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Souk el Bazar: GESCHICHTEN und MÄRCHEN vom Maghreb zum Maschrek
Souk el Bazar: GESCHICHTEN und MÄRCHEN vom Maghreb zum Maschrek
Souk el Bazar: GESCHICHTEN und MÄRCHEN vom Maghreb zum Maschrek
eBook226 Seiten2 Stunden

Souk el Bazar: GESCHICHTEN und MÄRCHEN vom Maghreb zum Maschrek

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Über dieses E-Book

"Souk el Basar" ist eigentlich ein Pleonasmus, das heisst beide Wörter bedeuten dasselbe: "orientalischer Markt". "Souk" ist der arabische Begriff, "Basar" der persische. Damit möchte ich die ungefähre Grösse der arabischen Welt am Ende des Mittelalters andeuten.
Eine Hochkultur, die vom Maghreb bis zum Maschrek, von Andalusien, Marokko im Westen, bis nach Kairo, Damaskus, Bagdad, ja sogar bis nach Indien reichte.
Eine Zeit, die berühmte Mathematiker, Ärzte, Geografen, Historiker, Baumeister und Dichter hervorbrachte.
Kunst und verfeinerte Lebenskultur in einer Zeit, die wir in Europa das graue Mittelalter nennen, als sich die Ritter gegenseitig die Köpfe einschlugen.
Auch die arabische Kultur hat den eigenen Zerfall und Niedergang nicht aufhalten können. Bruderkriege und schliesslich der Imperialismus haben dem goldenen Zeitalter ein Ende gesetzt.
Geblieben sind prachtvolle Bauwerke, Museumsgüter und vielleicht noch ein paar Geschichtenerzähler in Istanbul oder in Damaskus, die von der alten, glorreichen Zeit erzählen.
Es bleibt uns die Hoffnung, dass die, momentan arg gebeutelte arabische Welt in naher Zukunft Frieden finden wird und an den alten Kulturtraditionen wieder anknüpfen kann.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum31. Aug. 2020
ISBN9783752991307
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    Buchvorschau

    Souk el Bazar - Johann Widmer

    Souk el Basar

    Souk el Basar

    Vorwort

    Der fliegende Teppich

    Das goldene Chomsa

    Der dritte Schuh

    Die Wunderlampe

    Der Wasserverkäufer

    Jasmin

    Fil-fil

    Der Webstuhl

    Das Schwert des Islam

    Ali Ben Lagmi

    Smid As-Sidd

    Die Siniye

    Rummaan

    Azraq

    Der kleine Blumenverkäufer

    Der Meisterdieb

    Habibii

    Mawsi und Lawsi

    Sindbad

    Souk el Basar

    GESCHICHTEN und MÄRCHEN

    vom Maghreb zum Maschrek 

    Johann Widmer

    Band 2

    Souk el Basar ist eigentlich ein Pleonasmus.

    Beide Wörter stehen für ein und denselben Begriff, den orientalischen Markt. 

    Souk ist das arabische Wort, Basar das persische.

    Vom Maghreb zum Maschrek, also vom Sonnenaufgang (Maschrek = der Osten) bis zum Sonnenuntergang (Maghreb = der Westen).

    Der Maschrek umfasst den Nahen Osten mit Bagdad, Damaskus, El Quds und den heiligen Städten bis ins ferne Land Hind (Indien), der Maghreb dehnt sich aus bis nach Marrakesch und Cordoba in el Andalus (bis 1492)

    Stiftung Augustine und Johann Widmer, Hrsg.

    © Stiftung Augustine und Johann Widmer

    Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Bildungszentrums reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

    www.johann-widmer.ch

    ISBN: siehe Umschlag

    1. Auflage 2020

    Vorwort

    «Souk el Basar» ist eigentlich ein Pleonasmus, das heisst beide Wörter bedeuten dasselbe: «orientalischer Markt». «Souk» ist der arabische Begriff, «Basar» der persische. Damit möchte ich die ungefähre Grösse der arabischen Welt am Ende des Mittelalters andeuten.

    Eine Hochkultur, die vom Maghreb bis zum Maschrek, von Andalusien, Marokko im Westen, bis nach Kairo, Damaskus, Bagdad, ja sogar bis nach Indien reichte.

    Eine Zeit, die berühmte Mathematiker, Ärzte, Geografen, Historiker, Baumeister und Dichter hervorbrachte.

    Kunst und verfeinerte Lebenskultur in einer Zeit, die wir in Europa das graue Mittelalter nennen, als sich die Ritter gegenseitig die Köpfe einschlugen.

    Auch die arabische Kultur hat den eigenen Zerfall und Niedergang nicht aufhalten können. Bruderkriege und schliesslich der Imperialismus haben dem goldenen Zeitalter ein Ende gesetzt.

    Geblieben sind prachtvolle Bauwerke, Museumsgüter und vielleicht noch ein paar Geschichtenerzähler in Istanbul oder in Damaskus, die von der alten, glorreichen Zeit erzählen.

    Es bleibt uns die Hoffnung, dass die, momentan arg gebeutelte arabische Welt in naher Zukunft Frieden finden wird und an den alten Kulturtraditionen wieder anknüpfen kann.

    Der fliegende Teppich

    An einem kühlen Frühlingsmorgen schlenderte ich durch die engen Gassen des Souk von Damaskus. Der Souk, das ist nichts anderes als der Markt, der aber nicht auf einem weiten Platz stattfindet, sondern in einem Gewirr von engen, verwinkelten und überdeckten Gassen. Aber, um es noch genauer zu sagen, ist der Souk, anderswo heisst er auch Bazar, nicht nur ein grosses Einkaufszentrum, sondern er beherbergt auch gleich noch die vielen verschiedenen Handwerker, die all die schönen Dinge herstellen, die da zum Kaufe angeboten werden. Da herrscht immer ein überaus buntes Treiben. Käufer, fliegende Händler, Schaulustige, Taschendiebe und Müssiggänger lassen sich zwischen den Verkaufsständen und Läden einfach so dahintreiben. Turbane, Keffiehs, bunte Kopftücher und verschleierte Frauen wogen vorbei, manchmal überragt von einem Reiter, hoch zu Esel, Stimmengewirr, Summen, ein ferner Gesang, schrille Rufe wütender Eseltreiber dringen an unser Ohr und die Nase erschnuppert alle möglichen Wohlgerüche Arabiens. Vor allem in der Nähe der grossen Moschee, wo die vielen Parfumhändler ihre Butiken haben, bei den Gewürzhändlern, in der Gasse der Schuhmacher oder bei den Seifenhändlern, da riecht es so wunderbar.

    Ich hatte beim Bäcker einen flachen Laib Bedouinenbrot gekauft, auf dem Gemüsemarkt etwas Suppengemüse und ein paar Orangen und schlenderte nun ziellos durch die Gassen. In der Strasse der Weber und Teppichhändler traf ich Amir ben Mahmoud, der ein alter Freund von mir ist. Er lud mich ein, seinen Laden zu betreten und ihm die Ehre zu erweisen, mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich nahm die Einladung gerne an, denn ich plaudere gerne mit ihm, hat er doch so viel erlebt und ist dadurch ein weiser Mensch geworden.

    Wir redeten so über dies und das und irgendwann begannen wir über Märchen zu sprechen und was liegt näher, dass man bei einem Teppichhändler auch von den fliegenden Teppichen spricht und so gab ich meiner Überzeugung Ausdruck, dass man diese Geschichten nicht allzu wörtlich zu nehmen brauchte, sondern vielleicht als Wunschtraum, als Gleichnis oder als Ausdruck einer besonders reichen Phantasie oder ganz einfach als Hirngespinst.

    Da fragte mich Amir, was ich denn vom Ritt des Propheten halte, der, wie wir wissen, eines Nachts auf seinem Pferd Burak vom Felsendom aus in den Himmel geflogen war, ob ich das auch als Hirngespinst abtun wolle?

    Nun, ja, das sei vielleicht etwas anderes gewesen, gab ich zu.

    Nach einem bedächtig geschlürften Schluck Kaffee sagte er ganz geheimnisvoll zu mir, dass ich, falls ich Lust und Mut hätte, ein interessantes Experiment ganz besonderer Art machen könne, nämlich mit einem echten fliegenden Teppich.

    Bei mir dachte ich sogleich: «Du altes Schlitzohr, willst du mir auf diese Weise einen Teppich andrehen?»

    Ich erwiderte ihm deshalb gleich, dass ich absolut keinen Teppich brauche, keinen fliegenden, keinen schwimmenden und keinen liegenden.

    Er schwieg einen Moment, wie mir schien, beleidigt, dann sagte er: «Sadiqii, mein guter Freund, ich will dir nichts andrehen, bei meinem Ehrenwort, aber ich möchte dir einen echten fliegenden Teppich ausleihen, für eine einzige Nacht nur und morgen werden wir uns dann weiter unterhalten über die seltsamen Dinge, die es zwar gibt, aber die sich nicht so einfach erklären lassen. Einverstanden?»

    Obschon ich einen neuen und besonders schlauen Verkaufstrick meines Freundes witterte, nahm ich sein Angebot an.

    Er begab sich in einen Nebenraum seines Ladens und erschien nach einiger Zeit wieder, einen gerollten und verschnürten Teppich unter seinem Arm. Er sagte mir, dass ich ihn erst nach Sonnenuntergang entrollen dürfe und zwar unter einem geöffneten Fenster, das nach Osten blicke. Dann solle ich mich hinknien, mit der Stirn den Boden berühren und sieben Mal die Fatiha rezitieren. Die Fatiha, das ist, wie wir alle wissen, der erste Vers des Korans. Und dann solle ich mir vorstellen, wo ich hin wolle. Das sei alles. Der Rückflug könne auf die genau gleiche Weise gestartet werden. Übrigens fliege der Teppich nur nachts.

    Ich wollte wissen, ob irgendwelche Gefahren auf mich lauerten. Das komme ganz darauf an, wo ich hinfliege, meinte er lächelnd.

    Auf dem Nachhauseweg überlegte ich mir, was wohl geschehen würde, wenn ich alles machte, wie mir Amir geraten hatte. Ach, das war doch alles schierer Unsinn! Diese schwere Rolle unter meinem rechten Arm konnte sowenig fliegen, wie es der Packesel meines Nachbarn konnte. Vielleicht träumte man vom Fliegen, wenn man sich draufsetzte, vielleicht bildete man sich dabei ein, irgend was Wunderbares zu erleben, aber was und wie auch immer, würde ich es auf einen Versuch ankommen lassen, beschloss ich in meiner Neugierde.

    Den ganzen Nachmittag überlegte ich, wo ich hinfliegen sollte. Mir war, wie einem der eine Ferienreise plant. Sollte ich nach Bali fliegen? Oder zu den Eskimos nach Alaska? Kalifornien wäre vielleicht auch eine Reise wert. Japan, die Gugelhopfberge in China, die Pyramiden in Ägypten, der Baikalsee in Sibirien und das Pamirgebirge schwirrten durch meinen Kopf. Oder sollte ich eine Zeitreise in die Vergangenheit versuchen? Den alten Sokrates in Athen besuchen oder Ibn Chaldun, einen arabischen Gelehrten in Granada?

    Wer die Wahl hat, der darf wahrlich nicht allzu wählerisch sein, sonst kommt er am Ende zu gar nichts.

    Voller Ungeduld erwartete ich die Dämmerung, aber, um es gleich zu sagen, hatte ich mich immer noch nicht entscheiden können, welches mein Reiseziel sein sollte.

    Endlich hatte sich die Sonne hinter dem Libanongebirge zur Ruhe begeben und ich rollte voller Erwartung den Teppich auf. Es war ein alter, sehr seltener Seidenteppich aus Persien. Ein wahres Museumsstück.

    Ich kniete mich nieder, wie geheissen und begann mit den heiligen Versen: Bismillahi, arrahmani, arrahimi . . . 

    Nach dem siebten Mal schoss mir plötzlich durch den Kopf, dass ich eigentlich ganz gerne mal die wunderhübsche Prinzessin Boudr el Boudour sehen möchte, von der alle Dichter so geschwärmt hatten. 

    Weiss der Kuckuck, weshalb ich auf diese verrückte Idee gekommen war.

    Kaum war nämlich der Gedanke durch mein Gehirn geblitzt, fühlte ich mich emporgehoben und ein scharfer kalter Wind blies mir um die Ohren. Das Stück Tuch unter mir wackelte und wogte gefährlich auf und ab, etwa so, wie wenn ein Flugzeug in Turbulenzen gerät. «Moment mal,» dachte ich, das ist doch alles totaler Unsinn und blasse Einbildung, denn so etwas wie ein fliegender Teppich existiert überhaupt nur in den Märchen und wir modernen Menschen haben für solche Erzählungen höchstens ein müdes Lächeln übrig. Bleiben wir also auf dem Boden der Wirklichkeit.

    So versuchte ich vorsichtig über den Rand des arg wackelnden Teppichs zu gucken, aber was ich da sah, verschlug mir denn doch den Atem für einen Augenblick, denn weit, weit unter mir sah ich die Lichter von Damaskus flimmern. Mir wurde plötzlich schwindlig und speiübel. Ich legte mich ganz flach auf den Teppich und krallte mich mit den Händen an den Rändern fest und schloss die Augen.

    «Nun mal ganz ruhig und tief atmen, nur keine Panik aufkommen lassen und ganz vernünftig überlegen» sagte ich mir, denn ich begann ernsthaft um meinen Geisteszustand zu bangen. War ich verrückt geworden? Träumte ich? War das Hypnose oder Autosuggestion? Wie konnte ein aufgeschlossener, aufgeklärter, moderner Mensch sich nur so einen Stuss einbilden? Sollte ich vielleicht vom Teppich runterspringen, um dann neben dem Bett zu erwachen? Aber noch bevor ich zum fatalen Sprung ansetzen konnte, kam mir ein modernes Düsenflugzeug entgegen! Wenn ich mich nicht irre, war es eine Maschine der Air India. Nun war es mit meiner Ruhe endgültig vorbei, denn jetzt war es mir klar, dass ich da etwas total Verrücktes erlebte, etwas Unglaubliches.

    Wenn das nur gut ausging!

    Nach einiger Zeit spürte ich, dass sich mein, wie soll ich es nennen, mein Fluggerät zu senken begann, dass die Luft wärmer wurde, sanfter, durchzogen mit süssen Düften und irgendwo in der Nähe hörte ich kleine Glöcklein läuten, dann drang Nachtigallengesang an mein Ohr und schliesslich sauste ein hoher Wachtturm an mir vorbei und ich flog durch ein offenes Fenster direkt in ein hell erleuchtetes Wohnzimmer.

    Was sage ich da „Wohnzimmer», es war ein märchenhafter, riesiger Palastsaal von einer Pracht, die selbst die kühnste Phantasie eines Menschen nicht ausdenken kann! Die Wände gleissten und glitzerten von edlen Steinen, die in allen Farben strahlten und funkelten, schwere goldene Leuchter hingen an der Decke, Tische und Stühle waren kunstvoll aus duftenden Hölzern geschnitzt, seidene, bestickte Ruhekissen lagen auf prachtvollen Ruhebetten, an den Wänden standen Porzellantöpfe mit noch nie gesehenen Blumen, die ein betörendes Parfum verströmten, am Boden lagen seidene Teppiche, weicher als Daunenkissen und am Ende des Saales sah ich auf einem kleinen erleuchteten Podium, eine Damenkapelle, eine Gruppe anmutigster Musikantinnen, die auf seltsamen Instrumenten eine leise sirrende und zirpende Musik machten. Vor ihnen schwebte eine Gruppe Mädchen, nur mit zarten rosa Schleiern bedeckt. Sie zeigten kunstvolle Bauchtänze von einer Grazie und Eleganz gegen die unsere besten Tänzerinnen von heute nur noch wie betrunkene Elefanten wirken.

    Aber das Wundervollste war doch die hübsche junge Dame, die auf einem prunkvollen Ruhelager lag, halb verdeckt von zwei schwarzen Sklavinnen, die ihr mit Wedeln aus Pfauenfedern Kühlung zufächelten. Das musste SIE sein!

    Ehrlich gesagt, war ich zwar sehr überwältigt von dem ganzen Spektakel, das sich da meinen Augen bot, aber irgendwie war mir doch, na, ja, stellt euch doch mal vor, da plumpst plötzlich so ein kleiner Dicker unangemeldet mitten in eine intime Damengesellschaft, da segelt ein wildfremder Mann einer berühmten Prinzessin so mir nichts dir nichts in ihr Schlafgemach. Ist doch wirklich keine alltägliche Situation, oder?

    Man kann sich leicht ausrechnen, was da am nächsten Tag die Zeitungen alles schreiben würden!

    Glücklicherweise hatte sie mich heransegeln gesehen und erlitt so keinen Schock und begann auch nicht zu zetern und zu schreien, im Gegenteil begann sie zu lachen, bis ihr die Tränen über die Wangen kugelten, als sie mich sah, wie ich, ventre a terre, mich krampfhaft auf meinem Luftsurfteppich festkrallend, meine Bauchlandung machte. Nun, diese Tränen waren wirklich so, wie es die Dichter einst beschrieben haben: «demantene Tautropfen auf zarte Rosenblätter gehaucht», ich kann es bezeugen.

    Die Prinzessin klatschte vor Freude in die Hände und hiess erst mal die Musik schweigen, denn wir seien ja schliesslich hier nicht in einem schäbigen Einkaufszentrum wo immer Musikgedudel herrschen müsse. Dann gab sie mir zu verstehen, dass ich näher treten solle.

    Sie war von meinem Besuch hell begeistert, denn, so sagte sie mir, sei sie drauf und dran gewesen, vor lauter Langeweile echt zu sterben. Denn ihr Vater halte sie hier eingesperrt, da er nicht wolle, dass irgendwer auf dieser Welt ihre Schönheit sehe. Aber was nützt schon alle Schönheit, wenn man damit nichts anfangen kann? Wenn man wenigstens als Model oder als Schönheitskönigin gefeiert würde. Aber nichts dergleichen dürfe sie, sondern nur auf den weichen Polsterkissen rumliegen und Süssigkeiten essen und sich mit dieser faden Musik die Zeit totschlagen. Das sei doch kein Leben. Ihr Vater lasse jeden gnadenlos köpfen, der seine Tochter gesehen habe. Sogar die hier anwesenden Musikerinnen und die Tänzerinnen würden morgen früh aufs Schafott geführt, übrigens, auch mir würde natürlich diese grosse Ehre zuteil werden.

    Danke für die Ehre, dachte ich mir. Da konnte man nur hoffen, dass mein Flugobjekt keine Startschwierigkeiten hatte. Oder war vielleicht doch alles nur ein Traum?

    Nun, ich verbrachte mit der schönsten Frau der Welt die schönste Nacht meines Lebens, ohne dass ich weiter in Details gehen möchte um niemanden eifersüchtig zu machen. Tanzen konnte sie, federleicht wie eine Feengestalt flog sie dahin, beim Bauchtanz klatschten sogar die Tänzerinnen vor ehrlicher Bewunderung. Ulkige Anekdoten und lustige Geschichten aus dem Hofleben wusste sie zu erzählen, dass uns manchmal alles weh tat vor Lachen und sie verstand es auch meisterhaft, Schattenspiele aufzuführen. Ach ja, es waren ganz einfach wundervolle Stunden, unvergesslich!

    Beinahe hätte ich dabei vergessen, dass ich unbedingt noch während der Dunkelheit wegfliegen musste und als ich einmal durchs Fenster blickte, sah ich schon, wie sich der Himmel im Osten rötete. Ich sagte ihr, dass ich mein Morgengebet verrichten müsse, kniete mich auf den Teppich und nach der siebten Fatiha erhob sich mein fliegender Untersatz. Aber wie sie sah, dass ich wegfliegen wollte, rannte sie herbei, begann in schrillen Tönen zu kreischen und zu zetern und wollte mich herunterzerren, denn, so sagte sie, entweder nahm ich sie mit und befreite sie aus ihrem goldenen Käfig, oder ich liess mich köpfen, wie es sich nun mal gehörte,

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