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Mord im Balkanexpress: Kriminalroman
Mord im Balkanexpress: Kriminalroman
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eBook315 Seiten4 Stunden

Mord im Balkanexpress: Kriminalroman

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Über dieses E-Book

Der Tod ist auf Schiene: ein hochexplosiver Monarchiekrimi!
Brisante Premiere im Burgtheater
 Wien, 1895: Alles, was in der glanzvollen Metropole der Donaumonarchie Rang und Namen hat, putzt sich heraus, um die Amtseinführung des neuen Burgtheaterdirektors zu feiern. Sogar Kaiser Franz Joseph hat sich angekündigt. Doch die Festivitäten enden in einer Tragödie: Als Kellner getarnte Terroristen verüben einen Bombenanschlag. Ihr Vorhaben, den Monarchen zu ermorden, schlägt fehl, aber die Gefahr ist damit längst nicht gebannt. 

Der Balkan ist ein Pulverfass …
 Christine, ein aufgehender Stern am Schauspielhimmel Wiens, überlebt das Unglück mit knapper Not. Zusammen mit ihrem Geliebten Albrecht, einem deutschen Agenten und Cousin Kaiser Wilhelms II., ermittelt sie auf eigene Faust und kommt einem Komplott anarchistischer Geheimbünde auf die Schliche. Die Spur führt die beiden auf den Balkan, in die serbische Hauptstadt Belgrad. Bereits die Reise dorthin entpuppt sich als dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, denn die Hintermänner des Attentats planen bereits den nächsten Streich. Können Albrecht und Christine verhindern, dass ganz Europa im Chaos versinkt? 

Furiose Reise in die Zeit der Jahrhundertwende
 Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp lassen in ihrem fulminanten Kriminalroman die prachtvolle und spannungsgeladene Welt des Fin de Siècle zwischen Berlin, Wien und Belgrad lebendig werden. Lassen Sie sich in eine Epoche zwischen Glanz und Elend, zwischen Monarchen und Anarchisten, Militärs und Geheimbünden entführen. 
SpracheDeutsch
HerausgeberHaymon Verlag
Erscheinungsdatum10. Juli 2018
ISBN9783709938539
Mord im Balkanexpress: Kriminalroman

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    Buchvorschau

    Mord im Balkanexpress - Matthias Wittekindt

    Impressum

    PERSONENVERZEICHNIS

    Die wichtigsten Figuren in der Reihenfolge ihres Auftretens

    Christine Mayberger, Schauspieldiva am Wiener Burgtheater

    Miloš Ćosić, serbischer Anarchistenführer

    Bora Andrić, serbischer Geheimdienstspitzel

    Yuri Tarasov, europaweit agierender russischer Impresario

    Fritz Matern, Tarasovs Sekretär

    Ferdinand Hackenberg, designierter Intendant des Burgtheaters

    Ica Szabó, ungarische Anarchistin

    Hendrik von Liebenbach, der beste Freund von Prinz Albrecht

    Albrecht Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt, deutscher Agent

    Graf von Taubenstein, Leiter des Deutschen Geheimdienstes

    Freiherr von Moellendorf, von Taubensteins Stellvertreter

    Kommissär Ägidius Raab, Chefermittler der Wiener Gendarmerie

    Gotthilf & Ludwig Scheller, deutsche Anarchisten

    Pietro Pascoli, italienischer Anarchist

    Jagoš Lazar, Oberst der serbischen Geheimpolizei

    Madame Louise, Principalin des Instituts Elysium

    Generalmajor Chitow, hoher serbischer Offizier

    Generaloberst Šarović, Leiter der serbischen Geheimpolizei

    Oskar Glawatsch, Agent des k. u. k. Geheimdienstes

    Leutnant Hristić, Jagoš Lazars Adjutant

    Victor Komazec, Bahnhofsvorsteher von Vrbas

    Edgar von Hengstbach, deutscher Botschafter in Belgrad

    Botschafter Garašanin, serbischer Delegationsleiter

    Fürst von Schönburg-Hartenstein, österreichischer Delegationsleiter

    Elizabeta Kovačević, Jagoš Lazars Verlobte

    Aleksandar Obrenović, König von Serbien

    Franz Joseph I., Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn

    Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Apostolische Königin von Ungarn

    I

    „Mon dieu, ich komme zu spät!" Christine Mayberger schwingt sich auf die lederbezogene Rückbank des Fiakers.

    Schlitzohrig äugt der Kutscher vom Bock aus nach hinten, hebt dann bedächtig die Peitsche.

    ‚Wo ist mein Spiegel …?‘

    Gemächlich setzt sich das Gefährt in Bewegung, rumpelt über das buckelige Kopfsteinpflaster.

    Hektisch kontrolliert die junge Frau ihr Aussehen. ‚Der Lidschatten ist zu dunkel …‘

    Christine Mayberger ist eine in ganz Wien bewunderte Schönheit, und heute strahlt sie besonders. Und das trotz ihres vor Aufregung geröteten Teints. Das bordeauxfarbene Brokatkleid harmoniert perfekt mit ihren kastanienbraunen Haaren, den hellgrünen Augen. ‚Wenn nur mein Herz nicht so klopfen würde!‘

    Sie stößt den Kutscher an. „He, können Sie nicht schneller fahren?"

    „Galopp geht nicht, gnä’ Frau. Nicht bei der Straße."

    „Ich zahl Ihnen eine halbe Krone extra!"

    „Na schön."

    Der Kutscher richtet sich auf, lässt die Peitsche knallen, der Fiaker beschleunigt, reiht sich im grellen Mittagslicht in den dichten Verkehr auf dem Kärntner Ring ein. Christine weiß, dass der Mann mit Absicht im Schneckentempo gefahren ist, um ihr ein Trinkgeld abzupressen. Das ist ihr heute egal. Hauptsache, sie kommt noch rechtzeitig, alles andere wäre eine Katastrophe! Ihre berufliche Zukunft könnte erheblichen Schaden nehmen, denn Ferdinand Hackenberg gilt als äußerst nachtragend. Christine fürchtet, dass er es ihr auf die eine oder andere Art heimzahlen wird, wenn sie ausgerechnet an diesem Tag …

    ‚Wenn diese dämliche Mietkutsche nur nicht so langsam wäre!‘

    Der Fiaker fährt am k. k. Hof-Operntheater vorbei, am Burggarten, dann an der Hofburg. Als sie das Reichsratsgebäude passieren, kommt der Verkehr zum Erliegen.

    ‚Auch das noch!‘

    Zwei Regimentskapellen marschieren auf dem Franzensring frontal aufeinander zu. Hunderte von Gendarmen, zu Fuß und hoch zu Ross, haben das Gebiet weiträumig abgesperrt. Überall stehen Gaffer, alle Schichten der Wiener Gesellschaft sind hier vertreten.

    „Kein Durchkommen, gnä’ Frau."

    Christine beugt sich aus dem Fiaker, sieht zuckende Standartenspitzen, hochglanzpolierte Säbel, goldene Uniformknöpfe, die die Mittagssonne hundertfach reflektieren. Im ersten Moment scheint es, als zögen die Regimenter gegeneinander in die Schlacht. Die Akkuratesse, mit der die Kapellen den Hoch- und Deutschmeister-Marsch spielen, lässt bei Christine keinen Zweifel aufkommen. Jedem Schritt, jedem Ton liegt eingedrillte militärische Präzision zugrunde. ‚Das ist ein Exerzieren, kein Musizieren!‘

    Als die ersten beiden Reihen nur noch eine Manneslänge voneinander entfernt sind, bleiben die Kapellen abrupt stehen. Stille.

    Christine nutzt ihre Chance: „Fahren Sie durch den Rathauspark. Los, beeilen Sie sich!"

    Der Kutscher tut, wie ihm geheißen, stößt mit dem Fiaker durch eine Lücke. Da geht ein Raunen durch die Zuschauer, Christine erschrickt. Vor dem Gespann taucht eine Mutter auf mit einem Baby auf dem Arm. Im letzten Moment kann der Fiaker eine Kollision vermeiden.

    Jetzt stechen die Kapellmeister mit ihren Taktstäben in die Luft, Posaunen setzen ein, einige der männlichen Zuschauer werfen begeistert ihre Hüte in die Luft, junge Frauen erröten, zwei Kleinkinder plumpsen auf ihren Hosenboden, fangen an zu weinen.

    Der Fiaker durchquert den Park, findet erneut eine Lücke, hält schließlich vor dem südlichen Seitenflügel des Burgtheaters.

    „Das haben Sie gut gemacht", lobt Christine den Kutscher, gibt ihm eine Handvoll Münzen, springt leichtfüßig aufs Pflaster.

    Während sie auf das Portal des Südflügels zueilt, rattert es in ihrem Kopf: ‚Wer wird alles da sein, mit wem soll ich sprechen, wem besser aus dem Weg gehen?‘

    Überall vor dem imposanten Gebäude stehen Theaterenthusiasten, die ihre Aufregung nur schlecht verbergen können. Heute ist ein großer Tag für die Stadt. Das Burgtheater erhält einen neuen Intendanten, gleich wird er feierlich in sein Amt eingeführt.

    Ferdinand Hackenberg ist in Wien kein Unbekannter. Zwar verfügt er über keinerlei Erfahrung in der Leitung eines Theaters, aber als langjähriger Herausgeber des Österreichischen Journals für Literatur und schöne Künste hat er das Burgtheater ungeheuer bekannt gemacht, bis weit über die Grenzen des Reiches hinaus. Dafür erhält er nun die verdiente Belohnung – die Intendanz der bedeutendsten Bühne des deutschsprachigen Raumes.

    Noch immer rattert es in Christines Kopf: ‚Als Erstes muss ich Hackenberg gratulieren.‘

    Dass er nicht unbedingt die beste Wahl ist, was den Posten des Intendanten angeht, weiß jeder im Ensemble. Christine denkt kurz an den Mann, den sie bei solchen Anlässen so gern an ihrer Seite sieht. Aber das geht nicht, denn Albrecht ist in Berlin, hat vermutlich Wichtigeres im Kopf als eine Gala im Burgtheater.

    Zwei livrierte Diener öffnen Christine die Türen. Ein paar Schritte, schon ist sie auf der Kaiserstiege, die zum ersten Rang hinaufführt. Im Gegensatz zur Hitze draußen ist es hier angenehm kühl.

    Auf den Stufen drängen sich elegant gekleidete Damen und Herren. Aufgeregt plaudernd.

    ‚Oh Gott, Greta Stockmoser …‘

    Mit ihr hat Christine bis vor vier Jahren in Linz Theater gespielt. Wenn Greta sie jetzt aufhält, wird die ehemalige Kollegin ihr eine geschlagene halbe Stunde lang von den Querelen am dortigen Haus erzählen … ‚Und wie deprimierend die Stimmung im Linzer Ensemble ist. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.‘

    Christine ist voller Energie, will schnell nach oben, nicht zu spät kommen, schließlich wird der Kaiser jeden Moment eintreffen.

    Sie ist schon fast an der Stockmoser vorbei, als …

    „Christine!"

    ‚Einfach weiter, als hättest du nichts gehört …‘

    „Christine! Ich bin es!"

    ‚Es geht nicht. Ich kann nicht so tun, als wäre Greta nicht da, die Leute drehen sich schon um.‘

    „Es tut mir leid, Greta, aber ich werde ganz dringend im Foyer gebraucht, ich …"

    „Nur kurz."

    „Bitte. Du weißt doch, wie das ist bei so einem Empfang. Außerdem erwarten wir jeden Moment die Ankunft von …"

    „Es geht ganz schnell … Du kennst doch unseren neuen Verwaltungsdirektor in Linz. Dr. Reichenberg."

    „Ja?"

    „Gemocht hat ihn ja niemand, aber …"

    „Du wolltest es kurz machen."

    „Seine Frau und sein Sohn. Beide tot. Erschossen. Von einem Verrückten. Am helllichten Tag. Der Anschlag galt natürlich ihm. Wahrscheinlich weil Dr. Reichenberg früher in der Wehrbeschaffungsbehörde …"

    „Später Greta. Du erzählst mir das ein anderes Mal, ja?"

    Christine wartet einen möglichen Einwand gar nicht erst ab, sondern eilt weiter die Treppe hinauf. Doch so schnell, wie sie will, geht es nicht, immer wieder kommt der Fluss auf der langen Kaiserstiege ins Stocken. Verfolgt von bewundernden Blicken kämpft Christine sich Meter um Meter die Treppe hoch. Endlos kommt sie ihr vor, doch … ‚Hoch, immer höher, war das nicht all die Jahre mein Traum?‘

    Nur die besten Schauspieler werden an das Burgtheater engagiert. Wer hier spielen darf, hat es in den Olymp geschafft. Die weiblichen und männlichen Stars des Ensembles werden nicht nur glühend verehrt, fast noch mehr interessiert sich der Wiener für die pikanten Skandale der Burgschauspielerdiven.

    ‚Ob Eleonora Duse auch da ist? Was sie wohl treibt, wenn sie angeblich mal wieder krank ist?‘

    Selbst das kleinste Gerücht wird eifrig von allen Seiten beleuchtet.

    Als Christine Mayberger endlich im Foyer ankommt, bleibt sie wie angewurzelt stehen. Sie war schon auf vielen Empfängen, doch so etwas hat sie noch nicht gesehen. Alles funkelt und glitzert.

    ‚Gott, was für ein Einfall …!‘ In der Mitte des Foyers hat man eine Pyramide aus hunderten von Champagnergläsern erbaut, die direkt unter einem großen Kronleuchter steht, als wolle sie ihm entgegenwachsen. Daneben eine kleine Naturlandschaft mit einem Wasserfall. Aus dem schöpft gerade ein hoher Militär Champagner für die Damen, die kichernd und staunend hinter ihm stehen.

    Christine überlässt sich der Stimmung. Gretas Geschichte aus der Provinz ist vergessen, selbst die Gedanken an ihre große Konkurrentin Eleonora Duse haben sich in Luft aufgelöst.

    Der Raum ist von Stimmen erfüllt, sie hört Deutsch in verschiedenen Dialekten, aber auch Französisch, Russisch und sogar Englisch.

    ‚Ach, der natürlich, nebst Gattin …‘

    Die Diplomaten der verschiedenen Botschaften haben es sich nicht nehmen lassen, heute dabei zu sein. Überall stehen Offiziere, Gesandte und Theaterliebhaber in kleinen und großen Gruppen, debattieren das bevorstehende Ereignis. Die fiebrige Erwartung, die alle ergriffen hat, überträgt sich auf Christine. Sie spürt nicht wenige Blicke auf sich, hat das Gefühl zu schweben.

    Von Intendant Hackenberg spricht kaum jemand. Nein, man wartet auf die Ankunft seiner Majestät – Kaiser Franz Joseph I.

    ***

    Miloš Ćosić, ein hagerer Endzwanziger, dessen schüttere Haare am Kopf kleben, schaut vorsichtig durch den Schlitz eines Vorhangs ins Foyer. Er trägt einen Frack, hat sich ein Monokel ins rechte Auge geklemmt und hält einen schwarzglänzenden Zylinder in der Hand.

    Hinter ihm in der Abstellkammer steht sein Kampfgefährte Bora Andrić. Der schmächtige Mann trägt die Livree eines Kellners. Nervös schaut der Mittvierziger zu, wie Ćosić zwei Kübel mit Champagner nimmt, sie auf einen Servierwagen stellt, der mit einer weißen Decke verhüllt ist.

    „Jetzt gilt es! Bist du bereit?", fragt Ćosić.

    Andrić nickt.

    „Du musst ihn ganz nah an die Kaiserloge schieben. Am besten direkt vor die Tür."

    „Hast du mir schon hundert Mal gesagt."

    „Dann sag ich es dir jetzt noch einmal. Es darf nichts schiefgehen."

    „Weiß ich."

    „Und denk immer dran: Die Bombe explodiert in exakt zwanzig Minuten. Es könnte sein, dass du aufgehalten wirst. Dann stell dich dumm."

    Unsicher schaut Andrić zu Ćosić hoch, der ihn um einen halben Meter überragt.

    „Und die funktioniert einwandfrei?"

    „Natürlich, es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache. Du brauchst höchstens zehn Minuten bis zur Kaiserloge. Hast also Zeit genug, dich in Sicherheit zu bringen."

    Ćosić dreht Andrić den Rücken zu, geht in die Hocke und hebt die Stoffdecke des Servierwagens an. Behutsam justiert er den Zeitzünder der Bombe. Doch statt auf zwanzig stellt Ćosić den Zeiger auf zwölf Minuten. Dann erhebt er sich, umarmt seinen Kampfgefährten, lässt heimlich etwas in dessen Tasche gleiten.

    „Du schaffst das. Und jetzt los. Ich warte draußen vor dem Nordflügel."

    Andrić nickt. Unsicher. Dann atmet er einmal tief durch, packt den Servierwagen und schiebt ihn durch den Vorhang aus der Abstellkammer.

    ***

    Christine ist unterdessen froh, dass sie das bordeauxfarbene Brokatkleid gewählt hat und nicht weiß trägt, wie die vielen Elevinnen, die jugendlich und auffällig geschminkt im Raum herumlaufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Diva hat sich einen ersten Überblick verschafft und erfasst, wer alles da ist und wer mit wem spricht. Schließlich ist sie lange genug am Haus, um zu wissen, dass es bei dieser Feierlichkeit um weit mehr geht als die Inthronisation des neuen Intendanten.

    Das Ganze gleicht eher einem Staatsakt, und wie bei einem solchen bringen sich Menschen in Position, wählen ihre Gesprächspartner eher strategisch als nach Lust und Laune.

    Wie meistens am Theater ist Gesprächsstoff reichlich vorhanden. Und an diesem Tag geht es ja nicht nur um den neuen Intendanten … Man erwartet den wichtigsten Regisseur des politischen Parketts. Aber noch ist der Monarch nicht da.

    Christine will natürlich schnellstens Ferdinand Hackenberg gratulieren, den sie gerade entdeckt hat – er steht zusammen mit einigen Mäzenen und Militärs auf der anderen Seite des Foyers. Doch schon auf halbem Weg wird sie von einem korpulenten Mann aufgehalten, an dessen Statur sie unmöglich vorbeikommt.

    „Mademoiselle Mayberger, wir müssen dringend reden."

    Der russische Impresario Yuri Tarasov breitet seine Arme aus, setzt dabei eine Miene auf, als wolle er eine geliebte Tochter begrüßen, die lange auf Reisen war.

    Schräg hinter ihm, wie ein schmaler Schatten, steht Tarasovs Sekretär – Fritz Matern. Er mustert Christine kurz, auf sehr indifferente Art. Wie immer hat sie das Gefühl, dass Matern sie nicht mag. Daher ist sie ihm bislang so weit wie möglich aus dem Weg gegangen.

    ‚Was für ein undurchsichtiger Mensch …‘

    Heute wirkt Matern noch angespannter als sonst. Er blickt in die Runde, als müsse er alle im Auge behalten, als sei Yuri Tarasov hier die wichtigste Figur, nicht Kaiser Franz Joseph.

    ‚Seinen Chef abzuschirmen, gehört natürlich zu Materns Aufgaben‘, überlegt Christine. ‚Ständig versuchen irgendwelche Jungschauspieler, sich bei ihm einzuschmeicheln.‘

    Yuri Tarasov ist noch immer außer sich vor Freude über die Begegnung mit Christine. „Wie schön, wie elegant Sie wieder aussehen. Und so à jour, erklärt er mit einer Lautstärke, dass nicht wenige sich nach ihnen umdrehen. „Wo haben Sie dieses Kleid gekauft? Ach, was rede ich für einen Unsinn! Sie haben es natürlich nicht gekauft, Sie haben es anfertigen lassen.

    „Wie galant Sie wieder sind, Monsieur Tarasov, haben Sie vielleicht ein Anliegen?"

    „Aber nein! Nein, ich sage nur, was ich empfinde. Sie kennen mich doch."

    Christine hält ihm die Hand hin, Tarasov beugt sich hinab, deutet einen Handkuss an. Dann richtet er sich zu voller Größe auf und fixiert sie.

    „Ein Anliegen habe ich nicht, aber ganz großartige Neuigkeiten!"

    Christine blickt am Impresario vorbei zu Intendant Hackenberg. Der ist immer noch mit zwei Militärs und drei Bankiers im Gespräch. Sicher geht es um Geld, und so etwas langweilt Christine. Außerdem ist es sowieso besser, wenn Hackenberg auf sie zukommt, was er zweifellos tun wird, sobald er sie erblickt hat. ‚Ich bin schließlich keine Elevin.‘

    Also wendet sie sich nun doch Tarasov zu, der sie noch immer auf eine Weise ansieht, als zöge er in Erwägung, ihr einen Heiratsantrag zu machen.

    „Ist Kaiser Franz Joseph schon da? Sitzt er bereits in seiner Loge?"

    „Er wird etwas später kommen, erwidert Tarasov mit einer ernsten, weltmännischen Miene. Dabei interessiert ihn der Kaiser im Moment nicht im Geringsten. Dann platzt es aus ihm heraus: „Eleonora Duse ist krank. Außerdem ist sie kapriziös und leider nicht mehr die Jüngste.

    „Sie ist die bedeutendste Schauspielerin, die wir haben", entgegnet Christine empört.

    „Natürlich ist sie das, aber … Lassen Sie uns doch bitte rausgehen, hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht."

    „Rausgehen? Wo jeden Moment der Kaiser eintrifft?"

    Tarasovs Sekretär weist mit der Hand Richtung Ausgang, berührt Christine sogar leicht am Arm. „Draußen ist es ruhiger", erklärt er in einem Ton wie beim Militär.

    Das gefällt Tarasov gar nicht: „Lass das Fritz. Siehst du nicht, dass Mademoiselle Mayberger nichts zu trinken hat?"

    Matern deutet eine kleine, aber scharfe Verbeugung an und entfernt sich.

    Tarasov geht über das Benehmen des Sekretärs hinweg und kommt wieder auf sein eigentliches Anliegen zurück: „Es ist wichtig, Mademoiselle Mayberger, dass Sie genau verstehen. Kommen Sie, lassen Sie uns wenigstens nach da hinten gehen, hier stehen wir ja mitten im Gedränge."

    „Nein."

    „Bitte. Ich muss in Ruhe mit Ihnen reden."

    ‚Was ist das nur für eine Art, mich Minuten vor der Ankunft des Kaisers wegzulotsen?‘

    Tarasov gibt auf: „Also gut, Mademoiselle Mayberger, ich will es kurzmachen."

    „Das wäre schön."

    „In neun Tagen werde ich in Belgrad eine Galaveranstaltung ausrichten. Anlass dieser Festivität ist der Staatsbesuch unseres geliebten Kaisers Franz Joseph im Königreich Serbien. Ein Ereignis, das sicher große Wellen schlagen wird. Ja, und der serbische König hat sich nun einen Ausschnitt aus der Salome gewünscht. Und da, Mademoiselle Mayberger …"

    „… da dachten Sie an mich."

    „Genau."

    „Weil Eleonora Duse krank ist."

    „Aber nein! Aber ganz und gar nicht!"

    „Wo bleibt Ihr Sekretär? Er wollte mir doch etwas zu trinken bringen."

    Tarasov blickt sich um. „Ich weiß nicht … wahrscheinlich ist es sehr voll am Champagnerbrunnen. Eine fabelhafte Idee, oder?"

    „Sie möchten also wissen, was ich von Ihrem Vorschlag halte?"

    „Unbedingt."

    „Ich bin keine Ersatzschauspielerin, ich springe für niemanden ein. Nicht einmal für Eleonora!"

    „Sie missverstehen …"

    „Ich verstehe sehr gut. Und ich sage nein, Monsieur Tarasov. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich möchte Intendant Hackenberg endlich zu seiner Ernennung gratulieren."

    „Aber unsere Salome …!"

    „Ich bin hier am Hause engagiert und exportiere Rollen, die ich an der Burg probe, nicht ins Ausland. Schon gar nicht, bevor wir in Wien Premiere hatten."

    „Aber selbst Eleonora Duse …"

    „Wenn sie sich bereit erklärt, so etwas zu tun, und mit Ihnen auf Tournee gehen will, so wundert mich das zwar, aber gut, es ist ihre Sache. Ich jedenfalls stehe für solche Eskapaden nicht zur Verfügung."

    Nach dieser verbalen Ohrfeige lässt Christine den Impresario stehen und kämpft sich zu Intendant Hackenberg durch. Auf dem Weg stößt sie mit einem Servierwagen zusammen, den ein unsicher wirkender Kellner durch das Foyer schiebt.

    Ein Stapel Servietten fällt zu Boden.

    Der Kellner wirkt beinahe verzweifelt ob dieses kleinen Unfalls, es sieht aus, als wolle er fliehen.

    Christine weiß, wie man mit Leuten vom Personal umgeht, und der Mann tut ihr auch leid. Also beugt sie sich hinab, obwohl das eigentlich gegen die Regeln verstößt, und hebt die Servietten auf. Als sie wieder hochkommt, bemerkt sie, dass viele der Anwesenden sie ansehen. Überaus wohlwollende Blicke. Man goutiert, dass die große Christine Mayberger sich um einen unwichtigen Kellner kümmert.

    Letztes Jahr hat sie in einem der neu aufkommenden naturalistischen Stücke die Rolle einer einfachen Frau gespielt, einer Weberin, die sich für ihre Familie aufopfert. So ist sie vielen noch gut in Erinnerung.

    Diese Rolle spontan aufnehmend, beginnt Christine die Servietten auf dem Servierwagen wieder zusammenzufalten. Sie tut das mit den gleichen Bewegungen wie auf der Bühne. Nach jeder zweiten Serviette wischt sie sich mit ihrem rechten Unterarm über die Stirn. Es dauert nur ein paar Augenblicke, dann geht ein Raunen durch das Foyer.

    „Exorbitant … Die Mayberger weiß eben, wie eine Dame von Welt sich benimmt … Sie ist nicht so steif wie Eleonora Duse", hört sie einige Frauen sagen. Die Herren klatschen.

    Nur der Kellner macht weiterhin einen äußerst nervösen Eindruck.

    Kaum, dass Christine ihren kleinen Auftritt beendet hat, schiebt er den Wagen weiter, so schnell er kann. Kein Wort des Dankes, nicht einmal ein Blick. Aber so etwas hat Christine schon öfter erlebt. Die einfachen Menschen sind häufig überfordert, wenn sich ihnen plötzlich eine Berühmtheit zuwendet.

    Nun, ihr Auftritt hat immerhin bewirkt, dass der zukünftige Intendant auf sie aufmerksam geworden ist. Ferdinand Hackenberg kommt mit großen Schritten auf sie zu.

    „Mademoiselle Mayberger!"

    „Herr Intendant … Christine deutet einen höfischen Knicks an. „Endlich sind Sie an dem Ort, von wo aus Sie Ihre reiche Erfahrung, Ihr ganzes Wissen uns Schauspielern zufließen lassen können! Welch ein Glück.

    „Sie machen mich ganz verlegen", antwortet Hackenberg, wobei sich sein Gesicht vor Stolz und Freude rötet. Offenbar hat Christine genau die richtigen Worte gewählt.

    Wieder hat sie das Gefühl, sie würde schweben. Nicht wegen Hackenberg, den hat sie schon öfter um den Finger gewickelt. Nein, es ist viel einfacher. Christine genießt ihr Talent, sich selbst bei einem fast schon höfischen Ereignis vollkommen ungezwungen zu benehmen. Noch vor zehn Jahren hätte man das einer Schauspielerin, und sei sie noch so bekannt, nicht durchgehen lassen. Aber die Zeiten sind dabei, sich zu ändern, selbst am Burgtheater.

    „Kaiser Franz Joseph wird doch noch kommen, nicht wahr?, fragt sie Hackenberg, um ein Thema anzusprechen, zu dem er sicher etwas zu sagen hat. „Ich meine, immerhin hat ein Leitungswechsel an diesem Theater ja eine ungeheure Bedeutung.

    Sie hat Hackenberg genau da gepackt, wo man ihn packen muss. Er beginnt über sich selbst zu sprechen, und Christine muss nur vor ihm stehen und so tun, als würde sie ihm gebannt zuhören.

    Jetzt, wo ihre Gedanken frei sind, tut ihr Greta Stockmoser leid: ‚Immer hat sie so düstere Gedanken, immer erzählt sie von dunklen und bedrohlichen Dingen. Warum nur?‘

    ***

    Mit wehenden Frackstößen eilt Miloš Ćosić die Erzherzogstiege zum nördlichen Ausgang hinab. Gerade ist etwas Peinliches und äußerst Gefährliches passiert. Ein älterer Herr hat ihn mit jemandem verwechselt und einige Minuten aufgehalten. Wie viele Minuten? Ćosić weiß es nicht. Er hat gespürt, wie er zu schwitzen anfing, und immer wieder gesagt: „Sie verwechseln mich … Sie verwechseln mich …" Es war schrecklich.

    Und die Treppe nimmt kein Ende.

    Ćosić eilt, so schnell es die Beine schaffen, überlegt, ob er seine Uhr ziehen soll, um zu sehen … Aber was würde das nützen?

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