Igel-Kinder: Kinder und Jugendliche mit Asperger-Sydrom verstehen
Von Reiner Bahr
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Buchvorschau
Igel-Kinder - Reiner Bahr
NAVIGATION
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Cover
Haupttitel
Inhalt
Anhang
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Reiner Bahr
Igel-Kinder
Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom verstehen
Patmos Verlag
INHALT
Einleitung
1. Das Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus
Wie Hans Asperger das Syndrom beschrieb
Merkmale des Asperger-Syndroms aus heutiger Sicht
Ursachen und Häufigkeit des Asperger-Syndroms
Die Folgen des Asperger-Syndroms für die kindliche Entwicklung
2. Das Asperger-Syndrom im Kleinkind- und Vorschulalter – frühe Diagnostik und Förderung
Was bereits im Kleinkindalter auffällig ist
Spiel, Kommunikation und Kontakt im Kindergarten fördern
Pädagogische und therapeutische Ansätze
Was Eltern tun können
3. Das Asperger-Syndrom im Schulalter
Welche Schulformen infrage kommen
CLASS – eine Checkliste für die Schule
Wie man einen individuellen Förderplan erstellt
Was in der Klasse und im Unterricht wichtig ist
Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können
4. Den ganzen Menschen sehen – eine pädagogische Perspektive
Gleich und doch verschieden
Erziehung – Begegnung mit dem anderen
Ausblick: Niemand ist vollkommen
Anhang
Anmerkungen
Literatur
»Man muss nicht behindert sein,
um anders zu sein, denn jeder ist anders.«
DANIEL TAMMET, ELF IST FREUNDLICH UND FÜNF IST LAUT.
EIN GENIALER AUTIST ERKLÄRT SEINE WELT
Einleitung
Dieses Buch handelt von Kindern und Jugendlichen, die durch eine ganz eigene Art des Kontakts auffallen. Sie haben das Asperger-Syndrom, eine Störung aus dem autistischen Spektrum. Nach nun mehr als 25-jähriger Tätigkeit in verschiedenen Einrichtungen arbeite ich als Leiter einer Förderschule für Jungen und Mädchen mit Sprach- und Kommunikationsbeeinträchtigungen. Jeden Tag begegnen mir dort Kinder und Jugendliche, die vom Asperger-Syndrom betroffen sind, und jede dieser Begegnungen ist eine neue Herausforderung für mich. Bevor ich Schulleiter wurde, habe ich als Sprachtherapeut mit Kindern im Kindergartenalter und danach viele Jahre als Förderschullehrer mit Kindern im Grundschulalter gearbeitet. Heute stelle ich fest: Im Laufe meiner Berufsjahre ist mir in allen Tätigkeitsfeldern die persönliche Begegnung mit dem Einzelnen und das Verstehen seiner persönlichen Befindlichkeit immer wichtiger geworden. Einfühlung oder, wie es in der Pädagogik und Psychologie heißt: Empathie ist eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten in pädagogischen Einrichtungen.
Menschen mit Asperger-Syndrom sind oft bereits im Kindergarten auffällig. Später besuchen sie die verschiedensten Schulformen, darunter auch Förderschulen für Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen (»Sprachheilschulen«). Dies erscheint zunächst erstaunlich, denn sie können oftmals sehr gut sprechen. Aber bei ihnen besteht eine Kommunikationsbehinderung, also eine Beeinträchtigung des Sprachgebrauchs im Zusammensein mit anderen. Obwohl es wünschenswert wäre, können manche Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom unter den Bedingungen der Regelschule nicht gut lernen, sodass sie in eine Förderschule geschickt werden. Hier lernen sie dann unter besonderen Bedingungen und können – sofern die Voraussetzungen gegeben sind – einen normalen Schulabschluss machen oder nach einer gewissen Zeit auch wieder in ihre ursprüngliche Schule zurückkehren.
Als ich Kindern und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom erstmals begegnete, wurden sie zumeist als Asperger-Autisten bezeichnet. Die ersten Kontakte ließen Zweifel in mir aufkommen, ob der Begriff »Autismus« in diesem Zusammenhang wirklich passend ist. »Autismus« kommt vom griechischen »autos«, d. h. »selbst«, und steht gemeinhin für Selbstbezogenheit und für größte Schwierigkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich begegnete aber Menschen, die sich von mir ansprechen ließen, die willig meine Fragen beantworteten, die in der Schule manchmal sogar wichtige Stützen des Unterrichts waren, weil sie mit ihren wortgewandten Beiträgen manchen Denkanstoß gaben. Das sollten »Autisten« sein? Auffällig war aber, dass viele Mitschülerinnen und Mitschüler diese Jungen und Mädchen wegen ihrer zahlreichen Redebeiträge nicht schätzten oder sogar offen ablehnten. Es fiel so mancher Kommentar, wie etwa: »David, sei doch endlich still«, oder: »Kann die nicht endlich mal den Mund halten?« Mit anderen Worten: Die Schülerinnen und Schüler mit Asperger-Syndrom nahmen sehr wohl am Unterrichtsgeschehen teil, ihre zahlreichen Wortbeiträge fanden in der Klasse aber oftmals keine Resonanz, sodass sie in gewisser Weise isoliert blieben.
Bei meinen Recherchen über das Asperger-Syndrom stieß ich schon bald auf den Originaltext von Hans Asperger, in dem er 1944 erstmals ausführlich das später nach ihm benannte Syndrom beschrieb. So wurde mir schnell klar, warum dieses Störungsbild eben doch eine Form des Autismus ist. Ich werde den Originaltext im folgenden Kapitel zunächst vorstellen und danach aufzeigen, wie das Asperger-Syndrom heute gesehen wird. Es geht mir dabei nicht um wissenschaftliche Vollständigkeit, sondern darum, allen, die mit dem Asperger-Syndrom zu tun haben, eine Orientierung zu geben, ob sie nun im Kindergarten, in der Schule, in einer Beratungsstelle oder in einer anderen Einrichtung arbeiten oder ob sie Eltern eines betroffenen Kindes sind. Wichtig für die Orientierung erscheint mir auch, Abgrenzungen zu den anderen Auffälligkeiten des autistischen Spektrums vorzunehmen.
Einen Schwerpunkt des Buches bilden die Praxis-Kapitel zum Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, in denen ich ihre typischen Verhaltensweisen aufzeigen werde. Zentraler Gedanke wird dabei sein, die Kommunikation mit ihnen und für sie möglich zu machen, denn darum geht es beim Asperger-Syndrom ganz besonders: mit Menschen in Kontakt zu treten, denen genau dies von früher Kindheit an schwerfällt. Ich werde Hilfen aufzeigen, die so früh wie möglich dazu beitragen sollen, den Kindern einen Weg in die Gemeinschaft zu ebnen. Des Weiteren möchte ich zeigen, wie sie die Schule meistern können und dass es bei aller Anstrengung gewinnbringend ist, mit ihnen zu arbeiten. Hierbei gibt es aber nichts zu beschönigen, denn Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom sind mit ihrem eigenwilligen Verhalten letztlich immer auch eine Herausforderung für jeden, der mit ihnen zu tun hat. Sie sind in gewisser Weise »stachelige Einzelgänger«, eben »Igel-Kinder«, an die man nicht so einfach herankommt. Damit dies trotzdem gelingt, bedarf es einer pädagogischen Grundhaltung, die von Akzeptanz, Wertschätzung und dem Willen zur Ermutigung getragen ist.
Wer sich auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Betroffenen einlässt, wird vermutlich nicht selten bei sich selbst feststellen, dass ihm die eine oder andere Erfahrung der Kinder und Jugendlichen mit Asperger-Syndrom bekannt vorkommt: Wie war das in meiner eigenen Kindheit und Jugend, wenn ich nicht verstanden wurde, wenn ich einfach nur meine Ruhe haben und mich einigeln wollte oder wenn es mir schlichtweg auf die Nerven ging, dass andere immer besser wissen wollten, was für mich gut sein sollte? Es geht also darum, Parallelen zu den eigenen Empfindungen und Erfahrungen herzustellen. Ich bin der Überzeugung, dass es durch den Bezug auf sich selbst einfacher wird, die Betroffenen zu verstehen. Denn wenn die persönlichen Empfindungen angesprochen werden, wird damit die Innenseite eines Menschen in den Blick gerückt, also das, was hinter dem auffälligen Verhalten liegt, das wir immer zuerst wahrnehmen.
Ich halte die Berücksichtigung dieser Innenseite für sehr wichtig. Dennoch werden wir oft auf der Ebene des äußerlich sichtbaren Verhaltens ansetzen müssen, um die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu fördern. Und das ist auch nötig, denn es fehlt ihnen an Verhaltensalternativen. Das Asperger-Syndrom ist keine bloße Variante des Verhaltens, mit der man so einfach fertigwerden kann. Eltern und Erziehende stehen in der Pflicht, den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln, damit sie ihr Leben so selbstbestimmt wie möglich gestalten können. Wir befinden uns dabei stets in einem Spannungsfeld zwischen Akzeptanz auf der einen und Unterstützungsbedarf auf der anderen Seite. Wenn wir dieses Spannungsfeld erkennen und lernen, uns sicher darin zu bewegen, ist die Begegnung mit den Betroffenen spannend und durchaus bereichernd. Schließlich liegt darin stets auch die Chance zu einer Begegnung mit sich selbst.
1. Das Asperger-Syndrom – eine Form des Autismus
Wie Hans Asperger das Syndrom beschrieb
Hans Asperger lebte von 1906 bis 1980 und war ein österreichischer Kinderarzt. Nach seinen Anfangsjahren an den Universitäts-Kinderkliniken in Wien und Innsbruck wurde er in den letzten Jahren seiner Berufstätigkeit ab 1962 Professor für Kinderheilkunde und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien. Der Aufsatz, in dem er erstmals das später nach ihm benannte Asperger-Syndrom ausführlich beschrieb, erschien 1944 in der Zeitschrift Archiv für Psychiatrie und Nervenheilkunde und umfasste 60 Seiten. Sein Titel: »Die ›autistischen Psychopathen‹ im Kindesalter«¹. Davor hatte Asperger den Begriff »autistische Psychopathen« bereits 1938 einmal in einem Aufsatz über das »psychisch abnorme Kind« erwähnt, und die russische Professorin für Kinderpsychiatrie Grunja Ssucharewa aus Moskau hatte schon im Jahr 1926 Kinder beschrieben, die heute als »Asperger-Autisten« bezeichnet würden.² Etwa zur gleichen Zeit wie Hans Asperger beschrieb der Kinderpsychiater Leo Kanner in den USA ebenfalls Kinder mit autistischen Symptomen.³
Nun war der Informationsfluss und Datenaustausch in den Zeiten vor der Erfindung des Internets erheblich schwerfälliger als heute, und so blieben die beiden Störungsbilder – der Autismus nach Asperger und der Autismus nach Kanner – lange Zeit nur der Fachwelt bekannt. Da Asperger auf Deutsch schrieb, war es für ihn überdies schwierig, international beachtet zu werden. Erst in den sechziger und siebziger Jahren stellte der Niederländer D. A. van Krevelen in mehreren auf Englisch verfassten Beiträgen die beiden Varianten des Autismus einander gegenüber.⁴ Richtig bekannt wurde das von Asperger beschriebene Störungsbild aber erst, als die Psychiaterin Lorna Wing, selbst Mutter eines autistischen Kindes, in England eine klinische Studie veröffentlichte, in der sie 34 Fälle beschrieb. Diese Studie aus dem Jahr 1981 trug den Titel »Asperger’s syndrome«. Erst von nun an, also ein Jahr nach dem Tod Hans Aspergers, wurde international vom Asperger-Syndrom gesprochen.
Als Hans Asperger seine Erstbeschreibung vorlegte, bezeichnete er das Störungsbild als »autistische Psychopathie«. Wesensmerkmal dieser Auffälligkeit sei eine »Einengung der Beziehungen«, eine »Störung der sozialen Einordnung«, wobei die Betroffenen aber nicht im Zentrum der Persönlichkeit gestört seien, so wie dies bei Menschen mit Schizophrenie der Fall ist. Menschen mit »autistischer Psychopathie« haben den Kontakt zur Wirklichkeit nicht vollends verloren.
Asperger beschrieb sein Syndrom anschaulich und beispielhaft anhand von vier Fallstudien, sämtlich an Jungen. Sie waren bei der Erstuntersuchung in der Klinik 6, 7, 8 und 11 Jahre alt. Alle wurden von der Schule zur Untersuchung geschickt, weil sie sich dort nicht einordnen konnten bzw. als »unbeschulbar« galten. Insgesamt hat Asperger im Verlauf von 10 Jahren mehr als 200 Kinder beobachtet, anhand derer er zu seiner Beschreibung kam. Er betonte, dass die einzelnen Kinder zwar gleiche Auffälligkeiten hatten, also einen »Typus« darstellten, dass diese Auffälligkeiten aber keinesfalls gleich stark ausgeprägt waren. Auch waren die Kinder sehr unterschiedlich intelligent. Asperger sah den von ihm beschriebenen Autismus als eine anlagemäßig vorhandene Störung an, als eine Störung also, die das Kind bereits mit auf die Welt bringt, mit einer starken erbbiologischen Komponente. Er nahm damit eine Abgrenzung zu erworbenen Störungen des Gehirns vor, stellte aber heraus, dass die Auffälligkeiten autistischer Kinder durchaus sehr ähnlich wie die von Kindern mit Hirnschädigungen sein können. Dies zeigte er an seinem vierten Fallbeispiel, dem des 11-jährigen Jungen.
Was ist nun das Typische am Autismus, wie Asperger ihn beschrieb? Zusammenfassend, stellte er neun zentrale Merkmale heraus, nämlich
Dauerhaftigkeit,
gestörter Kontakt,
sprachliche Besonderheiten,
schulische Lernstörungen,
motorische Ungeschicklichkeit,
Disziplinschwierigkeiten,
Stereotypien und Sammelleidenschaft,
Überempfindlichkeiten und/oder krasse Unempfindlichkeiten,
disharmonisches Gefühlsleben.
Was bedeutet das im Einzelnen?
Dauerhaftigkeit
Der Autismus wird schon im Kleinkindalter erstmals erkennbar und besteht bis ins Erwachsenenalter fort.
Gestörter Kontakt
Auffällig sind der ins Leere gehende Blick und die Unfähigkeit, gemeinsam mit einer Bezugsperson die Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten. Dennoch beobachten die Betroffenen sich selbst und andere genau. Hans Asperger erklärt das mit dem für Autisten typischen Abstand von den Dingen, der ihnen dazu verhilft, vieles besonders intensiv wahrnehmen zu können.
Sprachliche Besonderheiten
Auch die Sprache, das Sprechen und die Stimme sind auffällig, aber keinesfalls bei jedem Autisten gleich: Die Stimme ist manchmal eher leise, manchmal aber auch schrill und unangepasst laut; das Sprechen kann monoton oder übertrieben betont sein. Es geht oft am Gesprächspartner vorbei.
Der
