Über dieses E-Book
Leo M. Friedrich
Leo M. Friedrich veröffentlicht nach "Schatten der Albatrosse", „Neodymium-Komplott“, „Harfenspiel“ und „Euphrat“ bereits sein fünftes Buch um den Ex-Agenten Peter Bohm. Der Autor studierte Politikwissenschaften und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Wirken der Geheimdienste. Er lebt mit seiner Familie in Mecklenburg.
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Artefactum: Vermächtnis aus der Bronzezeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDerwisch-Projekt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNeodym-Komplott: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHarfenspiel Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Story Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEuphrat: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
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Schatten der Albatrosse - Leo M. Friedrich
PROLOG
Peter´s Point nahe Ottawa, Kanada
5.September 2006, 23.45 Uhr
Die Fahrt vom Ribeau Theater nach Hause dauerte wegen des einsetzenden heftigen Regens zehn Minuten länger als üblich. Als sie das Haus von der angebauten Garage aus betraten, fiel ihnen zunächst nichts Ungewöhnliches auf. Die Kinder sollten um diese Zeit schon schlafen und auch das Kindermädchen, eine achtzehnjährige Deutsche, war sicherlich schon ins Bett gegangen.
Dass etwas nicht stimmte wurde ihnen erst klar, als sie die offenstehenden Türen der Kinderzimmer bemerkten und schließlich vor den leeren Betten standen. Im selben Augenblick hörten sie ein Wimmern und entdeckten das gefesselte und geknebelte Kindermädchen im angrenzenden Badezimmer.
Erst als er nochmals in das Zimmer seiner verschwundenen Tochter zurücklief, fiel ihm auf deren Tisch ein Handy auf, das weder ihr noch sonst wem in der Familie gehörte. Daneben lag ein Zettel, auf dem nur ein Wort stand: „CALL". Er drückte die Wahlwiederholung und bevor er ein Freizeichen vernehmen konnte, wurde am anderen Ende schon gesprochen:
„Wenn du die Beiden lebend wiederhaben willst, besorg uns einen Atomsprengkopf!"
Teil I
1.Kapitel
In der Nähe von Varvara, Bulgarien
16.Mai 1983, 22.57 Uhr
Peter Bohm stand am Straßenrand und sah die Rücklichter des Lastwagens, der ihn eben hier abgesetzt hatte, hinter einer Straßenbiegung im Wald verschwinden. Eigentlich müsste er jetzt verzweifelt sein, denn er war ohne Geld, ohne Papiere und ohne Verpflegung in einem fremden Land und hatte noch nicht einmal eine Karte, um sich zu orientieren. Er hatte nichts weiter, außer einem Auftrag, der besagte, sich in drei Tagen in einer Hafentaverne in Thessaloniki mit einer Person zu treffen, die er an einer roten Baseballkappe erkennen würde und von der er weitere Instruktionen erhalten sollte. Was nichts anderes hieß, als dass er von Bulgarien über die Grenze nach Griechenland gelangen musste, ohne erwischt zu werden. Wenn es schiefging, was durchaus wahrscheinlich war, müsste er der Mündung einer entsicherten Kalaschnikow und deren Besitzer dahinter erklären, dass er Angehöriger des Geheimdienstes eines befreundeten Staates war, der zu Prüfungszwecken den illegalen Grenzübertritt ins kapitalistische Ausland vollziehen wollte. Er konnte sich dabei aber nicht sicher sein, ob sein Gegenüber soviel russisches Sprachverständnis aufbringen könnte oder wollte, um dies zu begreifen und den richtigen Anruf zu tätigen. Also war es besser, sich nicht erwischen zu lassen.
Bohm erinnerte sich, kurz vor dem Halt durch die Planen des Verdeckes die Lichter einer Ortschaft gesehen zu haben und machte sich längs der Straße auf den Weg. Tatsächlich hatte er Glück und erreichte nach einer halben Stunde die ersten Häuser eines kleinen Provinznestes am Rande der Berge. Direkt am Ortseingang fand sich eine verschlossene kleine Tankstelle, deren Hintertür ihm nur wenig Widerstand leistete. Er nahm sich eine der ausliegenden Landkarten aus dem Regal und suchte vergeblich nach etwas Essbarem. Schließlich öffnete er die Kasse und fand darin etwa einhundert Lewa, die er einsteckte und sich dann wieder zurückzog. Bei der Einweisung in den Prüfungsablauf hatte man lediglich darauf hingewiesen, dass keine Menschen zu Schaden kommen dürften, und außerdem hatte er noch so viele Gesetzesbrüche vor sich, dass so ein Diebstahl dagegen kaum ins Gewicht fiel.
Im Schutze einer Scheune betrachtete Peter Bohm die Landkarte und kam zu dem Schluss, dass er mindestens noch ein vollgetanktes Auto sowie ausreichend Verpflegung brauchte, wollte er auch nur in die Nähe der griechischen Grenze kommen. Vor ihm lag ein Gebirge, aber die letzten Tage waren angenehm warm gewesen, so dass die Kleidung, die er trug, und die selbstverständlich keinen Hinweis auf seine Herkunft gab, ausreichen sollte.
Er hatte keine Ahnung, wie viel Prozent der Bulgaren ein eigenes Auto besaßen, aber er war fest entschlossen, eines zu stehlen. Dies würde dem Besitzer sicherlich eine Menge Ärger einbringen. Jedoch beruhigte er sein Gewissen damit, dass er das Gefährt in jedem Fall vor der Grenze zurückließe und damit dessen Chance vergrößerte, es zurückzubekommen.
Tatsächlich stand auf dem Gelände einer Autowerkstatt ein etwas in die Jahre gekommener Shiguli, was sich als Glücksfall erwies. An dieser Marke hatte er in seiner Ausbildung immer wieder das elegante Aufbrechen und Kurzschließen geübt. Inzwischen war es fast vier Uhr und in Kürze würden die ersten Frühaufsteher auftauchen, so dass er sich durch die Berge in Richtung Süden aufmachte, bevor jemand zwar das Auto, nicht aber dessen Fahrer erkannte.
Mehrere Stunden fuhr er nun schon durch endlose Wälder, ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen. Diese Prüfungstage setzten den Schlusspunkt hinter eine drei Jahre währende Ausbildung, die zu der geheimsten seines Landes zählte. Monatelang war er mit allen Aspekten des Agentenlebens vertraut gemacht worden, hatte Schiessen und Auto fahren gelernt, man hatte ihm beigebracht, wie man tote Briefkästen anlegt und überwacht, Personen observiert, wie man erkennt, dass man selbst beobachtet wird oder sich einer Überwachung entzieht. Alle Welt dachte, er leiste nur seinen dreijährigen Militärdienst ab, stattdessen wurde er zum Agenten ausgebildet. Jetzt saß er hier in einem Shiguli und überlegte, wie er am schnellsten über die Grenze nach Griechenland käme.
Nach ungefähr vier Stunden Fahrt erreichte er Kulata, den Grenzort auf bulgarischer Seite. Er stellte das Auto auf den Parkplatz des örtlichen Lebensmittelmarktes und erkundete zu Fuß den Grenzübergang. Sofort fiel ihm auf, dass hier jede Menge Lastwagen in beide Richtungen abgefertigt wurden. Die Kontrollen waren allerdings sehr gründlich, bei jedem einzelnen Fahrzeug wurde die Unterseite mit Spiegeln gecheckt, außerdem waren ständig zwei Wachposten mit Hunden präsent.
Um nicht unnötig aufzufallen, zog sich Bohm nach einer halben Stunde wieder zurück und verließ den Ort in Richtung Norden. Er suchte entlang der Straße nach einem geeigneten Rastplatz, auf dem Lastwagenfahrer eine letzte Pause vor der Grenze einlegten. Nach einer guten Stunde fand er einen in einem kleinen Waldstück gelegenen, der von der Straße nicht einzusehen war und richtete sich in unmittelbarer Nähe im Unterholz ein. Erst als er bereits daran zu zweifeln begann, ob seine Idee wirklich so gut war, bog ein Sattelzug von der Straße ab und hielt auf sein Versteck zu. Es war einer der vielen griechischen Viehtransporter, die er bereits tagsüber am Grenzübergang beobachtet hatte. Wie die anderen stank auch dieser weithin nach Schweinekot. Der Fahrer war ausgestiegen und in den angrenzenden Wald gegangen, um sich zu erleichtern. Bohm wollte sein Versteck grade verlassen, als ein Motorrad mit zwei Jugendlichen neben dem Lastwagen hielt. Der Beifahrer sprang ab, rannte auf den Lastwagenfahrer zu, der grade aus dem Gebüsch kam, hielt ihm ein Messer an die Kehle und schrie etwas Unverständliches. Der zweite kam dazu und beide drängten ihr Opfer in Richtung seines Fahrerhauses. Bohm sprang jetzt endgültig aus seinem Versteck und rannte auf die Gruppe zu. Der erste Räuber drehte sich zu ihm um, reagierte aber viel zu spät und bekam die ausgestreckte rechte Hand gleich einem Messer in die Magengrube, woraufhin er wie eine Stoffpuppe zusammensackte, der Fausthieb an die Schläfe ließ ihn dann in tiefe Bewusstlosigkeit sinken. Der zweite schwenkte sein Messer in Bohms Richtung, welches dieser ihm aber sofort aus der Hand trat und ihm mit einem direkt folgenden Schlag das Nasenbein brach. Der nächste Hieb schickte ihn zu seinem Komplizen ins Land der Träume. Die ganze Aktion dauerte nicht mehr als 10 Sekunden. Bohm wandte sich dem Trucker zu, der wie vom Donner gerührt war und noch zu verstehen versuchte, was hier gerade vor sich ging. Er reagierte erst, als er an den Schultern gepackt und durchgeschüttelt wurde, wobei er etwas Unverständliches murmelte. Bohm sprach ihn auf Englisch an, erntete aber nur ein Kopfschütteln. Er überlegte kurz und fragte:
„Deutsch?"
Der Grieche blickte auf und nickte. Er wies auf die beiden am Boden liegenden Angreifer und fragte:
„Was jetzt?"
Gemeinsam zogen sie die Beiden ins nahe Unterholz und fesselten sie mit ihren Gürteln an einen Baum. Bohm stopfte noch jedem einen Stofffetzen in den Mund, dann überlegte er, wie er dem Griechen klarmachen sollte, dass er ihm helfen sollte, über die Grenze zu kommen.
„Wie ist dein Name?"
„Ich… Anastasius"
„Anastasius, ich muss nach Saloniki, noch heute Nacht!"
„Du hast Papiere?"
„Keine Papiere, ich will irgendwie über die Grenze, in deinem Lastwagen."
„Ist riskant, Kontrollen sind sehr scharf hier, du aus Ostdeutschland?"
„Ja, genau deshalb, bitte hilf mir, versteck mich zwischen deinen Schweinen oder sonst wo, aber bring mich rüber!"
„Okay, du hast mir geholfen, ich versuch es."
Anastasius stieg gewand auf den Anhänger und winkte seinem Schützling, ihm zu folgen. Auf dem Dach löste er einige Bretter und Bohm bemerkte einen Hohlraum direkt über den Schweinen. Irgendwie hatte er das Gefühl, der Grieche würde dies nicht zum ersten Mal tun. Er nickte ihm zu und zwängte sich in das Versteck. Jetzt musste er sich nur noch an den unerträglichen Gestank der Schweine gewöhnen.
Nach kurzer Fahrt erreichten sie die Grenzkontrolle, an der zu dieser Zeit schon bedeutend weniger Betrieb war. Bohm versuchte kaum zu atmen, weil der Geruch der Schweine ihm bis in die Lungen zog. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, einem fremden Menschen komplett ausgeliefert zu sein. Wenn Anastasius dort vorn im Fahrerhaus die Nerven verlor oder irgendjemand die beiden Räuber am Rastplatz im Gebüsch entdeckt hatte und Alarm schlug… Dann war der Fakt, dass er damit seine Prüfung vergeigt und so seine jahrelange Ausbildung umsonst gewesen war, noch sein kleinstes Problem. Die bulgarischen Grenzer waren auch nicht grade dafür bekannt, besonders feinfühlig mit gefassten Flüchtlingen umzugehen. Bohm hörte draußen einen Hund bellen, die Schritte der Kontrolleure und machte sich darauf gefasst, dass gleich über ihm die Bretter beiseite gerissen würden und man ihn entdeckte. Stattdessen spürte er, wie plötzlich der Motor des IVECO ansprang und der Lastwagen in Richtung Griechenland beschleunigte.
Anastasius entließ seinen blinden Passagier wenige Kilometer nach der letzten Grenzkontrolle aus dem Versteck. Bohm taumelte in den Straßengraben und übergab sich. Später konnte er nicht mehr sagen, ob dies wegen dem Gestank der Schweine oder der Aufregung seines Grenzdurchbruches war. Der Grieche wirkte jetzt regelrecht fröhlich und redete wie ein Wasserfall auf seinen neuen deutschen Freund ein. Er meinte, sein Laster hätte so gestunken, dass die Grenzer nur einen flüchtigen Blick auf seine Papiere geworfen hätten und ihm dann bedeuteten, schleunigst zu verschwinden. Er würde ihn jetzt nach Saloniki bringen, in sein Haus, dort könnte er dann seine Sachen waschen. Bohm hatte sich inzwischen erholt, blieb jedoch für den Rest der Fahrt schweigsam und versuchte dem Redefluss des Griechen zu folgen.
Thessaloniki, Griechenland
19.Mai 1983, 18.50 Uhr
Die letzten vierundzwanzig Stunden verbrachte er sehr angenehm im Haus seines neuen griechischen Freundes am Stadtrand. Er durfte in einem richtigen Bett schlafen und Anastasius Frau hatte seine nach Schweinetransporter stinkenden Sachen gewaschen, so dass er sich wieder unauffällig in der Stadt bewegen konnte. Niemand hatte ihm großartig Fragen gestellt. Wahrscheinlich war er für seine Gastgeber ein geflohener Ostdeutscher, der jetzt nicht so recht wusste, wie es nun im freien Westen für ihn weitergehen sollte. Man sah ein, dass er erst einmal mit sich selbst klarkommen musste und ließ ihn in Ruhe. Bohm hoffte, dass er noch Gelegenheit haben würde, sich zu bedanken.
Bohm betrat die in einer Seitenstraße gelegene Taverne und suchte, wie man es ihm beigebracht hatte, nach einem Ecktisch im hinteren Bereich. Gleichzeitig checkte er die anwesenden Gäste, in der Hauptsache Touristen und einige wenige Einheimische und versuchte herauszubekommen, wo sich der Hinterausgang befand.
In den vergangenen Stunden hatte er die Zeit damit verbracht, die Gegend um seinen Treffpunkt zu studieren. In seiner Ausbildung hatte er gelernt, zu analysieren, welche Straßen in der Umgebung wohin führten, welche Geschäfte sich dort befanden, wie waren die Menschen gekleidet, die dort verkehrten, gab es dort viel oder wenig Polizei und private Sicherheitsdienste, wie und wo konnte man am schnellsten untertauchen. Er war das erste Mal in seinem Leben auf feindlichem Territorium auf sich allein gestellt und jetzt wurde ihm klar, dass dies sein künftiges Leben sein würde. Er musste von nun an immer mit Gefahren rechnen, immer einen Fluchtweg oder zumindest einen Plan B bereithaben, denn niemand würde mehr rufen Stopp, die Übung ist vorbei.
An einem Tisch in der Nähe des Durchganges zur Küche bemerkte er eine dunkelblonde junge Frau um die Dreißig. Was ihn stutzen ließ, war ein rotes Basecap, das sie keck mit dem Schirm im Nacken auf dem Kopf trug. Nach kurzem Zögern steuerte auf sie zu und deutete auf den freien Stuhl ihr gegenüber. Sie nickte mit einem deutlichen Schmunzeln und sah ihn erwartungsvoll an.
„Heute sind besonders viele Touristen unterwegs."
Wenigstens hatte er seinen Erkennungssatz nicht vergessen.
„Ja besonders viele aus Bayern." Die Antwort stimmte.
„Ich habe aber auch schon Hamburger getroffen."
Seine Bestätigung, ja, ich bin´s wirklich.
„Willkommen in Griechenland."
Sie lächelte ihn an, als sie seine Verblüffung bemerkte.
„Sie glaubten doch bis jetzt nicht wirklich, dass alle Spione entweder alte Männer sind oder wie James Bond aussehen, obwohl, wenn ich mir sie so anschaue…"
Bohm war tatsächlich etwas verdattert, fing sich aber schnell wieder.
„Ich hab nur nicht damit gerechnet, in dieser Ecke des bösen Westens so schöne deutsche Frauen zu treffen." Sie lachte laut auf.
„Keine Sorge, sie sehen mich nicht wieder. Wenn ich aufstehe, lasse ich eine Zeitung auf dem Tisch liegen. Darin finden sie eine Adresse. Sie fahren morgen dorthin und leeren den toten Briefkasten, der sich im Spülkasten der letzten Toilettenkabine befindet. Dann befolgen sie einfach die Anweisungen. Oh mein Gott, ist das ein Gefühl, endlich mal wieder Spion spielen zu dürfen!"
Sie schob ihm die Zeitung herüber. „Besonders interessant sind die Kontaktanzeigen!"
Bohm unterdrückte den Reflex, sofort zuzugreifen und winkte erst einmal dem Kellner. Seine neue Bekanntschaft erhob sich und warf ihm spielerisch ihr Basecap zu.
„Übrigens fand ich ihre Aktion mit dem Schweinelaster ziemlich abenteuerlich, aber sie haben wenigstens Ideen!"
Objekt Daubitz , Uckermark
6.September 1983, 10.30 Uhr
Die Schorfheide, ein riesiges Waldgebiet nördlich von Berlin war schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in der Hand der jeweils Herrschenden, die diesen Landstrich vorwiegend als Jagdrevier nutzten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden hier im Schutz der Wälder eine große Anzahl geheimer Anlagen der sowjetischen Truppen und der verschiedenen Sicherheitsorgane der DDR errichtet.
Einige Kilometer vor der uckermärkischen Kleinstadt Lychen zweigt ein unscheinbarer Waldweg von der Kreisstraße ab. Ein Stück weiter im Wald weist ein Schild auf ein militärisches Sperrgebiet hin, nichts Besonderes in dieser Region. Nach einigen hundert Metern versperrt ein Tor die Weiterfahrt, dahinter gewahrt man eine recht große, wenn auch etwas heruntergekommene Lagerhalle, ein Stück weiter eine zweite, die offensichtlich in keinem besserem Zustand ist. Am Tor steht „Staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb der DDR und nur ganz geübte Beobachter erkennen die versteckt angebrachten Videokameras entlang des für ostdeutsche Verhältnisse sehr intakten Zaunes, der sich unauffällig durch den Wald schlängelt. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier eine der geheimsten Dienststellen der Hauptverwaltung Aufklärung, des von Markus Wolf gegründeten Auslandsnachrichtendienstes der DDR befindet. Die erste Halle beherbergte die Wacheinheit, die in Uniformen der Forstverwaltung gelegentlich die Baumstämme zwischen den Gebäuden mit Gabelstaplern umlagert, um so einem möglichen Beobachter typische Aktivitäten vorzutäuschen. Das zweite Bauwerk wirkt ebenfalls nur äußerlich heruntergekommen. Hier ist die Heimatbasis der Einheit „Albatros
, einem aus maximal zwanzig Mitgliedern bestehenden Spezialkommandos, das direkt dem Chef der HVA unterstellt ist. Alle Mitglieder dieser Einheit, die nachrichtendienstliche Sondereinsätze in aller Welt durchführt, gingen zur Tarnung „zivilen Berufen nach, die eine häufige Reisetätigkeit nach Außen hin glaubhaft macht. In der speziell eingerichteten Halle, die nicht einmal von den Wachmannschaften betreten werden durfte, hatten sich die „Albatrosse
eine Reihe von Annehmlichkeiten geschaffen, um sich auf ihre Einsätze vorzubereiten. So hatte jedes Mitglied einen eigenen Privatbereich mit Bett, Schrank und Fernseher. Man verfügte über einen großen Besprechungsraum, eine gut eingerichtete Küche und sogar einen Freizeitbereich mit Tischtennisraum und Kraftsportgeräten. Im Keller des Gebäudes befand sich das Herzstück der Anlage, eine Schießbahn und eine Waffenkammer, die alle gängigen, weltweit genutzten Handfeuerwaffen enthielt. Dieser Bestand wurde ständig aktualisiert und jedes Teammitglied verbrachte hier viel Zeit mit Schießübungen.
Der Name „Objekt Daubitz war insofern eine Irreführung des eigenen Ministeriums, weil dieser Ort gar nicht existierte. Allerdings wurde das gesamte Budget für dieses Spezialkommando unter dieser Bezeichnung eingestellt, so dass nur sehr wenige Personen in der DDR über dessen wahre Bedeutung Kenntnis hatten. Eine weitere Besonderheit der Einheit „Albatros
war die Tatsache, dass sie ihr eigenes Archiv besaß und alle Personalakten und Einsatzberichte im Objekt blieben. Wenn ein Vorgesetzter aus der Hauptverwaltung Schriftstücke einsehen wollte, so musste er sich aus Berlin hierher bemühen. Dies verschaffte dem Kommando eine gewisse Unabhängigkeit.
Chef der Albatros-Agenten war seit zehn Jahren Klaus-Jürgen Becker, der in der HVA Legendenstatus hatte. Er stand in dem Ruf, gegenüber seinen Untergebenen ein „harter Hund" zu sein, aber seine Truppe nach außen hin bedingungslos zu vertreten.
Als Peter Bohm seinem neuen Chef das erste Mal gegenüberstand, hatte er doch ein wenig weiche Knie. Bisher hatte er lediglich alle möglichen Geschichten über „KJB" gehört, ihn aber nie persönlich getroffen. Ein geplantes Gespräch nach seiner mit Bravour bestandenen Prüfung wurde kurzfristig abgesagt, so dass er aus seiner neuen Einheit bisher lediglich seinen künftigen Mentor kannte, der ihn heute hierher gebracht hatte und ihn dann dem Chef vorstellte. Becker begrüßte sein neuestes Teammitglied und wirkte, entgegen seinem Ruf sehr umgänglich, geradezu freundlich. Er erfuhr, dass seine Hauptaufgabe darin bestehen würde, mehr oder weniger auf sich allein gestellt Aufträge vorwiegend in Asien oder Afrika auszuführen oder Operationen zu unterstützen, über die er nie oder nur ganz selten Näheres erfahren würde. In der Regel ging es darum, eine bestimmte Person eine Zeit lang zu beobachten, zu einem festgelegten Zeitpunkt ein Auto an einem vorher vereinbarten Ort abzustellen oder, wie im Training oft geübt, einen toten Briefkasten zu leeren oder zu bestücken. Zur Tarnung würde er dazu als Fotojournalist reisen, eine Tätigkeit, die seine Anwesenheit an vielen Orten der Welt schlüssig erklären konnte. Er arbeitete also ab sofort als freiberuflicher Fotograf für die staatliche Nachrichtenagentur. Einen Termin beim zuständigen Ressortleiter hatte Becker für ihn schon arrangiert.
„Dafür erhalten sie auch einen richtigen Pass und brauchen sich nicht mehr auf irgendwelchen Viehtransportern über die Grenzen schmuggeln zu lassen" schloss KJB das Gespräch.
Eine offizielle Begrüßung würde es nicht geben, da es bisher noch nicht vorgekommen war, dass alle Mitglieder von „Albatros" gleichzeitig anwesend waren.
Bohm war also nun vollwertiges Mitglied von Beckers Einheit. Trotzdem blieb ihm vorerst unklar, was genau man von ihm erwartete. Okay, er hatte seine Ausbildung erfolgreich bewältigt, war illegal über die Grenze nach Griechenland gegangen. In Athen beschattete er drei Tage den belgischen Militärattache und kam anschließend wieder, ohne erwischt zu werden, zurück nach Bulgarien. Auftrag erfüllt, Prüfung bestanden. Und jetzt? Wartete auf ihn jetzt ein Leben wie James Bond mit gerührtem Martini und jeder Menge schöner Frauen? Bohm stammte aus einem kleinen Dorf im Norden der DDR und war mit solchen Filmen groß geworden. Damals faszinierte ihn Agentenromantik, zumal auch die Ostdeutschen ihren eigenen Bond erschufen, der als Achim Detjen die Bösen um die Welt jagte. Leider ging der Hauptdarsteller Müller-Stahl später in den Westen und die Filme wurden nicht mehr im Fernsehen gezeigt. Er war siebzehn, als die Werber erstmals auf den sportlichen Jungen aufmerksam wurden. Er wollte sich schon für eine Offizierslaufbahn bei der Armee verpflichten, aber einige diskrete Gespräche später folgte sein Leben einem anderen Plan. Während der Ausbildung verfluchte Bohm noch oft seine James-Bond-Fantasien, wenn er stundenlang in der Kälte lag, um ein Haus zu beobachten oder im strömenden Regen irgendwelchen Zielpersonen kreuz und quer durch Berlin folgte. Auch wenn er jetzt den Dienstgrad Leutnant trug, so hatte man in der Ausbildung immer betont, dass er Zivilist bleiben sollte. Militärs bewegten sich anders durch die Welt und niemand wirkte unsicherer als ein altgedienter Uniformträger, der plötzlich im Anzug herumlaufen musste. Bohm war auch aufgefallen, dass er Umgang bei „Albatros im Gegensatz zum restlichen MfS betont unmilitärisch war, hier herrschte offensichtlich die Ansicht: „Uns ist klar, dass wir die Besten sind, aber niemand braucht es zu wissen.
In dieser Welt war er nun angekommen.
Leipzig
23. Oktober 1983, 16.35 Uhr
Peter Bohm kam grade aus einer Vorlesung zur Geschichte des Journalismus in sein Wohnheim zurück. Auf Anweisung von KJB nutzte er seine freie Zeit dazu, um an einigen Lehrveranstaltungen der Universität teilzunehmen, um irgendwann einmal einen Abschluss als Journalist machen zu können. Er hatte zwar keine Ahnung, wie lange dies dauern würde, wenn er in nächster Zeit ständig auf Reisen sein würde, aber so verbrachte er seine Zeit mit etwas Sinnvollem. Er hatte auf den letzten Drücker einen Platz in einem Wohnheim für ausländische Studenten erhalten und wohnte jetzt mit Pablo, einem angehenden Schriftsteller aus der Nähe von Havanna, in einem Zimmer. Bohm brauchte nicht lange, um sich mit der Mentalität der Kubaner anzufreunden. Sie rauchten zwar alle zuviel, konnten dafür aber auch lange und ausgelassen feiern und waren soviel lockerer im Umgang als die Leute in seiner Heimat.
An diesem Tag wurde er bereits aufgeregt vom Pförtner des Wohnheimes erwartet, der ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand drückte und ihn zum Münzfernsprecher im Treppenhaus schob. Bohm kannte die Nummer mit Berliner Vorwahl nicht, konnte sich aber denken, wer ihn hier so dringend erreichen wollte. Sein erster Einsatz? Ihm schlackerten ein wenig die Knie als er die Nummer wählte und sich am anderen Ende jemand mit „Daubitz" meldete. Becker. Die Anweisung war kurz, aber eindeutig, Bohm sollte in einer Stunde vor dem Hauptbahnhof stehen, dort würde ihn jemand abholen. Gespräch Ende.
Es ging also los.
Beirut, Libanon
25.Oktober 1983, 17.00 Uhr
Sie erreichten Beirut in einem Bus voller Journalisten aus aller Welt von Damaskus aus kommend. Der Flughafen der libanesischen Hauptstadt war nach den Anschlägen auf die amerikanischen und französischen Soldaten für zivile Flüge gesperrt worden. Bei den Attentaten waren über dreihundert Menschen gestorben, die meisten davon US-Marines. Die HVA wollte nun genauere Informationen. So kam Bohm zu seinem ersten Einsatz. Er wurde allerdings nicht allein geschickt, sonder reiste in Begleitung von Werner Tietz, einem erfahrenen Agenten, der ebenfalls als Reporter arbeitete. Sie checkten im „Talal ein, einem heruntergekommenen Hotel in der Innenstadt. Nach den Anschlägen strömten Berichterstatter und Fernsehteams aus aller Welt hierher, erklärte Tietz seinem jüngeren Kollegen. Da würden die besseren Quartiere meistens von den Amerikanern und Westeuropäern belegt. So blieben sie eben mit den Russen, Ungarn und Polen unter sich, wobei Bohm den Verdacht nicht loswurde, dass die meisten der Kollegen einen ähnlichen „Nebenjob
hatten wie er.
Zu ersten Verbrüderungsszenen kam es am Abend in der erstaunlich gut geführten Bar des Hotels. Tietz hatte Bohm dringend ans Herz gelegt, sich abends nicht in seinem Zimmer zu verstecken, die wirklich interessanten Dinge erführe man immer erst bei einem Bier nach Feierabend. Er riet ihm, wenig zu trinken, noch weniger zu erzählen aber dafür immer gut zuzuhören. Selbst hielt er sich aber nicht daran, als ein ihm gut bekannter TASS-Reporter, wie bei den Russen üblich, eine Flasche Wodka aus der Tasche zog.
Am nächsten Vormittag war eine Pressekonferenz mit amerikanischen und französischen Militärs angesetzt. Eine Besichtigung der Anschlagsorte wurde abgesagt, weil dort angeblich immer noch geschossen wurde. Bohm, Tietz und der Russe Bulganow beschlossen daraufhin, sich auf eigene Faust auf den Weg dorthin zu machen. Der Hotelportier kannte einen Palästinenser, der für hundert Dollar bereit war, sie durch die Stadt zu fahren. Bereits eine Stunde später saßen sie in einem klapprigen Mercedes. Bohm beschlich ein mulmiges Gefühl, als er die vielen Ruinen in der Innenstadt und vor allem die ausgebrannten Autowracks am Straßenrand sah. Beirut versank in Anarchie, jeder Bezirk wurde von einer anderen Kriegspartei kontrolliert und überall lauerten Heckenschützen. Ihr Fahrer brachte sie mit viel Redefluss und Schmiergeld durch mehrere Straßensperren aber nach einer Stunde scheinbar sinnlosen Herumkurvens standen sie plötzlich vor einer Barrikade, besetzt mit mehreren hypernervösen US-Marines, die drohend ihre Gewehrläufe ins Wageninnere richteten. Nachdem sie grade so viele Kameraden verloren hatten, waren sie mehr als bereit, jeden niederzuschießen, der auch nur im Geringsten verdächtig aussah. Da wären ein Araber und drei kommunistische Reporter noch nicht mal das schlechteste Ziel. Sie versuchten es noch an zwei anderen Stellen, aber überall waren die Straßen gesperrt und immer gab man ihnen zu verstehen, dass die Presse hier unerwünscht sei.
Sie stiegen vor dem Hotel aus dem Wagen, Bohm und Tietz gingen voran, Bulganow, der noch den Fahrer bezahlt hatte, folgte ihnen, als plötzlich Schüsse fielen. Die beiden Deutschen hechteten in die Hotelhalle, während der Russe am Fuß der Treppe getroffen zusammenbrach.
Bohm rappelte sich wieder auf und rannte, ohne lange zu überlegen, nach draußen. Tietz schrie ihm nach:
„Nicht, bleib unten!"
Doch der warf sich auf den Russen und rollte mit ihm in den toten Winkel neben die Treppe, während die nächste Salve auf die Stufen prasselte. Sie pressten sich dicht an die Mauer in der Hoffnung, dass der Schütze, dessen Standort noch keiner wirklich ausgemacht hatte, sie hier nicht sehen konnte. Bulganow war am Oberschenkel getroffen und blutete stark. Er presste seine Hand auf die Wunde und beide hofften, dass die Schüsse bald aufhörten. Als nach endlosen Minuten scheinbar Ruhe war, zog Bohm den Gürtel aus der Hose des Russen und band damit das Bein ab. Im gleichen Moment warf sich Tietz neben ihnen auf den Boden und keuchte:
„Du blöder Idiot, los jetzt!"
Gemeinsam brachten sie den Verletzten in die Lobby des Hotels und legten ihn auf eines der zerschlissenen Sofas. Tietz brüllte den Portier an, er solle einen Krankenwagen rufen sowie Wasser und Verbandszeug bringen. Dann rannte er in die Bar und kam mit einer Flasche Whisky zurück. Er flößte dem Russen einen großzügigen Schluck ein und desinfizierte dann die Einschussstelle. Anschließend verband er das Bein und schrie wieder in Richtung Rezeption nach einem Krankenwagen. Ein Hotelangestellter kam dazu und sagte, man werde einen Arzt aus der Nachbarschaft holen.
Am Abend, als der Doktor gegangen war, setzte sich Tietz zu seinem Schützling und reichte ihm ein Glas Whisky.
„Trink, das hilft gegen das Zittern danach. Ich brauche nach solchen Aktionen immer eine gute halbe Flasche, bis ich mich wieder im Griff habe. Du hast heute ziemlichen Schneid bewiesen, aber trotzdem war es eine Riesendummheit. Okay, du hast Nikolai mit Sicherheit das Leben gerettet, aber beinahe wärst du dabei draufgegangen. Wahrscheinlich waren alle Schutzengel grade hier zur Hauptversammlung. Ich habe in Gedanken schon KJB beizubringen versucht, dass sein Jungstar gleich beim ersten Einsatz ins Gras gebissen hat, weil er den Helden spielen musste. Wir müssen Bulganow hier rausbringen, du wirst ihn morgen nach Damaskus begleiten. Ich bleibe hier und führe unseren Auftrag weiter."
Bohm holte Luft aber Tietz hob warnend die Hand. „Das
