Weibsstücke: Geschichten zwischen Licht und Finsternis
Von Tatja Naditar
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Über dieses E-Book
»Weibsstücke« schildert die entscheidenden Wendepunkte im Leben verletzlicher, unbeugsamer, entschlossener Frauen – zwischen Leidenschaft und Angst, Hingabe und Verrat, Leben und Tod.
Zwanzig schaurig-schöne Kurzgeschichten, die zeigen: Das Abgründige ist oft nur einen Herzschlag entfernt.
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Buchvorschau
Weibsstücke - Tatja Naditar
chaptune
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Chera
Der Pharao war tot. Fanfaren verkündeten es. Das Volk trauerte – und Chera trauerte mit ihm. Doch ihre Tränen galten nicht nur dem Herrscher, der ein guter und gerechter Mann gewesen war, geliebt wie kein anderer vor ihm. Sie weinte auch um ihr eigenes Leben, das mit seinem Tod verwirkt war.
Sie legte die Arbeit nieder und trat ans Fenster. Von hier aus konnte sie zum großen Balkon hinübersehen, der zu den Gemächern des Pharaos gehörte. Gerade traten die Priester heraus, um dem Volk zu verkünden, was die Trompeten längst angedeutet hatten.
Ein Frösteln durchlief sie – nicht wegen der dicken Mauern, die die Hitze der ägyptischen Sonne vom Inneren des Palastes fernhielten, und auch nicht wegen des dünnen Gewands, das ihren Körper umschmeichelte. Es war das Wissen, dass ihre Dienerschaft mit dem Tod des Pharaos nicht endete. Noch über das Leben hinaus war sie ihm verpflichtet – sollte ihn auf seiner Reise in die Welt der Götter begleiten und ihm auch dort dienen. So verlangte es die Tradition: 300 Auserwählte aus seinem engsten Kreis würden mit ihm ins Totenreich eintreten.
Verzweiflung keimte in ihr auf. Sie wusste um die Ehre, die ihr damit zuteilwurde. Und doch konnte sie nichts gegen die Angst tun, die in diesem Moment der Verkündung ihr Herz ergriff. Dieses Gefühl war ihr nicht fremd. Schon damals hatte sie es gespürt, als sie erfuhr, dass der Pharao ihr seine Gunst erwiesen hatte: Ihr Name stand auf der Liste seiner letzten Gefährtinnen. Er hatte sie gemocht – mehr als jede andere. Seitdem war sie sich der giftigen Blicke der übrigen Frauen nur allzu bewusst. Bösartig hatten sie jeden ihrer Schritte beäugt, neidisch ihre wunderschönen Augen und das seidenhaft glänzende, schwarze Haar bestaunt. Was wussten diese törichten Weiber schon? Zu gerne hätte Chera mit einer von ihnen getauscht – ihre Stellung abgegeben, wenn sie nur gekonnt hätte. Doch der Wille eines Pharaos war unumstößlich.
Schon damals hatte sie sich gefürchtet, doch damals war alles noch fern gewesen – ein vager Gedanke an eine ferne Zukunft. Der Pharao war jung, und Chera hatte seine Zärtlichkeit genossen, ohne zu ahnen, dass er eine Krankheit in sich trug, der selbst die gelehrten Priester machtlos gegenüberstanden. Die Götter hatten ihn viel zu früh zu sich gerufen.
Aus Angst wurde Übelkeit. Cheras Gedanken rasten. Noch war es nicht so weit – die Einbalsamierung hatte begonnen, die siebzig Tage der Vorbereitung lagen vor ihnen. Doch die Priester würden bald kommen, um die Auserwählten zusammenzuführen. Und sie wusste: Es war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen, von seinen treuen Dienern empfangen zu werden, wenn er das Reich der Toten betrat.
Chera kannte ihre Pflicht. Ihr Geist sagte ihr, sie müsse gehorchen – aber etwas anderes regte sich in ihr. Eine leise Stimme, die sich gegen das Unvermeidliche aufbäumte. Der Drang zu leben wurde übermächtig. Gab es einen Ausweg? Was, wenn sie einfach fortging – den Palast verließ, Theben verließ, dem Nil entlang … irgendwohin, wo niemand ihren Namen kannte?
Noch während dieser Gedanke in ihr aufstieg, begannen ihre Füße zu laufen. Hinaus aus dem Saal, die schmale, dunkle Treppe hinunter, hinaus ins Freie. Die bunt bemalten Wände des Hofes schienen sie zu erdrücken, ihr Herz raste. Nur noch der Vorhof und dann durch das große Tor in die Stadt. Vielleicht würde niemand sie erkennen. Sie zog den Schleier tief ins Gesicht. Jetzt war sie halb durch den Vorhof. Die Menschen ringsum waren mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt – der junge Pharao war tot. Niemand schien Notiz von ihr zu nehmen.
Dort vorn: das Tor. Nur noch wenige Schritte. Angst verwandelte sich in Euphorie. Hoffnung keimte in ihr auf. Ein neues Leben. Ein Leben ohne Dienst am Pharao. Zum ersten Mal fühlte sie sich frei – freier als je zuvor.
Da packte sie eine Hand grob am Arm. Ein Schmerzenslaut entfuhr ihr, als sie herumgerissen wurde. Die kahl rasierten Schädel der Priester traten in ihr Blickfeld. Es war vorbei. Es gab kein Entkommen. Man zerrte sie zurück über den Hof – zum Tempel, wo die anderen Dienerinnen bereits warteten. Keine Zeit blieb. Der Pharao war schon auf dem Weg ins Totenreich, und sie mussten ihm bald folgen.
Alles in Chera schwand. Was blieb, war lähmende Taubheit. Sie war die Dienerin des Pharaos. Und sie würde ihm folgen.
Mina
Der Morgen begann düster, denn der Himmel war wolkenverhangen. Vom feuchten Boden stieg wabernder Nebel auf, und die Landschaft schien an diesem Morgen in blaues Licht getaucht.
Ihre Tochter schlief noch, als Mina die kleine Hütte verließ. Es war noch früh und die Luft kalt. Mina musste sich ihren Fellumhang enger um die Schultern raffen, denn es fröstelte sie. Doch das lag nicht wirklich an der kalten Luft, sondern am Tag selbst, der jetzt noch jung und unschuldig war.
Seufzend und widerstrebend stapfte Mina durch den schlammigen Boden, um sich zu den anderen Frauen des Dorfes zu gesellen, die bereits mit ihrer Arbeit begonnen hatten. Die Vorbereitungen waren schon in vollem Gange, denn heute war ein ganz besonderer Tag – der wichtigste des ganzen Jahres. Dieser Tag war allein den Göttern gewidmet.
Der Druide hatte bereits die Nacht durchwacht. Er hatte die Nacht in Trance und mit den unterschiedlichsten heiligen Handlungen verbracht. Als Mina an seiner Hütte vorbeikam, war er dabei, mit ernstem Gesichtsausdruck sein rituelles Messer zu schärfen. Es würde heute eine bedeutungsvolle Rolle spielen. Mina musste einen Moment stehenbleiben, denn ihr wurde das Herz schwer und der Druck nahm ihr den Atem.
Sie zwang sich weiterzugehen
