Selbstbestimmung zwischen Wunsch und Illusion: Eine psychoanalytische Sicht
Von Martin Teising
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Buchvorschau
Selbstbestimmung zwischen Wunsch und Illusion - Martin Teising
Vorwort zur Reihe
Zielsetzung von PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, alle psychotherapeutisch Interessierten, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen und wichtigen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und neue Konzepte vorstellen: theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich.
Die Psychoanalyse hat nicht nur historisch beeindruckende Modellvorstellungen für das Verständnis und die psychotherapeutische Behandlung von Patienten hervorgebracht. In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen hinzugekommen, die klassische Konzepte erweitern, ergänzen und für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen. Psychodynamisch denken und handeln ist mehr und mehr in verschiedensten Berufsfeldern gefordert, nicht nur in den klassischen psychotherapeutischen Angeboten. Mit einer schlanken Handreichung von 60 bis 70 Seiten je Band kann sich der Leser schnell und kompetent zu den unterschiedlichen Themen auf den Stand bringen.
Themenschwerpunkte sind unter anderem:
–Kernbegriffe und Konzepte wie zum Beispiel therapeutische Haltung und therapeutische Beziehung, Widerstand und Abwehr, Interventionsformen, Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung, Trauma, Mitgefühl und Achtsamkeit, Autonomie und Selbstbestimmung, Bindung.
–Neuere und integrative Konzepte und Behandlungsansätze wie zum Beispiel Übertragungsfokussierte Psychotherapie, Schematherapie, Mentalisierungsbasierte Therapie, Traumatherapie, internetbasierte Therapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze.
–Störungsbezogene Behandlungsansätze wie zum Beispiel Dissoziation und Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen bei Männern, autistische Störungen, ADHS bei Frauen.
–Lösungen für Problemsituationen in Behandlungen wie zum Beispiel bei Beginn und Ende der Therapie, suizidalen Gefährdungen, Schweigen, Verweigern, Agieren, Therapieabbrüchen; Kunst als therapeutisches Medium, Symbolisierung und Kreativität, Umgang mit Grenzen.
–Arbeitsfelder jenseits klassischer Settings wie zum Beispiel Supervision, psychodynamische Beratung, Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten, Psychotherapie im Alter, die Arbeit mit Angehörigen, Eltern, Gruppen, Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychotherapie.
–Berufsbild, Effektivität, Evaluation wie zum Beispiel zentrale Wirkprinzipien psychodynamischer Therapie, psychotherapeutische Identität, Psychotherapieforschung.
Alle Themen werden von ausgewiesenen Expertinnen und Experten bearbeitet. Die Bände enthalten Fallbeispiele und konkrete Umsetzungen für psychodynamisches Arbeiten. Ziel ist es, auch jenseits des therapeutischen Schulendenkens psychodynamische Konzepte verstehbar zu machen, deren Wirkprinzipien und Praxisfelder aufzuzeigen und damit für alle Therapeutinnen und Therapeuten eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, die den Dialog befördern kann.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Vorwort zum Band
Selbstbestimmung stellt in einer aufgeklärten Gesellschaft einen fundamentalen Wert dar, bildet sie doch die Basis demokratischer Entscheidungsprozesse und bietet dem Einzelnen jenen Handlungsspielraum, in dem er sein Leben in Beziehung zu anderen auszugestalten vermag. Selbstbestimmung hat auch Grenzen, die durch den Körper selbst, durch Entwicklungs- und Alterungsprozesse und durch Territorialität und soziale Institutionen definiert werden. So gibt es zwischen Menschen eine »abhängige Bezogenheit« und notwendige Fremdbestimmungen, die letztlich zu einer wechselseitigen Balance in einem »intermediären Übergangsraum« Anlass geben.
Martin Teising lädt uns zu einem gedanklichen Streifzug durch das Thema ein; ein Kaleidoskop von kulturwissenschaftlichen, psychodynamischen und aus dem Alltag destillierten Einzelheiten tut sich vor uns auf. Bausteine fügen sich zu einem Ganzen, das den Tenor trägt: Selbstbestimmung ist wichtig, darf aber nicht zum Fetisch werden und in Egozentrismus und Gleichgültigkeit gegenüber dem »Du« ausarten. Teising zeigt auf, wie sehr uns die Dialektik von Macht und Ohnmacht einholt: Während wir nach Autonomie streben, werden unsere Bedingtheiten und Abhängigkeiten immer größer.
Nach einem entwicklungspsychologischen Blick auf Selbst- und Fremdbestimmung werden geschlechtsspezifische Differenzen herausgearbeitet. Abschied und die Beziehung zu Autorität werden erörtert. Auch ein wichtiger Kommentar zu Selbstbestimmung und Suizidalität bereichert die Abhandlung. Schließlich werden die Arzt-Patienten-Beziehung und die therapeutische Beziehung in der Psychoanalyse in den Fokus genommen.
Ein Buch, das nachdenklich macht und einen aber gerade dadurch befreit, dass es nicht allein Fakten mitteilt, die als Evidenzen unwidersprochen bleiben müssen, sondern Standpunkte teilen – oder eben nicht teilen – lässt!
Inge Seiffge-Krenke und Franz Resch
1Einleitung
Für Angehörige westlicher Gesellschaften ist es selbstverständlich geworden, dass jeder Mensch in existenziellen Fragen möglichst weitreichend über sich selbst verfügen können sollte. Diese Entwicklung wird als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet. Freiheitsberaubung mit Einschränkung der individuellen Selbstbestimmung ist ein Straftatbestand, Freiheitsentzug dient als Strafe.
Der Einzelne hat sich in der westlichen Welt im Rahmen immer weiter fortschreitender Individualisierung in den letzten Jahrzehnten von vielen herkömmlichen gesellschaftlichen Zwängen und Normen, insbesondere von denen, die das familiäre Umfeld früher vorgab, befreien können. Die Überwindung von Abhängigkeit und die Entwicklung zur Selbstständigkeit gelten als allgemeingültige Entwicklungsziele eines jeden Individuums. Die Auflösung von Bindungen, die als einengend empfunden werden, wird als Befreiung gewertet. Die Selbstbestimmung des Einzelnen in persönlichen existenziellen Dingen hat sich zum höchsten ethischen Wert entwickelt. Diese Entwicklung kommt zum Ausdruck bei individuell zu entscheidenden Fragen der sexuellen Orientierung, manche fordern sie auch hinsichtlich sexueller Identität, der Berufswahl, der Religion, der Form zwischenmenschlichen Zusammenlebens, ja selbst bei der Gestaltung des unausweichlichen eigenen Todes. Die »Autonomie des Individuums« ist zu einem Schlagwort geworden. Der Begriff »Autonomie« bedeutet dem Wortsinne nach »Selbst-Gesetzgebung« (von »auto« und »nomos«). Da diese Bedeutung aber meist gar nicht gemeint ist, sprechen wir hier von der Selbstbestimmung des Einzelnen.
Menschen in postindustriell-zivilisierten Gesellschaften unterliegen, wie in allen Zeiten zuvor, aber ebenso vielfältigen Naturgesetzen wie herkömmlichen und neuartigen gesellschaftlichen Einflüssen, die in sie eindringen und von ihnen selbst mit produziert werden. Die Behauptung eines autonomen Individuums unter Negierung seiner Abhängigkeit verschleiert sein gleichzeitiges Beherrschtsein, intrapsychisch durch das Unbewusste, gesellschaftlich vor allem durch die Gesetze des Marktes in sich wandelndem Gewand. Das hat Bazon Brock (2016) treffend formuliert: »Es gibt so viele Faktoren, von denen man heute als Lebender abhängig ist, dass von Freiheit und Autonomie der Entscheidung überhaupt keine Rede mehr sein kann.«
Ethische Maßstäbe, Gesetzgebung, Richtlinien und Leitbilder orientieren sich hingegen ausschließlich an der Selbstbestimmung des Individuums und immer weniger an mitmenschlicher Verantwortung und Solidarität.
Zwischenmenschliche Solidarität auf der Basis der für den Menschen charakteristischen Fähigkeit, sich in den Anderen einfühlen zu können, verliert als ethischer Wert zunehmend an Bedeutung. Das Angewiesensein auf den Anderen wird reflexhaft mit hilfloser Abhängigkeit assoziiert. Fundamentale Dimensionen menschlichen Daseins werden damit verleugnet, das menschliche Beziehungs- und Bindungsbedürfnis entwertet.
Die Psychoanalyse zeigt,
