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Vision für eine Kirche der Zukunft
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eBook592 Seiten7 Stunden

Vision für eine Kirche der Zukunft

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Über dieses E-Book

Fritz Kösters Hauptanliegen war, lebendige Gemeinschaften innerhalb der Kirche zu schaffen. Ein Ansatz, der der Kirche damals schon gut getan und sie in eine andere Richtung gebracht hätte. Um so wichtiger ist es, heute in diese Richtung zu denken und zu arbeiten. Köster hatte immer ein offenes Ohr für die Anliegen und Nöte der Menschen, die zu ihm kamen. Diese schätzten, dass er ein sehr zugewandter, aufmerksamer und wohlwollender Zuhörer war. Auf Fragen lieferte er keine fertigen Antworten, sondern zeigte seinem Gegenüber die Möglichkeiten auf, eigene Antworten zu finden. (Auszug aus dem Vorwort von Sr. Lea Ackermann)

SpracheDeutsch
HerausgeberPandion Verlag
Erscheinungsdatum27. Nov. 2019
ISBN9783869115528
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    Buchvorschau

    Vision für eine Kirche der Zukunft - Fritz Köster

    Einleitung

    Pater Prof. Dr. Fritz Köster war ein beliebter Seelsorger, ein intelligenter und kluger Theologe – promoviert und habilitiert – und er war ein Mensch, der andere Menschen in seinen Bann zog und faszinierte.

    Er hatte immer ein offenes Ohr für die Anliegen und Nöte der Menschen, die zu ihm kamen. Diese schätzten, dass er ein sehr zugewandter, aufmerksamer und wohlwollender Zuhörer war. Auf Fragen lieferte er keine fertigen Antworten, sondern zeigte seinem Gegenüber die Möglichkeiten auf, eigene Antworten zu finden.

    Auf seinen Reisen und pastoralen Aufenthalten vor allem in Afrika und Asien hat er viele fremde Kulturen kennen gelernt und sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Wobei für ihn immer die Begegnung und der Austausch mit den Menschen, die in den Ländern und der Kultur lebten, im Vordergrund standen. Dadurch war er nicht auf Deutschland oder Europa fixiert, sondern im besten Sinne Weltbürger.

    Sein Hauptanliegen war, lebendige Gemeinschaften innerhalb der Kirche zu schaffen, die im Hier und Jetzt die Reich-Gottes-Idee wachhalten. „Alles, was an Gutem geschieht, dient zum Aufbau des Reiches Gottes", das war seine Meinung. Kirche hat nach seiner Überzeugung die Aufgabe, bei der Verwirklichung dieses Ideals zu helfen und den Raum und die Freiheit für diese Gemeinschaften zu ermöglichen. Ein Ansatz, der unserer Kirche damals schon gutgetan und sie in eine andere Richtung gebracht hätte. Um so wichtiger ist es, heute in diese Richtung zu denken und zu arbeiten. Es ist praktisch 3 Minuten nach 12.

    Er hat zu dieser Thematik viele Bücher und Aufsätze publiziert. In seinem Nachlass befinden sich aber auch noch nicht gedruckte Schriften – zum Teil auf seiner Website veröffentlicht, zum Teil unveröffentlicht. Seine Gedanken und Visionen sind so wertvoll und wichtig, dass sie nicht verloren gehen sollen. Daher haben wir sie in diesem Buch zusammengefasst.

    Lea Ackermann

    I Leben und Wirken von Pater Fritz Köster

    Am 1. März 1934 wird Fritz Köster als achtes Kind in eine vom christlichen Glauben geprägte Familie geboren. Seine Familie – er hatte insgesamt zehn Geschwister – war ihm sein Leben lang nahe und wichtig. In der Familie waren der christliche Glaube und das tägliche Gebet, besonders aber das soziale Engagement für andere wichtige Lebenselemente.

    Als er mit sieben Jahren an einer damals unheilbaren Krankheit litt und schon bewusstlos war, hat die ganze Familie eine neuntägige Andacht gehalten und am neunten Tag wurde er wieder wach und der für die Ärzte unfassbare Heilungsprozess hatte begonnen. Auch das soziale Engagement wurde in der Familie gelebt. „Trotz Wohnraumenge, während des Krieges nahmen wir noch fünf Flüchtlinge aus Oberschlesien in unsere große Familie auf, trotz häufigem Hunger und ständigem Schlange stehen vor den Geschäften, trotz des Mitspürens der Angst unseres Vaters, der nie der NSDAP beigetreten ist und daher immer irgendwie angefeindet wurde, wie auch unserer ältesten Schwester Annemarie, heute „Frau von Schönstatt, die die Hirtenbriefe der Bischöfe auf unserem Heuspeicher vervielfältigte und weitergab, verlebten wir eine schöne und glückliche Kindheit, schrieb seine Schwester Gisela Bergmann ¹. Auf Drängen seines Lehrers in der Hauptschule durfte Fritz Köster als einziger der Familie von 1946 bis 1952 das Neusprachliche Gymnasium in Olpe besuchen und wechselte dann 1952 bis 1955 auf das Altsprachliche Gym­nasium in Attendorn / Westfalen, wo er auch das Abitur machte.

    Nach seinem philosophischen Studium an der Philosophisch-Theologischen Akademie Paderborn trat er am 1.5.1956 ins Noviziat der Pallottiner in Olpe ein und wurde am 16.7.1961 in der Wallfahrtskirche in Schönstatt / Vallendar zum Priester geweiht. 1963 bis 1964 bereitete er sich mit Sprachstudien in Paris und Lyon und Mitarbeit in katholischen Gemeinden in den beiden Städten auf seinen späteren Einsatz in einem französisch sprechenden Land mit einer von der französischen Kirche bestimmten pastoralen Praxis vor.

    1964 ging er nach Kamerun, wo er ein Jahr in einer Busch-Mission arbeitete, um die Ewanda-Sprache zu erlernen und Einblick in die sozio-kulturelle Situation der Menschen und die pastorale Praxis der Kirche Kameruns zu gewinnen. Anschließend arbeitete er eineinhalb Jahre als Kaplan in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns. 1966 ging er zum Studium an das Internationale Katechetische und Pastoraltheologische Institut „Lumen Vitae" in Brüssel, wo er sein Diplom als Ausbilder afrikanischer Lehrer und Katechisten machte.

    1967 kehrte er zurück nach Yaoundé und arbeitete dort als Pfarrer und Verantwortlicher für die Fortbildung afrikanischer Lehrer und Katechisten in der Erzdiözese.

    „Im Januar 1970 erkrankte unser Bruder in Kamerun schwer, so dass er am 1.2.70 mit Hilfe des damaligen Bundespräsidenten nach Deutschland in die Universitätsklinik Bonn geflogen wurde", so seine Schwester ². Es war ein glücklicher Zufall, dass der Bundespräsident genau in dem Moment die Missionsstation von Pater Köster besuchte. Die Krankheit war durch einen Tropenvirus ausgelöst worden. Nach langen Klinikaufenthalten in Bonn und den Tropenkliniken in Würzburg und Hamburg konnte er dann als geheilt entlassen werden.

    Immer sowohl pastoral als auch wissenschaftlich interessiert studierte er an der Ludwig-Maximilian-Universität München Fundamentaltheologie bei Prof. Dr. Erich Feifel, Missionswissenschaft bei Prof. Dr. Heinrich Fries und Kirchengeschichte bei Prof. Dr. S. Bechter und Prof. Dr. Georg Schwaiger. Während dieser Zeit war er tätig als „Vicarius substitutus" zur regelmäßigen pastoralen Mitarbeit in zwei Pfarreien Münchens. Es war ihm immer wichtig, die Lehre an der Praxis zu erden.

    1976 beendete er das Studium mit der Promotion zum Dr. theol. und der Dissertation „Afrikanisches Christsein als religionspädagogische Aufgabe. Möglichkeiten der Integration afrikanischer Religiösität in den christlichen Glauben" (1977 erschienen). In dieser Dissertation beschäftigte er sich mit den Fragen nach den Krisenmomenten der Mission in Zusammenhang mit den menschlich-religiösen Lebenserfahrungen der Schwarzafrikaner in ihrem soziokulturellen Kontext ³.

    1976, seine Prüfungen waren noch nicht ganz abgeschlossen, übernahm er bei Missio München als Bereichsleiter die Abteilung für „Bildung und Verkündigung. Hier beschäftigte er sich besonders mit der Thematik „Religiöse Erziehung in den Weltreligionen, die später das Thema seiner Habilitation werden sollte. Aus den Erfahrungen seiner Arbeit bei Missio entstand die Idee der Gründung des „Instituts für missionstheologische Grundlagenforschung e.V.", für deren Realisierung er sich erfolgreich einsetzte. Seit 1979 war er 2. Vorsitzender und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates dieser Institution. 1979 erhielt er zudem einen Lehrauftrag für Religionswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt und war auch tätig an der Katholischen Fakultät der Universität München. 1980 bis 1986 war er zudem Theologischer Referent für Dritte-Welt-Theologie bei Missio München. Um der pastoralen Praxis nahe zu bleiben, hat er sich immer auch in Pfarreien als Vikarius engagiert, so in Münsing/Starnberger See. Später hat er die Pfarrei Baldham bei München als Pfarrer übernommen.

    1984 habilitierte er sich an der Katholischen Fakultät der Universität München mit der Habilitationsschrift „Religiöse Erziehung in den Weltreligionen" ⁴. In dieser Habilitation ent­wickelte Fritz Köster vor dem Hintergrund des interreligiösen Dialogs der Weltreligionen Perspektiven einer ökumenischen Erziehung, die über eine rein christliche Erziehung hinaus gehen und im gesamtmenschlichen Zusammenhang stehen sollte.

    Auf Drängen seiner Mitbrüder entschied er sich, an den Rhein zu kommen, weil an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar ein habilitierter Theologe als Professor der Hochschule dringend gebraucht wurde.

    Pater Köster gab schweren Herzens seine verschiedensten Aufgaben und die Pfarrei Baldham auf, um dem Wunsch seiner Gemeinschaft zu folgen und nach Vallendar zu kommen. Aber wie immer wollte er auch die begleitende pastorale Arbeit in der Pfarrei. So entschied er sich für die Pfarrei in Hirzenach, zu der Pfarreienstruktur Boppard gehörend, und zog in das Pfarrhaus, eine ehemalige Propstei der Benediktiner in Hirzenach. „Der Kontakt zu den Menschen vor Ort ist mir immer ein besonderes Anliegen gewesen", so erklärte Köster, warum er als Dozent und Wissenschaftler in all den Jahren immer auch Seelsorger in Gemeinden war. Trotz allem wissenschaftlichen Arbeiten und Forschen war es ihm ein Anliegen, die Botschaft Jesu den Menschen in der Pfarreienarbeit und in der Begegnung mit ihnen nahezubringen und in ihrem Leben nachvollziehbar zu machen.

    Nach Erscheinen seiner Habilitationsschrift in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ⁵ beteiligte sich Fritz Köster als Autor intensiv an der kritischen Diskussion um die Entwicklung der Katholischen Kirche. Sein Buch „Kirche im Koma erschien 1989. Es folgten darauf zahlreiche Bücher, in denen er sich mit der Amtskirche und ihren restaurativen Kräften auseinandersetzte. Ihm ging es darum, auf die Menschen, die „einfachen Gläubigen, die in der Kirche aktiv sind und sich ihr zugehörig fühlen, zu hören und ihnen eine Stimme zu verleihen. Er entwickelte eine Vision von Kirche, die sich an Jesus und seiner Praxis – und damit konkret an den Menschen – orientieren sollte, statt an theologischen Dogmen und wissenschaftlich-theoretischen Ansätzen. Seine Vorstellung von Kirche war an die Praxis des Apostels Paulus angelehnt: viele kleine Gemeinschaften – Hauskirchen – mit einer hohen Eigenständigkeit, in denen die Verantwortung bei engagierten, vom Geist erfüllten, Laien liegt. Paul M. Zulehner beschreibt in der Festschrift zu Fritz Kösters 60. Geburtstag sehr eindringlich, wie gerade die visionäre Kraft von Fritz Köster, ihn an der bürokratischen Kirche leiden und für eine neue Form von Kirche kämpfen ließ: „Eben das hohe Maß an Visionsvorrat ist es, welches das Leiden Kösters an der real existierenden Kirche auf die Spitze treibt. Visionslose Menschen haben verständlicher Weise keine Probleme mit dem Mittelmaß einer hochbürokratischen Kirche." ⁶

    In diesen Büchern, aber auch in seinen zahlreichen Vorträgen und Seminaren entwickelte er eine prophetische Stärke, mit der er eine positive Perspektive von Kirche aufzeigte und als möglich erscheinen ließ. So hat er viele Menschen ergriffen, überzeugt und begeistert – und damit wohl mehr für das Weiterleben des Glaubens an Jesus Christi und seine Lehre bewirkt als viele hohe Amtsträger in der Kirche.

    Die Texte in diesem Buch geben Einblick in seine Gedankenwelt und seine Überzeugung – sie sprechen für sich, daher soll an dieser Stelle nicht ausführlicher auf seine Theologie eingegangen werden.

    Sein ganzes Leben lang war er immer wieder mit Krankheiten geplagt. Trotzdem arbeitete er weiter in der Gemeinde, als Priester, als Autor und als Referent. Und vor allem: er blieb der humorvolle, zugewandte an Begegnungen interessierte Mensch, der er immer war. Er war für die Menschen, die ihn aufsuchten, Ratgeber, Diskussionspartner, Seelsorger und Freund.

    Am 25. Mai 2014 starb Fritz Köster nach schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren.

    „Wir sind immer nur Sämänner im Garten des Herren, beschrieb er selbst sein Leben als Priester in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die Frage, welche Bilanz er für sein Leben ziehen kann, reagierte er eher verhalten. Wie der Sämann in der Bibel, der auch mit den verdorrenden Samen leben muss, wenn sie auf Stein fallen oder im Unkraut zugrunde gehen, habe auch er das Gefühl, Vieles angestoßen zu haben, ohne zu wissen, ob sich aus seinen Impulsen Früchte ergeben. Das Zweite Vatikanum mit seinen Ansätzen für eine von Laien getragene Kirche als Nachfolgegemeinschaft Jesu Christi sei ihm immer sehr wichtig gewesen. „Jesus hat nicht geschaut, wes Geistes Kind jemand ist, ob Mann, Frau, Jude oder Heide, arm oder reich. Jesus hat dort gewirkt, wo es notwendig war, betonte Fritz Köster bis zuletzt. Seine Botschaft auf Zukunft hin lautet: „Nur wer frei ist in seinem Denken und Handeln wird auf Zukunft bereit sein, sich als Gläubige in einer Gemeinschaft wie der Kirche einzusetzen."

    Lea Ackermann, Barbara Koelges

    ¹ Herausforderung und Antwort. Fritz Köster zum 60. Geburtstag. St. Ottilien 1994, S. 9.

    ² Ebenda, S. 12.

    ³ Ebenda, S. 71-72

    ⁴ Ebenda, S. 73

    ⁵ Fritz Köster: Religiöse Erziehung in den Weltreligionen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1986.

    ⁶ Herausforderung und Antwort. 1994, S. 84.

    II Unveröffentlichte Schriften von Pater Fritz Köster

    1. Was ist Religion?

    1.1 Da scheiden sich die Geister

    Religionen erfahren heute – mitten in den säkularisierten Gesellschaften – eine ungeahnte Wiedergeburt. Bis vor kurzem war noch verpönt, „religiös zu sein. Heute ist es wieder „in. Eine wachsende Mehrheit nennt sich wieder „religiös und „an Gott glaubend. Aber was ist „Religion"? Die Antwort auf diese Frage ist verworren und verwirrend wie Vieles in den Köpfen und Gesinnungen von Menschen.

    Um die Frage nach „Religion annähernd beantworten zu können, ist es zunächst gut, vom Computer einiges zu lernen. Es waren und sind kluge Leute, die den Computer erfunden haben und programmieren. Wenn er programmiert ist, funktioniert er perfekt – so perfekt, dass die Menschen anfangen müssten, auch so perfekt zu sein. Sie müssten manches von ihm übernehmen. Wenn man z. B. den Computer einschaltet, dauert es eine Weile, bis er „warmgelaufen ist und zum Gebrauch zur Verfügung steht. Als erstes erscheint oft eine Virenwarnung auf dem Bildschirm. Gefahren müssen von vorneherein ausgeschaltet werden, weil sie eine Datei zum Absturz bringen können …

    Überträgt man allein diesen Sachverhalt auf eine menschliche Versammlung bzw. Arbeitsgruppe, die sich mit religiösen Fragen beschäftigt, wäre es als erstes Gebot wichtig, gleich zu Beginn ein paar Schweige- bzw. Besinnungsminuten zu veranschlagen. Jede/Jeder Beteiligte sollte sich in Ruhe auf das konzentrieren können, worauf es bei der Frage nach der Religion ankommt; was einen Menschen dazu veranlasst, sich als „religiös" zu bezeichnen. Dabei können nämlich sachliche wie auch personale Probleme auftauchen. Bewusste und unbewusste Mechanismen können eine entscheidende Rolle spielen und jedes sinnvolle Zusammensein von Menschen stören bzw. erschweren.

    Oft bleiben religiöse Gespräche deshalb so konfliktgeladen und spannungsreich, wirkungs- und ergebnislos, weil nicht genügend auf den „Virenalarm geachtet wird und die Gefahren nicht ausgeschaltet wurden, die das gemeinsame Nachdenken und Besprechen verhindern. Weil das so ist, sprach man in früheren Zeiten zwar nicht von „Viren, wohl aber von Hauptsünden, die die religiöse Verständnisbereitschaft von Menschen und ihr Zusammenleben erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Petrus Lombardus z. B. (gest. 1160) nannte sechs solcher „Sünden": Vermessenheit in der Selbsteinschätzung; Verzweiflung auf dem Boden pessimistischer Grundeinstellung; bewusste Ablehnung von erkennbaren Wahrheiten; Neid über die Einsichten und bereichernden Erfahrungen anderer, Verstocktheit im eigenen Denken, Unbelehrbarkeit, weil unfähig zum Umdenken …

    Man könnte auch sagen: In jedem Menschen gibt es so etwas wie eine „innere Unordnung und uneinschätzbare Verworrenheit – was der Philosoph Immanuel Kant „krummes Holz genannt hat, aus dem „nichts Gerades gezimmert werden kann. Diese stören und gefährden auch jedes soziale Gefüge. Im religiösen Bereich äußern sie sich als: theologische Rechthaberei, Wahrheitsfanatismus, Dogmatismus, Konfessionalismus, Unfähigkeit zu etwas Neuem und Unvorhergesehenem, Verstocktheit im guten Glauben, Blindheit für sich wandelnde Lebensverhältnisse … Damit alles beim Alten bleibt, zementiert sich manche christliche Verbohrtheit in einem religiösen Erziehungsdenken, welches Werner Schneider auf den Punkt gebracht hat: „Der Satz, wonach alle Menschen Gottes Kinder sind, wird gerne verwendet, Gottes Erwachsene zu verhindern.

    1.2 Gefühl, Rausch, Erlebnis, Event?

    Es war ungefähr vor 25 Jahren. Damals reiste ein Bischof aus dem Vatikan in Deutschland herum, um Weltjugendtage mit dem Papst ins Leben zu rufen. Er fragte auch mich: Ob ich bereit sei, im Raum München diese neue Initiative zu organisieren und zu koordinieren? Vor mir hatte er schon andere gefragt. Im Gespräch bekam ich deren negative Reaktionen zu hören. Sie hatten aus verschiedenen Gründen abgewinkt. Meine Frage: Warum schließt sich der Papst nicht den Weltjugendtagen von Roger Schutz (Taizé) an? Dieser zieht die Jugend weltweit an; er verkörpert eine ansprechende, überzeugende Spiritualität und Glaubensausrichtung. Ich bekam die Antwort: Genau das ist das Problem. Wie kann man einem Protestanten die alleinige Initiative überlassen? Was Roger Schutz kann, das kann der Papst auch …

    Diese Antwort hat auch mich veranlasst, abzusagen und bis auf den heutigen Tag skeptisch zu bleiben. Bis heute frage ich mich: Wäre es nicht wirklich besser gewesen, eine solche Initiative „ökumenisch" zu ergreifen und zu gestalten? Im Blick auf Köln im August dieses Jahres zeigt sich wie schon oft dasselbe Bild: ein paar Stunden Erlebnischristentum weltweit wird wie der Sand am Meer im Winde verwehen – trotz ungeheurem Aufwand an Personal und Geld. Knapp 100 Millionen soll das Großereignis in Köln kosten. Der Papstaltar, für eine Kundgebung aufgebaut, schlägt angeblich mit 1,5 Millionen zu Buche. Das Ausleihen einer Bühne, wie sie junge Leute für das Aufführen von Konzerten gewohnt sind, würde ca. 100.000 Euro kosten.

    Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld? Hätte man Geld und Aufwand nicht für viel wichtigere und effektivere Dinge gebrauchen können? Köln könnte unter dem Strich nicht nur für ein religiöses Weltereignis stehen, sondern auch für eine zum Himmel schreiende Sünde …

    Aber etwas Wichtigeres gilt es im Zusammenhang mit solchen und ähnlichen Großereignissen zu bedenken. Auch die römischen Massenveranstaltungen im Zusammenhang mit dem Tod Papst Johannes Pauls II. und der Wahl seines deutschen Nachfolgers bekunden den Versuch, aus der Religion medienwirksam das zu machen, was sie nicht ist: Gefühl, Rausch, Erlebnis …, wenn diese auch am meisten ansprechend sind. Ein italienischer Schriftsteller schrieb in diesem Zusammenhang: „Dass Religion … keinen Einfluss mehr auf das Verhalten der Menschen in Italien ausübt, hat bisher noch in keiner Weise etwas an ihren Kirchengewohnheiten geändert."

    Die Teilnahme an kirchlichen Zeremonien, z. B. aus Anlass der Investitur von Bischöfen und Kardinälen, der Einführung des Papstes in sein Amt … sei selbstverständlich. „Aber diese Zeremonien haben nichts mit Glauben zu tun. Haben religiöse Massenveranstaltungen solcher Art überhaupt etwas mit Glauben zu tun? Georg Christoph Lichtenberg (gest. 1799) hat bereits vor über 100 Jahren die Frage gestellt: „Ist es nicht sonderbar, dass die Menschen so gern für die Religion fechten und so ungern nach ihren Vorschriften leben? Und der bekannte Satiriker Gerhard Polt hat einmal in Erinnerung gerufen, dass zur Zeit des Kaisers Trajan (98-117) manchmal an einem Tag in Rom – bei Gladiatorenkämpfen; Tierhetzen und Zirkusspielen – 5000 Christen getötet wurden. Unsere Zeit sei gar nicht so unähnlich. Er schreibt: „Lassen Sie dieselben Schauspiele im Münchner Olympiastadion durchführen, das Stadion ist voll. Die Löwen brächten wir schon her, aber 5000 Christen nicht mehr".

    Religiöse Massenveranstaltungen können Selbsttäuschungsmanöver sein, Lebenslügen. Sie lassen bei Nachdenklichen leicht den begründeten Verdacht aufkommen, man wolle mit Hilfe von Zeremonien, feierlichen Liturgien, aufwendigen Festlichkeiten und medienwirksamen Inszenierungen die entscheidende „Sünde" überdecken bzw. verdrängen, die heute das eigentliche Problem darstellt: nämlich es nicht fertig gebracht zu haben, die Religion menschennah, lebensnah, wirklich tragfähig fürs Leben verkündet und gestaltet zu haben … Religion, die das Verhalten von Menschen nicht mehr prägt – was ist das für ein Religionsverständnis?

    1.3 Sehnsucht nach etwas ganz Anderem

    Max Horkheimer hat vor ca. 30 Jahren in einem Spiegel-Interview diese Antwort gegeben. Religion ist die Sehnsucht nach etwas ganz Anderem! Das hört sich so an, als wäre der Mensch nie ganz zufrieden mit sich selbst, mit dem, was er ist und was er hat so, als lebte er in ständiger Unruhe nach etwas Höherem, Besseren, Schöneren … In einer unreligiös sich gebärdenden Gesellschaft kann sich solche Sehnsucht schnell im Drang nach „Mehr gegenüber allen nur denkbaren Werten und Sachverhalten äußern. Dann werden Karriere um jeden Preis, der Geldbeutel, das Auto als Selbstbestätigungssymbol, das körperliche Training, der Sport, der Gesundheitskult, die „Tour de France … zu Ersatzreligionen. Aber auch Ersatzreligionen bleiben Ausdruck derselben Sehnsucht über sich selbst hinaus. Sie feiert kultische Triumphe auf Sportplätzen, in Discos, Theatern, Kinos und Fitnesszentren.

    Was Max Horkheimer eine „andere Sehnsucht nennt, lässt sich in der gesamten Menschheitsgeschichte nachweisen. Schon in den archaischen Kulturen, in deren Begräbnisriten und Höhlenzeichnungen, ist sie lebendig feststellbar. Erst recht in den sog. „Hochkulturen. Sie bekunden in Wort und Kunst das, was in Menschen eklatant vorhanden ist: das nie zufrieden sein können mit den Erfahrungsbereichen einer Welt, die als unerlöst, hinfällig, vergänglich, zerbrechlich, als relativ und vorläufig empfunden wird. Viele denken darüber nach. Cicero leitet das Wort Religion vom Lateinischen „religere ab – „sorgfältiges Beobachten der Gottesverehrung; Laktanz von „religare: Verbindung des Menschen mit Gott. – Andere sprechen von einer „Entscheidung für Gott in Gottesliebe und Gottesbesitz (Augustinus); von der „Ordnungsbeziehung des Menschen zu Gott als seinem Schöpfer (Thomas von Aquin); von der „Bezogenheit des Menschen auf das Unendliche (Friedrich Wilhelm Joseph Schelling); von der „Beziehung des Menschen mit einer überweltlichen Macht (Nathan Söderblom); von der „Überwindung der eigenen Begrenztheit (Herbert Girgensohn); von der „theoretischen und praktischen Anerkennung eines Höheren (Arnold Rademacher); vom „Versuch des Menschen, seine Existenz überweltlich zu begründen (Emil Brunner); vom „totalen Sich-Einlassen des Menschen auf den Sinngrund seiner selbst, auf den heiligen, geheimnisvollen Sinngrund aller Dinge (Heinrich Fries); vom „Gefühl der Koexistenz mit dem Unendlichen, von der „Lust und dem Verlangen, durch alles Endliche des Unendlichen inne zu werden (Friedrich Schleiermacher); vom „Selbstbewusstsein Gottes im Menschen (Georg Wilhelm Friedrich Hegel); von der „Erkenntnis unserer Pflichten als göttliche Gebote (Immanuel Kant); vom „Erlebnis des Heiligen und Numinosen (Rudolf Otto); von der „erlebnishaften Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln als vom Heiligen bestimmten Menschen" (Gustav Mensching).

    Man kann kreuz und quer durch die Kulturgeschichte der Menschheit gehen: Religion gibt immer Kunde von einer „Provinz im Menschen, die darauf aus ist, die Welt und das Leben in ihrer Ganzheit vorwissenschaftlich oder wissenschaftlich zu deuten. Der Mensch will wissen, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Er will sich selbst und seinen „Ort erkennen im Gesamtgeschehen der Welt, seinen Lebens-Sinn innerhalb eines größeren Zusammenhangs.

    In den sogenannten Offenbarungsreligionen setzt sich dieser Prozess nicht so sehr „vorwissenschaftlich oder „wissenschaftlich fort; viel mehr personalisiert sich hier die Begegnung Gottes mit dem Menschen als Hörer und Gesprächspartner. Mohammed behauptet, er habe alle Wahrheiten und Anweisungen des Korans von Allah direkt und unmittelbar in Ohr und Herz zugesprochen bekommen. Deshalb sei seine Lehre unverrückbar, uninterpretierbar und unüberholbar. In diesem Sinne steht der Islam ganz in der Tradition des Alten und Neuen Testamentes. Nur spielt im AT diese Art des wörtlichen Gottesdiktates eine nicht so entscheidende Rolle. Jahwe spricht zunächst zu seinem Volk. Er führt es von Anfang an durch die wechselvolle Geschichte und beruft es, einen Bund mit ihm zu leben. Gott und Mensch werden Partner. Der Mensch als Ebenbild Gottes ist dazu berufen, die von Gott geschaffene Welt zu verwalten und schöpferisch weiter zu gestalten. Die „Sprache Gottes sind nicht die in die menschlichen Ohren gesprochenen Worte, sondern geschichtliche Ereignisse, die der Mensch als Anrufe Gottes zu verstehen und zu bewältigen hat. Indem dieser Antworten findet und „tut auf die Herausforderungen der Zeit und die Anforderungen des Lebens, entdeckt er auch – auf dem Weg oder Umweg vieler Erfahrungen – die Maßstäbe des Lebens und Handelns, die Gott ihm setzen will und nach denen er sich zu orientieren hat. Die Zehn Gebote regeln das Leben gläubiger Menschen untereinander und ihre Beziehung zu Gott. Bei deren Formulierung auf dem Berg Sinai spielt Moses eine entscheidende Rolle; zu deren Einhaltung mahnen die Schriftgelehrten und Propheten.

    In Jesus von Nazareth erreicht der personale Gottesbezug seinen Höhepunkt. Weil Gott selbst immer „im unzugänglichen Lichte wohnt, das kein Mensch gesehen hat noch zu sehen vermag (1 Tim 6.16), ist der Glaube im Christentum an die Menschwerdung Gottes zentral. Indem Gott Mensch wird, vermag er Aussagen zu machen, die der Mensch versteht. An der geschichtlichen Gestalt Jesu vermag der Mensch zu erkennen, wer Gott ist, wie er denkt und an den Menschen handelt. Das menschen- und situationsnahe Denken und Handeln Jesu werden die eigentliche „Sprache Gottes. Sie werden die Maßstäbe für die Lebenshaltung von Christen überhaupt. Deren „Glaube ist nichts anderes als das Ja-Sagen zu den Heil schaffenden Worten und Taten Jesu. Und Christen sind dafür da – sie finden ihre Existenzberechtigung in der Welt nur dadurch ­–, dass durch sie die Heil schaffenden und erlösenden Taten Jesu fortgesetzt werden. „Glaube ist die verbindliche Übernahme der Denk- und Handlungsweise Jesu in die eigene Lebenswelt. Das gilt für den einzelnen Christen wie für die Christenheit als Ganze.

    Im Neuen Testament werden die Maßstäbe allen Denkens und Handelns eindeutig und verbindlich gesetzt. Sie heißen: Liebe, Gerechtigkeit, Güte, Verzeihen … „Bleibet niemand etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander, schreibt Paulus (Röm 13.8). Und indem er das „Hohe Lied der Liebe besingt (1 Kor 13), aktualisiert er für die Gemeinde in Korinth das, was Jesus gefordert hatte: „Das ist mein Gebot: dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe" (Joh 13.8).

    Dass solche „Bündnisbereitschaft mit dem Heilswillen Gottes an der Welt weit über Zeremonien, Riten und Liturgien hinausgeht, müssen sich „Sonntagschristen immer wieder vor Augen führen lassen. Das Christentum im Originalton mobilisiert alle schöpferischen Kräfte des Menschen und lässt Haltungen wie: „kirchlichen Gehorsam, Obrigkeitentreue und „Untertänigkeit als zweitrangig erscheinen. Der Christ ist wie kein anderer zur Freiheit berufen. Freiheit bedeutet aber auch Unsicherheit, Ungewissheit und Wagnis. Wer sich davor drückt oder sich durch manipulierende Machenschaften der Mächtigen unterdrücken oder mundtot machen lässt, der zerstört sich selbst und alles, was als „Charisma" in ihm angelegt ist: menschliche Würde, Freiheit, Aufrichtigkeit …

    Der wie auch immer dressierte Mensch – „gestutzter Adler in einem Hühnerhof – macht einen zwiespältigen Eindruck. Sein Ich steht immer unter dem Imperativ eines Obrigkeiten-Ich. Er ist hin- und hergerissen zwischen beiden. So vermag er – bei aller äußerlich geübten Religiosität – der „Sehnsucht nach einem ganz Anderen nicht gerecht zu werden. Er bleibt unfähig und unwillig, den eigentlichen Sinn des Lebens zu begreifen.

    1.4 „Person-Werdung"

    Es mag ungewöhnlich sein, wenn im Zusammenhang dieser Frage die primäre Antwort „Person-Werdung gegeben wird. Tatsächlich legen die personalisierenden Impulse des Alten und Neuen Testamentes diese Antwort als unverzichtbar nahe. Mit Recht hat Kardinal Josef Ratzinger – heute Benedikt XVI. – den Übergang vom Begriff Individuum zu dem der Person als die entscheidende Wende vom hellenistisch zum christlich geprägten Denken bezeichnet. Mit „Person rückt die Unverwechselbarkeit des Einzelnen in den Vordergrund.

    Ob diese Einsicht jedoch in ein handfestes, effektives pädagogisches Konzept umgesetzt worden ist, bleibt sehr zweifelhaft. Ebenso scheint das „Bodenpersonal von der Ausbildung und Beauftragung her kaum geeignet und disponiert. Bei der Selbstbeschränkung auf Predigt und Sakramente laufen viele Ausdrucksformen der Verkündigung in einer Monologstruktur „von oben nach unten. Der Theologe Medard Kehl behauptet, der Kirche sei auf weiten Strecken der in klugen Sätzen formulierte Übergang vom Individuum zur Person in der Praxis nicht gelungen. In den vorhandenen Sozialstrukturen gäbe es „Subjekte des belehrenden Dozierens und „Objekte des Belehrtwerdens; Verwerfungen von oben und religiöse Sprachlosigkeit unten; Befehlsformen oben und Gehorsams- bzw. Untertänigkeitsformen unten. Eigenständiges Denken „unten würde mit Misstrauen und Maßregelungen bedacht … Wie könnte es auch anders sein, da der „Wahrheitsanspruch höchste Priorität besitzt?

    Jedenfalls laufen solche und ähnliche Verhaltensmuster darauf hinaus, dass der in Sätzen fest formulierte „Glaube dem krisengeschüttelten, werdenden und wachsenden Prozess der Person-Werdung vom Kind hin zum Erwachsenenalter wenig gerecht zu werden vermag. Die Erfahrung zeigt: „Glaube kann mit vielen Initiativen und großem missionarischen Eifer so verkündet werden, dass daraus Zweifel und purer Unglaube erwachsen. Der Anfang einer solchen Entwicklung beginnt gewöhnlich damit, dass schon im frühen Stadium des Erwachsenwerdens Religion und Glaube als „Kinderangelegenheiten klassifiziert und abgelehnt werden. Wo Glaube nicht wachsend in das Leben integriert wird; wo das menschliche Denken nicht neugierig und wach gehalten wird für das jeweils „Neue an Erkenntnis und Erfahrung, da wird jede theologische Lehre nur äußerlich angenommen. Sie gerät unter „Ideologieverdacht". Das Sakrament entartet zum Sakramentalismus mit magisch-fetischistischen Erwartungen; das Dogma zum Dogmatismus; der Ritus zum buchstabengerechten Ritualismus; das Recht zur Wortklauberei; die Überzeugung zur selbst verhärteten Unbelehrbarkeit. Auf diese Weise neigen alle religiösen Systeme zu fundamentalistischen Auswüchsen.

    Ideologien und „Ismen sind immer Folgen davon, dass religiöse Einsichten bei Menschen nicht gewachsen, sondern nur äußerlich wie Lack auf einem Möbel aufgetragen sind. Religiöse Systeme, die den „Kinderglauben fördern und kultivieren, neigen bewusst oder unbewusst dazu, den Erwachsenen-Glauben nicht zum Zuge kommen zu lassen. Letzterer könnte jeden autoritären, rechthaberischen und „unfehlbaren Anspruch gefährden. Andererseits neigen viel Menschen dazu, im Kinderglauben stecken zu bleiben. Sie gleichen „religiösen Schafen, die der klaren und autoritären Richtlinien bedürfen. Sie neigen zu blindem Gehorsam und gefälliger Untertänigkeit, weil dies ihrer Bequemlichkeit, ihrer „geistigen Trägheit" (Thomas v. Aquin) entspricht.

    Die Frage ist, ob Dogmatik, Kirchenrecht, Ritus und Liturgie überhaupt in der Lage sind, das Werden und Wachsen im Glauben zu begleiten und zu garantieren? Alfred Delp hat schon 1945 prophetisch darauf hingewiesen, dass wir mit allen unseren theologischen Einsichten und Weisheiten an einem „toten Punkt angelangt sind. Seitdem ist wenig über diesen „toten Punkt nachgedacht worden. Wahrscheinlich war Johannes XXIII. eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen. Er wollte vor 40 Jahren kein dogmatisches bzw. lehramtliches Konzil; er wollte keine neuen Dogmen und nicht die Zementierung der alten. Sein Ansatz war ein „pastoraler". Man könnte sagen: ein eminent pädagogischer.

    Bei solchem Ansatz geht es nicht mehr um Begriffe und unfehlbare Festlegungen, sondern um die „Wende zum Menschen". Folgende Kernfragen stehen dabei im Mittelpunkt: Was geht in den heutigen Menschen vor? Was ist ihnen existentiell wichtig? Was gibt es an Ängsten, Zweifeln, Hoffnungen, Versuchungen, Gefährdungen? Wo steht der konkrete Mensch und was ist auch ohne kirchliche Verkündigung an Gaben, Fähigkeiten, Kräften in ihm grundgelegt und gewachsen? Wie können menschliche Einsichten und Erfahrungen evangeliumsgemäß geläutert, orientiert und entfaltet werden – im Blick auf den, der für das Christentum zum Maßstab eines reifen, gottgefälligen und sinnerfüllten Lebensentwurfs geworden ist?

    Nicht das Fixiertsein auf „Kirche und deren Selbsterhalt, nicht allumfassende Lehren und Rechtsvorschriften vermögen angemessene Antworten auf solche Fragen zu geben. Hier steht wieder zur Diskussion, was ursprünglich einmal „Erziehung auf Christus hin genannt wurde – was nicht identisch ist mit einer Erziehung auf eine bestimmte Sozialform von „Kirche hin. Der Übergang von einer auf Selbsterhalt ausgerichteten Sozialstruktur zur Personalisierung im Glauben wird in Zukunft nur gelingen durch das Herstellen eines kommunikativen Glaubensmilieus. Dies ist etwas anderes als das, was gegenwärtig geschieht: Dialog in kirchlichen und theologisch-akademischen Chefetagen. Dem „Glaubensmilieu ist das Gegenüber von Glaubenden und weniger Glaubenden, von Wissenden und weniger Wissenden, von Gelehrten und weniger Gelehrten, von akademisch Geschulten und „einfach gestrickten Laien eher schädlich. Zudem erweckt es den irrigen Eindruck, als sei theologisches Wissen identisch mit „Glauben. Dann müssten die Theologen und Amtsträger die Gläubigsten sein, deren Auftrag es ist, „Glaubensangebote zu machen. Dieses falsche Schema verschafft sich unter den „Glaubensanbietern gewöhnlich äußere Ausdrucksformen auf hohem Niveau: gegenseitige Freundlichkeiten und Händedrücken, symbolische Aussöhnungsgesten – letztlich Formen von Unaufrichtigkeit und Augenwischerei, die eher trennen als verbinden.

    Im kommunikativen Glaubensmilieu muss der biographische Glaube eine impulsgebende Rolle spielen. Kinder denken und reden anders als Heranwachsende und Erwachsene. Alle erleben die Welt anders. Konflikte, Ängste, Zweifel, Beruf und Religion, Taufen, Eheschließungen, Ehescheidungen und Wiederverheiraten haben einen jeweils persönlich geprägten und sozial gefärbten Hintergrund. Ihnen mit abstrakten Lehren und Rechtsvorschriften zu begegnen, stößt auf Widerstand, wird schlicht und einfach als Nicht-ernst-genommen-werden verstanden, läuft auf die Ignorierung des Menschen hinaus. Eine personalisierende Religion, wenn sie diesem Stigma gerecht werden will, muss immer wieder die Maßstäbe des rechten Handelns oder des Versagens zur Sprache bringen. Es geht um die konkrete Frage nach der gelebten Liebe, der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, der Freiheit und persönlichen Entscheidungsfähigkeit, der Gewissensverantwortung mit allen Konsequenzen. Dass daraus auch der Mut zu Unsicherheiten und Wagnissen erwächst, liegt auf der Hand. Er gibt dem Glauben eine persönliche und authentische Note.

    Wo es um solche Maßstäbe geht, können persönliche Antworten auf erlebte Situationen sehr unterschiedlich sein. „Objektiv besteht die Gefahr der Irrungen und Wirrungen; um diese zu verhindern die Versuchung, alles „dogmatisch – an der Realität vorbei – zu beurteilen und damit zu vereiteln, dass Menschen aus ihren eigenen Erfahrungen lernen und daran wachsen. Die Angst vor dem „irrigen Gewissen kann vorherrschend werden. Aber wo es um das Werden und Wachsen der Person geht, ist es besser, ein irriges Gewissen zu haben, welches der Schulung und der Formung bedarf, als gar keins. Vorrang muss bei allem die Entfaltung des Menschen haben, wenn das „System dies auch wenig mag.

    Menschen der heutigen Zeit sind insofern „anders als früher, als sie sich aufgrund geschichtlicher Ereignisse in vieler Hinsicht ausgeliefert, manipuliert, falsch informiert und ideologisch verführt wissen. Man kann von einer dreifachen Bedrohung des Menschen sprechen. Die erste besteht in dem Ausgeliefertsein an sich selbst: seine eigenen Ängste, Zwangsvorstellungen, falsch gesetzten Lebensziele und Prioritäten. Meist ist der Einzelne auf sich selbst gestellt, weil ihm stützende Familien- und verbindliche Gemeinschaftsbande abhandengekommen sind. Er muss sich seine Lebenswelt – im Konzert der vielen Stimmen und Meinungen – selbst zusammenbasteln. Dabei gerät er in Konflikte, kommt mit sich selbst nur schwer zurecht. Dazu gesellt sich zweitens das Ausgeliefertsein an berufliche, soziale und gesellschaftliche Vorgaben und Unsicherheiten. Menschen fühlen sich gestresst, gezwungen, gedrängt und übermäßig unter Druck gesetzt durch die Interessen und Machenschaften anderer – viele Elemente einer „Bastelbiographie und „multikulturellen Beeinflussung", die es nicht leicht machen, ein Gefühl für die eigene Würde und Wichtigkeit zu entwickeln.

    Verhängnisvoll wirkt sich drittens aus, wenn zu all dem Genannten noch das Gefühl des Ausgeliefertseins an religiös-weltanschauliche Ideologien und „Glaubensbekenntnisse hinzukommt. Weil darin auch nicht viel „Würde und „personale Formung entstehen kann, es sei denn durch den „Trost verbaler Appelle und Parolen , ist es nicht verwunderlich, dass Phänomene eklatant auftreten, die als Parteien-, Politik- und Kirchenverdrossenheit bekannt sind. Die Konsequenz lautet: „Glauben ja" – aber sich auf keinen Fall binden und vereinnahmen lassen! Denn was da kirchlich verkündet wird, mag sehr wahr sein, aber als wichtig empfunden wird es nicht.

    Lehrsysteme, Glaubenswissen und „allgemein gültige Wahrheiten haben es in sich, eine gehorsame und willige Gefolgschaft zu produzieren, die auf die „Weisungen des Lehramtes hört. Dessen Ambitionen lassen sich gegenüber Unmündigen und Unwissenden leicht betreiben, nicht aber gegenüber Persönlichkeiten. Deren Charismen sind zu blinder Hörigkeit nicht geeignet. Deshalb sind Lebens-, Gewissens- und Entscheidungskompetenz von Menschen eine Existenzfrage von Religionen und Glaube. Diese haben Menschenwürde und Freiheit mit ihrer eigenen Botschaft in Einklang zu bringen. Dabei müssen sie in Kauf nehmen, dass christlich gewachsene Überzeugungen eine andere Inhaltlichkeit und Akzentsetzung bewirken können. Die Praxis der Liebe und Gerechtigkeit, der Menschwerdung des Menschen, des Heilwerdens der Welt, der Humanisierung der Gesellschaft, der Freiheit des Gewissens und der eigenen Lebensgestaltung kann viele Gesichter und Farben bekommen. Aber jede Vielfalt muss innerlich geeint bleiben in der Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel: die immer wieder angestrebte – trotz aller Rückschläge und Niederlagen – heilere und erlöstere Welt!

    Wenn nicht alles täuscht, stehen die großen Religionen und Konfessionen noch ganz am Anfang einer Entwicklung, die die Entfaltung und Würde des Menschen im Blick behält.

    1.5 Dialog- und Gemeinschaftsfähigkeit

    Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich der Mensch als „ens sociale" nur in Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen entwickeln und entfalten kann. Schon das Un- und Neugeborene ist angewiesen auf die seelische und geistige Verfassung seiner Mutter, auf den Kontakt mit ihr, mit dem Vater und den Geschwistern. Später werden andere Bezugspersonen entscheidend und prägend: Lehrer, Erzieher, Priester, Vorbilder beim Sport und anderswo …

    Man könnte von einer dreifachen Dynamik sprechen, die in jedem Menschen angelegt ist: erstens die Dynamik der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Diese ist nicht festgelegt und statisch, sondern ist Veränderungen ausgesetzt – je nach Lebenserfahrungen, Erfolgen und Niederlagen. Dabei kann man von wachsenden oder verkümmernden Reifegraden sprechen. Zweitens jene Dynamik, die von Lebenseinstellungen, Religion und Glaube an Ideen und Weltanschauungen geprägt ist. Auch diese müssen einer dauernden Überprüfung unterliegen; sie verändern sich und reifen im Rahmen der sich ändernden Lebensumstände – ein Postulat, welches umso schwieriger zu verwirklichen ist, je mehr Lehren und Überzeugungen sich zu Dogmen und Gesetzen, zu unveränderbaren Zementblöcken verhärten. „Verhärtet im Gutsein – hat Thomas v. Aquin bereits diese „Sünde wider den heiligen Geist genannt. Bei solchem „Verhärtetsein sind menschengemachte „Sicherheiten nicht mehr für die Menschen da, sondern der Mensch wird zum Sklaven von Buchstaben und Geboten.

    Drittens kann jene Dynamik gefördert oder verhindert werden, die als zu entfaltende Fähigkeit zu Dialog, Gemeinschaft und Zusammenarbeit im Menschen angelegt ist. Die Erfahrung, dass solche Fähigkeit auf weiten Strecken der menschlichen Geschichte nicht gefördert wurde, hat in neuester Zeit das Wort „Dialog zu einem „Zauberwort werden lassen; hat sogar dazu geführt, dass „Dialog zur absoluten Notwendigkeit für eine Menschheit gehört, die sich auf einem „halbkatastrophalen Weg befindet. „Das, was uns noch retten könnte, weil wir nichts anderes haben, wäre … das Nachdenken über die Religion, die Suche nach Transzendenz, dem Göttlichen jenseits der Erfahrung und ein Gespräch mit den großen Religionen. So schreibt Hans-Georg Gadamer in seinem Buch: „Die Lektion des Jahrhunderts.

    Tatsächlich blüht und gedeiht das Geschäft mit dem Dialog in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Die Kirche hat auf dem 2. Vatikanischen Konzil sogar eine Vorreiterrolle dabei gespielt. Die Erfahrung lehrt inzwischen aber auch, dass die Praxis des Dialoges missdeutet und in vieler Hinsicht missbraucht werden kann. Auf dem Berliner „Ökumenischen Kirchentag (2003) war vom „Weichspülen des Dialoges die Rede; von einer „interreligiösen Schummelei; von einer kaum zu verkraftenden Unvereinbarkeit „zwischen Absolutheitsanspruch und Dialogfähigkeit. Konkret gesprochen: Man mache sich äußerlich etwas vor; es könne keine Einheit und Einigkeit geben, solange jeder auf seinem „Wahrheitsanspruch beharrt. Die Frage stellt sich: wie könnte es denn anders sein, wenn die „Wahrheitsfrage als die wichtigste in der Religion angesehen wird? So werden sich die Geister bis zum Ende der Welt wohl streiten (müssen) …

    Die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils sind ein Zeugnis dafür. Sie halten die Ergebnisse vieler Dialoge fest. In ihnen finden sich Stimmen und Gegenstimmen, Richtungen und Gegenrichtungen. Bis heute finden die „Konservativen und „Progressiven, die „Rückständigen und „Fortschrittlichen ihre Zitate, ihr Für und Wider an Argumenten und Aktionshilfen. Was auch immer entschieden und getan wird – man kann Meinungen und Gegenmeinungen vom Konzil her immer begründen. Für Positionen findet man immer Belege – auch für gegenteilige. Auf diese Weise lassen sich alle Initiativen und Bemühungen zum Stillstand bringen oder gegenseitig „neutralisieren. Einheitliche Ausrichtungen und plausible Lösungen für die Probleme der Jetztzeit wurden nicht gefunden. Denn die Wirksamkeit der „Dialoge scheitert an

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