Die verlorene Ehre der Familie Arslan: Kurzroman
Von Nazim Kiygi
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Nazim Kiygi
Osman Nazim Kiygi, geboren in Istanbul, studierte Sprachwissenschaften an der Ruhr-Uni Bochum. Er ist Verfasser mehrerer bilingualen Wörterbücher in den Sprachen Türkisch, Deutsch und Englisch. Zu seinen Werken gehören auch Romane, Theaterstücke und Erzählungen.
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Buchvorschau
Die verlorene Ehre der Familie Arslan - Nazim Kiygi
Dieses Werk ist allen Zeyneps
gewidmet, die zwischen zwei
Kulturen aufwachsen und sich
nicht wehren können.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel I
Der erste Tag
Die Ankunft Nermins
Kapitel II
Der zweite Tag
Zeynep ist schwanger
Kapitel III
Der dritte Tag
Zeynep muss weg
Kapitel IV
Der vierte Tag
Zeynep ist untergebracht
Kapitel V
Der fünfte Tag
Zeynep ist heimgekehrt
Kapitel VI
Der sechste Tag
Ehrenmorde
Kapitel VII
Der siebte Tag
Selbstmord
Kapitel VIII
Die Zeit danach
Nachwort
Kapitel I
Der erste Tag
Die Ankunft Nermins
Er steht mitten in einem Saloon, einem typischen Saloon, wie in einem Western, mit Spucknäpfen und allem Drum und Dran, hinter der Theke der Barkeeper, wie es sich gehört, in seiner Hand ein Glas, das er mit Tuch und Spucke putzt. Zwischen ihm und dem Barkeeper lehnen sich sieben Männer an der Theke, mit dem Rücken zu ihm. Die Männer tragen Knickerbockers, Westernstiefel, Cowboyhüte. Ihre Colts stecken in den Holstern. Der Barkeeper schaut ihn an. Sein Mund bewegt sich, er hört sich sagen: „Hören Sie! Ich bin kein Ausländer. Soll ich Ihnen meinen deutschen Führerschein zeigen? Die Männer an der Theke drehen sich zu ihm um. Er holt seinen Führerschein aus der Gesäßtasche seiner Hose. Einer der Männer kommt auf ihn zu, ergreift den Führerschein und reicht ihn dem Barkeeper weiter. Der wirft einen kurzen Blick auf den Führerschein und ruft hämisch, dass der abgelaufen sei. Die Männer an der Theke gehen in Ziehstellung. Verzweifelt hört er sich rufen: „Warten Sie! Ich habe heute einen Termin bei der Ausländerbehörde!
Die Männer ziehen ihre Colts und schießen auf ihn. Er ist getroffen. Er kann sich nicht bewegen.
Von weitem hörte er die Stimme seiner Mutter. „Ali, oğlum, böyle mi yattın?" (Ali, mein Sohn, hast du so geschlafen?)
Er schlug die Augen auf. Es war ein Traum gewesen. Was für ein Traum! Er war völlig verschwitzt. Er richtete sich auf dem Sofa auf und untersuchte sich. Ja, es war nur ein Traum gewesen, er lebte noch. Er hätte sich gerne wieder hingelegt und weiter geträumt. Er hätte den Männern gezeigt, wie es ist, wenn man sich mit ihm anlegt. Aber seine Mutter hatte ihm Frühstück gebracht. Wie blöd war das denn gewesen, fragte er sich. Erst zu behaupten, er sei kein Ausländer und dann zu sagen, dass er einen Termin bei der Ausländerbehörde habe! Klar dass sie da geschossen hätten!
Seine Mutter ordnete die Kissen auf dem Sofa und räumte in dem karg eingerichteten Wohnzimmer auf. Ein Sofa und zwei Sessel, um einen rechteckigen Tisch aus Eiche, standen mitten im Raum auf einem türkischen Teppich. Dem Sofa gegenüber stand der Fernseher, der nie lief. Herr Arslan hatte irgendwann einmal gehört, dass Fernseher gefährliche Strahlen aussenden würden, die Krankheiten verursachen. Also wurde der Fernseher nicht angeschlossen. Warum er trotzdem im Wohn-zimmer stand? Nun, weil jede türkische Familie einen Fernseher im Wohnzimmer stehen hat. Hinter dem Sofa hing ein Webteppich mit dem Bild der Blauen Moschee an der Wand, die mit einer grün-weißen Tapete beklebt war. Frau Arslan wusch den Tisch mit einem Lappen ab, ging dann zu Ali und strich ihm über den Kopf. Er schob die Hand seiner Mutter weg und murmelte „Tamam, tamam!" (Ist schon gut!)
Seine Mutter, Necmiye Arslan, war eine kleine mollige Frau, um die fünfzig Jahre alt. So genau wusste das aber keiner. Zur Welt war sie mittels einer Hausgeburt gekommen. Ihre Familie lebte in der Türkei, in einem Dorf in der Nähe von Caycuma, einer Kleinstadt an der Schwarzmeerküste.
Als sie auf die Welt kam, wurde sie beim Standesamt nicht gemeldet, zumal die Möglichkeit bestanden hatte, dass sie hätte sterben können, und der Gang zum Standesamt war damals mühsam gewesen. Außerdem war sie ein Mädchen, wozu also die Umstände?
Aber sie hatte überlebt, und eines Tages stand der Direktor der nächsten Grundschule vor der Tür, ein engagierter Direktor, der durch Befragung seiner Schüler immer wieder herausbekam, in welcher Familie welche Kinder lebten, die nicht zur Schule geschickt wurden. Necmiye musste zur Schule, und deshalb wurde sie auch amtlich erfasst. Der Standesbeamte stellte nach ein paar Fragen ihr Geburtsdatum fest: 01.01.1931.
Doch in der Schule fehlte Necmiye sehr oft. Das Schreiben und Lesen war eine Qual für sie. Niemand half ihr bei den Hausaufgaben, und sie blieb Jahr für Jahr in der ersten Klasse sitzen. Nach fünf Jahren wurde sie schließlich von der Schulpflicht befreit und konnte sich nun ganz ihren häuslichen Pflichten widmen.
Früh wurde sie mit ihrem Vetter Nurettin verheiratet. Nurettin erwies sich als guter Ehemann. Er schlug seine Frau wenig. Jedoch machte er sie für die anfänglichen Fehlgeburten verantwortlich und prügelte sie hierfür mit einem Stock.
Aber nach der dritten Fehlgeburt wandte sich das Schicksal für Necmiye. Nurettin bekam die Chance, nach Deutschland zu gehen und dort als Gastarbeiter zu arbeiten. In diese Zeit fiel die nächste Geburt. Endlich ein Kind, das gesund blieb, zwar ein Mädchen, dachte Nurettin, aber ein gesundes Mädchen!
Es klingelte an der Tür. Seine Mutter, die noch immer damit beschäftigt war, das Wohnzimmer aufzuräumen, rief:
