Furor: Lyrik
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Über dieses E-Book
Konstrukt Wort
entziffern
zerreden
entleiben
Ressource Sprache
endlich
Wir verbluten
wenn wir nicht aufhören
Tilman Rademacher
Tilman Rademacher, Jahrgang 1978, ist Schauspieler, Autor und Filmfuzzi. Er lebt in Münster.
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Buchvorschau
Furor - Tilman Rademacher
Leg ein Ohr auf diese Seite
So leise ist das Wort
Du hörst es nicht?
Die Seite hat‘s verinnerlicht
Das Wort steht hier geschrieben
und es spricht
und du hörst es, nicht?
Pflichtgedicht
Richtig oder nicht
ich steh hier, weil ich muss
Wie‘s geht? Wie‘s steht?
Ach, Gottchen, ja
Ich würd mich gern mal setzen
gern nähm ich auch den Bus
Oder ich nähm die Bahn
dann würd ich fahrn
Ich führe mich spazieren
und säh mir Wiesen an
Auf einer stündest vielleicht du
und du tät‘st winken
Doch so steh und wink nur ich
Und du siehst dabei zu
Regalsoldat
Ich bin der Regalsoldat
stehe, warte hier auf dich
Tausendmal gingst du vorüber
doch nun endlich siehst du mich
Nimmst mich raus
siehst in mich rein
Blätterst, liest
denkst ja und nein
Stellst mich wieder zu den andern
Ich muss stehn
Dein Blick muss wandern
Die pandemische Primel
Eine Primel ist eine Primel
ist eine Primel
dünne Plastiktütchen für Gemüse, Obst
ein ziemliches Gefriemel
Eine Primel ist eine Plage
ist ein Prachtgeschwür
Tschüß, Welt
war nett mit dir
Rette mich
Als alle sagten: er ist es nicht wert
hast du ihnen widersprochen
Ich aber habe alles dafür getan
dass sie Recht behielten
Und jetzt stehe ich hier
mit meinem dummen anmaßenden Ego
und frage dich:
Rettest du mich noch einmal?
Legst du noch einmal ein Wort für mich ein?
Nur noch dieses eine Mal
und das Mal danach?
Lippenbekenntnis
Lass die Liebe zu dir
mehr sein als nur
Worte auf Papier
Lass sie niemals enden
Halte mein Seelchen in Händen
wie einen Vogel im Nest
Halt mich fest
und lass mich frei
Lass nach langer Flucht zu mir
mich dich endlich küssen
Lass uns sagen:
wir
Zettel am Kühlschrank
Ich bin weg
und komm nie wieder
Grüß die Tante!
Und sing Lieder!
Im Kühlschrank ist noch etwas Wein
Gib dir zwischendurch die Kante
Gieß die Pflanzen
füttere den Hund
Warum ich geh?
Du findest schon
noch einen Grund
Ceci n‘est pas une pipe
(nach „Der Verrat der Bilder" von René Magritte)
Dies ist kein Wort
Dies ist eine Pfeife
Du liest nicht
du rauchst Gedanken
Dies sind Tabakkrümel
und keine Buchstaben
Dies ist eine Pfeife
Du Pfeife
(…) damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;
Psalm 91,12
Leg mir einen Stein
Leg
mir einen Stein
in den Weg
dass ich mich daran
stoßen kann
dass ich weiß, ich bin nicht frei
Damit ich weiß, was Freiheit sei
leg mir eine frisch entwurzelt lose
Leg auf meinen Stein
mir eine Rose
„Ich gehe mich einen Scheiß an."
Marlene Dietrich
Es führt kein Weg zu mir
(überlanges Lamento)
Aus meiner Mitte ragen heraus
Arme, Hände, Kopf und Fuß
heraus, heraus zu dir
Ich gebe unsichtbare Zeichen
Doch Dach und Wand und Fenster, Tür
bilden noch kein Haus
Die Hinweistafeln sind verdreht
Wegweiser gehn ins Leere
Unleserlich die Schrift und niemand
der mein Alphabet versteht
Und buchstabiert bin ich: Misere
Der Stein und die Markierung fehlen
Ein Steinwurf ist es nur zu mir
ein Stein, geworfen und verfehlt
Mein Leib wie Obst
entkernt, entseelt
Meine Sehnsucht richtet sich
auf dich
Die Kompassnadel ist Spitze eines Pfeils
übers Ziel hinausgeschossen
Geschoss in einem morschen Baum
Und dieser Baum bin ich
Und alle Tinte ist zurückgeflossen
zurück zu Quelle, erstem Traum
Die Nadel zeigt nach süd, süd-ost
ist Menetekel, Zeichen
Es bildet sich der erste Rost
Ich kann dich nicht erreichen
Gebleicht: das Tintenblau des Ozeans
Gedrucktes Schwarz der Nacht: entfärbt
Und hinter meinen Ohren spieln kindesgleich
die vielen Stimmen meines Wahns
Die Zukunft ist enterbt
Der alte Baum: gefällt
Und an den Klippen meiner Brust
ist jedes Herz bislang zerschellt
Wie ein Lotse nicht bei Sinnen
ruf ich aus meinem Brunnen innen
Ich gebe wilde Zeichen
Die Wogen schlagen hoch in mir!
Meine Hand sehnt sich nach dir, nach dir!
Du bist nicht zu erreichen
Ich hab mich
