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M’Batánga: Reise zum Glück
M’Batánga: Reise zum Glück
M’Batánga: Reise zum Glück
eBook341 Seiten4 Stunden

M’Batánga: Reise zum Glück

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Über dieses E-Book

Elena könnte nicht glücklicher sein: nach jahrelanger Trennung wird sie endlich ihre geliebte Cousine wiedersehen. Zusammen mit ihrem Vater reist die junge Frau nach Afrika, wo ihr Onkel die kleine Touristenfarm M’Batánga leitet. Vom ersten Augenblick an ist sie von der wilden Schönheit des Landes fasziniert. Vor allem der stolze und schöne Häuptlingssohn Mali macht ihren Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis. Elena ist sich sicher: mit diesem Mann will sie den Rest ihres Lebens verbringen. Doch dann trifft ein schrecklicher Schicksalsschlag die Familie und nichts ist so, wie es einmal war. Hat Elenas Liebe trotzdem eine Chance?
SpracheDeutsch
Herausgeberhey publishing
Erscheinungsdatum20. Mai 2015
ISBN9783956070204
M’Batánga: Reise zum Glück
Autor

Cornelia Canady

Cornelia Canady, geboren 1942 in Berlin, war Cutterin und Naturfilmexpertin am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung, bevor sie für über zehn Jahre in die Zentralafrikanische Republik übersiedelte. Dort engagierte sie sich für die Erhaltung des Urwaldes, der dem letzten traditionell lebenden Pygmäenstamm Lebensraum bietet. Cornelia Canady beschreibt ihr abenteuerliches Leben in der fremden Kultur in ihrer Biographie "Die Gottestänzerin" sowie in den Romanen "Tränen am Ouibangui" und "Ruf des Abendwindes". Heute lebt die Autorin auf Teneriffa – doch wie ihre Heldinnen zieht es auch sie immer wieder nach Afrika zurück. Foto: (c) Privat

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    Buchvorschau

    M’Batánga - Cornelia Canady

    Cornelia Canady

    M’Batánga

    Reise zum Glück

    Roman

    Inhalt

    Elena

    Hip-Hop am 8.42° Noerdl. Breite ~ 20.64° Oestl. Länge

    Abflug nach Manovo

    Gefahr am Ufer des Kotto und der vergessene Airport

    Elena - L‘Africaine

    Le Bon Dieux de la Savanne

    Großes Fest auf der M’Batánga-Farm

    Les Sudanées ‒ Wilderer aus dem Sudan greifen an

    Commissair Demain

    Mussa bringt grüne Täubchen für die Suppe

    Tantine Gala zu Besuch

    Vorbereitungen zum großen Konzert, Elenas Liebe und die Liebe überhaupt

    Cello-Klänge an rosa Wolke und ein trauriger Abschied

    Das Unglück an der Kotto-Schlucht

    Mali

    Der Commissair schlägt zu

    Dann, am kleinen Bach…

    Quandia, das Dorf im Bongo-Massif

    Tikais Lieblingslied auf Sango

    Copyright der E-Book-Originalausgabe © 2015 bei hey! publishing, München

    Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

    Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

    Umschlagabbildung: FinePic®, München

    ISBN 978-3-95607-020-4

    Von Cornelia Canady zuletzt bei hey! erschienen:

    „Die Gottestänzerin. Mein Leben bei den Pygmäen"

    „Tränen am Oubangui. Eine Deutsche im Herzen Afrikas"

    „Ruf des Abendwindes. Der dunkle Zauber Afrikas"

    www.heypublishing.com

    Diesen Roman habe ich geschrieben, um an die tapferen Menschen zu erinnern, die ihr Leben für eine fast unmenschliche Aufgabe riskierten. Er basiert auf einer wahren Begebenheit: dem dramatischen Untergang des Schutzgebietes Manovo, La Lagunda, im Norden der Republique Centrafricaine. Durch Übergriffe mörderischer Sudanesen und aus der Rebellenarmee, wurden im Jahr 1997 vier Mitarbeiter des Parks erschossen, die Familie fast ausgerottet.

    Zum Buch gehört auch mein Dank vier Freunden. Ohne sie hätte sich die Fertigstellung dieses Romans um etliche Jahre verzögert:

    Javi y Sacha de Duckling, en Puerto de la Cruz

    PC-Doctores,

    die diverse epileptische Computeranfälle, Plattenvernichtungsviren, Dateienspastika und somit auch mich, aus dem Nirwana zurückholten. Muchissimas Gracias a vos dos.

    Gerhard Fromm, in München

    Kameramann,

    der mir mit einmaligem Fotomaterial aus einer Reise mit Leni Riefenstahl zu den Nuba, viele Recherchen erleichtert hat. Danke Dir von Herzen.

    Ingrid Bichler, überall

    Inspiratorin,

    die mir mit ihrer Freundschaft in vielen finsteren Stunden das Ende des Tunnels zeigte und mein Leben vom streunenden Köter wieder in schreib-humane Bahnen lenkte. Sei in Liebe umarmt.

    Gregorio Hilario Camejo, in La Orotava

    Guru di mi Alma,

    der mich sooft zur Verzweiflung brachte, dass ich aus der gemeinsamen Wohnung auszog und mir einen „Schreibhorst" mietete, um in Ruhe meine schrägen Gedanken nieder schreiben zu können. Ohne diese Flow-Ära am Atlantik, kein M’Batánga.

    Tu eres mi vida. Contigo siento una brisa que me habla sin palabra.

    Weitere Informationen zu Elenas neuer Heimat, der Geschichte, Sprache und Kultur der Zentralafrikanischen Republik finden Sie auf den Seiten des Auswärtigen Amtes unter http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/ZentralafrikanischeRepublik_node.html

    Elena

    Ein heftiger Akkord tönte durch die Aula. Wer noch nicht richtig saß, fand schnell seinen Platz. Leidenschaftliche Tonfolgen, Musik wurde zerrissen, eine bizarre Melodie schwebte ein, eine ungarische Weise lähmte das Publikum. Zugleich erhob sich blutrot, fast bedrohlich, die aufgehende Sonne hinter der schemenhaften Figur der Solistin. Verblüfft verfolgten die Zuhörer Elenas Cello-Spiel in der Musikhochschule. Die Stimmung war bis eben familiär, man kannte sich größtenteils durch Veranstaltungen, freundschaftliche Grillabende, Friseurbesuche oder wenig erfreuliche Elterntreffs. Hier, in der Musikhochschule, traf man sich wieder. Hier wurden voll protzigen Stolzes oder leiser Bescheidenheit, die hausgemachten Debütanten zu Abschlüssen oder Sonderkonzerten präsentiert, kritisiert, preisgekrönt.

    Elena begeisterte heute alle. Erstaunt folgten die Blicke der Zuhörer diesem Auftritt, denn keiner ahnte bisher solch leidenschaftliches Potential und Einfallsreichtum in der eher stillen Musikschülerin.

    Gegen das Bühnenlicht leuchteten ihre ungebändigten Haare wie Feuer um das schmale Gesicht, das versöhnlich sanft wie Porzellan schimmerte. Den Mund lächelnd geöffnet, zwischendurch leise, unverständliche Worte murmelnd, die Augen geschlossen, als schämten sie sich das Innerste Preis zu geben, war Elena völlig im Klang ihres Cellos versunken ‒ im melancholischen und weichen Klang der Melodie. Die Blicke der Menschen im Saal hingen an diesem eigenwilligen Mädchen. Vieles gab es zu sehen, was wohl nicht richtig ein zu ordnen war. Wie passten helle Augen zum roten Haar, die zarten, nackten Füße zum metallenen Spieß des Cellos, wie unverschämt, spreizten sich die Schenkel des Mädchens und wie unschuldig lächelte der Mund.

    Auch das Cello gab etwas her, erotische Details, die nicht zu übersehen waren: geschmeidig, besitzergreifend- sinnlich, lag es zwischen den geöffneten Beinen. Als ob es wüsste, welche geheimen Offenbarungen dieser Körper bot, den es hier nur durch dünnen Samt des dunkel grünen Kleides trennte. Obwohl es sächlich schien, das Cello, hier wirkte es ausgesprochen männlich. Wurde es nicht auch wie ein Lover immer wieder umarmt? Wurde es nicht gezupft wie geliebte Haut, wurde es nicht mit zartem Bogen gestreichelt, wo es wohl am schönsten empfindet? Und auch am Hals durch kräftigen Griff in die Tonhöhen mit nötigem Halt versehen, gar gedrückt, dass es sich mit seligem Stöhnen fallen lassen konnte? Auch geschlagen wurde es, heftig sogar. Und das grade im Augenblick, als die Sonne sich in der Kulisse mit fliegenden Wolken vereinte, in einem zarten, unschuldigen Rosa. Doch plötzlich fegte stärker werdender Wind durch die Aula, leere Mülltüten flogen über die Bühne. Zuhören, zusehen.

    Als persönliche Eigenart demonstrierte Elena hier in diesem Konzert zum ersten Mal, dass für ihr Musikverständnis auch andere Empfindungen ganz vordergründig wichtig waren: Licht, Geräusche, Bilder. Bilder die sich in neuester Technik auf- und ablösten. Eine Formation von Wildgänsen, die sich laut rufend über peitschende Wellen kämpfte, hin zum klaren Grün einer Insel, Freiheit! Die Vögel verschwanden, lösten sich in einem grellgelben Lichtkanal. Begleitet wurde der Wildganspulk mit schrillen, kurzen Schreien, die sich leiser werdend im leichten Pfeifen des Windes verloren. Neonblitze leiteten eine rasche Tonfolge ein und mit ihr das Ende der die Freiheit suchenden Wildgänse. Auch die Schreie erloschen jäh. Nur das leise Rauschen der Windböen begleitete noch das Cello-Spiel, das heftig und schnell über die Saiten flog.

    Den Bogen wie ein handliches Werkzeug fest im Griff, schob Elena nun die Töne in kurzen, kräftigen Bewegungen vom Instrument, dann wieder energisch bis zum Hals hinauf, zupfend, plötzlich überspringend in ein rasantes Fingerspiel, in aggressivem Stakkato, das sich in scheinbaren Disharmonien auflöste. Ihr Kopf war weit in den Nacken geworfen, die Augen geschlossen, die sinnlichen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gepresst. Es gab kein „sich fallen lassen" in die Musik. Elena verstand es, die Gedanken zu manipulieren, zwang sie in ihre eigenste Vorstellungswelt, fast herrisch zeigte sie dem Publikum, was sie wollte, zwang es zum gemeinsamen Desaster und zur gemeinsamen Erlösung. Fast atemlos hörten die Menschen zu, gefangen zwischen Bild- und Tonwelten.

    Wie sollten sie sich da des Jubels entziehen? Die Ruhe bewahren? Elena, die trotz ihrer jugendlichen Erscheinung, offensichtlich wusste oder ahnte, was großes Instrumentalspiel wirklich ernst werden und den Ursprung der Musik begreifen lässt, ließ ihr Instrument weiter singen, zu Straßenlärm und Kinderlachen. In vielfältigen Variationen nutzte sie alle vier Oktaven auf virtuose Weise in diesem temperamentvollen ungarischen Stück. Grade steigerte sich der dünn-sehnsüchtige Ruf des Cellos in schlankem, hellem Klang der A-Saite auf einer sich aufblähenden Blase zum Zerreißen hin.

    Das Publikum wartete auf den erlösenden Knall. Im Saal war es mucksmäuschenstill, nicht einmal das leiseste Scharren von Füßen, nicht ein einziges Hüsteln war zu hören. Es waren die letzten Töne der Cello-Sonate Op. 8 von Zoltan Kodaly. Das Stück klang auch schon aus. Ein puristischer Monduntergang in graues Nichts, machte in der Kulisse auf sich aufmerksam, oder war nur das Licht ausgefallen?

    Elena öffnete die Augen und kam mit einem entrückten Lächeln langsam in die Gegenwart zurück, in einen spärlichen, fahlen Lichtstrahl. In jungenhaftem Ruck warf sie die glühend rote Haarwolke in den Nacken, griff das geile Cello am Schlafittchen und stand auf. Elenas knapp 22 Jahre erkannte man jetzt gut in ihrer jugendlichen Präsentation, ohne Zweifel. Umso verwunderlicher die Perfektion des Spieles und die eigenwillige Interpretation. Aber diese zierlich und doch zugleich erdig wirkende Person, bestand noch aus reichlich anderen Gegensätzen von denen bestachen: der sinnliche Körper gepaart mit lässiger Burschikosität der Gesten; eine energisch gewölbte Stirn über einer zarten Nase, ein äußerst trotziger Mund.

    Der Saal belebte sich langsam mit Geräuschen, mit leisem Stimmengewirr und dann brach auf einmal tosender Applaus los. In der kleinen Aula hallte er doppelt so laut und wollte nicht enden. Elena verbeugte sich scheu mit eckigen Bewegungen, bis fast auf den Boden, wobei die roten Haare auf der alten Holzbühne entlang fegten. Der Applaus schwoll noch mal an.

    Steif und recht verlegen, beugte sie sich noch tiefer, berührte fast die nackten Füße während sie mit den Händen noch fester am Halse ihres hölzernen Kameraden würgte, der am Boden schlotterte. Fast unauffällig drehte sie sich kurz zur Seite und schaute zu einer kleinen Tür neben der Bühne. Überlegte ganz offensichtlich, wie es hier am schnellsten raus ginge.

    Doch die Zuschauer waren begeistert aufgestanden und klatschen ununterbrochen weiter, wobei in der ersten Reihe ein Paar besonders auffiel. Ein mittel-alter, drahtiger Mann mit leuchtend roten Haaren und daneben eine hübsche mollige Frau, applaudierten voller Enthusiasmus und jubelten Elena in lebhafter Begeisterung zu. Es waren Elenas Eltern, Marianne und Eugene Larousse.

    Mutter Marianne, eine hübsche 40-jährige, mit dem gemütlichen Elan aller rundlichen Wesen gab ihrem Eugene einen liebevollen Kuss und schwärmte: „Unsere klei.. Lena!"

    Eugene, irgendwie wirkte er verkleidet in dem dunklen Anzug, an dem die Ärmel zu lang schienen, oder die Hände zu groß, nickte zufrieden und versuchte beim Applaudieren seine derben Hände möglichst unauffällig zu bewegen. Am liebsten würde er sie auf den Stuhl legen und dort ein wenig klatschen lassen. Seine Augen waren stolz auf Elena gerichtet.

    Noch ein begeisterter Mann saß in der vordersten Reihe. Ein blondes, hageres Mannsbild, das intensiv zu Elena hinaufschaute und ihr lachend zu winkte: ich bin auch dabei! Abel, ein junger Arzt und seit kurzer Zeit Elenas Freund.

    Die Eltern waren natürlich begeistert von dieser viel versprechenden und auch äußerst ‚standesgemäßen’ Verbindung. Doch Elena nahm es nicht allzu ernst: es gab ja noch so viel zu tun! Außerdem, so drückten es grade ihre Augen aus, fand sie Abel ein wenig aufdringlich oder wie sie es immer ausdrückte: ‚zu geräuschvoll’. Sonst aber fiel er eigentlich eher dadurch auf, dass er nicht auffiel; ein Chinese allerdings könnte noch bemerken: ‚auffallend ist dass er keine gelbe Hautfarbe hat!’

    Elena entwischte nun doch flink zum Weg des Bühnenabganges, winkte noch einmal knapp und linkisch, ein Lächeln flog auch noch mit zum Saal zurück.

    Dann, grade als sie die Treppe hinab steigen wollte, sprang Abel vor, auf die Bühne und mit einem weiteren, langen Satz ergriff er schnell ihre Hand. In einer Art „erweiterter Familienangelegenheit", zog er Elena sanft, aber bestimmt zur Bühne zurück und präsentierte sie majestätisch dem Publikum. Ja, er liebte sie aufrichtig, war stolz auf sie. Das, wie er meinte ‚zickliche Getue‘ schrieb er Elenas Jugend zu.

    Das Publikum honorierte seinen Eingriff fröhlich pfeifend, lebhafte Zurufe schlossen sich an. Doch Elena entwand sich brüsk seinem Zugriff. Eilig lief sie wieder zur Tür, winkte noch einmal ein wenig linkisch zum Publikum zurück und dieses Mal gelang ihr die Flucht.

    Abel, der ihr hinterher gelaufen war, wurde verärgert zu Recht gewiesen: „Du weißt doch, dass ich so was nicht mag. Wie kannst du mich vor allen Leuten so brüskieren. Ich wollte mich zurückziehen, das Konzert ist vorbei!", schimpfte Elena vorwurfsvoll, wobei ihre hübsche runde Stirn ziemlich runzlig wurde.

    Das Publikum bekam die Auseinandersetzung zwischen Tür und Angel mit, leises Lachen war zu hören und Äußerungen wie: „Lass Sie doch, oder „Elena komm zurück!

    Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Abel schaute Elena bedrückt an, versuchte aber die Stimmung zu heben: „Ach Leni, Du bist immer so bescheiden! Die Leute lieben Dich und Deine wunderbare Musik, sie wollen Dir doch bloß danken. Und wenn du dich so schnell verdrückst, ist das doch nicht möglich. Ja, es kommt sogar ein wenig arrogant rüber."

    Er versuchte Elena zu umarmen, doch sie schob ihn beiseite.

    „Ich mag den Rummel nicht, das weißt du doch!, erklärte sie mit leiser Stimme, jedoch sehr entschieden. „Es ist mir peinlich, wenn ich so angeglotzt werde. Ich möchte mich dann am liebsten verkriechen. Und du müsstest das doch langsam respektieren.

    Es war ihr während dessen gelungen, sich den endgültig öffentlichen Blicken zu entziehen, auch denen durch die Ritzen, und mit Abel die nächste Türe zu erreichen. Fast ein wenig versöhnlich legte sie jetzt die Hand auf seinen Arm.

    „Sei nicht bös, es ist halt so! Wo sind denn die Eltern, wir wollten doch gleich nach Hause gehen?"

    Elena war ungeduldig. Sie wollte jetzt alleine sein, sich entspannen und den schönen Augenblicken des Spieles nachhängen und nicht herumgezerrt werden. Außerdem auch der Vorahnung aus dem Weg gehen, dass noch mehr Fragen und auch Fremde dazu kämen, wo man Rede und Antwort stehen müsste. Elena war froh, wenn sie schwierigen Dingen ausweichen konnte. Nicht dass sie sich überfordert fühlte, sie fühlte sich einfach wohler in einer beschützten Welt, am liebsten unter der Obhut und Liebe ihrer Eltern. Da wurde ihr Weg wunderbar geebnet und sie brauchte sich nur noch auf ein unkompliziertes Leben zu konzentrieren, ihr Spiel zu vervollständigen, ihr geliebtes Cello zu verzaubern. Mehr hatte sie bisher nie versucht.

    Abel entdeckte Eugene und Marianne im Seitengang und beschwichtigte Elena. „Schau, alle sind da! Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich bin so wahnsinnig stolz auf dich. Wir werden Dein erstes Konzert noch in Ruhe feiern, nur wir beide… ja?

    Dieser nette Satz erstarrte in Gefrierfach-Atmosphäre, kaum dass er draußen war: Phhfff!

    Sie mochte sich grad nicht besonders, aber irgendwie fand sie Abel auch völlig daneben, aufdringlich, sodass sie weiter in die Kälte stürzte.

    Eugene war heran gekommen und nahm seine Tochter stumm in die Arme, nicht ohne einen vorwurfsvollen Blick auf Abel zu werfen. Elena ließ sich gerne drücken, in Vaters warmer Armbeuge fühlte sie sich wohl, war es kuschelig. Sie gab ihm einen eiligen Kuss auf die Wange und fragte leise, ungeduldig: „Hat es dir gefallen? War es nicht zu eigenwillig dem Komponisten gegenüber?"

    Dabei schaute sie ihren Vater ernst an und bevor er antworten konnte, fügte sie noch in leiser Überlegung hinzu: „Es sollte doch mit genügend Respekt gespielt werden!"

    Eugene drückte seine Tochter noch inniger an sich.

    Mit geschlossenen Augen wiegte er sie wie ein Baby. Er liebte dieses eigenwillige Kind über alles. Verstand dessen künstlerische Nöte. Zärtlich neigte sich seine Nase in die wirren Mädchenlocken, schnüffelte sie ab und schien jede einzelne Strähne einatmen zu wollen. Fast fraß er auch die Sommersprossen, die so witzig in Elenas Gesicht herumlagen. Sein herzlicher Charme, den er noch aus Großvaters Generation geerbt hatte, machte alles verständlich. Es las sich gut in diesem Bauerngesicht, alles arbeitete mit: die reichlich kühne Nase, der sensible Mund, die wasserblauen Augen, auch die wechselnde Struktur der Locken mit der fabelhaft leuchtenden, roten Farbe, selbst der Neigungsgrad der verschieden abstehenden Ohren.

    „Aber mein süßes Baby! In dieser so kindlichen Ansprache, ging ihm weder Respekt noch Anerkennung verloren. „Du hast doch...

    Eugene wurde von Mariannes etwas träger Stimme unterbrochen: „Genau, das hab… die Engelkes auch ges..! Dein Profess.. war ganz w…... So stolz… kaum ein Wor.. heraus bekam. Na ja, dafff.. hat sei.. Frau alles Nötige erzzz.." Wie immer verschluckte Elenas Mutter ganze Satzfragmente, zu träge, unwichtige Dinge wie Wörter ‒ von denen doch jeder wusste wie sie endeten ‒ auszusprechen. Manchmal fügte sie stattdessen eine elegante, vage Bewegung an, die aber auch nichts Genaues ergänzte, sondern schließlich ebenso unvollendet wie die Sätze, in der Luft hängen blieb. Sie drückte ihre Tochter mit einem Arm an den runden Busen und die vor Aufregung geröteten Wangen und richtete in mütterlicher Fürsorge Elenas widerspenstige Mähne.

    Mit glänzenden Augen verkündete sie würdevoll und zukunftsschwanger: „Du wirst mal eine große und berühmte Musiker....das habe ich heu….genau ges…"

    Marianne, die ihre kaum zu bändigende Haarfülle nicht nur der Tochter vererbt hatte, sondern auch genau wie Elena, diese stets mit ungeduldigem Zupfen zur Ordnung ermahnte, trug heute ihre blonden Haare zu einer fetzigen Hochsteckfrisur gebündelt. Mit ähnlichem Geschick war auch an den kleinen, überflüssigen Fett-Röllchen gearbeitet worden. Heute waren sie ganz smart im entzückenden Blümchenkleid eingezwängt und weiß der Teufel nicht, in was da drunter! Marianne glänzte im sorglosen Chic und Selbstbewusstsein einer aufgebrezelten Landschönheit. Sie liebte, genau wie Eugene, ihre Tochter über alles, fast so wie ihren kleinen bunten Vogel. Nie würde sie dulden, dass ihr oder ihm, irgendetwas Böses oder Unerwartetes zugefügt würde.

    Ständig pusselte sie an Elena herum, musste sie einfach anfassen, sie spüren, ohne etwas Bestimmtes zu tun, musste ihre Nähe dicht an ihrem Herzen fühlen.

    Elena machte dies mitunter recht nervös und verlegen, vor allen Dingen vor anderen Leuten. Aber sie wusste auch, dass es ein Ausdruck überschäumender Liebe war und deshalb schmunzelte sie meist nachsichtig. Jetzt gab sie ihrer Mutter lediglich ab und an einen leichten kleinen Klaps auf die emsige Hand, worüber beide lachten. Elena liebte dieses selbstbewusste Wesen, das in jeder Pore Muttergefühle hegte. Eigentlich müssten da auf ihrer Haut Windeln, Kindsköpfe und Schokoladenpudding in kleinen Smilies zu sehen sein. Elena schmunzelte bei dem Gedanken, sie küsste ihre Mammi herzhaft auf den erstaunt geöffneten Mund.

    Im kleinen Vorzimmer der Aula hatte Eugene inzwischen die Mäntel seiner Frauen eingesammelt, zwängte sie hinein, verschloss alles dicht und schob beide langsam, aber zielstrebig, hinaus. Elena beeilte sich, ihre Cellotasche fest im Griff, ins Freie zu kommen, denn im Hintergrund aus dem Saal, hörte man bereits Stimmen näher kommen, Stühle rücken und Sätze wie: ’Wo ist Sie denn?’ und ‚Ich will sie unbedingt sehen… Glück wünschen…. `

    Draußen war es lausig kalt. Der Atem stand in hellen Fahnen vor den Lippen, frischer Schnee blinkte auf dem Weg. Vermummt in die Wintersachen und warm in einander gehakt, suchte die Familie, wie eine Gruppe abendlicher Verschwörer, mit schnellen Schritten das Weite. Alle respektierten Elenas Wunsch, weiteren Begegnungen aus dem Weg zu gehen. Fast im gleichen Rhythmus bewegten sie sich mit zielstrebigen Schritten heim. Bloß Abel lief ein wenig abseits mit recht nachdenklichem Gesicht. War er doch grade aus dem familiären Universum ins einsame Abseits gestellt worden, wo er sich ganz unwohl fühlte. Seine schlanke, hohe Gestalt bewegte sich mit eingezogenen Schultern und leicht tapsigen Bewegungen hinter den kleinen Fußabdrücken, die Elena im Schnee hinterließ.

    Zu Hause, in der kleinen Villa der Familie Larousse, suchten sich die Frauen die wärmste Ecke, während Eugéne einen edlen Tropfen aus dem Keller holte. Den schönen französischen Namen hatte sich Eugenes Mutter vor vielen Jahren mühsam in Frankreich angeheiratet, als sie sich dort ‒ zum Entsetzen ihrer musisch veranlagten Eltern ‒ während der Schulferien in einen feschen Landwirt verliebte. In einen sehr feschen! Noch entsetzlicher: Großmutter sprach damals kein Wort Französisch. Doch nach der Geburt des ersten Sohnes änderte sich das schnell.

    Seitdem wurde das französische Flair erhalten und fast wie ein Kulturerbe gepflegt. Bis heute waren Ferien in der Normandie, in den Weinbergen der väterlichen Familie, an der Tagesordnung und alle freuten sich immer wieder auf diese ländlich-urige Zeit. Außerdem wurde stets reichlich Champagner eingepackt.

    Jetzt war solch eine schöne Gelegenheit, den edlen Tropfen zu zelebrieren. Im Wohnzimmer hatte jedes Familienmitglied, zwischen unzähligen exotischen Kissen, seltenen Pflanzen, Plüschtieren und ausgefallenen Sitzgelegenheiten aus Holz, seinen festen Platz und sank mit fragloser Selbstverständlichkeit dorthin.

    Elena saß am liebsten am Boden neben dem Hundekörbchen, auf dem opulenten Orientkissen.

    Papa Eugene stand neben seinem Pfauenthron aus Bambus, veredelt von einer Stechpalme. Dort zu Füssen, saß Elena. Liebevoll schenkte er die Gläser voll und prostete seinen Frauen zu; schließlich auch Abel, der unauffällig irgendwo auf einem Stuhl saß. Dann ließ er sich auf seinen Thron fallen und legte die Hand auf Elenas Lockenkopf.

    „Ich fühle mich, als würde ich von einem Ausflug in einen abenteuerlichen Wald, zurückkommen!", erklärte Elena fast beschwipst ihrem Vater und schmiegte liebevoll die Wange in seine Hand. Aufregung und Stress waren verflogen und das begabte Wesen mit dem roten Schopf und den eindringlichen blauen Augen wurde zu einem kleinen Häufchen schmelzender Sahne auf heißem Untergrund.

    „Aber ich bin einmal gestolpert. Eine schwierige Passage mit den vielen Griffen!", resümierte sie kritisch.

    Eugene lachte: „Mein Schatz, du drückst Dich immer so bildlich aus. Wenn du nicht Musikerin wärst, könntest du sicherlich spannende Geschichten schreiben!"

    Elena winkte ab. „Ich glaube dass die meisten Dinge schon reichlich und teilweise auch sehr gut beschrieben sind."

    Miefke, Eugenes buntfleckige Hündin, kam mit fliegenden Lefzen an galoppiert, im Schlepptau drei Welpen, die ihr kreuz und quer durch die Beine, am schlabbernden Gesäuge vorbei tollten. Eugene erklärte hierzu immer allen Ernstes, es sei eine neue Zucht. In Wirklichkeit aber wurde diese Handfeger-Hyänenmischung eines Tages laut winselnd am Raubtiergehege bei der Fleischausgabe entdeckt.

    Alle vier stürzten sich jetzt begeistert auf Elena, zu heftigstem Gerangel, Geschrei und Gefiepse und im Nu war die feinste Rauferei im Gange.

    „Vorsicht deine Fin...", mahnte Marianne laut aus dem puffigen Sofa. Aber weder Elena noch Miefke und Konsorten kümmerten sich um diesen besorgten Einwurf.

    Eugene, der als Großwildaufseher im Münchner Zoo arbeitete, hatte ständig Tiere zu Hause untergebracht. Als guter Mensch vom Isartal-Ost, konnte er natürlich kein Leid sehen und nahm sich jeder verletzten Seele an, egal aus welchem Teufelsloch sie stammte.

    Eines Tages waren so viele Tiere im Haus, dass Marianne der Kragen platzte und sie sich mit einem langen Messer neben dem Hängebauchschwein platzierte, das in der Küche grade geflissentlich mit der Mülltrennung beschäftigt war. Auf dem vormals blitzblanken Boden lag, sorglos verteilt, der Inhalt des großen Mülleimers. Hängebauch-Wutz schob laut grunzend Plastik, Becher und Metall nach rechts und leckere Kartoffelschalen, Eierreste in roter Soße, leicht grünschimmeligen Reis mit Gemüse unter ihren dicken, grauen Bauch.

    Mit einem entrüsteten Schrei konnte Eugene das Schlimmste verhindern und von da an beschränkte sich die Hausbewohnerzahl in der Glockenstrasse 12 der Au, auf drei Erwachsene, vier afrikanische Besen-Hyänen, Miefkes, plus einem stotternden Graupapagei. Sein Name: Rin-go-go. Mariannes Liebling und überall geduldet.

    „Also, auf dein Wohl, liebe Elena und weiter viel Erfolg!", prostete Eugene noch mal in die Runde. Abel durfte wieder etwas mitmischen und alle fühlten sich wohl, bis zu dem Augenblick, als Marianne das Wort ergriff.

    „Aproppp.. feiern, wie ih..!, mischte sie sich in die jeweiligen Gedanken, wobei sie ein bedeutungsvolles Gesicht machte. Dann begann sie noch mal: Wie ihr alllll.. wisst, is.. i.. sechs Woch.. Weihnaaaa….!" Dabei zog sie die Augenbrauen noch höher, so hoch, dass man Angst haben konnte, sie würden auf nimmer Wiedersehen in der Haartolle verschwinden.

    „Ach Mammi, mach es doch nicht so spannend, sonst

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