Manchmal leicht wie Sonnenschein
Von Fanny Hedenius
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Buchvorschau
Manchmal leicht wie Sonnenschein - Fanny Hedenius
Fanny Hedenius
Manchmal leicht wie Sonnenschein
Übersezt von Regine Elsässer
Saga
Manchmal leicht wie Sonnenschein
Übersezt von Regine Elsässer
Titel der Originalausgabe: Saffransbröd och pepparkakor
Originalsprache: Schwedischen
Coverbild/Illustration:Shutterstock
Copyright © 1985, 2021 Fanny Hedenius und SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726966152
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
www.sagaegmont.com
Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com
1. Kapitel
Blaubeertörtchen
Jetzt werde ich ein Mädchen zeichnen, das aussieht wie ich. Und man muß sie richtig gut erkennen können. Ich will nämlich gesehen werden – besonders von den Jungens natürlich.
Vorne darf sie keine Haare haben, sie hat sie alle zu einem kleinen Knoten ein bißchen schräg auf dem Kopf zusammengebunden, das ganze Gesicht bleibt frei.
Oh, die Backen sind ein bißchen sehr rund geraten!
Und so eine kleine Nase! Soll ich sie so klein zeichnen, wie sie in Wirklichkeit ist? Ja, klar doch. Und wenn ich den Mund so eigensinnig zusammenkneife, dann wird die Nase noch kleiner. Sie ist zu klein, das sieht blöd aus. Ich mache sie auf dem Bild extra noch kleiner. Und den Mund zu.
Agnes ist so was von doof, ich mag gar nicht daran denken.
Man müßte so eine Nase haben wie die Saigaantilope. Das war lustig, letztes Jahr in Bio, als unser Klassenlehrer Göran krank war und dieser komische Referendar durchs Klassenzimmer lief und schnaubte und von der Saigaantilope erzählte. Die hat eine so große Nase, daß sie im Sommer den ganzen Staub, der von der Taiga kommt, wegsieben kann.
Im Winter ist die Kälte gefährlich für die Lungen, aber die Nase der Saigaantilope schützt auch dagegen.
Bei mir sind nicht nur die Lungen empfindlich, sondern auch das Herz. So wie heute, als Agnes so was Blödes über mich gesagt hat. Da hätte ich die Nase der Saigaantilope brauchen können.
Zuerst war es noch ganz lustig, als sie über die Jungens sprach und was die über uns denken.
„Berit braucht bloß in die Nähe zu kommen und schon denken sie: ,Zu heißt, trau mich nicht. Bei Jeanette denken sie: ,Was für eine Berg- und Talbahn! Eh man sich’s versieht, wird man zurückgestoßen! Ich muß noch mal fahren! Und noch mal!’ Camilla ist so sanft und kühl, bei der denken sie: ,Tröste mich, Camilla, tröste mich, wenn ein anderes Mädchen böse zu mir war.’ Aber wenn sie Loulou sehen: ,Ein ganzer Berg aus Bonbons und in der Mitte ein ganz wunderbares Bonbon, in Glanzpapier eingewickelt! Das muß ich haben!’"
Aber überhaupt nicht mehr lustig fand ich, was sie über mich gesagt hat: „Bei dir allerdings, kleine Åsa, ist es so, daß dich gar niemand sieht. Du mußt schauen, daß du einen Jungen bekommst, der den Duft deiner Ausstrahlung spürt, auch wenn er die Augen zumacht."
Den Duft meiner Ausstrahlung! Wo ist die denn? Mit Wimperntusche kann man die wohl nicht schminken.
Jetzt bekommt sie noch ein bißchen hellblaue Pastellkreide auf die Lider, das Mädchen, das ich zeichne. Das wird richtig hübsch.
Alle Mädchen, die um sie herumstanden, machten die Augen zu und lachten und schnupperten, um den Duft zu riechen. Aber drei hielten sich die Nase zu.
Klar, ich weiß, daß Ria und Berit mich nicht mögen. Und daß Danja meint, daß es immer am sichersten ist, sich an die Frechen zu halten, das weiß man ja schließlich.
Aber es ist doch schlimm, es so mit eigenen Augen zu sehen.
Für die Augenbrauen nehme ich eine hellbraune Kreide, und ich mache bloß ganz kleine Ministrichelchen. Jetzt hat sie einen richtig verwunderten Gesichtsausdruck bekommen!
Es war schrecklich, sich so im Mittelpunkt zu fühlen und doch nicht geschützt zu sein, sondern richtig ausgeliefert. Sie konnten mich sehen, aber ich habe mich selbst nicht gesehen: Meine Gefühle waren ausgewischt und unsichtbar, nur ihre Gefühle waren wirklich. Sie konnten bestimmen, wer ich bin.
Aber ich habe versucht, an die zu denken, die mich mögen, Camilla zum Beispiel. Sie ist nicht der Meinung, daß ich klein und unbedeutend aussehe. Tu ich auch nicht.
Bloß Agnes ist manchmal so wahnsinnig gemein und blöd. Sie ist die größte in der Klasse, und sie kann so Sachen sagen, daß alle ihr zuhören. Deshalb bildet sie sich manchmal ein, daß wir anderen bloß Kroppzeug sind.
Aber es ist ja gar nicht das mit Agnes, was mich im Moment so traurig macht.
Es ist das andere, das was mit Danja passiert ist, als sie so schrecklich weinen mußte. Darüber will ich nicht nachdenken, bevor Mama nicht zu Hause ist.
Jetzt mache ich die Backen noch ein bißchen braunrosa und einen schmalen, stolzen Hals. Aber ich hasse Kristian! Wie kann man nur so etwas machen wie er heute gemacht hat? Wie kann man bloß?!
Wenn ich zeichne, fallen mir die Haare über die Backen. Ich habe es im Spiegel gesehen, wenn ich ein bißchen den Kopf drehe und aus den Augenwinkeln schaue, das sieht gut aus, weil meine Haare hell und die Augen braun sind.
Ich habe Papas Augen.
Aber jetzt ist Papa in Kalifornien und schaut nur noch Kate in die Augen. Er hofft sicher, daß sie ein Kind bekommt, das seine Augen hat.
Früher hat er hauptsächlich mich angeschaut, und das, was er an mir gesehen hat, das wurde leicht und schön.
Wenn ich gezeichnet oder gemalt habe, dann haben seine Augen meine Bilder erleuchtet, dann hat er Sachen gesehen, an die ich selbst nicht gedacht hatte, und sie gefielen ihm. Deshalb sind sie schön geworden. Sie werden es immer noch, und jetzt sehen es auch andere.
Aber das Bild von dem Mädchen, das ich gerade gemacht habe, das hätte er nicht sehen dürfen. Denn auf einmal habe ich ihr auch noch ein Paar kleine, supertolle Brüste gemacht.
Auf dem nächsten Blatt scheint es ein Schwein zu werden. Es wird groß und rosig. Die Ohren sind auf jeden Fall zu groß. So wie richtige Flügel. Und der Gesichtsausdruck... Sieht Mama ein bißchen ähnlich, dieses Schwein. Weil ich will, daß sie jetzt endlich nach Hause kommt. Es ist schon nach halb sechs. Wenn sie mich jetzt sehen würde, dann würde sie sagen: „Mein kleiner Maler Klecksel!"
Boing! Das ist die Haustür. Nun ist Mama auf der Treppe. Und jetzt. Jetzt muß ich ihr von dem erzählen, was heute passiert ist. Viele meiner Gedanken sind wie Steine in einem trüben Bach. Ich kann sie fühlen, aber nicht sehen. Erst wenn ich mit Mama rede, werden sie klarer. Da verstehe ich dann fast alles. Der Schlüsselbund klirrt.
Sie wird mich nicht fragen. Ich muß selbst anfangen.
Der Schlüssel ist im Schloß.
Quietsch und boing und rums. Das ist die Tür, die auf- und zugemacht wird und die Einkaufstasche, die abgestellt wird.
„Hallo! Na, du mein lieber kleiner Maler Klecksel!"
Ihr Gesicht ist rosig und eiskalt, sie ist nämlich in dem grauen Wind da draußen mit dem Fahrrad gefahren. Sie ist fröhlich und weich und strubbelig, obwohl sie ihre lockigen Haare zu einem losen Zopf zusammengebunden hat, mit meiner schönsten Schmetterlingshaarklammer und meinem Gummiband.
Ich blinzle sie böse an, aber das merkt sie gar nicht, weil sie die ganze Zeit von ihrem neuen Arbeitszimmer und von der Luciafeier bei ihr im Büro redet und das Essen in den Kühlschrank räumt. Das dauert ziemlich lange, sie macht montags immer Großeinkauf. Ich sitze am Küchentisch und schaue zu. Ich helfe ihr nicht, weil in meinem Kopf ein Drehen und Wirbeln angefangen hat, das ich nicht stoppen kann.
Die ganzen zusammengeknüllten Papiere von heute vormittag, das Gebrüll der Jungen, Agnes scharfe und unruhige Stimme, Danjas Weinen, Loulous leuchtende, bleiche Verzweiflung und Kristians stolze Freude.
Das hat schon die ganze Zeit in mir rumort, aber schwächer und beiseitegeschoben, seit ich nach Hause gekommen bin.
Jetzt, wo ich Mama sehe, geht es richtig los. Deshalb kann ich nichts machen, ich sitze bloß da und schaue sie traurig an und bin böse, weil sie nie etwas von sich aus merkt.
Es ist immer noch genauso wie früher, als ich noch im Kinderhort war.
Wenn die anderen Kinder böse zu mir gewesen waren, oder wenn ich mir weh getan hatte, das konnte ich stundenlang vergessen. Aber wenn Mama dann kam und mich abholte, fing ich sofort zu heulen an, weil nur sie mich verstehen und trösten konnte.
Ich muß ihr also zeigen, daß etwas nicht in Ordnung ist, von alleine merkt sie das nie.
Sie stellt ein Brett mit Mehl und Butter vor mich auf den Tisch. Ich mache einen Kuchenteig. Es soll Blaubeertörtchen zum Nachtisch geben. Ich sage nichts, ich höre auch Mama nicht zu. Aber es macht Spaß, die Butterstückchen und das Mehl zu einem Teig zusammenzukneten, aus dem
