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The French Affair: aus dem Tagebuch von Michelle Maginot
The French Affair: aus dem Tagebuch von Michelle Maginot
The French Affair: aus dem Tagebuch von Michelle Maginot
eBook403 Seiten5 Stunden

The French Affair: aus dem Tagebuch von Michelle Maginot

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Über dieses E-Book

Michelle, eine Frau im besten Alter, findet nach einem Umzug eine alte Kiste mit ihren Tagebüchern. Fasziniert beginnt sie zu lesen.
Sie fühlt sich zurückversetzt in die Zeit ihrer ersten großen Liebe. Die ersten Auftritte mit ihrer Band. Der erste Umzug in eine neue Stadt. An Gil, den Winzer oder Christopher, den Künstler. Und dann ist da auch noch Daniele. Ein Mann, der das ganze Gegenteil ihrer bisherigen Männer war.
The French Affair erzählt die Geschichte von Michelle Maginot. Eine Frau die eine inspirierende Art hat, eine Muse.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum16. Okt. 2021
ISBN9783754172919
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    Buchvorschau

    The French Affair - Jean Pierre Casper

    The French Affair

    von Jean Pierre Casper

    www.instagram.com/jean.pierre.casper/

    www.facebook.com/Autor.JeanPierreCasper

    Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verbreitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

    1. Kapitel - Marseille

    Mein Name ist Michelle Maginot. Ich bin eine Frau im besten Alter und lebe in Marseille. Man sagt mir nach, Menschen zu inspirieren. Ich wäre eine Muse. Nein, nicht das, was man denken könnte. Ich bin kein Callgirl aber ja, wenn mir ein Mann gefällt, dann schlafe ich mit ihm. Es ist meine Entscheidung, mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich bin nicht käuflich. Ebenso wenig lasse ich mich aushalten oder lebe von meiner Gabe. Gelegentlich kommt es zwar vor, dass ich eingeladen werde oder kleine Geschenke bekomme, aber ist das nicht bei jeder Frau der Fall?

    Wie ich Muse geworden bin oder sollte ich besser sagen, wie ich meine Fähigkeiten entdeckt habe? Nun, ich habe früh bemerkt, dass ich Menschen inspiriere. Schon mit 16 Jahren habe ich festgestellt, welchen kreativen Einfluss ich auf das Leben meines besten Freundes hatte. Freddy ließ mich sein Tagebuch lesen, und seine Eintragungen klangen oft traurig, langweilig, beinahe depressiv. An Tagen, an denen wir zusammen waren, blühte er richtig auf, was man auch sah. Seine Sätze wurden danach lebendig und die Tagebucheinträge sprühten nur so vor Enthusiasmus.

    Ihr denkt jetzt sicher, er war in mich verschossen, aber weit gefehlt: Für Frauen hatte er nicht das Geringste übrig. Er stand auf Männer und war in einer Beziehung.

    Ich möchte euch einige Geschichten aus meinem Tagebuch erzählen und versuchen, euch stets die Emotionen und Gefühle zu vermitteln, wie ich sie damals empfunden habe. Manche der Geschichten sind spannend und aufregend, andere eher traurig oder schockierend. Viele sind prickelnd und erotisch. Die meisten sind genauso geschehen, wie ich es berichte und nur bei wenigen muss ich einige brisante Details auslassen. Eines kann ich euch aber versprechen: Ihr werdet erstaunt sein und viele meiner Erfahrungen mit Freude teilen.

    Mein erstes Erlebnis mit der Gabe, andere Menschen zu inspirieren, hatte ich, wie gesagt, bei meinem besten Freund. Zum ersten Mal wirklich als Muse gefühlt habe ich mich bei meinem ehemaligen Musiklehrer. Damals hatte ich die Schule beendet und studierte Betriebswirtschaft. Fabien hatte zu meiner Zeit die Schulband betreut, in der ich gesungen hatte. Da dachte ich noch, ich würde eines Tages als Popsängerin Karriere machen. Dieses Ziel gab ich jedoch schnell auf, nachdem ich gemerkt hatte, wie falsch und verlogen die Musikindustrie ist. Zu jenem Zeitpunkt aber war ich noch unbefangen und naiv. Das sollte sich erst im Laufe der Jahre ändern.

    Es klingt sicher wie ein Klischee, aber ich war unsterblich in ihn verschossen. Er muss Ende zwanzig, Anfang dreißig gewesen sein, als ich mein Abitur gemacht hatte. Natürlich durften wir uns damals noch nicht privat treffen. Nach meinem Abschluss sahen wir uns jedoch regelmäßig. Meist trafen wir uns einmal in der Woche. Er half mir, meine Stimme zu entwickeln. Es war kein Unterricht. Wir trafen uns privat aus Liebe zur Musik. Ich spürte es sehr deutlich, wie seine Kreativität an meiner Seite stetig zunahm.

    Es war eine schöne Zusammenarbeit. Er war ein begnadeter Jazzpianist, spielte Saxofon und hätte sicher ein großer Jazzmusiker werden können. Ihm lag die Musik aber so sehr am Herzen, dass er nicht von ihr leben wollte. Ihm lag vielmehr daran, die Liebe für den Klang und das Verständnis für die Harmonie der Noten weiterzugeben. Deshalb hatte er sein Studium der Klassischen Musik abgebrochen und sich auf das Lehramt konzentriert. Sein Traum war es gewesen, an einer Universität zu arbeiten. Das hätte ihn erfüllt und glücklich gemacht.

    Fabien war alles andere als ein begnadeter Sänger. Er konnte meine Stimme aber lenken und wusste sie in Szene zu setzen. Wenn er mich auf dem Klavier begleitete, war das ein erhabenes Gefühl. Wir verschmolzen sprichwörtlich miteinander. Ich empfand es immer als unheimlich intim, wenn Fabien für einen Moment von den geschriebenen Noten abwich und frei zu spielen begann. Es erregte mich, ihn dabei zu beobachten. Er spielte mit geschlossenen Augen, wie in Trance, manches Mal minutenlang, bis er die Augen wieder öffnete und mich vollkommen gelöst und glücklich ansah. Dann nickte er mir zu und ich durfte aufs Neue einsetzen. Es waren einmalige Momente, die wir zusammen erlebten.

    Es war wie eine Bestätigung für mich, als Fabien mir eines Tages sagte, ich wäre eine unheimliche Inspiration für ihn. Er würde sich schon Tage vor unseren Treffen auf die Duette freuen. Er könne nur mit mir so in die Musik und Noten abtauchen. Er vergesse alles um sich herum. Genau so war es mir auch vorgekommen, wenn er die Augen schloss. Dass dies jedoch an mir lag, hatte ich nur gehofft.

    Nach Fabiens »Geständnis« dachte ich, wir wären füreinander bestimmt. Wir würden eines Tages zusammenkommen und heiraten. Es ist schließlich etwas ganz Besonderes, wenn man Augenblicke wie diese zusammen erlebt. Ich wollte ihn aber nie zu etwas drängen, geschweige denn aufdringlich werden. Ich war schon damals keine Jungfrau mehr, allerdings auch noch lange nicht so aufgeschlossen wie heute. Vielleicht war ich damals auch zu zurückhaltend oder womöglich sogar zu schüchtern, wer weiß. Ich traute mich nicht, ihm meine Gefühle zu offenbaren, war nicht einmal ansatzweise in der Lage, ihm zu vermitteln, wie ich für ihn empfand. Ich dachte immer, er müsste es doch merken und würde dann im passenden Augenblick die Initiative ergreifen.

    Schon oft habe ich mich gefragt, ob er mich am Anfang unserer Geschichte als Frau wahrgenommen hat oder noch immer die Schülerin in mir sah. Für mich war er der Mann, mit dem ich mein Leben lang zusammen sein wollte. Mit ihm hätte ich Kinder kriegen und eine Familie gründen wollen. Kein Wunder, dass für mich eine Welt zusammenbrach, als ich erfuhr, dass er eine Freundin hatte.

    Ich wollte sie hassen, sie beschimpfen, sie schlagen und am liebsten verbannen. Doch als sie eines Tages früher als üblich von der Arbeit kam und das Musikzimmer betrat, in dem Fabien und ich uns befanden, war das Einzige, was aus meinem Mund kam ein freundliches:

    »Schön, Sie kennenzulernen«.

    Vermutlich war es meine gute Erziehung, die nichts anderes zuließ. Was hätte es auch gebracht, ihr unfreundlich zu begegnen? Ich konnte nicht davon ausgehen, dass Fabien seine Freundin meinetwegen verlassen würde. Hätte ich beleidigt oder mit Abneigung auf sie reagieren sollen? Wahrscheinlich hätte das nur einen Keil zwischen Fabien und mich getrieben, was nicht meine Absicht war. Ich wollte die wöchentlichen Treffen mit ihm nicht aufs Spiel setzen.

    Es ist schwer für mich, oder auch als Muse, eine ehrliche, erfüllte Beziehung zu führen. Es sollte noch mehrere Jahre brauchen, bis ich erkannte, wie ich mit meiner Gabe umzugehen habe, denn sie ist Segen und Fluch zugleich. Die Männer, die sich in mich verlieben, erscheinen mir als langweilig und uninteressant. Die Männer, in die ich mich verliebe, sind entweder Arschlöcher, bereits vergeben oder nicht an einer Beziehung mit mir interessiert, weil ich ihnen zu kompliziert bin.

    Es ist wie in einer Tragikomödie: Ich laufe immer im Kreis und bemerke nach einer Weile, dass ich wieder genau da angekommen bin, wo ich losgelaufen war. Daher habe ich es aufgegeben, nach einer festen Beziehung zu suchen. Das bedeutet nicht, dass ich ständig wechselnde Sexualpartner habe. Vielmehr habe ich beschlossen, dem zu entsprechen, was ich bin, und habe gelernt, auf diese Weise glücklich zu werden. Glück kann man auch außerhalb einer Beziehung finden. Glück benötigt keine feste Bindung.

    Eine Partnerschaft beinhaltet immer auch das Bedürfnis, gebraucht zu werden. Nähe zu spüren und eine soziale Verbindung miteinander einzugehen. Alle diese Aspekte kann ich bejahen. Die verschiedenen Phasen einer Partnerschaft habe ich ebenfalls durchlebt, sei es die anfängliche Schwärmerei, die Erwartungen an sein Gegenüber, der sich anschließende Machtkampf, das sprichwörtliche verflixte 7. Jahr, die Findung eines Kompromisses oder die Akzeptanz, in der sich das Gleichgewicht zwischen Nähe und Selbstständigkeit gefunden hat.

    In der Phase der Schwärmerei war ich bis über beide Ohren verliebt in meine Gabe und wollte unentwegt mit ihr zusammen sein. In der zweiten Phase merkte ich dann, dass meine Erwartungen viel zu hoch waren, und die erste Ernüchterung setzte ein. In der Dritten wurde es wirklich schwer für mich, mit ihr umzugehen. Sie wollte mich verändern, wollte mich dazu verleiten, mit jedem ins Bett zu gehen. Das Misstrauen und die Wut auf meine Gabe wurden immer größer. Unser siebtes Jahr war wirklich schwierig. Ich wollte mich von ihr trennen, ein normales Leben beginnen. Ich fühlte mich von ihr unter Druck gesetzt und eingeengt. Nach einer Weile merkte ich aber, was sie mir alles gab. Zwar konnte sie meine Erwartungen nicht voll und ganz erfüllen, aber wer ist schon perfekt? Letztlich fanden meine Gabe und ich einen Kompromiss und leben heute glücklich zusammen. Ich bin sehr zufrieden und möchte sie nicht mehr missen. Sicher, wir haben heute keine rosarote Brille mehr auf und schweben schon lange nicht mehr auf Wolke sieben – wie sollten wir auch? Wir haben jedoch unser Gleichgewicht gefunden, und ich habe sie angenommen. Ich akzeptiere mich inzwischen genau so, wie ich bin.

    So ist es mit jeder Partnerschaft: Man sollte nicht versuchen, seinen Partner zu ändern, sondern lernen, ihn mit all seinen Eigenschaften anzunehmen und so zu lieben, wie er ist.

    Aber zurück zu Fabien. Für mich war es etwas ganz Besonderes, als er mich eines Tages fragte, ob ich ihn zu einem Konzert begleiten wolle. Erst dachte ich, er wolle es mit mir zusammen als Zuschauerin besuchen. Erst im Laufe des Gesprächs begriff ich, dass er mich als Sängerin dabeihaben wollte. Ich war unfassbar glücklich und aufgeregt zugleich. Fabien wollte mit mir, der unerfahrenen Michelle, ein Konzert geben. Dass es sich dabei lediglich um einen kleinen Auftritt an einem Mittwochabend in einer Bar handelte, war mir egal. Wir würden gemeinsam auftreten. Das war unser Moment, der uns für immer verband, dachte ich.

    Vor dem Auftritt trafen wir uns mehrmals die Woche, um ein Programm für etwa eine dreiviertel Stunde vorzubereiten. Wir wurden mit jedem Mal besser, und ich sah uns schon auf den großen Jazzbühnen dieser Welt. Von New York bis Tokio würden wir die Musikwelt erobern: Fabien, der talentierte Musiklehrer, und ich, Michelle Maginot.

    Nachts überlegte ich mir, wie wir uns nennen könnten: Amateurs de Jazz oder Muse de Jazz. Fabien fand meine Vorschläge gut, und so nannten wir uns Muse de Jazz. Warum ihm die Verbindung von »Muse« und »Jazz« so gefiel, verstand ich sofort. Es entsprach genau dem, was wir waren. Die Muse und der Jazzmusiker.

    Für mich war es der erste, wirklich öffentliche Auftritt. Zwar war ich schon mit unserer Schulband aufgetreten, dass aber nur vor Mitschülern und Lehrern. Dabei hatte ich nie ein Problem mit Lampenfieber, doch an diesem Abend rutschte mir das Herz in die Hose. Schon als Fabien mich zu Hause abholte, hatte ich weiche Knie. Ich glaube, ich sagte während der ganzen Fahrt kaum ein Wort. Vielmehr ging ich in Gedanken sämtliche Texte, Pausen und Einsätze durch. Mir sollte später bloß kein Fehler unterlaufen. Schließlich sah ich in dem Auftritt den Beginn unserer gemeinsamen musikalischen Laufbahn. Ich wollte alles geben und Fabien davon überzeugen, dass wir zwei zu Größerem berufen waren.

    Als wir ankamen, war ich irritiert. Wir standen in einem Park vor einer Treppe, die in den Untergrund führte. Über der Treppe hing ein Schild mit der Aufschrift »Métro«. Ich fragte Fabien, wo er hin wolle, doch er sagte nur:

    »Wir sind da.«

    Die Bar, in der unser Auftritt stattfinden sollte, war also eine stillgelegte U-Bahn-Station. Wir gingen die Stufen über einen roten Teppich hinab und standen vor einer anthrazitfarbenen Tür mit einem Bullauge in der Mitte. Fabien klopfte, da der Laden noch geschlossen war, und ein kräftiger, kahl rasierter Türsteher öffnete uns.

    »Wir sind heute die Band«, stellte Fabien uns vor.

    Die Band. Das war Musik in meinen Ohren: wir, die Band. Ich glaube, man sah mir den Stolz an. Zumindest hatte ich das Gefühl, über allem anderen zu schweben, und meinte, die Massen würden nur auf uns, Muse de Jazz, warten. In Wirklichkeit war das Métro ein kleiner, etwas heruntergekommener, aber liebevoll betriebener Jazzclub, in dem Fabien und seine Freunde sich regelmäßig trafen und einmal im Monat auftraten.

    Ich folgte Fabien in das schummerige Dunkel und sah mich interessiert um. Links neben der Tür befand sich eine lange Theke, rechts ging man ein kurzes Stück an einer Wand entlang, bevor man schon fast im Zentrum der Bar stand. Schräg gegenüber dem Eingang war die provisorisch wirkende, knapp zwanzig Zentimeter hohe Bühne aufgebaut. An den Wänden standen mehrere kleine, eckige Tische und über der Tanzfläche waren einige Spots und Lichter montiert.

    Es war wirklich ein kleiner Laden, der mit fünfzig bis sechzig Gästen als sehr gut besucht gelten dürfte. Ich stand so unter Strom, dass ich mir keine Gedanken machte. Auch, dass ich mich auf der Bühne kaum würde bewegen können, da das Klavier den meisten Platz einnahm, war mir egal. Fabien musste meine Anspannung gemerkt haben. Er nahm mich in den Arm und fragte:

    »Was willst du trinken?«

    Ich wusste nicht recht, wo mir der Kopf stand. Nervös antwortete ich Fabien:

    »Bring mir bitte ein Wasser mit.«

    Als er zurückkam, stellte er mir einen wunderbar dekorierten Cocktail auf das Klavier und meinte nur:

    »Entspann dich, es wird alles gut gehen.«

    Er hatte leicht reden. Fabien dachte höchstwahrscheinlich auch, dass ich wegen der fremden Leute so aufgedreht war. Er ahnte ja nicht, dass es an ihm und unserem ersten gemeinsamen Konzert lag. Für mich war es wie unser erstes Mal. Bisher hatten wir nur ab und an etwas rumgemacht, aber heute sollte die Nacht der Nächte werden. Er war derjenige, der mich metaphorisch gesehen, entjungfern würde, und ich war stolz, dass er es sein würde. Er, mein Schwarm aus Schulzeiten. Er, der für mich immer unerreichbar zu sein schien.

    Fabien hatte sich ein dunkles Altbier bestellt und wartete noch an der Bar, nachdem er mir meinen Cocktail gebracht hatte. Er unterhielt sich mit einem Bekannten, während er auf sein Bier wartete. Sie scherzten und lachten. Ich stand derweil recht einsam auf der Bühne und schlürfte meinen Cocktail. Ich kam mir etwas verlassen vor und fühlte ein leichtes Unbehagen. Niemand beachtete mich. Zugegeben, der Laden war noch geschlossen und bis auf Fabien und seinen Gesprächspartner, eine Dame hinter der Bar, dem Türsteher und jemanden, der für die Musikanlage zuständig war, leer.

    Fabien war nicht mein Babysitter und musste sich nicht ständig um mich kümmern, redete ich mir gut zu. Als er wenig später zu mir herüberblickte und mein gequältes Lächeln bemerkte, entschuldigte er sich und kam zu mir.

    »Ist bei dir alles in Ordnung?«

    »Ja klar. Aber bist du jetzt nur wegen mir gekommen? Du hättest dich ruhig weiter unterhalten können.«

    Ehrlich gesagt war ich jedoch mehr als dankbar, dass er mich nicht noch länger alleingelassen hatte. Er gab mir die Sicherheit, die ich damals dringend benötigte. Ich hatte Angst, dass meine Stimme beim Einsetzen der Musik stocken, und ich keinen Ton herausbekommen würde. Meine Stimme zitterte selbst beim Sprechen schon. Ich hoffte, dass Fabien es nicht bemerken und mich für schwach halten würde.

    Um kurz vor 20:00 Uhr öffneten sich die Türen und die ersten Gäste trafen ein. Die Tische an der Seite des Raumes waren zuerst besetzt. Nach und nach füllten sich aber auch die Plätze an der Bar. Im Hintergrund lief leise eine Platte von Herbie Mann, der mit seiner furiosen Art des Querflötenspiels zu meinen liebsten Komponisten gehörte. Leider ist er bereits verstorben. Seine groovige Art, die Querflöte zu spielen, sorgte auch an diesem Abend für eine lockere, gelöste Stimmung, und man spürte, dass die Leute auf uns warteten.

    Da mich niemand kannte, wurde ich vor unserem Auftritt nicht wirklich beachtet. Vermutlich hielt man mich für eine ganz normale Besucherin. Fabien hingegen war den meisten schon bekannt und wurde von vielen persönlich begrüßt. Eine Dame ließ sich sogar ein Autogramm von ihm geben. Ich sah ihm an, wie erstaunt er über diese Bitte war. Natürlich erfüllte er ihr den Wunsch, bevor er die Bühne betrat.

    Die Menge applaudierte und Fabien nahm den Applaus mit ausgestreckten Armen dankend entgegen. Er begrüßte das Publikum und stellte mich mit einer famosen Ansprache vor.

    »Ich bin stolz, ihnen heute eines der größten Gesangstalente von Marseille vorstellen zu dürfen. Genießen sie mit mir zusammen ihre grandiose Stimme und lassen sie sich verzaubern.«

    Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Plötzlich merkte ich auch den Alkohol des Cocktails und musste grinsen.

    Noch bevor ich mein Mienenspiel wieder unter Kontrolle hatte, fing Fabien schon an zu spielen. Er schlug mit einer solchen Energie in die Tasten, dass diese seine Euphorie kaum wiedergeben konnte. Er war wie in Ekstase und ging voll in seiner Passion auf. Er war nicht länger der feinfühlige, geduldige Lehrer, er war zum Virtuosen, zu einer Koryphäe des Jazzpianos geworden. Seine Finger schienen über die Tasten zu rennen. Er spielte die Tonleiter rauf und runter. Verabredet war ein ein- bis zweiminütiges Intro, das er mit einem kurzen Höhepunkt abschließen wollte. Allerdings zog sich sein Highlight nun schon über mehrere Minuten hin. Mir war es egal. Ich lauschte fasziniert seinem Genie. Mit zerzaustem Haar und Schweißperlen auf der Stirn beendete Fabien die Einleitung und sah mich dabei entschuldigend an.

    Die Zuhörer waren nach dieser grandiosen Einführung außer Rand und Band. Der Applaus wollte nicht abreißen, bis Fabien schließlich einschritt.

    »Wer der Meinung ist, gerade etwas Außergewöhnliches gehört zu haben, der möge jetzt erst recht zuhören. Darf ich bitten? Michelle Maginot – eine ehemalige Schülerin, meine Inspiration.«

    Warum musste er den Druck noch erhöhen, indem er mich derart anpries? War ich nicht schon nervös genug? Leise fing er an zu spielen und ich schloss die Augen. Das Mikrofon in der Hand, das Klavier im Rücken, spürte ich die Wärme der Scheinwerfer im Gesicht.

    Mein Einsatz. Anfangs bemerkte ich noch die Unsicherheit in meiner Stimme, aber Fabien gab mir durch seine Begleitung Sicherheit. Ich fühlte mich geborgen, so als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

    Es war ein einmaliges Gefühl, mit ihm auf der Bühne zu stehen. Ich habe seitdem nie wieder so empfunden. Es war, als spürte ich ihn auf meiner Haut. Mit seinem Spiel schien er mich zu berühren, mich zu ergreifen. Ich merkte, wie Wärme über meinen Rücken wanderte und mir die Schultern streichelte. Es fühlte sich an, als ob seine Hände an meinem Hals entlangglitten, als ob er mich zärtlich umarmte und mir meine Bluse von den Schultern streifen wollte.

    Ich fühlte mich Fabien gegenüber ergeben. Während er zum zweiten Stück ansetzte, zog ich meine Schuhe aus und ging einige Schritte auf der Bühne. Auf einmal fühlte ich mich frei und unbefangen. Ich spürte die Bühne unter meinen Füßen. Die Kälte, die sie ausstrahlte, gab mir Klarheit. Ich wusste, was zu tun war. Es half mir, mich fallen zu lassen.

    Ich driftete ab. Mir war, als würde mich Fabien an allen Stellen meines Körpers berühren. Ich fühlte mich begehrt und privilegiert. Es war ein Gefühl von Freiheit, was ich ausleben wollte. Ich wollte mich ihnen zeigen, mein Innerstes nach außen kehren. Jeder sollte mich sehen, und niemand durfte mich berühren. Ich war nur für ihn da. Ich war sein, und nur er durfte mich lenken, mich unterbrechen und mit mir auf diese Weise vereint sein.

    Die Hitze im Raum nahm zu und ich merkte, wie sie an meinem Körper Spuren hinterließ. Es war ein Gefühl, als wenn Fabiens Hände über meine Brüste strichen, als wenn sie zwischen meinen Beinen hielten und seine Finger meine Klitoris umspielten. Es erregte mich. Ich erlebte, wie ich vor all diesen Menschen feucht wurde, und stellte mir vor, mit Fabien allein zu sein. Wie er meine Brüste entblößte, meine Hose öffnete, mich sinnlich zum Höhepunkt brachte …

    Es war ein unglaubliches Glücksgefühl, mit ihm gemeinsam, vor all diesen Menschen zu stehen, die unsere Musik feierten.

    Mit einem Mal hörte Fabien auf zu spielen. Ich fühlte mich wie verraten, allein gelassen, bloßgestellt, doch die Menge jubelte und applaudierte energisch. War es das schon? War die Zeit dermaßen schnell verflogen? Meinem damaligen Gefühl nach hatten wir gerade erst angefangen. Ich konnte mich weder an Pause noch etwas Anderes erinnern, dass einzige war mein Einsatz, alles andere war verschwommen. Mir war es nicht möglich zu sagen, wie lange wir gespielt haben.

    Das Gefühl zu beschreiben, das ich in diesem Moment empfunden habe, ist schwer. Es war ein absolutes Hochgefühl, ein Rauschzustand, wie Drogen ihn kaum auslösen können. Ich glaubte zu fliegen. Sämtlicher Druck, den ich verspürt hatte, war von einer Sekunde auf die andere verschwunden. In diesem Moment wusste ich: Das will ich. Nicht vor einem Millionenpublikum spielen, nein, diesen privaten Moment im kleinen Kreis mit einer Handvoll begeisterter Zuhörer genießen. Ich wollte jeden im Raum umarmen und mich für diesen phänomenalen Abend bedanken.

    Ich war erschöpft, nassgeschwitzt und durstig. Der Jubel hielt seit mehreren Minuten an und die Rufe nach einer Zugabe wurden lauter. Ich suchte den Blickkontakt mit Fabien. Waren wir auf eine Zugabe vorbereitet? Er sah mich an, grinste und zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine weiteren Texte im Kopf. Was sollte ich singen?

    Fabien kannte dieses Problem nicht. Er konnte einfach drauflos spielen, und die Menge liebte ihn dafür. Ohne lange darüber nachzudenken, nahm ich das Mikrofon und fing an zu singen. Meine Augen waren geschlossen. Niemand war am Sprechen. Nur meine Stimme schallte durch das Métro, und wirklich jeder hing an meinen Lippen. Ich öffnete kurz die Augen und sah die Begeisterung der Menschen. Dass Fabien anfing, mich mit leisen Tönen zu begleiten, merkte ich erst gar nicht. Als ich ein liebevoll gehauchtes »Uuhh« ausklingen ließ, setzte er zu seinem Solo an.

    Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn ich an dieses Solo von ihm denke. Etwas Vergleichbares habe ich nie wieder gehört. Ich kann bis heute nicht wirklich begreifen, wie er diesen achtundachtzig kleinen weißen und schwarzen Tasten eine derartige Klangvielfalt entlocken konnte. Er spielte auf dem Klavier, als würde sein Leben davon abhängen.

    Fabien besaß ein Talent dafür, mit seinem Spiel Stimmungen zu erzeugen und ganze Geschichten zu erzählen. Es gibt nur wenige Musiker, die diese Gabe haben.

    Ich wollte wieder einsetzen und ihn begleiten, aber ich stand vor dem Klavier und war vor Ehrfurcht wie erstarrt. Das gesamte Métro war verstummt, jeder blickte voller Erstaunen zur Bühne. Selbst die beiden Damen hinter der Theke hatten ihre Gläser und Flaschen abgestellt und verfolgten diese denkwürdigen Minuten.

    Ich hatte nicht gewusst, dass Fabien so wundervoll spielen konnte. Natürlich wusste ich, dass er ein begabter Pianist war, aber das, was er an diesem Abend darbot, glich meiner Meinung nach einem Jahrhundertereignis. Ich sah die begeisterten Blicke der Zuschauer. Auch seine Freunde und Bekannten waren aus dem Häuschen. So etwas hatten sie, ihren Blicken nach zu urteilen, noch nicht erlebt.

    Fabien konnte gar nicht aufhören, und niemand traute sich, den Mund zu öffnen, während er wie besessen weiterspielte. Als sein Spiel nach einem furiosen Höhepunkt etwas leiser wurde, setzte ich mit zarter Stimme ein. Er sah mich an, und ich erkannte Dankbarkeit in seinem Blick. Damals ging ich davon aus, es wäre wegen meines Einsatzes, aber einige Wochen später, bei einer unserer Proben sagte er mir:

    »Den Abend hatte ich nur dir zu verdanken.«

    Ich verstand es nicht auf Anhieb, sondern brauchte eine Weile, um zu realisieren, was er damit meinte.

    Das Gefühl, das mich durchflutete, als Fabien vom Klavier aufstand und das Konzert beendete, war unbeschreiblich. Es war, als hätten wir gerade eine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder im Métro war am applaudieren. Sie pfiffen und riefen unseren Namen, Muse de Jazz. Das Publikum war außer sich und kaum zu bändigen. Mehrere Personen stürmten auf Fabien zu und wollten mit ihm reden. Er jedoch wies sie alle ab und kam stattdessen auf mich zu. Er riss die Arme weit auseinander und drückte mich, als wenn wir uns ewig nicht gesehen hätten. Er hob mich hoch und drehte sich einmal im Kreis. Ich fühlte mich wie die Prinzessin im Märchen und war unendlich glücklich an dem Abend. Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben und einer, an den ich mich auch heute noch mit Freude erinnere.

    »Danke für diesen Abend«, sagte Fabien noch im Métro mehrfach zu mir, und jedes Mal wiederholte ich den Satz und fügte hinzu:

    »Ich bin doch die Glückliche«.

    Fabien fragte mich:

    »Willst du noch bleiben oder soll ich dich nach Hause fahren?« Was für eine Frage! Der Abend hätte von mir aus ewig andauern dürfen. Ich wollte bleiben und jede Sekunde mit ihm genießen, schließlich waren wir die gefeierten Stars des Abends.

    »Heute Abend geht alles auf mich Michelle. Bestell, was du willst.«

    Kurz darauf kam der Besitzer der Bar auf Fabien zu und bat darum, dass wir in Zukunft regelmäßig bei ihm auftreten würden. Ich war total aufgedreht. Genau davon hatte ich geträumt. Fabien wiegelte jedoch ab und teilte dem Mann mit, dass wir gerne ab und an wiederkämen, aber auf keinen Fall ein fester Bestandteil des Line-up werden würden. Der Besitzer versuchte mehrfach, ihn doch noch zu überzeugen, aber Fabien lehnte konsequent ab.

    »Warum sagst du Nein?«, wollte ich von ihm wissen, sobald wir wieder für uns waren. Ich verstand Fabien nicht.

    »Das war unsere Chance und eine einmalige Gelegenheit.«

    »Eine einmalige Gelegenheit? So ein Quatsch«, sagte er.

    »Wir kennen uns seit Jahren, und bisher wollte er uns nicht einmal eine Gage bezahlen oder wenigstens Freigetränke spendieren.«

    Jetzt verstand ich, worum es ging. Der Besitzer des Métro wollte mit unserer Hilfe kostengünstig seinen Laden füllen. Fabien erzählte mir später:

    »Der zahlt Musikern äußerst ungern eine Gage. Er ist der Meinung, dass wir froh sein können, bei ihm auftreten zu dürfen. Das haben wir aber nicht nötig Michelle.«

    Fabien ging es also nur indirekt um das Geld: Er wollte sich schlicht und ergreifend nicht ausnutzen lassen.

    Im Métro redete Fabien mir noch gut zu:

    »Gedulde dich Michelle. Ich weiß, wer heute Abend noch unter den Zuschauern war, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir heute nicht noch ein weiteres Angebot bekommen würden.«

    Mir wurde bei diesen Worten ganz heiß.

    »Habe ich dich richtig verstanden?«

    Es klang für mich, als wollte er weiterhin mit mir auftreten. Sollte mein Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen? Meine Aussage veranlasste ihn wohl zu dieser nicht ganz ernst gemeinten Frage.

    »Willst du denn überhaupt noch einmal mit mir zusammen auftreten?«

    »Ich fand es ganz nett heute«, erwiderte ich. Das war aber die Untertreibung des Jahres.

    »›Ganz nett‹ ist die kleine Schwester von öde und langweilig.«

    Aus Angst, mit meiner Tiefstapelei möglicherweise einen falschen Eindruck erweckt zu haben, sagte ich schnell:

    »Unbedingt will ich wieder mit dir auftreten!«

    Fabien freute sich sichtlich über meine Antwort und meinte dann:

    »Wir müssen nur abwarten. Nach diesem Abend können wir uns aussuchen, in welchem Laden wir auftreten wollen.«

    Er war begeistert von meiner Performanz, meiner Stimme, der Sicherheit und Natürlichkeit, die ich auf der Bühne ausgestrahlt hätte. Ich hätte

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