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Mit Erbsen in den Schuhen: Entscheidung auf dem Jakobsweg
Mit Erbsen in den Schuhen: Entscheidung auf dem Jakobsweg
Mit Erbsen in den Schuhen: Entscheidung auf dem Jakobsweg
eBook365 Seiten4 Stunden

Mit Erbsen in den Schuhen: Entscheidung auf dem Jakobsweg

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Über dieses E-Book

Er hat sich aufgemacht, aufgemacht auf den Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostella. Aber nicht wie andere, die nach Krankheit oder einem schweren Schicksalsschlag in Dankbarkeit aufgebrochen sind. Auch nicht wie jene, die in einer Lebenskrise stecken und Neuorientierung und Kraft auf dem Camino suchen.
Nein, er ist aufgebrochen, um seinen Entschluss zu festigen, aufgebrochen um zu töten.
Zu töten für all die Demütigungen, Erniedrigungen, Spötteleien, die er und seine Spiel- und Schulkameraden erfahren mussten. Sie mussten leiden, weil sie schwächer, unerfahrener, leichtgläubig und mit körperlichen Mängeln behaftet waren und sich nicht wehren konnten.
Für ihn steht fest, dass er Bastian, Bast, oder Bastard, wie er zum Schluss von allen genannt wurde, seiner gerechten Strafe zuführen muss, denn er will das Ansehen und die Ehre der anderen wiederherstellen und achten.
Aber er will nicht aus Rache oder Vergeltung handeln, sondern nach gewissenhafter Prüfung der damaligen Lebensumstände das Urteil bestätigen, das er schon vor Beginn der Pilgerfahrt gefällt hat. Er will sich zurückerinnern an die Zeit, als sie zusammen aufwuchsen in ihrem Heimatdorf in der Eifel. Auch sein Leben wird er reflektieren, um zu verstehen, warum Bastard sich so entwickelt hat und schuldig geworden ist.
Mene, mene, tekel … gewogen und zu leicht befunden.
Er wird, nein er muss vollstrecken.
SpracheDeutsch
HerausgeberRhein-Mosel-Verlag
Erscheinungsdatum23. Juni 2023
ISBN9783898019378
Mit Erbsen in den Schuhen: Entscheidung auf dem Jakobsweg
Autor

Werner Lutz

Werner Lutz, geboren 1946 im Eifeldorf Faid, verheiratet, drei Kinder, Lehrer in Kaisersesch und an der Realschule plus Nachtsheim. Von 1994 bis 2009 Stadtbürgermeister in Kaisersesch.

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    Buchvorschau

    Mit Erbsen in den Schuhen - Werner Lutz

    Aufbruch

    Ich steige aus dem Taxi, greife den Rucksack aus dem geöffneten Kofferraum, zahle, gebe ein reichliches Trinkgeld und schaue mich um. Das »Gracias« des Fahrers höre ich schon nicht mehr, sehe aber den Wasserhahn an der Längsseite der schiefen Kapelle, die in einem kleinen Park, umgeben von einer kniehohen Mauer, steht. Er tropft noch immer. Wie letztes Jahr. Plötzlich schmecke ich das chlorhaltige Wasser wieder, das ich vor einem Jahr dort ausgezehrt und durstig getrunken hatte, ohne dass es mir Linderung verschuf.

    Hastig greife ich in die seitliche Netztasche meines Rucksacks, nehme eine der Wasserflaschen heraus und trinke fast süchtig. Kein prickelnder Geschmack. Typisch!, denke ich bei mir, hast gestern in Pamplona stilles Wasser, nicht »aqua con gas« gekauft. Fängt ja schon gut an!

    Ich werfe den Rucksack auf den Rücken, schnalle den Brustgurt fest und gehe los. In diesem Jahr ist der Rucksack leichter, wiegt keine acht Kilogramm. Nur zwei Wasserflaschen, ein halbes Baguette, Camembert, Pullover, Regenjacke, Handy, Geldbeutel und Wanderführer. Mehr nicht. Mehr braucht man für einen Tagesmarsch auch nicht.

    Ich verlasse über einen leicht ansteigenden Schotterweg das Dorf Zariquiegui, schaue nochmal zurück, sehe weit hinten im Frühdunst die Kathedrale von Pamplona, die arrondierenden Industriegebiete und die in die Landschaft eingestreuten Dörfer. Ich bin allein auf dem Weg, der sich durch von Steinmauern eingerahmten Feldern den Berg hinaufschlängelt. Vorne, genau an der Wegbiegung nach rechts, an dem blühenden Ginsterstrauch, ist die Stelle. Da bist du letztes Jahr umgekehrt. Bleib ruhig, setze Fuß vor Fuß, atme ruhig durch, schau weder links noch rechts. Dein Weg führt nur nach oben.

    Ich spüre, wie mein Herz sich mit einem Stechen in der linken Brust meldet, bilde mir ein, dass die Pulsfrequenz steigt. Bekomme ich etwa gleich einen leichten Schwindel? Nein, bekommst du nicht, sage ich mir. Geradeaus, los. Und du, mein Herz, hast keinen Grund, dich aufzuregen und schneller zu schlagen. Alles okay. Immer gleichmäßig weiterschlagen.

    »Ihre Blutwerte sind in Ordnung und die ganze Untersuchung zeigt, dass Sie nach der OP fit sind. Fit für den Jakobsweg. Starten Sie und gehen Sie los und nehmen Sie meine Sehnsucht mit.« Das waren die Worte des Kardiologen. Er hat recht, ich fühle mich richtig fit, habe das letzte Jahr täglich meine fünf, sechs Kilometer, dann zehn und am Schluss sogar zwanzig Kilometer gemacht. Habe für die nächsten achtundzwanzig Tage trainiert. Zuerst ebene, dann bergige und als Abschluss steile Wege. Habe alle ohne Erschöpfungserscheinungen gemeistert.

    Im letzten Jahr war es anders. Ich hatte mich mit Brustschmerzen den Berg nach Zariquiegui hinaufgequält, hatte mehrfach auf dem kurzen Stück gerastet, an der Kapelle das eklige Chlorwasser getrunken und war dann nach knapp einem Kilometer taumelnd mit heftigen Brustschmerzen an der Wegbiegung zu Boden gesunken. Wie lange ich dort lag, weiß ich nicht mehr, irgendwann wurde ich wach. Durch die Verschwommenheit meines Blickes erkannte ich den blühenden Ginsterstrauch, stand auf und hämmerte mir Sätze ein: »Du stirbst hier nicht, komm, du schaffst das. Geh zurück! Auf! Schritt für Schritt! Der Herrgott lässt dich nicht allein. Sprich mit deinem Herzen!« So angefeuert, schleppte ich mich zurück ins Dorf.

    In der Bar neben der Kirche rief ich ein Taxi, das mich zurück nach Pamplona brachte, wo ich mein Auto auf dem Parkplatz des Hotels »Don Carlos« für die Dauer von vier Wochen abgestellt hatte. Nach einer geruhsamen Nacht im Hotel fuhr ich innerhalb von drei Tagen zurück nach Hause. Ich weiß, das war riskant. Mein Kardiologe schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Aber ich fühlte mich wohl und dann hatte ich ja noch meine mutmachende Autotherapie. Der Rest ist schnell erzählt. Zwei Stents, neue Medikamente, kein Alkohol, Bewegung, viel Sport und noch mehr Bewegung. Dann war ich wieder fit.

    Und heute bin ich hier.

    Mit dem Flugzeug bin ich gestern in Bilbao gelandet, habe in Pamplona übernachtet und ein Taxi bis zur Kirche in Zariquiegui genommen. Nun biege ich den Weg nach rechts ab, schaue nicht an den Wegrand, wo ich vor einem Jahr zusammengesunken war, sondern behalte konsequent den Boden vor mir im Blick. Zähle bewusst die Grasbüschel auf der ausgedörrten Wegmitte, sehe die Reifenspuren in den ausgefahrenen Gleisen, den angeschwemmten Sand in den tieferen Furchen, in dem die Fußabdrücke anderer Pilger ihre Spur hinterlassen haben. Noch einen Schritt, noch fünf, nein du machst noch zwanzig, dann hebst du den Kopf und schaust auf.

    Ich atme tief durch, strecke die Arme in die Luft und rufe laut »Juchhe!« Die kritischste Stelle des Weges, nein des ganzen Pilgerweges, ist geschafft. Ich schaue nach oben und sehe vor dem blassen Himmel die aus Eisenblech gestanzten mannshohen Pilgerfiguren mit ihren Eseln auf der Höhe des Alto del Perdón.

    Nach einer halben Stunde stehe ich neben den verrosteten Figuren, die sich gebeugt unter der Last ihrer Rucksäcke gegen den Wind stemmen und Kurs auf Santiago nehmen. Pilger laufen auf dem abgeflachten Gipfel umher und fotografieren, andere verzehren ihre Brote und unterhalten sich laut. Ich stehe abseits und spreche mit mir und meinem Herzen: »Gut gemacht! Gut gemacht ihr zwei!« Ich habe die erste und schwerste Strecke hinter mich gebracht. Jetzt weiß ich, ich bin bereit. Bereit zu töten.

    Nun stehe ich vor dem geschlossenen Tor in der Umfassungsmauer zur Kapelle Santa Maria de Eunate. Zweimal hatte ich auf dem Weg hierher gelesen, dass dort dienstags, samstags und sonntags jeweils um 10 Uhr ein Gottesdienst stattfinde. Heute ist Dienstag. Aber das Tor zum Kirchenareal ist verschlossen und kein Mensch weit und breit zu sehen. Ich gehe um die etwa zwei Meter hohe stadtmauerähnliche Anlage herum, steige an der Hangseite der kleinen Senke nach oben und schaue in den Kirchhof, in dem der Achteckbau der Kapelle liegt. Wie die Matthias­kapelle auf dem Kobern-Gondorfer Berg an der Mosel, geht es mir durch den Kopf. In der Mitte des Baus erhebt sich der Turm mit Spitzdach und zwei freihängenden Glocken, drum herum der achteckige massige Kirchenbau, der wiederum von einer im Abstand von drei, vier Metern ebenfalls achteckigen offenen Bogenmauer umgeben ist. Um das Gebäude führt der in allen Pilgerbüchern beschriebene gepflasterte Fußpfad aus gewaschenen, hühnereigroßen Flusssteinen. Wer diesen dreimal barfuß abschreite, der fühle die Magie und Kraft dieses Ortes, heißt es. Seine innigsten Wünsche gingen in Erfüllung. Für mich eine wichtige Botschaft, ja Verheißung.

    Also muss ich in den Innenhof. Über die Mauer klettern? Zu hoch! Oder gibt es Vertiefungen in der Mauer, die ein Hochklettern ermöglichen? Ich gehe um die Anlage herum und begutachte jeden Meter des Mauerwerks. Nichts! Wie kommst du in den Innenhof? Beim Rundumblick erkenne ich an der Südseite der Mauer einen Haufen grober Steinbrocken. Als ob jemand absichtlich eine Übersteigungsmöglichkeit geschaffen hätte. Ich recke und strecke mich, kralle die Finger in die Mauerfugen, ziehe mich hoch, höre ein verdächtiges Reißen am rechten Knie und bin auf der etwa einen halben Meter breiten Mauerkrone. Ein Blick auf meine Hose sagt mir, dass heute Abend das Nähzeug zum Einsatz kommen wird, um den Riss in der Hose über dem Knie zu vernähen.

    Das Niveau des Innenhofes liegt höher als das äußere Kirchenumfeld. Ein Sprung bringt mich auf den Rasen des etwa zwei Meter tiefer liegenden Hofes.

    Ich ziehe die Schuhe aus und beginne langsam den Steinpfad um die Kapelle zu gehen. Ein spezieller Barfußpfad! Bedächtig schreite ich voran und spüre jeden Schritt unter meinen Fußsohlen. Fußsohlenreflex, denke ich bei mir und nehme wahr, wie sich ein stetiger Muskelreiz am Bein entlang hochzieht und schließlich über Becken und Wirbelsäule im Hirn landet. Ein Pfad mit der besten Therapie für Kopfschmerzen und Migräne. Aber ich brauche keine Kopfschmerz- und Migränetherapie, denn diese Leiden kenn ich nicht. Gott sei Dank! Noch nie hatte ich Kopfschmerzen, selbst nicht nach dem größten Besäufnis. Wann war das eigentlich? Ach ja, auf der Weinprobe in Mesenich nach dem Abitur. An was ich in so einem Moment denke! Weg damit! Meine Therapie ist die Konzentration auf das Wesentliche, ist das Bewusstsein schärfen für meine Vergeltung. Und das tue ich mit jedem Schritt.

    Viele Menschen gehen jährlich den Jakobsweg. Tausende, nein Zehn- und Hunderttausende sind es, die sich auf steinigen, schlammigen, felsigen, sumpfigen, staubigen, steilen, schmalen und abschüssigen Wegen nach Santiago de Compostela aufmachen. Sie quälen sich auf Straßen, die sich in der vor Hitze flimmernden Unendlichkeit des Horizontes verlieren, auf Pfaden, die sich den Berg hinauf in engen Serpentinen winden und in gefährlichem Geröll ins Tal führen. Sie laufen durch Regen, Schnee und pralle Sonne. Egal, ihr Kompass zeigt kontinuierlich nach Santiago.

    Was die Pilger schon seit Jahrhunderten bewegt, sind die gleichen Gründe wie heutzutage. Der eine geht den Weg aus Dankbarkeit, weil er selbst oder ein ihm nahestehender Mensch aus tiefer Not gerettet wurde, weil er eine tödliche Krankheit überstanden hat. Um Gott zu danken.

    Andere, weil sie Buße für ein Verbrechen, eine schwere Sünde oder irgendeine Schandtat tun wollen. Wieder andere, um sich in einer Lebenskrise selbst zu finden, weil ein neuer Lebensabschnitt beginnt – nicht zu vergessen diejenigen, weil es Mode und nach Hape Kerkelings Buchveröffentlichung »Ich bin dann mal weg« populär geworden ist.

    Aber es gibt auch solche, die in Hoffnung aufgebrochen sind, dass sich die Zukunft für sie zum Besseren wende, dass sie vielleicht eine Operation gut überstehen, eine belastende Lebenssituation sich ändere, kurz, dass ihr Leben besser und vielleicht auch sinnvoller werde.

    Und warum gehe ich?

    Keiner dieser Gründe trifft auf mich zu, denn ich gehe den Weg, weil ich für eine Tat, die ich nach dieser Pilgertour tun muss, im Vorfeld um Vergebung erbitte. Nein! Vergebung ist nicht das richtige Wort. Denn diese Tat muss getan werden. Es ist meine Pflicht.

    Absolution? Freisprechen von aller Schuld? Passt auch nicht. Wenn man seine Pflicht erfüllt, kann man nicht von Schuld sprechen. Vielleicht kann ich es mit Legitimation beschreiben. Die Legitimation, einen Menschen zu töten. Ihn zu töten, weil er es verdient hat. Ja ich habe die Legitimation!

    Weil du schuldig bist.

    Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, solch eine Entscheidung treffen zu müssen. Ja, müssen! Erst im Laufe der letzten Jahre gingen mir die Augen auf, wie du dich auf Kosten anderer lustig gemacht hast, sie der Lächerlichkeit preis gabst. Du hast nie ein schweres Verbrechen begangen, oh nein, dafür warst du zu clever. Nein, clever, das ist der falsche Begriff. Zu durchtrieben warst du. Weil niemand das, was du getan hast, als wirkliche Straftaten bezeichnen würde.

    Wenn man dich dessen bezichtigte, dann hast du immer geleugnet.

    Heute gibt es für dein Verhalten Begriffe wie »Mobben« oder »Stalken«. Egal, wie man es nennen mag, es ist die Summe deiner Taten, die die Waagschale nach unten sinken lassen.

    Immer erfasste mich eine innere Unruhe, wenn ich an dich dachte. An die Gemeinheiten, den Hohn, die lästernden Bemerkungen über die von dir Geschädigten. Da muss doch jemand …

    Die Entscheidung fiel schließlich beim Neujahrsempfang, als wir uns nach vielen Jahren wiedersahen.

    »Mene, mene, tekel, upharsim«, so heißt es in der Bibel. Gezählt hat Gott die Tage deiner Herrschaft und macht ihr ein Ende. »Gewogen und zu leicht befunden.«

    Wenn jemand in einem Raubmord einen anderen Menschen umbringt, dann explodiert seine Gewalttätigkeit, Menschenverachtung und seine Bosheit in dieser einen Tat. Er wird dafür verurteilt. Wenn aber jemand über Jahre hinweg seine Mitmenschen schlecht macht, die Leicht- und Gutgläubigkeit anderer schamlos zu seinem Vorteil ausnutzt, und wenn ihm diese Menschen nichts mehr nützen, er sie eiskalt abserviert, sie links liegen lässt, sie fertigmacht, verspottet oder sie dem Spott anderer aussetzt, sie wegen eines körperlichen oder geistigen Mangels verachtet und demütigt, dann summieren sich diese kleinen »Tatbestände«, um es einmal neutral zu sagen, zu einem enormen Schuldenberg.

    Den Begriff kennst du bestimmt aus deiner Bankertätigkeit.

    Du bist doch so spitzfindig. Ist der Mann, der seine Frau schlägt, schlechter und böser als der, der seine Frau verachtet und ein ganzes Jahr lang kein Wort mit ihr spricht? Beide sind Sadisten und schuldig zu sprechen. Nur der eine »macht sich die Hand schmutzig«, den anderen aber betrachtet man als ehrenwerten Ehemann. Du gehörst zu der zweiten Kategorie. Weil du gewieft bist. Oder dich zumindest für einen ganz Schlauen hältst. Das ist die viel gefährlichere Kategorie, weil sie so schlecht zu durchschauen und zu fassen ist.

    Immer wieder hast du es verstanden, dich aus der Verantwortung zu ziehen, hast geschickt Argumente für deine Entlastung gefunden, hast andere für dich den Kopf hinhalten lassen und sie zum Schluss auch noch verhöhnt. Umgeben hast du dich mit dummen, einfältigen Jasagern – meistens waren es jüngere – die keinen Arsch in der Hose hatten, dir zu widersprechen. Sie haben, wie du, sich auf die Schenkel geklatscht, wenn euer Opfer eine Bauchlandung gemacht hat. Auch hast du verstanden, dich in der Gruppe als harmlosen Mitläufer zu tarnen. Das konntest du gut, sehr gut sogar.

    War doch nur Spaß! Man darf doch wohl noch einen Witz machen. Machen andere doch auch! Ist doch nicht so schlimm.

    Ich kann dieses Wort »doch«, mit dem du alles verharmlosen willst, einfach nicht mehr hören. Es ist schlimm. Es ist sogar sehr schlimm.

    Du hast eine Spur von Leid und Schmerzen hinterlassen. Ich denke an Gertrud, deine Mitschülerin, ich trauere um Gaudetchen, sehe den von dir als Trottel verachteten Arthur mit blutigem Gesicht, den einfältigen Manni, den Tränen und Rotz weinenden Willi, und sehe auch mich, die »daaf Noss« und das »Schiefgesicht« so wie all die anderen, denen du auf diese Weise begegnet bist und die unter dir gelitten haben.

    Du wurdest gewogen und zu leicht befunden. Ich fühle mich verantwortlich für die vielen verletzten und auch gebrochenen Seelen und geschundenen Menschen. Du wirst das abwiegeln wie alles, was nach Schuld aussieht. Aber damit ist jetzt Schluss.

    Ich kann und werde auch nicht solche Entschuldigungen gelten lassen wie: »Der hatte es schwer, sein Vater ist im Krieg geblieben«, »Er wurde in keinem Verein geduldet«, »Er war Außenseiter, weil er intelligenter als die dumme Dorfjugend war.« Du allein bist für deine Taten verantwortlich, und ich werde dich zur Verantwortung ziehen.

    Du fragst dich vielleicht, warum gerade ich?

    Es ist einfacher als du denkst: Weil ich der Letzte bin, der übrig gebliebenen ist. Ich bin es allen anderen schuldig, denen du so viel Leid angetan hast. Darum werde ich dich töten. Und zum Schluss sehe ich deine Mutter, die auch dann noch einfältig in blinder Leichtgläubigkeit zu dir stand, als du sie eiskalt abserviert, ja geradezu entsorgt hast. Dabei hätte gerade sie es wissen müssen. Sie kannte dich am besten. Aber du hast sie – wie alle anderen – eingewickelt und betrogen. So dumm kann man wirklich nicht sein! Sie hat dich bei all deinen Schandtaten gedeckt, hat gejammert, wie schwer sie es hätte, hat gedroht und sogar zweimal einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um dich von jeder Schuld freizusprechen. Du solltest für alle der Musterknabe sein, der du in ihren Augen warst.

    Aber wie hast du sie behandelt?

    Weißt du noch, als du nach deiner dubiosen Bankerlaufbahn wieder bei uns im Dorf aufgetaucht bist? Hast in deinem Elternhaus eine Immobilienfirma aufgemacht. Aber wie bist du mit deiner Mutter verfahren? In den Hochkeller eures Hauses hast du sie verfrachtetet. Mit Zugang durch eine Tür im Garagentor. Der Blick aus dem Kellerfenster ließ sie nur die Beine der vorbeigehenden Personen sehen.

    Schöner Musterknabe!

    Aufgemacht

    Nun habe ich mich aufgemacht, noch einmal den Jakobsweg zu gehen. Aufgemacht, auch, um mir all die Begebenheiten, Erlebnisse und Geschehnisse wieder in Erinnerung zu rufen, die mich veranlasst haben, eine so wichtige Entscheidung zu treffen. In Ruhe über all das nachzudenken.

    Menschen, die meinen Lebensweg begleiteten, tauchen vor meinem inneren Auge auf, ich sehe ihre Gesichter und glaube ihre Stimmen zu hören. Empfinde noch einmal mit, wie sie sich freuten und lachten, und spüre gleichzeitig einen dumpfen Knoten im Bauch, wenn ich die Angst, die Demütigung und die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen sehe.

    Ich erinnere mich an Orte, die ich nie mehr in meinem Leben besucht habe. Sie schälen sich aus dem Nebel der Vergangenheit und nehmen Konturen an mit Farben und Gerüchen. Ja, oftmals sind es die Gerüche, die mich an Vergangenes erinnern. Der Teergeruch der Straße von Cochem an einem heißen Sommertag, der Duft von gepflügten Feldern, frischem Heu und gedroschenem Stroh. Und natürlich der Geruch von Sauerteig und frischem Brot aus Vaters Ofen. Ja, ich kann noch Weißbrot vom Roggenbrot durch den jeweils charakteristischen Geruch unterscheiden und die leichte Süße eines Streuselkuchens von dem fruchtigen Obstgeruch eines Apfelkuchens.

    Ich sehe die Farben der Orte, so die hundertfachen Nuancen des Grüns je nach Jahreszeit bei Roggen-, Gersten-, Weizen- und Haferfeldern, ich sehe die Wiesen im zarten Grün des Frühlings, sehe das Gelb des Grases im Sommer und den satten, grünbraunen Bewuchs im Herbst und Winter. Lehmige, steinige Erde an den Gleisen der eingefahrenen Ackerwege springen mir ins Auge. Ich erinnere mich, wie wir im grauen Matsch des Dorfbaches spielten und sehe die blauen Flecken an meinen Oberarmen und Beinen.

    Aber das sind nur die Hintergründe, das Panorama aus Gerüchen, Farben und Stimmen. Sie bilden den Rahmen all der Geschehnisse und Ereignisse. Aber sie gehören dazu, um zu verstehen, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Eine Entscheidung, die dich betrifft. Eine folgenschwere Entscheidung.

    Denn ich werde dich töten.

    Diese Zeilen wirst du nie lesen. Dazu sind sie nicht da. Sie sind für mich. Sie sollen meine Rechtfertigung enthalten. Dennoch soll das keine Anklageschrift sein, in der all deine Missetaten aufgelistet werden.

    Das wäre zu einseitig, nein, indem ich von wichtigen Episoden aus dem Leben in unserem Dorf in jener Zeit berichte, hoffe ich, ein annähernd umfassendes Bild zu beschreiben, das nicht chronologisch im zeitlichen Sinne sein wird. Aber es wird unweigerlich die Zusammenhänge aufdecken.

    Begegnungen, Erlebnisse, Orte und Personen auf dem Camino werden mich an die Geschehnisse jener Zeit erinnern und die Vergangenheit wieder in den Vordergrund treten lassen mit allem, was uns geprägt hat und was uns wichtig war.

    Ich will mir nicht vorwerfen, leichtsinnig, oberflächlich und nicht gründlich abgewogen und recherchiert zu haben. Vielmehr will ich vor mir selbst sagen können, dass mein Entschluss, schon ehe ich jetzt genau alles aufschreibe, richtig und begründet ist. Sich später vorwerfen zu müssen, die Tatsachen so dargestellt zu haben, dass sie meine Entscheidung rechtfertigen, wäre ein vernichtendes Urteil für mich als Ankläger und Vollstrecker. Nein!

    Ich frage mich oft, warum du so geworden bist, was dich veranlasst hat, so aus der Normalität eines Kindes und später eines Erwachsenen auszuscheren. Du hast doch genauso wie ich und all die anderen – älter oder jünger als du – die gleichen Dinge erlebt, hast dieselbe Volksschule besucht – okay, später warst du – wie ich – auf dem Gymnasium. Aber du bist mit uns im Dorf aufgewachsen, hast die gleichen Menschen gekannt, die dörflichen Strukturen erfahren, hattest Zugang zu allen Vereinen, kanntest alle Menschen im Dorf. Gut, du warst vielleicht dadurch anders, dass du ohne Vater aufgewachsen bist. Aber nicht nur du hast den Vater im Krieg verloren. Denk an Paul, Franz und Hedwig. Auch die waren Halbwaisen. Oder erinnere dich an Hannelore und Brigitte, die bei ihren Tanten aufwuchsen, weil sie beide Elternteile verloren haben. Aus ihnen allen sind anständige, rechtschaffene Menschen geworden.

    Warum nur bist du so gemein geworden? Sag nicht, wir hätten dich ausgeschlossen. Im Gegenteil, du warst überall – vielleicht nicht überall – aber in vielen Dingen besser als wir, was uns irgendwie Bewunderung abverlangte. Aber du hast es uns allzu deutlich merken lassen, wie überlegen du dich fühlst. Dein Hohn, deine Arroganz und Überheblichkeit waren verletzend und demütigend.

    Warum hast du immer – ja, ich sage ausdrücklich immer – eine beleidigende Bemerkung gemacht, wenn einer von uns Pech hatte? Eine schlechte Note mit nach Hause brachte, sich beim Sport oder Spiel verletzte, aus irgendeinem Grunde von Lehrern, Eltern oder dem Pastor bestraft worden war. Du hast dich stets über die Schwächen anderer lustig gemacht.

    Klar, wer konnte so gut Fußballspielen wie du, wer brachte bessere Noten nach Hause, wer hatte mehr Taschengeld als du? Und für wen schwärmten die Mädchen – allerdings nur anfangs – mehr als für dich?

    Du hast die Schwachen als »Delbes«, »daaf Noss«, »Schiefgesicht« und als »Brandblase« bezeichnet, hast sie »Trottel«, »Doofe«, »Schlafmütze« und »Bekloppte« genannt. Ja, du warst gut im Erfinden von Spottnamen. Dabei meine ich nicht die harmlosen Spötteleien, sondern hauptsächlich die verletzenden, tiefgehenden. Du hast über uns alle gelästert, uns öffentlich bloßgestellt und dann hämisch gelacht. Wurdest du zur Rede gestellt, dann kam jedesmal die Bemerkung: »Man darf doch mal ein Späßchen machen.«

    Ich sage dir hier und heute: Der Spaß ist aus! Du wurdest gewogen und zu leicht befunden.

    Gertrud

    Ich weiß es noch wie heute, damals war ich zwölf und in der Quarta.

    Es war ein heißer Sommertag in den Ferien. Wir hatten uns auf dem Sportplatz getroffen, um für die Dorfolympiade zu trainieren. Die Dorfolympiade war von der damals schon in Auflösung befindlichen Pfadfindergruppe für den nächsten Sonntag angekündigt worden. Es sollte im traditionellen Dreikampf entschieden werden. Weitsprung, Weitwurf, Einhundertmeterlauf. Zusätzliche Disziplinen waren Pflastersteinstoßen, Staffellauf auf der Teerstraße entlang des Fichtenwaldes nach Cochem sowie Speerwerfen mit einem Haselnussstab. Als Preise gab es kleine Milkaschokoladen von Pastor Graf und dazu selbstgebastelte Medaillen. Die damals neu aufgekommenen Kronenverschlüsse von Bierflaschen waren gefärbt und im Laufe der Woche in Gold-, Silber- oder Bronzemedaillen verwandelt worden.

    Meine Freunde Klaus, Paul, Heinz sowie Hans Peter und ich hatten Weitsprung geübt und lagen nun träge auf der südlichen Böschung des Sportplatzes, oder wie wir sagten, auf dem »Remmel«, in der Sonne. Diese 1,50 Meter hohe Böschung war bei Fußballspielen der beste Zuschauerplatz und bestand aus Bretzgestein, das mit verstreut wachsendem Heidekraut und Waldbeersträuchern, die nie eine Frucht trugen, bewachsen war. Mit unseren Ergebnissen war keiner zufrieden. »Es war zu heiß heute, um zu springen«, meinte Hans Peter, als wir hinter den Bäumen ein Martinshorn hörten. Die Bäume gehörten zu einem etwa zweihundert Meter tiefen Waldstück der Gemarkung Brauheck, wo seit diesem Frühjahr Raupen und Bagger Erdarbeiten durchführten für die neu entstehende Bundeswehrsiedlung. Mitten durch das Waldstück führte die geschotterte Straße nach Dohr.

    »Da ist was passiert«, sagte Heinz, der sich aufgerichtet hatte.

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