Das kleine Café am Friedhof: Kaffee, Kuchen, kalte Füße ...
Von Gina Greifenstein, Anne Grießer und Barbara Saladin
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Über dieses E-Book
Nicht jede Leiche liegt in einem Sarg …
Agnes, Waltraud und Erika teilen eine höchst ungewöhnliche Leidenschaft: Beerdigungen. Im kleinen Café am Friedhof trifft sich das betagte Trio regelmäßig nach den Begräbnissen zu Kaffee und Kuchen. Nur ein harmloses, kleines Ritual? Nicht so ganz. Die drei hüten mehr als nur ein dunkles Geheimnis.
Als eines Tages ein mysteriöser Fremder auf dem Friedhof auftaucht, der ihnen unentwegt diabolisch zuzwinkert und offenbar eine geheime Botschaft für sie hat, gerät das Trio in Unruhe. Wer ist der unheimliche Kerl? Weiß er womöglich etwas über die dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit?
Höchst alarmiert machen sie sich auf eine skurrile Spurensuche quer durch ihre Erinnerungen, unterstützt von einem krummbeinigen Hund mit Blähbauch und einer patenten Serviererin mit Nerven aus Stahl.
Eine tiefschwarze Krimikomödie. Makaber, absurd, berührend – aber bitte mit Sahne!
Gina Greifenstein
Gina Greifenstein treibt sich seit 1998 auf dem Buchmarkt herum. Angefangen hat alles mit Pixi-Büchern. Aus ihrer Feder sind seitdem einige sehr erfolgreiche Kochbücher (GU und Leinpfad), Regional-Krimis mit dem Ermittler-Duo Paula Stern und Bernd Keeser (Emons), mehrere Frauenromane (Piper) und unzählige Kurzkrimis in Anthologien geflossen.
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Buchvorschau
Das kleine Café am Friedhof - Gina Greifenstein
Er war wieder da!
1Jetzt, am Friedhof
Agnes Fleischhauer zitterte. Ein leiser Wind spielte mit dem Spitzenschleier, der an ihrem schwarzen Hütchen befestigt war. In der Ferne lachten ein paar Kinder.
Sein Blick durchbohrte Agnes wie ein scharfes Messer. Sie spürte es, obwohl er hinter ihr stand. Eine Welle der Furcht durchlief ihren nicht gerade zierlichen Körper.
Wie zum Hohn strahlte die Sonne mit den frischen Blumen neben dem Grab um die Wette, am Himmel grasten ein paar versprengte Schäfchen. Die Luft duftete nach Heu und Spaghetti Bolognese. Der Pfarrer sprenkelte ein paar Tropfen Weihwasser auf den Sarg.
»Zum Tode meines Ehemannes Dieter fällt mir nur ein Wort ein«, sagte eben die Gattin des Dahingeschiedenen.
Eine ehrfurchtsvolle Stille trat ein.
»Danke«, hauchte die Witwe.
Agnes blickte interessiert auf. Für ein paar Augenblicke vergaß sie den schwarz gekleideten Fremden hinter sich, dessen Blick sie nach wie vor auf sich spürte. Es kam selten vor, dass eine Frau ihre wahren Gefühle bei einer Beerdigung offen preisgab.
»Danke«, fuhr die Witwe fort. »Danke für all die Jahre der Kameradschaft, Treue und warmherzigen Liebe.«
Ach so. Agnes seufzte enttäuscht. Sie hätte es durchaus begrüßt, wenn die Grabrede ein wenig von der Routine abgewichen wäre.
Dann hörte sie ein kehliges Geräusch, kein Husten, oh nein, ein unterdrücktes, heiseres Lachen, das aber nichts Heiteres an sich hatte. Zumindest nicht in Agnes' Ohren.
Es kam von ihm. Sie musste sich nicht umdrehen, um das mit absoluter Sicherheit zu wissen.
Es war bereits die fünfte Beerdigung, bei der er auftauchte. Fünf Beerdigungen von fünf Menschen, die nicht das Geringste miteinander zu tun hatten! Ein junger Motorradfahrer – die Todesanzeige hatte Agnes und ihre Freundinnen angelockt: Denis, du gabst zu viel Gas – ein Sturz, ein Knall, bums aus, das war's. Eine neunundneunzigjährige Bewohnerin einer Seniorenanlage. Ein Lungenkrebs (männlich, neunundvierzig Jahre alt), ein Schlaganfall (weiblich, zweiundsechzig Jahre alt) und jetzt Dieter, vierundfünfzig, der Dachdecker mit dem tödlichen Arbeitsunfall.
Na schön, Agnes war mit ihren beiden Freundinnen ebenfalls auf jeder dieser Beerdigungen gewesen. Aber das konnte man doch nicht vergleichen! Frauen waren eben hoffnungslos romantisch. Und – ja, warum nicht? Auch ein wenig sensationslüstern. Beerdigungen gaben einfach einen guten Gesprächsstoff ab. Irgendwie musste man sich als rüstige Metzgerwitwe schließlich die Zeit vertreiben. Und dann gab es ja auch noch den Kuchen danach. Das Zusammensitzen mit Ricky und Waltraud im kleinen Café am Friedhof.
Aber Männer? Männer taten so etwas nicht. Pensionierte Männer spielten Boule, gingen zum Fußball, fuhren E-Bike oder entwickelten sich zum Couch-Potato. Manche fingen an zu kochen, andere fingen an zu trinken. Aber sie gingen nicht zu Beerdigungen. Never!
Es lag also auf der Hand: Der Hagere war hinter ihr her!
Verflucht, er musste etwas herausgefunden haben! Aber wie war er hinter ihr Geheimnis gekommen? Das Geheimnis, von dem nicht mal Waltraud und Ricky etwas ahnten? Und was, um alles in der Welt, wollte er von ihr?
Sie drehte sich ein wenig zu ihm um – und wieder durchdrang sein stechender Blick ihren wohlgenährten Leib wie ein unheilbringender Gammastrahl.
»Er hätte alles für mich getan. Er hat mich auf Händen getragen.« Die Witwe am Grab verschluckte sich. Vielleicht war ihr aufgefallen, dass ihre hundertfünfzehn Kilogramm Lebendgewicht selbst für die Hände eines gestandenen Dachdeckers ein bisschen viel waren.
»Er hat mich vor allem Unheil dieser Welt beschützt.«
Der Satz löste in Agnes eine seltsame Beklemmung aus. Sie fröstelte. Und plötzlich wusste sie, dass sie nicht bis zum Ende der Trauerzeremonie durchhalten würde.
Sie musste weg hier. Sofort.
† † †
Waltraud Ehrmann kramte verstohlen in ihrer dezenten anthrazitfarbenen Handtasche. Sie fühlte sich ein wenig schwach auf den Beinen. Irgendetwas stimmte heute nicht mit ihr.
Wie immer stand sie links von Agnes und ein paar Schritte hinter der Freundin. Das war so abgesprochen, damit ihre Anwesenheit den Trauergästen nicht sofort ins Auge fiel. Vereinzelte Fremde waren leichter zu übersehen als ein Dreiergespann älterer Damen, die niemand kannte.
Sie nestelte hektischer in ihrer Tasche herum. Verdammt, wo war denn nur …?
Ein Herr mit Brille und gezwirbeltem Bart drehte sich missmutig um. Sofort stellte Waltraud ihre Aktivitäten ein. Nur nicht auffallen! Das war schon immer ihr Lebensmotto gewesen, und auf dem Friedhof zählte es doppelt. Doch der Mann hatte nicht sie im Visier, sondern starrte durch sie hindurch, als sei sie gar nicht da. Waltraud drehte sich um, folgte seinem Blick – und erstarrte.
Er war wieder da!
Seine schlanke Gestalt, sein blasses, aber markantes Gesicht, sein maßgeschneiderter Anzug – all das mochte das Auge eines neutralen Beobachters erfreuen, aber in Waltraud rief der Anblick des Fremden eine irrationale Furcht hervor. Eine leise, undefinierbare Bedrohung ging von ihm aus. Eine dunkle Aura, wie Ricky es wohl ausdrücken würde.
Er stand reglos da, verzog keine Miene. Doch sein Blick fixierte sie.
Das Schwächegefühl in ihren Beinen nahm zu. Wenn sie jetzt nicht schnell …
Ganz unten in der Handtasche wurde sie endlich fündig. Ihre Medizin. Ihr Trost. Ihr Elixier. Das Fläschchen trug die Aufschrift Schwedenkräuter, aber in Wahrheit enthielt es hochprozentigen Sliwowitz. Waltraud hatte polnische Wurzeln, die Vorliebe für Pflaumenschnaps war allerdings ihr einziges Zugeständnis an die Vorfahren mütterlicherseits. Ihre Freundinnen mochten ahnen, was sich tatsächlich in dem Fläschchen befand, doch sie schwiegen dezent, wofür Waltraud ihnen sehr dankbar war. Den Schein des Anstands zu wahren, gehörte zu ihren erklärten Grundsätzen. Auch nach der Pensionierung hatte man als Lehrerin schließlich eine gewisse Vorbildfunktion.
Der Sliwowitz festigte ihren Stand. Wohlig warm rann er durch ihre Kehle. Das Vibrieren der Nerven ließ ein wenig nach.
Es mochte alles nur ein dummer Zufall sein! Ein eigenartiger Zufall zwar, aber denkbar. Vielleicht war der Fremde ebenso begeistert von Beerdigungsritualen wie sie selbst? Oder er hatte beruflich damit zu tun? War Bestattungsunternehmer, Totengräber (der Maßanzug sprach allerdings dagegen) oder angehender Trauerredner auf Fortbildung?
Vielleicht – Waltraud nahm noch einen tiefen Schluck aus dem Fläschchen – vielleicht war er gar nicht hinter ihr her?
Es war sicher nur ihren Gewissensbissen zuzuschreiben, dass der Mann eine solch beängstigende Wirkung auf sie hatte. Denn wie um alles in der Welt hätte der Kerl Kenntnis von ihrem kleinen Geheimnis erlangen können? Nicht einmal Ricky und Agnes ahnten etwas davon.
Nein. Völlig undenkbar.
Ein letzter Schluck ätzte sich tröstend ihren Schlund hinunter, bevor sie das Fläschchen wieder in den Tiefen ihrer Handtasche versenkte. Gestärkt und beinahe ruhig wandte Waltraud ihre Aufmerksamkeit dem Geschehen am Grab zu.
»Die Seele des Menschen ist ein tiefer, geheimnisvoller See.«
Die Stimme des Pfarrers klang ergriffen. Er roch nach Spaghetti Bolognese. »Ein See voller lebendiger Fische und grüner Algen, aber auch voller Schlamm und Totholz …«
Die Worte trafen Waltraud bis ins Mark. Ihr war, als seien sie nur für sie bestimmt, für sie ganz allein. Sie spürte, wie der Blick des Fremden ihren Rücken entlangglitt.
Ein unerklärliches Grauen ergriff sie. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie nicht bis zum Ende der Trauerzeremonie durchhalten würde.
Sie musste weg hier. Sofort.
† † †
Erika Gygax, von allen nur Ricky genannt, ließ ihren Blick nach rechts wandern. Der Wind tanzte mit ihrem langen, weißen Haar und der weiten Baumwollhose, die ihre Beine umflatterte wie eine Fahne den Mast. Sie stand weit hinter ihren beiden Freundinnen, und das hatte einen guten Grund. Dieser Grund hieß Brutus.
»Brutus buddelt nicht, er sabbert nur«, pflegte sie vor jeder Beerdigung trotzig zu behaupten. Aber es half alles nichts. Hunde hatten auf dem Friedhof nun mal keinen Zutritt. Der Mischling aus einem gänzlich undefinierbaren Rassenpotpourri musste draußen bleiben. Schweren Herzens band Ricky ihn stets in Sichtweite ihres Standortes fest und behielt ihn während der Beerdigung im Auge. Jetzt glaubte sie, ihn beleidigt grunzen zu hören.
Ein groß gewachsener älterer Herr in gediegenem Anzug stand einige Schritte vor ihr und versperrte ihr die Sicht auf die Witwe. Seine aufrechte, fast schon steife Haltung kam ihr vage vertraut vor. Wo war sie ihm schon einmal begegnet? Da sie sein Gesicht nicht sehen konnte, musste das Rätsel vorerst ungelöst bleiben. Aber irgendetwas beunruhigte sie.
Ommm, sagte sie sich im Geiste. Deine Füße sind ganz, ganz schwer. Es war eine individuelle Technik, ein Gemisch aus fernöstlichen und abendländischen Entspannungsmethoden, die ihr halfen, die Balance zu halten und sich zu erden. Ihre Füße fest im Mutterboden zu verwurzeln.
Steinbock, mutmaßte sie, nachdem sie eine kleine Atemübung beendet hatte. Der Kerl war vermutlich Steinbock. Egoistisch und kleinlich. Unflexibel, unnahbar. Ein Einzelgänger mit starkem Kontrollzwang. Solche Typen waren ihr von jeher unsympathisch gewesen, und das erklärte hinreichend die leise Beklemmung, die von ihm ausging.
»Kannten Sie ihn gut?«
Ricky erschrak. Es war das erste Mal, dass jemand sie während einer Beisetzung ansprach. Eine kleine, drahtige Frau mit hennagefärbten, orangeroten Haaren.
»Wen?«, stammelte Ricky verwirrt.
»Na, Dieter.«
Ach so. Der Dachdecker, der gerade zur ewigen Ruhe gebettet wurde.
»Nun ja. Also …«
»Schon gut. Ich verstehe. Sie waren vermutlich auch eine seiner sogenannten Kundinnen. Tja, ein ganz schlimmer Finger, unser Dieter! Mir hat er das Herz gebrochen. Ihnen auch?«
»Nicht … direkt.« Ricky musste ein Grinsen unterdrücken. Später im Café würde sie Agnes und Waltraud etwas zu erzählen haben!
»Claudia.« Die Rothaarige streckte ihr die Hand entgegen.
»Ricky.«
Claudias Hand war trotz des warmen Frühsommertages eiskalt. Dieters Abgang musste ihr mächtig zusetzen.
»Jetzt haben wir ja unsere Ruhe vor ihm.« Claudia lächelte. »Zeit für Neues.« Sie deutete mit dem Kopf auf den Steinbock. »Ich habe gleich im Anschluss ein Rendezvous mit James. Er fährt eine herrliche Stretchlimousine.«
Ah. James also. Der Name war vermutlich genauso echt wie Rickys.
Er sah sich um und zwinkerte ihr zu. Ricky fuhr ein unfassbarer Schreck durch Mark und Bein. Sie hatte ihn tatsächlich schon gesehen! Mehrmals. Bei anderen Beerdigungen. Aber immer nur von hinten. Als sie jetzt seine Augen sah, seine stahlblauen Augen, drohte ihr eine Ohnmacht.
Das war völlig unmöglich!
Sie sah noch einmal zu ihm hin, aber der Eindruck blieb.
Der Kerl hatte keine Aura. Gar keine. Nicht mal eine dunkle. Manche Leute schafften es, die Farbe ihrer Aura vor ihr zu verwässern, aber Ricky konnte immer den Grundton erkennen. Nie zuvor hatte sie einen Menschen getroffen, der sein Wesen gänzlich vor ihr versteckte. Warum, bei Sarasvati und allen indischen Göttern, hatte er ihr zugezwinkert – und nicht Claudia, die ihm jetzt fröhlich winkte, das naive Ding?
Was wollte der Kerl von ihr? Hatte er …?
Nein. Das war unmöglich. Oder doch …?
Ricky spürte, wie ihre Chakren durcheinanderwirbelten. Ihre Füße verloren die Bodenhaftung, ihre feinstoffliche Seele floh aus dem Körper.
Es war unmöglich, bis zum Ende der Trauerzeremonie durchzuhalten.
Sie musste weg hier. Sofort.
† † †
Wie auf ein unsichtbares Kommando setzten sich drei ältere Damen unabhängig voneinander mitten während der Beisetzung von Dieter Kaufmann, seines Zeichens Dachdecker, Frauentröster oder schlimmer Finger (je nach Beziehungsstatus), in Bewegung und verließen lautlos, aber eiligen Schrittes den Friedhof. Dank langer Übung gelang es ihnen, der Aufmerksamkeit der Trauergäste zu entgehen. Nur zwei Personen nahmen von dem überstürzten Abgang der drei Freundinnen Notiz.
Claudia erhob langsam und etwas bedauernd die linke Hand, als Ricky den beleidigten Brutus losband, der sie mit einem jesusmäßigen Furz empfing. »Man sieht sich!«, murmelte sie leise.
Der hagere Fremde im schwarzen Maßanzug drehte sich nicht nach den Damen um. Auf seinen Lippen zeichnete sich ein Lächeln ab. Ein Lächeln, das seinen Mund umspielte und die stahlblauen Augen funkeln ließ. Ein siegessicheres, selbstbewusstes Lächeln. Manche Beobachter hätten vielleicht gesagt: ein diabolisches Lächeln.
Boris
2Jetzt, im Café
Waltrauds Herz wummerte wie eine übergewichtige Hummel, als sie das Café Zum abgegebenen Löffel erreichte. Ihr Café. Ihren Zufluchtsort, ihre gute Stube. Ihr zweites Zuhause. Der Ort, an dem sie sich sicher fühlte.
»Puh!« Agnes ließ sich auf ihren Stammplatz in der Ecke plumpsen. Sie schnaufte wie eine Dampfwalze. Ein paar Sahnetorten weniger könnten ihr auch nicht schaden, fand Waltraud. Aber in Sachen Disziplin und Selbstbeherrschung war Agnes noch nie ein Vorbild gewesen.
»Uff.« Auch Ricky wirkte atemlos. Ihr Haar war vom Wind zerzaust, und ein welkes Blatt hatte sich darin verfangen. Unwillkürlich runzelte Waltraud die Stirn. Sie schätzte es nicht, wenn ältere Damen ihr Äußeres vernachlässigten. Gerade jenseits der Sechzig war Pflege das Alpha und Omega, die Garantie für ein standesgemäßes Aussehen. Auf die Natur konnte man sich da schließlich nicht mehr verlassen. Ricky übertrieb es bisweilen mit ihrem Freiheits- und Jugendwahn. Man konnte doch auch im Geiste weltoffen sein, ohne dabei wie eine Hippiegöre aus den Siebzigerjahren herumzulaufen! Unten an Rickys Hose hatte sich eine Naht in Wohlgefallen aufgelöst, schlampig sah das aus!
Waltraud seufzte. In ihren seltenen ehrlichen Momenten gestand sie sich ein, dass sie Ricky durchaus ein wenig beneidete. Es musste wundervoll sein, so ganz ohne mahnende innere Stimme durchs Leben zu gleiten!
Schnell schob sie den Gedanken beiseite, als sich Brutus auf ihren Füßen niederließ. Sein Duftpotpourri aus verdorbenem Fisch, Darminhalt und irgendetwas Undefinierbarem beleidigte wie immer ihre Nase, aber in Sachen Hund war mit Ricky nicht zu diskutieren. Waltraud konnte Brutus nicht ausstehen, aber zu ihrem großen Bedauern beruhte ihre Abneigung nicht auf Gegenseitigkeit. Der Köter hatte – aus welchen Gründen auch immer – einen Narren an ihr gefressen. Die Leute behaupteten ja gern, Hunde seien klug. Brutus war es jedenfalls nicht, davon war Waltraud überzeugt. Sie versetzte ihm einen verstohlenen Fußtritt unterm Tisch, aber das blöde Vieh rückte nur noch näher an sie heran. Vielleicht hielt er das für ein lustiges Spiel. Sie zuckte zusammen, als seine feuchte Zunge über ihren Handrücken fuhr.
»Er war ein ganz schlimmer Finger«, unterbrach Ricky ihre Gedanken.
Waltrauds Herz, das sich gerade ein wenig beruhigen wollte, nahm wieder Fahrt auf.
»Wer?«, stotterte sie und glaubte für einen Moment, den Blick des hageren Fremden in ihrem Rücken zu spüren.
»Na, wer wohl?« Ricky klang gereizt. »Dieter natürlich. Der Dachdecker.« Sie setzte zu einer ausufernden Klatschgeschichte über das Liebesleben des Verblichenen an, aber Waltraud hörte ihr nicht mehr zu. Ihr Hals war staubtrocken, die Kehle kratzte. Sie brauchte dringend ihre Medizin.
»Entschuldigt mich.« Abrupt stand sie auf und hastete zur Toilette. Vor den Augen von Agnes und Ricky wollte sie jetzt nicht an ihrem Schwedenkräuterfläschchen nippen.
»Das Übliche bitte!«, rief sie im Vorbeigehen Sarah, der Bedienung, zu. »Den Kuchen suchen wir später aus.«
Sarah nickte kaum merklich und sah nicht zu ihr herüber. Seit einiger Zeit benahm sich die Serviererin komisch. Früher war sie freundlich gewesen, hilfsbereit und beflissen. Jetzt wirkte sie oft abwesend, vergaß die Bestellungen und brachte kaum noch ein Wort über die Lippen. Ihre Augen waren verquollen. Vielleicht hatte sie Liebeskummer? Das konnte einem Menschen gehörig zusetzen und den Charakter verderben.
Ein eisiger Schauer lief Waltraud über den Rücken. Oh ja, sie wusste, wovon sie sprach! Schnell stieg sie die Treppe hinunter zur Toilette und fischte den Sliwowitz aus der Handtasche. Das Fläschchen reichte normalerweise den ganzen Tag, aber jetzt war es schon zu zwei Dritteln leer. Waltraud ließ einen Notfallschluck für alle Fälle übrig und kippte den Rest in einem Zug hinunter. Das warme Gefühl, das sich augenblicklich einstellte, ließ ihre Nerven langsamer vibrieren. Die bösen Gedanken, die der Fremde und die Worte des Pfarrers in ihr ausgelöst hatten, ließen sich endlich wegschieben, in jene verborgenen Kammern ihres Hirns, wo sie hingehörten. Sie schaffte es sogar, ihrem Spiegelbild zuzulächeln. Ihre Nase und die Wangen waren vom Alkohol gerötet, aber das würde Agnes und Ricky sicher nicht auffallen.
Als Waltraud zurückkehrte, war der Tisch vor ihren Freundinnen noch immer gähnend leer. Die Tür zum Café stand offen, Zigarettenqualm drang herein. Sarah stand draußen und rauchte. Sie machte keinerlei Anstalten, ihre Stammkundinnen zu bedienen.
»Wo bleibt unser Kaffee?«, rief Waltraud ungeduldig. Das ging nun doch zu weit! Bei aller Rücksichtnahme – sie waren immerhin die einzigen Gäste, das Café hatte ja gerade erst geöffnet.
Sie wandte sich an Agnes. »Hätte es so etwas bei euch in der Metzgerei gegeben? Hättest du deine Kundschaft einfach ignoriert, nur um eine Zigarette zu rauchen?«
Agnes gab keine Antwort. Sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein.
»Natürlich nicht!«, beantwortete Waltraud ihre Frage selbst.
»Natürlich nicht«, sagte auch Ricky. »Agnes hat ja nie geraucht.«
Wie zum Trotz steckte sich die Serviererin vor der Tür eine zweite Zigarette an, kaum dass sie die erste Kippe entsorgt hatte.
Rickys Augen blitzten. »Ommm«, sagte sie. »Nur nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Ich regle das!« Geschmeidig wie eine Katze stand sie auf und warf ihre langen Haare nach hinten. Das welke Blatt löste sich und segelte langsam zu Boden. Es landete auf Brutus' Schnauze und verursachte einen gewaltigen Nieser. Ricky ging zielstrebig zum Kaffeeautomaten, dann stutzte sie. Mehrere Knöpfe blinkten, es ratterte und zischte leise. Sie zuckte ergeben die Schultern und kam zurück zu den Freundinnen. »Reinigungsprogramm«, sagte sie. »Wir müssen warten, bis der Automat bereit ist. Aber ich könnte uns schon mal den Kuchen holen. Das Übliche?«
»Du kannst dich doch nicht einfach selbst bedienen!«, stammelte Waltraud.
»Warum denn nicht?«, erwiderte Ricky. »Bleib locker, Waldi.«
»Sarah würde vielleicht Ärger bekommen«, warf Waltraud ein. »Ich glaube, sie hat Liebeskummer.«
»Seit wann bist du denn so verständnisvoll, Waldi? Liebeskummer ist doch kein Grund, seine Stammgäste so schlecht zu behandeln!«
»Nenn mich nicht Waldi!«, rief diese erbost. Sie hasste den Spitznamen. Und das nicht nur, weil er nach Hund klang. Nein, der Name weckte Erinnerungen.
All die Gedanken, die sie so mühsam mit dem Sliwowitz vertrieben hatte, waren wieder da. Sie schloss die Augen und versuchte, ein Bild von Armin zu fixieren. Es gelang ihr nicht. Er verschwamm in ihrer Erinnerung wie eine Qualle im Meer. Stattdessen tauchte ein anderes Bild auf, drängte sich in den Vordergrund. Ein angsteinflößendes Bild. Ein Bild von Boris.
Viele Jahre vor jetzt
Er war anders als die anderen. Stiller. In sich gekehrt. Rätselhaft.
Manchmal fand die junge Grundschullehrerin Waltraud Ehrmann den neuen Schüler sogar ein wenig unheimlich. Sie konnte nicht sagen, worauf ihre Einschätzung beruhte. Er war ein hübsches Kind: blond, schlank, mit vollen Lippen und ungewöhnlich langen Wimpern. Nur die Augen, grau und ein wenig stechend, störten den angenehmen Gesamteindruck.
Sie hatte ihn neben Petra in die erste Reihe gesetzt. Neue Schüler behielt sie gern im Auge.
»Nun, Boris«, wiederholte sie streng. »Bekomme ich heute noch eine Antwort? Kennst du ein Tier, das sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen kann?«
Waltraud war trotz ihrer jungen Jahre nicht gerade für ihre Milde bekannt. Die Grundschüler nannten sie die Fiese-Liese-Ehrmann. Waltraud zuckte nur die Schultern, als ihr der Name von einer Kollegin verschämt zugetragen wurde. Disziplin ließ sich nur durch unerbittliche Autorität erlernen, davon war sie überzeugt.
In Boris' graue Augen trat jener gefährliche Blitz, der Waltraud stets verunsicherte. Er zuckte die Schultern und blickte gelangweilt drein. »Na klar«, sagte er. »Ist doch einfach. Ein totes Tier.«
Waltraud schnappte nach Luft. Zwei oder drei seiner Mitschüler kicherten verlegen. Die meisten schauten verunsichert zur Lehrerin.
»Petra?«, fragte sie schnell. »Weißt du es besser?«
Die Kleine war ihre Musterschülerin. Artig, wohlerzogen und strebsam. Sie konnte nur einen guten Einfluss auf Boris ausüben.
Petra öffnete den Mund, aber statt eines beherzten »Korallen« kam nur ein gurgelnder Laut aus ihrer Kehle. Ihr Gesicht verzog sich, sie verbarg es hinter ihren Händen und begann laut zu plärren.
Waltraud hasste plärrende Kinder.
»Was gibt es denn da zu heulen?«, fragte sie missmutig. »Hör sofort auf, oder du bekommst eine Stunde Nachsitzen.«
Petra plärrte noch lauter.
»Ach herrje! Was ist denn los?«
Petra verschluckte sich, bevor sie antworten konnte.
»Steh auf!«, befahl Waltraud. Sie musste das Getue schnellstmöglich unterbinden, bevor es die anderen ansteckte.
Petra erhob sich und blickte stur auf den Boden.
»Warum heulst du?«, wiederholte Waltraud.
»Boris hat …« Die Kleine stockte, und Waltraud klopfte ungeduldig mit dem Zeigestock auf ihr Pult.
»Er hat mir einen glitschigen Wurm unter den Rock gesteckt.« Das Plärren wurde wieder lauter, ging aber im Gelächter der Klasse unter.
Waltraud setzte Boris in die hinterste Reihe, neben Michael, den Klassenrowdy.
† † †
Das, was sie später als den Vorfall bezeichnete, ereignete sich am alljährlichen Wandertag. Achtundzwanzig Kinder und nur eine einzige Lehrerin. Alle Kolleginnen hatten sich geweigert, die 3c zu begleiten. Nicht zuletzt wegen Michael und Boris, das Duo Infernale, wie die beiden mittlerweile genannt wurden. Michael, der gern draufhaute – und Boris, der Ruhige, der die Ideen zu den Streichen ausheckte.
Auch Waltraud hätte sich gerne gedrückt, aber es war nun einmal nicht ihre Art, vor einer Herausforderung zu kneifen. Und natürlich war sie stolz darauf, dass die Rektorin ihr diese Aufgabe überhaupt zutraute. »Wenn jemand mit den beiden Rabauken fertigwerden kann, dann sind Sie es, Fräulein Ehrmann«, hatte
