Das Verschwinden des Jim Sullivan: Ein amerikanischer Roman
Von Tanguy Viel
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Über dieses E-Book
Wie in einem gekrümmten Spiegel reflektiert dieser intelligente und sehrkomische Roman sich selbst, er dehnt und verzerrt, quetscht und überzeichnet.
Virtuos und höchst unterhaltsam bespielt Tanguy Viel seine parodistische
Klaviatur.
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Buchvorschau
Das Verschwinden des Jim Sullivan - Tanguy Viel
I
1
Als ich kürzlich darüber nachdachte, welche Bücher ich in den jüngsten Jahren gelesen habe, fiel mir auf, dass mittlerweile mehr amerikanische als französische Romane in meinem Bücherschrank stehen. Dabei habe ich lange Zeit eher französische Literatur gelesen. Lange habe ich selbst Bücher geschrieben, die in Frankreich spielten, französische Geschichten mit französischem Personal. Doch es stimmt schon, in den jüngeren Jahren war mir irgendwann aufgefallen, dass ich nicht weiterkam, dass meine Geschichten alles in allem auch anderswo spielen könnten, beispielsweise in Amerika, beispielsweise in einer Hütte am Ufer eines großen Sees oder aber in einem Motel an der Route 75, egal wo, Hauptsache, etwas würde wieder in Bewegung kommen.
Ich glaube, das ist der wesentliche Grund dafür, dass ich Frankreich verlassen habe, weil ich es irgendwann zu statisch fand, auf eine Weise versteinert und jedenfalls nicht dem Bedürfnis nach einem freieren Atem entsprechend, das ich ab einem bestimmten Moment meines Lebens empfand, und freier atmen konnte ich, als ich begann, amerikanische Romane zu lesen – internationale Romane, habe ich mir zu sagen angewöhnt, die man in sämtliche Sprachen der Welt übersetzt findet und die in vielen Buchhandlungen verkauft werden.
Ich behaupte nicht, alle internationalen Romane seien amerikanische Romane. Ich sage nur, die Hauptfigur eines amerikanischen Romans würde niemals zu Füßen der Kathedrale von Chartres wohnen. Ich sage auch nicht, dass ich etwa vorgehabt hätte, eine Figur in Chartres anzusiedeln, aber in Frankreich haben wir, das muss man schon zugeben, mit der unangenehmen Tatsache zu tun, dass es in mehr oder weniger allen Städten Kathedralen gibt und ringsum Straßen mit Kopfsteinpflaster, die die internationale Dimension der Örtlichkeiten zerstören und einen daran hindern, sich zu einer globaleren Betrachtung der Menschheit aufzuschwingen. In dieser Hinsicht haben die Amerikaner uns gegenüber einen schwindelerregenden Vorteil: Selbst wenn sie die Handlung in Kentucky ansiedeln, inmitten von Maisfeldern und Hühnerfarmen, bekommen sie einen internationalen Roman zustande.
Sogar in Montana, sogar Autoren aus Montana, die sich mit Jagd und Angeln beschäftigen und damit, Brennholz für den Winter zu machen, kriegen Romane zustande, die es in Paris genauso zu kaufen gibt wie in New York. Und das ist etwas, das ich wirklich nicht begreife. Wir haben zig Hektar Wälder und unzählige Flüsse, wir haben ein Land, das in Sachen Jagd und Angelei zweimal so groß ist wie Montana, aber bekommen wir internationale Romane zustande? Nein.
Noch am selben Tag, als ich das begriff, kaufte ich, das gebe ich zu, eine Karte von Amerika, pinnte sie in meinem Arbeitszimmer an die Wand und nahm mir vor, die gesamte Handlung meines nächsten Buches eben dort spielen zu lassen, in den Vereinigten Staaten.
Die Gegend, die in meinem Buch als Bühnenbild dienen sollte, war schnell gewählt und ebenso die Stadt, Detroit/Michigan, eine wirklich internationale Stadt, eine Stadt voller Asphalt und rostigem Metall, eine Stadt mit Wolkenkratzern und endlosen Avenues und mit all dem, was man in jedweder amerikanischen Stadt wie in New York oder eben in Detroit findet, einer Stadt, die ebenso modern ist wie New York oder Los Angeles, jedenfalls ebenso reich, aus einer romanhaften Perspektive betrachtet – sehr viel ärmer in Wirklichkeit seit ihrem industriellen Niedergang, aber als Hintergrund für einen Roman die ideale Stadt, befand ich.
Zum Beispiel kann ein Einwohner von Detroit, das habe ich im Internet gelesen, bis zu dreitausendzweihundert Fensterscheiben auf einen Blick sehen. Ich habe nie ganz begriffen, was das heißen sollte, dreitausendzweihundert Fensterscheiben auf einen Blick, aber, so dachte ich, wenn ich etwas in der Art in meinem Roman schreibe, dann wird den Leuten klar, dass meine Figuren in einer komplexen, internationalen großen Stadt wohnen, einer Stadt voller Verheißungen und verglasten Flächen. Dank solcher Details, so dachte ich weiter, würde man Dwayne Koster besser kennenlernen können, so heißt meine Hauptfigur, und ebenso würde man Susan Fraser kennenlernen, die Exfrau von Dwayne Koster, denn das ist mir in den amerikanischen Romanen aufgefallen, dass die Hauptfigur geschieden ist, in aller Regel. Zumindest trifft man meist in diesem Moment auf sie, wenn sie um die fünfzig ist und ihr Gefühlsleben ein wenig durcheinandergeraten.
Und siehe da, Dwayne Koster war genau fünfzig, als meine Geschichte begann, sein Gefühlsleben war ein wenig durcheinandergeraten, und geschieden war er auch, denn ganz generell stand es außer Frage, an den Grundprinzipien zu rütteln, die sich im amerikanischen Roman bewährt haben.
2
Detroit, schrieb ich, wurde 1805 von einer gigantischen Feuersbrunst dem Erdboden gleichgemacht, die Stadt war nichts mehr als ein Haufen Asche, sollte aber daraus wiedererstehen, aus dieser Asche, wie man es bis heute als Wahlspruch der Stadt lesen kann: »Speramus meliora« und »Resurget cineribus«.
Und wahrscheinlich wusste der zuversichtliche Pfarrer, der diese Worte an jenem Tag des Jahres 1805 aussprach, nicht, dass sie dereinst an den Giebel des Rathauses geschrieben stehen würden, und ebenso wenig, wie zutreffend sie zweihundert Jahre später sein würden, als Detroit eine der ärmsten Städte der Vereinigten Staaten wurde, eine der gefährlichsten auch, so habe ich gelesen, und eine der entvölkertesten, jedenfalls was die Innenstadt angeht, die geradezu überstürzt verlassen scheint, dem Rost anheimgegeben, zerberstendem Glas, Hunderten streunenden Hunden, die in der Kälte durch aufgegebene Fabrikgelände streifen und im Schnee verenden, bevor der Winter vorüber ist.
Man muss sagen, seit ein gewisser Cadillac im Jahre 1701 seine Fahne auf der Griswold Street aufpflanzte, seit ein gewisser Pontiac im Jahre 1763 die Stadt zurückerobern wollte, seit ein gewisser Ford sich seinerseits im Jahre 1896 dort niederließ, hat die Stadt die goldenen Zeiten erlebt, die der Pfarrer vorausgesagt hatte, dank des Automobilbooms, doch scheint sie inzwischen teilweise zu der Asche zurückgekehrt, die schon ihre Geburt umwehte, überall dort, wo das Leben geflüchtet ist und nur die Zeugnisse der Verlassenheit zurückbleiben, wie man sie auf tausend Fotos im Internet sehen kann: ein zerstörtes Klavier in einem zugestaubten Saal, ein rostiger Einkaufswagen in einem Großmarkt, eine Ausgabe der Times in einem verwüsteten Schlafzimmer, ein am Boden zerschellter Kristallleuchter, ein unter Schutt begrabenes Krankenhausbett. In der Tat ähnelt Detroit einem modernen Pompeji, nur dass die Lava nicht aus geschmolzenem Fels besteht, sondern eher aus Krediten und Schulden, die diese Stadtflucht bewirkt haben, man fragt sich, wo all diese Menschen hin sind, die ihre Hunde und vollen Mülleimer zurückgelassen haben, die Schaukeln in den Gärten, die nachts im Wind schwingen, als wären die Kinder zurückgekehrt.
Wenn es Frühling wird in Detroit, kann man mit dem Wagen über die Eight Mile Road an die Ufer des Lake St. Clair fahren, dann an den Docks des Wayne County Port entlang, und die Schüttgutfrachter beobachten, die auf ihrem Weg zu den Großen Seen unter der Ambassador Bridge hindurchfahren, lange Schiffe, die ganz sicher niemals das Meer zu Gesicht bekommen werden, aber bisweilen glauben dürften, dort zu sein, denn mitten auf dem Eriesee oder dem Michigansee kann man durchaus den Eindruck bekommen, man wäre auf dem Meer, bei starkem Wind kann der Bug unter der Gischt stampfen und rollen wie auf hoher See, die Böen peitschen das Wasser hoch wie im Atlantik. Und wären da nicht die Schleusen, gigantische Stufen zwischen den Seen, wären nicht die Kanäle, durch die gemächlich die Schubverbunde voller Weizen und Kohle fahren, man würde sich in Detroit bisweilen in einem Hochseehafen wähnen, jederzeit darauf gefasst, einen Walfänger aus Nantucket zu erblicken, denn außer Öltankern mit unfassbarem Tiefgang kann einem auf den Großen Seen alles begegnen, Yachten und Frachter, große Segler und Fischerboote, alte Takelagen und Motorboote.
In dieser Szenerie begegnete man Dwayne Koster zum ersten Mal, allerdings nicht tatsächlich an den Ufern der Großen Seen, sondern in einer Vorstadt von Detroit, am Steuer eines alten Dodge Coronet 1969, ohne sogleich zu erfahren, was er da in seinem Auto tat, er wirkte, als fahre er Streife wie Polizisten, die nicht so recht wissen, wonach sie suchen, bis man sie, dann doch recht bald, in einer der langen Straßen anhalten sieht, die sich über ein Dutzend Meilen von Osten nach Westen erstrecken, bis dorthin, wo die Stadt sich bereits lichtet und sich unter großen Bäumen duckt, die die Häuser überwölben.
Das ist die erste Szene meines Buchs, ein Mann sitzt in einem weißen Wagen da, bei abgestelltem Motor,
