Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Goschamarie Der letzte Abend: Der dritte Taldorf-Krimi
Goschamarie Der letzte Abend: Der dritte Taldorf-Krimi
Goschamarie Der letzte Abend: Der dritte Taldorf-Krimi
eBook411 Seiten4 Stunden

Goschamarie Der letzte Abend: Der dritte Taldorf-Krimi

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Bei Baggerarbeiten zum Bau des neuen Musikheims in Taldorf werden menschliche Knochen gefunden. Schnell wird klar, dass die Überreste dort schon mehrere Jahre im Boden lagen. Doch: niemand wird vermisst und die Identifizierung der Leiche scheint unmöglich. Zeitungsausträger Walter und seine Freunde von der Polizei brauchen viel Geduld um den Mord aufzuklären.
Auch bei der Goschamarie läuft nicht alles rund: die Behörden bemängeln ihre Sanitären Anlagen im Lokal. Findet sie nicht schnell eine Lösung droht die Schließung. Doch bis es soweit kommt trifft sich das ganze Dorf weiterhin in der verrauchten Gaststube und feiert mit viel Bier, Schnaps aus Sprudelgläsern und der legendären Vesperplatte.
Auch der dritte Taldorfkrimi bietet viele Schmunzelmomente und neue Anekdoten von der Goschamarie. Außerdem geht es auf eine Zeitreise in die Frühzeit des Dorfes.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum1. März 2021
ISBN9783753169163
Goschamarie Der letzte Abend: Der dritte Taldorf-Krimi

Mehr von Stefan Mitrenga lesen

Ähnliche Autoren

Ähnlich wie Goschamarie Der letzte Abend

Ähnliche E-Books

Krimi-Thriller für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Goschamarie Der letzte Abend

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Goschamarie Der letzte Abend - Stefan Mitrenga

    Goschamarie

    Der letzte Abend

    Der dritte Taldorf-Krimi

    Impressum

    Texte: © Copyright by Stefan Mitrenga 2020

    Umschlaggestaltung: © Copyright by Stefan Mitrenga 2020

    Korrektur: Claudia Kufeld, Kierspe

    Verlag:

    Stefan Mitrenga

    Bodenseestraße 14

    88213 Ravensburg

    mail@stefanmitrenga.de

    Vorwort

    Taldorf - am westlichen Rand des Landkreises Ravensburg. Ein Dorf wie viele andere in Oberschwaben. Wirklich wie viele andere? Heute schon, doch bis in die Neunziger strömten die Menschen von überall her, um im Gasthof „Zur Traube" in Taldorf einzukehren – bei der Goschamarie. Angelockt von uriger Gemütlichkeit und riesigen Vespertellern erlebten die Gäste dort manch spaßigen Abend. Bis heute kursieren die Geschichten rund um die schlagfertige Wirtin.

    Wie schön wäre es, wenn es sie heute noch gäbe?

    In diesem Buch (wie auch schon in den zwei vorangegangenen) stelle ich mir genau das vor: die Goschamarie im Heute und Jetzt. Mit Euro und Handy, mit Radler-Süß-Sauer und Aperol Spritz. Aber immer noch mit der Herrentoilette am Bach und Schnaps aus Sprudelgläsern. Leider nur eine Fantasie, aber eine sehr schöne.

    Diesmal haben es Walter und seine Freunde besonders schwer: bei Baggerarbeiten für das neue Musikheim wird eine Leiche gefunden. Aber: es wird niemand vermisst. Wer lag da jahrelang unentdeckt in der Wiese begraben? Und: wer ist dafür verantwortlich?

    Das Ermittlerteam rund um Zeitungsausträger Walter braucht in diesem Fall viel Geduld und gute Ideen. Und die hat man häufig bei einer kalten Flasche Bier. Ein guter Grund öfter mal bei der Goschamarie einzukehren.

    Kommen Sie doch mit! Stellen Sie sich vor wie Marie ihnen zuruft: „Komm halt rei! Fier oin wie di find i immer a Plätzle!"

    Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden, auch die Personen und ihre Handlungen. Eventuelle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig.

    Warnhinweis:

    Achtung! Diese Geschichte enthält verdammt viel Bier!

    Vorspiel

    Der perfekte Tag. Strahlend blauer Himmel, fast dreißig Grad. Die Wellen brachen unaufgeregt auf den Strand. Er spielte mit seinen Zehen im Sand, um seine Nervosität zu überspielen. Die meisten Gäste waren schon da, nur die Hauptperson fehlte noch: die Braut.

    Festliche Musik setzte ein, dann wurde sie von ihrem Vater zwischen den Stuhlreihen hindurchgeführt. Ein Schleier verhüllte ihr Gesicht, das enganliegende Kleid endete auf Höhe der Knie. Ihre zierlichen Füße schienen den warmen Sand kaum zu berühren. Elfengleich.

    Als sie neben ihm am Altar stand, übergab ihm ihr Vater ihre Hand. Dann verstummte die Musik und die Zeremonie begann.

    Dies war der schönste Moment seines Lebens. Er hatte nicht mehr daran geglaubt, die Frau fürs Leben zu finden, doch nun stand er hier und war bereit die magischen Worte zu sagen: „Ja, ich will."

    Das Blut rauschte in seinen Ohren und er nahm die Worte des Pfarrers kaum war. Er drückte ihre Hand, um sicher zu gehen, dass dies alles real war.

    Als der Moment gekommen war, wandten sie sich einander zu und er lüftete ihren Schleier. Das schönste Gesicht der Welt blickte ihm entgegen. Sie sahen sich in die Augen und wiederholten die Sätze, die der Pfarrer ihnen vorsprach.

    Sie tauschten die Ringe und küssten sich, ringsherum klickten Kameras.

    Wieder setzte Musik ein, jetzt rhythmisch und modern.

    Serviermädchen eilten mit Tabletts umher und verteilten Sektgläser. Alle kamen zum Brautpaar, um auf dessen Wohl anzustoßen. Lachende Gesichter, unendlich viele Umarmungen.

    Der Bräutigam befreite sich von seinem Jackett, das unter den Armen bereits Schweißringe zeigte und gesellte sich zu einer Gruppe junger Männer. Er beobachtete ein paar Kinder am Ufer, die ihre Kleider in den Sand warfen, und sich splitternackt in die Wellen stürzten. Sie kreischten vor Freude und bespritzten sich gegenseitig. Etwas abseits saß die Großmutter der Braut auf einem Campingstuhl. Sie versuchte nicht einmal fröhlich zu wirken. Sie war von Anfang an gegen diese Verbindung gewesen. Ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Der Bräutigam war irritiert: war da der Ansatz eines Lächelns gewesen? Als er erneut hinsah, schaute die alte Dame in eine andere Richtung.

    Die Braut war in ein Gespräch mit ihren Geschwistern vertieft. Sie lachte laut und fröhlich und ihre Brüder und Schwestern stimmten ein. Der Bräutigam wollte sich zu ihnen gesellen, doch erneut wurden ihm Sektgläser entgegenstreckt. Eine Tante der Braut, mit den Maßen einer üppigen Buddhafigur, nahm ihn so fest in den Arm, dass ihm die Luft weg blieb. Hilfesuchend blickte er sich nach seiner Frau um, doch die blieb bei ihren Geschwistern stehen. Sie sah lächelnd zu, wie er versuchte sich aus den Fängen der Tante zu lösen. Doch ihr Lächeln hatte sich verändert. Es war ein kaltes Siegerlächeln.

    1

    „Scheißndreckn", fluchte Walter, als er den kleinen Fleck auf seiner Anzughose bemerkte. Er zog seinen Pullover bis über den Handballen und rubbelte an der Stelle herum. Ohne Erfolg. Er war kein Spezialist, wenn es um die Reinigung von Anzughosen ging, doch er wusste, wen er fragen konnte.

    „Liesl, ich brauche deine Hilfe, sagte Walter, als er die Treppe vom Schlafzimmer hinunterkam. „Kriegst du den Fleck hier weg?

    Liesl betrachtete die Hose und verzog das Gesicht. „Der Fleck ist kein Problem, aber du wirst diese Hose nicht anziehen!"

    „Aber warum denn nicht?, fragte Walter überrascht. „Das ist die Hose von meinem schwarzen Anzug. Ich brauche sie.

    Liesl stemmte die Arme in die Hüften. „Du wirst den schwarzen Anzug schön im Schrank hängen lassen. Jeder weiß, dass das dein Beerdigungsanzug ist. Den kannst du zu einem freudigen Ereignis wie heute nicht anziehen."

    „Was soll denn daran freudig sein, knurrte Walter. „Für mich ist das tatsächlich ein Grund zu trauern. Deshalb hab ich den Anzug ja rausgesucht.

    „Nicht – dieser – Anzug!", sagte Liesl bestimmt und beendete damit die Diskussion.

    Walter seufzte resigniert und ging zurück ins Schlafzimmer.

    Walter und Liesl waren sich in den letzten Monaten näher gekommen. Viel näher. Also ganz nah. Bei dem Gedanken huschte ein Lächeln über Walters Gesicht. Der Nachteil war jedoch, dass sie sich auch mehr in sein Leben einmischte. Seine verstorbene Frau Anita hatte es nie gewagt, ihm vorzuschreiben, was er anziehen sollte. Resigniert hängte er den schwarzen Anzug zurück in den Schrank.

    Er hatte ihn bewusst gewählt, um zu zeigen, dass er mit der neuen Baustelle nicht ganz einverstanden war. Als der Alte, wie der Vorstand des Musikvereins genannt wurde (obwohl er eigentlich Alex hieß), ihn vor ein paar Wochen angesprochen hatte, hatte Walter dem Neubau des Musikheims natürlich zugestimmt. Wie hätte er sich da querstellen können. Aber das bedeutete jetzt Baustellenlärm und Dreck für bestimmt ein halbes Jahr. Warum mussten sie auch direkt neben seinem Grundstück bauen? Taldorf war groß und viele Flächen wären geeignet gewesen, aber nein: direkt neben ihm. Der einzige Trost war, dass man ihm zugesichert hatte, im Rahmen der Möglichkeiten, auf seine besonderen Arbeitszeiten Rücksicht zu nehmen.

    Walter trug seit einigen Jahren die Zeitungen in Taldorf, Wernsreute, Alberskirch und Dürnast aus. Da jeder seine Zeitung zum Frühstück im Briefkasten haben wollte, stand er nachts um halb drei auf. Nach dem Ende seiner Runde ging er wieder ins Bett und schlief für gewöhnlich bis um elf Uhr.

    Schon als Liesl ihr Haus renoviert hatte, hatten ihn die Bauarbeiten um den Schlaf gebracht. Es war nur der Findigkeit des damaligen Vorarbeiters zu verdanken gewesen, dass sie einen Weg gefunden hatten, seine Schlafzeiten zu berücksichtigten.

    Walter nahm seine anderen Hosen aus dem Schrank. Jeans? Zu leger. Cordhose? Einfach out. Die Sommerleinenhose? Zu versnobt. Blieb nur noch seine neue Lederhose. Er liebte diese Hose, die er immer zur Goschamarie anzog. Da machte es nichts, dass sie nur dreiviertel lang war. In der Wirtschaft war immer gut geheizt. Doch heute musste er einige Zeit im Freien verbringen und die Temperaturen waren, der Jahreszeit entsprechend, kühl. Mit einem Schulterzucken verwarf er alle Bedenken und legte die Lederhose aufs Bett.

    „Na also, sagte Liesl kurz darauf zufrieden, nachdem sie Walter sorgefältig gemustert hatte. „Wird vielleicht ein bisschen kühl untenrum, aber du bist ja nicht so ein Verfrorener.

    Sie gab ihm einen schnellen Kuss und ging durch die Küchentür hinaus.

    „Ich mach mich dann auch mal fertig, rief sie über die Schulter. „Bin gleich wieder da!

    „Was für ein Theater wegen einem Spatenstich", knurrte Balu, Walters Wolfspitz, aus seinem Hundekorb heraus. Seine Freundin Kitty, die Tigerkatze, die eigentlich zur Wirtschaft gehörte, tretelte  genüsslich in seinem Fell.

    „Lass sie doch. Menschen lieben sowas. Hauptsache, es gibt einen Grund zu feiern."

    „Mir ist gar nicht nach feiern. Da bin ich ganz Walters Meinung", raunte Balu. „Schon wieder Baustelle. Lärm, Dreck … alles vor der Haustür."

    „Na ja", beruhigte Kitty, „diesmal gibt es wenigstens keine neuen Nachbarn."

    Es klingelte an der Haustür.

    Balu bellte zweimal und Walter beeilte sich zu öffnen.

    „Hallo, mein Lieber. Sind Sie bereit? Ich dachte, ich hole Sie ab."

    Vor der Tür stand Eugen Heesterkamp. Der ehemalige Gymnasiallehrer (Oberstudienrat AD, Fächer: Biologie und Sport) hatte sich in einen schicken Anzug gequetscht, der ihm aber kaum mehr passte.

    „Da sprengt es ja gleich die Knöpfe weg", feixte Walter und zeigte grinsend auf Eugens Bauch.

    Noch vor kurzem hatte Eugen keine Gelegenheit ausgelassen auf Walters Fülle hinzuweisen, doch nun hatte sich das Blatt gewendet. Walter vermutete, dass der ehemalige Lehrer um die zehn Kilo zugelegt hatte.

    „Was soll ich denn machen?, jammerte Eugen. „Nach dem Achillessehnenriss konnte ich ein halbes Jahr keinen Sport machen und habe jeden Monat zwei Kilo zugenommen. Fürchterlich!

    Walter grinste zufrieden. „Ja ja, das ist schon ein dickes Ding."

    Bevor Eugen etwas erwidern konnte, kam Liesl zur Küchentür herein.

    „Hallo Eugen, begrüßte sie ihn. „Uiuiui … Ihr Anzug ist im Schrank wohl eingelaufen …

    Eugen richtete sich auf und zog den Bauch ein. So gut es eben ging. „Bitte, fangen Sie nicht auch noch an."

    „Alles gut, besänftigte Liesl und umarmte ihn kurz. „Können wir dann los?

    Eugen nickte und ging nach draußen. „Es sind schon viele Leute da. Beeilen wir uns, damit wir nicht die Letzten sind."

    Das Festkomitee hatte ganze Arbeit geleistet. Zwei kleine Pavillons boten den prominenten Gästen Schutz vor eventuellen Wetterkapriolen, das normale Volk musste hinter einem rot-weißen Absperrband bleiben. Ein etwas kleinerer Pavillon stand über der Stelle, an der der erste Spatenstich erfolgen sollte. Die Schaufel stand schon bereit.

    Die Musikkapelle war in voller Besetzung aufmarschiert und ordnete sich in Reihe und Glied. Bei Sekt und Häppchen plauderte der Orts-Vincenz mit dem Landrat. Die Amtszeit des Taldorfer Ortsvorstehers war bald zu Ende und er befand sich sozusagen auf Abschiedstour. Walter hatte die Befürchtung, dass die Rede, die er halten würde, eher durch Quantität als Qualität überzeugen würde.

    Die Kapelle begann zu spielen und die Offiziellen versammelten sich um die Stelle des ersten Spatenstichs. Ein kühler Wind kam auf und ließ Walter frösteln. Schon bereute er, sich für die dreiviertellange Lederhose entschieden zu haben. Er hoffte auf ein schnelles Ende der Veranstaltung, vermutete aber das Gegenteil.

    Der Alte sagte im Namen des Musikvereins ein paar Worte zur Begrüßung, dann übergab er das Mikrofon an den Orts-Vincenz. Wie befürchtet präsentierte dieser ein Best-Off aus seinen Reden der letzten zwanzig Jahren. Er begann fast bei Adam und Eva und arbeitete sich gemütlich bis in die Neuzeit vor. Ohne Skrupel spickte er seine Rede mit prominenten Zitaten und sogar Liedtexten. Während die Worte von Altkanzler Schmidt, Schopenhauer und Freud ganz gut passten, wurde es bei Liedzeilen von Helene Fischer und Costa Cordalis bedenklich. Zum Schluss griff er noch auf Xavier Naidoo zurück: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer."

    Na, wenn das mal kein Zeichen ist, grinste Walter und fröstelte erneut.

    Die Temperatur war weiter gefallen und hinzu kamen dunkle Wolken, die sich von Westen her am Himmel auftürmten.

    Ein Raunen der Erleichterung ging durch die Menge, als der Orts-Vincenz das Mikrofon endlich an den Landrat übergab. Während dieser seine Notizen sortierte, stimmte die Musikkapelle eine fröhliche Polka an. Wegen der Lautstärke der fast siebzig Musikanten hörte niemand den Traktor, der sich vom Dorf her genähert hatte und im Rücken der Kapelle auf das zukünftige Baustellengelände gefahren war.

    Kuse. Die Taldorfer Widerstandsbewegung. Seit der Ankündigung waren alle mit dem Bau des Musikheims einverstanden gewesen. Nur Kuse nicht. Er hatte die Wiese, zu der auch der Bauplatz gehörte, seit über dreißig Jahren gepachtet. Man hatte ihm rechtzeitig gekündigt, doch er wollte sich nicht damit abfinden. Er kämpfte für die zwei Reihen Hochstämme, die er erst vor wenigen Jahren gepflanzt hatte. Er hatte jede Entschädigungszahlung abgelehnt und seine Anwälte vorgeschickt. Doch die hatten nichts ausrichten können.

    Nach schwedischem Vorbild hatte er mit seinem Traktor wochenlang freitags auf der Wiese demonstriert, doch er war allein geblieben. Nicht jeder kann Greta.

    „Weg da!", rief Walter und zog den Landrat am Ärmel aus dem kleinen Pavillon, als Kuse mit seinem Traktor auf sie zuhielt. Der Orts-Vincenz stolperte ihnen hinterher und ließ den auf Hochglanz polierten Spaten fallen. Auch die Musiker liefen auseinander und suchten Schutz hinter den Obstbäumen. Die Vertreter der Presse und die Schaulustigen, die hinter der Absperrung gewartet hatten, flüchteten in die Einfahrt vor Walters Garage.

    „Was hat der denn vor?", kreischte Liesl und rannte mit Walter und Eugen in Walters Garten.

    Wild hupend tuckerte Kuse über die Wiese. Er drehte zwei Runden um den kleinen Pavillon, bevor er ihn direkt anvisierte. Er fuhr mitten hindurch. Die Zeltstangen sprangen krachend auseinander und die Plane verfing sich an der Ackerschiene des Traktors und wurde wie ein übergroßer Brautschleier mitgeschleift.

    Niemand hatte in dem Trubel bemerkt, dass die dunklen Wolken sich bedrohlich über Taldorf aufgebaut hatten. Von der einen Sekunde auf die andere fielen dicke feuchte Märzschneeflocken vom Himmel und man sah kaum die Hand vor Augen. Doch so schnell der Schneeschauer gekommen war, so schnell war er auch vorbei.

    Zurück blieb ein Bild der Verwüstung. Die Stangen des Pavillons lagen noch auf der Wiese wie ein vergessenes Mikadospiel. Kuse, sein Traktor und die Plane waren verschwunden. Und auch der Spaten.

    2

    „Und wie ging’s dann weiter?", erkundigte sich Max wenig später am Stammtisch bei der Goschamarie.

    „Ich hab meinen alten Spaten geholt, antwortete Walter. „Der andere war ja weg. Die haben die Reste vom Pavillon weggeräumt und den Landrat seinen ersten Spatenstich machen lassen. Musste ja sein … wegen der Presse.

    „Jetzt dräht r dänn total am Rädle, schnauzte Marie als sie die zwei Bier für Walter brachte. Beide Flaschen waren schon geöffnet. „Het nie dänkt, dass dr Kuse so durchknallt isch.

    Walter zuckte mit den Schultern. „Ich verstehe es auch nicht. Man sieht ihn zwar kaum im Dorf, aber ich dachte, er ist ganz zufrieden da oben auf seinem Hof."

    Kuse lebte auf einem Bauernhof am oberen Rand von Taldorf. Wie eine Burg thronte das freistehende Gebäude über dem Tal. Bis heute fragte sich jeder, wer diesen Bau genehmigt hatte.

    „Der war früher ganz normal, warf Max ein und schnitt das hintere Ende seiner Zigarre ab. „Er war sogar im Musikverein. Flügelhorn, wenn ich mich recht erinnere.

    Marie stellte Max den großen Aschenbecher mit der besonders tiefen Ablage für Zigarren auf den Tisch.

    „Isch halt au oiner, där lang aloi war. Do kriagetse dänn gärn amol d’Bohlekrankett."

    Max und Walter nickten. Sie kannten das Phänomen: wenn Männer in die Jahre kamen ohne zu heiraten, entwickelten sie oft seltsame Angewohnheiten.

    Die Tür zur Gaststube öffnete sich und der Vorstand des Musikvereins kam herein.

    „Ist noch was frei?", fragte der Alte und zeigte auf den Stammtisch.

    „Hock di nah, befahl Marie. „Wa  magsch trinka?

    Der Alte sah neidisch auf die Biere vor Walter und Max, schüttelte aber den Kopf. Er hatte sich an Silvester vorgenommen im neuen Jahr gesünder zu leben. Er hatte die guten Vorsätze bereits mehr als einmal bereut.

    „Nur ein Wasser bitte. Aus der Leitung, wenn’s geht."

    Marie stemmte die Arme in die Hüften. „Woisch, Kerle. Wänn jeder blos a Wasser trinka dät, dänn kennt i bald zua macha. Und immer dra denka: im Wasser veegelet d‘Fisch!"

    Der Alte machte sich nichts aus Maries Neckerei und hängte seinen Mantel über die Stuhllehne.

    „So ein Theater beim Spatenstich. Weiß von euch einer, was den Kuse geritten hat?"

    „Er war von Anfang an dagegen, sagte Walter, „aber jetzt hat er es wohl etwas übertrieben.

    „Das hat er ganz bestimmt, knurrte der Alte. „Der Landrat wollte sofort die Polizei holen, aber ich habe ihm erklärt, dass wir das in Taldorf anders regeln. Zum Glück wurde niemand verletzt. Aber den Pavillon wird er bezahlen müssen. Der war neu. Zweihundertfünfzig Euro.

    Marie brachte dem Alten angewidert das Glas Wasser.

    „Magsch dänn no was Ässa?"

    Der Alte überlegte. „Vielleicht was glutenfreies … ohne Zucker und Milchprodukte … wenig Fett … was kannst du mir da empfehlen?"

    „A andre Wirtschaft", fauchte Marie und verschwand hinter dem Tresen.

    „Musste das sein?", fragte Walter, der Mitleid mit der Wirtin hatte.

    „Ach was, winkte der Alte ab, „ich ärgere sie doch nur ein bisschen.

    Walter grinste. „Pass auf, dass du dich am Ende nicht ärgerst."

    Vom Gang her waren Stimmen zu hören und kurz darauf betraten zahlreiche Musikanten die Gaststube. Auch Elmar war dabei und steuerte zielsicher seinen Platz am Stammtisch an.

    „Grüß Gott, ihr Herren. Da hattet ihr es natürlich wieder einfacher. Wir Musikanten mussten erst mal unsere Instrumente verräumen und uns umziehen. In der Zeit hattet ihr schon die ersten zwei Bier."

    Er ließ sich lachend auf den Stuhl zwischen Max und Walter fallen und winkte Marie zu.

    „Magsch du au blos a Leitungswasser?", fragte sie grimmig, als sie an den Stammtisch kam.

    Elmar wich bestürzt zurück. „Mach dich nicht lächerlich, Marie! Wasser ist zum Waschen da und damit basta. Bier bitte … und ein Vesper!"

    „Ohne des Gluten? Unds Fätt au no wäglassa?", fragte sie langsam und sah den Alten dabei böse an.

    „Was ist denn mit dir heute Los?, fragte Elmar besorgt. „Bitte ganz normales Vesper. Wie immer.

    „Kommt glei, sagte Marie und an den Alten gewandt: „S’gibt oifache Gescht und it so oifache. Und dänn au no gaaaanz schwierige!

    Als Elmars Bier kam, hob er die Flasche zur Tischmitte. „Auf geht’s: anstoßen! Auf den ersten Spatenstich unseres neuen Musikheims!"

    Alle erhoben ihre Flaschen. Auch die Musikanten an den anderen Tischen stimmten mit ein.

    „War denn schon jemand beim Kuse?, fragte Elmar den Alten. „Das war ja ein echt peinlicher Auftritt. Ich habe ein bisschen Angst, was morgen in der Zeitung steht.

    Der Alte winkte ab. „Hör auf. Das wird wahrscheinlich nicht lustig. Aber du hast Recht: irgendwer muss mit Kuse reden."

    Er sah sich in der Runde um.

    „Walter  - du kennst ihn von uns allen doch am besten!"

    Walter verschluckte sich an seinem Bier.

    „Ich? Warum denn ich?"

    „Ich kann mich gut dran erinnern, dass ihr früher zusammen unterwegs wart."

    „Ja genau, stimmte Max zu. „Ihr wart damals mit euren Frauen hin und wieder zusammen in der Landvogtei zum Essen. Du hast erzählt, dass Kuse seiner Frau immer die Speisekarte vorlesen musste, weil ihr Deutsch noch so schlecht war.

    Walter stöhnte auf. Als Kuse endlich doch noch geheiratet hatte, hatte er Anschluss gesucht und sie waren mit ihren Ehefrauen ein paar Mal unterwegs gewesen. Doch das lag Jahre zurück.

    „Da muss es doch jemand geben, der besser geeignet ist, versuchte er sich herauszureden. „Ich sehe ihn ein oder zwei Mal im Jahr. Seine Frau noch weniger. Also kommt schon: irgendeiner von euch muss doch Kontakt zu ihm haben.

    Alle schwiegen.

    „Ich kenne nur seine Anwälte", sagte der Alte und hob abwehrend die Hände.

    Max lehnte sich zurück und zog genüsslich an seiner Zigarre.

    „Ich bin raus!"

    Walters letzte Hoffnung war Elmar.

    „Jetzt schau mich nicht so an. Ich wusste nicht mal, dass er verheiratet ist", beteuerte der Fliesenleger und zündete sich eine Lord an.

    „Also gut, gab Walter auf. „Ich schaue morgen mal bei Kuse vorbei. Aber ich verspreche euch nichts. Ich sage ihm nur, dass er den Pavillon bezahlen muss.

    „Mehr erwartet doch auch keiner, lachte der Alte  zufrieden. „Obwohl … wenn du ihm mal ins Gewissen reden könntest, damit er zur Vernunft kommt, wäre das auch nicht schlecht. Ich habe ein bisschen Angst, was er sich noch alles einfallen lässt.

    „Sodele … do hemmer jetzt au die Schpezialbschtellung für dr Herr Vorschtand", trällerte Marie und stellte dem Alten einen winzigen Teller hin. Darauf lagen zwei ordentlich aufgeschnittene Radieschen, garniert mit einem Zweig Petersilie.

    „Garandiert glutenfrei, koin Zucker und koi Milch dinna, und a Fätt hots au it!"

    Der Alte war sprachlos (was nur selten vorkam) und starrte auf das kleine Tellerchen.

    „Ich hab’s dir ja gesagt, lachte Walter. „Jetzt bist du der Gelackmeierte!

    Der Alte kaute lustlos auf den Radieschen herum, während Elmar neben ihm das saftige Rauchfleisch aufschnitt und die grobe Leberwurst zentimeterdick aufs Brot schmierte. Die Leberwurstschicht war dicker als das Brot, da Marie jede Scheibe mit dreißig Cent extra berechnete.

    „Wo stecken eigentlich Theo und Peter?", fragte Max und blies eine dichte Wolke Zigarrenrauchwolke Richtung Decke.

    „Die sind zusammen auf der Landwirtschaftsmesse in Friedrichshafen, nuschelte Elmar mit zwei Scheiben Rauchfleisch im Mund. „Wollten sich die neuesten Traktoren anschauen.

    Walter lachte. „Da kommt wohl die nächste Wette auf uns zu. Ich bin schon gespannt."

    Er leerte sein zweites Bier und hob seinen Geldbeutel hoch. Marie verstand und war kurz darauf bei ihm am Stammtisch. Normalerweise brachte sie beim Kassieren ein halb gefülltes Sprudelglas voll Schnaps. Diesmal war es ganz voll.

    „Jetzatle. Hosch jo blos dia zwoi Bier kett, Walter. Dänn sinds vier Eiro."

    Walter gab fünf Euro und zeigte auf den Schnaps. „Das ist ja heute ein Doppelter!"

    „Isch doch an bsondra Dag heit. Erschter Schpataschtich. Jetzt loss an dir schmecka."

    Walter seufzte und nahm einen kleinen Schluck. Wenn er zu viel auf einmal trank, bekam er Schluckauf.

    „Ich zahl dann auch gerade", sagte der Alte und fingerte seinen Geldbeutel aus der Hosentasche.

    „Macht zeah Eiro", trällerte Marie und hielt die Hand auf.

    „Was, kreischte der Alte und schaute die Wirtin entgeistert an. „Ich hatte ein Glas Leitungswasser und zwei Radieschen!

    „Falsch, Biable! Du hosch a Glas Taldorfer Heilwasser kett und an Veschperteller Schpezial. Mit PETERSILIE! Macht zeah Eiro!"

    Knurrend gab er Marie den Schein, die ihm daraufhin ein volles Sprudelglas hinstellte.

    „Aber du weißt doch, dass ich zurzeit keinen Schnaps trinke", schimpfte der Alte.

    Marie grinste. „Wer sagt dänn, dass des an Schnaps isch. I hon dir nomal a Taldorfer Heilwasser eigschänkt …. goht aufs Haus!"

    Alle ringsherum lachten und waren insgeheim froh, dass es diesmal den Vorstand erwischt hatte und nicht sie selbst.

    „Heute ist sie wieder gut drauf", lachte Balu, der mit Kitty die ganze Zeit unter der Eckbank gelegen hatte.

    „Der Alte kann es vertragen", stimmte die Tigerkatze zu. „Außerdem ist er eh so selten hier, dass er ein kleines Andenken braucht."

    „Hast du mitbekommen, wie sie Walter schon wieder eingespannt haben? Mir gefällt das nicht", brummelte Balu.

    Kitty stupste ihn versöhnlich in die Flanke. „Hey, er soll doch nur mit einem Freund reden. Da ist doch nichts dabei. Mach dir keine Sorgen: weit und breit ist keine Leiche in Sicht. Walter tut nur ein paar Freunden einen Gefallen."

    Balu hatte trotzdem ein komisches Gefühl. „Irgendwie läuft das schon wieder in die falsche Richtung und Walter wird mit reingezogen. Ich werde auf jeden Fall wachsam bleiben."

    Als Walter und der Alte zur Tür gingen, kamen Theo und Peter herein. Beide schwankten durch den Türrahmen und stapften unsicher zum Stammtisch.

    „Hey, ich dachte ihr wart auf der Landwirtschaftsmesse", sagte Walter beim Hinausgehen.

    „Wa-a-ren wir au-auch, bestätigte Peter. „Und da ga-abs ...an einem Sta-and … Freibier.

    Walter grinste. „Und da habt ihr euch zugeschüttet?"

    „Nee-ee, lallte Theo. „Das wa-ar Ehrens-sache! Peter hat behau-hauptet, er schafft in ze-ehn Minuten me-ehr Pils als i-ich. Da-as konnte i-ich nicht auf mi-ir sitzen lassen!

    „Do bin i ja richtig begaischtert, dass ihr do jetzt no da Rusch säha lassa mund", fläzte Marie zynisch und schob die beiden zum Stammtisch.

    Der Alte und Walter verabschiedeten sich mit erhobener Hand.

    „Machats guat, ziernet nix, kommet wieder!", rief Marie ihnen hinterher.

    3

    Walter erwachte früh am nächsten Morgen. In seinem Schlafzimmer war es stockdunkel, doch er machte kein Licht, um Liesl nicht zu wecken. Sie übernachteten am Wochenende oft zusammen. Unter der Woche, wenn Walter die Zeitungen austrug, blieb Liesl lieber allein.

    Er tastete sich bis zur Tür und ließ sie hinter sich leise ins Schloss gleiten. In der Küche wurde er von Balu freudig begrüßt. Er tänzelte um Walter herum und leckte ihm die Hände.

    „Dann lass es dir schmecken", sagte Walter und stellte seinem Wolfsspitz einen vollen Napf Hundefutter auf den Boden. Walter sah ihm ein paar Minuten beim Fressen zu und streichelte seinem Hund liebevoll das zottelige Fell.

    Balu war nach dem Tod seiner Frau lange Zeit der einzige Begleiter an

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1