmelsrichtungen weitreichend erstreckte, sodass das tadellos geschulte Auge suggerierte, auf dem Wasser gehen zu können, wie es ebenso Christus tat. Nach einem erbaulichen und zufriedenen Gefühl, das mein Herz erwärmte, nahm ich einen kräftigen Atemzug, sprang neuerlich ins Wasser und schwamm gen Ufer zurück, nicht ohne noch einmal auf den Grund des Sees zu sinken, wie ich es immer tat, um aus einer gefallenen Symbolik bestärkt emporzusteigen und als neugeborenes Individuum den Kampf gegen den tristen Alltag und die tonangebende, aber mit unlauteren Argumenten mir zu Ohren gekommene Menschheit, mit einer extra für mich angefertigten fest vertäuten Rüstung – zuweilen auch als geistige Gepäcklage – aufs Neue aufzunehmen.
Ich bin gefallen und sogar bis an die tiefste Stelle gesunken, doch ich tauchte immer wieder auf, so wie Edyta zum ersten Mal aufgetaucht war, als sie plötzlich am Ufer hockte und mir zusah, wie ich emsig durch das Wasser glitt und mit zielsicherem Periskop, in wohltätiger Betäubung, den vor mir liegenden Hafen ansteuerte, als wäre ich ein Partikulier mit Alleinstellungsmerkmal.
››Du bist aber mutig‹‹, rief ein schaurig verschwommenes Wesen mit dumpfer Stimme, während meine noch mit Wasser durchtränkten Augen glaubten ein Trugbild wahrzunehmen.
Ich verstand die sich für mich als weiblich abzeichnende und interessiert blickende Gestalt auch erst, als ich mich von dem störenden Druck auf meinen Ohren in schlagkräftiger Weise befreien konnte, und sie verständnisvoll, wissend um meine beeinträchtigte Hörfähigkeit, wiederholte:
››Du bist aber mutig.‹‹
Ich wusste ihr im ersten Moment nicht zu antworten, noch in irgendeiner menschlichen Gebärde ihr eine Bestätigung oder einen Dank dafür auszusprechen, falls ich ihre Worte als ein Kompliment aufzufassen hatte, deshalb ging mir einzig und allein ein unzureichendes und an Wasser hart verschlucktes ››Ja!‹‹ über meine bibbernden Lippen.
Im Anschluss daran beherrschte erst einmal ein bedrückendes Schweigen das ungeahnte Aufeinandertreffen, wobei nur die Wassertropfen, die von meinem nackten Oberkörper abfielen, hörbar in die Lautlosigkeit eines um uns gebildeten Raums plätscherten. Mir fehlte jeder Behelf diese unangenehme Stille in ihrer stabilen Architektur und ihrem Geschick an eigener Wirkung zu brechen, also ließ ich sie wehrlos, aber auch furchtlos über mich ergehen.
Die Tatsache, dass ich in einer Wassertemperatur stand, die fähig war, mich unmittelbar zu unterkühlen, meinem Körper aber schlichtweg immer wärmer wurde, beunruhigte mich offen gesagt, da die Wissenschaft wie auch der zusammengeschrumpfte, doch immerhin noch vorhandene Verstand in solchen Fällen zum sofortigen Verlassen der Kälte aufruft, mich allerdings dieses Alarmsignal längst nicht erreichen wollte, weil meine gespitzten Ohren bloß einen Laut aus meinem Mund erwarteten, der an das augenscheinlich hübsche Fräulein gerichtet werden sollte.
Ihre Sprachlosigkeit dagegen schien genau durchdacht und sie wirkte, als hätte sie von einem abgehärteten Freischwimmer weitaus mehr erwartet als jene eingeschüchterte Reaktion, die ich offen zeigte, wie ein verängstigtes Kind, das seine Eltern im Supermarkt aus den Augen verloren hatte, weil es sich zu lange an dem ungesunden Fraß aufhielt und sich nicht entscheiden konnte zwischen Paprika- oder Käsegeschmack. Die Stirn runzelnd gab sie mir nun zu erkennen, dass ihre Hoffnung auf einen funkensprühenden Dialog ein jähes Ende nehmen würde, wenn ich weiterhin die Gelegenheit nicht einzuschätzen, aber wichtiger noch, nicht zu schätzen wüsste.
››Der Stillstand lässt dich erstarren und erfrieren, und du solltest dich jetzt besser aufwärmen, sonst erkältest du dich‹‹, sagte sie und fügte ratsam hinzu: ››Komm lieber aus dem Wasser!‹‹
Darauf wusste ich zu kontern, denn der Umstand, dass ich nicht nur über, sondern ebenso unter dem magischen Wasserspiegel unbekleidet war, ließ mir einen Spielraum, ja, diente mir womöglich als ein Ass im Ärmel – wenngleich mir diese unverkennbar fehlten –, sie genauso zu verunsichern, wie sie mich seit ihrem Erscheinen.
››Ich würde gerne aus dem Wasser steigen,‹‹ leitete ich meinen Gegenstoß ein, ››aber das kann ich nicht so ohne Weiteres tun, denn ich bin nackt – vollkommen nackt.‹‹
Sie errötete schneller als ein mit roter Farbe vollgesaugter Pinsel das blanke Blatt Papier bemalen konnte, machte jedoch dabei keinerlei Anstalten eine diskrete Position einzunehmen, die es mir ermöglicht hätte, mich ungesehen aus der Affäre zu ziehen. Ich hatte ehrlich gesagt keine Befürchtung, dass sie nicht alsbald reagieren würde, vielmehr genoss ich ihre Perplexität, die sie ausstrahlte, und ließ uns einen Augenblick noch in dieser beklemmenden Peinlichkeit verweilen. Erst über den Zenit des Augenblicks hinaus bat ich sie darum, sich kurz einmal von mir abzuwenden, um mir die Gelegenheit zu geben mich zu trocknen und schließlich wieder zu bekleiden. Beinahe überfordert von dem, was ich da Außergewöhnliches von ihr verlangte, wirkte sie anfangs etwas unbeholfen und grotesk, drehte sich aber dann doch in einer hastigen Bewegung von mir weg und sagte leicht stotternd:
››Natürlich! Ich bitte um Verzeihung!‹‹
Ich stieg zügig aus dem Wasser und hatte das Gefühl, dass die mir Unbekannte der Situation endlich Herr geworden war, denn sie verstand es – in der ansonsten kurzweiligen Bekleidungsphase, aber durch meine fast zum Eisberg erstarrten Bewegungsarmut, die ein rasches vonstattengehen nicht zuließ – nicht etwa meinem Schicksal mich selbst zu überlassen, da sie prompt damit begann unentwegt auf mich einzureden, um die kaum wahrnehmbaren, aber nun ungeheuer präsenten Geräusche der Trockenreibung spezieller Körperregionen oder die Klaviatur des Schließens des Hosenstalls en passant zu übertönen.
››Ich heiße Edyta‹‹, sagte sie als wäre es eine Offenbarung, und ich dachte daran, dass ich einen derartig prononcierten Namen noch nie zuvor gehört hatte. ››Das ist ein polnischer Name. Ich bin nämlich zur Hälfte Polin‹‹, sagte sie in einem perfekten deutsch. Und wie schon in ihren ersten Mitteilungen, war nicht der Ansatz eines fremdartigen Akzents in ihrer Stimme zu erkennen, sodass ich davon ausgehen musste, dass ihre andere Hälfte auf deutschem Boden ihre Wurzeln geschlagen hatte. ››Ich war als Kind oft in Polen bei meinen Großeltern. Und ja, ich bin weitestgehend in beiden Ländern beheimatet und sicher in der deutschen als auch in der polnischen Sprache. Es sind zwei wunderschöne Nachbarstaaten. Beide haben viele Seen, und trotz der massiven und beeindruckenden Bauwerke, insbesondere hier in Berlin, erstrecken sich allerhand grüne Herzstücke auf der Landkarte, an denen man, bei Eintritt in die urromantische Atmosphäre, sich wohlig und geliebt fühlen kann‹‹, hielt sie eine Lobrede auf die deutsche und polnische Natur, während sie ihre Arme ausbreitete, als ob sie den vom Frühling gezeichneten Wald um den See herum in fieberhafter Achtbarkeit umarmen wollte.
Edyta, die mir unaufhörlich den Rücken zuwandte, wusste, dass ich ihre allumfassende Geste hätte bemerken können, doch sie störte sich nicht daran und sollte auch, wie ich ein ums andere Mal bemerkte, mit ihrer unvergleichlich parabolischen Gefühlslage nicht hinter dem Berg halten.
Ich verriet ihr nun meinen Namen und rief ihr außerdem zu: ››Du kannst dich wieder umdrehen!‹‹
Indes nahm ich meinen Rucksack auf und ging langsam, in schwebender Ungewissheit über die wirkliche Identität des Fräuleins, auf sie zu. Sie zögerte und drehte sich erst zu mir um, als ich hinter ihr angekommen war und sie meinen ungleichmäßigen Atem schon in ihrem Haar spüren musste, sodass sich unsere Blicke, wie untereinander verabredet, zur gleichen Zeit trafen.
Ihre Augen funkelten in einem erdigen Farbton – kein undurchdringbares braun, wie es in den südlichen Ländern oft der Fall ist, mehr ein frisch umgegrabenes braun, das, nach längerer Zeit im Verborgenen, wieder von der Sonneneinstrahlung zehren und, reich an Saat gespickt, gedeihen konnte. Ihr Haar stand ihren Augen in nichts nach: Es war auf der bunten Farbpalette merklich eine Nuance dunkler als ihre schimmernden Augen angesiedelt und bedeckte in lockiger Form ihren Kopf bis zu den Schultern, dass ein jeder schöngeistige Betrachter, wie auf ein Gemälde auf sie blickend, der Meinung sein musste, dieses Fräulein sei mit Liebenswürdigkeit gesegnet und eben vortrefflich gelungen.
››Nochmals Hallo!‹‹ sagte sie mit Blick auf meinen bekleideten Körper.
Und auch ich ließ mich zu einem ››Nochmals Hallo!‹‹ ermuntern, wobei ich ihre Augen nicht außer Acht zu lassen versuchte.
›Es würde mir nicht schwer fallen Edyta zu mögen‹, dachte ich – sie war eine Augenweide in ihrem gelben Sommerkleid, in dem sie sportlich, doch gleichfalls weiblich und zierlich wirkte. Hätte sich Edyta nicht bereits als gebürtige Polin vorgestellt, wäre sie glatt als Verkörperung der französischen Marianne durchgegangen. Und ja, hätte sie das Kommando gegeben, ich wäre schnurstracks mit ihr, furchtlos und treu ergeben, in die Schlacht gezogen, hätte an ihrer Seite gekämpft, mein Blut für sie vergossen und wäre, ohne zu zögern, auch für sie gestorben. Und ich wollte ihr folgen und musste ihr folgen – den Weg mit ihr gehen, Seite an Seite um den See, der mich durch Edytas magische Anziehungskraft einmal mehr verzaubern und in Erstaunen versetzen sollte.
››Wie lange braucht man denn eigentlich um den See herum?‹‹ fragte sie unbedarft, und ich wusste durch ihren verschmitzten Gesichtsausdruck und den bis unters Haar hochgezogenen Augenbrauen, dass ihre Frage auf etwas anderes abzielte als auf
