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Schäm dich!: Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen
Schäm dich!: Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen
Schäm dich!: Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen
eBook292 Seiten2 Stunden

Schäm dich!: Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen

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Über dieses E-Book

Judith Sevinç Basad empört sich – und stemmt sich vehement gegen die sich aufgeklärt wähnende Meinungsmache, gegen Denkverbote und Unschärfen in den Argumenten einer selbsternannten kulturellen Elite. Ist es denn, genau betrachtet, wirklich so, dass die "Privilegierten" den sozialen Aufstieg von Migrantenkindern verhindern? Kann nur eine Frau wissen, wie man Politik für Frauen macht? Ist "MeToo" eine durchgängig lautere Bewegung? Ist es im Kampf gegen Rassismus mit der Entmachtung des "alten weißen Mannes"
getan? Tatsächlich wird es fast schon modisch, dass man Andersdenkenden ein "Schäm dich" zuruft und ihnen damit den Mund verbietet.
SpracheDeutsch
HerausgeberWestend Verlag GmbH
Erscheinungsdatum29. März 2021
ISBN9783864898204
Schäm dich!: Wie Ideologinnen und Ideologen die Welt in Gut und Böse einteilen

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    Buchvorschau

    Schäm dich! - Judith Sevinç Basad

    Westend Verlag
    Ebook Edition

    Judith Sevinç Basad

    Schäm dich!

    Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

    Westend Verlag

    Mehr über unsere Autoren und Bücher:

    www.westendverlag.de

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

    Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

    ISBN 978-3-86489-820-4

    © Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021

    Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

    Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

    Inhalt

    Titel

    Widmung

    Die Lernerfahrung

    Lassen wir John Lennon einfach träumen

    »Narrativ«, »Diskurs« und »dekonstruieren« – alles nur harmlose Trends?

    Die Social-Justice-Warriors

    Fehler in der Matrix: Es gibt keine Hautfarben

    Aber wie können Hautfarben »sozial konstruiert« sein?

    So eine Weltsicht ist vor allem eines: rassistisch

    Weiße Privilegien: Wer ist das größte Opfer?

    Fakten-Check: Es gibt keine »rassistische Struktur«

    Mythos: Gender Pay Gap

    Die 50-Prozent-Ideologie

    Der Weg in die Knechtschaft: das »Othering«

    Extremismus mit Hautfarben bekämpfen …

    … oder indem man Weißen die Jobs wegnimmt

    Cancel Culture

    »Kulturelle Aneignung« – der reine Volkskörper

    James Bond, Borat und ein nackter Amor – alles »toxisch«?

    Menschen canceln

    2 + 2 = 5

    Doch der Reihe nach

    Von Spätz*innen und Gäst*innen

    Gesetze nur für Frauen

    Ich lege Schere in Schublade

    »innen! innen! innen!«

    Virtue Signalling

    Schäm dich!

    Staatlich geförderter Rassismus

    Unterwerfungszeremonien

    Die Suche nach dem cooleren Christentum

    Dein Kind ist rassistisch

    … und auch deine Gefühle

    Big Brother is watching you

    Mit Islamisten kuscheln

    Hass gegen Frauen und Queers

    Das Kopftuch – ein Zeichen der Emanzipation?

    Ein Blick in die Forschung: Genitalverstümmelungen verteidigen …

    … und Selbstmordattentate

    Clan-Kriminalität

    Das ist die Realität der arabischen Clans im Jahr 2020

    Israel-Hass

    »Du bist ein Nazi!«

    Schweigen über Islamismus

    Doch der Reihe nach

    Wenn sich Journalisten mit Aktivisten verwechseln

    Schweigespirale

    »Nachrichten« beim ZDF

    Infizierte Gedanken: Kontaktschuld

    Berichten über Hatespeech

    Fake News

    Schluss: Wohlstandsverwahrlosung oder der Narzissmus der Bildungseliten

    Dank

    Anmerkungen

    Für Gisela und Ali Yalcin Basad (R.I.P.)

    Die Lernerfahrung

    Deutschland im Jahr 2014. Der Sender ZDFneo strahlt die Dokumentation »Der Rassist in uns«¹ aus, in der ein Diversity-Workshop begleitet wird. Die Teilnehmer sollen hier anhand des »Blue-Eyed«-Konzepts lernen, wie Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft entstehen. Das Vorgehen: Menschen mit blauen Augen bekommen einen Kragen um den Hals und werden von dem Coach systematisch schlechter behandelt. Das Ziel: Menschen mit weißer Hautfarbe sollen »spüren«, wie sich der Alltag für Menschen mit dunklerer Hautfarbe anfühlt, und somit für Rassismus »sensibilisiert« werden.

    Die Menschenverachtung, die in diesem Film vorgeführt wird, hält man als Zuschauer nur schwer aus. So werden die »Blauäugigen« wie Kriminelle einzeln abgeführt, für längere Zeit in einen Raum eingesperrt und von einer Videokamera überwacht. Während die Teilnehmer mit braunen Augen in einem anderen Raum mit Getränken und Essen versorgt werden, müssen die »Blauäugigen« hungern. Die isolierte Gruppe weiß nicht, was mit ihr passiert. Stattdessen kommen immer wieder Security-Männer in den Raum und schüchtern einzelne Teilnehmer ein, gehen aggressiv auf sie zu, starren sie an oder werden handgreiflich.

    Nach einer Weile werden die »Blauäugigen« auf eng nebeneinander gestellte Stühle in die Mitte eines anderen Raumes gepfercht. Um sie herum, teilweise auf einem höher liegenden Podest, sitzen die »Braunäugigen«, die der Coach, Jürgen Schlicher, nach eigenen Angaben Trainer für »Diversity-Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung«, zuvor gegen die »Blauäugigen« aufgehetzt und in das Experiment eingeweiht hat: Es sei ihre Pflicht, die »Blauäugigen« mit ihm zusammen fertig zu machen – also das Spiel mitzuspielen –, weil weiße Menschen nur so »eine Lernerfahrung« machen könnten.

    Und diese »Lernerfahrung« hat es in sich. So werden die »Blauäugigen« von Schlicher gezwungen, rassistische Sprüche von Plakaten vorzulesen, in denen Menschen mit blauen Augen erniedrigt werden. »Wir können nicht zulassen, dass Blauäugige in Deutschland unsere Sozialsysteme ausnutzen«, »Blauäugige sind total undemokratisch«, »Kennst du einen Blauäugigen, kennst du alle«, steht dort. Zuvor erzählte Schlicher den »Braunäugigen«, dass Menschen mit blauen Augen dümmer seien, weil zu viel Licht in ihr Gehirn eintrete, was die Gehirnzellen schädige.

    Permanent geht Schlicher Menschen aggressiv an, lacht sie aus, beleidigt sie oder schnippt ihnen mit der Hand vor dem Gesicht herum. Schnell wird klar: Menschen sollen hier anhand ihrer Augen- und Hautfarbe gebrochen werden. Mit Erfolg. Denn am Ende des Workshops hält die Kamera minutenlang auf die Gesichter einiger »Blauäugiger«, die mit den Tränen kämpfen.

    Doch es wird noch schlimmer. »Hast du einen nervösen Tick, der dich irgendwie zwingt, mich so blöd anzugrinsen?«, herrscht Schlicher die junge weiße Teilnehmerin Nele an. »Liegt mir in der Natur«, entgegnet sie frech. »Das ist mir scheißegal. Hör auf, mich so dämlich anzugrinsen, wenn ich dich ansehe. Ich könnte das persönlich nehmen, und das möchtest du nicht. Verstanden?« Einige Zeit später fordert Schlicher die junge Frau auf, sich auf den Boden zu setzen. Doch Nele protestiert. Sie wehrt sich gegen den Coach, der sie dann aus dem Seminar schmeißt.

    Als sie geht, wird Nele von Schlichers Kollegin verfolgt und zur Rede gestellt: »Ist dir klar, was das bedeutet, wenn du das Seminar verlässt? Ist dir klar, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die diskriminiert werden? Ist dir klar, dass das Leute sind, die so aussehen wie der Mann, der neben dir steht?«, fragt die Frau und zeigt auf den schwarzen Moderator Amiaz Habtu. »DU kannst deinen Kragen abnehmen. ER kann das nicht. Willst du nicht wissen, wie sich Diskriminierung anfühlt?«, schnauzt sie Nele an.

    Es ist mehr als deutlich: Weil Schwarze im Alltag Rassismus erfahren, soll Nele diesen Schmerz jetzt auch erfahren. Und Nele soll sich dafür schämen, dass sie zu den Weißen gehört, die in Deutschland Schwarzen das Leben schwer machen. Nele wird also nicht nur wegen ihrer Hautfarbe ein schlechtes Gewissen eingeredet, ihr wird auch vorgeworfen, dass ihr das Leid von Schwarzen egal sei und dass sie zur ignoranten, rassistischen Masse der Weißen gehöre. Nele muss also leiden, weil sie nur durch diesen Schmerz ein besserer Mensch werden kann.

    Kein Zweifel: In Deutschland werden dunkelhäutige Menschen, Muslime und LGBTQs² diskriminiert und ausgegrenzt. Natürlich ist das ein Missstand, über den man aufklären und mit dem sich die Gesellschaft beschäftigen muss. Aber rechtfertigt das Vorhandensein von Rassismus, dass man Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und dann auch noch vor Kameras derart fertigmacht?

    In der Doku wird auch das schon genannte »Blue Eyed«-Konzept vorgestellt, das die US-amerikanische Lehrerin Jane Elliott in den 70er-Jahren an ihrer Grundschule entwickelt hat. Es werden Viertklässler gezeigt, denen man einen Kragen umbindet. Dann wird die Lehrerin eingeblendet, die ein Bild eines traurigen Schülers in der Hand hält: »Die Fotos zeigen, was aus einem glücklichen Kind wird, wenn man ihm einen Kragen um den Hals bindet und ihm sagt, dass es minderwertig ist – und es damit in ein ängstliches, verletzliches, eingeschüchtertes Kind verwandelt«, erzählt die Antirassismus-Aktivistin.

    Diesen Satz muss man auf sich wirken lassen: Um Rassismus in der Gesellschaft zu bekämpfen, sollen Grundschulkinder herabgesetzt, verängstigt und verletzt werden. Die Doku selbst wirbt damit, dass man mit diesen Methoden eine »diskriminierungsfreie Atmosphäre« schaffen könne. Oder anders gesprochen: Psychischer Schmerz, Rassismus und Psychoterror scheinen hier ein notwendiges Übel zu sein, um den Weg in eine bessere Gesellschaft zu ebnen.

    Nun könnte man Jane Elliott und ihre Fans vom ZDF auch als Spinner bezeichnen, als nicht ernst zu nehmende Einzelfälle, die es in jeder politischen Bewegung gibt. Wäre es doch so. Denn Jürgen Schlicher wurde nicht nur von Elliott ausgebildet. Er leitet auch eine Diversity-Initiative, mit der er große Konzerne wie Ikea, Vodafone und L’Oréal, aber auch Bund und Länder in Sachen Diskriminierung berät.³  Er bietet den Workshop auch in Deutschland an und mindestens eine Schule, die Teil des Netzwerks »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist«, führte den Workshop unter Schlichers Leitung auch in Deutschland durch.⁴ Nach eigenen Angaben holte er das Projekt »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« nach Deutschland.⁵ Der Verein Aktion Courage e.V. widerspricht dem und sagt, der Verein habe das Projekt 1995 nach Deutschland geholt.

    All diese Fakten sind im Netz frei zugänglich und werden in der Doku dargelegt. Dennoch feiern auch die deutschen Feuilletons den Film. Spiegel Online lobt die Sendung etwa, in der es »tatsächlich aufrüttelnde Momente«⁶ gebe, die Süddeutsche spricht von einem »erhellenden Psychoterror« und einer »beeindruckenden Folter«⁷, der man sich besser unterziehen solle, um Rassismus »mit allen Konsequenzen« zu begreifen. Der Tagesspiegel findet das Format gut und empfiehlt, es weiter auszubauen⁸. »Ein Fall für das Hauptprogramm«, schreibt der Stern.⁹ Im Jahr 2016 wurde ein solcher Workshop zudem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Modellprojektes »Demokratie leben!« finanziert.¹⁰

    Wie kann es sein, dass fast 60 Jahre nachdem Martin Luther King von einer Zukunft träumte, in der Menschen nicht mehr nach ihrer Hautfarbe bewertet werden, genau das Gleiche wieder geschieht? Wie kann es sein, dass die autoritären Erziehungsmethoden der Generation unserer Großeltern nicht nur wieder salonfähig, sondern auch als »progressiv« gefeiert werden? Und wie kann es sein, dass sich kein politischer oder medialer Widerstand regt?

    Lassen wir John Lennon einfach träumen

    Stell dir eine Welt vor, in der es keinen Besitz, keine Gier, keinen Hunger und keine Grenzen gibt. Nichts mehr, wofür wir töten oder sterben müssten, und auch keine Religionen. Stell dir vor, alle Menschen könnten in Frieden leben. Kannst du das überhaupt?

    Das sind Zeilen aus dem Lied »Imagine«, mit dem John Lennon in den 70ern einen Welthit landete. »Du magst vielleicht denken, dass ich ein Träumer bin, aber ich bin nicht der einzige«, heißt es dort weiter. Und der Beatle hat Recht. Denn der Traum von einer perfekten Welt ist nicht nur so romantisch und schön wie Lennons Musik. Er ist auch sehr alt.

    Platon war der Erste, der in der Antike einen Dialog schrieb, in dem er sich Gedanken über den idealen Staat machte. Der Engländer Thomas Morus, Staatsmann und katholischer Märtyrer, übernahm dann im frühen 16. Jahrhundert ein paar von Platons Motiven und verarbeitete sie in einer Geschichte. Dort erzählt Morus von dem Seemann Raphael Hythlodeus, der nach einem Schiffbruch an einer versteckten Insel mit dem Namen »Utopia« strandet.

    Der Staat und die Gesellschaft, die der Seemann hier kennenlernt, sind perfekt: Denn die Utopia geht so gut auf die Bedürfnisse und das Wohlergehen der Bürger ein, dass alle in absoluter Harmonie miteinander leben. Gleichzeitig betreibt der Staat eine derart progressive und moderne Politik, dass der durch den Feudalismus geprägte Engländer mit offenem Mund herumsteht und sich wie ein Hinterwäldler vorkommt.

    Mit dieser Geschichte gab Morus der Idee der vollkommenen Welt ihren Namen: die Utopie. Einige Autoren aus der frühen Neuzeit schrieben dann weitere Utopien, die aber alle an Morus’ Geschichte angelehnt waren. Da gab es etwa die »Nova Atlantis« von Francis Bacon, in der die Bewohner neue Pflanzenarten züchten, unvorstellbare Experimente durchführen und an sagenhaften Erfindungen arbeiten. Auch in der Utopia berichtet Hythlodeus von feuerfesten Häusern und modernen Waffen. Kurz: Die Utopien gehen immer mit der Sehnsucht nach Innovation, Fortschritt, Zukunft und neuer Technologie einher, weswegen Utopia auch die Vorlage für die moderne Science-Fiction bot.

    Und auch in der Popkultur findet man die Utopie wieder. Im Film »The Beach« entdeckt Leonardo DiCaprio auf einer thailändischen Insel eine Community, die ein paradiesisches Leben ohne Sorgen führt. Und die linke Rap-Gruppe »K. I. Z.« erzählt in dem Lied »Hurra, die Welt geht unter«, wie sich Berlin nach einem Atomkrieg in eine pazifistische Idylle verwandelt.

    Aber kann die Utopie auch umgesetzt werden? Nehmen wir mal an, es wäre möglich. Dann würden wir auf folgende Probleme stoßen:

    Erstens: Wie soll der perfekte Staat genau aussehen? Man bräuchte nicht nur ein besseres politisches System, sondern auch eine neue Kultur, neue Normen, Rituale und Bräuche, neue politische und gesellschaftliche Mechanismen, die so aufeinander abgestimmt sind, dass niemand benachteiligt wird und keine Armut, Kriege und Ungleichheiten entstehen. Aber wie soll das funktionieren? Ist der Staat eine Demokratie? Eine Monarchie? Ist er kapitalistisch oder sozialistisch organisiert?

    Das zweite Problem: Wer besitzt das Wissen über das perfekte System, das die Aufgabe unserer bestehenden Ordnung lohnenswert machte? Und wie können wir sicher sein, dass der neue Staat nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität funktioniert? Und: Wer entscheidet über den Systemwechsel? Das ganze Volk, seine politischen Vertreter oder nur eine kleine Gruppe besonders intelligenter Wissenschaftler?

    Diese Probleme werden in den Geschichten von Morus bis K. I. Z. einfach gelöst: Es wird beobachtet, was in der Gesellschaft schiefläuft und warum die Menschen leiden. Dann werden die Gründe für das Leid auf simple Ursachen verkürzt – die man danach ganz einfach aus der Welt schafft.

    Und egal, ob es sich um Geschichten aus der frühen Neuzeit oder Musikhits handelt – es sind immer dieselben Gruppen, die für das gesamte Leid der Welt verantwortlich gemacht werden: »die Reichsten« oder »das Establishment«. Sind es bei Morus der Adel und die gierigen Kaufleute, die die Armut im England des 16. Jahrhunderts verursachen, sind es bei K. I. Z. die großen Konzerne wie Nestlé, McDonald’s oder die Deutsche Bank, die dem Glück der Menschheit im Weg stehen.

    Die Kernbotschaft der Utopien ist also über Jahrhunderte gleich geblieben: Man muss nur das Privateigentum abschaffen und die Reichsten enteignen, um im absoluten Glück zu leben. Aber damit nicht genug. Es müssen auch eine neue Kultur, neue Normen und – vor allem – eine neue Moral her, die sich gegen das Besitzdenken stellt. So sind in Utopia Würfel- und Glücksspiele verboten, weil sie die Menschen zu Gier und Völlerei anregen könnten. Und Reichtümer sind derart verpönt, dass Kinder mit Gold und Edelsteinen spielen, weil sie keine Ahnung haben, was Luxus bedeutet. Auch bei K. I. Z. haben die Kids das Verständnis für die kapitalistische Warenlogik verloren: »Ein Goldbarren ist für uns das Gleiche wie ein Ziegelstein«. Und: »Ein Hundert-Euro-Schein? Was soll das sein? Wieso soll ich dir was wegnehmen, wenn wir alles teilen?«

    Auch dem nervigsten Leid unseres Alltags geht es in den Utopien an den Kragen: der Lohnarbeit. Schon Morus ließ seine Utopier nur sechs Stunden am Tag arbeiten, weil sein perfektes System mehr nicht braucht. Kurz: Die Dinge, die in der Gegenwart zu massiven Ungerechtigkeiten führen wie das kapitalistische System, die Lohnarbeit oder die allgegenwärtige Staatsmacht, werden in den Utopien einfach abgeschafft, damit sich das Glück – wie magisch – von selbst einstellt.

    So einfach ist das natürlich nicht – was auch Thomas Morus wusste. Deswegen nannte er die Utopie auch so, wie er sie nannte: »Ou«-»Topos« bedeutet auf Altgriechisch »Nicht-Ort«. Für den Engländer war also klar, dass der perfekte Ort nur in einer erfundenen Geschichte oder in einer weit entfernten Welt, etwa auf einer verlassenen Insel, existieren könnte. Und nicht innerhalb der herrschenden Gesellschaft.

    Man kann die Utopie auch mit einem Perpetuum mobile vergleichen: Eine Fantasie-Maschine, in der Ursache und Wirkung so genau berechnet sind, dass sie ohne äußere Einflüsse funktioniert. Sie treibt sich also selbst an. Das Perpetuum mobile ist nach physikalischen Gesetzen nicht nur unmöglich. Es ist auch ein geschlossenes System, das sofort in sich zerfallen würde, wenn man in die sich greifenden Zahnräder, Pumpen oder Wasserfälle eingreifen würde.

    Das bedeutet: Utopien sind komplett abgeriegelte Systeme, in denen es weder politische noch kulturelle Veränderungen geben darf. Die Utopie muss nicht nur von der Außenwelt abgeschottet, sondern auch vor demokratischer Willensbildung beschützt werden. Denn unterschiedliche Parteien,

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