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"Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium": Das Evangelium nach Johannes
"Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium": Das Evangelium nach Johannes
"Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium": Das Evangelium nach Johannes
eBook636 Seiten8 Stunden

"Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium": Das Evangelium nach Johannes

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Über dieses E-Book

"Was ist Wahrheit?" Diese Frage geht auf den Statthalter Pontius Pilatus zurück, ist aber 2.000 Jahre später allgegenwärtig. Fast alles scheint eine Frage der Perspektive zu sein. Das war anfangs sicher befreiend; inzwischen aber spüren wir die Risiken und Nebenwirkungen.
Wer das Johannesevangelium aufschlägt, betritt eine andere Welt. Es spricht von dem, der von sich gesagt hat: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben." Das ist so überraschend anders, dass es sich lohnt, sich den Gedanken des Johannesevangeliums auszusetzen und sich von ihnen inspirieren zu lassen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum11. Aug. 2024
ISBN9783384327888
"Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium": Das Evangelium nach Johannes
Autor

Michael Mainka

Michael Mainka wurde 1961 geboren. Er ist Diplom-Theologe und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Pastor. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich der Erwachsenenbildung. Er hat ein Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen und die Relevanz biblischer Texte in der Gegenwart. Bisherige Buchveröffentlichungen: AnGebote für ein Leben mit Profil (2003); „Es wird regiert!“. Das Buch Daniel in Zeiten wie diesen (2019); Gott und die Welt mit anderen Augen sehen (2020); Keine Angst vor fester Speise. Ein Leitfaden zum Studium des Hebräerbriefs (2021); Hoffnungslos durch die Nacht? Ein Streifzug durch die Offenbarung des Johannes (2022); „Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium“ – Das Evangelium nach Johannes (2024).

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    Buchvorschau

    "Das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium" - Michael Mainka

    1 Das eine Wort (1,1-18)

    ¹ Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ² Dasselbe war im Anfang bei Gott. ³ Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

    ⁴ In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. ⁵ Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. ⁶ Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. ⁷ Der kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge, auf dass alle durch ihn glaubten. ⁸ Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. ⁹ Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. ¹⁰ Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. ¹¹ Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. ¹² Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, ¹³ die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

    ¹⁴ Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. ¹⁵ Johannes zeugt von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. ¹⁶ Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. ¹⁷ Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. ¹⁸ Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

    „Niemand hat Gott je gesehen." Kaum zu glauben, dass das in der Bibel steht. Juri Gagarin, russischer Kosmonaut und erster Mensch im Weltall, soll etwas Ähnliches gesagt haben: „Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen. Dieser Satz war vermutlich eine Fälschung der sowjetischen Propaganda – also „Fake News. Aber der Satz des Johannesevangeliums nicht. Der steht auch in den ältesten Bibelhandschriften, die in unseren Museen lagern: „Niemand hat Gott je gesehen."

    Der Satz richtet sich vermutlich an Menschen, die vom Gegenteil überzeugt sind – Menschen, die meinen, dass sie Gott gesehen haben. Jedenfalls wird im Johannesevangelium erzählt, dass Jesus es mit Leuten zu tun hat, die meinen, bei der Sache mit Gott „sehend" zu sein. Jesus attestiert ihnen nicht nur, dass sie ganz schön „blind" sind. Er erklärt sogar: Ich bin „gekommen", damit alle, „die da sehen, blind werden" (Joh 9,39). Jesus – ein radikaler Religionskritiker. Wer hätte das gedacht?

    Wir alle ahnen natürlich, dass das nicht alles ist. „Niemand hat Gott je gesehen." – das ist nur der Anfang des letzten Verses aus dem Vorwort des Johannesevangeliums, dem „Prolog"¹. Es geht noch weiter: „… der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt."

    „Niemand hat Gott je gesehen." Von ihm erfahren wir deshalb nur durch den „Eingeborene[n], der Gott ist und in des Vaters Schoß ist", also nur durch Jesus Christus. Jesus Christus „hat es verkündigt". Das Verb kann auch mit „auslegen übersetzt werden.² „Jesus … ist durch sein Reden und Handeln die ‚Auslegung Gottes‘ in der Welt. An seiner Gestalt wird sichtbar, wer Gott ist. Er ist die geglückte Interpretation Gottes, die Übersetzung Gottes in den Bereich des Menschlichen.³ Oder kürzer: „Jesus ist der Exeget Gottes …"⁴

    Ist der zweite Teil des Verses wirklich einfacher als der erste? Wohl kaum. Dieser Satz ist mindestens genauso provozierend – schon damals und auch heute noch. Denn er sagt: Wer Gott ist und wie er es mit uns meint, erfahren wir einzig und allein durch Jesus Christus.

    Ist dieser Satz nicht überheblich und intolerant? Ist es nicht eine intellektuelle Zumutung, einen solchen Anspruch anzuerkennen, weil er wichtige Einsichten anderer Religionsstifter und Philosophen einfach ignoriert? Außerdem: Sind Christen unter solchen Voraussetzungen überhaupt in der Lage, mit den Angehörigen anderer Religionen freundschaftliche Beziehungen zu pflegen?

    Stattdessen wird oft gesagt, dass alle religiösen Menschen doch eigentlich an den gleichen Gott glauben und ihn lediglich unterschiedlich verstehen. Diese Idee wird manchmal mit einem bildhaften Vergleich veranschaulicht. Dabei geht es um einen Elefanten. Vor, neben und hinter ihm stehen ganz verschiedene Menschen, die aber eins gemeinsam haben: Sie sind allesamt blind. Deshalb können sie den Elefanten nur ertasten. Jeder tut das an einer anderen Stelle – am Kopf, am Ohr, am Stoßzahn, am Rüssel, am Rumpf, am Bein oder am Schwanz. Und deshalb hat jeder von ihnen eine andere Idee darüber, um welche Art von Tier es sich handelt. Übertragen auf die Vielzahl der Religionen heißt das: Jeder hat etwas Richtiges ertastet, aber keiner sieht die ganze Wirklichkeit. Das müssen wir akzeptieren. Wenn jemand meint, dass er die ganze Wahrheit erfasst hat, ist das eine Illusion und verursacht nur Streit.

    Obwohl dieser Vergleich sehr anschaulich ist und sehr friedlich daherkommt, enthält er zwei gravierende Probleme:

    • Das erste Problem: Woher wissen die Vertreter dieser Vorstellung eigentlich, dass alle Religionen nur Teilwahrheiten erkennen? Sie setzen doch einfach stillschweigend voraus, dass es nur einen Elefanten gibt und sie den ganzen Elefanten gesehen haben bzw. von einer übergeordneten Position aus die hilflosen Tastversuche der Religionen beobachten (und belächeln?). Wie kommen sie dazu?

    • Das zweite Problem: Können sich überzeugte Anhänger einer Religion mit dieser Auffassung identifizieren? Der Elefanten-Vergleich mutet ihnen doch zu, ihre Überzeugungen generell lediglich als Teilwahrheit zu verstehen und sie nicht richtig ernst zu nehmen. Dieser Vergleich ist also vor allem etwas für Menschen, die sich bei der Sache mit Gott nicht sicher sind („nichts Genaues weiß man nicht") und in diesem Schwebezustand bleiben wollen.

    Trotzdem bleibt die kritische Frage, ob es intolerant und überheblich ist, wenn im Prolog des Johannesevangeliums gesagt wird, dass wir einzig und allein durch Jesus Christus erfahren, wer Gott ist und wie er es mit uns meint. Am Ende meiner Ausführungen möchte ich auf diese Frage zurückkommen und dazu einem wichtigen Hinweis aus dem Bibeltext nachgehen.

    Vorher lohnt es sich, dass wir in die tiefen Gedanken des Prologs eintauchen und fragen: Warum ist Jesus Christus so entscheidend? Warum erfahren wir einzig und allein durch ihn von Gott?

    Der Prolog des Johannesevangeliums hat es in sich. „Dies ist das höchste Evangelium unter allen, schreibt Martin Luther im Jahre 1522 über den Anfang des Johannesevangeliums. „Nicht, wie etliche meinen, finster oder schwer; denn hier ist der hohe Artikel von der Gottheit Christi aufs allerklarste gegründet, was alle Christen wissen sollen, und wohl auch verstehen können … Es bedarf nicht viel spitzfindiger und scharfer Betrachtung, sondern nur einfältige, schlichte Aufmerksamkeit auf die Worte.¹ Leichter gesagt als getan. Luther braucht 1522 immerhin 55 Seiten und 1537/38 sogar ganze 225 Seiten², um den Prolog des Johannesevangeliums auszulegen.

    Das sprengt jetzt unseren Rahmen. Uns sollen fünf Gedankenschritte reichen, um die Botschaft des Prologs zu erfassen.

    Erstens: Das Wort und sein göttlicher Ursprung

    Der Prolog nennt Jesus Christus „das Wort", griechisch: „Logos. Bei den ersten Lesern hat dieser Begriff etwas zum Klingen gebracht. Später ist er verblasst. Als Goethe seinen „Faust auf die Idee kommen lässt, das Johannesevangelium zu übersetzen, stolpert der bekanntermaßen gleich beim ersten Satz: „Im Anfang war das Wort." Faust meint: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen … Zur Zeit des Johannes aber hat man das „Wort z.B. als geistiges Prinzip oder als eine Art Mittlergestalt zwischen Gott und der Welt verstanden und geschätzt. Für Johannes ist Jesus Christus dieses „Wort" – und deshalb noch viel mehr als ein Prinzip oder ein Mittler.

    Dieses Wort war „im Anfang". Bevor die Welt geschaffen wurde, war es bereits da. Es ist jenseits unserer Zeit und Welt – und deshalb aller Schöpfung überlegen.

    Da überrascht es nicht, wenn es anschließend heißt: „Und das Wort war bei Gott." Gott und das Wort haben „im Anfang", also vor der Schöpfung, Gemeinschaft miteinander. Und daraus folgt mit einer gewissen Logik: „Und Gott war das Wort." Das Wort hat mit Gott Gemeinschaft und steht mit ihm auf einer Stufe.

    Zweitens: Das Wort und die Welt

    In welcher Beziehung steht das „Wort" zur Welt? „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist." Die ganze Schöpfung ist sein Werk. Es gibt nichts auf der Welt, das nicht auch das Werk des Logos, des Wortes, wäre.

    Außerdem: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." Das Wort ist lebendig und macht das Leben hell, gibt den Menschen Orientierung (vgl. 12,35), zeigt ihnen, was ist, offenbart ihnen Dinge, die sie von sich aus nicht erkennen können.

    Drittens: Das Wort wird Mensch und kommt zu uns

    „Und das Wort wart Fleisch und wohnte unter uns …" Der Logos verändert seine „Seinsweise. Der „an Gottes Seite weilende, mit voller göttlicher Würde bekleidete, ganz vom göttlichen Leben erfüllte Logos tritt „in die Sphäre des Irdisch-Menschlichen"¹ ein – nicht zum Schein, sondern mit Haut und Haaren.

    Martin Luther schrieb dazu: „Hier kriegt das Wort … einen anderen Namen, das er droben Gott geheißen hat und ein Licht, das in die Welt gekommen ist, die Welt geschaffen [hat] … Das wird nun hier Fleisch, lässt sich so tief herunter, das er mein Fleisch und Blut, mein Leib und Seel annimmt und wird nicht ein Engel oder sonst eine herrliche Kreatur, sondern wird ein Mensch. Es ist ein zu großer überschwänglicher Schatz …, es ist einem menschlichen Herzen nicht möglich zu fassen noch zu begreifen …, predigt Luther 1537. Und weiter: „So ist nun der edelste Schatz und höchster Trost, den wir Christen haben, dass das Wort, der wahre, natürliche Sohn Gottes, ist Mensch geworden …².

    Von Göttern in Menschengestalt ist in der griechisch-römischen Welt öfter die Rede. Aber nicht so. Die menschgewordenen Götter der Antike haben alle etwas Strahlendes, Mysteriöses oder Faszinierendes. Ihre Menschlichkeit ist eigentlich nur eine Verkleidung. Der Blick soll durch diese Verkleidung hindurchdringen. Hier aber heißt es: „Und das Wort wart Fleisch" – wirklich, nicht nur scheinbar.

    „Und das Wort wart Fleisch und wohnte unter uns …" Wörtlich übersetzt: „und zeltete unter uns." Und das hat nichts mit Pfadfinderromantik zu tun. Es hat damit zu tun, dass Gott während der Wüstenwanderung bei seinem Volk gezeltet hat – in der Stiftshütte, dem Zeltheiligtum (Ex 25,8). Und damit, dass der Körper des Menschen ein wackeliges Zelt ist, wie Paulus es einmal sagt (2 Kor 5,1) – Jesus also ebenso schwach war, wie wir es sind.

    Viertens: Im menschgewordenen Wort sehen wir der Wahrheit ins Auge

    So unglaublich es ist: Im menschgewordenen Wort Gottes offenbart sich seine „Herrlichkeit"¹: „… und wir sahen seine Herrlichkeit". In seiner Niedrigkeit und Schwachheit offenbart sich seine Hoheit und Stärke.

    Warum? Weil dieses Wort vom Vater kommt. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater …"

    Es ist eine „Herrlichkeit … voller Gnade und Wahrheit. „Gnade meint hier einfach so viel wie ein unverdientes Geschenk. Und um welches Geschenk geht es? Es geht um die „Wahrheit".

    „Was ist Wahrheit?" So hat Pontius Pilatus resigniert gefragt – nachdem er Jesus verhört hat und dieser dabei doch tatsächlich das Wort „Wahrheit" in den Mund genommen hat (18,37-38). So verständlich die Frage ist, so klar und eindeutig ist die Botschaft des Prologs. Wenn hier von „Wahrheit" gesprochen wird, ist nicht irgendeine Wahrheit gemeint. Wenn hier von „Wahrheit" gesprochen wird, ist nicht weniger als die Wahrheit über Gott gemeint. Es geht darum, wer Gott ist und wie er es mit uns meint.

    Und warum ist Jesus „voller Gnade und Wahrheit"? Und da sind wir wieder beim letzten Vers des Prologs: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt." „… Nur derjenige, der Gott gleich war und der in seiner Nähe lebte, konnte Wort Gottes unter den Menschen werden¹. Nur in ihm offenbart sich die Wahrheit. Deshalb ist allein Jesus Christus die „Auslegung Gottes.

    Fünftens: Diese Wahrheit überbietet alles andere

    Weil Jesus Christus die „Auslegung Gottes ist, überragt diese Wahrheit alles, was es sonst so an „Wahrheiten über Gott und die Welt gibt.

    Johannes der Täufer: Er sollte von Jesus Christus, dem Licht, zeugen, aber „er war nicht das Licht" – auch wenn es bis ins 2. Jahrhundert Anhänger des Täufers gab, die ihn für den Messias hielten. Außerdem war er nicht vor Jesus Christus, dem Wort, da – das Wort aber war bereits „im Anfang" da. Es ist „vor" ihm „gewesen" und deshalb ungleich wichtiger.

    Mose: Durch ihn ist „das Gesetz … gegeben". Aber eben nicht „die Gnade und Wahrheit". „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden." Das „Gesetz" wird nicht etwa „zu den Akten gelegt; aber es wird überboten. „Das Gesetz… ist Ausdruck des Willens Gottes, aber noch nicht seine letzte Gabe.². „Erst durch die Offenbarung Jesu Christi … sind Gottes ‚Gnade und Wahrheit‘ zur Wirkung gekommen, noch nicht durch die Gabe des Gesetzes an Mose."³ Nicht im Gesetz, sondern in Jesus Christus sehen wir, wer Gott ist und wie er es mit uns meint. In ihm ist die „Wahrheit".

    Der Prolog in fünf Schritten: Das Wort hat erstens seinen Ursprung bei Gott und ist zweitens der Schöpfer und das Licht der Welt. Drittens: Das Wort wird Mensch und kommt zu uns. Viertens: Im menschgewordenen Wort sehen wir der Wahrheit ins Auge. Fünftens: Diese Wahrheit überbietet alles andere.

    Für viele ist das eine reine Behauptung nach dem Motto: „Das kann ja jeder sagen." Aber das stimmt nicht – zumindest nicht aus der Sicht der Evangelien.

    Als Petrus auf die Frage Jesu „wer sagt denn ihr, dass ich sei?" antwortet „du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!", da erklärt Jesus ihm: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel." (Mt 16,16-17). Mit anderen Worten: Niemand kommt von selbst auf die Idee, dass Jesus Christus das eine und entscheidende Wort Gottes ist. Man kann das nicht von irgendwoher ableiten oder einsichtig machen.

    Für Christen ist Jesus Christus nicht das Ergebnis, sondern der Ausgangspunkt ihres Nachdenkens über Gott. „Hier geht es um das Geheimnis, das wohl als solches anzuschauen, anzuerkennen, anzubeten, zu bekennen, aber eben nicht aufzulösen, nicht in ein Nicht-Geheimnis zu verwandeln ist", hat der große Theologe Karl Barth in diesem Zusammenhang geschrieben.¹

    Es geht um ein Geheimnis, dass man nicht selbst entdecken und ergründen, sondern nur ablehnen oder annehmen kann. Und so kommt es, dass viele ihn nicht aufnehmen – obwohl er doch ihr Schöpfer und ihr Eigentümer ist –, aber andere genau das tun und so Kinder Gottes werden.

    Gott ist kein Objekt menschlicher Erkenntnis. Ein solcher „Objekt-Gott" ist kein Gott, sondern ein von Menschen geschaffener Götze – so intellektuell und spirituell er dabei auch vorgehen mag. Gott sehen wir nicht da, wo wir ihn zu finden meinen, sondern voller Demut nur da, wo er sich offenbart. Sonst glauben wir nicht an Gott, sondern nur an uns selbst.

    Und nun noch mal kurz zur Frage, ob es intolerant und überheblich ist, wenn im Prolog des Johannesevangeliums gesagt wird, dass wir einzig und allein durch Jesus Christus erfahren, wer Gott ist und wie er es mit uns meint.

    Das Evangelium sagt: Dass Menschen sich zu Jesu Christus bekennen, ist nicht ihr Verdienst. Das ist Gnade, nichts als Gnade. Es ist ein Geschenk, reines Geschenk. Der Glaube an Jesus Christus eröffnet eine Dimension, die über die philosophischen und religiösen Fähigkeiten des Menschen weit hinaus geht. Christen können sich auf ihr Bekenntnis zu Jesus Christus nichts einbilden. Dass wir an Jesus Christus glauben, ist kein Grund stolz und überheblich zu sein. Schließlich gibt es nichts, wofür wir uns selbst auf die Schultern klopfen könnten. Im Gegenteil!

    Dieses Wissen macht uns demütig – und offen für unsere Mitmenschen, egal welcher Religion sie angehören.

    Der Prolog lädt dazu ein, uns nicht selbst zum Maß aller Dinge zu machen – vor allem nicht zum Maß über Gott. Der Prolog lädt uns dazu ein, allein auf Jesus Christus, die Auslegung Gottes, zu hören – auf den, der unendlich größer ist als wir selbst.

    Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Dieses Wort – das sei Johann Wolfgang von Goethe posthum gesagt – können wir nicht hoch genug schätzen.

    ¹ Ein „Prolog ist ein klassisches Element der antiken Literatur und hat „die Aufgabe, die Hörer über das Ziel des Werkes zu informieren und ihnen das Rüstzeug zur Verfügung zu stellen, das zum Verständnis des Themas und seiner Entfaltung nötig ist (Zumstein, S. 65). Er stellt „den hermeneutischen [verständnismäßigen] Rahmen her, in dem diese Geschichte zu lesen ist. Der Prolog des Johannesevangeliums will zeigen, „dass der Mensch Jesus, der im Mittelpunkt des folgenden Berichts stehen wird, die Gestalt Gottes inmitten der Welt ist. (ebd., S. 67).

    ² Im Grundtext steht das Wort ἐξηγέομαι. Daher kommt auch der Begriff „Exegese", Auslegung.

    ³ Blank, Josef: Das Evangelium nach Johannes. Bd. 1a, Düsseldorf 1981, S. 99.

    ⁴ Schnelle, S. 63.

    ¹ WA 10 II, 181.

    ² WA 46, 538ff.

    ¹ Schnackenburg I, S. 241.

    ² WA 46, 624.631.

    ¹ Was ist die „Herrlichkeit" (δόξα)? „Der Begriff ‚Herrlichkeit‘ bezeichnet die Art und Weise, in der ein besonderer Rang oder Status für andere anschaulich und augenfällig wird. Dabei wird man sich unter der Herrlichkeit von Menschen, die sich beispielsweise in besonderer Prachtentfaltung ausdrücken kann, etwas anderes vorzustellen haben als unter der Herrlichkeit eines Tieres oder einer Pflanze – erstere könnte etwa in besonderer Stärke, letztere in besonderer Schönheit zu finden sein. Entsprechend vielgestaltig und schillernd hat der Begriff auch in den biblischen Schriften Niederschlag gefunden; er kann, je nach Kontext, Eigenschaften wie Pracht, Glanz, Schönheit, Stärke, Kraft, Größe, Hoheit oder Majestät nahestehen, und steht in einem besonderen Naheverhältnis zu dem Begriff der ‚Ehre‘ …

    Das gilt zunächst auch für diejenigen Texte, die auf die Herrlichkeit Gottes Bezug nehmen … Mit ‚Herrlichkeit‘ [δόξα] wird der hebräische Begriff kabod übersetzt, dessen Ausgangsbedeutung ‚Gewicht, Schwere‘ ist; als ‚Erhabenheit, Herrlichkeit‘ wird damit das bezeichnet, was Eindruck macht. Dieses Lexem ist durch seine charakteristische Verwendung besonders im Rahmen der Exodus- und Tempeltradition (…) so stark geprägt, dass man an manchen Stellen fast von einem Terminus Technicus (der sich auf die Erscheinung bzw. Präsenz Gottes bezieht) sprechen kann."

    https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/herrlichkeitnt/ch/bea43b3156bab8f31e773a1a6b46d8c9/ (Zugriff 15.4.2019).

    ¹ Zumstein, S. 88.

    ² Zumstein, S. 87.

    ³ Wilckens: Theologie des Neuen Testaments. Bd. 1.4, (vgl. Einführung), S.172.

    ¹ KD I.2, S. 137.

    2 Wer bist du? Und auf wen kommt es an? (1,19-34)

    ¹⁹ Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten aus Jerusalem Priester und Leviten, dass sie ihn fragten: Wer bist du? ²⁰ Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. ²¹ Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. ²² Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann?, dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? ²³ Er sprach: »Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3). ²⁴ Und sie waren abgesandt von den Pharisäern, ²⁵ und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet? ²⁶ Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. ²⁷ Der wird nach mir kommen, und ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse. ²⁸ Dies geschah in Betanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte. ²⁹ Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! ³⁰ Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. ³¹ Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er offenbar werde für Israel, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser. ³² Und Johannes bezeugte es und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. ³³ Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich gesandt hat zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf welchen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem Heiligen Geist tauft. ³⁴ Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

    Mythos „Genie"

    Wer ist das größte Genie aller Zeiten? Ein amerikanischer Ingenieur ist diese Frage mathematisch angegangen und hat eine Liste der Top 40 errechnet. Auf dem ersten Platz ist Johann Wolfgang von Goethe gelandet – noch vor Albert Einstein und Leonardo da Vinci.

    Was ist das eigentlich – ein Genie? „Genie kommt wohl von „genius, was so viel wie „erzeugende Kraft" heißt. Ein Genie ist kreativ und innovativ, originell und phantasievoll. Es hält nicht viel von Regeln und Traditionen. Es ist einzig – nicht unbedingt artig. Genies sind Autodidakten. Sie kommen ganz von selbst auf ihre Ideen, sind unabhängig, autonom – und geheimnisvoll.

    Oft erregen sie Aufsehen. Das war immer schon so. In manchen Zeiten ist man sogar ganz besonders von ihnen fasziniert. Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es einen regelrechten „Geniekult" – wahrscheinlich auch als Antwort auf den Verlust Gottes. In einer Moderne, in der Gott von der Bildfläche verschwunden ist, tritt das Genie an seine Stelle. Nicht Gott, sondern das Genie ist schöpferisch. Und heute? Gelobt ist, was kreativ, originell, einzigartig und authentisch ist – selbst dann, wenn es sich dabei um den größten Unsinn handelt.

    Gibt es auch religiöse Genies? Menschen, die auf ganz eigene Weise über Gott und die Welt denken und dementsprechend handeln – und zwar so einzigartig, dass sie Menschen in ihren Bann schlagen? Und wenn ja, welche Kandidaten gibt es da für die Top 3? Martin Luther? Franz von Assisi? Der Dalai Lama?

    Von jemandem, der überzeugt war, kein religiöses Genie zu sein

    Johannes der Täufer war allerdings kein religiöses Genie. Jedenfalls hat er sich nicht so verstanden – aus guten Gründen, aus so guten Gründen, dass im Christentum fortan kein Platz für religiöse Genies ist.

    Er bekommt Besuch – allerdings einen von der eher unangenehmen Sorte. Eine Delegation aus Jerusalem kommt zu ihm an den Jordan.¹ Sie will sich vor Ort ein Bild von der Lage machen und herausfinden, was Johannes so treibt und wer er ist.

    Auftraggeber sind die Pharisäer.² Sie haben ein paar Priester und Leviten losgeschickt – vielleicht, weil die sich mit dem Thema Reinigung auskennen und es sich bei der Taufe des Johannes um etwas ganz Ähnliches zu handeln scheint.

    Sie beginnen das inquisitorische Verhör mit der Frage: „Wer bist du?" Johannes antwortet ihnen, indem er von vornherein klarstellt, wer er nicht ist: „Ich bin nicht der Christus."

    Diese Antwort reicht den Fragestellern natürlich nicht. Sie müssen nachhaken: „Was dann? Bist du Elia?" Gemeint ist der wiederkommende Elia, von dem der Prophet Maleachi, einer der letzten Propheten, gesprochen hat. Er soll kommen, „ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt" (Mal 3,24) – also am Ende der Zeiten, kurz bevor Gott Gericht hält. Erneut antwortet Johannes: „Ich bin's nicht."¹

    Nächster Versuch: „Bist du der Prophet?" – also der neue Mose, von dem Mose selbst gesprochen und gesagt hat: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern …" (Dtn 18,15). Wieder ein klares „Nein".

    Die Mitglieder der Delegation sind mir ihrem Latein am Ende. Sie haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die ihrer Meinung nach in Frage kommen. Aber sie müssen ihren Auftrag erfüllen. Deshalb noch einmal: Wenn du weder der Christus, noch der Elia oder der Mose bist – „wer bist du dann? … Was sagst du von dir selbst?"

    Johannes antwortet mit einem (frei wiedergegebenen) Zitat aus dem Buch Jesaja (40,3): „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste …". Unausgesprochen mitzuhören ist das „Nur: Ich bin „nur „die Stimme eines Predigers in der Wüste". Mehr nicht.

    Johannes sagt: „Ich bin nicht wichtig. Ich predige nur – ich predige von dem einen, auf den es einzig und allein ankommen und bin einfach nur sein Zeuge." Den letzten Teil des Satzes spricht er an dieser Stelle noch nicht aus. Aber das ist es, was er denkt.

    Auch das Jesaja-Zitat ist keine richtige Antwort. Aber die Delegation kann darauf aufbauen. Sie versuchen, ihn mit Hilfe seiner Antwort in die Enge zu treiben: „Wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet" „warum taufst du denn"? Ist das nicht anmaßend, wenn du nur „die Stimme eines Predigers in der Wüste" bist?

    Der Täufer antwortet: „Ich taufe mit Wasser …". Klingt wie: „Ich koche auch nur mit Wasser." Und tatsächlich: So ähnlich meint er das: „‘Ich taufe mit Wasser‘ – nur mit Wasser. Das ist doch nichts Besonderes. Dafür muss ich doch nicht der Christus, der Elia, der Prophet oder etwas Ähnliches sein. Ich bin nicht wichtig."

    „Wichtig", so Johannes der Täufer weiter, „ist ein ganz Anderer. Der kommt nach mir. Der ist sogar schon da. Aber ihr kennt ihn nicht. Bei mir seid ihr an der falschen Adresse. Und ihr habt keine Ahnung, um wen es wirklich geht. Der spielt in einer ganz anderen Liga als ich. ‚Ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse.‘ Ich bin ihm gegenüber nicht einmal in der Position, ihm einen Dienst zu erweisen, den Sklaven für ihre Herren tun."

    Damit ist das Gespräch beendet. Wie sollte es auch weiter gehen? Weiter geht aber das „Zeugnis des Johannes"¹ – nicht in der Gesprächsrunde mit den Inquisitoren, sondern in der Öffentlichkeit.

    Auf Jesus kommt es an

    „Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!" ²Auf Jesus kommt es an – vor allem auf seinen Tod am Kreuz.

    Und erneut erklärt der Täufer, wie unbedeutend er im Vergleich zu Jesus ist. Hatte er am Tag zuvor nur gesagt, dass er nicht einmal würdig ist, Jesus die Schuhriemen zu lösen, verweist er jetzt auf die Präexistenz Jesu. „Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich."

    Für ihn, den Täufer, ergibt sich daraus, dass sein Predigen und sein Taufen nur einem Zweck dient: „damit er [Jesus] offenbar werde für Israel." Sein eigenes Wirken hat keinen anderen Zweck als den, Israel die Erkenntnis des kommenden Offenbarers zu erleichtern. Seine Person und sein Werk haben keine Bedeutung in sich selbst – sondern nur als Zeugnis für Jesus Christus.

    Dass er selbst nicht so wichtig ist, zeigt sich auch darin, dass Johannes nicht von sich aus erkannt hat, dass Jesus der Christus ist. Er bekennt: „‘Und ich kannte ihn nicht.‘ Auch mir musste Jesus erst offenbart werden. Das geschah bei der Taufe. ‚Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.‘‘"

    Und auch das, was er bei der Taufe gesehen hat, konnte er nur deshalb sehen, weil Gott ihm vorher erklärt hat, worauf er achten soll. Der hatte ihm nämlich erklärt: „Auf welchen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem Heiligen Geist tauft." ¹ Mit anderen Worten: „Die Fähigkeit des Johannes, vom Herabkommen des Geistes auf Jesus Zeugnis abzulegen, beruht nicht auf seiner eigenen Kompetenz, sondern auf einer prophetischen Erleuchtung. Der Täufer kannte Jesus nicht (…). Darin ist er anderen Menschen gleichgestellt. Doch sein Auftraggeber – Gott – hat ihn durch sein Wort erleuchtet (…).². „Johannes hat den Juden nur eines voraus: Er kennt das von Gott festgesetzte Erkennungszeichen.³

    Abschließend betont der Täufer, dass er dieses von Gott angekündigte Zeichen dann natürlich auch gesehen hat und deshalb immer und überall bezeugt: „Dieser ist Gottes Sohn." Das allein ist die Aufgabe des Täufers: Zeuge für Jesus Christus, den Sohn Gottes zu sein. Das ist schließlich auch das Anliegen des ganzen Johannesevangeliums. Es wurde geschrieben, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr, weil ihr glaubt, das Leben habt in seinem Namen." (20,31).

    Johannes der Täufer ist kein religiöses Genie. Er selbst ist nicht so wichtig. Wichtig ist er nur als Zeuge für Jesus Christus. So hat Matthias Grünewald ihn auch auf seinem Bild für den Isenheimer Altar dargestellt – als jemanden, der mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Jesus Christus, den Gekreuzigten, zeigt. Johannes der Täufer ist Zeigefinger, Zeuge – mehr nicht. Zwischen ihm und Jesus Christus besteht ein „unendlich-qualitativer Unterschied".

    Der Unterschied zwischen einem Genie und einem Apostel

    Auch Martin Luther wird komplett missverstanden, wenn er als religiöses Genie gefeiert wird. Schließlich heißt es in seinen letzten Aufzeichnungen: „Die heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, wenn er nicht hundert Jahre mit den Propheten die Kirche regiert hat. Deshalb ist es ein ungeheures Wunder erstens mit Johannes dem Täufer, zweitens mit Christus, drittens mit den Aposteln. Du versuche nicht, diese göttliche Aeneis [dieses göttliche Dichtwerk] zu erforschen, sondern bete gebeugt ihre Spuren an. Wir sind Bettler, das ist wahr.¹ Martin Luther – kein religiöses Genie, sondern ein Bettler. Wir alle „sind Bettler, das ist wahr.

    Vor mehr als 150 Jahren hat der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard einen Aufsatz mit dem Thema „Über den Unterschied zwischen einem Genie und einem Apostel" geschrieben. Dieser Unterschied ist auch heute wichtig. Sogar der Philosoph Peter Sloterdijk hat ihn vor kurzem aufgegriffen.²

    Was ist der Unterschied? Bei einem Genie steht dessen Genialität im Mittelpunkt – bei einem Apostel und Zeugen sein Auftrag. Ein Genie wird von seinem Inneren getrieben – ein Apostel und Zeuge von dem Auftrag, den er bekommen hat. Das Genie hat an dem, was es hervorbringt, selbst Gefallen – für einen Apostel und Zeugen zählt nur, was Gott gefällt.

    Wir Christen sind Zeugen Jesu Christi. Als seine Zeugen geben wir weiter, was Gott uns offenbart und damit aufgetragen hat. Unser Zeugnis kommt nicht aus uns selbst – aus unseren Ideen und Erfahrungen. Wir tragen nichts dazu bei – wir richten es aus. Wir haben auszusagen, was Gott uns vorgesagt hat. Wir weisen auch nicht auf uns selbst, sondern von uns weg – auf etwas Anderes und Größeres, auf den „ganz Anderen", auf den Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Nicht wir sind wichtig, sondern der, den wir bezeugen. Es kommt nicht auf uns an.

    Das gilt für das missionarische Zeugnis der Christen. Und natürlich auch für das „geistliche Leben des Christen, für seine „Spiritualität. Unsere Spiritualität muss nicht immer etwas Besonderes sein; sie soll einfach nur christlich sein – also Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen.

    Martin Luther hat uns „Bettler genannt. Das klingt natürlich nicht so schön. Bei Fulbert Steffensky gibt es eine Formulierung, die dasselbe in etwas schöneren Worten und mit mehr Humor sagt: Wir sind „kleine Leute in großen Schuhen¹.

    Fulbert Steffensky hat dieses Bild ursprünglich auf Pastoren bezogen – weil er einen Vortrag vor Pastoren und Pastorinnen zu halten hatte. Natürlich hat er Recht: Pastorinnen und Pastoren sind „kleine Leute in großen Schuhen". Sie sollen etwas vertreten, was weit über ihr Verstehen und ihre Möglichkeiten hinaus geht. Sie sollen von Gott reden. Ein Ding der Unmöglichkeit.

    Das Unmögliche ist nur möglich, indem Christen mit ihrer schwachen Stimme einfach nachsprechen, was Gott ihnen vorgesagt hat. Aber das gilt nicht nur für Pastorinnen und Pastoren, sondern für jeden Christenmenschen: alle Nachfolger Jesu sind „kleine Leute in großen Schuhen".

    Christen können weder die Welt noch ihre Mitmenschen retten – nicht einmal sich selbst. Das kann allein Jesus Christus. Christen singen: „Christus, der Retter ist da!" Und das gilt nicht nur zur Weihnachtszeit.

    Als Christen weisen wir auf Jesus Christus hin – mehr nicht. Anderenfalls übernehmen wir uns. Wir taugen nicht als Retter. Und wir sollten uns auch nicht als die religiösen Erzieher unserer Mitmenschen aufspielen. Auch nicht als Marketing-Beauftragte Jesu Christi, die seine Botschaft durch eine gute – oder ausgefallene – Performance aufpeppen und besser unters Volk bringen können. Erst recht sollten wir nicht meinen, dass wir selbst mit unseren eignen Gedanken und Erfahrungen die Botschaft sind, die Menschen verändern kann.

    Das Glaubenszeugnis eines Christen dreht sich nicht um seine eigene Geschichte, sondern um die Geschichte Jesu Christi – vor allem um seinen Tod und seine Auferstehung. Das Glaubenszeugnis eines Christen ist nicht unpersönlich – aber alle persönlichen Erfahrungen treten hinter das Evangelium von Jesus Christus zurück. Jedenfalls stimmt etwas nicht, wenn Christen ihre Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen – oder gar meinen, dass erst ihre ganz persönlichen Erfahrungen andere Menschen von der Botschaft Jesu überzeugen können.

    Als Christen haben wir das Recht, nicht genial zu sein. Genauer gesagt: Wir sind sogar dazu verpflichtet – auch und gerade bei der Sache mit Gott. Als Zeugen Gottes müssen wir nicht mehr oder weniger vollkommen sein. Was uns zu Gottes Zeugen macht, sind nicht wir selbst. Was uns zu Gottes Zeugen macht, ist der, den wir bezeugen – Jesus Christus. Die Überzeugungskraft unseres Zeugnisses liegt nicht an uns, sondern in Gottes Macht. Die glaubwürdigsten Zeugen des christlichen Glaubens haben das gewusst und ihre eigene Schwäche bekannt. Denn klar ist doch: Was uns zu Christen macht, ist gar nicht unser persönlicher Glaube. Was uns zu Christen macht, ist der, an den wir glauben – Jesus Christus.

    Der große Theologe Karl Barth hat es auf eine kurze Formel gebracht: „Wir sollen … von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben."¹ Nicht auf uns selbst, sondern auf Christus zeigen – wie Johannes der Täufer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    ¹ Die Delegation repräsentiert das religiöse Machtzentrum bzw. das offizielle Judentum („die Juden"). Es entsteht der Eindruck einer „Behörde, die von ihrem Sitz Jerusalem aus zum Zweck einer Untersuchung Sachverständige delegiert (Bultmann, S. 59), die wie „Vernehmungsbeamte auftreten (Wengst, S. 70).

    ² Der Verfasser „will wohl bewusst den Blick auf diese Partei lenken, die schon zur Zeit Jesu im Synhedrium [Hohen Rat] einflussreich war und die Volksmeinung lenkte, nach 70 aber (Aufhören des Tempelkults, Neubegründung des religiösen Lebens durch Gesetz und Synagoge) den Alleinsieg davontrug." (Schnackenburg I, S. 280).

    ¹ In den anderen Evangelien wird Johannes der Täufer allerdings sehr wohl mit Elia in Verbindung gebracht: Mt 11,14; 17,10-13; Lk 1,14-17.76.

    ¹ Zeugnis" ist ein Schlüsselbegriff des Johannesevangeliums (1,7; 3,11.32; 5,31-36; 8,13-17; 19,35; 21,24) und hat „die spezifische Bedeutung des auf Glauben abzielenden werbenden Zeugnisses über Jesu Christi Wesen und Bedeutung" (ThWNT IV, S. 505).

    ² Zur Frage, welche Vorstellungen hinter dieser Proklamation Jesu als „Gottes Lamm" stehen, gibt es vor allem zwei Auffassungen. Erstens: Das Passahlamm (Ex 12,1-10.46). Dafür spricht, dass in der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums, die sich von der der anderen Evangelien unterscheidet, ausdrücklich auf das Passahfest (18,28; 19,14) und Bestimmungen dieses Festes Bezug genommen wird (Ex 12,46 – Joh 19,31-36). Umstritten ist jedoch, ob das Passahlamm als Sühneopfer verstanden wurde (negativ: Schneider, 70; positiv – mit Zitaten aus der jüdischen Tradition –: Wengst, S. 75). Zweitens: Der leidende Gottesknecht. Von ihm heißt es, dass er „wie ein Lamm … zur Schlachtbank geführt wird" und „die Sünde des Vielen getragen hat" (Jes 53,7.12). Für diese Deutung könnte auch sprechen, dass „Lamm und „Knecht im Aramäischen ein und dasselbe Wort sind (Schneider, S. 70).

    ¹ Was mit der Taufe mit dem Heiligen Geist gemeint ist, wird an dieser Stelle nicht gesagt, aber später in Kapitel 3 des Johannesevangeliums (3,5-8).

    ² Zumstein, S. 102.

    ³ Becker I, S. 97.

    ¹ LD X, 340f.

    ² Sloterdijk, Peter: Nach Gott, Berlin 2017, S. 270ff.

    ¹ Steffensky, Fulbert: Der Schatz im Acker, Stuttgart 2010, S. 186ff.

    ¹ Barth, Karl: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, in: ders., Das Wort Gottes und die Theologie, München 1929, S. 158.

    3 Jünger Jesu werden? Keine eigene Idee (1,35-51)

    ³⁵ Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; ³⁶ und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! ³⁷ Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. ³⁸ Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? ³⁹ Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. ⁴⁰ Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. ⁴¹ Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. ⁴² Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels. ⁴³ Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! ⁴⁴ Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus. ⁴⁵ Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. ⁴⁶ Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! ⁴⁷ Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. ⁴⁸ Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. ⁴⁹ Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! ⁵⁰ Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. ⁵¹ Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

    Wie wird man Christ? Es lohnt sich, diese Frage zu stellen. Sie lohnt sich auch für Christen – oder gerade für Christen.

    Warum? Weil wir im Alltag aus den Augen verlieren können, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Im Alltag kommt uns alles ganz normal und irgendwie selbstverständlich vor – als könnte es gar nicht anders sein und wäre nie anders gewesen.

    Das gilt auch für unser Christsein. Selbst bei der Sache mit Gott können wir aus den Augen verlieren, warum wir eigentlich Christ geworden sind. Wenn wir uns das von Zeit zu Zeit fragen, kann es uns helfen, dass wir uns nicht im Unwesentlichen verlieren.

    Wenn wir uns diese Frage stellen, kommen erst mal ganz persönliche Erinnerungen hoch. Bei vielen von uns sind das vermutlich erst mal Kindheitserinnerungen. Dabei handelt es sich nicht nur um konkrete Erlebnisse, sondern auch um „Schwingungen, die wir wahrgenommen haben, wenn wir als Kinder von Gott, Jesus, der Bibel und all dem, was damit verbunden ist, gehört haben. Als Jugendliche und erst recht als Erwachsene haben wir vieles bewusster erlebt und irgendwann eine Entscheidung getroffen. Vielleicht aufgrund einer besonderen Gotteserfahrung. Vielleicht, weil wir eines Tages bewusst „Ja zu dem gesagt haben, wovon wir eigentlich schon länger überzeugt waren.

    Persönliche Erinnerungen sind wichtig, aber zwiespältig – auch beim christlichen Glauben. Neben den positiven Erlebnissen, die uns motiviert haben und vielleicht heute noch motivieren, gibt es auch ganz andere. Ich bin sicher: viele von uns können auch davon erzählen, wie die Sache mit Gott zu einer Belastung werden und als zentnerschwere Last auf unserer Seele liegen kann.

    Schon deshalb ist es gut, über den Tellerrand unserer individuellen Erfahrungen hinauszuschauen und zu fragen: Wie wird „man Christ? Wie ist das eigentlich „ganz grundsätzlich betrachtet? Und „ganz grundsätzlich heißt hier natürlich: Was sagt das Evangelium eigentlich zu der Frage, wie „man Christ wird?

    Wenn wir so fragen, werden wir auf andere Antworten stoßen, als auf die Antworten, die wir uns aufgrund unserer eigenen Erfahrungen selbst geben können. Und ich behaupte jetzt mal: Wir werden nicht nur auf andere, sondern auf bessere Antworten stoßen – weil diese Antworten mehr Potential haben, das Wesentliche neu zu entdecken und uns neu zu motivieren, als unsere persönlichen Erinnerungen das können.

    Also: Wie wird „man" Christ – aus der Sicht des Evangeliums? Die vier kleinen Episoden, die wir eben gehört haben, werden uns helfen, der Antwort auf die Spur zu kommen.¹

    Episode 1: Die zwei Jünger Johannes des Täufers

    Wer sind die beiden? In Episode 2 erfahren wir, dass der eine von ihnen Andreas heißt und der Bruder von Simon Petrus ist. Der andere bleibt namenlos. Nicht wenige Bibelausleger meinen, dass es sich hier um den Verfasser des Johannesevangeliums handelt, der lieber ungenannt bleiben möchte – also um den mysteriösen „Jünger, den Jesus lieb hatte" (20,2).

    Die beiden sind jedenfalls Jünger Johannes des Täufers. Der predigt und tauft zwar am Rande der Zivilisation, hat aber trotzdem – oder gerade deshalb – großen Zulauf. Auch Jesus ist zu ihm gekommen.

    Bereits bei seiner ersten Begegnung mit Jesus hatte der Täufer über ihn gesagt: „Siehe, dass ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt" (1,29). Als Jesus einen Tag später wieder in seiner Nähe auftaucht, wiederholt Johannes der Täufer seine Proklamation: „Siehe, dass ist Gottes Lamm."

    Die beiden Jünger Johannes des Täufers hören, was er sagt – und ziehen

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