Seelsorge bei Krankheit und Tod: Liturgisches Handbuch für Krankensalbung, Sterbesegen und Aussegnung
Von Klaus Schäfer
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Über dieses E-Book
Auf der Grundlage von über 20 Jahren Klinikseelsorge entstand dieses Segensbuch, das bei Krankheit, Sterben und Tod neben der allgemeinen Form auch besondere Situationen berücksichtigt, u.a.:
Krankensalbung: offener Ausgang, seelisches Leiden, misslungener Suizidversuch, schwierige Schwangerschaft.
Sterbesegen: Beendigung der Therapie, bei einem Organspender.
Aussegnung: plötzlicher Tod, Suizid, tot geborenes Kind.
Daneben enthält es auch Segnung von religiösen Zeichen, Segnung für Einsatzkräfte und Nottaufen.
Klaus Schäfer
Pallottinerpater Klaus Schäfer SAC ist Klinikseelsorger an der Uni-Klinik in Regensburg, einem Transplantationszentrum für Herz, Leber und Niere.
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Buchvorschau
Seelsorge bei Krankheit und Tod - Klaus Schäfer
1 Hinführung
1.1 Die geschichtliche Entwicklung
1.1.1 Bis zur Jahrtausendwende
In der frühen Kirche gingen im Fall von schwerer Krankheit die Angehörigen – also kirchliche Laien zum Bischof und baten ihn um etwas Krankenöl, mit dem sie den Kranken gesegnet haben. Ab dem 9.Jh. setzte sich immer mehr die „Letzte Ölung durch, die Sterbenden gespendet wurde. Bis zum Konzil von Trient (1545-1563) gab es die Krankensalbung für Kranke und die „Letzte Ölung
für Sterbende.
Im Zusammenhang der Verschiebung des Sakraments hin zur Sterbestunde gab es auch eine Veränderung des „Ave Maria. Dieses im 2. Jahrtausend immer stärker sich durchsetzende Gebet erfuhr einen Zusatz, der in der Ostkirche bis heute fehlt. In der Westkirche wurde an das „Ave-Maria
die Bitte angefügt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes."
Im Rosenkranzgebet wird heute meist nach jedem Gesätz das sogenannte „Fatima-Gebet eingefügt, das eine ähnliche Intension besitzt: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden! Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle! Führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.
Das Trienter Konzil schaffte die Krankensalbung ab. Dies stärkte die Vorstellung, dass es weniger darauf ankommt, wie man lebt, dass es wichtiger ist, wie man stirbt, d.h. ob man in der Sterbestunde die „Letzten Ölung" bekommt. Manchmal wurde sie auch frisch Verstorbenen gespendet.
Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) war für Sterbende der „Versehgang - bestehend aus Beichte, Letzter Ölung und Wegzehrung – sehr wichtig. Gestorben wurde vor allem zu Hause, in der eigenen Wohnung, „versehen mit den Sakramenten der Kirche
. Dies wurde auch in den Kirchenbüchern vermerkt.
Mitte des 20. Jh. hielt die künstliche Beatmung Einzug in die Intensivstationen der Kliniken. Vielen Menschen konnte damit das Leben gerettet werden. Andere starben intubiert, im künstlichen Koma. Beichte und Wegzehrung war damit nicht mehr möglich, auch nicht die bewusste Teilnahme an der Letzten Ölung.
Wohl auch auf diesem Hintergrund sah das Vatikanum II. für das Sakrament der Letzten Ölung den „rechten Augenblick für ihren Empfang sicher schon gegeben, wenn der Gläubige beginnt, wegen Krankheit oder Altersschwäche in Lebensgefahr zu geraten." (SC 73)
Weiter heißt es: „Die Zahl der Salbungen soll den Umständen angepaßt werden; die Gebete, die zum Ritus der Krankensalbung gehören, sollen so revidiert werden, dass sie den verschiedenen Verhältnissen dem das Sakrament empfangenden Kranken gerecht werden" (SC 75). Das Sakrament kann mehrmals empfangen werden: Bei einer erneuten schweren Erkrankung, bei Fortdauern der schweren Erkrankung und bei Verschlechterung der Erkrankung, so das Rituale für die Krankensalbung.
Das Vatikanum II. bestimmte schließlich, dass „die Gebete, die zum Ritus der Krankensalbung gehören, ... so revidiert werden, dass sie den verschiedenen Verhältnissen dem das Sakrament empfangenden Kranken gerecht werden" (SC 76)
Die biblische Grundlage für diese Richtungsänderung sind die beiden Verse von Jak 5,14f. Dort wird nicht von Sterbenden gesprochen, sondern von Kranken:
Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.
Damit rückte das Sakrament der „Letzten Ölung zeitlich von der Sterbestunde vor und wurde zur „Krankensalbung
für schwer kranke und altersschwache Menschen. Im Jahre 1972 wurde hierzu das entsprechende Rituale herausgegeben, zunächst in lateinischer Sprache, 1974 in deutscher Sprache.
Damit wurde auch das Weihegebet, das der Bischof in der Chrisammesse in der Karwoche über das Krankenöl betet, überarbeitet. Darin kommt der oben beschriebene Wandel – weg von der „Letzten Ölung und hin zur „Krankensalbung
- deutlich zum Ausdruck:
Herr und Gott, du Vater allen Trostes.
Du hast deinen Sohn gesandt,
den Kranken in ihren Leiden Heilung zu bringen.
So bitten wir dich: Erhöre unser gläubiges Gebet.
Sende deinen Heiligen Geist vom Himmel her
auf dieses Salböl herab.
Als Gabe deiner Schöpfung, stärkt und belebt es den Leib.
Durch deinen Segen + werde das geweihte Öl
für alle, die wir damit salben,
ein heiliges Zeichen deines Erbarmens,
das Krankheit, Schmerz und Bedrängnis vertreibt,
heilsam für den Leib, für Seele und Geist.
Im Namen unseres Herrn Jesus Christus,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. - Amen.
dass „Krankheit, Schmerz und Bedrängnis vertrieben werden sollen, hört sich nicht nach Sterbestunde an. Noch deutlicher wird es bei den Worten, dass das Krankenöl „heilsam für den Leib, für Seele und Geist
sein möge.
Sollte der Priester im Notfall kein Krankenöl besitzen, kann er für diese eine Krankensalbung selbst das Öl segnen. Hierzu enthält das Rituale drei Segensgebete. Eines ist an das Weihegebet des Bischofs angelehnt, eines besteht nur aus einem Satz, das Dritte lautet:
Herr, sei uns gnädig nahe
und heilige durch deinen Segen dieses Öl,
das bereitet wird,
um die angstvolle Sorge deiner Gläubigen zu mindern.
Höre auf das Gebet des Glaubens und befreie alle,
die mit dem geweihten Öl gesalbt werden,
von jeder Krankheit, die sie niederdrückt.
Durch Christus, unseren Herrn.
Hierbei wird um Befreiung „von jeder Krankheit gebetet, nicht um eine gute Sterbestunde. Wenn somit das Krankenöl für die „Letzte Ölung
verwendet wird, gleicht es einem Handwerker, der die Holzschraube nicht mit dem Schraubendreher in das Holz dreht, sondern mit einem Hammer in das Holz schlägt. Theologisch muss man hierzu sagen, dass damit das Krankenöl falsch benutzt wird. Aus diesem Grunde ist auf eine klare Trennung der Krankensalbung für Kranke und dem Sterbesegen für Sterbende zu achten.
Beim Segensgebet der Krankensalbung macht der Priester dem Kranken mit dem Krankenöl ein Kreuzzeichen auf die Stirn und die beiden Handinnenflächen. Dabei betet er:
Durch diese heilige Salbung
helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen,
er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes.
Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich,
in seiner Gnade richte er dich auf. - Amen.
Dieses Aufrichten findet sich auch bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus: Jesus „fasste sie an der Hand und richtete sie auf." (Mk 1,31) Dieses Aufrichten ist somit eine Umschreibung von Genesung.
Das 2. Vatikanum forderte noch: „Neben den Riten für getrennte Spendung von Krankensalbung und Wegzehrung soll ein zusammenhängender Ordo geschaffen werden, gemäß dem die Salbung dem Kranken nach der Beichte und vor dem Empfang der Wegzehrung erteilt wird." (SC 74)
Dies ist ein Festhalten an der „Letzten Ölung". Dazu ist diese Einheit von Beichte, Krankensalbung und Wegzehrung in der Klinik in der Sterbestunde in sehr seltenen Fällen (kleiner 10%) noch möglich. Hinzu kommt, dass Angehörige selbst auf Palliativstationen im begonnenen Sterbeprozess mitunter verbieten, dass das Sterben thematisiert wird. Es wird der Tod bis zu dessen Eintritt ausgeblendet. Andererseits ist es aber den Angehörigen wichtig, dass noch
