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Die Tochter des Todes: Der dritte Teil der spannenden "Chronik einer Kriegerkönigin"
Die Tochter des Todes: Der dritte Teil der spannenden "Chronik einer Kriegerkönigin"
Die Tochter des Todes: Der dritte Teil der spannenden "Chronik einer Kriegerkönigin"
eBook793 Seiten9 Stunden

Die Tochter des Todes: Der dritte Teil der spannenden "Chronik einer Kriegerkönigin"

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Über dieses E-Book

Ohne Zuflucht, ohne Perspektive stehen Jade und der Rest der Gruppe vor dem Nichts. Ihr Vorhaben, den Obersten Kreis in einem schnellen und sauberen Überfall auszuschalten, ist grandios gescheitert. Doch Aufgeben ist keine Option. Sie müssen einen neuen Plan fassen, auch wenn viele Fragen ungewiss sind. Was passiert mit Kriegerkönig Bent? Können die neuen Informationen über Halbgötter helfen? Werden Luca und Cain sich auf die Seite der Magier schlagen? Wie soll Azuka jetzt noch an den Obersten Kreis herankommen? Und wird Jade wirklich kämpfen, wenn es dazu kommt?

Die Reise führt die eingeschworene Gruppe in den kalten Norden, bis in die Vergangenheit und über die Grenzen zum Göttlichen und zum Tod hinaus. Götter, Drachen und Krieger werden die Zukunft der Anderen Welt bestimmen. Doch welcher Platz ist dabei für Jade vorgesehen?
SpracheDeutsch
Herausgebertredition GmbH
Erscheinungsdatum12. Nov. 2025
ISBN9783384722935
Die Tochter des Todes: Der dritte Teil der spannenden "Chronik einer Kriegerkönigin"
Autor

Henrike Runge

Henrike Runge wurde 2000 in Schleswig-Holstein geboren, wuchs jedoch als „Zuagroaste“ in Niederbayern auf. Seit ihrem zwölften Lebensjahr schreibt sie Geschichten, die meist dem Fantasy-Genre zugeschrieben werden können. An der Uni Regensburg hat sie den Bachelor of Arts in deutscher Philologie und Geschichte erworben. Mittlerweile ist sie Masterstudentin der Germanistik, wobei ihr Schwerpunkt auf der Älteren Deutschen Literaturwissenschaft liegt, die oftmals auch mythische und magische Themen behandelt.

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    Buchvorschau

    Die Tochter des Todes - Henrike Runge

    Danksagung

    Bei jedem Buch ist es an der Zeit für eine Danksagung – insbesondere beim letzten Band einer Reihe.

    Der erste Band von „Chronik einer Kriegerkönigin" ist 2023 erschienen, und nun sind wir zwei Jahre später schon beim Ende der Reihe angekommen. In der Zeit haben mich einige Leute unterstützt, bei denen ich mich an dieser Stelle bedanken möchte.

    Angefangen mit allen, die die Reise auf TikTok oder Instagram verfolgt und dort mit meinen Beiträgen interagiert haben. Vor allem die Testleser, von denen ich viele über Social Media kennengelernt habe, haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass dieses Buch den nötigen Feinschliff bekommen hat. Danke für euer Interesse und für eure tatkräftige Unterstützung!

    Natürlich möchte ich mich auch bei meiner Familie bedanken. Für jedes gelesene Buch, für jede interessierte Nachfrage nach neuen Updates, für jede Weiterempfehlung an Freunde und Bekannte. Dass ich von euch so sehr unterstützt werde, bedeutet mir viel. Danke!

    Auch meinem Verlobten bin ich dankbar dafür, dass er so viel Verständnis für meine Arbeit als Autorin hat. Immerhin fließt hier sehr viel Zeit in meine Projekte, und ich bin dankbar dafür, dass er mir diese Zeit gerne lässt und an meinen Traum, mit meinen Büchern irgendwann etwas nebenbei verdienen zu können, glaubt. Also, danke dir für deine Unterstützung und dein Verständnis!

    Und zu guter Letzt geht auch immer ein Dank an alle Leserinnen und Leser. Denn ihr seid es, die die Geschichten lebendig halten, indem ihr sie lest, euch mit anderen darüber austauscht und sie vielleicht sogar weiterempfehlt. Danke, dass ihr meiner Reihe „Chronik einer Kriegerkönigin" eine Chance gegeben habt! Ich hoffe, ihr hattet Spaß, und ich würde mich darüber freuen, wenn ihr auch in Zukunft noch andere Bücher von mir lest.

    Triggerwarnungen auf Seite 803!

    Iku’Ira

    Dass sie D’drans Spur heute wahrnehmen konnte, war ein sonderbares Gefühl.

    Es waren mittlerweile neun Jahre vergangen, seit sie ihn das letzte Mal gespürt hatte. In der Zeit, die seitdem verstrichen war, hatte sie D’dran nicht ein einziges Mal gesehen, doch es kam ihr vor, als wäre ihr letztes Treffen erst vor wenigen Tagen gewesen.

    Wenn man unsterblich war, schien die Zeit schneller zu vergehen.

    Iku’Ira würde gern sagen, dass D’dran seinen Aufenthaltsort nur ihr offenbarte, doch sie war sich sicher, dass das nicht der Fall war. Dass er seine Spuren nicht verwischte, hatte sicherlich mit seiner Tochter zu tun.

    Und somit auch mit allen Gottheiten, die sich nach D’drans Zeugung einer Halbgöttin dazu entschieden hatten, die Sterblichen zu segnen. Ob alle kommen würden, vermochte sie nicht zu sagen.

    Die Totengöttin verbrachte nicht viel Zeit auf der transzendenten Ebene: der Ebene der Götter. Nein, sie wurde in der Welt der Toten gebraucht, weshalb sie diese nur selten verließ. Nur die Spuren weniger Gottheiten konnten sie dazu bewegen, auf der transzendenten Ebene zu wandeln.

    D’drans Spur zählte zu diesen.

    Iku’Ira wäre diesem Ruf auch dann gefolgt, wenn er nichts mit seiner Tochter zu tun gehabt hätte. Natürlich interessierte sie sich brennend für das, was der Gott des Untergangs, wie auch sie ihn liebevoll nannte, zu sagen hatte. Genauso gespannt war sie darauf, ob die anderen Gottheiten, die sich für die Segnung eines Sterblichen entschieden hatten, auftauchen würden.

    Doch allein D’dran zu sehen, war ihr diese kleine Reise wert.

    Sie mochte ihn. Auf die verschiedensten Weisen.

    Der Gott des Kalten Feuers war neben Petitcriu, ihrem kleinen Skeletthündchen, das sie nun schon seit einigen Jahrhunderten begleitete, ihr engster Freund. Noch dazu war er ihr Liebhaber und der Einzige, der sich für die Totengöttin entfernt nach Familie anfühlte.

    Das Leben einer Totengöttin war zwar nicht einsam, da man täglich auf neue Gesichter traf, doch man baute kaum tiefere Verbindungen zu den Geistern auf. Schließlich war es Iku’Iras Aufgabe, den Verstorbenen in ein neues Leben zu verhelfen. Im besten Fall waren es kurze Bekanntschaften, die sie täglich schloss.

    Vielleicht war sie von ihren neuen Schützlingen, Jade und Fenris, deswegen so angetan. Durch die Segnungen war sie mit den Sterblichen verbunden, nicht nur im Tod, sondern bereits im Leben. Das versprach mehr Zeit, die sie mit den beiden hatte.

    Zumindest würde die Totengöttin alles dafür tun, dass sie Jade und Fenris länger begleiten konnte, als es bei dem Großteil ihrer anderen Schützlinge der Fall war.

    Auch für sie war es zuweilen bedrückend, ständig vom Tod umgeben zu sein. Denn obwohl der Tod für sie immer wie ein alter Freund gewesen war, bedeutete er, dass man Abschied nehmen musste. Oftmals waren es zwar notwendige Abschiede, doch das machte sie nicht weniger schmerzvoll.

    Iku’Ira sehnte sich nach jemandem, von dem sie sich nicht verabschieden musste. Jemandem wie Petitcriu, der sie durch die Ewigkeit begleitete.

    Doch außer ihrem Hündchen würde es niemanden geben, der das tat. Es konnte niemanden geben.

    Die anderen Gottheiten konnten die Welt der Toten nicht betreten. Während die transzendente Ebene und die Welt der Lebenden ihnen allen offenstanden, war die Welt der Toten Iku’Iras Reich. Eine Welt, die sie für die verlorenen Seelen geschaffen hatte, um sie in ihr nächstes Leben zu geleiten.

    Nur die wenigsten Sterblichen hatten die Fähigkeit, in die Welt der Totengöttin zu wandeln. Die meisten von denen, die es konnten, gebrauchten ihre Gabe zu eigennützigen Zwecken. Nicht, dass Iku’Ira es ihnen verübeln würde, doch sie hielt sich aus solchen Angelegenheiten raus.

    Sie zeigte sich nur den Weltenwandlern, die wegen ihr in die Welt der Toten kamen.

    Und selbst diese starben nach nur wenigen Jahrzehnten, die im Vergleich zu Iku’Iras langem Dasein verblassten.

    Von den Toten brauchte sie gar nicht erst anzufangen. Die verlorenen Seelen sollten sie nicht begleiten, das wäre eine traurige Existenz für die Verstorbenen. Nein, die Seelen sollten Frieden schließen, um weiterziehen zu können.

    Und so blieb ihr Problem bestehen: Iku’Iras einzige Konstante in der Ewigkeit war Petitcriu.

    Doch sie begnügte sich mit ihrem Hündchen. Schließlich war es ihre eigene Entscheidung gewesen, die Existenz als Totengöttin zu bestreiten. Man musste natürlich zugeben, dass auch Iku’Ira viele Aspekte nicht bedacht hatte, als sie noch sterblich gewesen war. Wer dachte schon darüber nach, wie man die nächsten Jahrhunderte verbringen würde?

    Doch sie hatte den verlorenen Seelen helfen wollen. Schon als sterbliches Mädchen hatte sie Kontakt zu diesen aufnehmen können. Sie hatte die Verzweiflung, die Angst, die Wut der Toten gespürt, doch nichts davon hatte sie ihnen nehmen können. Iku’Ira hatte das Leid gespürt, das den anderen Sterblichen verborgen geblieben war, und sie hatte einen Weg gefunden, gegen dieses Leid vorzugehen.

    Dafür nahm sie die vielen Abschiede, die sie während ihrer Existenz miterlebt hatte, gerne in Kauf.

    Trotzdem freute sie sich darauf, mit D’dran heute einen ihrer wenigen Freunde zu treffen. Manchmal war es eben doch erfreulich, die Welt der Toten zu verlassen.

    Dass sie so viel Zeit in ihrem Reich verbrachte, führte dazu, dass sie sich auf der transzendenten Ebene oder in der Welt der Lebenden etwas unwohl fühlte. Normalerweise spürte sie keine Windzüge, keine Kälte oder Wärme, keinen Schmerz. All diese Dinge gab es in der Welt der Toten nicht.

    Doch jetzt, da sie sich auf der Ebene der Götter befand, spürte sie den starken Meerwind ganz deutlich auf ihrer kalten, nackten Haut. Ein unangenehmes Gefühl, das sie frösteln ließ. Auch die spitzen Steine des Kiessands piksten der Göttin in ihre ungeschützten Fußsohlen.

    Es war einer der wenigen Momente, in denen sie nachvollziehen konnte, weshalb ihr nacktes Auftreten bei den anderen Göttern oder den Sterblichen für Aufsehen sorgte. Wenn man ständig mit dem Wetter oder harten Untergründen zu kämpfen hatte, war Kleidung unabdingbar.

    Doch Iku’Ira blieb bei ihrer Überzeugung, dass man im Tod keine Kleider benötigte. Man kam nackt auf diese Welt, warum also sollte man sie nicht auch nackt verlassen? Die alte Eisenkette war die einzige Art von Bekleidung, die die Totengöttin sich erlaubte. Als Erinnerung an die Schicht, aus der sie gekommen war.

    Nur in Ausnahmesituationen zeigte sie sich in Kleidungsstücken. Als sie Jade zum ersten Mal getroffen hatte, hatte sie sich dafür entschieden, nicht nackt aufzutreten, um das Mädchen nicht zu überfordern. Einen Geist zu sehen, war für Jade sicherlich aufregend genug gewesen. Mit einer nackten Göttin konfrontiert zu werden, wäre wahrscheinlich schwieriger zu verarbeiten gewesen.

    Doch Iku’Ira blieb sich treu. Die äußere Erscheinung einer Gottheit war wichtig, sie sagte viel über diese aus. Jeder Gott dieser Welt dachte lange darüber nach, wie er sich präsentieren wollte, bevor er sich zum ersten Mal offenbarte.

    Iku’Ira wollte sich nicht mit teuren Stoffen schmücken, sie wollte bodenständig und nahbar sein. So weit an der Natur, wie man es sein konnte, bevor man zu Staub zerfiel. Auch wenn sie dafür ein gelegentliches Unwohlsein ertragen musste.

    Das war es ihr wert.

    Außerdem hatte sie die Kälte, die der Wind dieser kleinen Insel brachte, schon öfter ausgehalten. Auch an den Kieselstrand konnte sie sich so gut erinnern, als wäre sie erst gestern hier gewesen. Die kleine Ruine, die sich in der Mitte der Landmasse erhob, fühlte sich schon fast wie Heimat an.

    D’dran und sie hatten sich oft auf dieser kleinen Insel getroffen, die nur ein paar Seemeilen von der Ostküste entfernt lag, sodass man von der Ruine aus auf das Festland sehen konnte. Vereinzelte Stürme und Seebeben hatten dafür gesorgt, dass die letzten Siedler die Insel bereits vor über zweihundert Jahren verlassen hatten. Die meisten ihrer Spuren waren mittlerweile vollkommen verschwunden, nur die Ruine und ein paar kleine Überreste von anderen Bauten zeugten noch davon, dass die Insel mal bewohnt worden war.

    Ein helles Licht und aufsteigender Rauch zeigten Iku’Ira, dass sie in der Ruine bereits erwartet wurde.

    Es verwunderte sie nicht, dass sie die Erste war, die bei D’dran eintraf. Sobald sie seine Spur wahrgenommen hatte, war sie diesem Ruf gefolgt. Sie hatte nicht erst überlegen müssen, ob sie kommen wollte.

    Bei den anderen Gottheiten würde das wahrscheinlich anders aussehen.

    Wie es bei göttlichen Wesen üblich war, hatte D’dran sich seit ihrem letzten Treffen vor neun Jahren nicht verändert. Seine neugierigen, klaren hellgrauen Augen begrüßten Iku’Ira, sobald sie die Ruine betrat. Das halblange schwarze Haar fiel ihm wie sonst auch wild in sein ansehnliches Gesicht. Sein erfreutes Lächeln war nicht gänzlich frei von dieser gewissen Arroganz, die sich auch in seiner eleganten grauen Abendkleidung widerspiegelte.

    Wie bereits gesagt, war das Aussehen einer Gottheit von dieser immer mit Bedacht gewählt. Und die Abendkleidung repräsentierte D’dran nahezu perfekt. Sie war trotz ihrer Eleganz und ihrer guten Qualität eine unauffällige Bekleidung für eine Gottheit.

    Ein unauffälliges Aussehen für einen unauffälligen Gott, der sich aus dem Leben der Sterblichen bestmöglich raushielt, war Iku’Iras Meinung nach äußerst passend.

    „Dich zu sehen, ist immer eine Freude, meine Liebe", begrüßte D’dran sie mit einer dunklen, verführerischen Stimme.

    Er stand von den Mauerresten, auf denen er gesessen hatte, auf, kam jedoch nicht auf sie zu. Stattdessen bedachte er sie mit einem nachdenklichen, aber auch sehr zufriedenen Blick, wobei er unverfroren ihren nackten Körper musterte.

    Normalerweise würde sie jeden, der sich so an ihrem Anblick labte, zurechtweisen, doch die Beziehung, die sie zu dem Gott des Kalten Feuers hatte, erlaubte sein Verhalten. D’dran durfte sie so ansehen und das wusste er auch.

    „Warum bist du dann für neun Jahre verschwunden?", entgegnete sie anmutig.

    „Ich? Er schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln. „Du warst die letzten neun Jahre nicht auf der transzendenten Ebene, wenn ich mich recht erinnere.

    Seine Aussage ließ sie stutzen.

    Er hatte recht damit, dass sie die Welt der Toten seit ihrem letzten Treffen nicht mehr verlassen hatte. Doch sie hätte auch nicht damit gerechnet, dass er zu ihr kommen würde, wenn sie ihre Spuren auf der Ebene der Götter zeigte.

    Sie hatte nie daran gedacht, dass D’dran darauf wartete, dass sie ihn zu sich rief.

    „Ich bin sehr beschäftigt, versuchte sie, sich zu rechtfertigen, obwohl sie nicht einmal wusste, ob D’dran diesen Vorwurf ernstgemeint hatte. „Ich merke kaum, wie die Zeit vergeht.

    „Ich weiß. Sein Lächeln wurde eine ganze Spur ehrlicher. „Ich bewundere dich dafür. Du bist eine der wenigen Gottheiten, die diese Welt wirklich besser machen.

    Iku’Ira spürte, wie ihre Wangen augenblicklich an Hitze gewannen. Etwas, was ihr in der Welt der Toten nicht passieren konnte. Doch hier auf der transzendenten Ebene zeichnete sich ihre Verlegenheit ganz deutlich in ihrem Gesicht ab.

    Es klang, als wäre das seine aufrichtige Meinung.

    Sie machte diese Welt besser.

    „Ich werde deine Sympathie für mich nie verstehen, sprach D’dran weiter, ohne sie auf ihre Verlegenheit hinzuweisen. „Du bist das selbstloseste Wesen, das ich kenne, bist zu einer Gottheit geworden, um den Sterblichen zu helfen... und ich habe mir meinen Status nur aus Egoismus erarbeitet.

    „Ich sehe nichts Verwerfliches darin, aus Egoismus zu einer Gottheit aufzusteigen", erwiderte Iku’Ira ernst.

    Der Gott des Kalten Feuers hob seine dunklen Augenbrauen. „Nicht? Ich blicke mittlerweile darauf zurück und halte es für pure Dummheit. Sich ohne Grund von Raum und Zeit, von seinem Körper zu trennen, obwohl man weiß, wie nahe man dem Wahnsinn dabei kommt... Das ist nicht edel, das ist dumm. Er schien ihr ein wenig kleinlaut zu werden. Etwas, was man bei ihm nicht oft beobachten konnte. „Es aus Selbstlosigkeit heraus zu tun, ist deutlich löblicher.

    „Ist es das?, fragte sie, wobei sie selbst nicht wusste, wie sie die Frage beantworten würde. „Was hätte meine Selbstlosigkeit den Leuten gebracht, wenn ich dem Wahnsinn verfallen wäre? Wenn ich es nicht geschafft hätte, den Tod zu überwinden?

    Wenn sie es nicht geschafft hätte, zu einer Göttin aufzusteigen, wäre auch ihr Versuch als das Handeln einer törichten jungen Frau abgetan worden. Egoismus oder Aufopferung... Es war vollkommen egal. Das Einzige, was zählte, war, dass man Erfolg hatte.

    „Aber du hast es geschafft", antwortete D’dran, wodurch ihre eigentliche Frage in Vergessenheit geriet. „Ira, du hast den Tod nicht nur überwunden, du bist der Tod. Du hast ihm ein neues Gesicht gegeben. Ein Gesicht, das einem die Angst davor nimmt."

    Ira.

    Sie liebte es, wenn er sie so nannte. Die meisten trauten sich das nicht.

    Die Sterblichen würden es nie wagen, einer Gottheit einen Spitznamen zu geben. Titel oder Beinamen waren eine Selbstverständlichkeit, doch ein Spitzname kam ihnen wohl zu respektlos vor. Auch die Gottheiten selbst nannten sich kaum bei irgendwelchen Kosenamen. Amüsanterweise hatte das den gleichen Grund wie bei den Sterblichen: Man wollte sich gegenseitig Respekt zollen.

    Eine Gottheit zu werden, war eine anerkennenswerte Leistung, die – egal, wie man zueinanderstand – auch von jedem anerkannt wurde. Nur wenige Gottheiten standen sich so nahe, dass sie diesen Respekt mit einem Kose- oder Spitznamen ausdrücken konnten.

    Doch die Totengöttin wusste um D’drans Gefühle für sie. Ira war keine höhnische Verniedlichung ihres Namens, sondern eine liebevolle Abkürzung, die vor Zuneigung sprühte.

    Es war viel zu lange her, dass sie einander gesehen hatten.

    „Ich habe dich vermisst, mein Untergang", äußerte sie ihre Feststellung bereitwillig.

    Der Gott des Untergangs, ein Beiname, den sie noch nie ernstnehmen hatte können, doch das hielt sie nicht davon ab, diesen Namen als kleine Neckerei zu missbrauchen.

    Der Tod und der Untergang.

    Eine Kombination, die ihr schon immer ein kleines Schmunzeln auf die Lippen gezaubert hatte. Es klang so ernst, so gefährlich, obwohl ihre Beziehung das Gegenteil davon war. Verspielt und ohne klare Grenzen...

    Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, hörte sie hinter sich Geräusche, die nach ihrer Aufmerksamkeit verlangten. Es waren leise Schritte, die der Ruine näherkamen, doch ohne das gleichmäßige Rascheln, das diese begleitete, hätte Iku’Ira sie wohl nicht gehört.

    Die Totengöttin drehte sich erwartungsvoll zu dem Neuankömmling um und war kaum überrascht, als sie sah, wer zu D’dran und ihr gestoßen war.

    Die leisen Schritte stammten von Füßen, die ebenso nackt waren wie ihre eigenen, das Rascheln wurde durch den dunklen Schleier erzeugt, der gegen die dicke Fellbekleidung rieb. Bei dieser Erscheinung war es unmöglich, Avana nicht zu erkennen.

    Tatsächlich war die Schutzgöttin des Nordens die einzige Gottheit, mit deren Auftauchen Iku’Ira fest gerechnet hatte. Avana würde nichts ignorieren, was mit ihrem Schützling Vincent zu tun haben könnte. Sie war niemand, der sich aus Konflikten heraushielt. Nein, wenn Avana der Meinung war, dass eine Entscheidung sie betraf, dann war sie zu dieser Entscheidung auch anwesend.

    „Avana!, begrüßte D’dran die Schutzgöttin. „Ich bin erfreut, dich zu sehen.

    Das klang eher nach einer kleinen Stichelei als nach aufrichtiger Freude.

    Iku’Ira musste gestehen, dass sie nicht wusste, wie D’drans und Avanas letztes Treffen verlaufen war. Dass beide Gottheiten sich kannten und auch des Öfteren miteinander verkehrt hatten, war kein Geheimnis. Der Gott des Kalten Feuers hatte nie versucht, seine Vergangenheit mit Avana zu verschweigen. Aber es wäre interessant zu wissen, wie die beiden jetzt zueinanderstanden.

    Nicht, dass Iku’Ira danach fragen würde.

    Die Totengöttin würde lediglich beobachten.

    „Fass dich kurz, ertönte die harte Stimme der Schutzgöttin. „Weshalb hast du uns gerufen?

    Dass man Avanas Gesicht nicht sehen konnte, war für Iku’Ira irritierend. Sie konnte die Laune der Schutzgöttin keineswegs einschätzen. Zeugte die harte Stimme von Verachtung? Oder eher Neutralität?

    Es war unmöglich, das herauszuhören.

    „Möchtest du nicht warten, bis wir vollständig sind?", entgegnete D’dran ruhig.

    Scheinbar kannte er Avana gut genug, um sich von der harten Stimme und den fehlenden Gesichtszügen nicht irritieren zu lassen. Zumindest wirkte er nach wie vor recht entspannt.

    Doch er hatte etwas angesprochen, was Iku’Ira brennend interessierte.

    „Wann sind wir denn vollständig?", hakte sie ein.

    Denn, ehrlich gesagt, konnte sie sich nicht vorstellen, dass noch eine andere Gottheit kommen würde. Sie waren die Einzigen, deren Schützlinge direkt von D’drans Tochter und deren Verhalten betroffen waren. Außer ihnen würde sich wohl kaum jemand dafür interessieren, was D’dran plante.

    Wenn er denn überhaupt etwas plante...

    „Ich weiß es nicht, gestand der Gott nachdenklich. „Ich hatte mich nur gefragt, ob...

    Doch auch er wurde in seinem Gedanken nun unterbrochen. Ein lautes Räuspern ließ sie zum Eingang der Ruine sehen, durch den die Wintergöttin Mila schritt.

    Es musste mehrere Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte, her sein, dass Iku’Ira die Wintergöttin gesehen hatte, doch auch Mila hatte sich in all der Zeit nicht verändert. Ein langes weißes Fellkleid schliff bei jedem ihrer Schritte über den Boden, ihre schneeweißen Locken fielen schwer bis zu ihrer Taille hinab. Die wenige Haut, die nicht von Fell oder ihren Haaren verdeckt war, wies einen bläulichen Schimmer auf, so als wäre Mila kurz vorm Erfrieren. Die Temperatur sank merklich, sobald die Wintergöttin in Iku’Iras Nähe trat. Schuld daran war die kleine graue Wolke, von der stetig glitzernde Schneeflocken auf den Boden herabrieselten. Die Spur, die Mila hinterließ, schmolz zwar augenblicklich dahin, doch die Kälte blieb.

    Und Iku’Ira spürte diese ganz deutlich.

    Eine leichte Gänsehaut, die sich über ihren gesamten Körper zog, bezeugte das.

    Dass Mila sich kurzerhand neben der Totengöttin auf dem Boden niederließ, führte kurzzeitig zu einer leichten Verärgerung bei Iku’Ira. Die anderen Gottheiten sollten wissen, dass sie besonders empfindlich für solche Temperaturschwankungen war, doch entweder dachte keiner daran oder es war ihnen schlichtweg völlig egal. Sie fror, aber sie war zu stolz, um sich jetzt darüber zu beschweren.

    „Ich bin nicht hier, um zu reden, verkündete die Wintergöttin unaufgefordert. „Nieves wird sich aus allen Angelegenheiten, die mit D’drans Tochter zu tun haben, heraushalten. Sie schenkte der Runde ein fast schadenfrohes Lächeln. „Ich möchte nur beobachten."

    Das ergab Sinn.

    Nieves verabscheute jegliche Art von Gewalt, es war also naheliegend, dass sie sich von all den Plänen der Krieger und des Obersten Kreises bestmöglich fernhielt. Noch konnte sie solche Entscheidungen zumindest treffen, da König Thiago sich mit diesen Dingen befasste. Doch wenn sie irgendwann den Thron von Grundfeste bestieg, musste sie sich wohl oder übel auch mit kriegerischen Angelegenheiten auseinandersetzen.

    Für heute spielte das aber keine Rolle.

    Für heute war nur wichtig, dass Mila vorhatte, sich in nichts von dem, was mit D’drans Tochter zu tun hatte, einzumischen.

    Nachdem sie noch ein paar Minuten abgewartet hatten, ob noch eine weitere Gottheit kam, erzählte D’dran endlich, weshalb er sie gerufen hatte.

    „Zuerst möchte ich euch dafür danken, dass ihr gekommen seid, begann er, wobei er durchaus aufrichtig klang. „Ich weiß, dass meine Tochter nicht euer Problem ist, also...

    „Aber das ist sie, fiel Avana ihm schroff ins Wort. „Deine Tochter bringt meinen Schützling mit jeder einzelnen Entscheidung, die sie trifft, immer weiter in Gefahr! Ich will, dass das endet.

    „Es wird enden, erwiderte D’dran beschwichtigend. „Ich kann zwar nicht sagen, wann oder wie, doch jetzt, da der Oberste Kreis um die Identität meiner Tochter weiß, wird es sicher bald enden.

    Das war nicht die Antwort, die Avana sich erhofft hatte. Strenggenommen war es nicht einmal eine richtige Antwort. Denn was D’dran damit sagen wollte, war, dass die Dinge mittlerweile ihren Lauf nahmen, ohne dass sie noch aufgehalten werden konnten. Die Gottheiten konnten ihren Schützlingen zur Seite stehen, aber sie konnten den bevorstehenden Konflikt nicht mehr verhindern.

    So einen mächtigen Einfluss auf die Sterblichen hatten sie nicht.

    Und das war auch Avana bewusst.

    „Aber sie..." Schon wieder wurde einer von ihnen unterbrochen.

    Avana hörte augenblicklich auf zu sprechen, als ein lautes Donnergrollen über die Insel hinwegfegte. Ein Blick zum Himmel, der bisher nur wenige, helle Wolken aufgewiesen hatte, zeigte nun, wie er sich schnell verdunkelte. Iku’Ira wartete auf Regen oder Blitze, doch beides blieb aus.

    Nur die dunklen Wolken, die sich am Himmel auftürmten, und der aufkommende Wind bezeugten Turals Erscheinen.

    Eine Urghottheit zu sehen, war eine Seltenheit. Selbst Iku’Ira, die als einzige Totengöttin dieser Welt ein hohes Ansehen genoss, war bis jetzt nur einmal einem solch alten Wesen begegnet. Tural hatte sie noch nie gesehen, doch sie erkannte ihn trotzdem sofort.

    Oft genug hatte sie von seinen langen, gewellten dunkelblauen Haaren gehört, von denen ununterbrochen Wassertropfen auf den Boden fielen. Oder von den Schnüren, die sich wie ein Fischernetz um die dunkle Haut seines Oberkörpers wanden. Von seiner abgenutzten braunen Arbeitshose tropfte das Wasser ebenso wie von seinen Haaren, wobei es sich langsam unter seinen Füßen am Boden ansammelte.

    „Entschuldigt meine Verspätung, wandte Tural sich mit einem entwaffnenden Lächeln an die anwesenden Gottheiten. „Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges verpasst.

    Er hatte bis jetzt nur zwei Sätze gesagt, doch die reichten aus, um seinen unbestreitbaren Charme zu zeigen. Auch wenn Iku’Ira sich sicher war, dass es sich nicht um eine aufrichtige Entschuldigung handelte, konnte man Tural keine Überheblichkeit oder Arroganz vorwerfen. Nein, oberflächlich wirkte er äußerst nett.

    „Oh, Ihr seid kaum zu spät", entgegnete D’dran süffisant, wobei er auf den ersten Blick ebenso nett wirkte wie der Urgott. Doch der Unterton seiner Stimme sowie die Tatsache, dass er Tural mit kaum zu spät immer noch eine gewisse Unpünktlichkeit vorwarf, zeigten deutlich, wie falsch diese aufgesetzte Höflichkeit war.

    Der Gott des Meeres und des Sturms schaffte es jedoch, schnell eine ähnliche Ausstrahlung anzunehmen.

    „Verzeih, D’dran. Er schmunzelte. „Du musst verstehen, dass ich darüber nachdenken musste, ob ich kommen soll. Als Gott von Wasser und Sturm habe ich normalerweise keine Zeit für solche Banalitäten.

    Man sah D’dran ganz genau an, wie empört er darüber war, dass Tural seine Tochter als Banalität bezeichnete. Immerhin hatte er sich genug unter Kontrolle, um dem nicht zu widersprechen.

    Streitereien waren schließlich sinnlos und kosteten nur Zeit.

    Stattdessen entschied D’dran sich dafür, seiner Neugier Ausdruck zu verleihen.

    „Und doch seid Ihr hier", kommentierte er.

    Eine indirekte Aufforderung an Tural, seine Entscheidung zu erklären. Der Urgott sollte erzählen, weshalb er gekommen war.

    Iku’Ira musste zugeben, dass sie das auch interessierte. Und so wartete sie gespannt auf seine Antwort.

    „Nun, auch ich habe einen Schützling, dessen Schicksal mit deiner Tochter verbunden ist, erwiderte Tural ruhig. „Folglich ist diese Banalität für mich wohl doch nicht ganz so banal.

    „Das habt Ihr Euch selbst zuzuschreiben. D’dran funkelte die Urgottheit wütend an. „Hättet Ihr den Jungen einfach ertrinken lassen, hättet Ihr das Problem jetzt nicht.

    Ertrinken lassen?!

    Die Totengöttin des Westens wurde selten sauer, doch in diesem Moment kochte sie fast über vor Wut. Die Hitze, die in ihr aufstieg, ließ sie sogar Milas kalte Gegenwart vergessen. Dass D’dran, ihr Freund, es überhaupt wagte, so etwas in ihrer Gegenwart auszusprechen!

    „Oh nein! Sie hatte ihre Stimme kaum gehoben, doch Ernst und Bedrohung schwangen ganz deutlich in ihren Worten mit. „Weißt du, wie vielen jungen Verstorbenen ich tagtäglich gegenübertreten muss, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten?! Jede einzelne dieser verlorenen Seelen ist eine Tragödie und ich werde es nicht tolerieren, dass du einen frühen Tod so geringschätzt! Sie atmete einmal tief durch, bevor sie weitersprach. „Jedes junge Leben, das gerettet werden kann, sollte gerettet werden. Ob dir das passt oder nicht, ist mir vollkommen egal."

    Das war auch der Grund gewesen, weshalb sie Jade und Fenris gesegnet hatte. Es war ihr nie darum gegangen, D’dran oder dessen Tochter zu unterstützen. Natürlich war sie gerne eine emotionale Stütze für ihren Freund, doch sie hatte nie einen Sterblichen in diesen Kampf hereinziehen wollen. Sie hatte nur nicht mitansehen können, wie zwei junge Seelen elendig zwischen den Welten verendeten.

    Deswegen hatte Iku’Ira die Menschen damals gesegnet: um sie zu retten.

    Und sie war froh, dass Tural Cain gerettet hatte. Die Motive des Gottes waren ihr dabei gleich.

    Eine Weile lang blieb es in der Ruine still. Die anderen Gottheiten schienen sich in diese Auseinandersetzung nicht einmischen zu wollen. Nicht einmal die anwesende Urgottheit wagte es, sich zu äußern.

    Wie sie schon sagte, als einzige Totengöttin dieser Welt wurde sie sehr geachtet. Iku’Ira ließ sich zwar selten auf der transzendenten Ebene blicken, aber das änderte nichts daran, dass die meisten Gottheiten sie lieber nicht verärgern wollten.

    „Vergib mir, Ira. D’dran wirkte tatsächlich reuig, als er das sagte. „Das war rücksichtslos von mir. Es wird nie wieder vorkommen.

    „Gut, sagte sie ernst. „Also, weshalb hast du uns gerufen?

    Jetzt, da alle Gottheiten anwesend waren, die sich für die Tochter D’drans interessieren könnten, sollten sie langsam zum Kern des Gesprächs kommen. Sie war den sinnlosen Sticheleien überdrüssig.

    Von Gottheiten konnte man eigentlich ein reiferes Verhalten erwarten.

    Kurz blickte er sie nur stumm an, bevor er schließlich antwortete. „Ich wollte euch eine Frage stellen."

    Eine Frage?

    Jede einzelne der anwesenden Gottheiten schenkte ihm nun ihre volle Aufmerksamkeit.

    D’dran sah aus, als würden ihn die nächsten Worte einiges an Überwindung kosten, aber er sprach sie trotzdem aus. „Kann ich auf eure Unterstützung zählen?"

    Er bat um Hilfe.

    Kein Wunder, dass es ihm widerstrebte. Das war etwas, das er nur äußerst ungern tat.

    Eine Weile lang blieb es still. Keiner wollte ihm seine bedingungslose Unterstützung zusichern. Auch Iku’Ira nicht.

    Schlussendlich war es Avana, die sich als Erstes äußerte.

    „Vincent wird bis zum Schluss an der Seite deiner Tochter stehen, sagte die Schutzgöttin missmutig. Auch ohne ihre Gesichtszüge sehen zu können, sprach ihr Tonfall Bände. „Da ich auf meinen Schützling selbstverständlich aufpassen werde, kannst du wohl mit meiner Unterstützung rechnen.

    Begeistert war sie darüber offensichtlich nicht, doch sie würde sich niemals von ihrem Schützling abwenden... auch wenn das bedeutete, dass sie D’dran in irgendeiner Weise helfen musste.

    „Ich werde dir nichts dergleichen versprechen, meldete sich nun Tural mit gleichgültiger Stimme zu Wort. „Sollte Cain sich von seinen Gefühlen zu deiner Tochter verleiten lassen, werde ich dem nicht im Weg stehen. Kurzzeitig umspielte ein Schmunzeln seine Lippen. „Ich muss zugeben, dass das eine äußerst interessante Beziehung sein könnte... Augenblicklich wurde er wieder ernster. „Doch wenn es mein Schützling ist, der es schafft, deine Tochter zu bezwingen, dann lass mich dir sagen, dass ich stolz auf ihn sein werde. Tural schenkte D’dran einen eindringlichen Blick. „Aber es hängt von Cain ab, was er tut. Ich werde ihm diese Entscheidung nicht abnehmen."

    Für die Urgottheit war das ein Wettkampf, das wurde Iku’Ira in diesem Moment klar. Gewinnen würde die Gottheit, die sich den besten Sterblichen erwählt hatte... Früher war das oft der Grund für Segnungen gewesen: ein Wettstreit zwischen den Gottheiten.

    Doch diese Zeiten waren vorbei. Zumindest sollten sie es sein...

    „Du stellst die falsche Frage, D’dran, sprudelte es aus ihr heraus. Sie wollte ihrem Freund ja helfen, doch dazu mussten sie das Thema anders angehen. Insbesondere weil Tural das Ganze offenbar immer noch für einen Wettkampf hielt. „Es geht nicht darum, dir zu helfen, sprach sie weiter. „Es geht darum, unsere Schützlinge zu unterstützen. Und da unsere Schützlinge alle miteinander verbunden sind, in Freundschaft oder auch mehr, können wir sie nur unterstützen, wenn wir zusammenarbeiten."

    Zumindest kamen Avana, D’dran und Iku’Ira nicht aus, ohne an einem Strang zu ziehen. So eng, wie ihre Auserwählten miteinander verwoben waren, waren auch die Gottheiten nun verbunden.

    Tural hingegen... Tural hatte etwas mehr Spielraum. Einzig Cains Gefühle für Azuka konnten noch dafür sorgen, dass auch der Urgott mit den anderen Gottheiten zusammenarbeitete.

    Die Zeit würde es zeigen.

    Während D’dran, Avana und selbst Mila, die eigentlich nur beobachten wollte, zustimmend nickten, bedachte Tural die Totengöttin einen ganzen Augenblick lang mit einem leichten Stirnrunzeln. Es sah nicht wirklich nach Abneigung oder Wut aus, auch nicht nach Verwunderung... Vielmehr nach Unzufriedenheit. Doch Tural zeigte seine Gefühle nicht.

    „Nun gut, lenkte er schließlich ein. „Wenn Cain möchte, dass ich D’drans Tochter unterstütze und es ihm nicht zum Nachteil gereicht, werde ich es versuchen. Doch mein Schützling steht an erster Stelle und wenn D’drans Tochter zu seinem Wohl vernichtet werden muss, dann werde ich das nicht verhindern.

    Castiel

    Er konnte kaum glauben, dass er die Akademie heute verlassen würde.

    Es kam ihm so vor, als wäre er schon seit einer Ewigkeit hier, und doch sind die letzten Wochen einfach so an ihm vorbeigezogen. Die Tage in der Bibliothek waren fast nahtlos ineinander übergegangen. Sie zu differenzieren wurde immer schwieriger...

    Doch heute war ein besonderer Morgen.

    Hector hatte Castiel früh geweckt. Früher als üblich. Der Speisesaal war zu dieser Uhrzeit noch leer, nur Hector und er aßen genüsslich ihr Frühstück. Gestern Abend hatten sie bereits alles zu seiner Abreise vorbereitet. Hector hatte Abschriften von einigen Passagen gemacht, die für Azuka interessant sein könnten. Allerdings durften diese Texte nicht in die falschen Hände geraten, weshalb Castiel dem Priester nun schon um die fünfzig Mal geschworen hatte, die Papiere zu verbrennen, sobald Azuka sie gelesen hatte. So wie er das einschätzte, würde er das vor seiner Abreise mindestens noch einmal versprechen müssen.

    Nightmares Sattelzeug lag bereit, Castiel hatte zum Abschied noch neue Kleidung bekommen... und eine Augenbinde um seinen Kopf gewickelt. Hier, in der Akademie, hatte er sich nicht darum gekümmert, wie er aussah, doch der Gedanke, Azuka und den anderen gegenüberzutreten, beunruhigte ihn.

    Castiel hatte keine Ahnung, in welchem Zustand seine Augen oder die Haut, die sie umgab, waren. Er wusste nicht, wie schrecklich die Verletzung aussah. Und er wollte es nicht durch die Reaktionen der anderen herausfinden.

    Also hatte er um einen blickdichten schwarzen Stoff gebeten, mit dem er seine Augen – oder das, was davon übrig war – verdecken konnte. Dass er damit das wenige Licht abdämmte, das er noch wahrnehmen konnte, war ihm ziemlich egal. Castiel würde damit schon zurechtkommen.

    Weniger Licht war zumindest besser als mögliche erschrockene oder angewiderte Kommentare von den anderen. Am liebsten wäre es ihm, wenn er überhaupt nicht über seine Blindheit sprechen müsste, doch ihm war klar, dass ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden würde. Nein, er musste erklären, was geschehen war, und hoffen, dass sich das Mitleid der anderen in Grenzen hielt.

    Er wollte kein Mitleid.

    Das Wissen, das er die Mauern der Akademie bald hinter sich ließ, war bereits beängstigend genug. Hier kannte er sich mittlerweile wenigstens aus. In der Bibliothek war er zwar immer noch darauf angewiesen, dass Hector ihm die Bücher vorlas, doch ansonsten kam er größtenteils allein zurecht.

    Castiel fürchtete, dass sich das wieder änderte, sobald er an einen Ort kam, den er nicht annähernd so gut kannte wie die Akademie.

    Nach seiner Erblindung hatte er sich lange genug hilflos gefühlt, das wollte er nicht schon wieder durchleben müssen. Doch das konnte er wohl kaum verhindern.

    Es wäre das Mindeste, wenn die anderen wenigstens ihre mitleidigen Kommentare für sich behalten könnten. Sie könnten wenigstens so tun, als hätte sich nichts verändert... Ob seine Hoffnung erfüllt wurde, würde Castiel bald sehen. Leider bezweifelte er es.

    So sehr er Hector anfangs auch verachtet hatte, mochte er ihn mittlerweile. Der Priester gab ihm ein gutes Gefühl. So gut, dass Castiel eigentlich gar nicht von hier wegwollte.

    Aber er musste Azuka zeigen, was er mithilfe des Priesters herausgefunden hatte. Außerdem wollte er auch nicht den Rest seines Lebens hier verbringen. Eingesperrt und abgeschottet von der Welt... Irgendwann wollte er schon gehen, nur nicht jetzt.

    Castiel hätte sich ein bisschen mehr Zeit gewünscht, aber er wusste nicht, ob Azuka diese Zeit überhaupt hatte. Um genau zu sein, wusste er fast gar nichts über die aktuelle Situation bezüglich der Magier und der Tochter D’drans. Nur der Brief, in dem der Oberste Kreis die Weisen um Hilfe gebeten hatte, hatte Castiel etwas Auskunft über die momentane Lage gegeben. Ob sich seitdem etwas Neues ergeben hatte, konnte er leider nicht sagen.

    Wie bereits gesagt, hier war man abgeschottet von der Welt. Ein Gefühl, das er aus vollstem Herzen verabscheute. Normalerweise war er doch recht gern über das informiert, was in seinem Umfeld so vor sich ging.

    Doch als Hector und er mit dem Frühstück fertig waren, stand seine Abreise unmittelbar bevor.

    Der Hohepriester D’drans war heute verhältnismäßig still. Viel sprach er sonst zwar auch nicht, doch normalerweise führten Castiel und er wenigstens kleine Unterhaltungen miteinander, wenn Hector ihm nicht gerade Bücher aus der Bibliothek vorlas. Doch an diesem Morgen sprachen sie nicht.

    Und obwohl Castiel Stille normalerweise mochte, war sie heute unangenehm.

    Denn sie bedeutete, dass Hector über seine Abreise unglücklich war. Vielleicht fürchtete der Priester, dass Castiel sich nicht an die Abmachung hielt. Dass er die Papiere nicht verbrannte und sie in die falschen Hände gerieten. Aber vielleicht lag es auch an Castiel selbst, dass Hector so unzufrieden wirkte.

    Vielleicht wollte der Priester nicht, dass er ging.

    In den letzten Wochen war Castiel so etwas wie Hectors Schützling geworden. Immerhin hatten sie jeden Tag mehrere Stunden damit verbracht, zusammen nach Informationen zu suchen. So etwas schweißte zusammen.

    Doch es musste sein.

    Castiel musste mit seinem neuen Wissen zu den anderen zurückkehren.

    Und so stieß er sich nun vom Steigbügel ab, um in Nightmares Sattel sinken zu können.

    Hector hatte ihn bis vor die Tore der Akademie begleitet, doch nun mussten sie wohl oder übel Abschied nehmen. Ob sie sich jemals wiedersehen würden, war fragwürdig. Als Castiel sich dazu entschieden hatte, hier nach Informationen zu suchen, hatte er eigentlich nicht vorgehabt, danach an diesen Ort zurückzukehren.

    Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher.

    Hector nie wieder zu treffen, war ein merkwürdiger Gedanke.

    Als Freund würde Castiel ihn zwar nicht bezeichnen, aber wahrscheinlich waren sie mittlerweile doch irgendwie miteinander befreundet...

    „Vergiss nicht, dass die Abschriften nur für D’drans Tochter bestimmt sind", riss der Hohepriester ihn plötzlich aus seinen Gedanken.

    Das war dann wohl der Abschied... und natürlich hatte er mit einer Erinnerung daran begonnen, dass die Papiere vernichtet werden mussten. Etwas anderes hatte Castiel auch nicht erwartet.

    „Ich werde sie verbrennen, sobald Azuka sie studiert hat", wiederholte er das Versprechen, das er seit gestern immer wieder gegeben hatte.

    „Ich weiß. Der Priester seufzte. „Ich wünsche dir eine gute Reise, Castiel. Mögest du all deine Entscheidungen mit Bedacht treffen.

    So, wie es D’drans Lehre von ihnen erwartete... Manchmal hatte er das Gefühl, dass er nach der ganzen Zeit, die er mit Hector verbracht hatte, selbst ein Priester D’drans werden könnte. Mittlerweile konnte er jeden einzelnen Grundsatz des D’dran-Kults auswendig. Und auch wenn der Gott des Kalten Feuers nie besonders viele Anhänger hatte, hatten sich über die letzten Jahrhunderte einige religiöse Richtlinien zu dieser Gottheit angesammelt. Manche deutlich sinnvoller als andere, aber das änderte nichts daran, dass Castiel sie alle kannte.

    „Ich werde es versuchen, erwiderte er langsam, dann witzelte er etwas. „Mit deinem Einfluss krieg ich es vielleicht sogar hin.

    „Bestimmt. Aus Hectors Stimme konnte er ebenfalls ein leichtes Lächeln heraushören. „Leb wohl.

    Leb wohl...

    Das klang so, als würde auch Hector nicht an ein erneutes Treffen glauben. Diese Erkenntnis hinterließ ein bitteres Gefühl in Castiel, das dieser jedoch gekonnt ignorierte.

    Er atmete nur noch einmal tief durch, bevor er sich an seinen Drachen wandte. „Bring uns zu Assault."

    Plötzlich ging ein Ruck durch Nightmares gesamten Körper. So, als wäre der schwarze Drache bis jetzt nicht wirklich wach gewesen. Durch die ruckeligen Bewegungen des Sattels merkte Castiel, wie sein Tier langsam seine mächtigen Schwingen ausbreitete, bevor es sich nach einem kurzen, regungslosen Moment in die Lüfte erhob.

    Castiel hatte keine Ahnung, wohin genau sie nun fliegen würden. Ihm war nur eins klar:

    Die Akademie ließen sie mit jedem Flügelschlagen weiter hinter sich.

    Nightmare hatte Schwierigkeiten damit, die anderen Drachen aufzuspüren. Das war Castiel schon damals aufgefallen, als er nach Azuka gesucht hatte.

    Allerdings verwunderte es ihn nicht.

    Nightmare war ein Einzelgänger, er pflegte keine engen Beziehungen zu den anderen Drachen. Und das erschwerte die Suche. Wie genau Drachen den Standort eines Artgenossen spüren konnten, wusste niemand. Es war wie die Verbindung zwischen Drache und Reiter ein Geheimnis, das wohl nie ganz gelöst werden würde.

    Ty ran vl trn elbato rwaer.

    Castiel verkniff sich ein Seufzen.

    Er hatte Nightmare noch nie wirklich sprechen hören. Der Pestdrache äußerte sich nicht, das hatte er noch nie getan. Und auch jetzt hörte er die dunkle, raue Stimme des Drachen nur in seinem Kopf.

    Trotzdem nutzte er Orawan.

    Und Castiel konnte es nicht nachvollziehen. Eigentlich müsste Nightmare dazu in der Lage sein, in der Sprache seines Reiters zu kommunizieren, solange die Kommunikation nur über die Gedanken stattfand. Doch der Drache weigerte sich wohl, in die Sprache der Anderen zu wechseln.

    Nightmare sprach ausschließlich Orawan.

    Manchmal war sein Drache schon ein kleines Arschloch, aber Castiel hatte sich von Azuka die Drachensprache natürlich trotzdem beibringen lassen. Er liebte dieses Tier, auch wenn Nightmare es ihm nicht immer leicht machte.

    Auch jetzt war der Kommentar des Drachen eher abfällig gewesen. Die Anderen werden die Drachen nie verstehen... Ein wenig Wahrheit enthielt seine Aussage wohl. Gänzlich verstehen würde man diese Tiere nie.

    Das war unmöglich.

    Er hätte sich den Kommentar trotzdem sparen können.

    „Gibt es eigentlich auch eine nette Sache, die du über uns sagen kannst?", zog Castiel seinen Drachen ein wenig auf.

    Tey lo my taris.

    Augenblicklich verspürte er ein warmes Gefühl in seinem Inneren. Das war tatsächlich nett.

    Jedenfalls schien Nightmare auch heute Schwierigkeiten damit zu haben, den richtigen Weg zu finden. Das war verwunderlich, schließlich kannte der Drache den Zielort. Außer... Außer Azuka und die anderen waren nicht mehr auf Halvars altem Hof.

    Hatten sie etwa den Standort gewechselt?

    Das würde zumindest erklären, warum sein Drache so konzentriert war. Außerdem hatte Castiel tatsächlich das Gefühl, dass sie länger unterwegs waren als bei ihrem Flug zur Akademie. Erst war er davon überzeugt gewesen, dass ihn dieses Gefühl täuschte, doch jetzt war er sich da nicht mehr so sicher.

    Was, wenn sie sich mittlerweile wirklich woanders aufhielten?

    Aber warum? Was war passiert?

    Castiel hatte irgendetwas verpasst. Das hatte er befürchtet. Genau deswegen hasste er es, vom Rest der Welt ab-geschottet zu sein... Wahrscheinlich war er viel zu lange in der Akademie gewesen, auch wenn er das nicht wahrhaben wollte.

    Aber er hatte die Zeit nun mal gebraucht.

    Plötzlich spürte er, wie Nightmare herabsank. Offenbar hatten sie ihr Ziel bald erreicht.

    Den Göttern sei Dank.

    Je mehr sie an Höhe verloren, desto stärker konzentrierte Castiel sich auf seine Umgebung. Während des Flugs war es wegen des Zugwinds so gut wie unmöglich für ihn, irgendetwas von der Natur mitzukriegen. Doch langsam konnte er andere Geräusche wahrnehmen und spüren, dass die Kälte nicht nur durch den Wind entstanden war.

    Es war in dieser Gegend recht kühl, wobei Castiel nicht sagen konnte, ob es wirklich kälter als bei Halvars altem Hof war. Er war noch nie sonderlich kälteempfindlich gewesen und auch jetzt fror er nicht. Waren sie im Norden? Möglich, aber er konnte es nicht sicher sagen.

    Man hörte hier auch nichts Ungewöhnliches. Den Wind, der durch Laub zu rauschen schien, was zumindest darauf hindeutete, dass es hier in der Nähe Bäume gab, und ein paar Vögel, die um die Wette zwitscherten. Sonst nichts.

    Um ehrlich zu sein, war es ansonsten sogar erstaunlich still.

    Bis der Wind ihm leise Stimmen zutrug.

    „Zuka, du warst die ganze Nacht weg, kommst mit mehr Blut zurück als vorher und erzählst uns jetzt, dass du auf der Insel warst! Die Fassungslosigkeit war eindeutig aus Vincents Stimme herauszuhören. „Was soll ich damit an-fangen?!

    Was auch immer Castiel verpasst hatte, es schien äußerst interessant zu sein. Vielleicht sollte er sich bei dem Wort Blut Sorgen machen, doch seine Neugier überwog. Er wollte wissen, was hier los war.

    „Verdammt, ich weiß es nicht!, hörte er nun Azukas unsichere Stimme, gerade als Nightmares Krallen den Boden berührten. „Ich habe Erik von Eiswacht getötet, herausgefunden, dass mir Feuer nichts anhaben kann, den besten Sex meines Lebens gehabt und... ich bin verwirrt.

    Tja, autsch.

    Das hatte Castiel sicher nicht hören wollen. Mochte sein, dass Azuka und er nicht mehr zusammen waren, doch das machte es nicht weniger schmerzhaft.

    Demotiviert rutschte er von Nightmares Rücken.

    „Das können wir uns nicht leisten..." Dass Vincent einfach weitersprach, bedeutete wohl, dass keiner von ihnen Castiels Ankunft bemerkt hatte.

    Konnten sie ihn nicht sehen? Befanden sie sich in einem Gebäude? Ihre Stimmen waren eigentlich gut verständlich, doch wenn sie alle auf einem großen Platz stehen würden, hätten sie Nightmare und ihn wahrnehmen müssen.

    In diesem Moment vermisste er seine Sehkraft.

    Mit ihr hätte er die Situation wesentlich besser einschätzen können. Doch er musste ohne sie zurechtkommen.

    Also konzentrierte er sich darauf, aus welcher Richtung die Stimmen kamen. Sein Gehör war in den letzten Wochen deutlich besser geworden... Wobei das so wohl nicht ganz stimmte. Er hatte schon immer ein gutes Gehör gehabt, doch erst in den letzten Wochen hatte er gelernt, es richtig zu nutzen.

    Obwohl er sich sicher war, dass die Richtung die er einschlug, ihn direkt zu den anderen führen würde, setzte er nur langsam einen kleinen Schritt vor den anderen. Denn wenn sie sich wirklich in einem Gebäude befanden, würde Castiel auf jeden Fall noch auf Hindernisse treffen.

    Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich fest an. Wahrscheinlich Stein... Die kleinen Unebenheiten ließen darauf schließen, dass es sich dabei um den natürlichen Untergrund der Gegend handelte. Castiel spürte oder hörte nichts, was auf Gras oder Laub hindeutete. Die nähere Umgebung schien also relativ kahl zu sein.

    Waren sie wirklich im Norden?

    Es erschien ihm durchaus realistisch, doch sicher war er sich nach wie vor nicht.

    Als er den Wind plötzlich nicht mehr in sein Gesicht blasen spürte, verstärkte sich seine Vermutung, dass die anderen sich in einem Haus befanden. Zumindest war da irgendetwas vor ihm, das ihn vor der kühlen Luft schützte. Castiel streckte vorsichtig seine rechte Hand aus, um zu ertasten, was sich vor ihm befand. Seine Fingerspitzen trafen auf eine Holzwand, die sich so rau anfühlte, dass er seine Hand schnell wieder davon wegnahm, bevor er sich einen Splitter einziehen konnte.

    Möglicherweise handelte es sich hier um ein altes Gebäude. Oder es wurde einfach nicht gut gepflegt.

    Castiel versuchte, möglichst parallel an der Wand entlangzugehen. Kurz nachdem er sein Augenlicht verloren hatte, war ihm erst bewusst geworden, wie schwierig es eigentlich war, geradeaus zu gehen. Mittlerweile konnte er das deutlich besser.

    Hin und wieder fasste er vorsichtig nach der Wand, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht von dem Gebäude entfernte oder einfach an der Haustür vorbeirannte. Doch er nahm seine Hand auch immer wieder zu sich zurück.

    Auf diese Weise fühlte er sich irgendwie selbstständiger.

    Als die Stimmen der anderen plötzlich klarer wurden, wusste er, dass er die Tür gefunden hatte. Als er versuchte, nach dem Türgriff zu greifen, merkte er, dass das Holz bei seiner Berührung nachgab.

    Offenbar war die Tür nur angelehnt.

    Kurzentschlossen stieß er sie nun auf, wobei sie durch ein lautes Ächzen auf sich aufmerksam machte. Mit Sicherheit hatte Castiel nun die volle Aufmerksamkeit der anderen. Zumindest hatten sie ihr Gespräch augenblicklich abgebrochen und er hatte das Gefühl, ihre Blicke zu spüren.

    Bevor irgendeiner von ihnen etwas zu ihm sagen konnte, ergriff jedoch Castiel das Wort.

    „Wie lang steigst du schon mit ihm ins Bett?!, warf er Azuka vor, da er sich zu hundert Prozent sicher war, dass sie vor ihm stand. Auch wenn das Thema zwischen den anderen schon beendet gewesen war, griff Castiel es nun erneut auf. Er war sauer... und es war leichter, sich über Azukas Beziehung zu diesem Verbannten aufzuregen, als über das zu reden, was Castiel in den letzten Wochen erlebt hatte. Zumindest ging Castiel davon aus, dass seine Prinzessin von Cain gesprochen hatte... Sie hatte in Praeternaturalia schon so viel Zeit mit ihm verbracht und nun hatte Vincent die Insel erwähnt. Wer sollte es also sonst sein? „Seit dem Wunschtag?, blaffte er sie weiter an.

    Doch sie ignorierte seine Frage völlig.

    „Cas! Ihre anfängliche Überraschung wich schnell einer deutlich hörbaren Unsicherheit. „Du... Was ist passiert?!

    Und da war sie:

    Die Frage, die er nicht beantworten wollte.

    „Lenk nicht ab!", knurrte er.

    Wobei er sich über seine Doppelmoral bewusst war. Er schoss sich auch nur auf diese Sache mit dem Verbannten ein, weil er nicht über seine Blindheit sprechen wollte. Natürlich wusste er, dass Azuka schlafen konnte, mit wem sie wollte. Immerhin waren sie nicht mehr zusammen. Und auch wenn es ihn ankotzte, dass sie sich ausgerechnet für Cain entschieden hatte, hätte er ihr das normalerweise nicht vorgeworfen.

    Normalerweise hätte er so getan, als würde es ihn einen Scheiß interessieren.

    Aber in diesem Moment... In diesem Moment kam es ihm ganz recht, dass er sich über Azukas Sexleben auslassen konnte.

    Ich lenke ab?!" Nun war neben der Unsicherheit auch eine Spur Ungläubigkeit in ihrer Stimme zu hören.

    Manchmal hasste er sie dafür, wie gut sie ihn kannte. Natürlich hatte sie ihn direkt durchschaut.

    „Cas, du... Du trägst eine Augenbinde, sprach sie weiter, bevor er irgendetwas erwidern konnte. „Bist du etwa... Sie brach ab. „Wir wollen wissen, was passiert ist", sagte sie dann nur.

    „Wer sind denn wir?", fragte er widerwillig.

    Azukas und Vincents Stimmen hatte er selbstverständlich erkannt. Doch da war noch jemand anderes gewesen. Intuitiv hätte er auf Jade getippt, doch er kannte ihre Stimme nicht gut genug, um sich nach den Wochen, die vergangen waren, noch genau daran zu erinnern. Vielleicht irrte er sich.

    Vielleicht war noch jemand da, den er nicht reden gehört hatte.

    Er wusste es nicht.

    „Alle, antwortete Azuka langsam, bevor sie die einzelnen Personen schließlich aufzählte. „Also Vince, Jade, Fenris, Halvar, Eyra und...

    Castiel runzelte die Stirn. „Eyra?"

    Wer war Eyra?

    „Ja, sie... Azuka seufzte. „Lange Geschichte. Sie ist Alfonsos Nichte, aber wir haben sie aufgenommen und sie hilft uns... Den Rest können wir dir später erzählen.

    Alfonsos Nichte.

    Eine Palatina also. Jemanden wie sie zu haben, der den Obersten Kreis gut kannte, konnte beim Stürzen der Magier durchaus hilfreich sein. Leider aber auch genauso gefährlich.

    Doch Castiel war lange weg gewesen, er vertraute also darauf, dass die anderen wussten, was Eyras Anwesenheit für sie alle bedeuten konnte. Vielleicht würde er das ebenfalls besser einschätzen können, wenn er den Rest der Geschichte erfuhr.

    Bis dahin begnügte er sich mit den wenigen Informationen, die er bekommen hatte.

    „Und du?", beendete er also nur fragend Azukas Aufzählung, anstatt weiter auf die Anwesenheit der Palatina einzugehen.

    „Und...? Es war fast ein wenig amüsant, wie verwirrt und unsicher Azuka nun schon seit einigen Minuten klang. So kannte er sie sonst eher nicht. Doch sie schien bald zu verstehen, dass er wieder von den Leuten sprach, die gerade hier waren. „Ja, und ich, bestätigte sie nun seine Vermutung. „Das sind wir. Also, was ist passiert?"

    „Dein Gott hat einen schrägen Sinn für Humor, erwiderte er möglichst gleichgültig. Dafür, dass er darüber eigentlich gar nicht sprechen wollte, klang er doch recht unbeschwert. „Oder für Gerechtigkeit.

    „Gerechtigkeit?", hakte nun Vincent mit skeptischer Stimme nach.

    „Ja, die Weisen haben mich dabei erwischt, wie ich meine Fähigkeit dazu genutzt habe, in die Akademie einzudringen, erzählte Castiel knapp. Er konzentrierte sich aufs Wesentliche, die ganzen Einzelheiten waren erstmal nicht wichtig. „Und da ich mehr oder weniger im Namen von D’drans Tochter da war, war es an D’drans Hohepriester, mich zu bestrafen...

    „D’dran hat einen Hohepriester?!", fiel ihm Azuka ins Wort.

    Leider konnte er gerade nicht auf nonverbale Weise zeigen, wie sehr es ihn nervte, unterbrochen zu werden. Ja, sein Todesblick und das Verdrehen der Augen fehlten ihm doch recht oft. Seine Mimik war ihm immer sehr wichtig gewesen, doch nun musste er andere Wege finden, mit denen er seine Gedanken ohne Worte kundtun konnte.

    Aber da ihm in diesem Moment nichts einfiel, sprach er einfach weiter. „Ja, hat er. Aber davon weiß der Oberste Kreis natürlich nichts. Jedenfalls ist einer von D’drans Grundsätzen wohl, dass man mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen leben muss, also haben die Weisen mir zur Strafe für mein Verhalten meine Fähigkeit genommen", kam er nun zu der Sache, die die anderen wohl am meisten interessierte.

    Aus irgendeinem Grund wollte er nicht aussprechen, dass er wegen der Weisen erblindet war. Dass sie ihm seine Fähigkeit genommen hatten, kam ihm einfach leichter über die Lippen.

    Doch die anderen sollten intelligent genug sein, um zu verstehen, was das bedeutete. Zumindest hielt er seine Begleiter im Normalfall nicht für dumm.

    Für eine kurze Ewigkeit blieb es verdächtig still. So still, dass ihm klar war, wie entgeistert sie ihn anstarren mussten.

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