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Mörderische Schatzsuche: Bremen-Krimi
Mörderische Schatzsuche: Bremen-Krimi
Mörderische Schatzsuche: Bremen-Krimi
eBook311 Seiten3 StundenKriminalkommissarin Paula Winter

Mörderische Schatzsuche: Bremen-Krimi

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Über dieses E-Book

Im idyllischen Auetal bei Bremen wird ein Geocacher ermordet. Als sie sich undercover unter die modernen Schatzjäger der Gegend mischt, findet die Kriminalkommissarin Paula Winter heraus, dass in der Szene Rivalität und Hass herrschen. Beim Kampf um die begehrten Lost Places zerstört der geheimnisvolle Thanatos, den angeblich niemand kennt, nicht nur die Verstecke anderer Geocacher, sondern geht offenbar sogar über Leichen. Ein weiterer Mord geschieht und auch Paula gerät ins Visier des Täters.
SpracheDeutsch
HerausgeberGmeiner-Verlag
Erscheinungsdatum12. Feb. 2025
ISBN9783734931901
Mörderische Schatzsuche: Bremen-Krimi
Autor

Marina Köglin

Marina Köglin studierte Kulturwissenschaften, lebt in Bremen und ist als Journalistin, Archivmitarbeiterin, Fotografin und Autorin tätig. Außerdem ist sie oft beim Geocaching und auf der Theaterbühne zu finden und wirkt gelegentlich in Filmen mit. So war sie unter anderem mehrfach im »Tatort« zu sehen. »Mörderische Schatzsuche« ist ihr erster Kriminalroman.

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    Buchvorschau

    Mörderische Schatzsuche - Marina Köglin

    Zum Buch

    Bis bald im Wald Im Wald des Schönebecker Auetals wird ein Geocacher erschossen. Die Kommissarin Paula Winter taucht undercover – und zunächst reichlich ungeschickt – in die örtliche Geocaching-Community ein. Zwischen den GPS-gelenkten Schatzjägern scheint es Feindschaften zu geben. Immer wieder stößt Paula auf die Spuren eines Geocachers namens Thanatos, dem noch nie jemand begegnet ist. In den Wäldern der sogenannten Bremer Schweiz gilt er als eine Art düstere Legende. Beim Kampf um die begehrten Lost Places zerstört er nicht nur die Verstecke anderer Geocacher, sondern geht mittlerweile sogar über Leichen. Als zwei weitere Morde geschehen, fürchtet die Mordkommission »Schatzjäger«, es mit einem Serientäter zu tun zu haben. Wer ist Thanatos? Und geht es wirklich nur um ein paar Lost Places im Wald oder steckt etwas anderes hinter den Taten? Als auch noch die kleine Merle verschwindet, muss Paula sich auf ein perfides Spiel mit Thanatos einlassen, um das Leben des Mädchens zu retten.

    Marina Köglin studierte Kulturwissenschaften, lebt in Bremen und ist als Journalistin, Archivmitarbeiterin, Fotografin und Autorin tätig. Außerdem ist sie oft beim Geocaching und auf der Theaterbühne zu finden und wirkt gelegentlich in Filmen mit. So war sie unter anderem mehrfach im »Tatort« zu sehen. »Mörderische Schatzsuche« ist ihr erster Kriminalroman.

    Impressum

    Personen und Handlung sind frei erfunden.

    Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

    sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

    Dieses Buchprojekt wurde gefördert durch das Stipendienprogramm »Neustart Kultur« der VG-Wort.

    Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

    Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen

    insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG

    (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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    Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

    info@gmeiner-verlag.de

    Alle Rechte vorbehalten

    Satz/E-Book: Mirjam Hecht

    Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

    unter Verwendung eines Fotos von: © Ole Schoener / Shutterstock.com

    ISBN 978-3-7349-3190-1

    Widmung

    Für meine Eltern

    Gisela und Werner Köglin

    Danke für alles

    1. Kapitel:

    Der Erste

    Der Wald lag still und menschenleer da und wirkte schon nach wenigen Metern wie eine andere Welt. Ein dunkler Morgen, der Regen versprach. Fred-Willi Kaufmann hatte sein Auto am Straßenrand abgestellt und eilte nun durch den Schönebecker Wald. So früh am Tag war außer ihm offenbar niemand hier.

    Und das ist gut so, dachte er.

    Die Luft roch nach Blättern, feuchter Erde und Harz. Der feine zwischen den Bäumen hängende Nebel machte die Umrisse weicher und gab dem Wald etwas Märchenhaftes. Aber Fred-Willi Kaufmann hatte keinen Blick für die Schönheit um ihn herum. Er hastete durch den dämmrigen Dunst, stolperte über Baumwurzeln und Brombeerranken. Noch 73 Meter. 65 Meter. 57.

    Ich bin der Erste, dachte Fred-Willi Kaufmann, und das war das Letzte, was er dachte.

    Ein Schuss zerriss die Stille.

    2. Kapitel:

    Tupperdosen im Wald

    Auch Kriminalkommissar Lennard Sommer hatte keinen Sinn für die Schönheit der Natur, als er knapp zwei Stunden später den Waldweg entlanglief. Es war Ende September und dieser viel zu frühe Morgen roch nach Regen und fühlte sich schon sehr nach Herbst an. Kühl, trübe, trist. Und so was von morgens. Lennard gähnte und schob sich mit den Händen die Haare hinter die Ohren. Er versuchte seit einiger Zeit, einen Zopf zu züchten, und hatte es mittlerweile auf stolze fünf Zentimeter gebracht. Als er heute so unerwartet früh aus dem Haus musste, hatte er kein Zopfband gefunden und trug die dunkle Haarpracht nun offen.

    Zwischen den Bäumen entdeckte er die Kollegen von der Spurensicherung. Natürlich. Alle schon hier und offensichtlich nicht erst seit fünf Minuten. Lennard seufzte. Das würde wieder einen Spruch vom Chef geben. Und da war er auch schon: Kriminalhauptkommissar Harry Meyerdierks. Er erinnerte Lennard immer an einen stämmigen Wikinger mit eisblauen Augen. Obwohl er einen halben Kopf kleiner war als Lennard, schien er dennoch stets alle Umstehenden um Haupteslänge zu überragen. Der kühle Wind brachte Unordnung in Meyerdierks’ ohnehin leicht absurde Frisur. Die graublonden Strähnen wogten in alle Himmelsrichtungen. Manchmal hatte Lennard den Chef im Verdacht, sich selbst die Haare zu schneiden. Vielleicht wollte er das Geld für den Friseurbesuch sparen, um es in seine Krawattensammlung zu investieren. Heute trug Meyerdierks einen Schlips mit grellbuntem Zickzackmuster. Lennard bahnte sich vorsichtig einen Weg um die Kollegen von der Spurensicherung herum, erwiderte deren Grußgemurmel und ging auf Meyerdierks zu. »Moin, Chef!«, sagte er.

    »Ah, Kollege Sommer«, dröhnte dieser mit gespieltem Überschwang, »schön, dass Sie’s einrichten konnten.«

    Gut, hätten wir das auch hinter uns, dachte Lennard. »Tut mir leid …«, setzte er an.

    »Wieder mal der Letzte«, grollte Meyerdierks. »Das muss keine Tradition werden.«

    »Der Vorletzte, würde ich sagen«, hielt Lennard dagegen. »Oder wo ist Paula? Immer noch zur Kur?«

    »Oha.« Meyerdierks stutzte. »Stimmt. Die müsste heute wieder im Dienst sein. Na, sie kann dann ja Ihren Bericht lesen.« Er schüttelte den Kopf. »Die Paula. So ’ne junge Deern. Kaum 30 und muss zur Kur. Tja. Augen auf bei der Berufswahl.« Er schaute auf den Leichnam zu seinen Füßen. Lennard folgte seinem Beispiel. Der Tote trug eine dunkle Jeans, robuste Sportschuhe und eine graue Jacke.

    »Weiß man schon, wer’s ist?«

    »Möglicherweise«, antwortete Rechtsmedizinerin Linda Goltz. »Er hatte einen Führerschein dabei.« Sie hielt einen kleinen Plastikbeutel hoch, in dem sich das Dokument befand. »Fred-Willi Kaufmann, 54 Jahre alt«, las sie vor. »Und das hier haben wir neben ihm gefunden.« Sie hielt einen weiteren Plastikbeutel hoch.

    »Was ist das?«

    »Ein GPS-Gerät.«

    »Wie ist er gestorben?«, fragte Lennard.

    »Von hinten erschossen.« Linda schob die offene Jacke des Mannes, der auf dem Bauch lag, ein Stück hoch. Rund um das Einschussloch war das Shirt dunkel gefärbt vom Blut. Die Rechtsmedizinerin richtete sich auf. »Sauber erlegt. Wie es aussieht, mitten ins Herz. Er hat wahrscheinlich gar nichts davon mitbekommen.«

    »Schöner Trost für Herrn Kaufmann«, sagte Lennard. »Wer hat ihn gefunden?«

    »Die beiden.« Harry Meyerdierks deutete mit dem Kopf nach links. Etwa 20 Meter von ihnen entfernt saßen zwei Frauen nebeneinander auf dem Stamm einer windgefällten Eiche. Sie waren beide um die 70, trugen Regenhosen, Wanderschuhe und Allwetterjacken. Interessiert beobachteten sie das Geschehen. Während die links sitzende Dame einen schneeweißen Kurzhaarschnitt trug, hatte die andere ihren Wust von grauen Locken mit einem geblümten Tuch gebändigt.

    »Die zwei?«, fragte Lennard. »Was machen die um diese Zeit im Wald?«

    »Das sind Geocacher«, antwortete Meyerdierks.

    »Geocaching … Was ist das noch mal?«, fragte Lennard.

    »Ach«, Meyerdierks hob den Blick gen Himmel. »Irgend so ’n neumodischer Tünkram. Wenn ich das richtig verstanden habe, suchen die hier im Wald nach versteckten Tupperdosen.«

    »Warum?« Lennard sah seinen Vorgesetzten entgeistert an. Der hob die Schultern. »Ich habe mir diesen Sport doch auch nicht ausgedacht. Unterhalten wir uns mal mit den beiden.«

    Meyerdierks und Lennard gingen zu den Frauen. Die mit den Locken hatte gerade eine Thermoskanne aus ihrem Rucksack gezogen und schenkte nun ein dampfendes Getränk in zwei Becher.

    »Guten Morgen, die Damen«, sagte Meyerdierks.

    »Moin«, entgegneten die Damen.

    »Sie haben den Mann gefunden?«

    »Ja«, sagte die Lockige und pustete in ihren Becher. »Der arme FreWi.«

    »Sie kennen ihn?«

    »Ja«, sagte die Frau.

    »Nein«, sagte ihre Nachbarin gleichzeitig. Die beiden sahen einander an. Meyerdierks stieß seinen Kollegen mit dem Ellenbogen an. Lennard zog sein Notizbuch aus der Jackentasche.

    »Also – ein bisschen«, sagte die Dame mit den Locken. »Wir sind ja auch Geocacher, genau wie dieser FreWi. So hieß er als Geocacher. FreWi-123. Seinen richtigen Namen wissen wir nicht. Oder?«, wandte sie sich an ihre Nachbarin.

    Die schüttelte den Kopf. »Wir kennen den nur vom Sehen bei Geocacher-Treffen. Hallo und tschüss.«

    »Und wie heißen Sie?«, erkundigte sich Meyerdierks.

    »In echt oder beim Geocachen?«, fragte Kurzhaarschnitt und lächelte.

    »In echt, bitte.« Meyerdierks lächelte ebenfalls.

    »Lore Lehmann, das bin ich, und Anne-Sofie Stelljes.« Kurzhaarschnitt deutete auf ihre Nachbarin, die den Kriminalbeamten freundlich zunickte.

    »Und wie heißen Sie beim Geocachen?«, wollte Lennard wissen.

    »LoreLey und Die Kalte Sofie«, sagte Lore Lehmann würdevoll.

    »Ah ja.« Lennard starrte auf LoreLeys militärisch kurzen Haarschopf.

    »Und dieses Geocachen – macht man das immer so früh morgens?«, fragte Meyerdierks. »Es war ja noch nicht mal sieben Uhr, als Sie die Polizei gerufen haben.«

    »Nun, um diese Zeit sind so angenehm wenige Muggel unterwegs«, erklärte Lore Lehmann mit größter Selbstverständlichkeit. »Sie haben ja sicher gesehen, dass FreWi sein GPS-Gerät dabeihatte. Der wollte bestimmt auch den FTF machen …«

    »Äh …« Lennard sah Lore Lehmann ratlos an.

    »Halt.« Meyerdierks hob eine Hand. Lore Lehmann schwieg gehorsam.

    »Muggel?«, fragte Lennard.

    »Leute, die keine Ahnung vom Geocachen haben«, erklärte Lore Lehmann.

    »Leute wie Sie.« Anne-Sofie Stelljes nippte an ihrem Becher. »Die Bezeichnung stammt aus diesen Harry-Potter-Büchern. Die kennen Sie aber, oder?«

    »FTF?«, fragte Meyerdierks weiter.

    »First to find. So nennt man das, wenn jemand einen Geocache als Allererster findet«, erläuterte Lore Lehmann. Meyerdierks fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er musste dieses neue Vokabular offenbar erst einmal verkraften und einordnen. Er warf seinem jüngeren Kollegen einen Hilfe suchenden Blick zu. Aber Lennard schrieb äußerst eifrig in sein Notizbuch. Lore Lehmann und Anne-Sofie Stelljes beobachteten die beiden Männer amüsiert.

    »Hm, dascha gediegen, alles in allem.« Meyerdierks war ratlos. »Wissen Sie, ob FreWi das geschafft hat, diesen FTF?«

    »Nein, hat er nicht«, antwortete Lore Lehmann zufrieden. »Das waren wir.«

    »Erst haben wir den Cache gefunden – und dann ihn«, ergänzte Anne-Sofie Stelljes.

    »So ein FTF, ist der wichtig? Gibt’s dafür Punkte, gewinnt man da was?«

    »Nein.« Lore Lehmann schüttelte den Kopf. »Ein paar Geocacher sind zwar selbsterklärte FTF-Jäger, aber zu gewinnen gibt’s da nichts.«

    »Also hat ihn wohl kaum jemand wegen dieses FTFs erschossen«, murmelte Meyerdierks.

    Die zwei Geocacherinnen bekamen tellerrunde Augen. Lore Lehmann fand als Erste die Sprache wieder. »Erschossen wegen eines FTF? Vergessen Sie es, so was macht keiner.«

    »Wenn Sie wüssten, was Menschen alles machen«, erwiderte Meyerdierks.

    »Ich weiß wohl, zu was Menschen in der Lage sind«, sagte Lore Lehmann grimmig. »Aber wegen einer kleinen Plastikdose, die nahezu leer ist, tötet doch niemand. Das ist Mumpitz.«

    Anne-Sofie Stelljes beugte sich konspirativ vor. »Womöglich denken Sie, wir hätten den armen FreWi erschossen, weil wir den FTF haben wollten. Haben wir aber nicht!« Sie kicherte. »Wir haben nicht geschossen. Das können Sie ja feststellen. Sie haben doch diese Schwarzpulver-Schnüffelgeräte. Bitte sehr!« Sie streckte den Kommissaren ihre Hände entgegen.

    »Und wo sollte die Tatwaffe sein?«, fragte Lore Lehmann.

    »Na ja, gute Verstecke kennen wir doch genug!« Anne-Sofie Stelljes kicherte.

    »Meine Damen, bitte etwas mehr Ernsthaftigkeit in dieser Situation«, mahnte Meyerdierks. »Wir können das Gespräch auch im Kommissariat weiterführen.«

    »Das sollten wir wirklich tun«, entgegnete Lore Lehmann. »Das gibt gleich ordentlich was.« Sie deutete gen Himmel, wo sich anthrazitfarbene Wolken ballten.

    Und Lore Lehmann sollte recht behalten. Nur wenige Minuten später pladderte ein Wolkenbruch nieder, der seinesgleichen suchte. Die Befragung der Geocacherinnen sollte am späten Vormittag im Kommissariat fortgeführt werden.

    Harry Meyerdierks und Lennard Sommer teilten sich einen völlig durchnässten Regenschirm und stolperten nebeneinanderher durch den Wald zurück zu ihren Autos.

    »Was ist das für ein Hobby?«, ereiferte sich Lennard. »Tupperdosen suchen im Wald?« Sie sahen sich um – Wald. Und zwar nichts als Wald. Endlos viele Bäume, und alle tropften.

    »Und diese zwei Geocacherinnen – was waren denn das für Vögel?«

    »Jo, ’n büschen speziell, die Damen. Hatten vielleicht Rum im Tee«, brummte Meyerdierks. Sein Rücken machte ihm zu schaffen, es fühlte sich an, als würde er jeden Moment in zwei Hälften brechen. Und dieses Gestolper über den unebenen Waldboden gab ihm den Rest.

    »Ob andere Geocacher auch so drauf sind?«, überlegte Lennard laut. »Ich meine, wie unerschüttert waren die denn, bitte schön? Wenn ich bedenke, wie das sonst ist, wenn jemand eine Leiche findet; da wird geschrien, gekotzt und in Ohnmacht gefallen. Sie denken doch nicht, die haben den Mann umgelegt? Was ist da überhaupt drin in diesen Tupperdosen?«

    »Das werden die beiden Vögel uns nachher alles erklären«, seufzte Meyerdierks.

    3. Kapitel:

    Paula

    Vergessen … Paula stand mit verschränkten Armen am Fenster im Kommissariat. Die Straßen glänzten regennass. Der düstere Himmel versprach noch mehr Regen. Vielleicht auch Hagel oder ein Donnerwetter.

    Haben die mich wirklich vergessen oder denken die, ich ertrage es nicht, an einem Tatort zu sein? Oder wollten die mich einfach nicht dabeihaben? Wütend starrte sie hinaus. Noch keine 36 Stunden wieder da, und schon sehnte sie sich zurück in den kleinen Kurort an der Ostsee. Keine 36 Stunden, und schon war sie genervt und alles stand ihr bis hier: Oberkante Unterlippe.

    Sie blickte vor sich auf die Fensterbank, auf die kleinen Geschenke, die sie Lennard und Meyerdierks mitgebracht hatte. Ein Fläschchen Schlehenschnaps und ein Glas Sanddornbonbons für jeden. »Nervennahrung«, stand auf den Bonbongläsern. Wenn hier jemand Nervennahrung braucht, dann ich. Am liebsten hätte sie die Mitbringsel wieder eingesteckt, dabei hatte sie sogar noch darüber nachgedacht, Meyerdierks einen neuen Schlips zu kaufen. Einen mit knallbunten Seesternen. Aber ihr war nichts Vergleichbares für Lennard eingefallen. Auf maritimen Buddelschiff-Kitsch stand er bestimmt nicht. Außerdem hatte der Chef genug kuriose Krawatten. Und Süßkram passte auf jeden Fall; Meyerdierks kaute oder lutschte quasi pausenlos. In dem Kugelschreiber-Glas auf seinem Schreibtisch steckte grundsätzlich ein Babbeler, auch »der längste Hustenbonbon der Welt« genannt. Der Kriminalhauptkommissar liebte diese nach Pfefferminz schmeckenden braunen Zuckerstangen, die nach Geheimrezept und in Handarbeit traditionell in Bremen gefertigt wurden.

    »Wo ist Meyerdierks überhaupt?«, fragte Paula. Im Spiegelbild des Fensters konnte sie sehen, wie Lennard an seinem Schreibtisch zusammenzuckte und sich dann kerzengerade aufrichtete, als habe ihn die Lehrerin in der Schule aufgerufen.

    »Der ist noch beim Arzt«, antwortete Lennard. »Als wir vom Tatort wegfahren wollten, hat er beim Einsteigen ins Auto eine Art Hexenschuss erlitten. Der konnte sich kaum noch bewegen, ich habe den fast nicht in mein Auto reinbekommen. Selbst fahren konnte er ja nicht mehr. Ein Kollege von der SpuSi hat Meyerdierks’ Auto hergefahren. Wenn er beim Arzt durch ist, kommt er nach.« Er lachte kurz auf. »Der hat die ganze Fahrt über geflucht, das glaubst du nicht, mir klingeln jetzt noch die Ohren. Und zum Arzt habe ich ihn fast tragen müssen. Den hat’s echt erwischt, der sollte sich mal ’ne Kur gönnen. Eigentlich ist er ja noch gar nicht in dem Alter …« Lennard biss die Zähne zusammen, aber zu spät – der Spruch war schon draußen. Er sah zu Paula. Sie stand noch immer bewegungslos am Fenster und sah hinaus.

    »Machst du das extra oder passiert’s dir einfach?«, fragte sie nach einer Weile.

    »Tut mir leid, das war doof«, murmelte Lennard.

    »Ja«, sagte Paula.

    Lennard sah Paula zerknirscht an, wusste offenbar nicht, was er sagen sollte, und seufzte. Ab sofort jedes Wort auf die Goldwaage, schien er zu denken.

    »Wie geht’s dir denn eigentlich?«, fragte er schließlich.

    »Gut. Sieht man das nicht?« Paula wandte sich zu ihm um. »Ich bin wieder da, und ich bin in der Lage, meinen Job zu machen. Aber dazu müssten mich die Kollegen entsprechend informieren.«

    »Mensch Paula, es tut mir leid! Habe ich doch schon fünfmal gesagt.«

    »Dreimal.« Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, ohne ihn anzusehen.

    Lennard kratzte sich verlegen am Kinn. »Wir dachten, du wärst diese Woche noch weg.«

    »In solchen Situationen kann der Dienstplan weiterhelfen«, zischte Paula und wusste gleichzeitig, dass es ungerecht war, ihre gesamte Wut ausgerechnet an Lennard auszulassen. Immerhin gab er sich Mühe, nicht ständig ein Trottel zu sein.

    Besorgt beobachtete Lennard, wie Paula in ihrem Kaffee rührte. Sie rührte so wütend, dass es wahrscheinlich nicht lange dauern würde, bis der Becherboden durchgerührt war. Ob noch ein Hauch ihres Humors übrig war, den er so mochte? Zeit für einen Themenwechsel, beschloss Lennard.

    »Gleich kommen die beiden Frauen, die den Toten im Wald gefunden haben«, sagte er und grinste. »Auf die zwei kannst du dich schon mal freuen. Geoketscher. Oder so.«

    »Cacher?«, fragte Paula.

    »Ja, so ähnlich. Waldläufer, die Dinge suchen. Und Kampfnamen haben die auch! Diese beiden nennen sich Loreley und die alte Soffi.«

    »Die Kalte Sofie, wenn’s recht ist.« In der Türöffnung standen Lore Lehmann und Anne-Sofie Stelljes.

    Wir sollten uns angewöhnen, die Bürotür zu schließen, dachte Lennard. Schnell warf er einen Blick auf seine Notizen. »Frau Lehmann und Frau Stelljes, immer herein mit Ihnen, und verzeihen Sie bitte vielmals«, er lächelte gewinnend. »Ich fürchte, montags bin ich manchmal ein bisschen uncharmant.«

    »Genau. Alle Schuld dem Montag. Für dieses Wetter ist der bestimmt auch verantwortlich!«, sagte Anne-Sofie Stelljes, während die beiden Frauen ins Zimmer stiefelten. Paula musterte die Kleidung der beiden. Regenfeste Hosen, regenfeste Schuhe, Allwetterjacken.

    »Sie sind jedenfalls bestens gerüstet für dieses Montagswetter«, bemerkte Paula.

    »Ich bitte Sie – wir sind in Bremen«, sagte Lore Lehmann. »Hier regnet’s immer.«

    »Breem is’ nun mal ’ne nasse Stadt, wie unser Chef zu sagen pflegt.« Paula lächelte. »Setzen Sie sich doch bitte. Ich bin Paula Winter. Den Kollegen Sommer kennen Sie ja schon.«

    »Sommer und Winter – wie schön!« Anne-Sofie Stelljes war entzückt. »Das sind ja eigentlich zwei Jahreszeiten, die sich nie begegnen.«

    Lennard räusperte sich und wurde offiziell. »Sie kannten den Toten also wegen Ihres gemeinsamen Hobbys.«

    »Geocachen, richtig.« Lore Lehmann nickte. »Wobei kennen eigentlich schon zu viel gesagt ist. Wir haben ihn bei Geocacher-Treffen gesehen und wussten, dass er sich FreWi-123 nennt. Nicht mehr und nicht weniger.«

    »Wie genau läuft dieses Geocachen ab?«, fragte Paula.

    »Viele beschreiben Geocaching als eine Art moderne Schatzsuche mit GPS-Geräten, und das trifft’s auch ganz gut«, sagte Lore Lehmann. »Einige Geocacher verstecken irgendwo einen Geocache, also einen Behälter, und veröffentlichen die Koordinaten dieses Verstecks im Internet. Andere Geocacher gehen dann mithilfe dieser Koordinaten und eines GPS-Geräts auf die Suche nach diesem versteckten Behälter.«

    »Und was ist drin in diesen Behältern?«, wollte Lennard wissen.

    »Ein Logbuch«, sagte Lore Lehmann. »Also ein Büchlein oder ein Papierstreifen. Da trägt man seinen Namen und das Datum ein, an dem man den Cache gefunden hat.«

    »Mehr nicht?«, fragte Lennard.

    »Manchmal gibt es kleine Tauschgegenstände, aber die interessieren uns nicht«, sagte Anne-Sofie Stelljes.

    »Das ist alles?«, erkundigte sich Paula. »Man … gewinnt nichts, oder so?«

    Die beiden Frauen sahen Paula belustigt an. »Nein.« Lore Lehmann schüttelte den Kopf. »Man sucht. Man findet. Man trägt seinen Namen ein. Und dann geht’s weiter.«

    »Und was sind das für Behälter?«, fragte Paula.

    »Tupperdosen«, brummte Lennard.

    »Ja, auch Tupperdosen«, bestätigte Lore Lehmann geduldig. »Es gibt aber auch winzige Verstecke, in künstlichen Tannenzapfen zum Beispiel. Kleine Plastikröhren. Oder flache, magnetische Kästchen. Munitionskisten. Telefonzellen. Oder ganz was anderes. Manchmal ist es gar nicht so einfach, ein Versteck auch als Versteck zu erkennen – das ist ja das Interessante.«

    »Guten Morgen allerseits.« Harry Meyerdierks betrat das Büro. Er nickte allen zu. »Willkommen zurück an Bord«, sagte er zu Paula und setzte sich dann behutsam auf seinen Schreibtischstuhl.

    »Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Ich hatte einen Hexenschuss.«

    »Wir waren’s jedenfalls nicht«, sagte Anne-Sofie Stelljes.

    »Stimmt«, bekräftigte Lore Lehmann. »Wir schießen grundsätzlich nicht. Wenn überhaupt, dann mit Worten. Geht’s

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