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Mortingdown East
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eBook364 Seiten4 Stunden

Mortingdown East

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Über dieses E-Book

Alex OMalley scheint die Einzige in ihrer Familie zu sein, die sich nicht mit der Eigenart ihrer kleinen Schwester abfinden kann: Morgan OMalley wird von schrecklichen Visionen geplagt, die ihr unbeschreibliche Schmerzen zufügen und immer wieder die Gesichter längst verstorbener Vorfahren vor ihren Augen auftauchen lassen.Als sich in einer der Visionen offenbart, dass Morgan von dem Fluch erlöst werden kann, zögert Alex keine Sekunde. Sie vermutet den Schlüssel in der Aufklärung einer schrecklichen Familientragödie, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zugetragen hat des mysteriösen Mordes an Fay OMalley.Um das Geheimnis zu lüften und die Visionen für immer verschwinden zu lassen, reist Alex mit Morgan und ihrem älteren Bruder Merric von Boston nach Irland, der Heimat ihrer Familie. In Mortingdown East, dem Ort, an dem alles seinen Anfang nahm, stoßen die drei Geschwister auf weitaus tiefere Abgründe, als sie jemals hätten ahnen können. Stück für Stück enthüllen sie tragische Ereignisse aus der Vergangenheit und geraten immer tiefer hinein in einen Strudel aus Hass, Rachsucht und Familienfehden. Und sie erkennen: Den Mord an Fay aufzuklären, ist nur der Anfang ...
SpracheDeutsch
HerausgeberHerzsprung-Verlag
Erscheinungsdatum7. Juli 2020
ISBN9783960742784
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    Buchvorschau

    Mortingdown East - Anna-Christin Riemer

    Impressum:

    Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    © 2020 – Herzsprung-Verlag GbR

    Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

    Telefon: 08382/090344

    Alle Rechte vorbehalten.

    Taschenbuchauflage 2018

    Lektorat: Melanie Wittmann

    Herstellung Cover unter Verwendung von Bildern von Adobe Stock: © womue, © stifos, © J. Mühlbauer exclus

    ISBN: 978-3-96074-027-8 – Taschenbuch

    ISBN: 978-3-96074-278-4 – E-Book ( 2020)

    Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

    o

    Inhalt

    Prolog 1846

    Kapitel 1

    Kapitel 2

    Kapitel 3

    Kapitel 4

    Kapitel 5

    Kapitel 6

    Kapitel 7

    Kapitel 8

    Kapitel 9

    Kapitel 10

    Kapitel 11

    Kapitel 12

    Kapitel 13

    Epilog

    Die Autorin

    o

    Prolog 1846

    Ein kalter Seewind peitschte durch die Haare der Passagiere an Bord der Victoria. Eines der Sargschiffe ... so wurden sie genannt. Sie sollten uns sicher in die neue Welt bringen, in das ferne Amerika, aber von Sicherheit war hier nicht zu reden. Krankheiten verbreiteten sich unter Deck schneller als Flöhe auf Hundefell und Platzangst und Panik machten sich unter den Leuten breit.

    Vater hatte uns gesagt, wir sollten so oft nach oben gehen wie nur irgend möglich, diesen Krankheiten entsagen. So standen wir drei Geschwister nun an der Reling, starrten in die dunkle Nacht und auf den dunklen Ozean hinaus und fragten uns, ob dieser Ort, an den wir gingen, ein besserer sein würde als der, von dem wir kamen.

    „Ich vermisse Mortingdown East, murmelte Keighley neben mir in ihren dünnen Mantel. „Ich will nicht nach Amerika.

    „Ich auch nicht", knurrte Sutter. Er hatte seine Hände ebenfalls in seinen Manteltaschen verstaut, und als er redete, konnte man seinen Atem in der kalten Winterluft deutlich sehen.

    „Mortingdown East ist genauso betroffen vom Hunger wie der Rest Irlands auch, seufzte ich, und als ich die traurigen Gesichter meiner Geschwister sah, versuchte ich zu lächeln, um sie aufzumuntern. „Es wird bestimmt gut dort, sagte ich optimistisch. „Ich bin mir ganz sicher. Vater hat gesagt, er bekommt wieder Arbeit und wir bekommen Essen."

    Keighley verdrehte spöttisch die Augen. „Vater hat gesagt", äffte sie mich nach. „Vater ist auch nur ein Mensch, Fay, ob du es nun glauben magst oder nicht, und irren ist menschlich."

    Sie ließ mich verstummen.

    Nachdenklich sah ich mich nach allen Seiten um und beobachtete die Menschen, die nicht mehr unter Deck gepasst hatten und sich hier draußen aneinanderschmiegten, um sich warm zu halten. Sie husteten und Kinder weinten ...

    Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Alles war besser, als auf diesem Sargschiff zu sein.

    „Immerhin sind wir zusammen, murmelte ich und wandte meinen Blick wieder von diesem Elend ab. „Und wir bleiben zusammen.

    Keighley erwiderte nichts. Sie nickte nur stumm, als auf einmal zwei Männer etwas in einem Laken an Deck trugen.

    „Sieh weg, Fay", sagte Sutter schnell und Keighley zog mich an sich.

    Ich verstand zuerst nicht, was passierte, bis ich einen Blick auf das Laken erhaschte und auf den Inhalt. Ein Kind, blass und mit starrem Blick nach oben in den Himmel. Seine Mutter rannte weinend hinter ihm her, dann wurde es über die Reling in das Wasser geschoben und war auf immer verschwunden. Die Mutter brach zusammen auf dem hölzernen Boden und die Menschen standen um sie herum und beobachteten sie mit toten Augen, als würde es sie nichts angehen.

    So etwas konnte ich nicht.

    Ich machte mich von Keighley los, ging zu der Frau und umfasste mit meiner Hand ihre knochige Schulter. Sie war genauso ausgehungert wie der Rest von uns.

    „Ihr Kind ist jetzt im Himmel beim lieben Gott, sagte ich zuversichtlich. „Dort wird es ihm gut ergehen.

    „Nein, Mädchen, schniefte die Mutter, die sich wieder aufgerichtet hatte. Ihre Augen waren nun genauso tot wie die der anderen. „Mein Sohn ist so weit vom Himmel entfernt wie noch nie. Mein Sohn ist im Wasser und sinkt und sinkt ... Dann drehte sie sich um und drängte sich durch die Menschenmasse, bis sie verschwunden war.

    Ich stand alleine an der Reling. Meine Hände umfassten das kalte Eisen, als ich mich hinüberbeugte und in die schwarzen Fluten hinabsah. Es war, als würde eine eisige Hand mein Herz umfassen und es zerquetschen.

    „Geht es dir gut?, fragte Sutter, der sich nun neben mich stellte und seinen Arm um meine Schultern legte. „Du hättest das nicht sehen sollen. Zu viele tote Menschen für ein Mädchen in deinem Alter, Fay ...

    Ich schüttelte nur den Kopf und sah ihn an. „Du weißt, wie man diese Schiffe nennt, Sutter, flüsterte ich mit belegter Stimme. „Und wir alle hier sind die Nägel im Sarg.

    *

    Kapitel 1

    An dem Tag, an dem der erste Schnee auf die Dächer von Boston fiel, hatte Morgan eine Vision. Ich weiß nicht, ob es etwas mit der Wetterlage zu tun hatte, aber diese Vision war schlimmer als alle zuvor. Seitdem sie sechs Jahre alt gewesen war, bekam meine kleine Schwester immer mal wieder nächtlichen Besuch von einem Gesicht, das einige wenige Wörter stammelte und dann wieder verschwand. Manchmal sah Morgan auch nur Bilder oder die gestammelten Wörter in Kombination mit Bildern, aber immer, da konnte man sich sicher sein, hatte sie furchtbare Schmerzen.

    Sie beschrieb das so: Die Visionen hatten einfach keinen Platz in Morgans Kopf, denn sie gehörten dort nicht hin. Das war unnatürlich. Aber dieses Gesicht schaffte sich den Platz einfach mit Gewalt und das tat weh.

    Manchmal war Morgan tagelang außer Gefecht gesetzt, je nachdem, wie schlimm die Vision gewesen war. Fieber und Schüttelfrost waren dann ihre allgegenwärtigen Begleiter.

    An diesem bedeutenden Sonntag im Dezember zitterte sie mehr denn je. Sie war blass und ihre Stirn war heiß. Und was viel schlimmer war: Sie redete nicht.

    Meine Mom und ich saßen im Wohnzimmer und schauten unsere Lieblingsshow Guten Morgen, Boston, als meine Schwester hereinkam. Mom wusste sofort, was los war. Sie hatte das schon oft erlebt.

    „Schatz, alles in Ordnung?, fragte sie, als sie aufsprang und quer durchs Wohnzimmer auf Morgan zurannte. „Hattest du wieder einen bösen Traum?

    Böser Traum. So nannte sie das, denn das verharmloste die Sache etwas, obwohl wir alle wussten, dass Morgan nicht einfach nur träumte. Sie hatte diese Erscheinungen nicht nur nachts. Oft, aber nicht nur.

    Morgan nickte stumm. Sie hatte Ringe unter den Augen, genau wie Mom. Beide konnten nicht gut schlafen in letzter Zeit und hielten sich gegenseitig wach.

    Ich sah abwartend zu, was passierte, und fühlte mich dabei schlecht wie immer, denn im Gegensatz zu unserem großen Bruder Merric und Mom konnte ich mit Morgans Fluch nicht umgehen. Mir war nicht nur unwohl dabei: Sie machte mir Angst. Meine eigene kleine Schwester jagte mir eine Scheißangst ein, jedes Mal, wenn sie anfing, laut zu schreien, sich die Ohren zuhielt und nach vorne und hinten wippte. Ich war erst zweimal bei so einer Vision dabei gewesen und das war mehr als genug.

    „Willst du darüber reden?, fragte Mom weiter und führte Morgan zu einem Stuhl, wo sie sich hinsetzte. Sie schüttelte den Kopf. „Soll ich Dad anrufen? Wieder ein Kopfschütteln.

    George (unser Vater) war Dozent in Harvard und Autor. Er hatte bis jetzt nur ein Buch geschrieben, doch das hatte unsere Familie zerrissen ... aber dazu später mehr. Im Moment dozierte er an Universitäten in den ganzen USA und außer über einen bescheuerten Monitor bekamen wir ihn gar nicht mehr zu Gesicht. Mom übernahm kurzzeitig beide Elternrollen und war mit der Situation absolut überfordert, immerhin hatte sie auch einen Job.

    „Ich mach dir einen Tee, in Ordnung?" Mom lief schnell in die Küche und ließ mich alleine mit Morgan, die vor sich hin starrte ohne irgendeinen Ausdruck in den Augen.

    „Sag bitte was, flüsterte ich, als ich die Stille nicht mehr ertragen konnte. „Du musst das doch verarbeiten.

    Sie hob träge den Kopf und sah mich an, als hätte sie gerade erst realisiert, dass ich überhaupt im Raum war. Dann stand sie auf und setzte sich neben mich auf die Couch. Ich deckte sie sofort zu und wartete. Und wartete. Und wartete.

    Dann machte sie endlich irgendwann den Mund auf.

    „Sutter, Keighley, Fay, flüsterte sie. „Alles beginnt erneut.

    Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was sie damit meinte, stellten sich die Haare auf meinen Armen auf. „Hat das Gesicht das gesagt?", fragte ich so behutsam wie möglich, obwohl ich in so was echt nicht gut war.

    Morgan nickte und ich seufzte tief. Diese drei Namen verfolgten unsere Familie überallhin.

    „Hat sie was gesagt?", fragte Mom, als sie mit dem Tee in der Hand wieder ins Wohnzimmer kam und uns dort sitzen sah.

    „Sutter, Keighley, Fay, sagte ich mit bedeutungsschwangerem Blick. „Welch eine Überraschung.

    „Bist du dir ganz sicher, dass du nicht wieder geträumt hast, Schatz?", fragte Mom, als sie sich neben Morgan setzte und ihr den Tee reichte.

    „Ich habe nicht geträumt, fauchte diese daraufhin zu unserer Überraschung. „Nach sechs Jahren werde ich wohl den Unter-schied zwischen Träumen und Visionen kennen. Ihr könnt mir also glauben, dass es eine Vision war und nichts anderes.

    „Du brauchst uns nicht anzuschreien, Morgan", ermahnte ich sie streng, da Mom etwas verletzt von mir zu ihr blickte. Sie hatte nach allem, was sie für uns tat, nicht verdient, dass man so mit ihr redete.

    „Tut mir leid, flüsterte meine Schwester. Sie war sonst nie so, außer wenn sie gereizt war. „Ich weiß nur nicht ... Sie presste ihre Hände an den Kopf und atmete tief durch. „Ich weiß nur nicht, wie ich das deuten soll. Aber es hört sich nicht gut an, findet ihr nicht auch?" Mom und ich wechselten wieder einen Blick.

    „Schatz, wahrscheinlich war das wieder so eine Vergangenheitsvision ... du hast mal wieder an diese Geschichte gedacht und dieses Gesicht hat dir sofort etwas dazu erzählt, sagte Mom beruhigend und legte einen Arm um Morgans Schultern. „Trink deinen Tee und werd wieder warm, das wird schon wieder ...

    „Nein, Mom, flüsterte sie. „Ich weiß, dass das mehr war. Es war mehr als nur ein Rückblick oder so etwas ... Morgan fing wieder an, vor sich hin zu starren.

    Hilflos drückte unsere Mutter ihr einen Kuss aufs Haar und stand auf. „Ich leg mich etwas hin", sagte sie erschöpft und ich gab ihr zu verstehen, dass ich bei Morgan bleiben würde.

    „Was denkst du denn, dass es bedeuten könnte?, fragte ich sie, sobald Mom nicht mehr im Raum war. „Irgendeine Idee?

    „Nein, gab sie zu und trank einen Schluck. „Aber wenn du dir die Geschichte der drei anguckst, kann es nichts Gutes sein, oder?

    Ich wurde wieder wütend, dass George diese alte Gruselgeschichte herausgekramt und aufgeschrieben hatte. Morgan war wie besessen davon.

    Im Jahre 1846 herrschte in Irland eine schlimme Hungersnot, aufgrund derer über eine Million Iren verhungerte. Die Kartoffeln der Bauern, das Hauptnahrungsmittel vieler Leute, verfaulten wegen eines Pilzes. Auch unsere Vorfahren, die Familie um Murray O’Malley und seine Frau Joselyn, waren betroffen. Ein Jahr nach Ausbruch der Fäule hatte Murray beschlossen, Irland hinter sich zu lassen und mit seiner Familie nach Amerika zu gehen. Dort versprach er sich, einen Job zu finden, um seine Familie ernähren zu können. Seine drei Kinder, Sutter, Keighley und Fay kamen mit ihm und sie ließen sich nach einer langen Fahrt auf einem der Schiffe in Boston nieder.

    Murray und Joselyn fanden beide wie erhofft Jobs (er als Eisenbahnarbeiter und sie in einer Textilfabrik) und es schien bergauf zu gehen. So lange, bis die Leiche ihrer jüngsten Tochter Fay in einer abgelegenen Seitengasse, eingehüllt in ein weißes Laken, gefunden wurde. An ihrem Hinterkopf prangte eine große Platzwunde, was eindeutig auf einen Mord hinwies. Dieser wurde allerdings nie aufgeklärt. Von wem auch? Die Polizei scherte sich nicht um den Abschaum aus Irland, der nicht nur Krankheiten einschleppte, sondern auch noch überwiegend katholisch war.

    Als wäre das nicht schon genug für die Familie gewesen, verschwand Fays ältere Schwester Keighley einen Tag später spurlos aus dem kleinen Haus in Boston und wurde nie wiedergefunden.

    Mein Urururgroßvater, Sutter, ging kaum zwei Wochen nach diesen schlimmen Ereignissen zurück nach Irland, wo er sich Wohlstand aneignete und eine Familie mit einer gewissen Jacklyn (Jackie) Harrison gründete. Sie bekamen Kinder und die bekamen Kinder und die bekamen wiederum Kinder und eines dieser Kinder zeugte meinen Vater George.

    George hatte den Ärger seines Vaters auf sich gezogen, als er nach Amerika ausgewandert war wegen Mom, aber sie waren immer in Kontakt geblieben, bis Großvater Graham herausgefunden hatte, dass George in den Chroniken der Familie O’Malley für sein Buch recherchierte.

    „George, hatte er gesagt. „Das, was du da tust, ist taktlos und ohne irgendein Ehrgefühl. Diese Geschichte gehört in eine Grabrede und nicht in einen Roman.

    George hatte nicht verstanden, warum sein Vater ihn nicht unterstützen konnte, und sein Vater hatte nicht verstanden, warum George so eine dramatische und private Geschichte zu Geld machen wollte.

    Ich konnte ehrlich gesagt beide Seiten verstehen und keine. Das war blöd gelaufen, aber sofort den Kontakt abzubrechen und nie wieder miteinander zu reden, war auch keine Lösung. Zumindest nicht für Leute über 30.

    Das Geräusch der sich schließenden Haustür holte mich zurück in die Gegenwart und in unser Wohnzimmer. Merric war wieder da und versuchte sich heimlich in sein Zimmer zu schleichen, aber als er uns sah, gab er es auf.

    „Hab ich was verpasst?", fragte er verwirrt.

    „Auch dir einen wunderschönen guten Morgen, Bruderherz", sagte ich sarkastisch.

    Er verdrehte nur die Augen und kniete sich vor Morgan nieder. „Hattest du wieder eine?, fragte er und sie nickte leidend. „Sehr schlimm? Wieder ein Nicken.

    Niemand konnte mit Morgan so gut umgehen wie Merric. Mit einem Ruck hob er sie hoch, sie klammerte sich an ihn und fing endlich an zu weinen. Ich hatte nur darauf gewartet.

    Er sah mich fragend an und ich zuckte nur mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung, was Morgan so verschreckt hatte. Entweder war es der Anblick dieses Gesichtes gewesen oder sie hatte doch noch etwas anderes gesehen. Sie redete nicht gerne darüber. Weder mit Merric noch mit mir.

    Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Hellwach sah ich an die Decke meines Zimmers und dachte über diese Scheißvision nach. „Alles beginnt erneut." Was zur Hölle hatte das zu bedeuten?

    Als ich es endgültig aufgegeben hatte, schlafen zu wollen, stand ich auf und tapste in Georges Büro. Ich knipste die Lampe auf seinem Schreibtisch an und suchte im Regal den Ordner mit den Informationen über sein Buch. Dann setzte ich mich hin und blätterte jede Seite durch.

    Zeitungsartikel über sein Buch, Zeitungsartikel über den Mord von 1846, Bilder von der Familie O’Malley. Einen Moment lang sah ich Fays Gesicht genau an und war verwundert, wie bekannt es mir schon war. Ich hatte es immer und immer wieder auf Georges Buchcover gesehen, aber nie war es mir so unter die Haut gefahren wie jetzt. Sie war hübsch gewesen. Lange braune Locken, ein etwas abgetragenes Kleid und zwei Schleifen im Haar. Lange hatte ich mir darüber keine Gedanken mehr gemacht, aber wer hatte sie ermordet? Welchen Grund hatte der Mörder gehabt, dieses unschuldige Mädchen zu erschlagen?

    Ich wusste, dass es damals als Raubmord abgestempelt worden war. Das war nicht selten gewesen, aber erstens gab es an diesem Mädchen nichts zu rauben (das konnte jeder sehen). Zweitens war sie weder vergewaltigt noch verstümmelt worden. Im Gegenteil: Man hatte sie in ein Laken gewickelt, was eher ein Zeichen der Reue war. Außerdem: Kriminelle liefen nicht jeden Tag mit Laken herum. Ich wusste, warum sich dieses Buch so gut verkauft hatte.

    „Warum bist du noch auf?"

    Ich fuhr zusammen, als Merric sich neben mich stellte und das Bild von Fay betrachtete.

    „Ich weiß nicht ... Müde fuhr ich mir über mein Gesicht. „Wir wissen alle, dass Morgans Visionen nicht einfach aus der Luft gegriffen sind. Was ist, wenn da was Wahres dran ist?

    „Ich mach mir auch Gedanken, gab mein Bruder zu und seufzte. „Warum erzählt sie mir auch von diesem Scheißgesicht, kurz bevor ich ins Bett gehe?

    Ich lachte leise und legte meine Hand auf Fay und Keighley, die auf dem Bild direkt nebeneinanderstanden.

    „Zwei Kinder innerhalb von zwei Tagen, flüsterte ich. „Einfach weg. Der arme Sutter.

    Merric nickte nur stumm, aber ich wusste, dass er sich als großer Bruder am besten in dessen Lage versetzen konnte. Er tat zwar immer so, als würde er mich nicht besonders mögen, aber für Morgan und mich würde er sein Leben geben, so viel wusste ich.

    „Wir sollten schlafen gehen, sagte er dann und klappte den Ordner zu. „Morgen ist wieder Schule.

    „Lassen wir das jetzt einfach so stehen?, fragte ich, als ich die Lampe wieder ausknipste. „Das mit der Vision?

    „Was haben wir für eine Wahl?, entgegnete Merric, als wir im Flur vor unseren Zimmern standen. „Das liegt alles fast zweihundert Jahre zurück, Alex. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Unbeholfen wuschelte er durch meine Haare, bevor er sich umdrehte und in seinem Zimmer verschwand.

    Ich stand noch kurz im Flur, bis die Müdigkeit mich endgültig übermannte und ich mich wieder hinlegte.

    „Kannst du mir mal sagen, was los ist?", fragte Myra mich, als wir beim Cheerleadertraining waren. Ich war unkonzentriert, fiel die ganze Zeit hin und der letzte Tag und seine Ereignisse gingen mir einfach nicht aus dem Kopf.

    „Sorry, murmelte ich, während wir uns hinsetzten und etwas tranken. „Morgan hatte gestern wieder eine Vision.

    „Oh ..."

    Myra war als meine beste Freundin die einzige Außenstehende, die von diesem Fluch wusste. Im Gegensatz zu mir fand sie das total interessant und redete die ganze Zeit davon, wie faszinierend es doch wäre, Morgans Gehirn aufzuschneiden (zur Aufklärung: Myra wollte Neurobiologie studieren. Sie war keineswegs ein Serienkiller oder so etwas).

    „Was hat sie gesehen?, fragte sie leise und rückte näher an mich heran. „Bilder oder das Gesicht?

    „Ich weiß es nicht genau, gab ich zu. „Aber auf jeden Fall irgendetwas über die O’Malleys von 1846 und dass alles erneut beginnt. Mehr weiß ich nicht und das fuchst mich. Sie macht den Mund ja nicht auf.

    „Was denkst du, was das heißt?" Myra sah mich mit ihren strahlenden Augen an und ich zuckte lediglich mit den Schultern.

    „Was meinst du, worüber ich mir die ganze Zeit den Kopf zerbreche?, murmelte ich. „Wahrscheinlich absolut umsonst.

    „Also ... ich würde gerne etwas mit euch besprechen, sagte Mom beim Abendessen und legte ihr Besteck beiseite. Kein gutes Zeichen. „Dad hat mir mitgeteilt, dass er wahrscheinlich über Weihnachten nicht hier sein wird.

    Es herrschte kurz Stille, dann knallte Merric sein Besteck lautstark auf seinen Teller. „Es sollte mich eigentlich nicht mehr überraschen", sagte er wütend. „Es war noch okay, dass er an meinem Geburtstag nicht da war. Es war kaum noch okay, dass er an Morgans Geburtstag nicht da war, aber Weihnachten? Ernsthaft? Sehen wir ihn überhaupt irgendwann mal wieder?"

    „Natürlich, Liebling, aber er ist eben ... Mom zog ihre Brille ab und fing an sich die Schläfen zu massieren. „Er ist eben schwer beschäftigt und wir könnten uns nicht unseren Lebensstil leisten, wenn euer Vater nicht so viel arbeiten würde.

    „Scheiß auf unseren Lebensstil, schaltete ich mich ein, wesentlich ruhiger als Merric. „Ich glaube, ich habe mehr Geld als der Rest meiner Freunde und ich würde auch mit weniger klarkommen, wenn ich dadurch George wiederbekäme. Den alten George.

    Morgan nickte und Mom verzog missbilligend den Mund. Sie mochte es nicht, wenn ich ihn so nannte, aber schon seit einem halben Jahr ging mir das Wort Dad nicht mehr über die Lippen.

    „In Ordnung, in Ordnung." Mom hob abwehrend die Hände. „Er hat sich schon gedacht, dass ihr so reagieren würdet, deswegen hat er den Vorschlag gemacht, dass wir in den Ferien einfach zu ihm nach Texas runterkommen und dort Weihnachten feiern."

    „In Texas liegt kein Schnee an Weihnachten, oder?, fragte Morgan mit großen, traurigen Kinderaugen und Mom schüttelte den Kopf. „Ich versteh es nicht. Wieso kann Daddy nicht hierherkommen? Wir feiern Weihnachten immer hier.

    „Sei mal bitte kurz still, Morgan, sagte ich, als ich sah, dass Mom immer verzweifelter wurde. Ich griff nach ihrer Hand und blickte ihr in die Augen. „Mom, wenn wir realistisch sind, bringt uns Kindern das nicht viel. Sollte Morgan im Flugzeug eine Vision bekommen, war’s das mit dem entspannten Flug und Ferien. George wird die ganze Zeit arbeiten, wie ich ihn kenne, und wenn nicht, wird er versuchen, uns alles Schöne in Dallas zu zeigen, anstatt einfach Zeit mit uns zu verbringen.

    „Worauf willst du hinaus?", unterbrach mich Merric mit gerunzelter Stirn. Wir hatten mittlerweile alle aufgehört zu essen und versuchten, eine Lösung zu finden.

    „Ich denke, es wäre besser, wenn wir Kinder hierbleiben würden in den Ferien", verkündete ich schließlich und Mom schüttelte sofort entschlossen den Kopf.

    „Auf gar keinen Fall, sagte sie. „Ihr seid noch viel zu jung, um über eine Woche alleine zu bleiben. Und nimm es mir nicht übel, Alexis, aber wenn Merric mal nicht da ist und Morgan eine Vision hat, wirst du nicht damit klarkommen.

    Das war zwar bis zu einem gewissen Grad verletzend, aber sie hatte schon recht. Morgan warf mir einen fragenden Blick zu.

    „Mom, Merric macht nächstes Jahr seinen Abschluss und ich babysitte, seitdem ich denken kann. Wenn jemand nicht zu jung ist, sind wir das, entgegnete ich. „Wir sind absolute Musterkinder. Morgan ist geschützt zu Hause, zieht keine Aufmerksamkeit auf sich. Das ist alles, was zählt.

    „Ich muss erst darüber nachdenken, murmelte Mom, als sie aufstand und ihren Teller mitnahm. „Ich rede später noch mal mit euch.

    Als sie weg war, drehte Merric sich zu mir um und zog eine Augenbraue hoch. „Weißt du, ich bin davon überzeugt, dass Mom irgendwann einwilligen wird, aber an Dad scheitert die ganze Aktion dann."

    „George würde sich nicht trauen, uns das abzuschlagen, sagte ich, während ich den Tisch abräumte. „Er kann uns nicht dazu zwingen, ihn zu sehen, wenn wir es nicht wollen.

    „Aber ich will Daddy wiedersehen", sagte Morgan neben mir, während sie traurig vor sich hin starrte und ihr Gemüse auf dem Teller herumschob.

    „Wir doch auch, Morgan, sagte ich und strich ihr kurz über ihr blondes Haar. „Aber irgendjemand muss George mal zeigen, dass es so nicht weitergeht. Scheiß auf sein Geld. Man kann uns nicht kaufen.

    Abends lag ich im Bett und telefonierte mit Myra. Wir planten schon die Woche, die wir Geschwister allein zu Hause sein würden.

    „Wenn

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